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DEUTSCHE BALKONS
Frankfurt, Sommer 1914
Josepha stand auf dem Balkon. Ihre gestärkte dunkelblaue Kittelschürze mit der schmucken weißen Paspelierung, die sie sonst nur sonntags trug, zeigte an, dass sie nicht im Dienst, aber trotzdem bereit war, getreulich ihren Pflichten nachzugehen. Obwohl der Balkon um die Mittagszeit im Schatten lag, war die Luft angenehm warm. Josepha atmete tief ein – wie es ihr der Posaunist Waldemar Mitalsky vom Kurorchester zu Bad Nauheim beigebracht hatte. In der Maienzeit, als die Kirschbäume und Fliederbüsche auch für sie geblüht hatten, war der Mitalsky jeden Samstagabend mit ihr tanzen gegangen, doch wegen der Aussteuer und weil Trudchen die einzige Tochter des Bauern Breitfuß und somit Hoferbin war, hatte er die mit den krummen Füßen geheiratet. »Richtig zum Anfassen«, murmelte Josepha. Sie meinte nicht ihre Erinnerungen, sondern das Sommerwetter im Allgemeinen und den Junikäfer, der auf einem Blatt Kapuzinerkresse saß und Glück versprach.
Ihr Lieblingssatz »Der Fleiß verjagt, was Faule plagt« war an diesem schönen blauen Montag eine Redensart ohne Bedeutung. Josepha, die sich gewöhnlich nur Ruhe gönnte, wenn ihr Kreuz zu brechen drohte, empfand es als eine Freude, die sie bis ins Innerste erwärmte, dass sie den Regulator im Salon eins schlagen hörte und sie sich so benehmen durfte wie die feinen Damen, für deren Wohl ausschließlich fremde Hände sorgten. Seit genau elf Tagen brauchte sich die von jedermann geschätzte Köchin im Hause Sternberg keine Gedanken zu machen, was in ihren Töpfen schmoren und in ihren Pfannen braten würde, ob sie die Kohlrabi mit oder ohne Grünzeug servieren sollte und ob sich am Sonntag zum feinen Bürgermeisterstück vom teuersten Metzger auf der Berger Straße eine Dillsauce besser ausnahm oder die mit Meerrettich, für die Erwin und Clara schwärmten. Es waren keine Kartoffelgratins vorzubereiten, weder Gemüseaufläufe noch Ragouts in den Ofen zu stellen. Für das Einwecken der Frühkirschen und die Zubereitung der Erdbeermarmelade hatte die fürsorgliche Hüterin von Küche und Keller noch mehr als drei Wochen Zeit, ebenso für das zugesagte Aussortieren der Töpfe und Kochlöffel, die der Hausfrau nicht mehr gefielen.
Josepha genoss ihren Urlaub von der täglichen Pflicht. Sie hatte ihre Hände eine halbe Stunde lang in Seifenlauge gebadet, die Fußnägel geschnitten, die Ellbogen mit Sandpapier abgeschmirgelt, ihr Haar gewaschen, mit Bier gespült und zu einem dicken Zopf geflochten. Der lag um ihren Kopf und wirkte wie eine Krone aus hellbraunem Samt. Abermals dachte Josepha, was sie merkwürdig fand, weil es so lange nicht geschehen war, an das Trudchen mit den krummen Füßen. Die hatte inzwischen sechs Kinder und einen Leib, der sie stets aussehen ließ, als wäre sie mit dem siebten schwanger. Im Ort erzählte man sich, ihr Mann hätte die Posaune verkauft und die Magd vom Nachbarn geschwängert. Zudem käme er nie aus den Federn, wenn die Tiere versorgt werden müssten oder ein Kind krank sei.
Die Frau, die der schöne Waldemar für zehn Schweine und zwei Kühe verraten hatte, stemmte ihre Arme in die Hüften. Ihre Haut roch angenehm frisch nach der guten Kernseife, die Frau Betsy eigens für ihr Personal zu kaufen pflegte. Gut gelaunt nickte sie dem Kanarienvogel zu. Um Victorias Liebling eine Freude zu machen, stellte Josepha bei gutem Wetter sein Vogelbauer auf den Balkon und spendierte ihm ein Stück Apfel. »Aber müßig bin ich nicht«, erklärte sie dem einzigen Hausgenossen, der ihr geblieben war. »Das macht bei mir keinen Unterschied, ob unsere Leute zu Hause sind oder ob sie im Ausland Spätzle oder sonst einen Unsinn essen, den sie bei mir nie anrühren würden.«
Unterhaltungen mit einem Vogel waren sonst nicht Josepha Krauses Art. Wer jedoch in einem Haus mit vier Kindern und einer Klavier spielenden, sangesfreudigen Chefin lebte, war Stille nicht gewohnt und hatte in regelmäßigen Abständen das Bedürfnis, wenigstens die eigene Stimme zu hören. In einer Hand hielt sie ein üppig mit Butter und feiner Kalbsleberwurst bestrichenes Brot, in der anderen ein Stück geschälten Apfel für den Kanari. Zum Dank für die ihm erwiesenen Aufmerksamkeiten zwitscherte der die Melodie, von der Victoria jedermann erzählte, sie hätte sie ihrem Herzensfreund beigebracht und es handele sich um »Kommt ein Vogel geflogen«.
»Das«, sagte Josepha, »kannst du deiner Großmutter erzählen.« Sie überlegte, ein wenig erschrocken, in welchem Alter Frauen, die niemanden mehr hatten, mit dem sie Freude und Leid teilen konnten, mit Vögeln und streunenden Katzen zu reden begannen. »Nein«, sagte sie energisch. Josepha war sicher, dass es nicht lange dauern würde, ehe sich auf der Straße eine Nachbarin zeigte oder sonst jemand, den sie kannte. Gerade in der Ferienzeit, wenn es nicht genug zu tun und zu denken gab, unterhielt sich Josepha gern mit den Frauen aus dem Haus. Eine gemütliche Plauderei, der Austausch von Neuigkeiten und Erfahrungen und der Vergleich der eigenen körperlichen Malaisen mit denen der anderen gehörte zu den kleinen, unschuldigen Freuden von Menschen, die, wie Josepha es zu formulieren pflegte, »ihr sauer verdientes Geld nicht denen von der Eisenbahn in den Rachen werfen«.
Alle Vorschläge von Frau Betsy, während der Baden-Badener Kur des Hausherrn sich wenigstens einige Tage bei ihrer Familie in Bad Nauheim zu erholen, hatte Josepha mit dem gekränkten Ausdruck abgelehnt, der auch bei Dingen von weniger Wichtigkeit anzeigte, dass ihr schier Unvorstellbares zugemutet worden war. Selbst der Hinweis der besorgten Hausfrau auf das Alter ihrer Köchin, die ja zwei Jahre älter war als sie selbst, und auch die wohlmeinende Erinnerung an den Umstand, dass deren Mutter im Herbst ihren Achtzigsten begehen würde, hatten Josepha nicht umstimmen können. »Was soll ich in den kleinen Stuben von meinen Verwandten?«, hatte sie gefragt. »Und Fleisch essen die nur am Sonntag. Und nie vom Kalb. Und das Brot ist auch nie frisch, damit es sich nicht so schnell aufbraucht. Das ist nichts für eine, die doch ihr Leben lang ihr Geld mit ihrer feinen Zunge verdient.«
Mit der rhetorischen Frage, wem gedient wäre, wenn sie ihre eigenen Koffer packte, lehnte Josepha es seit Jahren ab, ihre vertraute Umgebung länger als einen Nachmittag zu verlassen. »Ich bin keine, die in der Gegend herumzigeunert«, pflegte sie zu sagen. Aus ihrer Sicht war das logisch. Josepha war wahrlich keine gewöhnliche Köchin mit festgelegter Arbeitszeit und fest umrissenem Pflichtenkreis. Der schenkte man zu Weihnachten keine wollene Unterwäsche und grinste wissend, wenn sie bei der kleinsten Missstimmung mit Kündigung drohte – und blieb.
