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DIE ENTSCHEIDUNG

Frankfurt 1914

Immer mehr Familien mussten den Tod von Ehemännern, Söhnen und Brüdern bekannt geben. Gleichzeitig kam es zu der ersten Verknappung von Papier. So konnte die Traueranzeige für den am 11. Oktober gefallenen Kanonier Otto Wilhelm Samuel Sternberg erst zwei Monate später im Frankfurter »General-Anzeiger« erscheinen. Drei Tage danach wurde sie in der »Frankfurter Zeitung« veröffentlicht. Obwohl es im ersten Kriegsjahr noch durchaus üblich war, konnte sich Johann Isidor nicht entschließen, die ihm von der Inseratenabteilung des »General-Anzeigers« vorgeschlagene Zeile »Gottes Wille ist geschehen…« über den Text setzen zu lassen. Er begnügte sich mit dem zeitgemäßen Bekenntnis deutscher Patrioten zu Wilhelm II. Im »General-Anzeiger« stand Ottos Nekrolog zwischen zwei Anzeigen, in denen der Tod von Unteroffizieren beklagt wurde, die ihr junges Leben ebenfalls bei Ypern gelassen hatten. Auch in der »Frankfurter Zeitung« wurde die Traueranzeige der Sternbergs repräsentativ platziert – neben der eines stadtbekannten Professors der Universität, der allerdings fünfzigjährig in seiner Heimatstadt ein wenig glanzlos an den Folgen eines Fahrradsturzes gestorben war.

Mit den Worten »Er fiel auf dem Feld der Ehre als treuer deutscher Sohn für seinen geliebten Kaiser und sein geliebtes Vaterland« wurde der achtzehnjährige Otto aus einem Leben voller Rätsel verabschiedet, für deren Lösung ihm nicht die Zeit geblieben war. Unterschrieben war die Anzeige von seinen »liebenden Eltern Johann Isidor Sternberg und Frau Betsy geborene Strauß«, die der Leserschaft versicherten, ihr unvergessener Sohn würde auf immer »lebendig in ihren Herzen« bleiben. Die drei »dankbaren Geschwister« wurden namentlich genannt.

»Dankbar wofür?«, fragte Erwin. »Dass eine einzige Sekunde gereicht hat, ihn auf immer tot zu machen? Oder dass er so blöd war, sich freiwillig zu melden?«

Die Trauerstimmung im Haus verwehrte es dem Vater, den Sohn, der nun sein Stammhalter war und dessen Realitätsbewusstsein und Spitzfindigkeit ihn künftig noch mehr irritieren sollten, als es Ottos Phantastereien und Absenzen getan hatten, zu maßregeln. Ohnehin waren Johann Isidor und Betsy über den Anlass von Ottos Tod hinaus bestürzt. Sowohl der Setzer beim »General-Anzeiger« als auch der von der »Frankfurter Zeitung« hatten ohne Rückfrage mit den Auftraggebern hinter Ottos Namen das in Todesanzeigen gängige Kreuz gestellt. Bei den jüdischen Lesern hätte diese Gepflogenheit der bürgerlichen Trauerriten den Eindruck erwecken können, Otto – eventuell sogar die gesamte Familie Sternberg – wäre zum Christentum konvertiert.

Schon aus diesem Grund nahm sich Johann Isidor vor, am nächsten Freitagabend in die Synagoge in der Friedberger Anlage zu gehen, um für seinen erstgeborenen Sohn das traditionelle Totengebet zu sprechen. Zu seinem Erstaunen tat er dies, was sonst in assimilierten Familien kein selbstverständlicher Brauch ist, ein ganzes Jahr lang. Trotzdem sprachen ihn mehrere Männer – sowohl in der Synagoge als auch im Postkartenverlag und in der Bank – noch nach Wochen auf das Kreuz in der Traueranzeige an. Selbst Doktor Meyerbeer, der jetzt Betsys Zustand wegen öfters in die Rothschildallee kam, machte eine unpassende Bemerkung.

Von beiden Zeitungen wurden je zwei Kopien beschafft – eine für das Familienlogbuch mit dem feinen Goldschnitt, das die belesene Frau des Hauses seit der Begegnung mit Thomas Manns »Buddenbrooks« nun schon vier Jahre lang führte. Sie gewährte nur ihrem Mann Einsicht und wäre nie auf den Gedanken gekommen, dass die Zwillinge jedes Wort der Chronik gelesen hatten. Die zweite Anzeige wurde für den Rundbrief an die Verwandtschaft mit der Bitte um Weiterleitung auf ein cremefarbenes Stück Büttenpapier geklebt. »Ich hab keine Kojech, es der gesamten Mischpoche einzeln mitzuteilen«, erklärte Johann Isidor seiner Frau. Dieser eine Satz und noch mehr der Umstand, dass er bei der Sprache seines Vaters Zuflucht nahm, was er sonst nur in Momenten höchster Erregung tat, waren der einzige Hinweis auf seinen wahren Seelenzustand. Johann Isidor Sternberg, der seit dem Tag der Mobilmachung und der Balkonrede seines Kaisers für den Sieg der deutschen Sache gebetet und der gefleht hatte, man möge es auch ihm gewähren, den süßen Tod fürs Vaterland zu sterben, haderte mit dem Schicksal.

»Ich hatte nicht einmal richtig Zeit, um meinen Jungen kennenzulernen«, seufzte er am Abend desselben Tages, als er das Licht seiner Nachttischlampe löschte und in einem unbewachten Augenblick eine winzige Kammer seines Herzens öffnete.

»Nur achtzehn Jahre«, erwiderte Betsy. Im Schutz der Dunkelheit nahm sie Revanche für die großen Männerworte in ihrer Ehe. Nie würde Johann Isidor erfahren, dass seine Frau, die ihm auf immer Gehorsam und Gefolgschaft geschworen hatte, jede Nacht um eine Tochter betete – eine Tochter, von der niemand erwartete, dass sie mit drei Jahren Zinnsoldaten über das Parkett marschieren und mit achtzehn ihr Leben auf dem Feld der Ehre ließ.

Eine Traueranzeige durfte Victoria behalten. Jettchen klebte sie auf ein Stück Pappe; in Blockbuchstaben schrieb sie »Unserem unvergessenen Otto«, den Namen der Zeitung und das Erscheinungsdatum unter den Ausschnitt. Ihre Großnichte verzierte das Werk mit einem Magen David in roter und Zeichnungen von zwei Chanukkaleuchtern in grüner Tusche. Die Collage stellte sie zu Füßen des Puppenjungen in feldgrauer Uniform. Der war eigens zur Bewachung der kostbaren Devotionalie aus der Verbannung heimgeholt worden. Beim Eintreffen der Todesnachricht war er in Ungnade gefallen und in einen grünen Beutel gestopft worden, der noch ein halbes Jahr zuvor für die Aufbewahrung von Ottos Turnzeug gedient hatte.

Victoria war begeistert gewesen, ihren Namen in der Zeitung zu sehen. Als ihr Vater ihr die Anzeige zeigte, vergaß sie für einen peinlichen Moment, in dem ihre Mutter gleichzeitig vorwurfsvoll den Kopf schüttelte und die Hände wrang, dass im Hause Sternberg nicht mehr gelacht wurde. Sie machte gar einen kleinen Freudensprung, hätte um ein Haar im Esszimmer den Stuhl des Familienoberhauptes umgerissen und gebrauchte ein unpassendes Wort, das sie erst am Vortag vom zwölfjährigen Bruder ihrer Schulfreundin Mariechen gelernt hatte.

