„Und welchen?“
„Er redet zu viel!“
„Aber er hat doch bisher fast gar nichts gesagt?“
„Eben!“
„Ach du!“
Sie gab ihm einen tadelnden Klapps auf seine Schulter, konnte sich aber dabei kaum ein Grinsen verkneifen. Deshalb richtete sie sich schnell wieder auf und begann damit, sich intensiv den Startvorbereitungen zu widmen. Nur wenige Augenblicke später gab die Leitzentrale von HYPERSTAR XIII ihren Start frei und das Beiboot schwebte durch die geöffnete, leicht oval geformte Schleuse wieder ins dunkle All hinaus. In etwa 800 Meter Entfernung konnte man die blinkenden Positionslichter der PRINCESS II durch die samtene Schwärze leuchten sehen. Während Nomo das Beiboot in einer eleganten Kurve auf den TESECO-Kreuzer zusteuerte, funkte Harriet die Kommandokanzel an.
„Hallo PRINCESS II – wir befinden uns auf dem Rückflug zu Euch“, meldete sie kurz durch. „Werft schon mal die Kaffeemaschine an, denn jetzt könnte ich ein paar Tassen vertragen.“
„SILVERJET I, hier spricht Roy“, kam die prompte Antwort vom Schiff zurück. „Kaffeewasser kocht schon. Habt ihr Hanne gut versorgt?“
„Sicher doch“, antwortete Hanne dem funktechnischen Spezialisten. „Unsere Sternenhorcherin wird schon im dortigen Medocenter auf das Beste versorgt.“
„Na, dann bin ich ja beruhigt. Und noch was ...“
„Ja, Roy? Was gibt es denn noch?“
„Der Neue ...wie ist der denn?“, erkundigte sich der Engländer neugierig bei seiner Kollegin. „Habt ihr ihm denn schon ein bisschen auf den Zahn fühlen können?“
„Ein Stockfisch ist gesprächiger“, antwortete die Südafrikanerin trocken. „Warte mal einen Moment ...“
Sie blickte sich unauffällig zu Hiiol um, doch der starrte nur durch die transparente Hülle der SILVERJET ins All hinaus. Was im Inneren des Beibootes vor sich ging, schien ihn dabei nicht sonderlich zu interessieren.
„Es ist ein recht undurchsichtiger Mensch, der kaum redet und eine Vorliebe dafür zu haben scheint, unentwegt Löcher in die Luft zu starren!“
„Oh je!“, jammerte Roy am anderen Ende der Verbindung. „Also tatsächlich ein Stockfisch. Na, das kann ja heiter werden!“
Er unterbrach sich kurz, weil ihm Glenn signalisierte, dass die SILVERJET nun im Landestrahlbereich angekommen war.
„Kinder, ich übergebe euch jetzt in die zarten Hände unseres Submasters. Bis gleich!“
Kaum war die Stimme des blonden Engländers verstummt, meldete sich Glenn Stark bei der Beiboot-Besatzung.
„Bitte Umschalten auf Autodocking“, wies er Nomo an. „Ich hole euch rein.“
Nomo bestätigte kurz und mit einem Daumendruck auf ein Sensorfeld übergab er die Steuerung an die automatischen Landesysteme des Beiboothangars. Mehrere Kontrollanzeigen erhellten sich und wiesen darauf hin, dass der Landestrahl eingerastet war und die SILVERJET nun vollautomatisch zu ihrem Landeplatz im Mutterschiff geleitet würde. Dieses ragte nun wie ein riesiger Schatten vor der SILVERJET auf, gleich einer Dunkelwolke, die alles Licht verschlang. Doch diese Dunkelheit währte nur kurz, denn sogleich flammte ein Kranz bunter Lichter auf, welche die sich nun rasch öffnende Hangarschleuse der PRINCESS II kennzeichneten.
Die Triebwerke des Beibootes verzögerten nun stark, während es sich Meter für Meter an das Mutterschiff heran schob, bis endlich die Traktorfelder den ellipsoiden Flugkörper erfassten und ihn in den Hangar hinein bugsierten. Gleich darauf stand das Raumboot wieder sicher und fest auf seinen drei Teleskoplandebeinen. Während sich das Schott über der Jet wieder schloss, deaktivierte Nomo die bordeigenen Systeme. Nach nur wenigen Minuten zeigte ein akustisches Signal an, dass der Hangar mit Atemluft angefüllt und das Aussteigen somit wieder möglich war.
Die beiden TESECO-Agenten und Hiiol verließen die SILVERJET nacheinander, um sich anschließend auf den schnellsten Weg in die Schiffszentrale zu begeben. Kurze Zeit später verließen sie dort den zentralen Antigravlift.
Carna kam hinter seinem Kommandostand hervor. Er nickte Nomo und Harriet kurz zu und trat dann vor Hiiol, um ihm die Hand zur Begrüßung entgegen zu strecken. Diese wurde von dem schmuddelig wirkenden Mann scheinbar nur widerwillig ergriffen, was der Commander mit pikiertem Hochziehen seiner rechten Augenbraue quittierte. Er räusperte sich kurz.
„Ich darf Sie an Bord der PRINCESS II willkommen heißen, Mr. Hiiol. Mein Name ist Tom Carna und ich bin hier der Crewmaster.“
„Danke, Commander“, gab Hiiol in scheinbarer Gleichgültigkeit zur Antwort.
Carna nahm dies mit leichtem Ärger zur Kenntnis, dachte bei sich aber, dass ihnen das HQ wohl ein ganz schönes Kuckucksei ins Nest gelegt hatte.
„Darf ich erfahren, wer Ihr eigentlicher Arbeitgeber ist, beziehungsweise, welchem Kommando Sie derzeit unterstehen?“, erkundigte er sich dann bei dem Mann.
„Keinem“, kam es wortkarg zurück.
„Dürfte ich Sie bitten, mir etwas ausführlicher zu antworten?“, forderte Carna Hiiol daraufhin mit einer Spur Schärfe in der Stimme auf, während er ärgerlich seine Stirn in Falten legte.
„Ich bin freier Astronavigationsspezialist, derzeit ohne Kommando oder Festanstellung. Daher arbeite ich mit jeder Stelle zusammen, die meine Dienste wünscht.“
Auch diese Antwort klang eher gequält als frei von der Leber weg, doch immerhin bemühte sich der Mann darum, mehr als nur ein paar Worte hervorzubringen.
Während Carna versuchte, dieses immer noch recht einseitige Gespräch in Gang zu halten, um so zu mehr Informationen über das Crewmitglied auf Zeit zu bekommen, hatte sich Roy zu Glenn hinter dessen Kontrollpult begeben, von wo aus sie gemeinsam diese Unterhaltung interessiert verfolgten.
„Dem muss man ja wirklich alles einzeln aus der Nase ziehen!“, flüsterte der blonde Brite dem dunkelhaarigen Kanadier zu.
Dieser nickte mit bekümmerter Miene.
„Da hast du vollkommen recht“, meinte er. „Trostloser geht es ja wohl nicht mehr. Und wie seine Klamotten aussehen! Die letzte Dusche dürfte auch schon ein paar Tage zurückliegen.“
Die beiden wollten sich noch weiter austauschen, doch dann horchten sie interessiert auf. Gerade war Hiiol vom Crewmaster danach gefragt worden, auf welchem Schiff er zuletzt Dienst getan hatte.
„Das war die GANYMED II“, kam die Antwort. „Ebenfalls eine TESECO-Einheit. Ich kam dorthin auf Vermittlung der SADMIT- Personalagentur. Auf dem Rückflug setzte man mich auf der HYPERSTAR XIII ab, wo ich auf einen neuen Einsatz wartete.“
„Die GANYMED II sagen Sie?“
Carna klang erstaunt und war bei der Erwähnung des Schiffsnamens hellhörig geworden. Genauso, wie die restliche, anwesende Crew, die das Gespräch nun ebenfalls mit erhöhter Aufmerksamkeit verfolgte.
„Wenn Sie mit der GANYMED II geflogen sind, dann waren Sie ja bereits schon einmal im Enigma- System? Korrigieren Sie mich, wenn ich mich da irren sollte!“
„Nein, nein, Sie haben schon recht, Commander Carna“, antwortete Hiiol.
Der Crewmaster registrierte mit Erstaunen, dass in den bisher eher stumpf wirkenden, wässrig- grünen Augen ein interessiertes Funkeln aufglomm.
„Ich war bereits auf dem Planeten Greenwich“, fuhr Hiiol fort, während sein ganzes Auftreten gleichzeitig einer erstaunlichen Veränderung unterlag. Der Mann schien förmlich aufzublühen, seit das Gespräch auf das Ziel ihres Einsatzes gekommen war. Die Lethargie und Teilnahmslosigkeit war plötzlich wie weggeblasen. Mimik und Gestik wurden schlagartig lebhaft und es kam auch so etwas wie Farbe ins blasse Gesicht des Mannes zurück.
„Ein wunderbarer Planet, dieses Greenwich!“, schwärmte er eifrig und in schwärmerischen Ton. „Ich habe den Aufenthalt dort wirklich genossen. Dieses Grün! Alles ist so friedlich dort. Ich kann es gar nicht erwarten, bis ich wieder meinen Fuß dort auf die Oberfläche setze!“
Carna und seine Mannschaft beobachteten den Mann mit wachsendem Erstaunen. Die Worte sprudelten auf einmal nur so aus ihm heraus. Noch wusste Carna diese plötzliche Mitteilsamkeit nicht so recht einzuschätzen, doch sein langjähriger Instinkt riet ihm, wachsam zu sein.
„Wissen Sie, als ich auf der Hypertransit-Station auf ein neues Engagement wartete, lehnte ich zwei, drei Aufträge ab ...“, berichtete Hiiol weiter. „Ich hatte immer noch die Hoffnung, wieder einen Auftrag zu bekommen, der mich zum Enigma- System zurückführen würde. Als dann das alles doch länger dauerte, dachte ich schon daran, mir einen Langstreckenjet zu mieten und auf eigene Faust dorthin zu fliegen. Leider reichten meine Tecs dafür dann allerdings nicht aus und ich musste weiter warten. Als sich dann das Hauptquartier von TESECO an mich wendete, um mich für den Einsatz auf der PRINCESS II anzuwerben, war ich fast wie verrückt vor Freude!“
Aufgeregt und erwartungsvoll starrte Hiiol den Commander nun aus großen Augen an.
„Na, diese Freude hat man Ihnen vom ersten Moment an förmlich angesehen“, meinte Carna daraufhin etwas sarkastisch.
Doch diese Anspielung schien bei Hiiol überhaupt nicht bewusst anzukommen. Carna kratzte sich nachdenklich am Hinterkopf. Er hatte ein ungutes Gefühl im Zusammenhang mit diesem seltsamen Menschen. Noch war dieses Gefühl vage und unbestimmt, doch irgendetwas stimmte nicht mit seinem Gegenüber.
„Tja, Mr. Hiiol ...“, fuhr er nach einer kurzen Pause zu reden fort, „... ich hoffe, wir werden gut zusammenarbeiten. Und das müssen wir auch. Schließlich soll es auf Greenwich nicht gerade ungefährlich zugegangen sein.“
„Aber ich bitte Sie, Commander!“, entgegnete der dunkelhaarige Mann mit dem Durchschnittsgesicht heftig. „Dieser Planet ist absolut ungefährlich! Ich muss es doch am besten wissen, denn im Gegensatz zu Ihnen war ich ja schon einmal dort. Und so weit ich weiß, wurde bei diesem Einsatz nichts vorgefunden, was einen wirklichen Anlass zur Besorgnis hätte geben können!“
Waren es bisher nur warnende Gefühle im Hinterkopf gewesen, so schrillten spätestens jetzt bei Carna sämtliche Alarmglocken in höchster Lautstärke.
„Es wurde wirklich nichts gefunden?“, hakte er lauernd nach.
„Nein nichts, Crewmaster“, antwortete Hiiol mit absoluter Unschuldsmiene.
„Gut Mr. Hiiol ...das wäre es dann fürs Erste“, beendete Carna dann das Gespräch.
Mit einer knappen Handbewegung winkte er Nomo Teniate zu sich heran.
„Unser Defenser wird Ihnen Ihre Kabine zeigen. Dort können Sie sich frisch machen und umziehen. Ihren Dienst treten Sie in fünf Stunden an. Bis später also.“
Er nickte dem merkwürdigen Mann noch einmal kurz zu, dann war für den Crewmaster das seltsame Gespräch beendet. Hiiol folgte daraufhin Nomo Teniate, mit dem er zusammen die Kommandokanzel verließ. Kaum waren die beide im Antigravschacht verschwunden, als Carna auch schon hörbar die Luft aus seinen Lungen stieß.
„Mit dem Kerl ist was faul!“, entfuhr es ihm mit finsterem Gesicht.
„Kassandra, ich hör dich rufen!“, kommentierte Karin aus dem Hintergrund die Vermutung ihres Kommandanten.
Sie war hinter ihren Technikkontrollen hervor gekommen und hatte sich zu ihren Kollegen gesellt.
„Du denkst an die vielen Toten mit den geöffneten Schädeldecken, die man auf dem Planeten vorgefunden hat“, sagte sie zu Tom. „Nicht wahr?“
Dieser nickte zu der geäußerten Vermutung.
„Vollkommen richtig, Karin. Hiiol hat sie mit keinem Atemzug erwähnt. Im Gegenteil, er stellte ja absolut in Abrede, dass überhaupt irgendetwas auf Greenwich vorgefallen wäre. Nach seinen Worten ist der Grasball ein friedliches Paradies!“
„Ich fand es außerdem seltsam, dass diese komische Type erst dann wirklich munter wurde, als das Gespräch auf das Enigma-System kam“, meldete sich Glenn Stark von seinem Pult aus zu Wort. „Vorher hat er doch schier das Maul nicht aufbekommen!“
Er verschränkte seine Arme vor der Brust und blickte seine Kollegen bedeutungsschwer an.
„Ich sage Euch, dass wir hier ein Kuckucksei ins Nest gelegt bekommen haben. Und ich schlage vor, in diesem Fall sehr wachsam zu sein!“
Niemand kommentierte das Gesagte des Submasters. Aber in den Gesichtern aller Anwesenden war überdeutlich abzulesen, dass sie ganz genau so wie der smarte Kanadier dachten und fühlten.
***
Während des weiteren Flugs zum Enigma- System gelang es keinem von der Crew, mit Gareth Hiiol warm zu werden. Seinen Dienst versah er korrekt, zog sich aber in seiner Freizeit fast ausschließlich in seine Kabine zurück. Er beteiligte sich kaum an den allgemeinen Gesprächen, außer diese drehten sich um das Ziel der Expedition, dem Planeten Greenwich. Dann fiel immer wieder auf, dass der Mann offensichtlich darum bemüht war, alles was den Planeten betraf, zu verharmlosen und in ein all zu günstiges Licht zu setzen. Es kam den TESECO- Agenten vor, als versuche er, allesamt in eine trügerische Sicherheit zu wiegen. Allerdings erreichte er mit seinen krampfhaften Bemühungen damit das genaue Gegenteil. Die Crew wurde nur noch misstrauischer. Dieser Umstand blieb Hiiol auf Dauer natürlich nicht verborgen. Von da an kapselte er sich noch mehr vom allgemeinen Bordleben ab.
So verlief der Flug in einer relativ angespannten Atmosphäre, bis die PRINCESS II endlich das System der Sonne Enigma erreicht hatte. Nach dem Verlassen des Hyperraums steuerte Carna den Kreuzer auf direktem Kurs zum dritten Planeten hin. Da sich derzeit die inneren Welten auf der vom Schiff abgewandten Seite der Sonne befanden, würde die PRINCESS II auf ihrem Flug also noch Airon, die innerste Glutwelt und die marsähnliche Kleopatra passieren müssen, bevor letztendlich der Ball des Planeten Greenwich vor ihnen aus dem Dunkel des Alls auftauchen konnte. Doch schließlich war auch dieser Moment herbeigeeilt.
„Standardorbit um den Planeten erreicht und stabilisiert“, meldete Gareth Hiiol schließlich. Dabei war ihm deutlich eine kaum zu verbergende Nervosität anzuhören.
Carna betrachtete ihn scharf und stellte fest, dass dem Astronavigationsspezialisten feiner Schweiß auf der blassen Stirn stand.
„Gareth, fühlen Sie sich nicht wohl?“, erkundigte sich der Crewmaster daraufhin bei dem schmächtigen Mann. „Sie sehen krank aus!“
Eigentlich lag ihm auf der Zunge, dass Hiiol noch kränker aussah, wie gewöhnlich. Doch diese bissige Bemerkung hatte er sich gerade noch so verkneifen können.
„Es ...es ist nichts weiter“, wehrte der Mann halblaut und mit kraftloser Stimme ab. „Ich habe nur ...Kopfschmerzen.“
Er schwieg einen Moment und Tom hatte den flüchtigen Eindruck, als würde der dunkelhaarige Mann in sich hinein horchen.
„Ja … es ist mein Kopf... er tut fürchterlich weh“, hauchte er dann noch einen Tick kraftloser klingend vor sich hin.
„Na, dann besorgen Sie sich im Medocenter etwas gegen die Schmerzen“, schlug der Commander vor. „Oder soll einer von uns Ihnen etwas besorgen?“
„Nein, nein“, rief Hiiol aus und er machte einen regelrecht erschrockenen Eindruck. „Ich will wirklich niemandem zur Last fallen. Da gehe ich schon lieber selbst schnell runter.“
Carna zuckte mit seinen Schultern.
„Wie Sie meinen. Gehen Sie ruhig, aber lassen Sie sich nicht zu viel Zeit. Wir wollen in Kürze mit dem Landemanöver beginnen.“
„Ich werde mich beeilen“, sagte Hiiol, jetzt wieder scheinbar völlig ruhig.
Dann verließ er seinen Arbeitsplatz, um in dem einen Stockwerk tiefer gelegenen B-Deck das Medocenter aufzusuchen, begleitet von kopfschüttelnden Blicken der zurückbleibenden Besatzung.
