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ES IST ERREICHT
Frankfurt, 27. Januar 1900
Strahlende Sonne am 27. Januar war seit zwölf Jahren eine Berliner Tradition. Am Geburtstag von Kaiser Wilhelm II. strahlten die Sonne und die Bürger der Reichshauptstadt um die Wette. Selbstbewusst flanierten sie auf ihren Prachtstraßen und ein jeder wusste, dass »Kaiserwetter« eine Berliner Spezialität war.
Weit weniger kaisertreu zeigten sich die Januarwinde, die von den Bergen im Taunus nach Frankfurt wehten. In der ehemaligen Freien Reichsstadt waren die Leute zu bürgerstolz und skeptisch, um auf neumodische monarchistische Mythen zu setzen. Die Frankfurter empfanden den kaiserlichen Geburtstag als einen Tag, der sich nicht von den übrigen dreißig im Monat unterschied – übellaunig schimpften sie den Januar einen rücksichtslosen Wüstling. Mit eiserner Faust vergalt ihnen der garstige Geselle seinen schlechten Leumund; häufig übertraf er mit Wetterkatastrophen, die zu Tragödien führten, noch seinen fürchterlichen Ruf.
Der 27. Januar 1900 war allerdings in der schönen Stadt am Main der strahlende Beweis, dass in der Meteorologie noch weniger Verlass auf Verallgemeinerungen ist als auf besser überschaubaren Gebieten. An diesem letzten Samstag im Januar war das Frankfurter Wetter, wie die Leute einander aufgeräumt versicherten, wenn sie am Flussufer spazieren gingen und die Kirchturmspitzen in der Wintersonne wie die vergoldeten Kuppeln in Märchenbüchern glitzerten, »zum Eier Legen«. Der volkstümliche Ausdruck entstammte der Sommersprache, eignete sich aber trefflich, um am einundvierzigsten Geburtstag Seiner Majestät Kaiser Wilhelms II. das Lebensgefühl der Menschen zwischen den Ebbelweinwirtschafen in Sachsenhausen und den Feldern auf dem Lohrberg zu beschreiben. Der Himmel über den Frankfurtern, die dafür bekannt waren, dass sie nur glaubten, was sie sahen, anfassen und schmecken konnten, war am 27. Januar 1900 so klar und blau wie seit Wochen nicht mehr.
Solch rares Wetterglück erhellte die dunkelste Gesindestube. Die Sonne erreichte feuchtes Gemäuer in engen Gassen und strahlte mit Titanenkraft auf Herrenhäuser und die weiträumigen Plätze, von denen es immer mehr in der Stadt gab. Hell im Licht der Hoffnung leuchteten die Schwanzfedern der Wetterhähne. Die alten Stadttürme wirkten, als wären sie in der Nacht geputzt worden. Auf der Zeil und in der Kaiserstraße pfiffen vorwitzige Spatzen von allen Dächern, dass es bald Frühling werden würde. Frisch gestriegelt waren die Pferde vor den geputzten Kutschen.
Es war ein buntes Völkchen, das am letzten Januarwochenende des noch taufrischen neuen Jahrhunderts in Frankfurt die Welt bejubelte, als wäre sie soeben erschaffen worden. Selbst Griesgrame lächelten, wenn sie den Hut lüfteten, um Bekannten einen Gruß zu entbieten. Alte Damen lockerten den Schal, hielten ihre Stirn verlangend in die Sonne und erinnerten sich an die Zeit, als die Frühlingsträume auch zu ihnen gekommen waren.
Eine junge Blumenverkäuferin im karierten Rock und knapp sitzendem Mieder bot auf dem Platz vor dem Dom Frühlingsblumen aus dem Gewächshaus an. Ein junger Mann kaufte eine langstielige rote Rose. Die Verkäuferin deutete einen Knicks an, der Rosenkavalier errötete und ging eilig weiter. In der Auslage einer beliebten Konditorei zwischen Mainufer und Römerberg glitzerten auf einer hohen Torte kandierte, rote Kirschen und Blätter aus grasgrünem Marzipan. Auf einer niedrigen Mauer gegenüber dem Café saßen zwei Katzen. Sie putzten ihre Barthaare und schauten mit halb geschlossenen Augen den Flanierenden nach. Junge Hunde jagten ihren Schwanz; die alten lahmten im gleichen Tempo wie ihre betagten Herrchen. Heitere Klänge einer Drehorgel kamen aus einem Hinterhof und reisten zu den Baumwipfeln am Fluss.
Dass der kaiserliche Jubeltag auf einen Samstag fiel, war auch für eingeschworene Republikaner ein Grund zur Freude. In der Regel war der Samstag ja ebenso ein Tag von Arbeit und Pflicht wie alle anderen. Selbst Hausfrauen mit Personal hatten so viele Sonntagsvorbereitungen, dass es Abend wurde, ehe sie die Zeit fanden, sich den ersten Seufzer des Tages zu gönnen. Am 27. Januar 1900 reichte allerdings ein zufälliger Blick aus dem Fenster, um aus einer fleißigen Hüterin von Heim und Herd eine Zeit verschwendende Träumerin zu machen.
»Ich kann schon den Frühling riechen«, jubelte Betsy Sternberg, als sie morgens um neun in ihrer neuen Küche den ersten der beiden Sonntagskuchen in den funkelnagelneuen Herd schob. Ein extrafeiner Mandelkuchen war es, nach einem Rezept ihrer Wiener Großtante Julia mit Sultaninen gebacken und mit kandierten Veilchen verziert. Das hilfsbereite Julchen pflegte die Köstlichkeit zu besonderen Anlässen aus Wien zu schicken – der erste Kuchen, der in einer neuen Küche gebacken wurde, war eine solche Gelegenheit.
Betsys Gatte erachtete Nüchternheit für die Schwester der Klugheit. So dämpfte er umgehend den verfrühten Frühlingsrausch. »Ich glaube«, sagte er, »du riechst eher die Sultaninen, die du in meinem guten Rum getränkt hast, meine liebe Betsy. Rum zwickt nämlich in der Nase. Hast du das zu Hause nicht gelernt? Komm, vergiss für einen Augenblick deinen Kuchen. Dein Mann ist dabei, ins Leben zu ziehen.«
»Aber nicht ins feindliche«, lachte seine Frau; sie hatte eine gute Erziehung genossen und kannte sich mit der klassischen Literatur aus. Schiller rezitierte sie, so oft sich die Gelegenheit erbot.
Johann Isidor Sternberg, bald vierzig Jahre alt, ein Geschäftsmann mit Fortüne, angesehen und strebsam, seit vier Wochen Hausbesitzer, Vater eines Sohns, zog seinen schweren schwarzen Mantel mit dem grauen Pelzkragen an und holte seinen am Vortag von Betsy gedämpften Hut vom Ständer. Er ging nicht regelmäßig am Samstag in die Synagoge, doch an einem Sabbat, der mit Kaisers Geburtstag zusammenfiel, hatte er doch das Bedürfnis, für dessen und der deutschen Nation Wohl zu beten. »Ein exzeptioneller Tag«, sagte er, als er sich anschickte, das Haus zu verlassen, »ganz exzeptionell.« Johann Isidor strich seiner Frau über das Haar und sagte, sie möge nicht vergessen, sich zu schonen. »Du trägst«, mahnte er, »die Verantwortung für zwei.«
Frau Betsys Wangen erglühten. Ob ihr Mann ahnte, wie sehr es sie erregte, wenn er auf Körperliches anspielte? Ihre Gedanken waren zärtlich, als sie ihm nachsah. Ihre Linke berührte ihren Leib, ihr Mund formte ein Wort, das sie in seiner Gegenwart nie auszusprechen wagen würde.