Erst am Tag darauf, durch eine Bemerkung von Erwin, wurde Victoria klar, dass ihr geliebtes Tantchen nicht in der Anzeige erwähnt worden war. Jettchen saß im Schaukelstuhl am Fenster, ein aufgeschlagenes Buch auf ihrem Schoß. Victoria berührte ihren Kopf so behutsam und zärtlich, als wüsste sie um die Zerbrechlichkeit einer alten Frau, die nicht weiter als bis zum Abend zu schauen wagt. »Du wirst«, seufzte die sechsjährige Trösterin, »nie in der Zeitung stehen. Du hast ja nur Töchter, und Mädchen können nicht im Krieg sterben.«

»Sie haben mich sterben lassen«, sagte Jettchen. Sie war so aufgewühlt, dass ihre Haut brannte wie in ihren Mädchentagen. Bilder voller Schmerz rasten auf sie zu. Die zierlichen, liebenswürdigen Töchter mit spitzenbesetzten Schürzen und Schleifen in der Farbe ihrer Augen liefen mit einem Strauß Gänseblümchen auf die Mutter zu, doch drehten sie in dem Moment ab, da Jettchen ihre Arme ausbreitete. »Nein«, flüsterte sie und wehrte die Bedrängnis der Erinnerungen mit Händen ab, die nicht mehr zuzugreifen verstanden, »nicht noch einmal.«

»Otto«, kreischte der Papagei. Er hackte mit dem Schnabel an die Stäbe seines Käfigs.

Jettchen begann zu weinen, doch ihre Güte ließ die Trauer nicht zu. Sie rieb die Tränen aus ihren Augen, als sie Victorias erschrockenes Gesicht sah. Die Sechsjährige spürte als Einzige, wie sehr sich ihre geliebte Tante vom Familienleben ausgeschlossen fühlte, seitdem Trauer das Haus Sternberg regierte. »Du darfst nicht weinen«, beruhigte sie Victoria, »du hast ja mich. Und Otto«, fügte sie hinzu. Sie war verwirrt, als sie den Namen aussprach, den jeder im Haus zu nennen vermied, und deutete erschrocken auf den Papagei. »Der«, sagte das Kind. »Ich hab doch nur ihn gemeint.«

An diesem Tag beschloss Jettchen, ihren zwei Töchtern nur das zukommen zu lassen, wozu sie vom Gesetz verpflichtet war, und das übrige, beträchtliche Vermögen ihrer Großnichte Victoria Sternberg zu vermachen. »Hat dein Papa einen Notar?«, fragte Jettchen, denn sie war trotz ihrer Jahre und der Enttäuschungen, die ihr Herz zerrissen hatten, eine resolute Frau, die nicht zögerte, wenn es galt, einen Entschluss in die Tat umzusetzen. »Hat dein Papa denn keinen Notar?«, wiederholte sie.

»Er ist doch immer erkältet«, wunderte sich Victoria. »Ich glaube, deshalb darf er auch nicht Soldat werden. Warum lachst du denn?«

»Ohne dich und Josephas Kartoffeln aus Nauheim«, begriff Jettchen, »wäre das Leben doch keinen Pfifferling wert. Komm, wir zwei beiden Hübschen gehen in die Stadt und verjubeln unseren letzten Groschen.«

»Dürfen wir denn das?«

»Ich kenne ganz andere Leute, die das tun.«

Zum ersten Mal seit dem Eintreffen der Todesbotschaft zogen Tante und Nichte ihre Ausgehkleider an. Bei der einen wippten eine moosgrüne Samtpelerine und die schwarz schillernde Hutfeder aus dem Salon der bekanntesten Darmstädter Putzmacherin, bei der anderen der Lodenmantel – erst in der Vorwoche von der geschickten Mutter mit einem Stück eines weinroten Plaids an den Ärmeln und am Saum verlängert. Sie tauchten, wie im Baden-Badener Märchensommer, in eine Welt ein, die weder die Beschwernisse des Alters noch den erhobenen Zeigefinger für die Jungen kannte, keine Tränen von Frauen in nachtschwarzen Blusen und nicht den Tod derer, die das Banner der Hoffnung in die Schützengräben getragen hatten.

Schon auf der Höhenstraße, beim Blick zurück die letzten der blütenfrohen Geranien auf dem eigenen Balkon noch in Sicht, begann der Zauber zu wirken. Jettchen, die in ihrer Jugend keine Darmstädter Premiere ausgelassen hatte, summte die Melodie von »Schenkt man sich Rosen in Tirol« aus dem »Vogelhändler«; sie erinnerte sich Wort für Wort an die Texte der Lieder und erzählte ihrer aufmerksam lauschenden Nichte, die bisher nur mit dem deutschen Märchenschatz und mit erbaulichen Bibelgeschichten ernährt worden war, wie die Christl von der Post um ein Haar den falschen Kurfürsten geheiratet hätte. Die fröhliche Chronistin war so hingerissen von den Bildern und Melodien, die sie in ihrem Gedächtnis entdeckte, dass sie um ein Haar wieder geweint hätte.

»Du kannst dir nicht vorstellen, wie glücklich ich damals war. Das Hoftheater war eine Pracht. In Darmstadt verstand man zu leben. Unser Ernst Ludwig hat ja eine Enkelin von Königin Victoria geheiratet.«

»Das hat Otto auf meinen Blumentopf geschrieben, doch der ist vom Balkon gesprungen. Ganz viel früher war das, als ich noch klein war.«

»Lass das nur nicht deine Mutter hören, mein Kind. Ihr fehlt es in den entscheidenden Dingen an Phantasie.«

»Dir auch?«

»Ach Vickylein, wenn man alt wird, fehlt es einem eher am Verstand.«

Im Schlenderschritt spazierten sie die Berger Straße hinunter. Einige Geschäfte waren weihnachtlich geschmückt, nicht wie im Vorjahr mit bunten Kugeln, Lebkuchenkringeln und putzigen Holzengeln aus dem Erzgebirge, sondern nur mit vereinzelten Tannenzweigen, gerahmten Bildern aus alter Zeit und Puppenhäusern, in denen es immer Väter, Söhne und Brüder gab. Und einen Napfkuchen auf dem Tisch. Am Merianplatz kicherten sich Tante und Nichte vor einer Bäckerei die Kehle rau. Im Schaufenster thronte einsam ein Zweipfundbrot aus Pappmaché. Es hatte einen Bart aus Watte, stand aufrecht auf einer kleinen Kiste und war mit einem dreieckigen Hut aus Zeitungspapier ausgestattet, in den der Bäcker mit dem Galgenhumor der Zeitbewussten einen Tannenzweig gesteckt hatte. Von dem baumelte die Nachbildung einer Granate.

Langsam wie Schulmädchen, die auf dem Nachhauseweg trödelten, weil die Pünktlichen immer den Mittagstisch zu decken hatten, spazierten sie durch die weitläufige Friedberger Anlage. Selbst im Weihnachtsmonat lungerte noch der Altweibersommer herum. Es gab Bäume mit einer Krone aus vergilbten Blättern, Gänseblümchen wuchsen auf dem Rasen. Eichhörnchen mit flammend roten Schwänzen bereiteten sich fröhlich auf die Entbehrungen des Winters vor. Kleine Jungen, die von nichts wussten, spielten Klicker und stritten sich mit hohen Stimmen, ob ein einfacher Tagessieg denn Ruhm auf Lebenszeit bedeutete oder nur eine gewonnene Schlacht. Griesgrämige alte Männer, die Zukunft ahnten, saßen fröstelnd auf den Bänken und zogen schweigend an Zigarettenstummeln.

Abwechselnd an einem Hefestückchen knabbernd, das mit Sacharin und einer Mischung aus Vollkornmehl und gemahlenen Hülsenfrüchten gebacken und dünn mit Kunsthonig bestrichen war und trotzdem die Seligkeit der satten Zeiten auf die Zunge zauberte, gelangten die Lebensschwänzer auf Zeit zur Konstabler Wache. Dort sahen sie zum ersten Mal wachsgesichtige Feldgraue mit Kopfverbänden und grob gezimmerten Krücken. Im »General-Anzeiger« hatte gestanden, die Verwundeten würden schnelle Genesung in den vielen Lazaretten finden, die seit Kriegsausbruch in Frankfurt eingerichtet worden waren, und es dränge sie sehr, wieder zu ihren Kameraden an die Front zurückzukehren. Die Soldaten standen rauchend vor einem Karren, in dem ein heißes Getränk verkauft wurde. Die Feindeskugeln hatten ihnen Aufschub vom Sterben gewährt, doch ihre Augen waren schon tot.