Während der Astronavigator abwesend war, kreiste das Schiff ohne Antrieb in einem eintausend Kilometer-Orbit um die Planetenoberfläche. Die automatischen Steuersysteme hielten den Kreuzer auf Kurs, während Scanner und Detektoren auf Hochtouren arbeiteten, um möglichst viele Daten vor der Landung zu sammeln. Der dichte Pflanzenbewuchs auf dem Superkontinent des Planeten verhinderte jedoch Detailbeobachtungen. Dafür war die Biomasse schlicht und ergreifend zu enorm, ein grüner, vor Leben brodelnder Pflanzenozean.
Nach Abschluss der Messreihen bereitete sich die Besatzung auf die Landung vor. Carna aktivierte den ANGRAV und erste Steuerimpulse ließen die PRINCESS II aus ihrem bisher stabilen Orbit herausgleiten. Langsam senkte sich der scheibenförmige Flugkörper der in tausenden von Grüntönen leuchtenden Oberfläche entgegen, die nun mehr und mehr sämtliche Monitore der Außenbeobachtung ausfüllte.
„Sagt mal, wo bleibt eigentlich Hiiol?“, fragte Karin plötzlich, der in diesem Moment das Fehlen des Mannes bewusst wurde. „So lange kann das doch nicht dauern, sich was gegen Kopfschmerzen zu besorgen?“
„PRINCESS – bitte lokalisiere Gareth Hiiol“, wies Carna daraufhin die Schiffsoptronik an, der gemeinhin schnellste Weg, um herauszufinden, wer sich wo an Bord aufhielt.
Doch der Bordrechner kam gar nicht mehr zum Antworten, denn just in diesem Moment tauchte der schmächtige Körper des Gesuchten aus der Bodenöffnung des Antigravlifts auf. Er sprang förmlich in die Zentrale hinein. Harriet schrie erschrocken auf, als sie den feuerbereiten Thermoblaster zwischen seinen Hände erkannte. Hiiols Augen glühten in einem fiebrigen Glanz, als er wie gehetzt zwischen den einzelnen Besatzungsmitgliedern hin und her schaute.
„Halt!“, kreischte er dann mit sich im schrillen Diskant überschlagender Stimme.
Carna hatte sich halb aus seinem Kommandosessel erhoben und musterte den übererregten Mann scharf aus zusammengekniffenen Augen.
„Was soll das, Hiiol!“, rief er mit schneidender Stimme aus. „Sie Sie wahnsinnig geworden?“
„Ich verbiete Ihnen die Landung!“, keifte der schmächtige Mann, ohne Carna direkt auf dessen Frage zu antworten. „Ich verbiete es Ihnen! Sie dürfen nicht landen ...nnicht ...la ...landen.“
Dann ging ein schrecklicher Ruck durch die schlaksige Gestalt. Hiiol riss die Augen auf und griff sich an den Kopf.
„Landen Sie sofort!“, brüllte er dann mit vor Schmerz verzerrter Miene, befahl also genau das Gegenteil von dem, was er gerade vor einem Moment noch verlangt hatte.
„Landen Sie, landen Sie … Sie müssen landen ...ah ...ahahahaahhaaaha ...“
Ein irres Lachen drang aus seiner Kehle, welches aber fast sofort in ein gequält klingendes Schluchzen überging.
„Nnniiiiiccchhhhhhttt laaaannnnddddeeeennn...“, würgte er sogleich mühsam und kaum zu verstehen hervor. „Niemand soll landen. Niemand soll auf Ihnen landen. Niemand ...“
Tränen rannen über seine wie im Fieber glühenden Wangen. Sein Gesicht verzerrte sich zu immer neuen Grimassen, während sein Körper wie unter heftigen Stromschlägen zu zucken begann. Es war ein grauenhaftes und für die TESECO-Agenten völlig unverständliches Schauspiel, bei dem sich Verblüffung und Entsetzen die Waage hielt. Doch trotz und gerade deswegen mussten Carna und seine Leute alles versuchen, die Lage wieder unter Kontrolle zu bringen. Hiiol schien sich in einen unberechenbaren Irren verwandelt zu haben, der mit der gefährlichen Waffe in seiner Hand allerlei Unheil anrichten konnte.
Tom warf Glenn einen schnellen Blick zu und versuchte den Kanadier mittels Mimik und einer Art geheimer Nicksprache über das, was er plante, in Kenntnis zu setzen. Er hoffte nur, dass sein Stellvertreter auch alles richtig verstanden haben würde.
Dann kam der Commander langsam hinter seinem Pult hervor und tat ein paar vorsichtige Schritte in Richtung des Tobenden.
„Ganz ruhig, Gareth ...“, versuchte er den aufgebrachten Mann zu beruhigen. „Wir können in Ruhe über alles reden ...“
Weiter kam der Neuseeländer jedoch nicht. Hiiol richtete ruckartig den Thermoblaster auf den Kommandanten der PRINCESS II.
„Halt!“, schrie er. „Bleiben Sie sofort stehen, Carna, oder ich schieße Sie zusammen. Ich verbiete Ihnen die Landung ...sie ...sie wollen … Gedanken … nicht landen!“
Seine Worte wurden zunehmend unverständlich und kamen zum Schluss nur noch hervor gestammelt.
„Nein … nein … landen … sie … sie müssen … sofort landen“, lallte er wiederum nur einen Moment später völlig Gegensätzliches.
„FALSCH!“, gellte es dann verzerrt aus der Kehle des offensichtlich verrückt gewordenen Mannes durch die Kanzel.
„D ...das ...ist falsch ...ni ...nicht la … lan … AHHHHH!“
Ein weiterer gellender Schrei entrang sich dem, nun konvulsivisch zuckendem Körper. Hiiol griff sich Schmerz gepeinigt an den Schädel. Die andere Hand, welch den schweren Strahler hielt, sank langsam nach unten.
Carna sah hier seine Chance gekommen, den Tobenden zu überwältigen. Er sprang nach vorne, warf sich auf Hiiol und versuchte dabei, die Waffe zu fassen zu bekommen. Doch der Astronavigator reagierte überraschend schnell. Ruckartig riss er den Thermoblaster hoch und sein Daumen presste sich gleichzeitig dabei auf den Auslöse- Sensor.
Der kochend heiße Thermostrahl verfehlte Carnas Gesicht nur um Ellenbogenlänge, bevor er krachend in ein Display der Raumüberwachung einschlug.
„Ich habe Sie gewarnt!“, brüllte Hiiol aufgebracht und trat dabei ein paar Schritte zur Seite.
Seine Bewegungen wurden immer hektischer, eckiger und, wie es den Eindruck machte, unkontrollierter.
„Ich werde es zu verhindern wissen, dass Sie das Schiff auf dem Planeten landen ...“, schrie er weiter, stöhnte dann Tierhaft auf und gab dann wieder genau gegensätzliche Worte von sich.
„Los! Landen Sie den verdammten Kahn endlich!“, befahl er mit der Waffe fuchtelnd. „Sie sollen landen! Ich … wir .... ich … NEEEIIINNN ...“
Es klang wie ein verwundetes Tier, der Schrei einer bis aufs Blut gequälten Kreatur, der den anwesenden Crewmitgliedern einen Schauer des Entsetzens über den Rücken jagte. Dieser fürchterliche Schrei ebbte in einem gurgelnden Röcheln aus. Fast übergangslos drang danach wieder ein bitteres Lachen aus dem Mund des scheinbar wahnsinnig gewordenen Mannes. Die Crewmitglieder waren fassungslos. Keiner konnte erfassen oder begreifen, was es mit diesem Schauspiel auf sich hatte, welches sich da vor ihren Augen abspielte.
Dann schien Gareth Hiiol endgültig den letzten Funken seines Verstandes verloren zu haben. Er stieß ein lang gezogenes Jaulen aus, wie es ein Wolf tut, der den Mond an heult. Entsetzt mussten die Crewmitglieder der PRINCESS II mit ansehen, wie sich die Augen des Mannes verdrehten, bis nur noch das Weiße gesehen werden konnte. Schaum stand Hiiol vor dem Mund, der nun schwerfällig den Arm hob, mit dem er die Waffe hielt. Er gab völlig willkürlich und unkontrolliert mehrere Schüsse ab, die unter Krachen und Bersten in verschiedene Schaltpulte und Funktionselemente einschlugen. Erste kleine Flammen züngelten auf und die verbrannten Kunststoffe füllten den Raum mit schwarzem, beißenden Qualm, der nur langsam von den Ventilaktionsanlagen abgesaugt wurde. Dieser Qualm hüllte auch Hiiol ein und irritierte ihn. Das war die Chance für die Crew, die Situation wieder unter Kontrolle zu bekommen.
Carna rappelte sich auf und stürzte sich ein zweites Mal auf den Mann. Dieser riss just in diesem Moment den Waffenarm wieder hoch und verpasste dem Commander einen heftigen Schlag mit dem Strahler gegen dessen Kopf. Benommen ging der Crewmaster zu Boden. Blut tropfte aus einer Platzwunde an der Stirn. Der torkelnde Hiiol richtete den schweren Thermoblaster nun auf die am Boden liegende Gestalt Carnas, doch er kam nicht mehr dazu, die Waffe auszulösen.
Mit einem wilden Schrei rammte Nomo Teniate dem Mann seinen Schädel in die Seite, gerade so, als würde er beim American Football einen Gegner rammen. Es riss den Tobenden geradezu von seinen Beinen, vom Schwung und der Masse des Defensers zu Boden geworfen. Eine wüste Rangelei begann, bei der Gareth Hiiol schier unglaubliche Kraftreserven ins Spiel brachte. Nomo, ein muskulöser, athletischer Typ, geriet in Bedrängnis, als sich Gareth Hiiols Hände um seinen Hals schlossen, um ihn zu erwürgen. Doch dann waren Glenn und Roy heran und nun zu dritt gelang es ihnen endlich, den wahnsinnig gewordenen Astronavigationsspezialisten zu überwältigen und zu entwaffnen.
Als der hagere Mann zu begreifen schien, dass er keine Chance mehr gegen die drei Crewmitglieder hatte, ging erneut eine erschreckende Veränderung mit ihm vor. Seine Augen weiteten sich unnatürlich und sein Gesicht nahm fratzenhafte, unmenschliche Züge an. Noch einmal stieß er einen lang gezogenen, gellenden Schrei aus. Dann sackte er in den Armen Nomos und Romys zusammen, wie ein Ballon, aus dem die ganze Luft herausgelassen wurde und er fiel in eine tiefe Bewusstlosigkeit.
Übergangslos herrschte eine fast gespenstische Stille in der Kommandokanzel. Carna, nach dem harten Schlag gegen seinen Kopf wieder einigermaßen bei sich, erhob sich leicht schwankend. Er registrierte, dass sich Karin und Harriet mit kleinen Handlöschern noch um die letzten Glutnester der Einschüsse kümmerten. Zum Glück bestand die Einrichtung aus schwer brennbaren Materialien, sonst hätte der Einsatz des Thermoblasters viel schwerwiegendere Folgen haben können.
Als nächstes nahm der Crewmaster den am Boden liegenden, überwältigen Hiiol ins Visier und stakste noch etwas unsicher auf die Vierergruppe um den Mann herum zu. Besorgt nahm er zur Kenntnis, dass Nomo ordentlich was hatte einstecken müssen. Sein Gesicht wies zahlreiche Blutergüsse und Prellungen auf und eines der beiden Augen quoll gerade zu. Aus einem Mundwinkel rann ein dünner Blutfaden, den der Afrikaner gerade mit dem Handrücken aus dem Gesicht wischte, wobei er schmerzhaft dasselbe verzog. Der Defenser erhob sich unter leisem Stöhnen und lehnte sich gegen eines der Trennelemente, die die einzelnen Arbeitsbereiche räumlich voneinander abgrenzten.
„Verflucht noch eins ...“, ächzte er. „So dürr wie die Type ist, aber er hatte ein paar ordentliche Schläge drauf!“
Er versuchte ein Grinsen, was ihm jedoch kläglich misslang.
„Na, so schlecht kann es dir ja nicht gehen, wenn du schon wieder lockere Sprüche drauf hast, Alter!“, sagte Tom erleichtert zu seinem Freund, Kollegen und Partner.
„Es geht, Tom“, meinte dieser dann verdrossen. „Du hast aber auch eine gewaltige Beule abbekommen.“
Carna tastete mit einer Hand nach seiner Stirn. Als er die Beule mit der Platzwunde darin berührte, zog er vor Schmerz scharf die Luft zwischen den Zähnen ein und zuckte heftig mit der Hand wieder zurück. Es tat wirklich höllisch weh, das wurde ihm jetzt erst so richtig bewusst. Carna ging zu einem Arbeitspult und betrachtete sein Spiegelbild in einer ausgeschalteten Displayfläche.
„Oh je, noch so ein Horn und ich kann beim nächsten Kostümball ohne Probleme als Teufel auftreten“, seufzte er betrübt.
Mit Sorgenvoll gekrauster Stirn wandte er sich ab und betrachtete dann den bewusstlosen Gareth Hiiol, der immer noch von Roy gehalten wurde.
„Was zum Henker ist bloß in diesen Mann gefahren?“, entfuhr es ihm dabei.
Natürlich hatte keiner seiner Kolleginnen und Kollegen eine Antwort auf diese Frage parat. Auch nicht Harriet, die an die Seite Carnas getreten war und seine Stirnplatzwunde näher in Augenschein nahm.
„So bald werden wir das wohl auch nicht erfahren“, kommentierte sie die vom Crewmaster in den Raum gestellte Frage.
„Das sieht ganz schön übel aus, Chef“, meinte sie anschließend, im Bezug auf dessen Wunde. „Ich kann dir jetzt schon mal etwas Heilplasma auf sprühen, aber du musst die Sache von MeDoc versorgen lassen.“
„Ich begreife das nicht“, meldete sich Roy Anthony zu Wort.
„Erst brüllt er rum, wir sollen auf Greenwich landen. Und im nächsten Atemzug verlangt er das genaue Gegenteil. Das verstehe, wer will. Ich tue es nicht!“
„Zwei Seelen wohnen, ach, in meiner Brust...“, zitierte Harriet halblaut vor sich hin, während sie das kühlende und Schmerz stillende Heilplasma, welches aus den zahlreichen Notfall-Sets, die in der Zentrale deponiert waren, stammte, auf die Stirn Carnas sprühte.
„Was meinst du damit, Harriet?“, erkundigte sich der Commander etwas irritiert bei der Südafrikanerin.
„Oh, nichts weiter“, erklärte diese schnell. „Ist mir gerade so eingefallen. Irgendein Zitat aus klassischer, terranischer Literatur. Faust, wenn ich mich nicht irre. Fand ich gerade irgendwie passend, oder?“
„Komm mir nicht mit Faust!“, beschwerte sich Nomo, der sich gerade neben seinen Freund und Crewmaster gestellt hatte. „Davon hatte ich gerade mehr als genug.“
Und an Tom gewandt, fragte er: „Sag mir lieber, was wir mit diesem personifizierten Tobsuchtsanfall anfangen sollen.“
„Schafft ihn auf die Krankenstation runter“, wies Carna den Defenser an. „MeDoc soll eine Analyse durchführen. Und du kannst dich bei der Gelegenheit auch gleich verarzten lassen. Du siehst scheußlich aus, Alter!“
„Liebenswürdig, wie immer“, meinte Nomo missmutig. „Aber so kennen und lieben wir dich, nicht wahr, Gehörnter?“
„Quatsch nicht, ab mit Euch!“, lachte Tom.
Nomo drehte sich zu Glenn und Roy um.
„Ihr habt gehört, was der Einhörniger gesagt hat“, rief er mit gespielter Strenge. „Also lasst uns die komische Type zu MeDoc schleifen!“
Während die drei Männer den bewusstlosen Hiiol in die Röhre des Antigravlifts beförderten, ging der Commander zu Karin Schröder hinüber, die bereits damit beschäftigt war, eine Bestandsaufnahme der entstandenen Schäden zu machen.
„Und?“, fragte er knapp.
„Es hätte schlimmer kommen können“, gab die Technikspezialistin zu seiner Erleichterung zur Antwort. „Es wurden drei Displays zerstört, aber wir haben genug Ersatzbildfolie an Bord, um das zu reparieren. Die Einschüsse an den Trennelementen sehen zwar unschön aus, aber es wurde kein darin integriertes Bauteil der Lebenserhaltung getroffen“, erläuterte sie dann die Ergebnisse ihrer Inspektion weiter.
„In den Pulten für Astronavigation und im Kontrollpult von Glenn wurden einige Schaltkreise zerstört, die aber durch Redundanzsysteme ausgeglichen werden können. Der einzige gravierende Ausfall ist die Holokugel vor deinem Kommandostand. Ich kann das zwar reparieren, es dauert allerdings ein paar Tage.“
„Da haben wir tatsächlich noch mal Schwein gehabt, was?“, sagte Carna und stieß erleichtert die Luft aus seinen Lungen.
Karin nickte nur stumm dazu und auch ihr sah man die Erleichterung über den glimpflichen Ausgang des Zwischenfalls an. Wie leicht hätten verheerendere Schäden entstehen, ja sogar jemand von der Crew getötet werden können.
„Also gut!“
Carna klatschte in seine Hände.
„Meine Damen, ich überlasse Euch die Kanzel. Der Landeanflug wird abgebrochen. Bringt das Schiff in den Standardorbit zurück. Ich gehe derweil runter ins Medocenter. Ach … Harriet?“
„Tom?“
„Vielleicht kannst du mittels des Computers herausfinden, wie Hiiol an den schweren Thermoblaster kommen konnte. Von uns hat er den Zugriffscode zur Ausrüstungskammer offiziell ja nicht erhalten.“
„Ich werde sehen, was ich tun kann!“, versprach die aus Johannesburg stammende Agentin.
Der Crewmaster machte sich nun auf den Weg zum B-Deck, zum dort befindlichen Medocenter. Als er dort eintraf, waren Glenn und Roy gerade damit beschäftigt, den immer noch bewusstlosen Hiiol auf eine der fünf Behandlungsligen zu bugsieren und für die Untersuchung vorzubereiten. Auf einer zweiten Liege hatte sich Nomo niedergelassen. Dort arbeiteten bereits die Diagnose- und Behandlungssysteme und versorgten den lädierten Defenser. Glenn Stark hob seinen Kopf und schaute dem Kommandanten entgegen.