Johann Isidor, längst nicht mehr nur Tuchhändler en détail und en gros, war nicht nur in den Augen seiner liebenden Gattin ein bemerkenswerter Mann. In vielerlei Beziehung war er seiner Zeit voraus. Er war tolerant, wissbegierig, gerecht im Urteil, überlegt in der Tat und allzeit gemessen im Ton – selbst, wenn er mit Untergebenen und Kindern sprach. Sogar in Gegenwart von Gästen genierte er sich nicht zu zeigen, dass ihm Frau und Sohn mehr bedeuteten als Ruhm und Ehre. Der »junge Herr Sternberg«, wie er immer noch vielerorts genannt wurde, war großzügig, wenn es die Gelegenheit gebot. Verschwenderisch war er nie. Schon als Bub hatte er genau Buch über den Bestand seiner Klicker geführt.
Zum Umzug in die Rothschildallee hatte Johann Isidor seiner Betsy einen Überwurf für die Leiste mit den Küchenhandtüchern geschenkt – hellblaues Leinen, in feinem Kreuzstich gearbeitet und mit dem Text »Beklage nicht den Morgen, der Müh und Arbeit bringt, es ist so schön zu sorgen für Menschen, die man liebt« bestickt. Das Geschenk hatte er in feines Seidenpapier packen lassen und Betsy mit den Worten »Zur Erinnerung an unser erstes gemeinsames Frühstück in der Rothschildallee« überreicht.
»Ach, wie das Papier raschelt«, hatte sie gesagt.
Der Gedanke, dass seine junge Frau sich sichtbar an einem so bescheidenen Geschenk zu erfreuen vermochte, machte ihren Mann noch froh, als er das schwarze schmiedeeiserne Hoftor auf der Straßenseite des Hauses hinter sich zuzog. Die Harmonie der kleinen Szene, die er soeben erlebt hatte, erfüllte sein Herz mit Zuversicht. Eine genügsame Ehefrau war ein Geschenk des Himmels, das Unterpfand von Männerglück, Halt und Trost in trüben Tagen. Die Jahre, die da kommen würden, erschienen Johann Isidor voller Sonnenschein. Wie der Tag, der vor ihm lag. »Danke«, murmelte er.
Verlegen schaute er sich um. Es war Äonen her, seitdem er auf der Straße ein Dankgebet gesprochen hatte.
Obwohl das Lied vom fröhlichen Wandersmann sich wahrhaftig nicht für einen ernsthaften Bürger eignete, der dabei war, in die Synagoge zu gehen und den himmlischen Segen für den deutschen Kaiser zu erbitten, pfiff er immer wieder die Melodie vor sich hin und kam sich wie ein Schuljunge vor, den sein zufriedener Lehrer mit einem Sonderauftrag bedacht hat. In einer überschäumend guten Laune, die seiner Art überhaupt nicht entsprach, malte er sich aus, wie überwältigt seine liebe Betsy erst am Abend sein würde, wenn sie beim Nachtmahl neben ihrem Teller das winzige Päckchen mit der kirschroten Seidenschleife entdeckte. Zur Erinnerung an den Umzug ins eigene Haus hatte Johann Isidor in dem neuen Antiquitätengeschäft J. & S. Goldschmidt in der Kaiserstraße eine goldene Brosche mit fünf Granatsteinen gekauft. Schön groß. »Und sehr repräsentativ«, hatte der jüngere der beiden Goldschmidts bestätigt.
Auch Betsy war am Träumen. Im Detail und lächelnd malte sie sich aus, ihr Mann hätte ihr zur Wohnungseinweihung nicht einen praktischen Überwurf für die Küchenhandtücher geschenkt, sondern das dunkelgrüne Hütchen mit der cremefarbenen Straußenfeder, das sie schon seit zwei Wochen in einem neu eröffneten Putzmachergeschäft auf der Kaiserstraße bewunderte. Sie rief sich zur Räson – derlei Eitelkeit stand allenfalls einem jungen Mädchen zu, das noch nichts von Lebensernst und Verzicht wusste. Mit mehr als ihrer üblichen Energie riss die reuige Tagträumerin das Fenster auf. In tiefen Zügen zog sie die beißende Winterluft ein und schaute sehnsuchtsvoll hinüber zu den Bäumen in der Mitte der breiten Allee. Mit einem Mal verlangte es sie, zu rennen und zu springen und dabei zu singen, wie sie es zu Hause bei ihrem Vater getan hatte, wenn der Apfelbaum im Garten blühte und in der Küche die dralle Köchin Auguste die Sahne für den Kuchen schlug.
»Ich will nie erwachsen werden«, hechelte das Mädchen mit den Ringellocken.
»Willst du als Kind sterben?«, fragte der Vater. Seine Tochter wusste immer noch nicht, ob er sie streng angeschaut oder gelächelt hatte.
»Ach«, seufzte Frau Betsy. Mit beiden Händen strich sie über ihren gewölbten Leib und wartete auf den Moment der Erlösung. Die Erinnerungen verblassten. Sie beschloss, sich um die Mittagszeit eine Viertelstunde an der Luft zu gönnen. Doktor Wolf, der als sehr modern und ebenso unkonventionell in seinen Behandlungsmethoden bekannt war, hatte tägliche Spaziergänge empfohlen.
»Grüß mir alle«, rief sie ihrem Mann nach, doch er hörte sie nicht mehr. Seine Schritte waren, sobald er keine Rücksicht auf Frau und Kind zu nehmen hatte, lang und kräftig.
Die Äste der Bäume trugen immer noch an der Last des Schnees, der in der vergangenen Woche in einer einzigen Nacht gefallen war. Umso größer war nun das Vergnügen, die Sonnenflecken auf dem gefrorenen Boden zu beobachten. Mit jedem Schritt, den er tat, genoss Johann Isidor die plötzliche Verwandlung der Winterwelt in eine der Zuversicht und Zukunftshoffnung. Noch letzten Montag hatten Sturm, Nebel und Eis das Leben bestimmt. Empfindsame Damen der besseren Gesellschaft hatten tagelang das Haus hüten müssen; junge Mädchen, die sich trotz aller Warnungen auf die Straße gewagt hatten, lagen nun mit verknackstem Knöchel auf dem Diwan und machten kalte Umschläge. In so mancher Herrschaftswohnung roch es nach Essig und Langeweile, und vom Eisregen, der binnen fünf Minuten das Leben in der ganzen Stadt paralysiert hatte, redeten die Männer noch am dritten Tag.
Es war zu furchtbaren Karambolagen gekommen. Ein besonders tragischer Zwischenfall hatte sich am Eschenheimer Tor ereignet – zwei Pferde einer schweren Kutsche, die auf dem Glatteis umgekippt war, als wäre sie aus Blech, hatten notgeschlachtet werden müssen. Die drei weiblichen Insassen waren mit dem Schrecken davongekommen, nur den Fahrgast aus Bad Homburg, der bereits bei der Belagerung von Paris sein linkes Bein verloren hatte, hatte es hart getroffen: Der Mann musste mit schweren Verletzungen ins Spital gebracht werden.