»Die armen Kerle«, schauderte Jettchen, »so jung und schon gezeichnet. Für immer und ewig.«

»Hat Otto auch einen Verband um seinen Kopf gehabt?«

»Ich glaube nicht. Bei den meisten geht es ganz schnell.«

»Ich mag den Krieg nicht«, raunte Victoria verschwörerisch und schloss die Augen. »Aber unsere Lehrerin hat gesagt, dass sie uns den Mund mit Seife auswäscht und dass uns der Teufel holt, wenn wir so etwas Böses sagen.«

»Wo will die denn die Seife hernehmen? Die ist ja jetzt schon knapp.«

»Fräulein Schäfer ist doch eine Hexe aus Frankreich«, rief Victoria furchtlos. »Sie ist eine Spionin und hat vergiftete Zähne. Das weiß doch jeder.«

Sie hüpfte kurz in den Himmel und sofort wieder zurück. Der alte Lodenmantel mit dem neuen weinroten Saum wirbelte um ihre Beine. Die kühne Springerin hatte leichtes Spiel gehabt, die mütterliche Erlaubnis für einen Stadtbesuch an einem ganz gewöhnlichen Donnerstag zu erlangen. Seit Ottos Tod fragte Betsy ihre Kinder nur noch selten nach den Schulaufgaben und nach der Zeit der beabsichtigten Rückkehr von ihren Unternehmungen. Auch bestand sie weniger energisch als im Herbst früherer Jahre auf Lebertran und dem morgendlichen Gurgeln mit Salzwasser, auf den verhassten langen Wollstrümpfen und der verpönten Unterwäsche aus juckender Wolle. Besonders an den Tagen, da ihre Kinder sie schon seufzen hörten, ehe sie sich an den Frühstückstisch setzte, und der Vater früh aus dem Haus gegangen war, ließ die Mutter die Zügel schleifen. Es war, als hätte sie niemals auf Prinzipien und Disziplin beharrt, als wäre sie nie energisch und streng gewesen und immer zum Nachgeben bereit. Diskutierte diese Mutter mit den geröteten Augen, die nachts einen nicht fertig gestrickten grauen Schal aus der Schublade holte und an ihren Hals drückte, mit Erwin oder las sie Clara die Leviten, fanden die Gespräche oft ein abruptes Ende. Das machte alle Beteiligten verlegen. Dann kam es vor, dass sich Betsy an die Stirn griff und immer häufiger an die Brust und dass sie fragte: »Wozu auch?« Oder sie sagte mit einer Stimme, die nicht zu ihr zu gehören schien: »Meinetwegen« und: »Von mir aus« – alles Begriffe, die zuvor nicht in ihrem präzisen Wortschatz gestanden hatten. Selbst ihre Jüngste, der sie abends noch immer Geschichten von fleißigen Heinzelmännchen und artigen Glückskäfern vorlas, die fröhliche Sommerfeste mit bunten Lampions feierten, registrierte die Veränderungen des mütterlichen Gemüts. Sie sah auch, dass der Körper der Mutter anschwoll und dass die sich oft wie eine alte Frau bewegte, doch sie wagte noch nicht einmal Jettchen oder Josepha nach dem Grund zu fragen. Trotzdem lernte die Sechsjährige rasch, die Möglichkeiten der neuen Situation zu nutzen.

Auch an diesem nie mehr zu vergessenen Nachmittag hatte die flexible Taktikerin nicht gezögert, sich aus dem Füllhorn zu bedienen, das Fortuna denen entgegenhält, die den Augenblick der Entscheidung zu ehren wissen. Zärtlich wie ein Krabbelkind und mit dem Lächeln des Unschuldsengels, der sie nicht mehr war, seitdem sie den Glauben an die Wunderkraft der Tränenden Herzen verloren hatte, hatte sie ihre Arme um den Hals der Mutter geschlungen. Große Tochterliebe hatte ihr Victoria beteuert, und zum Abschied hatte sie ihr einen schmatzenden Kuss auf die Stirn gedrückt. Bereits im Treppenhaus – zwischen dem ersten Stock und dem Parterre – hatte das schlaue Füchschen das fügsame Tantchen, das nicht beizeiten gelernt hatte, bittenden Kinderaugen zu widerstehen, über ihren ungewöhnlichen Wunsch aufgeklärt.

In der Töngesgasse stand in einem Geschäft für Kunst und gehobenen Schulbedarf, das noch einen ansehnlichen Vorrat an solider Vorkriegsware bot, seit drei Wochen ein auffallend prächtiger Griffelkasten im Schaufenster. Selbst eine Mutter, die weder den Groschen ehrte noch die seit Seneca gültigen Erkenntnisse der Pädagogik, hätte ihren Kopf geschüttelt, wenn ihr Kind die Hand nach einem so kostbaren Griffelkasten ausgestreckt hätte. Victoria hatte von der ausgefallenen Preziose durch Mariechen erfahren, für die allerdings nicht die geringste Aussicht bestand, das erlesene Stück aus der Vorkriegszeit auch nur mit dem kleinen Finger zu berühren. Victoria war überwältigt, als sie ihre Nase an die Schaufensterscheibe presste. »So etwas Schönes habe ich noch nie gesehen«, hauchte sie; sie ließ ihre Tante fühlen, wie laut ihr Herz klopfte.

Der Schiebedeckel des länglichen, auf einem grünen Samtdeckchen gebetteten Kastens war sorgsam bemalt und lackiert; bunt gewandete Kavalleristen zogen ins Manöver, voran Wilhelm II. in Uniform. Der Kaiser saß, einem Denkmal gleich, auf einem Schimmel. Auch das Pferd – den Kopf erhoben, die Augen groß – war ein künstlerischer Glücksgriff. Selbst Jettchen entflammte, als sie das Prachtstück sah. Von Minute zu Minute steigerte sich ihr Verlangen nach schlauem Handel und Besitz. Der kluge Ladeninhaber gab sich zögernd. Ehrfürchtig leise wies er darauf hin, dass es sich bei dem ausgefallenen Schreibgerät um ein Erbstück handle. »Eine in ganz Hessen bekannte Adelsfamilie hat es mir zu treuen Händen übergeben«, erklärte der, dem es nicht um »das Geschäftliche« ging, sondern »um das Vertrauen, dass mir die hohe Familie entgegengebracht hat«.

Er hatte graues Haar und, wie Jettchen fand, die viel auf ihre eigene Menschenkenntnis gab, ehrliche Augen. Sie bot wesentlich mehr, als der Händler erwartet hatte, ebenso viele gute Worte. Da der Wert der Mark erheblich geschwunden war und bereits Münzen aus Eisen, Zink und Aluminium im Umlauf waren, schlug Victorias einfallsreiche Tante schließlich vor, sich von einem ihrer schmalen goldenen Armreifen zu trennen. Der zögernde Handelsmann nickte endlich Einverständnis. Mit gütigem Lächeln verpackte er das schöne Stück; er lobte Jettchens guten Geschmack und ihr künstlerisches Verständnis. Am Abend lobte er die Kartoffelsuppe, obwohl er nicht gern Kartoffelsuppe aß, und erzählte seiner überraschten Frau, es wäre für ihn ein besonders guter Tag gewesen.

Jettchen streckte ihm zum Abschied ihre Rechte entgegen und hielt Victoria an, einen Knicks zu machen. Nicht einen Augenblick kam ihr der Gedanke, ein Griffelkasten mit dem Bildnis des Kaisers, der in die Helligkeit künftiger Siege ritt, könnte vielleicht in einer Familie, die soeben für diesen Kaiser ihren Hoffnungsträger hatte hergeben müssen, nicht willkommen sein. »Man muss«, resümierte das zufriedene Jettchen auf dem langen Heimweg, »die Feste feiern, wie sie fallen.«

»Ich hab gedacht«, befand ihre wortklauberische Vertraute, »dass nur Soldaten fallen.«

»Dir wird später keiner was vormachen, mein Kind! Du bist ja klüger als ein Junge.«

»Aber nicht klüger als Otto«, entschied die Treue.