Eine von Josephas Schlag kündigte nicht. Sie war seit vierzehn Jahren und drei Monaten im Haus, sie gehörte zur Familie, erstellte keine Bilanzen über getane Arbeit und rechnete nicht nach, ob sie auf ihre Kosten kam. Vom Hausherrn wurde sie wie eine Dame behandelt, die sich selbst eine Köchin hätte leisten können. Der Haufrau war sie eine aufopfernde Stütze, fast eine Freundin: Sie wusste viel und verstand doch zu schweigen. Für die Kinder war Josepha konspirative Mitwisserin, Retterin aus jeder Not und Beichtfrau.
Sie war das Leben in geräumigen Zimmern und im großen Zuschnitt gewöhnt. Mamsell Krause hatte keine Achtung vor Häusern, in denen Schmalhans Küchenmeister war, aß nicht von einem angeschlagenen Teller und trank aus keinem angestoßenen Glas. Wenn sie sonntags zur Kirche ging, trug sie Handschuhe und Hut. Ihre Schuhe wurden vom Zweitmädchen geputzt, die Blusen und Röcke von ihr gebügelt. Es war noch nicht einmal so bestellt, dass sich Josepha besser dünkte als jene, die ihr gleich gewesen waren, doch hatte sie sich dem häuslichen Nest, aus dem sie einst in die feine Welt aufgebrochen war, Jahr um Jahr ein weiteres Stück entfremdet. Fräulein Krause, ledig geblieben, weil sie nach der Enttäuschung mit dem treulosen Posaunisten kein Verlangen mehr gehabt hatte, ein eigenes Leben aufzubauen, war ausschließlich an der Grenze zwischen dem Frankfurter Nordend und dem Stadtteil Bornheim zu Hause – im ersten Stock der Rothschildallee 9. Wenn sie morgens aus ihrem Mansardenfenster schaute und die Bäume und grün leuchtenden Grasflächen sah, die die breite Avenue teilten, schnupperte ihre Nase Heimat. Ihre Seele ebenfalls.
Bis auf Otto, der Josepha, was sie nur unter der Folter eingestanden hätte, so rätselhaft und fremd geblieben war wie an ihrem ersten Arbeitstag bei den Sternbergs, hatte sie alle Kinder von Geburt an betreut. Sie hatte sie mit Liebe und Zuckerwerk getröstet und im Ernstfall vor der strafenden Hand ihrer Eltern geschützt. Die Zwillinge und Victoria waren von ihr verwöhnt worden, als wären sie Königskinder und sie ihre untertänige Zofe.
Geschah es doch einmal, dass dieses Juwel sich zu einem Besuch nach Bad Nauheim aufmachte, fühlte sie sich als Reisende in einem fremden Land. Josepha konnte mit ihrer Familie reden, aber die Antworten verstand sie nicht. Vor allem störte es sie, dass sie um des Friedens willen vorgab, nicht zu wissen, dass ihre Schwestern, die Brüder und Cousinen, die Mutter und deren sämtliche Bekannte schon seit Jahren einander zuraunten: »Die Josepha schafft beim Juden und ist selbst nicht mehr ganz koscher.«
Der Sommer steigerte Josephas Reiseunlust. Wenn die gute Gesellschaft in die Heil- und Seebäder aufbrach, zur Sommerfrische aufs Land und in die Berge, veränderte die Stadt ihr Gesicht. Frankfurt wurde still, die Farben weich, die Nächte sanft. Die Sommerstadt brachte gute Träume. Dann beliebte Josepha Krause, die Köchin mit den guten Zeugnissen und den guten Erfahrungen, das Leben wie eine Weihnachtsgans zu tranchieren und die besten Stücke für sich zu reservieren. Sie empfand es als einen Genuss ganz eigener Art, allein zu sein. Es machte sie stark, sich als Alleinherrscherin der Wohnung zu fühlen. Jedes Stück gehörte ihr – die mokkafarbenen Backensessel mit losem Daunensitz, das elegante Sideboard mit der goldenen Tischuhr im Esszimmer, Frau Betsys Frisierkommode mit dem venezianischen Spiegel, der Couchtisch mit den Löwenfüßen, alles gehorchte ihr aufs Wort und tanzte allein nach ihrer Pfeife.
Die Waschfrau wurde in der Ferienzeit von Josepha mit allen Aufgaben betraut, zu denen sonst die Zeit nicht reichte. Der Kohlenmann wurde bestellt, dem Gärtner Auftrag gegeben, die Hecke im Vorgarten zu schneiden, die Federbetten zum Aufarbeiten gebracht. Mit fester Hand wurde das Mädchen fürs Grobe dirigiert. Hanna mit einem schwer auszusprechenden Nachnamen, den zu merken sich niemand in der Familie Sternberg die Mühe machte, war seit zwei Jahren im Haus. Sie stammte aus Beerfelden im Odenwald, hatte ständig Heimweh und Sehnsucht nach ihren Eltern, den fünf jüngeren Geschwistern und dem Sohn vom Müller Merkental, dem sie versprochen war. Für den wollte sie in Frankfurt lernen, was eine Frau fürs Leben zu wissen hatte, doch fürchtete sie sich bei jedem Schritt nach draußen, entweder von einem Auto überfahren oder von dem kräftigen jungen Mann verschleppt zu werden, der wöchentlich die Eisblöcke ins Haus brachte. Der Grobian unterließ es nie, dem verschüchterten Mädchen so auf den Hintern zu schlagen, wie er es von seinen beiden Gäulen gewohnt war. Glücklich war Hanna nur, wenn sie von Frankfurt nach Beerfelden fuhr.
Hauptsächlich um Hanna zu demonstrieren, wie unabhängig und frei sie selbst war und welche Wertschätzung sie bei den Sternbergs genoss, hatte die Regentin auf Zeit ihrer rechtlosen Dienerin drei volle Tage freigegeben, um nach Beerfelden zur Hochzeit ihrer Cousine zu fahren. Das vom Glück überwältigte Geschöpf hatte stammelnd versprochen, mit dem Rezept ihrer Mutter für Apfelweinsuppe und einem Eimerchen Walderdbeeren rechtzeitig zurückzukehren, und war von ihrer Gönnerin mit dem Satz verabschiedet worden: »Hau schon ab, ehe ich’s mir anders überlege, denn gedankt kriegt man ja sein gutes Herz sowieso nie.«
Als die zwei Autodroschken, die der rechtmäßige Herrscher des Hauses am Hauptbahnhof für sich und die Seinen, für die Kofferberge und die zwei großen Hutschachteln organisiert hatte, vor dem schmiedeeisernen Tor in der Rothschildallee 9 hielten, hatte Josepha gerade begonnen, die Balkonbepflanzung zu versorgen. Noch im Jahr darauf tat es ihr gut, sich die Szene zu vergegenwärtigen. Das Bild war sommerlich, friedlich und federleicht, eine nach Rosen duftende Idylle unter einem Himmel ohne Wolken.