„Bis jetzt hat sich unser Tobsüchtling nicht wieder gerührt, Tom“, berichtete er kurz. „Er liegt weiterhin in tiefer Bewusstlosigkeit.“
„Vielleicht bringt MeDoc ja ein wenig Licht ins Dunkel“, versuchte Carna ein wenig Optimismus zu versprühen. „Und so lange die Analyse läuft, kann ich mich selbst von unserem technischen Meisterstück versorgen lassen. Also, macht weiter, Männer!“
Nach dieser knappen Anweisung ließ er sich selbst auf eine weitere Behandlungsliege sinken und aktivierte das System. Während sich Scanner und Diagnosegeräte auf den Commander ausrichteten, beobachtete dieser weiter das Geschehen um Gareth Hiiol.
Dieser war zwischenzeitlich von den beiden TESECO-Agenten vollständig entkleidet und ausgestreckt auf der Behandlungsliege platziert worden. Auf die Betätigung eines Sensorfeldes hin senkte sich eine semitransparente Halbröhre auf den Körper hinab und hüllte ihn vollständig ein. Summend erwachte die Diagnoseeinheit zum Leben. Das Geschehen konnte anhand diverser Displays auf der gekrümmten Röhrenoberfläche mit verfolgt werden. So erkannte man zum Beispiel die gezackten Linien von EKG und EEG, Balkenanzeigen für Blutdruck, Blutwerte und so weiter.
„Patient identifiziert“, ertönte eine weiche, aber neutral gehaltene Frauenstimme. „Hiiol, Gareth; männlich; 37 Jahre alt, temporäre TESECO- Personalidentifikationsnummer 34455GA/F-Hi-78563. Freier Astronavigationsspezialist. Körperdaten bekannt. Medizinische Daten in MeDoc-Datenbank … vorhanden. Ich beginne mit der Untersuchung.“
Die anwesenden Männer konnten nicht im Detail verfolgen, was MeDoc alles mit dem nach wie vor bewusstlosen Hiiol anstellte, aber es musste eine ganze Menge sein. Denn es sollte überraschend lange dauern, bis sich der medizinische Apparat wieder akustisch meldete. Endlich, nach einer starken Dreiviertelstunde brach er sein Schweigen.
„Untersuchung beendet“, ertönte die freundliche, aber emotionslose Frauenstimme. „Vorläufige Diagnose: Hochgradige, partielle Überlastung mehrerer Hirnareale. Auf Grund der Enzephalogrammauswertung ist nicht auszuschließen, dass eine Fremdbeeinflussung vorliegt. Die Wahrscheinlichkeit für eine hypnotische Konditionierung liegt bei 71,28 Prozent. Die Kreislaufwerte sind labil, jedoch ist der Zustand des Patienten nicht mehr kritisch. Es wurden stabilisierende Medikamente verabreicht. Zusätzlich erschien die Gabe von Psychoregenerativa für notwendig. Es ist jedoch nicht abzusehen, ob damit auch die hypnotische Blockade beseitigt werden kann, da Art und Umfang der Beeinflussung unbekannte Faktoren darstellen. Der Patient ist für die Dauer von mindestens fünf Tagen zusätzlich in medizinische Heilstase zu versetzen. Diese Maßnahme ist umgehend durchzuführen, wenn weitere Schädigungen des vegetativen Nervensystems und Neuronalen Verknüpfungen vermieden werden sollen. MeDoc – Ende.“
„Verdammt!“, fluchte Carna lauthals los, als er diese Mitteilung vernommen hatte. „Ich will Antworten und der Blechheini legt den Kerl schlafen!“
Er warf einen bitteren Blick auf den Kranken, der nun wieder von der Halbröhre freigegeben worden war.
„Na gut, lamentieren hilft nicht ...“, seufzte er dann. „Schafft ihn in die Stasekammer und kommt dann nach oben in die Zentrale. Wir können nicht länger mit der Landung warten. Wir sind auch so schon genug im Verzug.“
Der Crewmaster wandte sich von Hiiol ab und verließ dann die Krankenstation, um zurück in die Kommandokanzel zu gehen. Dort half er Karin und Harriet, die sich bereits mit der Reparatur der durch Hiiol verursachten Schäden beschäftigten. Die richtigen, größeren Reparaturen würden sie allerdings erst ausführen, wenn sie sich auf dem Rückflug zur Erde befanden. Die PRINCESS II befand sich auch so in einem voll einsatzbereiten Zustand.
Glenn, Roy und Nomo kehrten in die Zentrale zurück. Tom betrachtete seinen Freund Nomo genauer und stellte zufrieden fest, dass die Behandlung MeDocs bei ihm schon Wirkung zeigte und die Schwellungen im Gesicht durch das Heilplasma bereits wieder nachließen. Unwillkürlich tastete Carna nach seiner eigenen Stirnwunde und auch diese war im Abschwellen begriffen und schmerzte kaum noch.
Er und die beiden Frauen stellten die Reparaturarbeiten an und sie begaben sich zurück an ihre jeweiligen Arbeitsplätze.
„Will noch jemand durchdrehen, oder können wir jetzt landen?“, fragte der Crewmaster scherzhaft in die Runde, womit er beifälliges Gelächter erntete. Doch nach diesem Anfall von Galgenhumor wurde er schnell wieder ernst.
„Alsdann, Leute ...“, sagte er. „Fertig machen zur Landung. Das Geheimnis der Pflanzenwelt wartet darauf, von uns gelüftet zu werden!“
***
Knappe dreißig Minuten später verließ die PRINCESS II zum zweiten Mal den Orbit um den grün-weiß gesprenkelten Planeten. Da bei diesem Versuch kein wild gewordener Astronavigationsspezialist in der Zentrale herum wütete, ging auch alles Routine gemäß glatt vonstatten. Als Landeplatz hatte man ein größeres, ebenes Gebiet bestimmt, welches einen wiesenähnlichen Charakter aufwies. Grundlage für die Entscheidungsfindung hierfür war das von der ENIGMA erstellte Kartenmaterial. Immer schneller werdend, stürzte der TESECO-Kreuzer dem vorbestimmten Landepunkt entgegen. Schon nach wenigen Minuten trafen die Ausläufer der oberen Atmosphäre auf den Prallschirm des Schiffes. Fahle Lichtblitze waren die Folge, als die Luftmoleküle mit der Energie des Schutzfeldes zu interagieren begannen. Dieses Leuchtspektakel wurde immer stärker und intensiver, je mehr die Atmosphärendichte um das Schiff herum zunahm. Commander Carna verlangsamte den rasenden Sturzflug der PRINCESS II und steuerte die Landekoordinaten an. Auf den Bildschirmen der Außenbeobachtung konnten die Crewmitglieder bald darauf eine urweltliche Dschungellandschaft unter sich hinweg ziehen sehen. Grün war die alles beherrschende Farbe. Es gab sie in allen nur denkbaren Nuance und Schattierungen, die man sich nur vorstellen konnte. Hier und da schimmerte ein trübes Blau von Seen oder Flussläufen durch das dichte Blätterdach hervor. Über weiten Gebieten der Planetenoberfläche hingen große Wolkenbänke, aus denen es geradezu sintflutartig regnete.
„Da draußen gibt es einen Sauerstoffanteil von 25 Prozent“, meldete Harriet, die Hiiols Aufgaben zusätzlich übernommen hatte. „Außerdem schwirrt die Luft vor pflanzlichen Kleinteilen und Sporen. Wir werden auf jeden Fall Filtermasken tragen müssen.“
Sie schwieg einige Momente lang, in denen sie konzentriert arbeitete und die Anzeigen der Displays auf dem Pult vor ihr auswertete.
„Es scheint tatsächlich keinen hervorhebenswerte Fauna auf dem Planeten zu geben“, gab sie dann überrascht von sich. „Jedenfalls nichts, was größer als ein Vogel wäre. Diese Welt gehört wahrhaftig den Pflanzen fast allein. So etwas habe ich ja noch nie erlebt!“
„Ich kann nicht sagen, dass dies ein beruhigender Umstand wäre“, sagte Carna und ihn beschlich so etwas wie eine ungute Vorahnung. „Es ist vielmehr ein weiteres Rätsel dieses Planeten, das wir hoffentlich lösen können.“
Er schüttelte die aufkeimende Beklemmung ab und konzentrierte sich wieder auf den Landeanflug, der nun in seine Endphase kam. Auf dem Hauptmonitor seines Arbeitsplatzes tauchte bereits der eigentliche Landeplatz auf, markiert durch einen roten, blinkenden Kreis. Der Neuseeländer verzögerte die Geschwindigkeit des ANGRAV-Triebwerkes immer stärker, während er das Schiff gleichzeitig weiter nach unten sinken ließ. Bald glitt die PRINCESS II nur noch wie von einer sanften Brise getrieben über das Grün unter ihr hinweg, bis sie schließlich regungslos über dem von hohem Gras bedeckten Boden einer riesigen Lichtung verharrte, auf den unsichtbaren Antigravpolstern der energetischen Landeverankerung gehalten.
„Also, da wären wir!“, kommentierte Glenn Stark die Landung auf Greenwich trocken. „Hast du schon einen Plan für unser weiteres vorgehen, Tom?“
„Du wirst staunen, ich habe mir tatsächlich schon ein paar Gedanken gemacht“, antwortete Carna ernst. „Wir werden erst einmal mit zwei Beibooten raus fliegen und die unmittelbare Umgebung etwas näher erkunden.“
„Und wer soll mit den Jets raus?“, wollte Harriet es genauer wissen.
„Ich dachte an dich und Karin für Jet 1“, erläuterte der Commander seinen Plan, „Und Roy übernimmt mit Glenn zusammen die zweite SILVERJET.“
„Gut, dann werde ich gleich mal die Hangars fluten und die Jets in Startbereitschaft versetzen“, sagte Glenn und ließ schon seine Finger über die Schaltflächen diverser Displays huschen.
„Wie lange sollen wir draußen bleiben?“, erkundigte sich Karin.
„Ach Stunden“, erwiderte Tom Carna. „Das sollte genügen. Den Maximalradius für die Erkundungsflüge setzen wir mal auf … na, sagen wir 500 Kilometer fest. Sprecht euch untereinander ab, wer welches Gebiet übernimmt. Alle sechzig Minuten gebt ihr zudem einen kurzen Statusbericht ab. Alles klar so weit?“
Aus vier Kehlen kamen bestätigende Meldungen und gleich darauf verließen Harriet, Glenn, Karin und Roy die Kanzel, um an Bord der beiden SILVERJETS zu gehen. Als die vier die Zentrale verlassen hatten, wandte sich Tom an Nomo.
„So Alter, während die vier ihre Erkundungsflüge absolvieren, kannst du schon mal nach unten gehen und aus der Ausrüstung zusammensuchen, was wir für eine zu-Fuß-Expedition auf Greenwich benötigen.“
„Wird erledigt, Tom“, bestätigte der schwarzhäutige Defenser des Schiffes die erhaltene Anweisung.
„Gut, Nomo. Ich werde so lange hier oben mit den Reparaturen der Schäden weitermachen, die Hiiol angerichtet hat. Wenn du mit der Zusammenstellung der Ausrüstung fertig bist, kannst du mir ja dann dabei helfen.“
„OK, Chef“, stimmte der Afrikaner zu. „Und auf dem Weg nach oben gehe ich in der Bordküche vorbei und bring uns eine Kanne frisch gebrühten Kaffee und ein paar Sandwiches mit nach oben. Einverstanden?“
„Aber unbedingt!“
„Alsdann, bis später, Tom!“
Nomo verschwand im Antigravlift und Carna griff sich ein Klemmbrett, auf dem Karin eine Schadensaufstellung festgeklemmt hatte. Er überflog kurz das Geschriebene, dann schnappte er sich ein Reparaturset aus einem Staufach und machte sich an die Arbeit.
***
Acht Stunden später kehrten beide SILVERJET fast gleichzeitig wohlbehalten zum Mutterschiff zurück. Man hatte zwar ein recht gutes Umgebungsbild gewonnen, war aber ansonsten zu keinen weiteren, besonderen Erkenntnissen gelangt.
Karin und Harriet kamen als erste von beiden Erkundungstrupps zurück in die Kommandozentrale. Die deutsche Technikspezialistin ließ sich erschöpft in ihren Sessel fallen.
„Grün, grün, grün ...“, stöhnte sie lauthals. „Du liebe Güte, da draußen kann man ja einen Grünkoller bekommen. Hals uns ja nicht wieder so einen trübsinnigen Job auf, Chef!“
„Und ich dachte, wenn ihr mal raus zum Spielen dürft, dann freut ihr euch darüber“, lachte Tom.
„Aber im Ernst“, fuhr er fort, „Ihr wisst so gut wie ich, dass es auf diesem Planeten schon einige sonderbare, ja geradezu bizarre Todesfälle gegeben hat. Also lieber einen langweiligen Erkundungsflug durchführen, als am nächsten Tag ohne Gehirn aufzuwachen!“
„Da würde dir ja wirklich nicht viel fehlen“, feixte Roy Anthony, der eben zusammen mit Glenn Stark aus der Antigravröhre hervor geschwebt kam.
Gleich darauf duckte er sich jedoch hastig, denn Carna hatte mit einem Plastik- Abdeckungsteil nach dem Briten geworfen.
„Du frevelst an deinem Commander?“, rief er dem blonden Schnauzbartträger entgegen.
„Mit Recht!“, schimpfte dieser zurück. „Der Gehirnklau hat offensichtlich nämlich schon zugeschlagen. Uns mit solch einem Auftrag zu schikanieren! Grün, grün, grün! Ätzend!“
„Nanu, das habe ich doch schon mal irgendwo gehört?“, tat der Crewmaster verwundert, mit einem schelmischen Seitenblick auf Harriet und Karin.
„Tja, nachdem die Flüge nichts Verwertbares erbracht haben, werden wir wohl doch aussteigen müssen und uns zu Fuß ein wenig in der Umgebung umsehen“, eröffnete er dann seinen Leuten das weitere Vorgehen.
„Oh nein!“, ächzte Harriet. „Schon wieder ein Marsch durch den Dschungel? Das habe ich vom Planeten Flashfire her nicht gerade in bester Erinnerung.“
Sie verzog säuerlich ihr Gesicht. Nicht ohne Grund, denn als die Crew damals ins Agena- System geschickt worden war, um dort das Verschwinden mehrerer Raumschiffe aufzuklären, wurde ihr Schiff, die PRINCESS, über dem Planeten Flashfire abgeschossen. Die Besatzung konnte sich mit einer SILVERJET retten, die bei der Notlandung jedoch völlig zerstört worden war. Um zur Zentrale ihres zu dem Zeitpunkt noch unbekannten Gegners mussten sie Tage lang durch unwegsames Gelände und Waldgebiete laufen. Alles in allem kein Zuckerschlecken.
„Es hilft alles Jammern nichts, wir müssen raus“, sagte Tom Carna schulterzuckend. „Es werden allerdings keine sehr langen Märsche werden. Der ursprüngliche Landeplatz der PLUTARCH liegt nur etwa vier Kilometer westlich von unserem Landeplatz entfernt.“
„Dein Wort in Gottes Ohr!“, maulte die braunhaarige Kybernetikerin, die dem Frieden noch nicht ganz trauen wollte. „Wieso sind wir eigentlich nicht gleich dort gelandet?“
„Der Dschungel hat den dort entgegen aller Vorschriften aus der Vegetation heraus gebrannten Landeplatz zum großen Teil bereits wieder überwuchert“, erklärte Tom geduldig. „Wir hätten also ebenfalls wieder die Thermostrahler oder Desintegratoren einsetzen müssen. Du weißt so gut wie ich, dass derartige Aktionen vom Raumrecht her nicht gestattet ist, bis man sicher sein kann, kein höheres Leben dabei zu vernichten.“
„Schon gut, Chef“, gab Harriet seufzend von sich. „Und außerdem, was habe ich schon für eine Wahl?“
„Keine“, gab der Crewmaster schmunzelnd zur Antwort. „Aber gut, dass wir darüber gesprochen haben. Und nachdem das geklärt ist, werden wir eine Ruheperiode einlegen. Allerdings wird zusätzlich jemand von uns in der Bodenschleuse Wache halten.“
„Wache halten?“, fragte Glenn den Commander. „Meinst du, dass das notwendig ist?“
„Vorsicht ist die Mutter der Porzellankiste“, sagte Carna ernst.
„Unsere Sicherheitssysteme sind zwar wesentlich besser als die an Bord einer Pioniereinheit, doch man kann ja nie wissen. Wer übernimmt freiwillig die erste Wache?“
Roy Anthony hob seine rechte Hand.
„Gut Roy, also du. Die Wachperioden betragen drei Stunden. Nach dir ist Glenn dran, dann ich, gefolgt von Harriet. Das sind zwölf Stunden. Wenn die rum sind, treffen wir uns wieder in der Kanzel.“
Er erhob sich von seinem Platz.