Die fröhlichen Weltenwanderer waren so begeistert von ihrem Ausflug und der großartigen Beute, dass sie sich bei der Heimkehr noch nicht einmal die Zeit nahmen, nach Art des Hauses ihre Straßenschuhe gegen Filzpantoffeln auszutauschen. Wie ein marodierender Landsknecht stürmte Victoria in die Küche, das atemlose, erhitzte Jettchen, noch in Pelerine und Hut, hinter ihr.

Die Hüterin des Heims war gerade dabei, das Brot, das ausgerechnet zwei Wochen vor Weihnachten so knapp wie die Kartoffeln zu werden drohte, für das Abendessen einzuteilen. Sie stand in einer weißen Schürze, das große gezackte Messer in der Hand, mit dem Rücken zur Tür und versuchte, einer widerstrebenden Josepha, die abwechselnd auf den Holztisch klopfte und leicht mit dem Fuß aufstampfte, klarzumachen, dass der Rest von der nahrhaften Leberwurst ausschließlich für den Hausherrn zu sein hätte. Johann Isidor hatte an Gewicht verloren und klagte häufig über Magenschmerzen. Nach ihrem vermeintlichen Sieg verteidigte Betsy ihre Ansicht, Erwin und Clara könnten sehr wohl abends Brennnesseltee statt Milch trinken und, ohne Schaden zu nehmen, die mit ungeschälten Pellkartoffeln gestreckte Wurst essen. Der Metzger in der Burgstraße bot sie neuerdings als »fein gewürzte Wurstware« an. Josephas Empörung steigerte sich. »Unser Erwin wächst doch noch«, erregte sie sich, »soll der Bub denn nicht groß und stark werden?«

»In unserer Zeit sind es eher die Schwachen, die mit dem Leben davonkommen. Die Schwachen und die Drückeberger.«

»Schau doch mal«, drängelte Victoria, »schau doch mal, was Tante Jettchen mir gekauft hat.«

Sie zupfte ihre Mutter am Ärmel und scharrte ungeduldig mit den Füßen, holte voller Erwartung den neuen Griffelkasten aus dem weichen Seidenpapier, schob den Deckel vor und langsam wieder zurück. Der Lichtstrahl der flackernden Kerze, die seit Kurzem jeden Abend angezündet wurde, um Strom zu sparen, fiel als sanfter Schein auf den schönen Kopf des kaiserlichen Schimmels.

»Das Pferd galoppiert ganz schnell, wenn ich es ihm sage«, versicherte die Phantasievolle. »Hopp, Pferdchen, hopp.« Sie klatschte in die Hände, summte sich in Stimmung. »Maikäfer, flieg, der Vater ist im Krieg.«

Victoria merkte zu spät, dass die Welt aus den Fugen geraten war. Das Gesicht ihrer Mutter war feuerrot geworden, ihre Lippen bebten, die Stirn war feucht. Wie in Trance schob Betsy den Brotlaib gegen ein gefülltes Wasserglas. Es fiel auf den Steinboden. Der Lärm war gewaltig. Überall lagen Scherben. »Oh«, stöhnte Jettchen, als sie sich bückte, um die erste aufzuheben.

»Lass das!«, herrschte sie Betsy an. Sie schob Jettchen in Richtung der Tür, schlug wütend mit dem Brotmesser auf den Rand einer kleinen Metallschüssel und riss ihrer verblüfften Tochter, die ob des groben, kräftigen Griffs ins Torkeln geriet, den Griffelkasten aus der Hand. Einen furchterregenden Moment sah es für Victoria so aus, als würde diese neue, ungerechte, tobende, Kinder quälende Mutter Jettchens kostbares Geschenk, genau wie zuvor das Glas, auf den Fußboden schleudern. Dann war der Sturm vorbei. Mit der gewohnten Umsicht der sorgsamen Hausfrau stellte Betsy den Kasten auf den Küchentisch.

Sie stöhnte, weil sie der Schmerz zerriss, ließ sich auf den Küchenstuhl fallen und starrte mit Augen, die für Victoria immer fremder und bedrohlicher wurden und drachengrün funkelten, an die Küchendecke. Aus ihrer Brust schien die Luft zu entweichen; sie atmete pfeifend, bemerkte es, hielt inne und bedeckte, scharlachrot vor Scham, mit den Händen ihr Gesicht, doch am Beben der Schultern erkannte Victoria, dass ihre Mutter weinte. Es war, seit dem Tag, da der Todesbrief von der Front in der Rothschildallee 9 eingetroffen war, das zweite Mal, dass dies in Gegenwart ihrer sechsjährigen Tochter geschah.

»Ich wollte nicht, dass du böse bist«, sagte Victoria verschüchtert. »Es ist doch nur ein Kasten mit einem blöden, blöden Pferd.«

Sie merkte, dass ihre Mutter sie nicht verstanden hatte, denn Betsy zog das Brot zu sich heran und umklammerte es wie ein Kind, das gestürzt ist und getröstet werden muss. Mit einer weinerlichen Stimme, die ihre Tochter noch mehr erschreckte, als es zuvor die Tränen getan hatten, stieß sie hervor: »Ich hab’ diesen Krieg nicht gewollt. Nie. Und ich will auch nicht noch einen Sohn kriegen, der mir eines Tages schreibt ›Ich freue mich auf meine Feuertaufe‹ und der dann totgeschossen wird wie ein Hase und der nicht einmal ein Grab hat.«

»Wie ein Hase«, flüsterte Victoria.

»Nicht«, sagte Josepha. Sie streichelte, was sie noch nie getan hatte, denn sie war immer eine gewesen, die die Grenzen und Schranken zu achten wusste, einen Moment Frau Betsys Kopf. »Nicht jetzt. Nicht vor dem Kind«, sagte sie leise.

Josepha schaute sich um; sie genierte sich ihrer Kühnheit, band zerstreut ihre Schürzenbänder auf und wieder zu, holte einen Lappen aus der steinernen Spüle, um den feuchten Boden aufzuwischen, begriff, dass sie zuvor die Scherben aufsammeln musste, doch ihre Hände waren noch nicht ruhig genug für die Arbeit. Victorias Augen fielen ihr auf – trotz der Tränen, die noch in ihnen leuchteten, war die Botschaft zu erkennen. Josepha spürte, dass die Tochter die mütterliche Fähigkeit geerbt hatte, das Gras wachsen zu hören. Es machte sie beklommen, dass sie ihr nicht zulächeln durfte. Die Sechsjährige, die vorgab, sie würde nicht merken, wie sich der Leib ihrer Mutter zu wölben begann, und die diese ahnungslose Mutter im festen Glauben ließ, der Storch mit dem roten Halsband und den Babys im Schnabel wäre noch ein Teil ihrer Glaubenswelt, hatte bei Betsys Ausbruch keinen Moment bezweifelt, dass nicht von Erwin die Rede gewesen war.