Nun hatte der Winter wenigstens für kurze Zeit seine Gewalt verloren. Zum kaiserlichen Geburtstag entfaltete sich bereits um zehn Uhr morgens die Lust des Lebens. Aufgeputzte Bonnen, wie schwatzhafte Dienstmädchen ins Gespräch vertieft, schoben ihre Kinderwagen in die verschneiten Parks und Anlagen. Selbst im feinen Westend freuten sich wohlerzogene Knaben so ausgelassen an ihrem schulfreien Tag, als wären sie Gassenbuben und hätten keinen, dem sie zu Hause Rede und Antwort stehen müssten. Mit ihren teuren Matrosenmützen spielten sie Ball, drückten auf fremde Haustürklingeln und rannten johlend davon, ehe die aufgestörten Bewohner Gelegenheit fanden, den Frevel zu ahnden. Kleine Mädchen in Samtmänteln und mit farblich passender Haube, begleitet von ängstlich mahnenden Müttern, waren ebenso wild wie die Jungen. Sie rannten, dass ihre Zöpfe flogen, schlugen kreischend auf ihre hölzernen Reifen ein und peitschten mit Männerschwung ihre bunten Holzkreisel aus.
An der Eisbahn herrschte Hochbetrieb. Hübsche junge Damen drehten graziöse Pirouetten. Ihre schwarzen, knöchelhohen Stiefel und die bunten Schals ihrer Kavaliere leuchteten in der Sonne, ebenso die roten Dächer von hastig aufgestellten Zelten, in denen tüchtige Handelsfrauen Glühwein und heiße Maronen feilboten. Es duftete wieder nach Weihnachten und ein stadtbekannter Hagestolz wurde dabei beobachtet, wie er zwei ärmlich gekleideten Kindern einen Groschen zusteckte.
Die Sonne machte Arm und Reich fröhlich. Ein findiger Zehnjähriger kam zu einer eigenen Eisbahn, indem er einen großen Wasserkrug auf dem Bürgersteig ausleerte. »Die Preußen kommen«, rief der schlaue Kecke. Er wusste nicht, was der Satz bedeutete. Der Großvater, der die Preußen in Frankfurt erlebt hatte, pflegte den Enkel entsprechend zu bedrohen.
»Die Preußen können mich mal«, konterte sein Freund. Er hatte weder Großvater noch Vater. Nur ein Fräulein Mutter und, wie sein Gesicht wissen ließ, den Mut, den die zu kurz Gekommenen brauchen, um den Kopf nicht bei jeder Kränkung zu senken.
Auch auf der Rothschildallee regten sich Treiben und Leben. Ein roter Ball mit gelben Punkten flog auf die Straße. Ein Kutscher musste abbremsen und fluchte so laut, dass sein Gezeter noch in der Burgstraße zu hören war. Fernab vom wirbelnden Trubel stand Otto Wilhelm Samuel Sternberg. Der schwarzhaarige Junge mit kräftigen Beinen und einem Ansatz von Locken, die seine Mutter entzückend fand und sein Vater insgeheim ein wenig weibisch, stand am Fenster des Wohnzimmers, in dem die neuen Möbel aus dunkelgrünem Velour vorerst durch weiße Tücher geschützt waren. Kein Fussel lag auf dem wertvollen Perserteppich mit den akkurat ausgekämmten Fransen. Eine besonders sorgsam angefertigte Kopie von Böcklins »Toteninsel«, das Prunkstück der alten Wohnung, hing bereits wieder an der Wand – in dem herrlichen goldenen Rahmen, den der kleine Otto immer dann berührte, wenn ihn niemand sah und mit Arrest im Kohlenkeller ängstigte. Akkurat waren die bordeauxroten Samtgardinen für die beiden hohen Wohnzimmerfenster gelegt, die Schabracken hatte die Hausherrin mit goldfarbener Borte einfassen lassen. Im Stoff steckten noch die Nadeln, um die Falten zu halten. Die Scheiben des Bücherschranks glänzten so, dass Otto sich in ihnen hätte spiegeln können. Gerade das wollte der Kleine nicht. Obwohl ihn niemand gescholten hatte, fühlte er sich verloren und traurig. Ihm war, als wäre er bei Tisch ohne Pudding in sein Zimmer geschickt worden.
Der Vierjährige wusste nichts vom Kaisergeburtstag. Er bejubelte weder die Sonne am Himmel noch den Schnee auf den Bäumen. In der Wohnung, die noch nach Tapetenkleister und schon nach Bohnerwachs roch, flossen Tränen. Kindliche Schwermut lastete auf seinem Gemüt. Ahnte der Knabe, dass seine Welt nie mehr so unbeschwert sein würde wie in der alten Wohnung? Otto drückte seine Stirn gegen die frisch gewienerte Fensterscheibe. Jenseits der Straße, unter den Bäumen, spielten vier Knaben. Der Kleine seufzte, als wüsste er über das Leben Bescheid. Die Buben, alle mit grauen Strickmützen, balgten sich um den Ball, der eben erst den Rädern der Kutsche entkommen war. »Du Depp«, hörte Otto den größten der vier Jungen rufen.
»Selber Depp«, wehrten sich die übrigen drei.
Das jüngste Mitglied der Familie Sternberg hielt mit der Rechten sein linkes Ohr zu und seufzte noch lauter als zuvor. Wäre seine Mutter nicht durch die kandierten Veilchen abgelenkt gewesen, die auf den Mandelkuchen mussten, wäre sie herbeigeeilt, um nach ihrem Sohn zu schauen.
Das Quartett der sich munter balgenden Jungen trug kurze graue Hosen, eine jede mit farbigen Stoffresten geflickt, die von Frauenkleidern stammten. Zum Schutz vor der Kälte steckten die dürren Kinderbeine in braunen Wollstrümpfen, die an Leibchen aus Kattun befestigt waren. Zwei der Jungen waren, wie Otto trotz der mütterlichen Restriktionen bald erfahren sollte, die Söhne des Hausmeisters, der das gegenüberliegende Anwesen versorgte. Die anderen beiden waren die Kinder eines Fuhrmanns aus der benachbarten Egenolffstraße.
»Ich auch«, rief der erstgeborene Sohn von Johann Isidor Sternberg verlangend. Er stampfte mit seinem linken Bein auf und trommelte mit beiden Händen gegen die Scheibe. Es war ihm erst beim Frühstück verboten worden, aus eigener Entschlusskraft in der neuen Wohnung Fenster und Türen zu öffnen. Noch nicht erfasst hatte Otto, dass es ihm für alle Zeiten verwehrt sein würde, spontan auf die Straße zu laufen und dort mit Gleichaltrigen zu spielen. Von nun an würde seine Mutter bestimmen, wer auf der gleichen gesellschaftlichen Stufe wie ihr Sohn stand und mit wem er »verkehren« durfte. Ebenso wenig konnte dem Jungen bewusst sein, weshalb die Welt seinen strebsamen, allseits geschätzten Vater noch ehrerbietiger grüßen würde denn zuvor.