„Und nun Bordruhe, Leute!“, befahl er. „Wir haben morgen einen anstrengenden Tag vor uns. Schlaft gut!“
***
Während die Anderen ihre Kabinen aufsuchten, begab sich Roy Anthony zunächst in die Bordmesse, um sich mit etwas Proviant für die nächsten drei Stunden zu versorgen. Er entschied sich für Orangensaft und Sandwiches. So versorgt, suchte er anschließend seine eigene Kabine auf. Dort lag auf dem Nachttisch neben seinem Bett ein spannendes Buch, dass er mit sich nehmen wollte, um sich etwas die Zeit zu vertreiben. Mit allem in seinen Augen Notwendigen ausgestattet, ging er zum zentralen Antigravlift, vertraute sich dort dem nach unten gepolten Feld an und ließ sich bis zur untersten Ebene tragen, die identisch mit der Haupt- oder auch Bodenschleuse war. Der blonde Engländer ging hinüber zu den großen Schleusenschotten. Dort aktivierte er einen Bildschirm, der sich rechts daneben, etwa in Augenhöhe befand. Gedankenschnell baute sich das Bild auf und zeigte die im düsteren Abendlicht daliegende Landschaft des Planeten Greenwich, wie sie sich vor der Schleuse befand. Roy musterte das Bild einige Moment lang, dann wandte er sich ab und suchte eine andere Stelle an der Innenwand des runden Schleusenraumes auf. Ein weiterer Knopfdruck ließ dort einen Sitz aus der Wand klappen. Dieser diente im Allgemeinen dazu, längere Ladearbeiten bequemer überwachen zu können. Der Brite nahm Platz und rutschte so lange auf der Sitzfläche hin und her, bis er eine Körperstellung gefunden hatte, in der es sich bequem einige Zeit lang aushalten ließ. Der Becher mit dem Saft und die in Folie verpackten Sandwiches platzierte er auf dem Boden neben dem Sitz. Danach vertiefte er sich in sein mitgebrachtes Buch. Es war ein Science Fiction- Abenteuer, eine Romanserie mit dem Titel ART PARKER. Die Handlung spielte auf der Erde, die jedoch eine völlig andere Entwicklung genommen hatte, wie in der Realität. Größenwahnsinnige Diktatoren beherrschten den Planeten und schotteten ihn völlig vom Rest des Universums ab, während sie gleichzeitig gegen einige andere Planetensystem Eroberungsfeldzüge durchführten. Ein totalitäres Überwachungssystem, in dem jedes Ausbrechen aus der Norm schwer bestraft wurde. In der Serie schloss sich ein junger Terraner einer Widerstandsgruppe an, die es sich zum Ziel gesetzt hatte, die Tyrannei auf der Erde zu beseitigen.
Roy fand die Handlung ungemein spannend und konzentrierte sich deshalb voll darauf. Allerdings vergaß er darüber nicht seinen Wachdienst. In mehr oder weniger regelmäßigen Abständen warf er einen Blick auf den Außenbeobachtungsschirm oder machte einen kurzen Rundgang durch die Bodenschleuse, bevor er sich wieder in die Zeilen des Buches in seiner Hand vertiefte. Er liebte es, Geschichten in gedruckter Form in Händen halten zu können, vor- und zurück zu blättern, wie es ihm beliebte, oder das Buch einfach aufzuschlagen, ohne vorher ein Lesegerät aktivieren zu müssen. Auch jetzt, im frühen 23. Jahrhundert erfreute sich Gedrucktes großer Beliebtheit.
Die Handlung der Geschichte fesselte ihn und so bemerkte er gar nicht, dass seine Wache wie im Fluge verging. Gerade las er einen besonders spannenden Abschnitt und merkte so überhaupt nicht, das der Submaster die Schleuse betrat und auf ihn zuging. Roy zuckte heftig zusammen, als sich ihm plötzlich eine Hand auf die Schulter legte.
„Ist das Ihre Auffassung eines Wachdienstes, Agent Anthony?“, sagte Glenn Stark laut und streng.
Der Angesprochene stieß vernehmlich die Luft aus seinen Lungen.
„Teufel noch eins, Glenn!“, rief er erschrocken aus. „Musst du mich so erschrecken?“
„Na, wenn du aber doch in andere Welten abgetaucht bist?“, meinte dieser breit grinsend.
„Na, was hätte ich denn sonst hier unten tun sollen? Ich wäre vermutlich vor lauter Langeweile eingeschlafen.“
„Beruhige dich, Kumpel, du hast es jetzt ja hinter dir. Mach, dass du in deine Koje kommst.“
Roy erhob sich und reckte seine Arme.
„Uhhh...“, machte er. „Von der Sitzerei auf diesem blöden Sessel wird man ganz steif. Ich glaube, ich sollte mal beantragen, dass die hier unten bequemere Sitzgelegenheiten einbauen.“
Er schnappte sich sein Buch und deutete auf den Becher mit dem Saft, der auf dem Boden stand.
„Der ist noch halb voll mit Orangensaft“, sagte er zu seinem Kollegen. „Kannst ihn austrinken, wenn du möchtest. Ich verziehe mich jetzt. Gute Nacht, Glenn!“
„Nacht, Roy!“
Der Submaster sah dem Kommunikationsspezialisten noch hinterher, bis dieser im Antigravlift verschwunden war, dann ließ er sich auf den Sitz nieder und überlegte, wie er in den nächsten drei Stunden am besten die Zeit totschlagen könnte. Zunächst begab er sich hinüber zum Bildschirm, auf dem die nächtlich dunkle Landschaft vor der Bodenschleuse abgebildet war. Der Kanadier versuchte, Einzelheiten zu erkennen, doch das fahle, spärlich Licht der beiden kleinen Monde des Planeten, die zudem ziemlich tief über dem Horizont standen, reichte dazu nicht aus. Glenn versuchte es mit einem Infra- Filter, den er dazwischen schaltete. Aber das künstlich auf Farben umgerechnete und dennoch kalkig-hart wirkende Bild, dass er dadurch erhielt, befriedigte ihn nicht wirklich.
„Schade“, murmelte er enttäuscht vor sich hin.
Wenn er wirklich mehr von der nächtlichen Landschaft Greenwichs sehen wollte, würde er die Schleuse öffnen müssen. Er überlegte, wie er das am besten bewerkstelligen könnte. Auf alle Fälle musste ein Schirmfeld aufgebaut werden. Die ringsherum in das Material des unteren, Kreissegment- förmigen Schiffsunterteils eingelassenen Projektoren boten dazu eine Reihe von Möglichkeiten. Er entschied sich für ein einseitig polarisiertes, selektives Prallfeld. Einseitig polarisiert hieß, es war von einer Seite her undurchdringlich für Körper aller Art, während man, kam man von der anderen Seite, das Schirmfeld mühelos durchdringen konnte. Selektiv bedeutete, die Gitternetzstruktur des Energiefeldes so einzustellen, dass Luftmoleküle passieren konnten, während alle anderen Fremdkörper wie zum Beispiel Pollen und Sporen abgeblockt wurden. Der Submaster berührte mit seinen Fingern die Sensorfelder der Schirmfeldsteuerung, die sich auf einem Tableau befanden, welches er unterhalb des Sichtschirms aus der Schleusenwand geklappt hatte. Rasch programmierte er die Feldprojektoren. So würde sich zunächst ein dünner Energiefilm auf die stählerne Außenhülle des Schiffes legen. Die Strukturdichte wählte er so aus, dass sie als Luftfilter diente. Sodann startete er die Ausdehnung der Schirmfeldblase. Die bewegte sich nun mit einer Geschwindigkeit von etwa hundert Zentimetern pro Minute vom Schiff weg und bildete so in relativ kurzer Zeit eine pollen-, staub- und sporenfreie Zone rund um den Schiffskörper. Als maximalen Radius hatte der Submaster einen Durchmesser von 60 Metern bestimmt, so dass der Prallschirm den Schiffskörper am Rand um vier Meter überragte. Zuletzt überprüfte Glenn nochmal die Nahbereichsortung auf verdächtige Bewegungen, konnte aber zu seiner Beruhigung nichts dergleichen ausmachen. Er nickte zufrieden und in der gewissen Überzeugung, dass er, was die Sicherheit betraf, an alle Eventualitäten gedacht hatte. Und so ließ er mit einem letzten, entschlossenen Fingerdruck gegen ein rot leuchtendes Sensorfeld die beiden Hälften der großen Hauptschleuse vor ihm auf gleiten. Kühle Nachtluft wehte herein, angefüllt mit den exotischen Düften einer fremdartigen, überbordenden Vegetation. Die beiden kleinen Monde waren zwischenzeitlich etwas höher am Nachthimmel empor geklettert und warfen einen schwachen Lichtschein über die Landschaften Greenwichs. Der nahe, dunkle Waldrand hob sich wie eine düstere Mauer von der etwas helleren Umgebung ab. Sterne waren am Nachthimmel zu erkennen, klar wie Brillanten funkelnd und von keiner künstlichen Lichtquelle in ihrer Strahlkraft getrübt. Glenn setzte sich an die Kante der Bodenschleuse und ließ seine Beine in der Luft baumeln. Auf einen akustischen Befehl von ihm fuhr der Bordrechner die Innenbeleuchtung der Bodenschleuse bis fast auf Null herunter, so dass kein störendes Licht den Kanadier bei seinen Beobachtungen störte. Dieser ließ seinen Blick über die stille, friedlich wirkende Szenerie hinweg gleiten, wobei er immer wieder zum Sternenhimmel empor schaute. Der weit nach vorne ragende Schiffsrumpf machte es ihm jedoch schwer, mehr vom Gewimmel der Sterne über ihn zu erkennen. Der schlanke Kanadier reckte seinen Hals und versuchte so, mehr vom Anblick des Nachthimmels zu erhaschen. Doch viel kam bei diesem Versuch nicht heraus. Die PRINCESS II war von seinem Stand-, oder besser gesagt, Sitzpunkt aus einfach zu dominant. Sich am Kopf kratzend, stellte sich der Submaster des TESECO- Kreuzers die Frage, ob er es wohl wagen könnte, ein paar Schritte aus der Schleuse hinaus zu gehen, um die ganze Pracht des fremden Sternenhimmels mit eigenen Augen sehen zu können. Er liebte dieses immer wieder faszinierende, ja geradezu ergreifende, metaphysische Erlebnis. In diesem Punkt konnte Glenn Stark, der ruhige, oft kühl wirkende Mann, mit Fug und Recht von sich behaupten, ein hoffnungsloser Romantiker zu sein. Letztendlich rang er sich zu dem Entschluss durch, die angedachten Schritte in die Nacht zu wagen.
„Was soll schon groß passieren?“, sagte er leise zu sich selbst.
„Der Prallschirm umgibt das Schiff lückenlos und die Schleuse kann kein Unbefugter betreten, ohne das die Überwachungssensoren Alarm schlagen und die Schleuse hermetisch abschotten würden.“
Da niemand vor Ort war, um ihm zu widersprechen, setzte er seinen vorschriftswidrigen Plan in die Tat um. Rasch erhob er sich von der Schleusenkante, um sogleich die Antigravrampe davor zu aktivieren. Innerhalb eines Wimpernschlages baute sich das abwärts geneigte, leicht golden schimmernde, etwa fünf Zentimeter dicke Energiefeld vor seinen Füßen auf. Rasch sprang der TESECO- Agent auf die Rampe und glitt auf ihr wie von selbst dem mit Knie hohen Grünpflanzen bewachsenem Boden des Planeten entgegen. Gleich darauf betrat er als erster der Besatzung die Oberfläche Greenwichs. Kurz schoss es ihm durch den Kopf, dass in dem Gras ähnlichen Bewuchs möglicherweise gefährliches Tierzeugs verborgen sein könnte. Doch dann kam ihm die Erinnerung an die ausführlichen Bioscans dieser Welt, die davon sprachen, dass kein nennenswertes, höheres tierisches Leben auf Greenwich existierte. Und so schüttelte Glenn die letzten Zweifel ab und schritt rasch auf den Rand des Schiffskörpers zu, der sich hier etwas zehn Meter über seinem Kopf befand. An dessen Ende, kurz vor dem dort aufgebauten Prallschirm, blieb er stehen und hob seinen Kopf gen Himmel und schaute begeistert zu dem Sternengewimmel über ihm empor. Abertausende von ihnen wimmelten dort, sehr viel mehr, als man für gewöhnlich von der Erde aus mit bloßem Auge erblicken konnte. Das lag auch daran, dass sich das Sonnensystem um Enigma etliche Lichtjahre näher in Richtung des Milchstraßenzentrums befand, als das Sol- System. Glenn tauchte in diese fremdartige Sternenwelt ein und schuf im Geiste die abenteuerlichsten Sternbilder. Dabei ging er jedoch weitaus weniger poetisch vor, als wie es die alten Griechen oder Römer taten. Die von ihm 'geschaffenen' Konstellationen erhielten Namen wie 'Haarige Tarantel', „der Säufer, der am Boden liegt“, oder, wenig prosaisch „die Duschkabine“. So versunken war er in seine Betrachtungen, dass er die Beobachtung seiner unmittelbaren Umgebung für einen relativ großen Zeitraum auf das Sträflichste vernachlässigte. Ein Umstand, der sich bald bitter rächen sollte. Dadurch bekam er nämlich nicht mit, was sich zu seinen Füßen abspielte. Dort schlängelte sich nämlich ein dicker, braungrüner und elastischer Pflanzenstrang, gut verborgen durch das hohe Gras und die nächtliche Dunkelheit, auf den Standort des Subcommanders zu. Sein Ursprung kam von irgendwo außerhalb des Prallschirms. So befand sich dieser Teil der unbekannten Pflanze bereits innerhalb der energetischen Absperrung und konnte somit ungehindert agieren.
Glenn vernahm plötzlich ein verdächtiges Rascheln. Sofort ruckte sein Kopf herum und seine Augen suchten nun den Untergrund um ihn herum ab. Doch weder akustisch noch optisch vermochte er, die Quelle des Geräusches zu lokalisieren. Allerdings machte ihm dieser Vorfall wieder bewusst, wie leichtsinnig er gerade handelte.
„Ich werde wohl lieber mal wieder zurück an Bord gehen“, murmelte er deshalb mit schlechtem Gewissen vor sich hin. Dann wandte er sich endgültig von der nächtliche Szenerie des Dschungels und des Sternenhimmels ab und ging langsam wieder auf die geöffnete Bodenschleuse der PRINCESS II, mit dem schimmernden Band der Antigravrampe davor, zu.
Er war noch keine drei Schritte weit gekommen, da passierte es: der Pflanzenstrang schnellte vor und wickelte sich blitzartig um sein rechtes Fußgelenk. Glenn stieß einen überraschten Schrei aus und wollte seinen Fuß zurückziehen. Doch dazu kam es nicht mehr. Ruckartig zog sich die exotische Ranke mit ihrer 'Beute' in Richtung des Prallschirms zurück. Das geschah so heftig, dass es den stellvertretenden Kommandanten des Kreuzers förmlich von den Beinen riss. Mit ausgebreiteten Armen stürzte er der Länge nach hart auf den Boden auf. Der Aufprall wurde zum Glück durch den dichten Grasbewuchs ein wenig gedämpft und doch trieb es Glenn die Luft aus den Lungen und er sah bunte Kreise und Sterne vor seinen Augen umher schwirren. Halb benommen und noch im Liegen tastete er nach der Ranke um seinen Knöchel, um sich davon zu befreien. Doch wie wenn die fremde Pflanze das Ansinnen des Kanadiers gespürt hätte, gab es einen erneuten Ruck, als sie damit begann, kräftig und nachdrücklich an dem in der Schlinge gefangenen Bein zu zerren. Und damit hatte sie durchaus Erfolg. Langsam bewegte sich der 82 Kilogramm schwere Körper des TESECO- Agenten auf dem Boden rutschend in Richtung Prallfeldschirm. Ein eiskalter Schreck durchzuckte Glenn, als ihm bewusst wurde, dass er den Schirm nur einseitig polarisiert hatte. Es war also durchaus möglich, dass ihn die einheimische Pflanze durch den Schirm hindurch hinaus in den dichten Dschungel zerrte. Panik kam in dem Subcommander auf. Vor seinem geistigen Auge tauchten die Bilder jener Toten auf, die mit entleertem Schädel in der PLUTARCH hier auf diesem Planeten entdeckt worden waren. Drohte ihm nun das gleiche, schreckliche Schicksal?
Stärker und stärker wurde der Zug an seinem Bein, immer bedrohlicher dadurch die Lage des Mannes. Glenn warf sich herum und krallte sich mit aller Kraft im Pflanzenbewuchs fest. Scharfe Blattkanten schnitten schmerzhaft in seine Hände. Doch das war dem Raumfahrer völlig egal. Er wusste, dass sein Schicksal besiegelt war, wenn er loslassen und damit den Kampf gegen den pflanzlichen Gegner verlieren würde.
„PRINCESS, Hilfe!“, stieß er in seiner Not einen gellenden Schrei in die Nacht hinaus. „Hilfe! Ich … ich bin in Gefahr!“
Die automatisch arbeitenden Überwachungssensoren der Nahbereichsortung registrierten den Hilferuf, analysierten ihn und errechneten eine hohe Wahrscheinlichkeit dafür, dass anhand diverser Schlüsselworte ein ungewöhnliches Geschehen im Gange war. Kameras schalteten sich hinzu und zoomten sich auf den Bereich am Boden unterhalb des Schiffes ein, in dem Glenn Stark verzweifelt mit einer Pflanzenranke um sein Leben kämpfte. Weitere Analysen wurden von der künstlichen Intelligenz, also der Bordoptronik des TESECO-Kreuzers, angestellt. Der Rechner kam zu dem Entschluss, dass sich ein Crewmitglied in ernsthafter Gefahr befand und Abwehrmaßnahmen notwendig waren. In der Schiffsunterseite tat sich eine ein Meter durchmessende Öffnung auf, aus der sich blitzschnell eine Waffenkuppel hervor schob. Gleich darauf wurde der Bereich um Glenn großräumig mit einem Schauer aus Paralyse- und Betäubungsstrahlern belegt. Das dadurch auch Glenn beeinträchtigt wurde, war eine wohl berechnete Risikoabwägung. Ein betäubtes Crewmitglied war damit leichter zu verkraften, als ein totes. Gleichzeitig heulte im Schiffsinneren ein Alarmton auf, ein hohes, rasch abfallendes Kreischen, welches sich in kurzen Zeitintervallen wiederholte. Ebenso gleichzeitig blendete der Kranz aus Landescheinwerfern auf und badete die Umgebung in helles, weißes Licht.
Nur wenige Augenblicke, nachdem der Bordrechner der PRINCESS II den Alarm ausgelöst hatte, stürmten die Besatzungsmitglieder aus ihren Kabinen auf den Quergang des C-Decks davor. Alle trugen die bequemen Bordoveralls, die als Standardbekleidung im Bereitschaftsdienst galten.