Der neue Griffelkasten, den sie, ohne dass es ihre Mutter erfuhr oder danach fragte, fortan in die Schule mitnahm, brachte ihr Glück. Schon in der darauffolgenden Woche wurden ihre eifrigen Bemühungen um die Schönheit der Sütterlinschrift vom ungeliebten Fräulein Schäfer mit einer Eins belohnt. Die Arbeit, auf dickem weißem Papier geschrieben, das die Kinder hatten von zu Hause mitbringen müssen, war als Weihnachtsgeschenk für die Eltern gedacht und enthielt eine zeitgemäße Botschaft: »Wer trocken Brot mit Lust genießt, dem wird es gut bekommen. Wer Sorgen hat und Braten isst, dem wird das Mahl nicht frommen.« Die Angabe des Dichters mit dem langen Namen war den Kindern freigestellt worden. »Johann Wolfgang von Goethe« hatte die fleißige Victoria in Blockbuchstaben von der Tafel abgemalt, ihr aufmüpfiger Bruder mit Bleistift und winziger, verstellter Schrift an den Rand gekritzelt: »Ein Frankfurter Bub, der nie gedient hat.«

Es war das erste Jahr, dass im Wohnzimmer kein üppig geschmückter Weihnachtsbaum mit Posaunen blasenden Engeln und vergoldeten Nüssen stand. Der Herr des Hauses hatte dies angeordnet. Seine Kinder trauten sich nicht, ihn nach dem Grund zu fragen. Frau Betsy ahnte die Zusammenhänge, doch sie sagte nur: »Ach.« Am nächsten Tag sagte sie: »Mein Vater wird sich freuen.«

Wie viele jüdische Familien, denen gerade in der Kaiserzeit das Bekenntnis zu Deutschland und die Assimilation an ihre christliche Umwelt mehr bedeuteten als die eigene Herkunft und Tradition, hatten Johann Isidor und Betsy auch die Illusion von Emanzipation und Gleichheit. Zwar hielten sie die hohen jüdischen Feiertage ein und manchmal auch den Sabbat, sie hatten ihre Söhne zur Bar-Mizwa geschickt und alle vier zum jüdischen Religionsunterricht. Weil es immer so gewesen war, fasteten sie an Jom Kippur und ekelten sich vor Schweinefleisch. Abwechselnd versicherten sie einander, der Gedanke, zum Christentum zu konvertieren, würde ihnen nie kommen. Auch wünschten sie sich, schon weil sie die Entfremdung zwischen Jettchen und ihren christlich verheirateten Töchtern erlebten, jüdische Schwiegersöhne. Trotzdem sehnten sie sich in ihren Tagträumen nach einer Welt, in der die Frage nach der Konfession nur mit »evangelisch« oder »katholisch« beantwortet wurde.

Sie schämten sich nicht ihrer Herkunft, doch wenn sie ihre Söhne in die Synagoge schickten, wurden die ermahnt, den Kopf erst dort und nicht etwa schon auf der Straße zu bedecken und nirgendwo »unangenehm aufzufallen«, denn »das fällt ja auf uns alle zurück«. Sie hätten gern nichtjüdische Freunde gehabt, aber der Traum scheiterte früh. Trotzdem machten sich Johann Isidor und Betsy oft Gedanken, ob nicht wenigstens ihren Töchtern der Sprung in eine Gesellschaftsschicht gelingen könnte, der die Ängste einer Minderheit so fremd waren wie die Essgewohnheiten der Indianer.

Zu Pessach wurden die Matzen ins Haus geschafft, ohne dass es die Nachbarn sahen. Zu Weihnachten füllte Josepha die Gans mit Maronen.

Die Hausfrau, die in ihrem Vaterhaus gelernt hatte, einen süßen Karpfen zuzubereiten, den Kren aus Roter Beete und Meerrettich zu mischen, den Mohnzopf für den Sabbat zu flechten und am Freitagabend den Segensspruch für die Kerzen zu sprechen, schob das Blech mit Lebkuchen in den Herd und drohte Victoria mit dem strafenden Nikolaus, wenn sie ihr Zimmer nicht aufräume.

Im Salon, noch keinen Meter von den Sabbatleuchtern der Großeltern entfernt, lagen Pfeffernüsse und Bethmännchen in einer Schale mit Tannendekor. Am Heiligabend hatten die Kerzen an einem Weihnachtsbaum gebrannt, der bis zur Decke reichte. Unter ihm arrangierte die Hausfrau, die es auch auf den Nebengleisen ihres Lebens ästhetisch liebte, die Geschenke zu einem Stillleben, das selbst ihrer kritischen Tochter Clara ein bewunderndes »Ah« zu entlocken pflegte.

»Für unser Personal, das soll sich doch nicht ausgeschlossen fühlen, nur weil es in einem jüdischen Haushalt arbeitet«, erklärte Frau Betsy, als ihr Vater sie unglücklicherweise einmal im Dezember aufgesucht hatte. »Und die Kinder sollen sich ja auch nicht zurückgesetzt fühlen, wenn ihre Schulkameraden Weihnachten feiern.«

Unangenehm deutlich befragte der gutmütige Verständnisvolle seine zu Traditionsbewusstsein erzogene Tochter, wohin ihr Weg ging und was sie sich vom Ziel versprach. »Du solltest«, empfahl er ihr beim Abschied, »beizeiten ein goldenes Kalb bestellen, mein Kind. Die werden bestimmt knapp, wenn noch mehr von uns so denken wie du. Und dann werden sich deine armen Kinder furchtbar ausgeschlossen fühlen.«

Aufgebracht suchte Betsy Trost bei ihrem Mann, doch Johann Isidor goss auch noch Öl in den Schwelbrand. Er kniff seine Gattin derb in die Wange, lachte so anzüglich, als hätte sie ihm einen Männerwitz erzählt, und sagte: »Ich bring’s einfach nicht fertig, dem alten Knaben übel zu nehmen, dass er die Wahrheit ausspricht.«

Mit dem gefälligen Satz von der Rücksicht auf die nichtjüdischen Angestellten war sich Madame Sternberg mit unzähligen Gleichgesinnten einig. Juden, die es nach Assimilation drängte, belächelten ihre orthodoxen Glaubensbrüder und eine Religion, die sich weigerte, sich der modernen Zeit anzupassen; sie waren stolz auf die Freiheit, zu der sie selbst gefunden hatten, und sie wünschten sich blondes Haar und blaue Augen und träumten vom Zutritt in eine Gesellschaftsschicht, die selbst ihren Hausdienern den Umgang mit Juden untersagte. Ungeniert schielten die, die es in eine Welt drängte, die sie nicht haben wollte, in die Kirchen. Mit Lust zitierten sie Heinrich Heines Wort, die Taufe sei »das Entreebillett zur europäischen Kultur«, doch den wenigsten war bewusst, dass er nach seiner Taufe auch gesagt hatte: »Jetzt bin ich als Jude und Christ verhasst.«

Die deutschen Juden, die an das glaubten, was ihnen ihre Illusionen vorgaukelten, nannten ihre Kinder Siegfried, Sigismund und Dietlinde. Sie steckten sie in Trachtenkleider und Matrosenanzüge und zeigten ihnen gerührt die bronzene Germania vom Niederwalddenkmal. Am Sedanstag sangen sie mit den Kleinen aus vollem Herzen »Der Kaiser ist ein lieber Mann« und ließen sie zu Weihnachten mit den Hausangestellten in die Kirche gehen, damit sie die Krippe bewunderten. Kamen Eltern zu Besuch, die noch die Speisegesetze einhielten und Sohn und Tochter an ihre Ursprünge erinnerten, ließen die Assimilierten geniert den Schinken verschwinden und fragten so unauffällig wie möglich nach dem Tag ihrer Abfahrt. Jeder, der sich dem geliebten deutschen Vaterland an die Brust warf, war der festen Überzeugung, dieses Vaterland würde seine jüdischen Bürger nie mehr ausgrenzen und sie für immer an sein Herz drücken – Hauptsache, die Juden entledigten sich der eigenen Wurzeln und passten sich ihrer nichtjüdischen Umwelt an.

Ab dem 9. November 1914 indes, da Johann Isidor vom Soldatentod seines Erstgeborenen erfahren hatte und aus einem Zwang heraus, den er sich bis zu seiner eigenen Todesstunde nicht zu erklären vermochte, jeden Freitagabend in die Synagoge ging und dort Ottos gedachte, änderte sich das Leben im ersten Stock der Rothschildallee 9. Die Posaunenengel vom Weihnachtsbaum wurden verschämt auf den Speicher gebracht, die Kinder nicht mehr zum Singen von Weihnachtsliedern ermutigt. Aus der Verbannung erlöst wurde der achtarmige Silberleuchter, den Johann Isidor zu seiner Bar-Mizwa bekommen hatte. Fortan wurde der Leuchter wieder zu Chanukka mit Kerzen bestückt. Das Chanukkafest fällt in die Weihnachtszeit.