Unmittelbar nachdem Johann Isidor Sternberg den Kaufvertrag für das Grundstück in der Rothschildallee 9 unterzeichnet hatte, war mit dem Bau des vierstöckigen Mietshauses begonnen worden. Architekt war der stadtbekannte Waldemar Josef Busch, von dem man sich erzählte, er würde selbst aus einer Hundehütte eine Herrschaftswohnung machen. Mit dem Anwesen der Sternbergs war der junge Baumeister seinem Ruf absolut gerecht geworden. Allerdings hatte ihm sein Auftraggeber freie Hand gelassen und weder mit Talern noch mit Einsicht geknausert. Nun war sein Haus bester Ausdruck von solider Wertarbeit und Bürgerstolz geworden. Es hatte cremefarbene Mauern, was zwar als ein wenig gewagt galt, aber doch als zeitgemäß und künstlerisch, auffallend hohe Fenster mit ocker gestrichenen Rahmen, schöne breite Simse, geräumige Balkons und eine recht bombastisch gestaltete Haustür aus dunklem Holz und sonnengelbem Glas. Sie war eigentlich charakteristischer für das wohlhabende Westend als für das noch zurückhaltende Nordend, doch gerade bei der Tür hatte Baumeister Busch nicht mit sich reden lassen.
»Viel Glanz, viel Ehr’«, pflegte er zu zitieren, wenn sein Auftraggeber bezweifelte, ob es klug wäre, den eigenen Wohlstand zur Schau zu tragen.
Waldemar Josef Busch lagen die Wohnungen in den Häusern, die er baute, ebenso am Herzen wie Außenfront, Mauerwerk und Fensterzier. Der ehrgeizige junge Mann beschäftigte sich sogar mit den Vorgärten, Waschküchen und Kellerräumen. Die Wohn- und Esszimmer, die er konzipierte, waren veritable Salons. Die Schlafzimmer machten einen herrschaftlichen Eindruck, auch die Kinderzimmer zeugten vom berauschenden Selbstbewusstsein der Gründerzeit. In der Rothschildallee 9 war das beste Parkett gelegt worden, das im Handel war; der Deckenstuck mit dem Rokokodekor war eine Augenfreude, die teuren Seidentapeten in der Wohnung des Hausbesitzers würden Jahrzehnte und jede Moderichtung überdauern. Für die Ofennische im Sternberg’schen Salon schlug Busch die berühmten Kacheln aus der holländischen Stadt Delft vor.
»Ich bin nicht Rothschild«, wagte Johann Isidor schließlich doch zu widersprechen.
»Der«, beschied ihm Waldemar der Kühne, »bezieht seine Kachelöfen vom Hoflieferanten der Königin Victoria.«
Der ambitionierte junge Mann hatte sich weitere Extravaganzen geleistet: Er war ein strikter Gegner von Zinkbadewannen hinter dem Vorhang des Schlafzimmers und entwarf Badezimmer, in denen sich sowohl eine Wanne als auch ein Waschbecken unterbringen ließen. Für die Toilette gab es einen eigenen kleinen Raum mit einem Handwaschbecken. Die Trennung von Badezimmer und Toilette war selbst im Westend nicht allgemeiner Brauch. Im Hausflur war auf jeder Etage eine winzige Besenkammer eingebaut worden, die an die Küche angrenzende Speisekammer war fast so groß wie die Küche selbst. Sogar in den Mansarden für das Dienstpersonal ließ sich ein kleiner Ofen unterbringen. Zudem boten sie Platz für Bett, Schrank und Waschtisch.
»Man kann nie wissen«, orakelte Waldemar Josef Busch prophetisch, »was die Zukunft bringt. Vielleicht kommt eine Zeit, in der man statt Dienstboten zahlende Mieter für Mansarden sucht.«
Der von einer Gaslaterne auf der Straße beleuchtete vordere Hof war so breit, dass drei Erwachsene nebeneinander herlaufen konnten. Die unschönen Eisenstangen zum Ausklopfen von Bettzeug und Teppichen, die so manches Haus verunstalteten, waren in einer Ecke des Hinterhofs angebracht. Dort wuchs ein mächtiger Sauerkirschbaum, von dem sich der Hausherr nicht hatte trennen wollen. »Wo man Vögel singen hört«, hatte er gesagt, »bleibt das Glück im Haus.«
Es gab auch einen Bleichplatz, den direkten Zugang zur großen Waschküche und die Möglichkeit, im Sommer eventuell einen Sandkasten und ein Planschbecken für Otto und seine künftigen Geschwister unterzubringen. Im Frühling sollte im Vorgarten ein Fliederbaum gepflanzt und ein Rosenrondell angelegt werden.
»Darf ich jetzt raus?«, rief das gelangweilte Kind. Weil es sich in der fremden Umgebung noch nicht auskannte, jammerte es versehentlich in Richtung des elterlichen Schlafzimmers.
»Nein, nicht bis Josepha Zeit hat, dich zu begleiten«, entschied die Mutter. Sie klapperte kurz mit der Kuchenform. »Du weißt doch hier überhaupt nicht Bescheid, Junge. Das fehlt mir noch, dass du gleich am ersten Tag verloren gehst.«
»Josepha«, begehrte der schniefende Rebell auf, »weiß hier doch auch nicht Bescheid. Und mich«, fügte er in einem Anfall von Trotz hinzu, von dem sein Vater mindestens einmal am Tag sagte, der müsse dem Buben schleunigst ausgetrieben werden, »kennt die Josepha auch nicht. Kein bisschen nicht.«
Otto trug nicht zufällig den Namen des Reichsgründers. Sein Vater verehrte Bismarck noch mehr als sämtliche drei deutschen Kaiser. Dass der kleine Otto mit seinen knapp vier Jahren sehr eigensinnig und ein wenig verzogen war, galt vorerst als typische Bubenkrankheit. Hermine, die väterliche Großtante aus Oberhessen, die als unangenehm direkt und ein wenig roh galt, hatte bei ihrem letzten Besuch im Sommer prophezeit: »Der wird sich noch wundern, der kleine Teufel.« Wie so oft hatte die Entwicklung ihr im Nachhinein recht gegeben. Wenn Gott seinen Eltern wohlwollte, würde Otto in vier Monaten die Liebe von Vater und Mutter teilen müssen. Noch war der Kronprinz ahnungslos. Es galt in guten Kreisen als unschicklich, mit Kindern, besonders mit den Söhnen, vom Zustand einer Mutter in guter Hoffnung zu sprechen.
»Warum«, versuchte es Otto zum zweiten Mal, »darf ich nicht mit denen Kindern da draußen spielen?« Er hatte den Weg in die Küche gefunden und versperrte nun, die Hände hinter dem Rücken verschränkt, den Weg zum Backofen.
»Darum«, fasste seine Mutter zusammen. Mit einer Hand schob sie ihren Sohn aus dem Weg. »Man sagt nicht denen Kindern. Wo hast du so was bloß her?«
Es war höchste Zeit, Otto Wilhelm Samuel Sternberg klarzumachen, dass auch kleine Kinder gesellschaftliche Spielregeln zu beachten hatten. Hausmeisters Söhne und Kutschers Kinder fielen nach Frau Betsys Dafürhalten für ihren Erstgeborenen, der ja nun in einer Fünfzimmerwohnung mit zwei Balkons logierte und der künftig auch wochentags Matrosenanzüge tragen würde, nicht länger in die Klasse der Akzeptierten. Für die Sternbergs galt es, nach neuen Spielkameraden für ihren Augapfel Ausschau zu halten.