Josepha, die Frau in der Sonntagsschürze und mit der geflochtenen Haarkrone, spürte einen Hauch von Jugend auf ihrer Haut. Sie ließ einen feinen Wasserstrahl auf die weißen, rosa und violetten Wicken regnen. Auf den zarten Blumenköpfen glitzerten die Tropfen in den Farben des Regenbogens. Alle Jahre wieder wurden in den grünen Balkonkästen Wicken gepflanzt. Der Hausherr wollte es so, Wicken waren seine Lieblingsblumen. Er allein kannte den Grund.
Auf einem mit kleinen gelben Kacheln bestückten Blumenhocker standen – in voller Blüte – Victorias geliebte Tränende Herzen. In verschnörkelten Blockbuchstaben hatte Otto »Königin Victoria« auf den braunen Tontopf geschrieben. Diese Hommage war Bruderpflicht gewesen, hatte doch der Unverbesserliche seiner unschuldigen kleinen Schwester weisgemacht, Tränende Herzen wären Wunderblumen mit besonderer Zauberkraft. Sie würden vor strengen Lehrern, schlechten Zensuren, Milchhäutchen auf dem Kakao, Tintenklecksen im Heft und auf weißen Schürzen, vor Spinat, Erbsen, Bohnensuppe und einem plötzlichen Tod in der Familie schützen.
»Und vergiss nicht«, hatte der schamlose Spitzbube geschworen, »dass auch dein Kanarienvogel zu unserer Familie gehört.«
Die gutmütige Josepha hatte vor der Abfahrt nach Baden-Baden mit erhobener Rechten versprechen müssen, die Tränenden Herzen zu hegen und zu pflegen und ihnen jeden Abend zu erzählen, dass Victoria sich einen sprechenden Frosch mit einer Prinzenkrone als Bettgenossen wünschte.
Der Kanarienvogel zirpte ein Danklied für das Apfelstück und ließ wissen, ein zweites würde ihm munden. »Du Vielfraß«, sagte die, die selbst Vögel verwöhnte.
Genau in dem Moment, da sie das zweite Apfelstück zwischen die Gitter vom Käfig klemmte, wurde ihr klar, wer da soeben den zwei Droschken entstiegen war und dass sie, Josepha Krause, in spätestens zehn Minuten Frau Betsy würde erklären müssen, weshalb sie Hanna eigenmächtig Urlaub gewährt hatte. Josepha stöhnte, als sie begriff, dass sie auf einen Schlag als Alleinherrscherin der Wohnung entthront war. Ihre Finger wurden winterklamm, ihre Beine schwankten. Sie selbst starrte so entsetzt in die Tiefe, als hätte sich soeben das Tor zur Hölle vor ihr aufgetan. »Mein Gott«, murmelte Josepha.
Trotz des Schreckens, von dem sie den Eindruck hatte, er würde alles Blut aus ihrem Körper ziehen, registrierte sie jede Einzelheit. Der Hausherr, noch mit der weißen Mütze, die er zu den Baden-Badener Kurkonzerten getragen hatte, und Frau Betsy in ihrem langen grauen Reiserock und mit der schwarz-weiß gestreiften, streng hochgeschlossenen Bluse standen nebeneinander und schauten nach oben. Obgleich die Familie nur elf Tage fort gewesen war, hatte Josepha Hemmungen, wie sie es sonst immer tat, wenn die Familie von einer Reise zurückkehrte, nach unten zu winken und »Willkommen daheim« zu rufen. Sie starrte auf die Zwillinge. Die beiden knufften einander wie in ihren Kindertagen und taten so, als würden sie boxen und treten, doch Josepha konnten sie nicht täuschen. Die Kinderkennerin durchschaute sofort, dass die Munterkeit ihrer geliebten Rabauken nur gespielt war. Clara war zu blass, Victorias Gesicht selbst aus der Entfernung feuerrot. Zweifellos hatte sie längere Zeit geweint.
»Alles wegen dem erschossenen Österreicher«, sagte Josepha die Hellsichtige zum Kanarienvogel. Obgleich sie in der Zeitung nie die aktuellen Nachrichten und erklärenden Berichte las, sondern immer nur das Neueste vom Kaiserhof in Berlin und aus den hessischen Adelshäusern, wusste sie besser in der Welt Bescheid als mancher Mann. Sie konnte Deutschlands Kolonien in Afrika aufzählen und wusste, dass der deutsche Reichskanzler von Bethmann-Hollweg hieß. Erwin, der sich von Kindheit an für das Geschehen auf den Weltmeeren interessierte, hatte ihr die Namen von vier deutschen Kriegsschiffen und einem englischen Schlachtschiff beigebracht.
Die beiden Droschkenfahrer holten die Koffer aus den Wagen, stapelten sie auf der Straße und griffen nach den vier größten. Sie ächzten laut, um klarzustellen, dass sie ein solches Gewicht nicht gewohnt wären, erreichten aber trotzdem mit nur wenigen Schritten das Hoftor. Otto sprang herbei und machte es auf, worauf die Kofferträger gleichzeitig »Hui« und »Hott!« riefen, als hätten sie es immer noch mit Pferden zu tun. Einen Moment schauten sie sich enttäuscht um, weil ihr Witz nicht gezündet hatte; dann liefen sie weiter zur Haustür.
Ein plötzlicher Windstoß wehte einen grünen Sommerhut mit breitem Rand über die Straße und mitten in ein Rosenbeet auf dem Rasenstreifen, der die Rothschildallee in der Mitte trennte. »Los, Erwin«, rief sein Vater mit einer Stimme, die donnerlaut und ungewohnt unfreundlich war, »halt die Maulaffen nicht feil. Beweg’ dich endlich und hol den Hut zurück.«
Jettchen, der der teure Hut so roh entrissen worden war, als wäre er ein wertloses Stück Papier, griff sich an den Kopf mit dem flatternden Haar und schrie erschrocken auf. »O Gott«, jammerte sie, »wenn das nicht ein böses Omen ist.« Erst als sie die Stimme hörte, wurde es Josepha klar, dass die Doyenne der Familie mit nach Frankfurt gekommen war und dass Hanna noch nicht, wie von Frau Betsy vor der Abfahrt befohlen, das Gästebett frisch bezogen hatte.