„PRINCESS – Bericht!“, schrie Carna in das Sirenengeheul hinein.
„Crewmitglied in Gefahr“, antwortete der Rechner über die zahlreich im Schiffsinneren vorhandenen, unsichtbaren Lautsprecher.
„Submaster Glenn Stark befindet sich außerhalb der Bodenschleuse und wird von einer nicht näher identifizierbaren, äußeren Einwirkung bedroht.“
„Wieso außerhalb des Schiffes?“, rief Nomo verständnislos aus.
„Darüber können wir später nachdenken!“, gab Carna kurz angebunden von sich. „Los jetzt, nach unten! Und Waffen entsichern. Betäubungsmodus!“, befahl er dann.
Nacheinander sprangen Glenn, Nomo, Harriet, Karin und Roy in den Antigravschacht und ließen sich nach unten, in Richtung Bodenschleuse davon tragen. Dabei zogen sie ihre TMO 23- Strahler und programmierten sie auf den vom Commander befohlenen Betäubungsmodus.
Als die Crewmitglieder kurz darauf in der Bodenschleuse eintrafen, fanden sie tatsächlich die großen Schleusenschotts geöffnet vor. Außerdem war die Antigravrampe ausgefahren. Hastig warf Carna einen Blick auf die Displays neben dem offenen Schott und erkannte, dass ein Prallfeldschirm das Schiff einhüllte
„Nomo, Roy – ihr kommt mit mir raus!“, rief der Commander seinen beiden Kollegen zu. „Harriet, Karin, ihr übernehmt unsere Absicherung!“
Weitere Anweisungen waren nicht nötig, denn jeder der TESECO- Agenten wusste genau, was er zu tun hatte. Während die Technikerin und die Kybernetikerin Aufstellung am inneren Rand der Außenschleuse nahmen, stürmten die drei Männer nach draußen und die schimmernde Energierampe hinunter. Im Laufen orientierten sie sich und so erblickten sie gleich darauf den ausgestreckt am Boden liegenden Kanadier.
„Glenn!“, schrie Nomo erschrocken auf. „Scheiße, was ist da los?“
Die drei rannten auf ihren Kameraden zu, der bewegungslos und ohne jede Regung mit dem Gesicht nach unten auf dem Grasboden lag. Nomo sicherte die Umgebung, während Tom und Roy sich um den Subcommander kümmerten.
„Glenn, was ist mit dir?“, sprach Carna seinen Stellvertreter an und rüttelte ihn dabei sanft an der Schulter.
Doch zur Beunruhigung des Kommandanten erfolgte keinerlei Reaktion von Glenn.
„Tom, schau mal, da, um Glenns Beine!“, machte ihn Roy auf die dicken Pflanzenranken aufmerksam, die sich um die Knöchel des Mannes gewickelt hatten und nur schwach zuckten.
„Da haben wir wohl den unbekannten Angreifer!“, sagte Carna grimmig.
„Was um alles in der Welt hat Glenn geritten, dass er nach draußen gegangen ist? Entgegen aller Sicherheitsvorschriften?“
„Ich hoffe, er kommt bald genug zu sich, um uns das erklären zu können“, gab Roy in besorgten Tonfall von sich.
Dann wendete er sich dem Schlinggewächs um Glenns Beine zu.
„Tom, hilf mir mal!“, bat er gleich darauf den Commander.
„Die Dinger sitzen ziemlich fest. Ich bekomme sie nicht alleine von Glenns Beinen weg.“
Gemeinsam zerrten und zogen die beiden Männer an den seltsamen, tentakelartigen Gewächsen und hatten endlich, nach einigen Minuten, den schlanken Kanadier von seinen Fesseln befreit. Sofort drehten sie Glenn vorsichtig herum. Seine Augen waren halb geöffnet und er atmete nur sehr flach. Zudem zeigte er keinerlei Reaktionen auf seine Umgebung.
„Was ist mit ihm los, Tom?“, erkundigte sich Nomo, der einige Schritte von der Gruppe entfernt die Umgebung sicherte, bei seinem Freund und Commander.
„Wenn ich das wüsste“, antwortete Tom ratlos. „Der Bordcomputer hat die Umgebung mit dem Paralyser belegt. Glenn sollte zwar bewegungsunfähig, nicht jedoch bewusstlos sein.“
Er deutete auf die schwach zuckenden Schlinggewächse.
„Schau dir diese seltsamen Pflanzen an. Sie zeigen noch die üblichen Reaktionen, wie sie nach einem Paralysebeschuss auftreten. Solche unwillkürlichen Bewegungen müsste Glenn auch zeigen. Stattdessen ist er bewusstlos.“
„Nicht gut, was?“
Nomo machte sich nun noch größere Sorgen um den Freund und Kollegen.
„Nein, gar nicht gut, Nomo“, bestätigte Carna kopfschüttelnd.
Dann wandte er sich an Roy.
„Los, hilf mir mal, unseren Großen hier ins Medocenter zu schaffen“, forderte er den blonden Engländer auf, der sogleich unterstützend zugriff.
Gemeinsam hoben sie Glenn vom Boden hoch und trugen ihn zurück an Bord der PRINCESS, wo sie schon von den betroffen und besorgt blickenden Kolleginnen erwartet wurden. Während Nomo noch für einen Moment zurückblieb, um die Bodenschleuse wieder zu sichern, bugsierten Roy und der Commander den Bewusstlosen durch die Röhre des Antigravlifts hindurch auf das B-Deck zum Medocenter hinauf. Harriet und Karin waren schon voraus geeilt, um eine der Untersuchungsliegen für Glenn vorzubereiten. Als Roy und Carna mit dem Bewusstlosen eintrafen, betteten sie ihn sogleich auf die Liege und aktivierten die Systeme MeDocs. Wieder senkten sich die Diagnoseeinheiten auf ein Crewmitglied herab.
'Kein gutes Omen ...', dachte Carna bei sich und warf einen Seitenblick auf die Liege, welche mit dem in Tiefschlaf versetzten Körper Gareth Hiiols belegt war.
Dann begannen einige endlos erscheinende Minuten des Wartens, in der MeDoc scannte, maß und analysierte.
„Analyse beendet“, meldete sich endlich die freundliche, neutrale Automatenstimme des medizinischen Systems.
„Der Patient ist biologisch gesehen völlig gesund. Primär konnten keine Faktoren erkannt werden, die Auslöser für die vorherrschende Bewusstlosigkeit sein könnten. Jedoch deuten verschiedene Abweichungen der enzephalogrammischen Auswertungen darauf hin, dass diese künstlich induziert wurde. Hoch gerechnet ergibt sich für eine Fremdeinwirkung von außen eine Wahrscheinlichkeit von 89,98 Prozent. Es wurden vorsorglich Psychoregenerativa verabreicht. Inwieweit dadurch dem Fremdbeeinflussung entgegengewirkt werden kann, ist auf Grund fehlender Vergleichsdaten nicht vorhersagbar. Ende der Auswertung.“
„Fast das Gleiche wie bei Hiiol!“, entfuhr es dem Commander spontan.
„Eine Fremdbeeinflussung!“, rief Harriet fassungslos aus. „Schon wieder. Durch was wird das bloß verursacht?“
„Ich frage mich eher, durch wen ...“, bemerkte Karin mit düsterem Gesichtsausdruck.
Schlagartig wendeten sich die Köpfe aller weiteren Anwesenden der blonden Technikerin zu.
„Was willst du damit ausdrücken?“, erkundigte sich Carna bei seiner jüngeren Kollegin.
„Als ihr vorhin draußen wart, um Glenn zu bergen, da hatte ich das unbestimmte Gefühl, beobachtet zu werden“, erklärte die Stuttgarterin langsam und bedächtig.
„Beobachtet?“, gab Tom überrascht von sich. „Von wem denn?“
„Ihr lacht mich aus, wenn ich euch das sage“, meinte Karin mit bekümmertem Gesichtsausdruck.
„Nun spann uns nicht auf die Folter, sondern rück raus mit dem, was dich beschäftigt!“, wurde sie daraufhin von Harriet ungeduldig aufgefordert.
„Na gut“, gab sich die Technikerin daraufhin geschlagen. „Ich sage es euch ja. Es kam mir so vor, als würde der Wald uns beobachten.“
„Die Bäume da draußen sollen uns beobachtet haben?“, rief Roy zweifelnd aus.
„Nicht die Bäume, Roy“, korrigierte Karin den blonden Engländer.
„Der Wald als ganzes. Versteht ihr? Dieser ungeheure, übermächtige Pflanzenbewuchs auf diesem Planeten, das Fehlen jeglichen, Hören tierischen Lebens...es fühlte sich unten in der Bodenschleuse für mich an, als wäre das alles eins. Ein Ganzes!“
Gespannt schaute sie ihre Kollegen an und wartete auf deren Reaktion. Und die ließ nicht lange auf sich warten. Harriet öffnete vor Schreck ihren Mund und stieß ein überraschtes 'Oh!' aus, als ihr bewusst wurde, was Karin da soeben andeuten wollte. Nomo und Roy sahen sich betroffen an und auch Tom Carna hatte seine Augen vor Verblüffung aufgerissen.
„Du willst damit andeuten … meinst du … die Pflanzen?“
Karin nickte bestätigend.
„Das ist meine Vermutung“, sagte sie dann jedoch einschränkend. „Allerdings eine so ungeheuerliche, dass ich selbst kaum glauben kann, was ich da von mir gebe.“
Carna fuhr sich aufgeregt mit der Hand durch das kurze, blauschwarz schimmernde Haar.
„Das wäre eine Sensation sondergleichen, wenn deine Vermutung zuträfe“, sagte er dann mit rauer Stimme.
„Man stelle sich das vor: ein Planet mit denkenden Pflanzen! Die ganze Stellare Union würde Kopf stehen!“
„Da stellt sich mir eine ganz profane Frage“, meldete sich da der Kommunikationsspezialist zu Wort.
„Wenn wir es tatsächlich mit einer auf pflanzlichem Leben basierenden Intelligenz zu tun haben sollten … wie verständigt man sich dann mit solch einer Wesenheit?“
Verblüfftes Schweigen breitete sich aus und alle starrten den Engländer ein wenig ratlos an.
„Oh!“, entfuhr es schließlich dem Commander, der sich nachdenklich am Kopf kratzte. „Das könnte sich in der Tat als ein Problem erweisen!“
Doch dann zuckte er mit seinen Schultern und versuchte ein aufmunterndes Grinsen.
„Wenn ich auch jetzt noch nicht weiß, wie wir dieses Problem lösen sollen, so bin ich mir doch ziemlich sicher, dass wir irgendeine Möglichkeit finden werden. Schon im Interesse Hiiols und Glenns.“
„Dann vermutest du wie ich, dass die Fremdeinwirkung, diese Hypnoblocks, die den Beiden verpasst wurde, ein Werk des Planeten ist?“, erkundigte sich Karin bei ihrem Chef.
Dieser nickte mit ernster Miene.
„Würde doch Sinn machen, oder?“, meinte er dann.
„Obwohl ich den Eindruck gewonnen habe, das unser unbekannte Gegenspieler sich noch nicht ganz schlüssig ist, was er von uns halten soll.“
Carna klatschte in seine Hände.
„Wie dem auch sei ...“, sagte er, „Wir werden jetzt und hier im Medocenter keine Lösung des Problems finden. Da wir alle noch ein paar Stunden Schlaf brauchen, befehle ich euch hiermit, in eure Kabinen zurückzukehren. Auf die Bordwache verzichten wir angesichts der geschrumpften Anzahl der aktiven Crewmitglieder. Ich brauche euch nachher möglichst ausgeschlafen.“
Der Crewmaster warf einen Blick auf das große Chronometer des Medocenters.
„Ich sechs Stunden treffen wir uns zum gemeinsamen Frühstück. Anschließend starten wir eine Expedition in den Urwald. Vielleicht kommen wir dadurch dem Geheimnis der Pflanzenwelt ein Stück weit auf die Spur!“
Schnell leerte sich die Krankenstation der PRINCESS II, als die einzelnen Crewmitglieder gemäß der Anordnung ihres Kommandanten zurück in ihre jeweiligen Kabinen strebten. Ruhe kehrte an Bord ein. War es die Ruhe vor dem Sturm?
***
Wieder erfüllte ein Raunen, Rascheln und Wispern den riesigen, unterirdischen Dom.
„Sie sind wieder gekommen“, wisperte die körperlose Geiststimme von DENKER 1.
„Und wenn schon...“, meldete sich DENKER 2 mit deutlichem Unmut zu Wort. „Wir werden sie verjagen, wie wir die anderen auch verjagt haben.“
„Du konntest Sie ja noch nicht mal daran hindern, ihren fliegenden Garten auf uns abzusetzen“, spottete DENKER 1.
„Das war deine Schuld!“, beschwerte sich DENKER 2 sogleich. „Hättest du dich nicht dauernd eingemischt ...warum hast du mich überhaupt behindert?“
„Ich war neugierig … auf SIE … denn sie sind ...so anders, als wie DIE, an die wir uns erinnern.“
„Wir hätten sie alle sofort töten sollen“, polterte DENKER 2.
„Aber wir wissen doch immer noch nicht, ob sie mit IHNEN identisch sind!“, protestierte DENKER 1 vehement. „Ihre Körper sehen anders aus … doch vor allem sind Ihre Gedanken so anders.“
„Ach Unsinn! Wir wären schlauer, wenn du vorsichtiger zu Werke gegangen wärst. Da stünden uns nämlich die Erinnerung dieser Zweibeiner aus den ersten fliegenden Gärten, die uns berührt haben, zur Verfügung!“, gab DENKER 2 vorwurfsvoll von sich.
„Aber ich konnte doch nicht wissen, dass die Erinnerungsträger der Zweibeiner nicht ohne ihren Körper existieren können!“, verteidigte sich DENKER 1. „Noch ein Punkt, der mit unseren Erinnerungen nicht übereinstimmt und für sie spricht.“
„Und ich meine, hier sind unsere Erinnerungen einfach fehlerhaft und unvollständig. Wir sollten sie so auslöschen, wie wir es mit den Zweibeinern tun ...“
„Hört mit eurem ewigen Streit auf“, fuhr eine weitaus mächtigere Geiststimme dazwischen und beendete den Disput von DENKER 1 und 2.
„LENKER bestimmt, dass wir die Zweibeiner zunächst nicht antasten werden. Ich habe analysiert und bin zu der Meinung gekommen, dass Die, welche zu uns kamen, nicht mit IHNEN, die uns einst so schrecklich quälten und misshandelten, identisch sind. Schließt Euch zusammen und wir, der wir AISCHONGAN sind, werden unser weiteres Vorgehen bedenken.“
Die wesenlosen Stimmen verstummten wieder und Schweigen herrschte.
Es war das Schweigen der Planung, des Sinnens.
AISCHONGAN dachte nach...
***
Das Wecksignal erklang gleichzeitig in allen Kabinen an Bord der PRINCESS II, die mit schlafenden Besatzungsmitgliedern belegt waren.
„Viel zu früh!“, protestierte Karin Schröder mit verschlafener Stimme, die jedoch lediglich als dumpfes, kaum zu verstehendes Gemurmel aus den Tiefen ihres Kopfkissens hervordrang.
„Bitte wiederholen Sie den gegebenen Befehl“, kam prompt eine Bitte aus unsichtbaren Kabinenlautsprechern, vorgetragen von einer angenehm modulierten Frauenstimme. „Ich habe Sie leider nicht verstehen können.“
Karin setzte sich schlaftrunken auf uns fuhr sich mit der Hand durch das verstrubbelte, blonde Haar.
„Kein Befehl PRINCESS, nur eine Feststellung“, sagte sie gähnend.
„Ich danke für die Berichtigung.“
„Computer!“, murmelte die Technikspezialistin leise vor sich hin.
Dann gähnte sie noch einmal herzhaft und erhob sich mit einem Seufzen auf den Lippen, um anschließend auf direktem Weg die Hygienezelle ihrer Kabine aufzusuchen. Gleich darauf plätscherte das Wasser aus den Düsen der Dusche hervor.
Solche oder ähnliche Szenen spielten sich auch in den anderen Bordkabinen ab, bis sich um Punkt acht Uhr Bordzeit alle Besatzungsmitglieder in der freundlich gestalteten Bordmesse versammelten, um dort am großen Tisch gemeinsam das Frühstück einzunehmen.
Harriet betrat als Letzte den Raum.
„Morgen Leute, ich brauche jetzt einen mörderisch starken Kaffee!“, rief sie ihren Kollegen schon beim Eintreten zu und ließ sich dann auf den nächstbesten, freien Stuhl fallen.
Da kam Roy Anthony auch schon mit einer großen Kanne des schwarzen Heißgetränks aus der angrenzenden Bordküche.
„Kannst du haben, Cyberfee“, begrüßte er die dunkelhaarige Südafrikanerin. „Der Kaffee ist so stark, dass der Löffel drin stecken bleibt!“
„Um so besser“, meinte Harriet erfreut.
„Kann gar nicht stark genug sein. Mein Herz wird zwar rasen, aber dann bin ich wenigstens munter. Und das will was heißen, nach dieser turbulenten Nacht.“
Roy goss ihr einen Becher des starken Gebräus ein und versorgte auch alle anderen damit. Bald darauf war die Bordmesse vom Duft frischer Brötchen, heißen Kaffees, Rührei und gebratenem Speck erfüllt. Die Crewmitglieder langten kräftig zu, denn Hunger hatten sie alle. Und wer konnte schon im Voraus sagen, wann die nächste Gelegenheit für eine Mahlzeit kommen würde. Im Einsatz ließen sich solche profanen Dinge des täglichen Lebens oft schlecht planen.
„Nach dem Frühstück ...“, sagte Tom Carna kauend, „... machen wir uns gleich an die Arbeit. Karin wird noch einmal nach unseren Patienten schauen und Harriet programmiert ein Sicherheitsprotokoll für unsere Abwesenheit, so dass niemand außer uns in der Lage ist, an Bord der PRINCESS II zu gelangen.“
„Und der Rest?“, wollte Karin vom Commander wissen.