»Sage mir, mit wem du umgehst, und ich sage dir, wer du bist«, murmelte die vorausschauende Mutter über Ottos Kopf hinweg.
Am Sandweg im Frankfurter Ostend, wo er zur Welt gekommen war, war man nicht heikel gewesen. Dort trafen sich die Frauen zum Schwatz auf der Straße und die Männer zum Schoppen. Kinder waren wie junge Hunde zu behandeln. Man ließ sie gewähren und schlug zu, wenn sie nicht sofort parierten, doch die Kleinen mussten sich nicht um gesellschaftliche Konventionen scheren. Sie durften auf der Straße spielen, und sie durften sich aussuchen, mit wem sie es taten. Klein Otto hatte im Ostend das Leben ausschließlich von der unbeschwerten Seite kennengelernt. Wer ihn babbeln hörte, zweifelte nicht, dass er ein Frankfurter Bub war, und zwar einer, der sich nichts vormachen ließ. Wenn er mit dem Karlchen aus dem Baumweg und dem Heiner von der Ingolstädter Straße Ball gespielt hatte, bebten die Scheiben und jubelten die Herzen. Keiner der Erwachsenen redete von Manieren oder Tradition. Die Mütter von Ottos Freunden besorgten für feine Leute die große Wäsche, die Väter waren vor der Geburt ihrer Söhne verschwunden. In den kleinen Wohnungen roch es nach Kohl und Mehlsuppe, und am Samstagabend wurde man von Kopf bis Fuß abgeschrubbt, in einer kleinen Zinkwanne, die auf einem Stuhl in der Küche stand.
»Heute ist der Tag der Wende«, verkündete Ottos Vater am Morgen des Umzugs. Das breite Ehebett aus Eiche, der Esstisch samt Stühlen und Vertiko, Ottos Bett und Schaukelpferd, der weiß lackierte Kinderschrank, die Kommoden mit den gedrechselten Beinen, zwei Couchtische mit Marmorplatte und Löwenfüßen, Bücher, Bilder und der Regulator, der jede halbe und jede volle Stunde schlug, wurden auf einen riesigen Wagen geladen. Die Schlafzimmermöbel, die Kücheneinrichtung, das Geschirr und die wuchtigen Ohrensessel samt den Kisten mit Kleidung kamen auf einen zweiten. Die kräftigen Zugpferde wieherten. Passanten blieben stehen, eine Frau in blauer Kittelschürze schüttelte den Kopf und ächzte: »So viel Zeugs möchte ich auch mal haben.«
»Donnerwetter«, sagte der kleine Otto.
»So«, rügte der Vater, den es zu neuen Ufern zog, »spricht nur ein Kutscher, mein Sohn.«
»Ich will Kutscher werden.«
»Ich will hat ein Kind nicht zu sagen.«
Das Oberhaupt der kleinen Familie Sternberg hatte sich ungewöhnlich früh seinen Traum von Ehre und Wohlstand erfüllt. Zum Teil verdankte er dies einer zum Zeitpunkt des Geschehens absolut noch nicht erwarteten Zuwendung von seiner Großtante Luise. Der taktlosen Hermine liebenswerte Schwester war eine vermögende und kinderlose Witwe. Vor allem war sie der ungewöhnlichen Ansicht, Besitz bringe Sorgen. »Es ist«, sagte sie in Johann Isidors Glücksstunde, »schöner, mit warmen als mit kalten Händen zu geben.«
Im Gegensatz zu seinem Bruder Samy und seinen drei Schwestern, die schon als junge Mädchen altjüngferlich wirkten und die ebenso missgünstig wie nachtragend waren, erschien Luise ihr Lieblingsneffe furchtlos, aufrichtig und klug. Die Erbtante bedachte ihn so reichlich, als wäre er der eigene Sohn. Seitdem verbrachte sie die hohen jüdischen Feiertage und ihre Geburtstage nicht mehr mit ihrem Mops und einer Migräne zu Hause in Kassel, sondern kerngesund und quietschfidel bei Johann und seiner kleinen Familie in Frankfurt. »Mainwasser«, pflegte sie bei jedem Abschied zu sagen, »ist wirklich Medizin für eine verrückte alte Schachtel.«
»Und Ebbelwein«, wusste Otto. Er hatte zu seinem Kinderdrang zur Wahrheit ein ebenso aufmerksames Auge wie sein Vater entwickelt.
Johann Isidor hatte nicht den Charakter, es sich auf Kosten einer reichen alten Dame bequem zu machen. Er war fleißig, energisch und wagemutig, nur zufrieden, wenn er neue Ideen entwickelte, und besessen von seinem Aufstieg. Selbst am Freitagabend, den er trotz aller Assimilationsbestrebungen auf die traditionelle Art seiner Vorfahren ehrte, und auch an den übrigen religiösen Feiertagen kam er nicht zur Ruhe. Wenn er mit seinem Sohn zur Synagoge an der Friedberger Anlage spazierte und er dort allen Grund gehabt hätte, für das zu danken, was ihm beschieden worden war, grübelte er, welche Ziele er noch erreichen wollte.
Der Tuchhändler Sternberg war ein geschickter Schmied seines Schicksals. Stets hatte er mehrere Eisen im Feuer, beobachtete aufmerksam die Börse und wusste nicht nur dort im richtigen Moment zuzugreifen. In einem neu erbauten Haus eröffnete er ein Geschäft für Kurzwaren, Knöpfe und Posamente in der Hasengasse. Sie galt als kommende Gegend und war im Falle der Posamenterie Sternberg noch besser als ihr Ruf. Zu den Kundinnen gehörten die Damen der besten Gesellschaft, Beamtengattinnen und Gouvernanten, Schneiderinnen aller Provenienz und manch ein bescheidenes Fräulein, das sein Geld zusammenhielt und einen Sinn für das Besondere hatte. Schon nach einem Vierteljahr musste der Chef eine zweite Verkaufskraft und einen Lehrjungen einstellen.
»Was hältst du von einem Hutgeschäft?«, fragte er seine Frau eines Tages beim Abendessen.
»Wo ist denn eins zu haben?«
»Keine Ahnung, aber Hüte trägt man immer.«
»Nach der Theorie kannst du auch Uniformschneider werden«, befand die skeptische Gattin. »Kriege wird es auch immer geben.«
Hutgeschäfte überließ er dann doch den Putzmacherinnen, doch wurde die Firma Sternberg bald für die besten Filzstoffe und das eleganteste Zubehör für feine Damenhüte bekannt.
Im Jahr 1898 kaufte sich Johann Isidor in einen Verlag ein. Der machte außergewöhnlich gute und sehr zeitgemäße Geschäfte mit Ansichtskarten – es kamen jedes Jahr mehr Fremde in die Stadt, entsprechend groß wurde der Bedarf an Erinnerungsstücken. Kurz vor der Jahrhundertwende nahm der tätige Handelsmann Kontakt mit einer Privatbank auf. Von den Verhandlungen, sich dort zu beteiligen, wusste noch nicht mal sein Jugendfreund Salomon, ein Rechtsanwalt, dessen Ratschlägen er rückhaltlos vertraute. Frau Betsy bekam immer öfters zu hören, ihr Mann hätte »ein goldenes Händchen«.