In den erstarrten Körper der tüchtigsten Köchin am Schnittpunkt zwischen dem Frankfurter Nordend und dem Stadtteil Bornheim kehrte das Leben so plötzlich zurück, wie es entflohen war. Josepha, vor zehn Minuten noch wohlig in einem daunenweichen Kissen aus Sommerträumen gebettet und dann von einer erbarmungslosen Schicksalshand wach gerüttelt, konnte mit einem Mal wieder denken und lenken. Vor allem konnte sie so reagieren, wie es sich für eine gehörte, deren Loblied von ihrer Herrin bei jedem Damenkränzchen in höchsten Tönen gesungen wurde. Die Wunderköchin befeuchtete die Lippen mit ihrer allerorten gepriesenen feinen Zunge; angestrengt überlegte sie, wie sie in der Zeit, die ihr verblieb, ein standesgemäßes Abendessen für sieben Personen auf den Tisch stellen sollte. Im Geiste inspizierte sie Speisekammer und Keller. Einen schrecklichen Augenblick, der zum Glück nicht länger währte als ein Wimpernschlag, geriet ihr Leben noch einmal aus dem Lot – mit schweißnasser Stirn grübelte sie, wie aus zwei Eiern und einem Rest Bordeaux eine schmackhafte Weincreme zum Dessert herzustellen wäre.
Für die Köchin Josepha Krause aus Bad Nauheim, ledig, pflichtbewusst und zuverlässig, hatte es bis dahin keinen Knoten gegeben, den sie nicht wie Alexander der Große mit kühnem Schwert zu zerschlagen wusste. Nun aber bedeckte sie ihr Gesicht mit den Händen – wie ein altes Klageweib, das nichts gelernt hat, als seinen Jammer in die Welt zu schreien. Dreißig Sekunden zu spät wurde sie sich gewahr, dass sie vergessen hatte, vor ihrem Reuebekenntnis die Gießkanne aus der Hand zu tun.
Die schöne grasgrüne Kanne, auf einer Seite mit dem Bild einer lachenden Sonne verziert, unmittelbar vor den Schulferien in dem Haushaltsgeschäft Lorey gekauft, das zum Beginn der Saison hübsches und preiswertes Gerät für Haus und Garten feilbot, stürzte hinab. Sie fiel wie ein in der Luft von Kugeln durchsiebter Raubvogel in die Tiefe und prallte mit Donnerknall erst gegen eine der beiden Betonsäulen am Hofeingang und dann auf das Straßenpflaster.
Erwin, Tante Jettchens grünen Hut wie eine Siegestrophäe schwenkend, brüllte: »Tor!« Theatralisch schlug er die Hacken zusammen, mit der Linken salutierte er. Noch mochte Erwin keine Gelegenheit auslassen, um der Welt vorzuführen, dass er zum forschen Jüngling herangereift war, der mit der Zeit ging und sich sogar für Fußball interessierte. In Wirklichkeit lagen die Dinge diametral umgekehrt. Jede Sportart erschien dem sensiblen Jungen grob, jede körperliche Berührung auf dem Spielfeld und in der Turnhalle zu intim.
Josepha senkte ihren Kopf. Sie seufzte beschämt ein leises »Ach«, und wie ein Kind, das ein zu hastig gesprochenes Wort in die Kehle zurückholen will, schlug sie sich auf den Mund. Frau Betsy, gleich stark verärgert über den Sturz ihrer neuen Gießkanne und Erwins alberner Reaktion auf eine häusliche Kalamität, beobachtete ihre Köchin mit Augen, die keine Milde und erst recht kein Mitleid erkennen ließen. Ihre Stimme war ungeduldig und schrill. »Josepha«, rief sie nach oben, »schicken Sie uns doch endlich die Hanna herunter, damit sie den Männern mit den Koffern hilft. Muss ich denn alles einzeln anordnen?« Plötzlich, als läge nicht schon Vorwurf genug in dieser harsch befehlenden Stimme, brüllte die Dame des Hauses so laut und erschreckend los, dass jedes einzelne Wort zu hören war – von der benachbarten Egenolffstraße bis zur zweihundert Meter entfernten Höhenstraße. »Mein Gott, Victoria, hör endlich auf zu plärren. Ich schwöre dir, wenn du noch einmal von den verdammten Pflaumen anfängst, kriegst du von mir die erste Backpfeife deines Lebens. Und dann wirst du wenigstens wissen, weshalb du heulst.«
»Besser, du lernst beizeiten, dass das Leben ungerecht ist, arme kleine Prinzessin«, sagte Otto. Seine Stimme tröpfelte Ironie in ihre verwundete Seele, und er lachte so grob, wie nur große Brüder lachen, wenn sie der kleinen Schwester den Wein der Erkenntnis einschenken. Als er Victoria hochhob und an seine Schulter drückte, waren seine Augen jedoch voller Mitleid. Zärtlich rieb er sein Kinn an ihrer Wange.
Victoria sprach nie von dem Tag, da Otto, der Riese, der für gewöhnlich einem vorwitzigen kleinen Mädchen nicht mehr Beachtung zukommen ließ als den Gänseblümchen auf den Frühlingswiesen, so zärtlich gewesen war wie ein Teddybär in mondloser Nacht. Mit jedem Atemzug zermalmte er ihren großen Kummer zu einem winzigen Staubkorn, und ihr ganzes Leben erinnerte sie sich an den Duft seiner Haut in jenem Glücksmoment, da er und sie die einzigen Menschen auf der Welt gewesen waren.
Selbstverständlich vergaß die mit dem guten Gedächtnis auch nie die Baden-Badener Schokoladenpflaumen im raschelnden Goldpapier, die ihr für den Tag der Abfahrt versprochen worden und durch den überstürzten Aufbruch ihrer Eltern aus dem gastlichen Badhotel zum Hirsch entgangen waren. Bis die Zeit ihr die Träume stahl und sie zu einer Wissenden machte, war Victoria überzeugt, es wäre nur deshalb zum Krieg gekommen, weil ein neidischer kleiner Teufel ihr die Schokoladenpflaumen aus Baden-Baden missgönnt hätte.
Die eigene Welt, das Haus mit seinen im Jahr davor frisch verputzten Mauern und den frisch gestärkten Stores in jedem Fenster, der Vorgarten mit den Teerosen, die im Jahr 1914 üppiger blühten als je zuvor, die Mauersegler, die noch lange nicht an Abschied dachten, ein Laubfrosch aus Zelluloid, der seit Frühlingsbeginn im Gebüsch logierte, hießen die Heimkehrer aus Baden-Baden willkommen. Über die Grünanlage, die die Allee teilte, spannten die Baumkronen ein Dach aus Schatten und Sommer. Ein weißer Mercedes mit blitzendem Chrom fuhr zügig von der Nibelungenallee heran. Der Fahrer hupte drei barfüßige Buben herrisch von der Straße und fuhr feindselig auf ihren roten Ball zu, doch die Jungen hielten den Männerzorn für einen Scherz und zeigten ihm lachend eine lange Nase.
»Bravo«, spornte sie Erwin an und verbeugte sich, Tante Jettchens abenteuerdurstigen grünen Hut noch immer in der Hand.
Frau Betsy zwinkerte ihrem Mann zu, weil sie bisher doch als Einzige in der Familie wusste, dass er ein Auto bestellt hatte, doch Johann Isidor wandte sich ab, ehe seine Augen ihn verraten konnten. Wieder einmal wusste er mehr als seine Frau. Er hatte vor, mit dem Autohaus zu verhandeln, ob er den Kaufvertrag für den Adler rückgängig machen könnte, wenn es zum Krieg kommen sollte.