„Richtet die Ausrüstung für unsere Expedition in den Dschungel Greenwichs vor“, erläuterte dieser.
Harriet setzte einen Moment ihre Kaffeetasse ab.
„Wie werden wir vorgehen, Tom? Bilden wir zwei Gruppen, oder bleiben wir zusammen?“
„Ich habe entschieden, dass wir zusammenbleiben werden“, antwortete der Crewmaster. „Es ist schon zu viel passiert und zwei kleine Gruppen wären noch angreifbarer als eine große.“
Er wischte sich kurz den Mund mit einer Serviette ab, dann fuhr er zu sprechen fort.
„Außerdem wird jeder seine TMO 23 mit sich führen. Allerdings wird nur im Paralyse-Modus gefeuert, sollte es notwendig sein und so lange ich nichts anderes befehle. Ist das klar?“
„Klar Chef!“, antwortete Harriet und auch von Nomo, Karin und Roy kamen zustimmende Äußerungen.
„Gut.“ Carna nickte zufrieden.
„Wir werden außerdem leichte Expeditionsausrüstung und Filtermasken tragen“, fügte er dann mit ernstem Gesicht hinzu.
„Gestern waren wir sträflich leichtsinnig, als wir ohne Masken nach draußen gerannt sind, um Glenn zu helfen. Wir können nur von Glück sagen, dass er den Prallschirm zuvor als Filter eingesetzt hatte. Wir hätten uns sonst weiß-Gott-was einfangen können!“
Karin erschauerte bei dem Gedanken.
„Du verstehst es meisterlich, einem am frühen Morgen richtig gute Laune zu verschaffen!“, beschwerte sie sich, dies allerdings in einem Ton, der keinen Zweifel daran ließ, dass sie nur zu gut wusste, wie recht der Crewmaster hatte.
„Danke, man bemüht sich“, antwortete Carna betont nonchalant.
Jedoch relativierte sein schelmisches Augenzwinkern die ganze Sache.
„Wenn wir dann alle mit dem Frühstück fertig sind, sollten wir uns an unsere Aufgaben machen“.
Er legte seine Serviette auf seinen benutzten Teller.
„Ich melde mich freiwillig zum Aufräumen. Wer hilft mit?“
„Ich helfe dir“, rief Nomo und stand auch sogleich auf, um Teller und Tassen einzusammeln.
„Wunderbar, dann ist ja alles geregelt. Wir treffen uns dann in einer Stunde in der Bodenschleuse. Fix und fertig ausstaffiert und marschbereit!“
***
Gegen 10.00 Uhr Bordzeit hatten sich die fünf TESECO-Agenten in der großen Bodenschleuse der PRINCESS II versammelt. Sie überprüften noch einmal die Vollständigkeit ihrer Ausrüstung und der Crewmaster gab letzte Anweisungen.
„Damit das allen klar ist ...“, sagte er eindringlich und schaute seinen Leuten der Reihe nach in die Augen, „... wir bleiben unter allen Umständen zusammen. Niemand entfernt sich eigenmächtig von der Gruppe. Wer etwas ihm Verdächtiges beobachtet, meldet dies sofort an die anderen weiter. Habt ihr das verstanden?“
„Alles klar“, kam es als einhellige Antwort zurück.
„Harriet, hast du die Sicherheitsprotokolle wie besprochen programmiert?“
„Aber sicher doch, Chef“, antwortete die Spezialistin für künstliche Intelligenzen und Rechensysteme.
„Die PRINCESS wird sich in ein Prallfeld hüllen und niemanden an Bord lassen, der nicht Crewmitglied ist.“
„Gut.“
Carna nickte zufrieden.
„Also dann – öffne die Schleuse, Nomo, und fahr die Antigravrampe aus. Wir brechen auf.“
Der Schwarzafrikaner trat an die Kontrollen und ließ seine Finger über die Schaltfelder der Schleusenkontrolle huschen. Ein akustisches Signal ertönte und gleich darauf schoben sich die beiden Schotthälften vor der versammelten Crew zur Seite und gaben den Weg nach draußen, auf die Planetenoberfläche, frei. Kurz darauf schritten die Raumfahrer das leicht golden schimmernde Energiefeld der Antigravrampe hinab. Hinter ihnen schloss sich die Schleuse wieder und der Bordrechner übernahm die Herrschaft über den TESECO-Kreuzer. Langsam setzten sich Carna und seine Mannschaft in Bewegung, geradewegs auf die in undurchdringlichem, dunklen Grün erscheinende Wand des nahen Urwaldes zu.
***
„Du meine Güte ...“, stöhnte Nomo, „Ich hatte ganz vergessen, wie bedrückend es sein kann, wenn man Tage lang durch einen dichten, grünen Urwald marschieren muss!“
„Ach Herrjemine, Nomo“, lachte Harriet, die einige Schritte hinter dem Defenser der PRINCESS- Crew lief. „Wir sind doch gerade mal eine Stunde unterwegs.“
„Das nennt man 'präventives Jammern', werte Kollegin“, gab Nomo trocken zur Antwort. „Wahrscheinlich schlägt mir diese grüne Dämmerung aufs Gemüt. Und überhaupt, dieser Wald ist ein einem unglaublich schlechten Zustand!“
„Wie bitte?“, meldete sich Roy Anthony links von dem Afrikaner zu Wort. „Wie meinst du denn das jetzt schon wieder?“
„Ich sagte, der Wald ist in einem schlechten Zustand: überall hat's Bäume!“
„Der Himmel beschütze uns vor so einem Witzbold“, rief Roy kopfschüttelnd aus und schlug sich mit der flachen Hand vor die Stirn.
„Über diesen Scherz haben unsere Ahnen schon gelacht, als sie selbst noch von Baum zu Baum hüpften!“ Er grinste säuerlich zu seinen Worten.
„Allerdings muss ich dich korrigieren. Ich finde, dieser Wald ist in einem geradezu tadellosen Zustand. Es gibt kaum Unterholz, alles ist licht und nicht zu eng, so dass alle Pflanzen genug Raum und Sonne für sich beanspruchen können. Und dann sind da noch diese merkwürdigen, vegetationsarmen Schneisen, die man fast als eine Art Weg betrachten kann. Wie laufen gerade auf einem solchen. Ich finde, das ist für einen Urwald oder Dschungel nicht normal.“
„Da stimme ich mit Roy absolut überein!“
Tom Carna war stehen geblieben und machte eine weit ausholende Geste mit seinem rechten Arm.
„Schaut euch doch bloß mal um“, forderte er seine Leute auf.
„Hier sieht es aus wie in einem Pflegeforst unten auf der Erde und nicht so, wie wir es von einem Urwald erwarten würden. Roy hat das ganz richtig beobachtet.“
Wie auf ein Stichwort hin, stieß der soeben Gelobte einen erschrockenen Schrei aus, warf die Hände in die Luft und stürzte der Länge nach auf den laubbedeckten Waldboden hin. Was folgte, war eine wilde Aneinanderreihung diverser Flüche und Schimpfworte. Auf den Schrei hin, hatten sich schlagartig die Köpfe der anderen Crewmitglieder in Roys Richtung hingewandt.
„Also, ich werfe mich nicht vor Dank demjenigen vor die Füße, der mich mal lobend erwähnt“, witzelte Karin, nachdem sie sich sicher war, dass dem Kommunikationsspezialisten nichts Ernsthaftes bei seinem Sturz geschehen war.
Harriet, dem Engländer am nächsten stehend, trat neben ihn und half ihm wieder auf die Beine zurück.
„Hast du tiefere Einsichten gesucht, oder was war los?“, wollte sie dabei von ihm wissen.
„Quatsch!“, entgegnete Roy verärgert über seine eigene Unachtsamkeit. Ich bin in diesem 'aufgeräumten' Wald nur über eine Wurzel gestolpert.“
Er versuchte vorsichtig, ein paar Schritte zu machen, verzog aber sofort vor Schmerz sein Gesicht.
„Verdammt!“, schrie er leise auf. „Mein Fuß...der tut verflixt weh. Ich glaube, ich habe ihn mir verstaucht!“
Harriet ging neben Roy in die Knie.
„Bewege dich noch einmal“, forderte sie ihn auf.
Roy versuchte es, quittierte diesen Versuch jedoch sogleich wieder mit einem Schmerzensschrei.
„Oh Hölle, das schmerzt!“
„Ich denke, wir sollten uns die Sache mal ein wenig genauer ansehen“, meinte Harriet und zog ihre Stirn dabei kraus.
„Dazu muss ich dir allerdings den Stiefel ausziehen.“
„Nur zu – einen alten Briten bringt so schnell nichts um!“, versuchte Roy zu scherzen. Dabei war ihm gar nicht danach zumute.
Vorsichtig begann die Spezialistin für kybernetische Systeme den schwarzen Lederstiefel vom Fuß des blonden Engländers zu ziehen. Sie ging so vorsichtig wie möglich vor, doch Roy quittierte den ganzen Vorgang mit einem lang gezogenen Stöhnen aus zusammengebissenen Zähnen. Nach dem Stiefel zog die Südafrikanerin noch den Socken vom Fuß. Dann betastete sie vorsichtig Muskeln und Gelenke. Ein paar mal zog der Funktechniker dabei scharf die Luft zwischen den Zähnen ein. Nach wenigen Minuten hatte Harriet die oberflächliche Untersuchung beendet.
„Gebrochen scheint nichts zu sein“, sagte sie erleichtert. „Du hast eine leichte Schwellung. Aber es scheint mehr eine heftige Prellung als eine Verstauchung zu sein. Also wirst du es überleben.“
„Gott sei Dank“, atmete Roy auf. „Ich hatte schon schlimmeres befürchtet. Kannst du was gegen die Prellung und die Schmerzen tun?“
Harriet nickte und hakte ihre kleine Notfallbox vom Gürtel der Expeditionskombination. Dieser entnahm sie eine kleine Tube und einen Blisterpack mit Tabletten.
„Hier“, sagte sie. „Ich werde deine Prellung mit einer Spezialsalbe einreiben. Außerdem musst du noch zwei von diesen Tabletten schlucken. Dann dürfte die Schwellung in zwei bis drei Stunden wieder verschwunden sein.“
„Danke für deine Hilfe, Harriet“, bedankte sich der blonde Bartträger bei seiner Kollegin. „Aber meinen Fuß kann ich schon noch selbst einsalben. So invalide bin ich ja zum Glück nicht. Und außerdem weiß ich ja am besten, welche Stellen am stärksten schmerzen. Du kannst ruhig schon zu den anderen rüber gehen. In fünf Minuten komme ich nach.“
„Gut, wie du meinst“, stimmte die TESECO- Agentin Roys Vorschlag zu, erhob sich und reichte ihm die Tube mit der Salbe.. „Dann gehe ich schon mal vor. Tom wollte sowieso auf der kleinen Lichtung gleich dort drüben eine kurze Rast einlegen. Dort werden wir auf dich warten.“
Rasch verstaute sie ihre Notfallbox wieder an ihrem Gürtel, nickte dem Engländer noch einmal kurz zu und ging dann die etwas fünfzig Meter zu der restlichen Gruppe hinüber, die sich auf einer kleinen Lichtung versammelt hatte. Dort erstattete sie dem Crewmaster kurz Bericht über Roys Befinden.
Währenddessen versorgte der Zurückgebliebene sorgsam seine Prellung mit der kühlenden und Schmerz lindernden Salbe. Anschließend entnahm er seiner eigenen Notfallbox eine elastische Binde und wickelte diese straff um seinen Fuß. Danach streifte er wieder seinen Socken über und zog langsam den Stiefel über Zehen und Knöchel. Zu seiner großen Erleichterung hielt sich der dabei auftretende Schmerz in Grenzen. Harriet hatte wohl doch recht mit ihrer Vermutung, dass er sich nur eine heftige Prellung eingefangen hatte. Rasch schluckte er noch zwei der von ihr dagelassenen Schmerztabletten und trank einen Schluck Wasser aus seiner Feldflasche dazu. Schließlich wagte er es wieder, aufzustehen. Es schmerzte zwar noch etwas, aber insgesamt fühlte sich der schnauzbärtige Engländer schon wieder etwas zuversichtlicher, als noch vor zwanzig Minuten. Bevor er die ersten Schritte tat, stützte er sich an einem abgestorbenen Baumstamm ab, der gleich neben der Stelle, die er sich als Sitzplatz auserkoren hatte, in die Höhe ragte. Jedenfalls dachte Roy, dass die große Pflanze abgestorben war. Doch er hatte etwas zu vorschnell Parallelen zu der Erd-Flora abgeleitet und musste jetzt feststellen, dass hier auf Greenwich der Schein trog. Kaum lag seine Hand auf der graugrünen, aus borkigen Rauten bestehenden Pflanzenoberfläche, durchlief plötzlich ein feines Zittern den knorrig aussehenden Stamm. Zeitgleich hörte der Kommunikationstechniker ein leises Rascheln über sich. Rasch wollte er beiseite springen, doch die Prellung an seinem Knöchel ließ nicht die schnellen Reaktionen zu, die der trainierte TESECO-Agent sonst an den Tag legte. Etwas fiel von den Ästen des Baumes auf ihn herab und wickelte sich blitzschnell um seinen Körper. Im Nu war Roy bewegungsunfähig und stürzte ziemlich unsanft zu Boden. Erst jetzt war es ihm möglich, zu erkennen, was ihn da umschlungen hatte. Es hatte eine frappierende Ähnlichkeit mit irdischen Lianen, nur mit dem Unterschied, dass diese sich bewegten und handelten, als wären es in Wirklichkeit Schlangen, die ihre Leiber fester und fester um den Körper des Mannes zusammenzogen. Unter wildem Aufbäumen versuchte Roy, die Gewächse wieder loszuwerden. Doch es fielen weitere davon aus den Kronen der Bäume über ihm auf seinen Körper herab. Gegen diese schiere Masse hatte er nichts entgegenzusetzen. Seine Bewegungsfreiheit wurde immer stärker eingeschränkt. Er wollte schreien, doch als hätten diese Schlingpflanzen seine Absicht erahnt, zogen sie sich um seinen Hals zusammen, so dass nur noch ein mattes Röcheln über seine Lippen drang. In aufkeimender Panik versuchte Roy nochmals, sich aufzubäumen, doch alle Anstrengungen waren vergebens. Bunte Schleier begannen vor seinen Augen zu tanzen, während er verzweifelt nach Luft rang. Dann wurde es schwarz um ihn und er versank in tiefe Bewusstlosigkeit.
***
Gute fünfzig Meter entfernt begann sich Harriet darüber zu wundern, wo ihr blonder Kollege abblieb. So drehte sie sich um und spähte zu der Stelle hinüber, an der sie ihn sitzend zurückgelassen hatte. Der Schreck fuhr ihr gewaltig in die Glieder, als sie dort drüben weder jemand sitzen noch stehen sah. Rasch rannte sie ein paar Meter in die Richtung zurück, aus der sie gekommen war. Doch gleich darauf blieb sie wie angewurzelt stehen. Sie sah den Körper des Kommunikationsspezialisten am Boden des Urwaldes liegen, umschlungen von Lianen ähnlichen Gewächsen.
„Oh mein Gott!“, entfuhr es ihr.
„Leute, schnell!“, schrie sie dann über ihre Schulter zurück. „Dieser Mistwald hat sich an Roy vergriffen!“
Dann rannte sie los und zog gleichzeitig ihre TMO 23 aus dem Oberschenkelhalfter und brachte sie in Anschlag.
Doch sie kam nicht mehr dazu, sie einzusetzen. Der knorrig und tot wirkende Baumstamm, neben dem Roy lag und aus dessen Ästen herab viele der Lianen fielen, die sich um den Körper des Engländers geschlungen hatten, wurde plötzlich sehr lebendig. Er löste sich aus dem Erdreich, zog Roy an sich heran und stürmte unter dem verblüfften und erschrockenen Schreien Harriets und ihrer ebenfalls herbeieilenden Kollegen, in die grüne Dämmerung des Greenwich-Urwaldes davon.
„Roy!“, schrie die Kybernetikerin aus Leibeskräften der überraschend schnellen Pflanze hinterher. „Verdammt, du Mistvieh – lass unseren Freund sofort los!“
Sie versuchte noch einige Minuten lang, das unfreiwillige Gespann aus Pflanze und Mensch einzuholen, doch sie hatte in dem unwegsamen Terrain keine Chance. Schließlich blieb sie schwer atmend stehen und in ihrem Inneren tobte eine Gefühlsmischung aus Verzweiflung, Resignation, Wut und Hilflosigkeit. Harriet beugte sich vorn über, die Hände auf ihre Knie gestützt und versuchte sich zu beruhigen. So fanden sie dann auch die anderen Crewmitglieder vor, die endlich zu ihr aufgeschlossen hatten.
Harriet hob den Kopf und schaute Carna von unten herauf an.
„Es ging alles so schnell, Tom ...“, keuchte sie noch etwas atemlos. „Roy ...er war höchstens fünf Minuten allein ...“
Carna legte ihr beruhigend eine Hand auf die Schulter.
„Es ist nicht deine Schuld, Harriet“, sagte er zu ihr. „Wir alle hätten besser aufeinander aufpassen müssen. Ich hätte nie zulassen dürfen, dass wir uns in zwei Gruppen aufteilen. Nicht mal für die fünf Minuten und selbst auf die relativ kurze Distanz hin!“
Er warf einen finsteren Blick in die Richtung, in der die laufende Pflanze mit ihrer menschlichen Beute verschwunden war.
„Wer konnte schon ahnen, dass sich ein Baum Roy schnappen würde und dann davon rennt, wie ein Langstreckenläufer“, meinte er dann kopfschüttelnd.
„Sollten wir nicht an dem Ding dranbleiben?“ Nomo wirkte ungeduldig, als er diese Frage stellte. Und auch Karin sah man an, dass sie lieber weiter rennen, als hier herumstehen würde.
„Harriet, geht es wieder?“, erkundigte sich der Commander daraufhin fürsorglich bei der Südafrikanerin.
Diese nickte nur stumm und richtete sich wieder auf.