Solche Komplimente zauberten stets ein Lächeln auf das Gesicht der Klugen, doch nie ließ sie wissen, dass sie im Bilde war. Als ihr Gatte Hausbesitzer wurde, fehlten ihm noch sechs Monate zu seinem vierzigsten Geburtstag. Kam in späteren Jahren die Rede auf seinen Wohlstand, erzählte er, ohne sich eine Spur zu genieren, dass er ursprünglich nur an ein bescheidenes Häuschen am Frankfurter Stadtrand gedacht, »meine kluge Gattin« aber den großen Wurf gelandet hätte. »Sie werden ihren Entschluss nicht bereuen«, sagte der Notar beim Protokollieren des Kaufvertrags. »Die Fachleute versprechen sich viel vom Nordend.«
»Ich bereue nie etwas«, erklärte Johann Isidor. Nur wer ihn nicht kannte, hätte sein Selbstbewusstsein mit Hochmut verwechselt.
Er überließ, was sie ein Leben lang freute, seiner Frau die Wahl der Wohnung im eigenen Haus. Auch da entschied sie mit der Weitsicht einer Kennerin. »Im ersten Stock kriegt man weder den Staub noch den Lärm der Pferdehufe und auch nicht die Bettler ab,« erklärte sie. »Und außerdem rennt das Personal nicht jeden Moment auf die Straße, um zu tratschen.«
Die Wohnungen im Parterre und im zweiten Stock des Anwesens waren bereits gut vermietet, allerdings noch nicht bezogen. Für den dritten und vierten gab es ernst zu nehmende Interessenten. Sternberg bedachte auch als Vermieter jeden Einfall zweimal. Bei der ersten Mahlzeit im neuen Heim fragte Betsy mit der vermeintlichen Unschuld, die Johanns Herz fast immer zum Schmelzen brachte, ob leer stehende Wohnungen nicht einen Verlust bedeuteten. »Mieter«, belehrte er sie, »kann man ja nicht auswechseln wie den Rock oder die Hose. Nur wer vorher genau Maß nimmt, trifft ins Schwarze, meine Liebe.« Der kluge Geschäftsmann wollte die Mansarden und die Räumlichkeiten im Dachstuhl zusammen mit den Wohnungen vermieten – in guten Gegenden war es ja nicht standesgemäß, das Personal in der eigenen Wohnung unterzubringen oder sich gar mit einer Zugehfrau zu begnügen.
Mit dem Umzug in die Rothschildallee veränderte sich auch Madame Sternbergs Status. Im Sandweg war es nach bewährtem Bürgerbrauch »bescheiden, aber reinlich« zugegangen. Jeden vierten Montag war eine Waschfrau gekommen, und es gab Maria, die Magd fürs Grobe. Der allerdings konnte die Hausfrau noch nicht einmal das Alltagsgeschirr zum Spülen anvertrauen, schon gar nicht Kristallgläser, Porzellanvasen und den teuren Kachelofen im Wohnzimmer. Auch die Oberhemden ihres Gatten und die eigenen feinen Seidenblusen bügelte Betsy selbst. Sie putzte freitags das Silber und die ganze Woche lang das Gemüse, sorgte für die Pflege der Möbel und schickte Maria nur dann zum Milchmann, wenn sie selbst zu unpässlich war, um aus dem Haus zu gehen. Trotz aller Vorbehalte wollte sich Betsy nicht von dem Mädchen trennen. Sie behielt auch die Waschfrau. Neu engagiert wurde Josepha, die bereits nach sechs Wochen den Neid von Frau Betsys sämtlichen Freundinnen, Verwandten und Bekannten erregte. »Eine Perle«, schwärmte die Hausfrau schon an Josephas drittem Arbeitstag.
»Auch Perlen verlieren manchmal ihren Glanz«, dämpfte Johann Isidor. Vorschusslorbeeren misstraute er noch mehr als dem großen Wort.
Josepha Krause, erst ab dem Umzugstag engagiert, half bereits beim Packen, putzte jede Ecke der neuen Wohnung und jeden Winkel des Kellers; sie gab sich besondere Mühe mit dem Hof und dem neuen schmiedeeisernen Tor. »Die Leute sollen gleich sehen, dass wir wissen, was sich gehört«, sagte sie. Josepha unternahm auch erste Versuche, den etwas schwierigen Sohn ihrer Arbeitgeberin kennenzulernen. Hierbei war sie ebenso taktvoll wie tüchtig. Mehr als einmal widerstand sie dem Drang, ihre kräftige Rechte in Richtung von Klein Ottos Hintern zu schwingen.
Josepha stammte aus einem Dorf in der Wetterau. Wenn sie Kartoffeln schälte oder Erbsen pulte und die gnädige Frau auch in der Küche war, konnte sie lange und anschaulich von den Äpfeln erzählen, die dort wuchsen und immer nach Bad Nauheim geliefert wurden, sobald die Gattin des Zaren mit ihren hübschen Töchtern und die Geschwister aus Darmstadt zu Besuch kamen. Nach ihrer eigenen Familie, der ein kleiner landwirtschaftlicher Betrieb gehörte, hatte Josepha keine Sehnsucht. Selbst zu Weihnachten zog es sie nicht nach Hause. Sie war in jeder Beziehung genau das, was Damen der vornehmen Gesellschaft zu schätzen wussten: ein Hausmädchen mit Kochkenntnissen, ohne Anhang und ohne eigene Bedürfnisse. Mit so einer ließ sich sehr viel angenehmer Zukunft planen als mit einem Springinsfeld, der noch Rosinen im Kopf und Pfeffer in den Beinen hatte.
Josepha war nicht mehr im Heiratsalter. Sie hatte einen leichten Ansatz zum Kropf und dicke Beine, und sie trug auch sonntags dunkle Kittelschürzen. Nach allgemeiner Erfahrung würde sie keine Gefährdung für die Tugendhaftigkeit des Hausherrn sein, und wenn der kleine Otto heranwuchs, würde es auch keinen Grund geben, um seine Unschuld zu fürchten. Kräftig und gesund war die Josepha, dazu ehrlich, bescheiden, fleißig und fromm. Sie beklagte sich selten und stellte keine Ansprüche beim Essen. Dies alles war der Referenz zu entnehmen, die sie den Sternbergs vorlegte und die auf einer eng beschriebenen Seite bekundete, Fräulein Josepha Walburga Krause wäre ein überaus treues Dienstmädchen gewesen, von dem »man sich nur ungern« trenne. Sie hatte über fünf Jahre in einem Arzthaushalt auf der vornehmen Forsthausstraße im Frankfurter Stadtteil Sachsenhausen gearbeitet. Als sie sich vorstellte, erzählte sie, sie hätte »bei Doktors«, die sich zu ihrem Kummer an die Bergstraße zurückgezogen hatten, sehr oft die gallenkranke Köchin vertreten und so umfassende Kenntnisse in der feinen Küche erworben. Backen, Obst und Gemüse einwecken, Pflaumenmus kochen und Hühner rupfen könne sie auch. »Der Herr Doktor«, plauderte sie schon am zweiten Tag im Hause Sternberg aus, »war ein Vielfraß. Für meinen Schweinebraten hätte der die eigene Mutter verkauft.«
»Das wird Ihnen hier nicht passieren«, beschied ihr Frau Betsy, »wir sind jüdisch und essen kein Schweinefleisch.«
Josepha war erstaunt, jedoch flexibel und gutmütig. Sie nahm keinen Anstoß. »Macht nichts«, entschied sie, »ihr seid’s ja auch Menschen.«
Maria, die Magd mit den zwei linken Händen, stammte aus dem Vogelsberg. In der alten Wohnung hatte sie auf einer Matratze in der Küche geschlafen und sich im Putzeimer gewaschen; sie war absolut darauf eingestellt gewesen, nach Sternbergs Umzug entlassen zu werden. Als sie erfuhr, dass sie mit in die Rothschildallee ziehen und gar eine eigene Kammer bewohnen sollte, war sie überwältigt. Einen halben Tag lang konnte sie nicht mehr als »Ja« und »Nein« sagen. Ihr Mittagessen rührte sie kaum an, obgleich es Linsensuppe gab, die sie besonders gern aß, und zweimal hatte sie Nasenbluten. Das Mädchen mit Zöpfen dick und lang wie die von Rapunzel, war das uneheliche Kind einer Bauernmagd und entsprechend knapp vom Leben bedacht worden. Mit der Aussicht auf eine eigene Stube fühlte sich Maria wie die Prinzessin, die sie einmal in Klein Ottos Märchenbuch gesehen hatte. Fortan träumte sie allerdings nicht mehr von Gold und Geschmeide, sondern von der Ehe mit einem gewissen Werner Hasslinger und einer Wohnküche mit fließendem Wasser. Seit sechs Monaten wurde Maria nämlich an ihren freien Sonntagnachmittagen von Wachtmeister Werner zum Tanzen abgeholt und neuerdings vor Verlassen des Hauses von ihrer schwangeren Dienstherrin streng ermahnt, sich »bloß kein Kind andrehen zu lassen«.