Vom Bürgersteig stiegen kleine Dampfwolken nach oben. Die Rothschildallee war der Hitze wegen nass gespritzt worden. Sie sah so sauber aus wie die Straßen auf den Ansichtskarten, die Johann Isidor im Laufe der Jahre sehr viel Geld eingebracht hatten. Vor dem kleinen Gemüseladen an der Ecke zur Martin-Luther-Straße war der Vorgarten eine frei zugängliche Grünfläche. Auf ihr standen helle Holzkisten mit Erdbeeren aus Kronberg. Auch die Frühkirschen von der Bergstraße, in kleinen Körbchen präsentiert, leuchteten rot. Victoria folgte dem Blick ihrer Mutter, doch statt der mundwässernden Erdbeeren sah sie nur den Spinat; sie schniefte so heftig, als würde er bereits gekocht vor ihr stehen. Mit verlorenen Eiern und einer dicken weißen Soße, die sie auch nicht gerne aß.
»Schön, dass Sie wieder da sind, gnädige Frau«, rief der Geschäftsinhaber, »ich hab Sie schon vermisst.« Er trug einen weißen Kittel, darüber eine grüne Schürze und eine graue Schirmmütze.
»Kann ich mir vorstellen, du Gauner«, murmelte Josepha vom Balkon herunter, »wir sind schließlich deine besten Kunden.«
Um sich an des Sommers Fülle zu freuen, blieben noch sechzig Tage. Bis zur letzten Stunde dieser Schonfrist dufteten die Nelken nach Zimt und Vanille, die Männertreu blühte blau in den Gärten, und am Bahndamm flaggten die Mohnblumen. Die Mädchen wollten alle aussehen wie Henny Porten und einen Mann heiraten, der sie auf starken Händen in den siebten Himmel trug. Die Lerchen jubelten, als gäbe es weder Katzen noch garstige Buben mit Steinschleudern, die Sterne strahlten auch für die Alten.
»Im August«, erzählte Victoria ihrem Vater, »gibt es ganz viele Sternschnuppen. Wenn man eine sieht, darf man sich was wünschen, und dann bekommt man, was man sich gewünscht hat. Ich wünsch mir so viel. Schade, dass es nicht schon August ist. Die Zeit geht so langsam.«
»Das ändert sich«, wusste der Vater, »und zwar sehr schnell. Man soll sich nie die Zukunft herbeiwünschen.«
»Ich hab mir ja keine Zukunft gewünscht. Ich wünsche mir ein Pferd, das mit mir nach Amerika fliegt, wenn ich nicht in die Schule gehen will, und ich wünsche mir auch einen ganzen Berg von Schokoladenpflaumen in Goldpapier.«
Wurde die Zeit, die zum Leben in Frieden verblieb, auch zum Leben genutzt? Oder ließen die Menschen die Tage verstreichen, als wären die, die da kommen würden, nicht anders als die, die gewesen waren? Noch sprachen nur die mit den Heldenträumen und Soldatenherzen, die Ahnungsvollen und Ängstlichen vom Krieg, doch selbst sie waren sich einig, dass der deutsche Kaiser ein Mann des Friedens wäre und einer, der sein Wort hielte. Hatte er seinem Volk nicht versprochen, er würde es herrlichen Zeiten entgegenführen?
In der Rothschildallee 9 blieben Alltag und Leben so überschaubar und geregelt wie in den vierzehn Jahren seit der Hauseinweihung. Im übrigen Nordend war es ebenso. Kinder wurden geboren und jammerten beim Zahnen. Sie lernten laufen, zogen wackelnde Holzdackel hinter sich her, gingen zur Schule und aus dem Haus. Aus hübschen jungen Mädchen im blauen Flügelkleid wurden Matronen mit Haarknoten und müden Augen. Frau Minchen Berghammer, die Studienratsgattin im dritten Stock und einst so fesch, dass sich die Leute auf der Straße nach ihr umgedreht hatten, tanzte nur noch selten; gelegentlich ging sie zu einer Wahrsagerin. Die prophezeite ihr seit drei Jahren das große Glück und verkaufte ihrer Kundin bei jedem Besuch eine neue Salbe gegen Rückenschmerzen und immer die gleiche Mixtur aus brasilianischen Heilkräutern und Johanniskraut gegen ihre Anfälle von Niedergeschlagenheit. Auf ihrem Balkon züchtete Frau Minchen Schnittlauch und Minze, und nach dem vierten Gläschen Eierlikör lachte sie so schelmisch wie früher, allerdings nur, wenn die Rede auf Männer kam, die für sich echte Glashütter Präzisionsuhren kauften und ihrer Frau zum Geburtstag einen neuen Krauthobel schenkten.
Zu Frau Betsys anhaltender Verärgerung waren die Fenster im Hausflur, trotz eines von ihrem Mann sorgsam abgefassten Rundschreibens an alle Mieter, oft nicht ordnungsgemäß verschlossen. Diesen »unangenehmen, verunreinigenden Zustand« nutzten die Tauben aus und im Parterre auch streunende Katzen. Das kleine, goldfarbene Schild »Betteln und Hausieren verboten«, eine Erinnerung an Johann Isidors Elternhaus in hübsch verschnörkelter Schrift, wurde durch ein großes weißes mit schwarzen Blockbuchstaben ersetzt.
In den Wohnungen gab es bestimmt Gelächter, Tränen, Streit und Versöhnung, Witz und Aberwitz, doch zu hören war davon wenig. Die dicken Mauern waren so verschwiegen wie ein in Ehren ergrauter Hausdiener in adeligen Häusern. Im Winter hielt das steinerne Bollwerk die Kälte ab, im Sommer die Schwüle. »So ein Haus lebt«, sagte Madame Sternberg, wenn Besitzerstolz und Zufriedenheit ihren Gemütszustand bestimmten.
Doktor Feldmann vom Parterre, ausgerechnet ein Anwalt, der sich mit den Pflichten eines Mieters hätte auskennen müssen, musste zweimal von seiner Hauswirtin ermahnt werden, am Sonntag nicht in der Mittagszeit Klavier zu spielen und seiner Frau das Hängen von Wäsche auf den vorderen Balkon zu untersagen. Bei dem Versuch, gleichzeitig ein sperriges Stativ und einen massiven Schallplattenschrank aus Eiche in den dritten Stock zu befördern, beschädigte der junge Berghammer das Treppengeländer, doch sicherte sein Vater umgehend zu, für die fällige Reparatur aufzukommen.
Theo Berghammer, Ottos Freund und Beschützer, der ihn ins Leben eingeführt hatte und dem er immer noch von Herzen verbunden war, hatte sein eigenes Leben mit dem kräftigen Zugriff der Glückskinder gemeistert. Er war kein Volontär mehr, sondern ein mit einem Vertrag angestellter Lichtbildner in einem angesehenen Atelier am Rossmarkt. In seiner Mittagspause ging Theo im Großen Hirschgraben spazieren und, wenn er Zeit hatte, dort ins Goethehaus. Er verdiente monatlich mehr Geld, als der wohlhabende Gymnasiast Sternberg in einem halben Jahr in die Hand bekam, und er trug immer noch einen roten Schal, um seine unkonventionelle Art zu betonen. Um seine Stiefmutter Minchen kümmerte er sich rührend. Allein sein Vater wusste nichts davon.