„OK, Leute, dann nichts wie hinterher“, befahl Carna sogleich. „Wir dürfen die Spur nicht verlieren!“
Die vier verbliebenen Crewmitglieder rannten los und folgten der Laufspur des rennenden Baumes. Aber eigentlich konnte von 'rennen' nicht wirklich die Rede sein. Die mobile Pflanze hatte zwar eine deutliche Spur im bis zum Knie hohen Bewuchs des Waldbodens hinterlassen, aber von einem Pfad war diese weit entfernt. Das dichte, verfilzte Unterholz, Wurzeln und Ranken machten das Fortkommen für die Raumfahrer schwer. Zudem bekamen Tom Carna und seine Leute langsam das Gefühl, der ganze Urwald des Planeten hätte sich gegen sie verschworen. So mussten sie ständig plötzlich vorschnellenden Ästen und Zweigen ausweichen und wurde mehr als einmal von harten, aus den Baumkronen auf sie herab prasselnden Früchten erdulden.
„Ich habe den leisen Verdacht, dass der ganze Wald dem Läufer auf seiner Flucht hilft!“, schimpfte Karin lauthals, als sie gerade wieder einmal ein nussähnliches Gewächs am Kopf getroffen hatte.
„Nicht nur du, blonde Maid!“, keuchte Tom, während er einem Zweig auswich, der beharrlich nach ihm schlug.
So kamen sie nicht so schnell voran, wie es ihnen lieb gewesen wäre. Immerhin hatten sie es jedoch vermocht, sich bis auf Sichtweite an den 'Entführer' Roys heranzuarbeiten. Jetzt konnten sie auch deutlich erkennen, die dieser eigentlich aussah. Der mannsdicke, etwa drei Meter hohe Stamm wirkte tatsächlich wie Totholz, mit rautenförmiger, graugrüner Borke. Die Krone dieses Gewächses vermittelte den Eindruck einer überdimensionalen Ananasblüte, jedoch ohne die stachligen Ränder einer solchen. Zwischen diesen grüngelben Blattstreben schlängelten sich seilartige Lianen hervor. Sie waren es, die den Körper des Funkspezialisten ergriffen, gefesselt und bis dicht unter die Blattkrone empor gehoben hatten.
Zur Fortbewegung dienten der Pflanze sehr bewegliche, tentakelartige Laufwurzeln.
„Hoffentlich ist das keine Fleisch fressende Pflanze“, sprach Karin eine Befürchtung aus, die wohl alle hier in der Verfolgergruppe insgeheim hegten. Dazu schluckte sie hörbar.
„Uhuhuuu ...hör auf damit!“ Harriet schüttelte sich schaudernd. „Mal bloß den Teufel nicht an die Wand. Ich versuche schon die ganze Zeit, mir jeden Gedanken an so etwas zu verbieten.“
„Entschuldige, Harriet. Es ist ja nur ein Gedanke.“
„Aber einer, der ausreicht, mir den Magen umzudrehen!“ Sie schüttelte sich erneut. „Leute, wie wollen wir eigentlich vorgehen, wenn wir den Läufer eingeholt haben?“, wechselte sie dann das Thema.
Tom Carna zuckte ein wenig ratlos mit seinen Schultern. Auch Nomo und Karin schienen sich nicht schlüssig darüber zu sein, was sie ihrer Kollegin auf diese Frage hin antworten sollten.
„Gute Frage“, antwortete Carna gedehnt und kratzte sich dabei nachdenklich im Nacken.
„Ich denke, etwas anderes als ein Betäubungs- oder Paralysebeschuss kommt ohnehin nicht in Frage. Alles andere würde Roy nur unnötig in Gefahr bringen.“
„Mir wäre auf jeden Fall wohler, wenn wir wüssten, wie dieser Läufer auf einen solchen Beschuss reagiert“, sagte Nomo besorgt.
„Wir werden es früher oder später herausfinden“, sagte Tom und beendet sogleich die von Nomo begonnene Diskussion. „Erst mal müssen wir das Ding und Roy einholen und stellen. Also weiter im Quartett!“
Tom wusste, dass der Einwand seines Freundes nicht unberechtigt war. Eine Diskussion zum jetzigen Zeitpunkt hätte sie jedoch nur aufgehalten und abgelenkt. Dieser Frage konnte man sich widmen, wenn man das verflixte Pflanzenungetüm erst mal zu fassen bekäme. So aber arbeiteten sie sich erst einmal weiter durch das unwegsame Waldgebiet. Stunde um Stunde verstrich. Schließlich begann es langsam zu dämmern. Die herannahende Nacht kündigte sich an, ein Umstand, der nicht gerade dazu beitrug, die Stimmung unter den Verfolgern zu verbessern. Dieser stolperten erschöpft durch die hereinbrechende Dunkelheit. Karin blieb stehen und wischte sich den Schweiß von der Stirn. Die Anstrengung und das eher feuchtwarme Klima im Dschungel des Planeten hatten in ihrem Gesicht deutliche Spuren hinterlassen. Ihr wie den anderen schmerzten die Beine und sie fühlte sich leer und ausgelaugt.
„Ich kann nicht mehr, Leute!“, stöhnte sie mit matter Stimme. „Ich fühle mich ausgepowert, wie ein ausgebrannter Reaktor: total fertig!“
Auch die anderen drei hielten für einen Moment in ihrer mittlerweile unendlich erscheinenden Wanderung inne.
„Mir geht es auch nicht viel besser, Karin“, gestand Tom Carna ein und genehmigte sich einen kleinen Schluck Wasser aus seiner Feldflasche. „Ich möchte mich am liebsten auf das nächste Bett werfen und vierundzwanzig Stunden nur noch schlafen.“
Er hakte die Feldflasche wieder an den Gürtel der Expeditionskombi.
„Aber erstens gibt es hier kein Bett ...“, fuhr er dann fort, „... und zweitens will ich einfach nicht zusehen, die der Läufer mit unserem Roy auf Nimmerwiedersehen in diesem globalen Wald verschwindet. Es hat bereits genug Opfer gegeben. Roy soll nicht das nächste auf der Liste werden!“
Er hatte seine Hände zu Fäusten geballt und einen zornigen Blick in Richtung des Läufers durch den Wald geschickt.
Aber ...der Läufer?
Wo war er? Carna versuchte, die zunehmende Dunkelheit mit seinen Blicken zu durchleuchten. Aber die laufende Pflanze war samt Roy von einem Moment zum anderen wie vom Erdboden verschluckt.
„Er ist weg!“, gellte sein Schrei durch den Wald und erschreckte die drei anderen Crewmitglieder bis ins Mark.
„Das gibt es doch nicht … eben war dieser laufende Baum noch da und plötzlich ist er verschwunden! Einfach so!“
Bestürzung machte sich breit. Sollten sie hier, nach der langen Verfolgungsjagd, die Spuren ihres Freundes und Kollegen verloren haben?
„Wie kann das sein?“
Nomo hatte in hilfloser Geste eine Hand an die Stirn gelegt.
„Das Terrain ist übersichtlich. Hier scheint es eine sehr große Lichtung zu geben. Der Läufer war nicht so schnell, als das wir ihn in der kurzen Zeit, in der wir hier verschnauft haben, aus den Augen hätten verlieren können!“
„Und doch ist er nirgendwo mehr zu sehen!“, stellte Carna trocken fest. „Also muss es eine rationale Erklärung dafür geben. Unsere Aufgabe ist es nun, genau dieser Erklärung zu finden.“
Er griff nach einer der vielen Taschen seines Overalls, öffnete sie und entnahm ihr eine Spezialbrille, die über einen Restlichtverstärker verfügte. Rasch setzte er sie auf, aktivierte mittels Fingerdruck die Nachtsichtfunktion und schon lag die Umgebung vor ihm, als würde er auf einer sonnenüberfluteten Lichtung stehen.
„Nomo hat recht“, gab er nach kurzer Zeit des konzentrierten Beobachtens von sich. „Wir stehen tatsächlich am Rand einer großen, kreisrunden Lichtung. Ich schätze, deren Durchmesser beträgt runde fünfhundert Meter.“
Er bewegte einige Mal den Kopf hin und her, während seine Gefährten auf weitere Berichte warteten.
„Seltsam ...“, murmelte der Crewmaster dann vor sich hin. Und etwas lauter sagte er dann: “Zur Mitte der Lichtung hin wölbt sich der Waldboden kuppelartig auf. Die Szenerie wirkt irgendwie … künstlich!“
Tom drehte seinen Kopf zu seiner Crew hin, die im Nachtsichtmodus seiner Spezialbrille seltsam scharfe Konturen hatten.
„Ich glaube, der Läufer und Roy befinden sich irgendwo auf dieser Lichtung“, sagte er zu ihnen.
„Und woher rührt dieser Glaube?“, fragte Harriet mit leichtem Zweifel.
„Es … es ist ein Gefühl“, erwiderte Tom nach kurzem Zögern.
„Mein Bauch sagt mir, dass wir kurz vor unserem Ziel sind. Vor uns liegt etwas Großes, Wichtiges ...“
Der Crewmaster verlor sich kurz in Gedanken, riss sich aber sofort wieder zusammen.
„Ihr solltet auch eure Nachtsichtbrillen aufsetzen“, wies er seine Leute dann an. „Über uns glitzern schon die ersten Sterne am Himmel. Das heißt, es wird in wenigen Minuten so stockdunkel sein, dass wir anders nichts mehr erkennen können.“
Carna wartete kurz, bis Nomo, Harriet und Karin so weit waren.
„Alle bereit?“, fragte er dann und erntete dreimaliges Nicken.
„Also gut, dann fächern wir uns ein wenig auseinander. Zehn Meter Abstand zwischen uns, OK? Wir werden uns dann in einer Linie auf diese große Lichtung begeben und uns dort gründlich umsehen.“
Rasch nahmen die vier TESECO-Agenten die besprochene Formation ein, dann rückten sie entschlossen vor. Trotz dem sie alle müde und erschöpft waren, trieb sie die Sorge um den Freund und Kameraden, der sich hier irgendwo im Grün verborgen befinden mochte, vorwärts, mobilisierte die letzten Kraftreserven. Mit aktivierten Nachtsichtbrillen und zurecht gerückten Filtermasken suchten sie das weitgehend baumlose Gelände der großen Lichtung ab, worauf sie sich zuerst auf das Gebiet um den kuppelförmig aufgewölbten Waldboden herum konzentrierten. Die Minuten dieser Suche rannen dahin, reihten sich aneinander, schienen Zeiträume zu bilden, die endlos waren. Und doch verging nur eine knappe dreiviertel Stunde, bis etwas Entscheidendes geschah.
Die vier verbliebenen TESECO-Agenten hatten eine Suchreihe gebildet, in der Tom und Nomo jeweils ein Ende bildete. Während Tom in Laufrichtung auf der dem Domartigen Zentrum der Lichtung entfernte Seite der Reihe lief, bewegte sich Nomo dieser Aufwölbung am Nächsten. Plötzlich hörten die zwei Frauen und Tom seinen überraschten Aufschrei durch die Nacht schallen.
„Oh, Whoopy!“
Es folgten ein dumpfer Aufprall und ein lautes „Uff!“
Noch bevor sich Carna besorgt nach dem Wohlbefinden seines Freundes erkundigen konnte, zeugten eine Reihe lästerlicher Flüche davon, dass er wohl weitgehend wohlauf war.
„Nomo, was ist los?“, rief Carna durch die Nacht, während er, wie die beiden Frauen auch, der Stelle entgegen strebte, an welcher der schwarzhäutige Defenser eben noch suchend über den Waldboden schritt. „Ist alles in Ordnung mir dir?
„Nichts passiert, Leute“, kam die Antwort wie aus dem Nichts.
„Ich fand die Flora des Waldes so schön und dachte mir, es wäre toll, die mal aus der Nähe zu bewundern.“
„Wenn er noch so blöde Witze reißen kann, dann ist ihm wirklich nichts passiert!“, lachte Harriet erleichtert.
Gleich darauf standen sie, der Crewmaster und Karin am Rande einer Senke im grünen Bewuchs, von dessen Grund sich gerade Nomo aufrappelte und Gräser sowie etwas Bodenschmutz von seinem Overall abklopfte.
„Hier war von jetzt auf nachher diese Senke im Boden“, sagte er und schaute sich um. „Eh … dass ist keine Senke!“, entfuhr es ihm überrascht. „Das ist eine abwärts führende Rampe. Und die geht geradewegs unter die Erde. Ich kann da vorne den Beginn eines Tunnels erkennen!“
„Roy?“
Karins fragender Ausruf hallte durch den Wald.
„Das wäre eine gute Erklärung!“, ließ sich der Commander vernehmen.
„Der Stollen könnte tatsächlich der Grund dafür sein, warum Roys Entführer so schnell verschwunden ist.“
„Du glaubst also wirklich, dass wir dort unten Roy wiederfinden werden?“
In Karin Schröders Stimme schwang noch etwas Zweifel mit.
„Ich hoffe es“, schränkte Carna ein. „Es besteht allerdings eine sehr große Wahrscheinlichkeit dafür, dass wir wieder auf der Spur sind. Allerdings besteht meiner Ansicht nach auch noch eine Wahrscheinlichkeit für etwas anderes ...“
„Und das wäre?“, wollte Nomo wissen.
„Das wir hierher gelockt werden sollen“, antwortete der Crewmaster ernst.
Überraschenderweise wies keiner der drei anderen diese Vermutung zurück. Irgendwie schien jeder zu spüren, dass an der Sache etwas dran war. Der Läufer hätte die verfolgende Gruppe mit Sicherheit abschütteln können. Das er es nicht tat, sondern sie stattdessen hier an diesen Platz im Urwald Greenwichs führte, dieser Umstand mochte einen gewichtigen Grund haben. Den TESECO-Agenten wäre wesentlich wohler gewesen, wenn sie diesen Grund wüssten. Doch dem war nun mal nicht so. Für einige Momente lang herrschte nachdenkliches Schweigen in der Gruppe. Dann gab sich Carna einen Ruck.
„Wie dem auch sei ...“, sagte er entschlossen, „Wir nehmen die Verfolgung wieder auf. Was bleibt uns schon anderes übrig. Aber größte Vorsicht, denn wir tappen sprichwörtlich im Dunkeln herum.“
Die Vierer-Gruppe setzte sich daraufhin wieder in Bewegung. Langsam und mit vorsichtigen Schritten bewegten sie sich die etwa zehn Meter breite Rampe nach unten, auf die dunkel vor ihnen gähnende Öffnung des Stollens zu. Entschlossen näherte man sich dem Tunnel, wurde schließlich von ihm verschlungen. Selbst mit den Restlichtverstärkern ihrer Spezialbrillen konnten sie nun nicht mehr viel erkennen, denn es gab schlicht und ergreifend kein Restlicht in diesem Stollen. Es war feucht und kühl. Die Luft roch modrig, nach Erde und vermoderndem Holz. Der Geruch wirkte fast vertraut, wie von daheim, von der fernen Erde. Aber sie waren nicht daheim. Sie bewegten sich nun unterhalb der Oberfläche eines fremden Planeten. Und sie wussten nicht, was vor ihnen lag, ob sie jemals wieder von hier nach draußen gelangen würden. Minute um Minute verging in quälender Langsamkeit. Die vier Menschen verloren in dieser tiefen Dunkelheit und Stille, die sie umgab, jedes Gefühl für die Zeit. Der Stollen schien sich endlos hinzuziehen.
„Wieso müssen wir auf fremden Planeten eigentlich immer kilometerweit durch finstere, unterirdische Tunnel tappen?“, beschwerte sich Karin nach einiger Zeit. „Ich kommen mir vor wie auf Flashfire im Agena- System.“
„Aber das liegt doch schon wieder eine halbe Ewigkeit zurück, Karin!“, sagte Nomo. „Und außerdem, ich glaube, da vorne wird es schon wieder etwas heller!“
Tatsächlich tauchte im Blickfeld vor ihnen ein diffuser Fleck Helligkeit auf, der, durch die Spezialbrillen gesehen, rasch an Intensität zu nahm.
„Was wohl für die Helligkeit hier unten verantwortlich ist?“, überlegte Harriet laut.
„Biolumineszenz!“, lautete die knappe Antwort des Commanders. „Die einfachste und wahrscheinlichste Erklärung dafür. Es gibt ja auch auf der Erde Pflanzen, die ein kaltes, biologisch-chemisch erzeugtes Licht abstrahlen können. Das wird hier wohl nicht anders sein.“
Die Kybernetikerin gab sich mit dieser Erklärung fürs Erste zufrieden. Bald tauchten an den Wänden des Stollens schwach leuchtende, flechtenartige Gewächse auf, die Carnas Hypothese stützten. Mit jedem Meter, den die vier Raumfahrer weiter voran schritten, nahmen der Bewuchs und damit auch die Helligkeit stark zu. Schon bald erreichte das Licht eine Stärke, wie in einer klaren Vollmondnacht auf der Erde. Für die Spezialbrillen war das mehr als ausreichend, um ein helles, gestochen scharfes Abbild der Umgebung zu liefern. So konnten Carna und seine Crew erkennen, dass der Stollen einen fast kreisrunden Durchschnitt hatte, mit einem Durchmesser, der gut und gerne vier Meter betragen mochte. Der Crewmaster schätzte, dass der Neigungswinkel, mit dem es abwärts ging, um die zehn Prozent betragen mochte. Das bedeutete im Umkehrschluss, dass sie sich zwischenzeitlich schon ein gehöriges Stück unter Tage befanden. Er fragte sich außerdem, wie weit es denn wohl noch auf diese Art abwärts gehen mochte. Doch im nächsten Moment beantwortete sich diese Frage von selbst. Übergangslos weitete sich der Stollen zu einer gigantischen Höhle, an deren Rand sie sich nun befanden. Vor ihnen senkte sich der Boden in einem etwas steileren Winkel als zuvor ab. Über ihnen wölbte sich die Höhlendecke zu einem weitläufigen Kuppeldom auf, der wohl seine Entsprechung in der Erhebung des Waldbodens an der Oberfläche hatte.