»Und erinnert an den Sieg der Makkabäer gegen die Hellenen, die den Juden ihren Glauben mopsen wollten«, erklärte Erwin der verwirrten Josepha. »Mein Vater hat nur ein paar Jahre lang vergessen, dass das geschehen ist. Jetzt tut ihm das Missverständnis schrecklich leid, und er will ein neuer Mensch werden. Und wir müssen auch neue Menschen werden und wollen jetzt immer unsere eigenen Feste feiern. Du brauchst uns also zu Weihnachten keine Gans mehr zu braten.«

»Als ob es noch Gänse zu kaufen gäbe! Hör endlich auf, dich über eine alte Frau lustig zu machen, du frecher Bengel!«

»Ich mach’ mich nicht über dich lustig, Josepha. Ich suche nur einen Menschen, der sich mit mir wundert.«

»Und da kommst du ausgerechnet zu mir. Ich wundere mich schon lange über nichts mehr.«

Betsy erfuhr nie, was bei ihrem Mann den Sinneswandel bewirkt hatte, der sie gleichermaßen verwirrte und ängstigte. Selbst wenn sie ihn nachts stöhnen hörte, dämmerte ihr nicht, welche Gespenster ihn heimsuchten. Zu keinem Zeitpunkt ahnte sie, dass er sich zu Sünden bekannte, die sie sich noch nicht einmal vorstellen konnte. »Du solltest wieder Bullrich Salz nehmen«, riet sie ihm nach den Nächten seiner Qual, »das hat dir immer so gut geholfen.«

»Eine gute Idee«, stimmte Johann Isidor ihr dann zu, und beide schauten sie beim Sprechen aneinander vorbei und zum Fenster hinaus.

Er war nicht an den Leiden des Körpers erkrankt. Es waren Seele und Gewissen, die ihm die Ruhe nahmen. Immer wieder stellte sich der Gepeinigte die gleiche Frage: War Ottos Tod die Strafe Gottes für einen Vater, der seinen Sohn nicht zu glauben gelehrt hatte? Tag für Tag las er aus Betsys geröteten Augen den gleichen Vorwurf: Er war ein Vater, der einen Achtzehnjährigen auf dem Altar der eigenen patriotischen Ideale geopfert hatte. War er Otto überhaupt je Vater gewesen in mehr als dem Wort? Hatte er ihn gekannt, geliebt, ihn den Vaterstolz fühlen lassen, der ihm gebührte?

Johann Isidor Sternberg war es, als stünde die Anklage gegen ihn auf jeder Hauswand, als wäre sie an jeden Baum genagelt. Er hatte seinen Sohn stets nur ermahnt, getadelt, gemaßregelt, von ihm Respekt und Gehorsam gefordert. Nie hatte dieser Vater ohne Liebe die Enttäuschung verborgen, dass sein Stammhalter nicht so werden würde wie er, so fleißig, strebsam, ausdauernd und erfolgreich, der Mann, vor dem alle den Hut zogen, weil er eine gesegnete Hand für das Leben hatte. Strafte nun Gott einen Vater, der nicht beizeiten erkannt hatte, dass Gleichgültigkeit und Anmaßung Sünde sind?

Die Reue des Gebrochenen war gewaltig. Das Gelöbnis, noch einmal seinen Weg zu gehen, kam von einem Mann, der sich nicht scheute, den Kopf zu senken. Erwin aber, klüger, empfindsamer und schon mit vierzehn Jahren reifer, als sein gefallener Bruder es hatte werden dürfen, durchschaute bereits den ersten väterlichen Versuch, an ihm die Vergehen wieder gutzumachen, die er an Otto begangen hatte. Was denn Erwin nach der Schule machen wolle, hatte dieser neue Vater der guten Vorsätze wissen wollen. »Und nach dem Krieg«, rasch hinzugefügt.

»Maler vielleicht«, erwiderte Johann Isidors zweitgeborener Sohn. Er schaute nicht hoch von der Kartoffel, die er gerade in sechs gleiche Scheiben zerteilte und mit Zwiebelsauce benetzte.

»Handwerk hat ja immer goldenen Boden«, lobte der perplexe Vater. Im Stillen lobte er auch sich, denn er hatte sein Erstaunen nicht gezeigt.

»Ich meine nicht einen, der Wände anstreicht«, erläuterte Erwin. »Ich denke eher an einen Maler, der die Wände mit Bildern bedeckt.«

»Wie Rembrandt?«

»Wie Rembrandt. Nur ein bisschen moderner.«

»Pardon«, entschuldigte sich der Vater. Er wurde nicht rot. Auch war er sicher, dass er nicht wie ein Vater wirkte, der sich vor seinem halbwüchsigen Sohn zum Narren gemacht hat, doch er spürte den Schmerz. Es würde sehr lange dauern, ehe er mit seinen Kindern ebenso unbefangen würde reden können wie mit seinen Kunden und Geschäftspartnern.

Auch als Ehemann war der angesehene Herr Sternberg, der seinen Kindern allzeit die Moral der Rechtschaffenen predigte und ihnen in jeder Lebenslage soldatische Disziplin anempfahl, vom rechten Weg abgekommen. Wie ein ganz gewöhnlicher Mann, der weder Würde und Anstand noch die Rücksichtnahme auf den eigenen Stand und die eigene Familie kennt, war er der Sünde erlegen. Den Jüngling, der er nie gewesen war, hatte der melancholische Grauhaarige gesucht, hatte noch einmal die Kraft seiner Lenden spüren und für den Augenblick einer Männerseligkeit vergessen wollen, was ihm der Ehrgeiz und das Streben nach Anerkennung und Macht zu früh genommen hatten.

Das Lachen einer Unbeschwerten hatte er hören, Leidenschaft erleben wollen. Feste Brüste wollte der Gestrauchelte fühlen, ein Strumpfband aus dunkelrotem Samt am Oberschenkel sehen und keinen Verband aus weißem Mull ums Sprunggelenk. Neben einer Frau hatte er liegen wollen, die kein Haarnetz trug, um die Frisur zu schützen, und die ihren Mann noch im Bett mit den Lateinnoten seiner Kinder traktierte. Statt von den unziemlichen Forderungen der Waschfrau und den ungehörigen Bemerkungen eines impertinenten Metzgers hatte Johann Isidor, während das Wunder währte, die Schmeicheleien einer leidenschaftlichen jungen Frau gehört. Sie beteuerte ihm ihre Liebe bis ans Zeitenende und glaubte an Märchen. Ihre Augen waren Sterne und kirschrot die Lippen, und keiner hatte ihr weisgemacht, die Hingabe an einen Mann wäre der Frauen Pflicht.

Nicht das kurze Abenteuer hatte der Berauschte gesucht, der die Ehe gebrochen. Er hatte nur den belebenden Augenblick der Bestätigung spüren wollen, der einen alternden Mann zu seinen Anfängen zurückführt, doch waren die Besuche bei der jungen Heilfrau zur Gewohnheit geworden. Zu Beginn fanden sie jeden Mittwochnachmittag statt, immer nach der Konferenz mit den leitenden Angestellten in Sternbergs Postkartenverlag.

»Komisch«, witterte Betsy, nachdem sie die Schweigezeit der Klugen eingehalten hatte, »die Konferenzen haben doch früher nicht so regelmäßig stattgefunden.«

»Du ahnst ja nicht, was bei uns los ist, seitdem wir die humoristischen Karten in unser Programm aufgenommen haben. Ich muss dir unbedingt mal welche mitbringen. Du lachst dich kaputt.«

»Bestimmt«, versicherte die Gattin.

Nach neun Monaten wurde ihrem Ehemann die Rechnung zugestellt. Im Juni 1908 war er Vater von zwei gesunden Töchtern geworden. Die beiden Mädchen waren im Abstand von nur drei Wochen geboren worden, doch mit Anna, der Älteren, war der leibliche Vater juristisch nicht verwandt. Er war, weil er klug zu disponieren verstand, noch nicht einmal zum Unterhalt verpflichtet. Die Kindesmutter war auf seinen Vorschlag eingegangen, den Namen Sternberg nicht am Standesamt anzugeben, solange er seinerseits ausreichend für sie und ihre kleine Tochter sorgte. Das tat er. Johann Isidor Sternberg war ein redlicher Kaufmann. Es war nicht nötig, ihn mit schriftlichen Verträgen zu binden. Er hielt sich an mündliche Abmachungen und zahlte mit der Großzügigkeit und Zuverlässigkeit, für die er bei jedermann geschätzt war. Nach Annas Geburt stellte er seine Besuche auf knappe Visiten um. Sie fanden nur noch alle drei Monate statt.