Marie, dem rothaarigen Dienstmädchen aus der Wohnung im zweiten Stock, wurde von Josepha im Auftrag von Frau Betsy energisch erklärt, sie möge es nicht im Hof zu ruhestörendem Verhalten und zum Austausch von Intimitäten kommen lassen. Ihr Bräutigam war Straßenbahnschaffner mit Schichtdienst; er hatte die unangenehme Angewohnheit, den Beginn seiner dienstfreien Zeit mit einer Fahrradklingel anzukündigen, woraufhin die Marie polternd die Treppen hinunterzusausen pflegte – wochentags trug sie meistens Holzschuhe, und zudem hörte sie nur auf einem Ohr.
In diesen brütenden Hundstagen machten sich die Bornheimer Spatzen mit besonderem Eifer an die Sauerkirschen im Hinterhof. Auf Frau Betsys Drohungen mit dem Besenstiel gaben sie keinen Pfifferling und verschandelten die Wäschebleiche. Überall lagen Kirschkerne und abgebrochene Zweige herum.
Wie alljährlich in den großen Ferien kochte Josepha die erste Marmelade – die Johannisbeeren und Stachelbeeren aus einem kleinen Anwesen in Seckbach, überbracht von einem Mann mit Karre und Klumpfuß, waren früh reif geworden und größer als sonst. Wenn Josepha in den Töpfen rührte und jener sättigende Duft von Süße und Sommer durch die Wohnung und den Hausflur zog, der jedes Frauenherz belebt, war sie beglückt, allerdings auch ein wenig verwundert über sich selbst. »Ich weiß nicht«, vertraute sie in der dampfenden Küche der Hüterin des Hauses an, »was dieses Jahr mit mir los ist. Ich will immerzu mehr und noch mehr Marmelade einmachen. Ich zähle schon im Traum Gläser und putze Obst. Neulich habe ich sogar geträumt, dass es keinen Zucker mehr gibt.«
»Vielleicht weil mein Mann und Otto so oft vom Krieg reden«, mutmaßte Frau Betsy, »das muss ja abfärben.«
Sie hatte es ihrer fleißigen Köchin kein bisschen verargt, dass sie der heimwehkranken Hanna eigenmächtig drei Tage Urlaub gewährt hatte. »Hauptsache, Hannas Arbeit wird erledigt«, hatte die Chefin gutmütig gesagt, als sie von den Geschehnissen während ihres Baden-Badener Aufenthalts erfuhr. Josepha hatte es als wohltuend großzügig und sehr feinfühlig empfunden, dass ihre Chefin so rasch vom Thema ab- und auf die Zukunft gekommen war.
»Vielleicht«, hatte Frau Betsy vorgeschlagen, »sollten wir dieses Jahr mal mehr junge Zwiebeln kaufen als sonst, wenn unser Mann aus Oberrad vorbeikommt. Man kann sie in Essig einlegen, dann halten sie ewig. Frau Grünthal hat mich bei unserem letzten Kaffeenachmittag auf die Idee gebracht. Selbst in einem Haushalt mit Kindern sind Zwiebeln vielseitig zu gebrauchen. Wir sollten auch zusehen, dass uns die Frühkarotten nicht entgehen.«
»Und die Wachsbohnen auch nicht«, verstand Josepha. »Der Gemüsehändler Mayer in der Wiesenstraße hat gerade gestern gesagt, in einem Pfund Wachsbohnen steckt mehr Kraft als in einem Pfund Schweinefleisch.«
Drei Tage später berichtete Josepha, sie hätte von sieben mageren Kühen geträumt, und der biblische Joseph persönlich hätte sie daran erinnert, dass dieser Traum für sieben magere Jahre und den großen Hunger stehen würde. Auch war die Kassandra vom Kochherd nicht mehr von der Theorie abzubringen, dass Frauen ebenso früh wie Katzen oder Kanarienvögel drohendes Unheil wittern. Am nächsten Tag bestellte sie beim Gemüsehändler mit den nahrhaften Wachsbohnen zwei Zentner Kartoffeln – außer der Reihe und zunächst auch ohne Wissen ihrer Arbeitgeberin.
Am 6. Juli erklärte Johann Isidor beim Frühstück seinem ältesten Sohn, was es für das Reich »und seine perfiden Feinde« bedeutete, dass Deutschland gegenüber Österreich-Ungarn seine uneingeschränkte Bündnistreue zugesichert hatte. Bei diesem Gespräch hatte der gerührte Vater den Eindruck, Otto hätte ihm nie zuvor mit solcher Aufmerksamkeit zugehört und auch noch nie so interessierte und kundige Fragen gestellt. Obwohl Otto nicht die geringste Ahnung von Bankgeschäften hatte, hatte er, genau wie die hohen Herrn in Berlin, den Ausdruck »Blankoscheck« gebraucht. Johann Isidor vergaß kein Wort der bemerkenswerten Unterhaltung. Zunächst erhellte das Gespräch die Gegenwart, es war wie eine brennende Fackel in einer Winternacht. Das Gefühl, seinem erstgeborenen Sohn, der ihm als Kind oft fremd, widerspenstig und verschlossen erschienen war, gerade in einer beunruhigenden Zeit so nahe zu sein, fand er beglückend. »Beglückend für einen deutschen Vater, der stolz darauf ist, ein Sohn seines deutschen Vaterlands zu sein«, erläuterte er nach dem Mittagsmokka seiner Gattin.
Frau Betsy, frappiert über die berauschte Wortwahl ihres Gatten, dämpfte seine Hochstimmung auf eine Art, die er am gleichen Abend unter Männern ein wenig angeekelt, aber doch wohlwollend belustigt als »typisch Frau« definierte. Spitzfindig hatte die Dame des Hauses nämlich gefragt, weshalb der Kaiser denn, wie in jedem Jahr, zu seiner Nordlandreise aufgebrochen wäre. »Wo wir doch so Knall auf Fall aus Baden-Baden abgereist sind!«
»Quod licet Jovi, non licet bovi, hättest du der guten Mama sagen müssen«, lächelte Otto, als er vom Fauxpas seiner Mutter erfuhr.
Die Gerüchte, es würde bei Bedarf ein Notabitur für Kriegsfreiwillige geben, waren auch zu ihm gedrungen, und der junge Patriot war fest entschlossen, im Kriegsfall umgehend zu den Fahnen zu eilen. Um klarzumachen, wie schwer ihm der Verzicht auf Bildung fiel, bemühte er lateinische Zitate. Die Zwillinge waren tief beeindruckt, sein Vater ein wenig verwirrt, aber stolz, dass der Enkelsohn eines oberhessischen Viehhändlers schon mit achtzehn Jahren zum angesehenen Kreis der klassisch Gebildeten gehörte.