Betsy Sternberg, als Bertha Luise Strauß geboren, neigte nicht oft zu den Ausdrücken, die dem Klassenbewusstsein ihrer Zeit und Gesellschaftsklasse entsprachen. Sie war weder arrogant noch dominant, und sie scheute es, mehr Aufmerksamkeit als nötig zu erregen. Frau Betsy wehrte sich gegen schnelles Lob und oberflächliche Schmeicheleien. Rücksichtnahmen, die ausschließlich ihrem Geschlecht galten, waren ihr nicht genehm. Das änderte sich noch nicht einmal in ihren Schwangerschaften. Gerade in der Zeit der Erwartung war die Hausherrin von auffallend guter Kondition und in bester Laune, tatenfroh und entschlussfreudig.
Betsy war die älteste Tochter des früh verwitweten Preziosenhändlers und Juweliers Siegfried Strauß aus Pforzheim. Er hatte das Mädchen einwandfrei erzogen, allerdings, wie man sich erzählte, ziemlich frei. Zum Befremden der Verwandtschaft hatte Vater Siegfried seine gescheite Tochter angehalten, sich nicht nur manuell zu beschäftigen, sondern sich auch geistig zu entwickeln. Betsy spielte gut Geige und ordentlich Klavier. Sie las jedes Buch über Musik, das ihr Lehrer ihr brachte, rezitierte bei Familienfesten Gedichte von Eichendorff und manch lange Ballade von Schiller. »Und malen tut sie wie Rembrandt«, schwärmte der Großvater.
Dank ihm konnte seine Enkeltochter bereits mit acht Jahren fließend Hebräisch lesen. Von der Großmutter lernte die Zwölfjährige, für den Sabbatabend den traditionellen Mohnzopf zu backen. Französisch parlierte »Straußens Betsy« besser als die vielen Anbeter, die um sie warben. Sie hatte einen Sinn für die Relativität des Lebens und einen analytischen Verstand, der sie davor bewahrte, Ursache und Wirkung zu verwechseln. So war ihr als Ehefrau allzeit bewusst, dass sie den Glanz, der sie umgab, zu einem großen Teil ihrem strebsamen Mann zu verdanken hatte.
Bei jedem Blick in den Spiegel war Johann Isidors Gattin dem Schicksal dankbar, dass die Zeit gnädig mit ihren Reizen umging. Noch mit achtundzwanzig und in den ersten Monaten der zweiten Schwangerschaft wirkte sie wie das junge Mädchen, das zu Hause in Pforzheim mit den Schwestern unter dem Apfelbaum Blindekuh gespielt hatte. Ihr Teint blieb rein, das nussbraune Haar glänzte, die grünen Augen strahlten Lebensfreude aus. Ihr Talent zur guten Laune war Betsys größte Gabe. Drei Brüder hatte sie, die alle studierten, und zwei Schwestern, die schön waren wie Schneewittchen und beide einen Mann mit Doktortitel heirateten, aber sie blieb ein Leben lang Vaters Liebling.
Sie war eine sparsame Hausfrau, in der Ehe fügsam, als Mutter aufopfernd und immer geduldig. Nur wenn es um ihre Kinder ging, wurde sie kühn. Nach der Geburt des zweiten Kindes sollte ein Kindermädchen ins Haus, später eine Gouvernante. »Und irgendwann«, vertraute sie ihrem Mann an, »vielleicht ein Reitlehrer für Otto. Der Kaiser hat schon als ganz kleines Kind auf dem Pferd gesessen.«
»Wir haben ein Haus gebaut, kein Schloss. Merk dir das, mein liebes Kind. Wer zufrieden ist mit dem Ei, braucht die Henne nicht dabei.«
Nicht nur zufrieden, sondern pfauenstolz war dieser maßvolle Ehemann, wenn er zum Diner einlud. Da galt die üppige Tafel als selbstverständliches Recht der Gäste und nicht als Herausforderung des Schicksals. Frau Betsy kochte superb, sehr viel raffinierter als dies in Hessen üblich war, und stets auf höchstem kulinarischen Niveau. Auch das verdankte sie ihrem Vater – Juwelier Siegfried Strauß hatte eben in jeder Lebenslage bedacht, dass es bei einem kostbaren Stein auf den perfekten Schliff ankommt. Als sein Herzensjuwel die Schule für höhere Töchter absolviert hatte, schickte er es für ein Jahr auf ein berühmtes Etablissement nach Montreux. Dessen Schülerinnen wurden zu perfekten Hausfrauen und zu Gastgeberinnen erzogen, die sich ebenso gut zu unterhalten wussten, wie sie kochen und backen und mit ihrem Personal umgehen konnten; so manche Achtzehnjährige wurde direkt von der Schulbank weg geheiratet. Von feinen Herren, die es sich finanziell leisten konnten, die präsumtive Braut erst anzuschauen und dann nach der Höhe der Mitgift zu fragen.
Der orthodoxe Teil der Familie Strauß schüttelte den Kopf. Man war sich einig, der »meschuggene Siegfried« würde »das arme Mädchen mit seinem goischen Getue« der eigenen Familie und dem Glauben der Väter entfremden. Indes nahm Betsy auch nicht einen Hauch von Schaden durch die Begegnung mit der Welt jenseits des eigenen Tellerrands. Beim Abschied von der Schweiz empfand sie Kochen nicht als Verpflichtung und Bürde einer Ehefrau, sondern als Kunst. Die feine französische Cuisine war ihr ebenso vertraut wie die schmackhafte Küche ihrer badischen Heimat. Sie kannte Rezepte, die noch in keinem deutschsprachigen Kochbuch standen. Freunde und Bekannte, die im Hause Sternberg dinierten, berichteten beeindruckt von sautierten Lendenschnitten, Boeuf à la bourguignonne und Gänseleberkrustaden.