Es war Victoria, das ehelich geborene Kind, das an seinen Nerven zehrte. Weshalb der scharfe Schmerz, warum das Schuldgefühl, wann immer er diese kecke, vorlaute, charmante Tochter auch nur anschaute? Und die Zwillinge? Nie wusste er, was sie dachten und weshalb sie einander und nicht ihn ansahen, wenn er mit ihnen sprach. Es gab auch Tage, an denen er sich so sehr im Gestrüpp seiner Emotionen verirrte, dass er, der die Ehe gebrochen, Betsy seine Untreue verübelte und Ottos Tod als Strafe Gottes für die Sünde des Ehebruchs empfand.

Als Johann Isidor vor der Last seiner Verzweiflung aus der Wohnung zu flüchten begann, vertraute er sich einem alten Mann an, dessen Namen er noch nicht einmal kannte. Er reichte Johann Isidor noch nicht mal zur Schulter, war dürr und hatte einen schneeweißen Bart, augenscheinlich einer der Frommen, die keinen Gottesdienst versäumen. Der Alte trug zu jeder Jahreszeit einen schwarzen Mantel und einen schwarzen Hut mit breitem Rand. Er sprach wenig, doch er hatte Augen, aus denen Johann Isidor die Bereitschaft zum Zuhören las, nach der es ihn verlangte wie einen Durstenden nach Wasser. Jeden Freitag nach Sonnenuntergang saß er neben dem, von dessen Herkunft und Leben er nichts wusste, in der Synagoge an der Friedberger Anlage.

Den schweigsamen Fremden hörte er atmen, schnaufen und beten. Las er im Gebetbuch, bewegte der alte Mann die Lippen wie ein Kind, das eben erst die Buchstaben kennengelernt hat. Beim Beten schaukelte sein zerbrechlicher Körper nach vorn und wieder zurück. Der wohlhabende Herr Sternberg beneidete den ärmlich Gekleideten, wie er noch keinen Mann beneidet hatte, denn der Fremde war im Haus Gottes kein Verlorener wie er selbst, er war nicht ein flüchtiger Gast, der nur zufällig die Haustürklinke seiner Gastgeber hinuntergedrückt hat. Der ehrfürchtig betende Mann mit den Augen der Anteilnahme verstand, was einer, der an Gott glaubt, zu verstehen hat. Johann Isidor aber starrte in sein Gebetbuch, ohne dass für ihn die hebräischen Buchstaben einen Sinn ergaben. Er hörte den Gesang und die Gebete, doch er war ein Tauber geworden, der von nichts mehr wusste – auf dem Weg in die gehobene Gesellschaft hatte er verdrängt, was er als Kind gelernt hatte. Dann und wann hoben der alte Mann und sein bekümmerter Nachbar zur gleichen Zeit den Kopf. Nachdem sie das Gebet für die Gestorbenen gesprochen hatten, lächelten sie einander zu – ein wenig scheu wie Kinder, die sich fremd sind und denen ihre Mütter Freundschaft befohlen haben, aber doch mit Einverständlichkeit. Es war in einem solchen Moment, dass sich Johann Isidor dem Alten offenbarte.

»Wenn Er Sie hat strafen wollen für eine Sünde«, fragte der Weise, »wieso beschützt Er dann nicht die Söhne von den Leuten, die nicht sündigen?«

»Aber ich weiß nicht, was ich tun soll.«

»Meine Frau«, fiel dem Alten ein, »sagt immer, man muss den Kopf ebenso gut ausfegen wie die Küche.«

»Und das hilft Ihnen, wenn Sie Sorgen haben?«

»Manchmal ja und manchmal nein. Es kommt darauf an, ob der Allmächtige den Besen hält.«

»Und wann tut er das?«

»Ich glaube, wenn er merkt, dass ich selbst schon mit der Arbeit begonnen habe.«

Zwei Wochen vor Beginn des neuen Jahres fasste Johann Isidor den Entschluss, wenigstens das Kapitel seines Lebens neu zu schreiben, das noch zu redigieren war. Er schrieb an Frau Friederike Emilie Haferkorn und setzte sie von seiner Absicht in Kenntnis, sie außer der Reihe aufzusuchen. Im Freundeskreis wurde die Empfängerin des Briefes Fritzi genannt, von den Geschäftsleuten in Sachsenhausen, der Lehrerin ihrer Tochter, vom Hausarzt, der Hausmeisterin und ihrer Zugehfrau »Frau Haferkorn«. Keiner außer der Lehrerin, in deren Klassenbuch die Angaben zum Familienstand ja zu stimmen hatten, wäre auf die Idee gekommen, dass die schöne, blonde Frau von sechsundzwanzig Jahren nicht verheiratet war.

Wer sie kannte, und das waren viele, denn sie mochte Menschen und die Menschen mochten sie, hielt Fritzi für eine bedauernswerte, ungewöhnlich tapfere Witwe, deren Mann ausgerechnet am Kap der guten Hoffnung den Seemannstod gefunden hatte. Den Lebensunterhalt für sich und ihre kleine Tochter verdiente die couragierte Witwe – auch dies wurde nicht angezweifelt – mit Heimarbeit. Die hübsche Mär wurde Fritzi leicht gemacht: Sie war erst nach der Geburt ihrer Tochter in die Textorstraße gezogen und hatte weitsichtig alle Brücken abgerissen, die in ihre Vergangenheit führten. Zudem war sie eine Frau, die nicht gern zurückschaute, sondern lieber nach vorn. In dieser Beziehung glich sie Tante Jettchen, der sie einmal eine Bordüre für königsblaue Samtgardinen verkauft hatte.

Ehe das Fräulein Haferkorn nämlich an einem kalten Winterabend dem Sturm und Drang seines Brotherrn nachgegeben hatte, war es Verkäuferin in der Posamenterie Sternberg in der Hasengasse gewesen – vom Chef in jeder Beziehung geschätzt. Dank ihrer frühen Fruchtbarkeit und seines Verantwortungsbewusstseins hatte Fritzi es seit sieben Jahren nicht mehr nötig, für ihren Lebensunterhalt zu arbeiten. Ein gutmütiger Malermeister, der wenig redete, aber auch nicht viel fragte und schon gar nicht, wer der Vater ihres Kindes war, wollte sie heiraten; er wiederholte sein Angebot häufig, doch es drängte sie nicht zur Ehe. Fritzi ängstigte die Vorstellung, Annas spendabler Vater könnte in einem solchen Fall die Lust verlieren, seine Tochter weiterhin so gut zu versorgen wie seine ehelich geborenen Kinder.

Die kleine Anna war ein fügsames, höfliches und nachdenkliches Mädchen, ebenso hübsch wie ihre Halbschwester in der Rothschildallee und, genau wie sie, früh gereift, nur nicht so vorlaut und zungenflink. Bei seinen Besuchen entdeckte ihr Vater, ohne dass er ihre Mutter darauf hinwies, bei der Kleinen Victorias dunkle Augen und in ihnen den gleichen Ausdruck von Melancholie, Ottos scharf geschnittene Nase und seinen eigenen dunklen Teint. Annas Ähnlichkeit mit den Kindern, die ihm Betsy geboren hatte, war offensichtlich und für Johann Isidor, obwohl er sich lange wehrte, sich dies einzugestehen, auch bewegend.