Mit den letzten Erdbeeren und den ersten Sonnenblumen, mit Marschmusik, alten Geschichten und den Hoffnungen der Unschuldsengel tarnte sich die Zeit als Normalität, doch viele Menschen waren angespannt und unsicher. Zwar hatten sie rasch die Vokabeln aus dem Wörterbuch eines deutschen Helden gelernt, doch die wenigsten wussten, was Bündnispflicht, Nibelungentreue und Mobilmachung tatsächlich bedeuteten. Trotzdem wurden die Gespräche anders, der Ton gröber. Die Zeitungen reimten Sieg auf Krieg und bejubelten die großen Zeiten, die es jedem deutschen Mann möglich machten, seinem Vaterland mit Herz und Hand zu dienen. Die Jugend, die noch nicht alt genug war, gegen den Feind ins Feld zu rücken, machte ihrem Herzen zu Hause Luft. Clara erklärte sich für erwachsen und drohte, sie werde im Kriegsfall umgehend aufhören, sich mit der Sprache von Deutschlands Feinden abzugeben. Erwin las, obgleich dies im Lehrplan wahrlich nicht vorgesehen war, »Die Weber« von Gerhart Hauptmann; er nannte seinen Kaiser einen »Vollidioten«, weil der nach der Uraufführung zur Hetzjagd auf das Stück geblasen und die kaiserliche Loge im Deutschen Theater in Berlin gekündigt hatte. Erwins Vater schimpfte seinen Sohn einen »vaterlandslosen Gesellen«, der sich selbst »aus dem Kreis der Anständigen ausgeschlossen« hätte.
»Ausgerechnet jetzt«, seufzte Betsy – alle dachten, auch sie spreche vom Krieg.
Josepha beendete ihren langjährigen Zwist mit dem Milchmann in der Höhenstraße und schickte am gleichen Tag ihrem Cousin, einem Metzger in Friedberg, eine Ansichtskarte vom Frankfurter Palmengarten. Auf der stand geschrieben, sie würde ihn gern mal wiedersehen. »Man weiß nicht, wozu’s gut ist«, sagte sie, doch das stimmte nicht. Josepha mit dem wachen Instinkt hatte sehr konkrete Vorstellungen von der Zukunft.
Selbst die scheue Hanna veränderte sich. Ihre Eltern hatten ihr aus dem Odenwald geschrieben, der Sohn vom Müller Merkental wäre letzten Sonntag bei ihnen vorstellig geworden und hätte gesagt, falls er zu den Soldaten müsse, wolle er Hanna vorher heiraten. Seitdem steckte Hanna ihre Haare hoch und ihre Brust heraus, sang beim Gemüseputzen »Der Kaiser ist ein lieber Mann« und schimpfte auf die Franzosen.
Beim Frühstück debattierten der Vater und sein ältester Sohn über Aufmarschpläne und einen schnellen Bewegungskrieg, von Not und Tod und dem Leid der Witwen sprachen sie nie. Frau Betsy, geboren ein Jahr nach der deutschen Reichsgründung, erklärte beim Einschenken des Morgenkaffees ihren Männern – ohne zu erröten, wie von ihnen verständnislos registriert wurde –, dass sie keine rechte Vorstellung hätte, wie es in einem Krieg zugehe.
»Ich schon«, erwiderte das Familienoberhaupt. »Ich war im letzten Krieg immerhin schon zehn und kann mich noch gut an vieles erinnern.«
»Ach, sag nur, dass es die Leute in deinem oberhessischen Kaff interessiert hat, ob sie einen Kaiser hatten oder nicht.«
»Ihr Frauen«, sagte Johann Isidor, »habt’s gut. Seht immer nur das eigene kleine Stückchen Leben und nie das große Ganze.«
»Vielleicht besteht die Welt überhaupt nur deswegen noch.«
Die meisten Frauen dachten wie Betsy. Deutschlands Erb- und Erzfeinde, die Drohungen aus Berlin, die Stimmung bei den verbündeten Habsburgern und die Schlagkraft der deutschen Kriegsflotte gehörten in die Domäne der Männer. Sie unterlagen nicht dem weiblichen Verantwortungsbereich. Schon Abrahams Sara war für die Familie und das Heim zuständig, nicht für Kampf und Krieg. Trotzdem witterten die Frauen rechtzeitig, dass die Welt dabei war, sich zu verändern. Sie begriffen, dass in einem Vaterland, das sich mehr um Waffen als um das tägliche Brot sorgte, gerade das nicht sicher sein würde, geschweige denn die Ehemänner, Söhne, Brüder und Väter.
Betsy Sternberg dachte sich wunderschöne Märchen aus und malte zarte Bilder, ihre Wolkenkuckucksheime polsterte sie mit rosa Seidenkissen aus, doch als die Wirklichkeit sie einholte, war sie zur Stelle. An einem hitzeschweren Sonntag stand sie auf dem Balkon. Sie bewunderte Victorias üppig blühenden Tränenden Herzen, lauschte dem Vogelgesang und der Mundharmonika eines jungen Mannes, der sie an ihre Jugend und eine Linde in Pforzheim erinnerte. Als sie jedoch einen Moment die Augen schloss, sah sie den Winter auf kahlen Zweigen hocken. Später hörte sie den Hungerruf der Krähen.
Am nächsten Morgen sagte sie den Kaffeenachmittag bei ihrer Freundin Margot ab. Stattdessen machte sie einen Besuch beim Kohlenhändler in der Arnsburger Straße. Madame erkundigte sich nach seinem Wohlbefinden, erzählte von Baden-Baden, machte klar, dass sie nur zufällig vorbeigekommen und dass ihr eingefallen wäre, sie könnte sich eigentlich im Herbst einen Gang sparen. Dann bestellte sie zwei Mal so viele Eierbriketts und Koks wie in den Vorjahren. »Sie sind«, sagte der Kohlenhändler, als er die Bestellung notierte, »die dritte Kundin, die heute zufällig bei mir vorbeikommt.«
Auch Johann Isidor war nicht müßig. Am gleichen Tag wurde er sich überraschend schnell mit dem Handelsmann Krauskopf einig, die Auslieferung des für August bestellten Adlers zu verschieben. »Bis sich die Verhältnisse ein wenig geklärt haben«, sagte der aus seinem Kaufvertrag entlassene Kunde entschuldigend. Es war die ungewohnte Situation, die ihn verlegen machte.
»Sie sind nicht der Erste«, sagte Herr Krauskopf, »der den Verhältnissen nicht traut, aber die Firma macht keinem Schwierigkeiten. Auch kann ich mir gut vorstellen, dass man die Autos zu militärischen Nutzen requirieren wird.«
»Vielleicht«, sagte Johann Isidor, »kann ich mich eines Tages bei Ihnen erkenntlich zeigen.«
Victoria sang: »Wenn die Soldaten durch die Stadt marschieren, öffnen die Mädchen die Fenster und die Türen.« Seit der Rückkehr aus Baden-Baden durfte sie allein auf den Spielplatz in der Günthersburgallee und in den Park, und täglich kehrte sie mit den Novitäten der Straße heim. »Wo hast du denn das her?«
»Wenn im Felde blitzen Bomben und Granaten«, schmetterte die stolze Sängerin, »weinen die Mädchen um ihre Soldaten.«
»Das haben wir als Kinder auch gesungen«, sagte Josepha gerührt.