»Und das an einem gewöhnlichen Mittwoch«, wusste Frau Rose zu berichten. Ihr Mann hatte eine Fabrik für Lederwaren, und sie verbrachte jeden Sommer in Karlsbad und kannte sich mit dem Leben der feinen Leute aus.
Frau Betsy war es selbstverständlich, sich von ihrem Mann leiten zu lassen. Nur ein einziges Mal in ihrer Ehe ergriff sie die Initiative, als sie von dem Häuschen vor den Toren der Stadt erfuhr, das Johann Isidor zu kaufen beabsichtigte. Wenn er sich abends, ermüdet von einem langen Tag, zu Tisch setzte, wurde die Hüterin des Hauses aktiv. Sie hatte immer wieder neue Argumente zur Hand, die für ein Mietshaus in der Stadt sprachen. An einem Freitagabend, zwischen gefülltem Hecht und Hühnersuppe, erwähnte die Taktikerin ihren seligen Onkel Heinrich. Dies tat sie mit Kalkül. Der Unvergessene hatte es zu einem Vermögen gebracht, das noch zehn Jahre nach seinem Tod von der gesamten Verwandtschaft als außergewöhnlich bezeichnet wurde. »Nur Dumme und Träumer verwohnen ihr Kapital«, hatte Onkel Heinrich den Seinigen gepredigt, wann immer einer ein Haus hatte kaufen wollen, das lediglich der eigenen Familie Platz bot. Noch als ihm zwei Häuser in Pforzheim gehörten und eins in Baden-Baden und er es sich hätte leisten können, auch montags Hühnchen zu essen, vermietete er zwei Zimmer in seiner eigenen Wohnung.
Johann Isidor Sternberg betrachtete das Porträt von Betsys seligem Onkel; vom ersten Tag seiner Ehe hatte es an der Wand des Esszimmers gehangen. Lange dachte der Hausherr nach, knapp sagte er: »So!« Seine Stirn rötete sich ein wenig. Zehn Minuten später gab er nach, wobei erstmals die Vermutung in ihm keimte, dass er eine mehrfach gesegnete Frau zur Gattin erwählt hatte. Gott hatte die Schöne nicht nur mit geschickten Händen, einer vorsichtigen Zunge und einem sonnigen Gemüt bedacht, sondern auch mit einem Kopf, der auf Männerschultern gehörte.
Zum ersten Mal seit ihrem siebten Geburtstag, als sie eine lang ersehnte blond gelockte Puppe bekommen und prompt versucht hatte, für die noch ein Samtcape herauszuschlagen, begnügte sich diese Prachtfrau nicht mit einem Sieg. Drei Tage nach dem denkwürdigen Abendessen begann sie, von einem Anwesen in der Günthersburgallee zu reden. Die Straße zweigte von beiden Seiten der Rothschildallee ab. Das Haus, das es Betsy angetan hatte, war im neoklassizistischen Stil aus rotem Sandstein erbaut und glich einer Burg. Es hatte Erker, Fenster in verschiedenen Größen, Türmchen und Balkons mit kleinen griechischen Säulen. Diese architektonische Schönheit, vor einem Jahr erbaut, war nur deshalb zu haben, weil der präsumtive Käufer in Bad Homburg einen schweren Reitunfall gehabt hatte und seitdem nicht mehr handlungsfähig war.
Betsy hatte das Haus auf einem Spaziergang mit Otto entdeckt. »Ein solches Haus putzt den Besitzer heraus«, reimte sie, als sie bei Sonntagskaffee und Zwetschgenkuchen davon erzählte. »Was würden uns die Leute beneiden.« Noch ehe sie theatralisch seufzte, brannten ihre Wangen; sie senkte beschämt den Kopf. Ihr Mann sah sie befremdet an.
»Hochmut kommt vor dem Fall«, rügte er, »das beste Geschäft ist das, von dem man nicht spricht.« Obwohl er verärgert war, zeigte sich der Ehemann großzügig und führte Betsys momentane Unbescheidenheit auf ihren Zustand zurück. Aufgeschlossene Männer akzeptierten, dass Frauen in Hoffnung dazu neigten, ihre Grenzen zu überschreiten. »Ich werde mal sehen«, lächelte der Kluge, »ob es nicht doch noch etwas mit deinem Wunsch wird, das Esszimmer und den Salon mit Parkett zu versehen.«
»Wie schön«, sagte Betsy. Ihr zweiter Seufzer war einer der Erleichterung.
Übrigens hatte sich Johann Isidor Sternberg das zum Verkauf stehende Haus in der Günthersburgallee tatsächlich angesehen. Es entsprach weder seinem Geschmack noch Naturell. »Das ist etwas für Leute, die nicht gelernt haben, den Schein vom Sein zu trennen«, hatte er dem anbietenden Makler erklärt. Ein wenig schroff und sehr bestimmt.
Von seinem seligen Vater, einem Viehhändler aus Schotten in Oberhessen, hatte Johann Isidor rechtzeitig gelernt, dass ein Mann nie als wohlhabend auffallen sollte. »Ein bescheidener Rahmen«, hatte der Vater seinem Sohn eingetrichtert, »ist wichtiger als ein neuer Überzieher.«
So hatte der Weitsichtige sich für den Bau des Hauses in der Rothschildallee entschieden.
Der Sohn, der die Lektionen des Vaters nie vergaß, regte auch an, die erste Mahlzeit im neuen Heim bescheiden zu halten. »Der Kaiser hat Geburtstag«, mahnte er, als Betsy dabei war, das Menü für den Samstagabend zu planen, »nicht ich.«
»Wir haben doch extra Tante Luise eingeladen, mit uns zu feiern.«
»Gerade die hat nichts übrig für Leute, die ihr Geld nicht zusammenhalten können. Wäre es anders, wären wir noch einige Jahre im Sandweg wohnen geblieben. Das kannst du mir glauben.«
Gegen Stolz und Hausfrauenehre kämpfen selbst Despoten vergebens. Es gab Hechtklöße als Vorspeise, Florentiner Kraftbrühe nach dem Rezept von Madame Suzette im Pensionat in Montreux, Kalbfleisch in Madeira, Hähnchen in Burgunder und Pommes de terre dauphine, zum Nachtisch den Mandelkranz, dem Tante Luise nie widerstehen konnte. Frau Betsy war in bestem Einvernehmen mit der reich gedeckten Tafel, blendender Laune und hoffnungsfroh wie eine junge Braut.
Die Witwe Luise Dreifuß hob ihr Glas. Der Rotwein funkelte im Licht des neuen Lüsters. Verzückt sah die alte Dame ihren Lieblingsneffen an. Eine Nacht im Mai, von der außer ihr niemand mehr wusste, fiel ihr ein. »Zum Wohl«, sagte sie. »Durch Weisheit wird ein Haus gebaut und durch Verstand erhalten. Mich macht der Gedanke überglücklich, dass deine Enkel noch um diesen Tisch sitzen und sich am Mandelkranz ihrer Großmutter erfreuen werden.«
Johann Isidor Sternberg war weder abergläubisch noch fromm. Trotzdem widerstrebte es ihm, Zukunft zu beschwören. Er schaute erst auf den gewölbten Leib seiner Frau und dann zum Stuck an der Zimmerdecke. »So Gott will«, sagte er leise.