Anders als die vielen Männer, die dem kurzen Abenteuer, der Leidenschaft des Moments nicht widerstehen können, zweifelte er nie an seiner Vaterschaft. Als Babys sahen sich Victoria und Anna frappierend ähnlich. Alle zwei hatten sie Locken und Grübchen, sie zahnten zur gleichen Zeit und sprachen beide mit zehn Monaten ihr erstes Wort. Später stolperte Annas Zunge, genau wie einst die der kleinen Clara, über das Wort »Kirsche«. Ihren Vater nannte sie »Onkel Johann«. Sie knickste, wenn er kam, und sie knickste, wenn er ging, beantwortete jede Frage, die er an sie richtete, redete allerdings nie mit ihm, wenn sie nicht musste. Selbstverständlich kannte sie seinen Nachnamen nicht.

Der liebevolle »Onkel« verwöhnte seine heimliche Tochter mit Geschenken, die ihre Mutter ihr nie hätte kaufen können, hätte sie einen Mann aus dem eigenen Stand geheiratet. Johann Isidor hatte selbst Freude an seiner Großzügigkeit. Er ließ Anna Obst und Süßigkeiten aus einem Geschäft im Oeder Weg schicken, aus einem Teil der Stadt also, in den seine Betsy nie kam. Ein Bote, der nicht imstande war, zwei zusammenhängende Sätze zu sprechen, überbrachte teure Kleider, gelegentlich gar welche aus Paris und Wien. Johann Isidor ließ sie in die Posamenterie anliefern. Seine ehemalige Verkäuferin hat es nie bereut, dass sie ihren Chef erhört hatte. Seinerseits war er Fritzi dankbar, dass sie ihrer Tochter ausschließlich von dem bedauernswerten Seemannsvater erzählte, den ihr ein Sturm entrissen hatte.

Die anstehenden Verhandlungen mit Fritzi bereiteten Johann Isidor enorme Sorgen; er stellte sich auf Bitten und Tränen ein, zweifelte an sich selbst, suchte Hilfe bei Doktor Meyerbeer und widersprach nur noch selten, wenn Betsy abends auf Baldriantee bestand. Zu seiner Verblüffung aber gab es keine von den Schwierigkeiten, die jeder Mann erwartet, wenn er einer Frau die endgültige Trennung vorschlägt. Auch blieben die Vorwürfe aus, von denen er fand, ein Mann, der sich so betragen hatte wie er, hätte sie verdient. In Gedanken an ihren potenten, gutmütigen Malermeister, zu dem sie sich seit der Silvesterfeier im Karnevalsclub noch sehr viel mehr hingezogen fühlte denn zuvor, sagte Fritzi Haferkorn gewinnend schlicht: »Es kommt darauf an, was Sie mir bieten.«

Der Vater ihres Kindes hatte sie soeben gefragt, ob es ihr recht wäre, wenn er bei entsprechender Zahlung die Verbindung zu ihr und der kleinen Anna abbrechen würde. »Zumindest derzeit«, fügte der vorsichtige Taktiker hinzu. Bekümmert verwies er auf den Umstand, dass es ohnehin nahezu unmöglich geworden war, gute Kinderkleider, Obst und Süßigkeiten zu beschaffen, und zudem wäre es für ihn sehr schwierig geworden, in die Textorstraße zu kommen. »Man wird ja nicht jünger«, sagte er, als er den Schweiß von der Stirn rieb.

»Ist schon gut«, beruhigte ihn Fritzi, »sie hat genug Bananen gegessen. Und wenn sie aus ihren Kleidern hinauswächst, kann man ja den Saum herauslassen.«

Eine Stunde später stellte sie sich auf die Zehenspitzen und gab Johann Isidor Sternberg den Abschiedskuss. Sein Angebot hatte sie überwältigt. Der redliche Handelsmann hatte nicht nur eine Summe festgesetzt, die bis zum Ende von Annas Schulzeit reichen würde. Er hatte auch glaubhaft versichert, er wolle Fritzi gegen die von den Fachleuten bereits konstatierte Inflation absichern. Noch im Februar sollte ihr ein Grundstück in Schotten übertragen werden, von dessen Existenz Frau Betsy nichts wusste. Drei Stunden später sagte Fritzi dem Malermeister zu, ihn bald zu heiraten. Sie feierten das Ereignis mit einer Flasche »Feldgrau« von der Frankfurter Feist Sektkellerei. Johann Isidor hatte ihn Fritzi im vergangenen Jahr zu Weihnachten geschenkt, sie jedoch die Gabe für eine besondere Gelegenheit reserviert. Anna trank aus einem Puppenglas.

Auch Johann Isidor empfand den Tag als einen besonderen. Zwar war er zu klug und zu ehrlich, um sich weiszumachen, er hätte sich von der Sünde befreit, aber zum ersten Mal seit sieben Jahren war es ihm möglich, ohne Scham und ohne Selbstvorwurf an Betsy zu denken. Den, der in den Schoß der Familie mit einem gereinigten Gewissen zurückkehrte, drängte es nach Hause. Der eisige Wind war beißend. Er trieb ihm Tränen in die Augen und blies ihm in die Nase. Trotzdem waren seine Schritte lang und kraftvoll, waren die eines Mannes, der nicht zaudert und niemanden fürchtet.

Wie alle reuigen Sünder hatte auch Johann Isidor das Bedürfnis, diejenige, an der er gesündigt hatte, lächeln zu sehen. Das Blumengeschäft neben seiner Posamenterie war jedoch geschlossen, ebenso die Chocolaterie, in der es vor dem Krieg die von Betsy geliebten Pistazienwürfel mit Pflaumen in Arrak gegeben hatte. Ein Buchladen bot »aktuelle Lektüre für die deutsche Jugend« an. Der treu sorgende Vater kaufte ein hübsch bebildertes Buch mit dem Titel »Der kleine Kanonier« für Victoria und die Hefte »Unsere Flieger« und »Der große Krieg« für die Zwillinge.

Im Weggehen sah er eine Porzellanschale, die ihm ausnehmend gut gefiel und ihm als künstlerisch vollkommene Huldigung für die erschien, in deren Händen das Schicksal der Nation lag. Aus einem Kranz kleiner roter Rosen leuchteten die Bildnisse von Wilhelm II. und dem österreichischen Kaiser Franz Joseph I. – die Männer, für die sein achtzehnjähriger Sohn freiwillig in den Tod gegangen war.

Johann Isidor kaufte die Schale, obwohl sie sechzig Mark kostete und ihm für ein Geschenk zu einem Anlass, von dem er ja nicht würde sprechen können, ein wenig überteuert erschien. Er nahm sich vor, Betsy noch vor dem Abendessen das Präsent zu überreichen, freute sich auf ihr Gesicht und seine zufriedene Stimmung. Eine gefrorene Wasserlache, noch nicht einmal so groß wie eine Frauenhand, bestimmte es anders.

Johann Isidor hatte zu viel Kraft gebraucht, um die Zukunft der kleinen Anna wie ein Ehrenmann zu regeln und sein Gewissen zu reinigen. Er achtete, als er das Geschäft verließ, nur noch auf seine innere Stimme und nicht mehr gründlich genug auf den festen Halt, den das Leben erfordert. Auf der Berger Straße, in Höhe des Merianplatzes, stürzte er ausgerechnet vor der Metzgerei, in der Betsy jeden Freitag einkaufte. Seine Glieder blieben unversehrt, nur der Mantel hatte einen hässlichen Fleck am Ärmel. Auch sein Stolz hatte gelitten. Ein hübsches junges Mädchen mit dicken Zöpfen, höchstens so alt wie Clara, half dem Gestrauchelten so vorsichtig auf die Beine, als wäre er ein Greis und ginge am Stock. »Mein Opa ist vorige Woche auch so bös’ gefallen«, tröstete das ahnungslose Kind.

Am schlimmsten hatte es die teure Porzellanschale getroffen. Das Geschenk des reuigen Sünders für seine verständnisvolle, ihm in Treue verbundene Ehefrau war in drei Teile zerbrochen. Obwohl er die Unlogik seines Zorns sofort erkannte, verfluchte er sämtliche deutschen Kaiser. Und die österreichischen dazu.

»Du siehst nicht gut aus«, sagte Betsy beim Abendessen. »Du wirst doch nicht etwa Fieber bekommen. Oder hast du Ärger gehabt?«

»Nicht mehr als sonst«, antwortete er.