»Was ist ein Ultimatum?«, fragte Clara beim Mittagessen. Ihr Vater kniff die Augen zu, ihr Zwillingsbruder sagte rüde: »Ha!« und tippte sich an die Stirn, die Mutter empfahl: »Ich würde mich an deiner Stelle lieber darum kümmern, dass deine Schulbücher mit frischem Papier eingebunden werden, Fräulein Gerneklug. In deinem Schreibtisch sieht es aus wie in einem Rübenacker.«
Im Allgemeinen war es Betsys Prinzip, ihre Kinder nicht zu entmutigen und auf ihre Fragen ebenso einzugehen wie auf die von Erwachsenen. Seit einigen Tagen jedoch quälte sie ein Problem, das sie sehr viel mehr verstörte als die Vorstellung, es könnte zum Krieg kommen. Die Mutter von vier Kindern hatte vier Wochen vor ihrem zweiundvierzigsten Geburtstag den ernst zu nehmenden Verdacht, ihre morgendliche Übelkeit sei nicht auf einen gereizten Magen zurückzuführen. Sie war fassungslos und verzweifelt. Vor allem ohne Hoffnung, dass heiße Senfbäder, heißer Cognac und Stoßgebete, der Himmel möge ein Einsehen haben, sie vor einer neuen Schwangerschaft schützen würden.
Das Gespräch über Ultimaten und Claras Schulbücher fand am 25. Juli zwischen gerösteter Grießsuppe und Hackbraten statt. Ohne dass darüber gesprochen worden war, fielen die Mahlzeiten seit der Rückkehr aus Baden-Baden bescheidener aus denn zuvor. Nur Victoria monierte, dass es zum Nachtisch Kirschkompott ohne die übliche Vanillesauce gab. Der Hausherr war appetitlos und ungewöhnlich zerstreut. Statt auf den Teller legte er das benutzte Besteck auf das frisch gewaschene Tischtuch. Die Hausfrau zuckte zusammen.
Zwei Tage waren verstrichen, seitdem Österreich-Ungarn ein auf achtundvierzig Stunden befristetes Ultimatum an Serbien mit der Aufforderung gestellt hatte, alle serbisch-nationalen Aktivitäten sofort zu beenden und die Verantwortlichen des Attentats konsequent zu verfolgen. »Es kann nicht mehr so weitergehen«, sagte Johann Isidor; er schnäuzte sich in seine Serviette. Drei Tage zuvor hatte er Erwin für das gleiche Vergehen vom Tisch verbannt.
Keiner sprach. Die Zwillinge schauten erst einander und dann ihren Vater an. Sie zuckten die Achseln und traten sich gegenseitig unter dem Tisch. Otto träumte von der Kavallerie und stellte sich vor, auch er hätte als Kind reiten dürfen. Betsy, seit neunzehn Jahren gewöhnt, nicht an der Meinung ihres Mannes zu zweifeln, nahm sich vor, sich ausschließlich auf die Gegenwart zu konzentrieren. Das Gleiche empfahl sie Josepha. Dann setzte sie sich an den Damensekretär im Schlafzimmer, und ohne ihren Mann um Erlaubnis zu fragen, lud sie Tante Jettchen nach Frankfurt ein.
»So eine alte Frau kann doch nicht allein in Darmstadt herumsitzen, wenn es wirklich Krieg gibt«, erklärte sie Johann Isidor.
»Meine liebe Betsy, hältst du es denn für wahrscheinlich, dass der Krieg ausgerechnet in Darmstadt ausbricht?«
»Nein, aber nach allem, was man sich erzählt, beim Bäcker und beim Metzger. Und beim Kohlenhändler. Jeder redet vom Hamstern, und das kann unser Jettchen in ihrem Alter nicht mehr. Wir sind die Einzigen, die sie hat.«
»Du vergisst ihre entzückenden Töchter.«
Sonst aber hatte Betsy recht. Während Deutschlands Männer bei allen Heiligen und ihrer Ehre schworen, in der Stunde der Not dem Vaterland beizustehen, warteten die Frauen den offiziellen Beginn der großen Zeit gar nicht erst ab. Sie kauften ihre Geldbörsen leer und nahmen, was sie bekommen konnten. In ihren Einkaufskörben starb die Mär vom hilflosen Weibchen, das ohne die Männer verloren ist.
Beim Metzger in der Burgstraße war die Gelbwurst vergriffen, in der Berger Straße die Fleischwurst, bei drei Kolonialwarenhändlern weißes Mehl und Kakao. Weckgläser, Wolle, Liebigs Brühwürfel und selbst die nicht so guten von Maggi waren ausverkauft. Höhnisch wieherten die Händler, verlangte eine Kundin eine Erbswurst. Betsy kaufte Stoff für fünf Kleider und für ebenso viele Röcke und Blusen, holte aus der eigenen Posamenterie Borten, Schnur und Quasten für die ganze Wohnung und deckte sich mit Abführmittel, Jod und Nabelbinden ein. Sie musste eine Droschke nehmen, um ihre Hamsterschätze aus der Stadt nach Hause zu befördern. Der Fahrer sah die Pakete und zwinkerte. »Meine Alte macht’s auch so«, sagte er, und Betsy duldete seine Anzüglichkeit, als wäre sie alltäglich.
Tante Jettchen traf ohne Vorankündigung am Freitag, den 31. Juli ein. Weil Betsy geschrieben hatte »Du solltest Dich darauf einrichten, bei uns zu bleiben, bis sich die Lage wieder beruhigt hat«, kam Tantchen mit zwei Schrankkoffern, ihrer größten Hutschachtel und dem Graupapagei. Der hieß ausgerechnet Otto, denn er stammte noch aus der Zeit ihrer Ehe, und der selige Medizinalrat war, wie Johann Isidor, ein großer Verehrer von Bismarck gewesen. Mit durchdringender Stimme verordnete der Vogel mehrmals am Tag »Rotwein mit Ei« und hackte durch die Gitterstäbe, wann immer sie ins Zimmer kam, nach der kreischenden Hanna.
Die Kerzen in den Silberleuchtern von Betsys Großmutter fanden wenig Beachtung, obwohl der Hausherr sich mit den Worten zu Tisch setzte: »Wer weiß es, ob es nicht das letzte Mal ist, dass wir Schabbes im Frieden feiern können.«
Der Papagei unterhielt sich mit seinem blendend gelaunten Namensvetter.
Dem Frieden, der dreiundvierzig Jahre gewährt hatte, war da nur noch eine Lebenszeit von vierundzwanzig Stunden beschieden. Am nächsten Tag erklärte Kaiser Wilhelm II.: »Man drückt uns das Schwert in die Hand« und verkündete auf dem Balkon seines Berliner Stadtschlosses: »Ich kenne keine Parteien und auch keine Konfessionen mehr; wir sind heute alle deutsche Brüder und nur noch deutsche Brüder.«
Otto erfuhr vom Kriegsbeginn am Liebfrauenberg. Der Rausch des Glücks betäubte ihn. Er hetzte nach Hause, um die stolze Stunde mit den Seinen zu teilen. In der Berger Straße wehten Fahnen, in der Höhenstraße saßen Alt und Jung am offenen Fenster, die Ellbogen auf Kissen gestützt, die Gesichter rot und alle sicher, dass Gott ausschließlich Deutschlands Waffen segnete.
Als des Kaisers Balkonrede in Frankfurt publik wurde, hatte Johann Isidor Sternberg Tränen in den Augen. »Das ist der Tag«, sagte er, »auf den wir immer gewartet haben. Endlich ruft das Vaterland seine jüdischen Söhne. Nur noch Deutsche, hat er gesagt. Deutsche Brüder.«