Dieser Hohlraum unter der Erde war riesig! Seine wahre Größe ließ sich jedoch nicht wirklich abschätzen, da Dunst die freie Sicht behinderte. Wände, Decken und Boden des Riesengewölbes trugen einen dichten Bewuchs aus Licht spendenden Flechten. Sie tauchten die Halle in ein mildes, gelblich-grünes Dämmerlicht. Ein unbeschreiblicher undefinierbarer, jedoch nicht unangenehmer Duft erfüllte den unterirdischen Felsendom und drang durch die Filtermasken auch bis in die Nasen der vier Raumfahrer. Und über all dem lag eine fast andächtige Stille.
Aber all das war es nicht, was die Aufmerksamkeit der TESECO-Agenten fesselte. Das lag im Mittelpunkt des Doms. Dort erhoben sich drei riesige Pflanzenkonglomerate. Diese mussten jeweils einen Durchmesser von bestimmt einhundert Meter besitzen und erhoben sich kuppelförmig vom Grund der Halle. Die drei Gebilde wirkten ungeheuer kompakt und es ging eine Ausstrahlung von ihnen aus, eine schwer zu beschreibende Aura, die fast etwas Majestätisches an sich hatte. Für einige lange Momente ließen sich Tom Carna und seine Leute von diesem atemberaubenden Anblick gefangen nehmen. Doch da gewahrte der Crewmaster eine Bewegung aus seinen Augenwinkeln heraus. Er drehte seinen Kopf in diese Richtung, um besser sehen zu können.
„Der Läufer!“
Sein Ausruf riss die drei anderen Crewmitglieder aus ihren andächtigen Betrachtungen heraus und brachte sie auf den Boden der Tatsachen zurück.
„Da ist der Läufer wieder!“, rief Carna und zeigte in Richtung der großen Laufpflanze. „Ich hatte also recht mit meinem Gefühl. Das Ding bewegt sich mit Roy genau auf die drei Pflanzenkuppeln zu. Dort liegt sein offensichtliches Ziel. Und unseres wohl auch!“
Nomo Teniate hob die Hand, in der er die ganze Zeit seine TMO 23 gehalten hatte.
„Worauf warten wir dann noch? Wir müssen Roy befreien, bevor es zu spät ist!“
Ohne eine weitere Reaktion seiner Kameraden abzuwarten, stürmte der schlanke Defenser davon, auf Roys Entführer zu. Tom war es zwar nicht recht, dass sein Freund so überhastet los eilte, aber letztendlich sah auch er keine Alternative. Also nickte er den beiden Frauen zu und zu dritt folgten sie dann dem vorausgeeilten Nomo. Jedes einzelne Mitglied der Vierergruppe mobilisierte die letzten Kraftreserven. Ihre Gedanken kreisten nur noch um Roy und seinen Entführer, dem seltsamen, laufenden Baum. Die Umgebung wurde von ihnen nur noch marginal wahrgenommen, in einer Art Tunnelblick, nur noch auf das konzentriert, was direkt vor ihnen lag. Auch hatten Konzentration und Reaktionsvermögen unter den Strapazen der vergangenen Stunden erheblich gelitten.
Es war also kein Wunder, dass die TESECO- Agenten den Angriff der Pflanzengemeinschaft erst mitbekamen, als es für jede Gegenwehr bereits zu spät war. Denn plötzlich schnellten aus verschiedenen Richtungen Netze aus dünnem, aber sehr reißfestem Fasermaterial auf die Menschen zu. Diese Netze hüllten die vier Raumfahrer blitzschnell ein, zogen sich ruckartig zusammen und brachten sie so recht unsanft zu Fall. In Sekundenschnelle wurde sie so jeder Bewegungsfreiheit beraubt. Und für eine wirksamere Gegenwehr fehlten den Vier mittlerweile jede Kraft. Voller Schrecken mussten sie in ihrer Hilflosigkeit mit ansehen, wie sich dicke Ranken in ihre Richtung bogen, die über und über mit Kapsel ähnlichen Gewächsen bedeckt waren. Die Kapseln platzten mit einem trockenen 'Plopp' auf und setzten dabei eine Art grünes Gas frei. Als feiner Nebel legte es sich über die vier Gefangenen. Diese fühlten augenblicklich ihre Sinne schwinden. Tom Carna bäumte sich noch einmal in einem letzten, verzweifelten Versuch gegen den pflanzlichen Gegner auf, doch dann packte auch ihn die volle Wirkung des unbekannten Gases. Das letzte, was er bewusst wahrnahm war, dass der Läufer den Körper des entführten Roy nicht weit von ihnen sanft zu Boden gleiten ließ. Dann versank die Welt um Tom herum in einem Meer von Farben.
***
Lichtblitze erhellten verschwommene Bilder. Stimmen klangen auf, fremd und vertraut zugleich. Die vor seinen Augen wild umher tanzenden farbigen Schlieren hörten auf, sich immer wieder aufs Neue zu vermischen. Stattdessen formten sich nach und nach klare Bilder daraus hervor.
„He, Tom, sei kein Frosch. Komm mit runter zum See!“
Fröhlich klang die helle Stimme von Hester Jones durch die laue Luft eines warmen Nachmittags im Dezember des Jahres 2214.
Tom sträubte sich noch ein wenig dagegen.
„Hester, du weißt doch, ich muss noch einige Hausaufgaben machen“, versuchte er einen halbherzigen Protest. „Sonst wird Daddy wieder ärgerlich und wir gehen dann nicht auf die Nordinsel, ins Thermalgebiet von Wakarewarewa rüber, um den Pohutu-Geysir zu sehen. Und das möchte ich doch so gerne!“
Doch letztendlich hatte der junge Tom den Überredungskünsten der immer fröhlichen Hester Jones, mit den klaren blauen Augen, nichts entgegenzusetzen. Hester war seine Freundin und im gleichen Alter wie er, also neun Jahre alt. Beide besuchten die gleiche Klasse im Gemeinschaftsschulzentrum von Christchurch, auf der neuseeländischen Südinsel. Den meisten Teil ihrer Freizeit verbrachten sie gemeinsam, so auch heute, an diesem sonnigen Samstag.
Wie nicht anders zu erwarten, überredete Hester den jungen Tom schließlich doch noch dazu, mit ihr und Lewis Proklat, einem etwas jüngeren Jungen aus ihrer Nachbarschaft, hinunter zum Parksee zu gehen, der im Zentrum der New Christchurch Pondsvillage Estate, ihrem Wohngebiet, lag. Ausgelassen tobten sie eine ganze Weile am Ufer des Sees herum, oder sie sprangen in das kristallklare Wasser hinein. Ihre Oberbekleidung lag derweil als unordentlicher Haufen am grasbewachsenen Ufer.
Etwa eine Stunde lang spielten sie so glücklich und völlig unbeschwert, als plötzlich zwei große Jungs am Seeufer auftauchten und zu den dreien herüber starrten.
„Xarnu, schau dir nur das Kleinvieh an“, lästerte der größere der beiden mit vor Hohn triefender Stimme. „Die verseuchen doch glatt unseren schönen Parksee. Anzeigen sollte man die, wegen Umweltverschmutzung!“
„Das Kleinvieh verschmutzt doch die Umwelt schon allein dadurch, dass es existiert“, lachte der andere gehässig.
„Wir sind kein Kleinvieh? Was soll denn das?“, rief Hester empört.
Sie stand bis zur Hüfte im Wasser und hatte die Arme vor ihrer Brust verschränkt. Unsicher starrten sie und ihre beiden Freunde zu den zwei Jungs ans Ufer hinüber.
Die lachten nur gemein.
„Ach nein, frech wird das Kleinvieh auch noch!“, rief nun wieder der größere, mit den dunklen Haaren, in verächtlichem Ton. „Kommt doch her, wenn ihr was von uns wollt!“
Betont lässig postierten sich die beiden ausgerechnet neben dem Haufen mit den Kleidern der drei im Wasser spielenden Kinder.
„Lasst uns doch in Ruhe“, versuchte Tom zu vermitteln. „Ihr seid sowieso stärker wie wir, dass müsst ihr nicht beweisen. Und getan haben wir auch nichts!“
„Doch!“, bellte der kleinere, hellhaarige von den beiden zurück. „Ihr atmet! Aber kommt nur raus, wir werden euch schon nichts tun.“
Er stellte einen Fuß auf den Kleiderhaufen.
„Los, kommt raus und holt euch eure Sachen ab!“
„Wenn ihr euch das überhaupt traut, ihr Raumwichte!“, fügte der andere hinzu und grinste dabei ganz niederträchtig.
Die drei Kinder im Wasser blickten sich mit ängstlichen und betretenen Mienen an. Rasch ließ Tom noch seinen Blick über den Uferbereich huschen, aber es war niemand in der Nähe, der ihnen helfen konnte. Und ihre drei Kiddie-Coms lagen natürlich draußen, bei ihrer Kleidung.
„Tom, mir wird langsam kalt. Ich möchte mich abtrocknen und anziehen!“, jammerte Hester leise.
„Dazu brauchen wir leider unsere Klamotten“, antwortete der Junge ebenso leise.
„Dann werde ich eben hingehen und mir sie holen!“
Trotzig stampfte Hester im Wasser auf, drehte sich um und begann auf das Ufer zuzustapfen. Tom und Lewis versuchte zwar, sie von ihrem Vorhaben abzubringen, doch das Mädchen hatte seinen Entschluss gefasst. Davon würde sie sich auch von ihren Freunden nicht abbringen lassen. Wohl war ihr allerdings nicht bei der Sache. Und so zitterte sie nicht nur, weil sie fror, als sie sich dem Seeufer näherte. Tom und Lewis folgten ihr in einigem Abstand langsam.
Am Ufer angekommen, blieb das Mädchen abwartend vor den beiden großen Jungs stehen.
„Was ist? Hat dich dein Mut schon wieder verlassen?“, verhöhnten die beiden Hester.
Das stachelte den Trotz in ihr an.
„Ich habe keine Angst vor Euch!“, sagte sie, wobei sie sich alle Mühe gab, auch wirklich überzeugend zu klingen.
Sie machte drei Schritte auf den Wäschehaufen zu und bückte sich, um die Kleidungsstücke vom Boden aufzuheben.
Da versetzte ihr einer der beiden Jungen einen heftigen Stoß. Hester verlor dadurch das Gleichgewicht und fiel nach hinten auf den Boden. Dabei schlug sie mit ihrem Kopf gegen einen großen Stein, der unglücklicherweise genau dort lag, wo ihr Kopf den Boden erreichte.
Bewusstlos blieb sie liegen.
Die beiden verzogenen Jungen blickten sich erschrocken an, als sie sahen, dass das Mädchen sich nicht mehr rührte.
„Los, nichts wie weg!“, rief der eine dem anderen zu und rannte auch schon davon. Der anderen folgte ihm auf dem Fuße.
Lewis und Tom stürzten herbei und ließen sich neben der bewusstlosen Hester zu Boden fallen.
„Hester, was ist mit dir?“, sprach Tom seine Freundin voller Sorge an.
Doch sie reagierte nicht auf seine Worte. Dann versuchte der Junge, den Kopf Hesters ein wenig anzuheben. Er spürte etwas Warmes, Flüssiges an seinen Fingern. Darum ließ er ihren Kopf wieder sinken und als er seine Hand darunter hervor zog, musste er voller Schrecken sehen, dass seine Finger ganz blutverschmiert waren.
„Lewis!“, schrie er erschrocken auf.
„Schnell, renne zu den Häusern da drüben rüber. Die Leute dort sollen den Medo-Notdienst rufen. Die sollen so schnell wie möglich kommen. Hester geht es sehr schlecht!“
In seiner Aufregung hatte er ganz vergessen, dass sie den Notdienst ja auch über ihre Kiddie-Coms hätten rufen können. Die Geräte steckten ja zwischen ihren Sachen. Doch auch Lewis dachte nicht daran und rannte wie vom Bogen geschnellt davon, um Hilfe herbei zu holen.
Tom hielt derweil die Hand seiner verletzten Freundin. Tränen füllten seine Augen aus.
„Du darfst nicht sterben, Hester!“, flüsterte er leise schluchzend.
„Hörst du? Wenn du nicht stirbst, verspreche ich dir, dass ich, wenn ich groß bin, dafür sorgen werde, dass solche bösen Jungen eingesperrt werden. Nur bitte, stirb nicht ...“
'Sterben ...sterben ...sterben ...sterben ...“
Diese Worte hämmerten durch sein Bewusstsein und Tom registrierte, dass er plötzlich wieder ein erwachsener Mann zu sein schien. Im kam die Sadir-Katastrophe in den Sinn, die Gen- Veränderung, die jene Strahlenschauer der explodierenden Sonne in ihm, seiner Crew und einer terranischen Familie, die auch an Bord war, ausgelöst hatte.
Hester konnte damals gerettet werden. Und doch … sie würde sterben, viel früher sterben, als er, denn seine Lebensspanne hatte sich in nicht vorhersehbarer Weise verlängert. Alle, die er kannte würden sterben, während er weiterlebte … ausgestoßen aus der Gemeinschaft ... angefeindet ... beneidet ... einsam ...
Langsam verblassten die Jugenderinnerungen. Die Farben verschwammen und machten nach und nach einer tiefen Dunkelheit Platz.
***
Endlich Urlaub!
Endlich würde sie ihre Eltern wiedersehen. Wie viele Jahre war sie auf einer langen Mission gewesen? Zwei, drei, vier? Jedenfalls schien ihr dieser Zeitraum unendlich lang angedauert zu haben.
Karin freute sich wie ein kleines Schulmädchen auf den Moment ihrer Heimkehr ins elterliche Haus, auf ihre Mutter, ihren Vater.
Ihre letzte Mission hatte sie viele Jahre lang fern von der Erde fort geführt. Doch jetzt, am 23. Juli 2285, führte sie ihr Weg endlich wieder ins heimische Stuttgart. Ungeduldig studierte sie die Streckenanzeige des TTS-Schnellzuges, der sie direkt von CENTERRA SPACE TERMINAL nach Stuttgart gebracht hatte. Noch eine Station bis zum Hauptbahnhof. Und dann war es endlich soweit. Freudige Erregung packte die junge Frau, als eine freundliche Stimme den nächsten Haltepunkt aufrief. Sie konnte kaum erwarten, dass sich die Gleittüren vor ihr öffneten. Sie stürmte förmlich aus der Röhrenbahn auf den Bahnsteig hinaus, schaute sich suchend um ...und ließ dann nach wenigen Minuten enttäuscht ihre Schultern hängen.
Niemand war erschienen, um sie vom Bahnhof abzuholen, obwohl sie vor Wochen noch mit ihrem Vater gesprochen hatte. Doch nirgendwo war der silberne Schopf und der eisgraue Vollbart Henryk-Silvan Schröders zu sehen. Und auch von ihrer Mutter Marianne, mit dem immer lächelnden Gesicht und den gütigen, sanften Händen fehlte jede Spur. Voller Sorge zog Karin ihre Stirn kraus. Ihre Eltern waren zwar schon über 90 Jahre alt, aber für Menschen des ausgehenden 23. Jahrhunderts bedeutete dies kein Alter. Karin Schröder aktivierte ihr Com-Armband und versuchte, zu Hause anzurufen. Doch eine in Augenhöhe projizierte Holoschrift teilte ihr mit, dass die gewünschte Nummer momentan nicht erreichbar wäre. Langsam bekam sie es mit der Angst zu tun. Schnell verließ sie den Bahnhof und nahm sich ein Express-Schwebetaxi, um sich zum Haus ihrer Eltern bringen zu lassen. Wieder klopfte ihr Herz, als sie das Fahrzeug verließ. Diesmal jedoch aus Angst um ihre Eltern.
Das Haus lag still da und wirkte verlassen. Als die Siebzigjährige vor der Tür stand, musste sie feststellen, dass die Türautomatik deaktiviert worden war. Andernfalls hätte sie der Hauscomputer bereits erkannt und ihre Ankunft nach drinnen weitergemeldet. Karin kramte einen Impulsschlüssel aus ihrem Gepäck. Mit diesem gelangte sie innerhalb weniger Minuten ins Hausinnere. Auch dort herrschte gespenstische Stille.
„Mama?“, rief sie laut durch den Flur. „Papa? Wo seid ihr denn?“
Doch sie erhielt keine Antwort. Jedenfalls nicht von einem Menschen. Denn als sie das Wohnzimmer betrat, gab es einen leisen Gong und die große Bildwand erhellte sich. Verstört starrte Karin auf das Abbild eines ihr unbekannten, jungen Mannes, der die Uniform des städtischen Medo-Services trug.
„Sehr geehrte Frau Schröder ...“, sagte nun der junge Mann, wobei ihm anzusehen war, das er sich erheblich unwohl fühlte.
„Der Hauscomputer hat Sie identifiziert und spielt Ihnen nun diese Botschaft ab.“
Er räusperte sich kurz und vernehmlich.
„Ich habe die unangenehme Aufgabe, sie davon in Kenntnis zu setzen, dass ihre Eltern am 20. Juli 2285 im Katharinen-Hospital an einer heftigen, kaum behandelbaren Variante der Telauris-Grippe verstorben sind. Leider war es uns nicht möglich, Sie sofort zu informieren, da ihr Einsatz vom Sicherheitsministerium als geheim klassifiziert worden war. Bitte seien Sie versichert, dass Sie unser vollstes Mitgefühl haben. Nichtsdestotrotz muss ich Sie darum bitten, uns wegen der notwendigen Formalitäten und der anstehenden Bestattung schnellstmöglich zu kontaktieren. Bis dahin … auf Wiedersehen.“
Die letzten Worte hatte Karin gar nicht mehr bewusst wahr genommen. Betäubt vom Schmerz stand sie in der Mitte des Wohnzimmers. Ihr Gepäck war ihr aus den plötzlich kraftlosen Fingern gerutscht und Tränen liefen ihre Wangen herab, zeichnete nasse Spuren in ihr schreckbleiches Gesicht. Sie konnte nicht glauben, was sie soeben vernommen hatte. Plötzlich sah sie sich selbst in der dunklen, spiegelnden Fläche der Bildwand. Sie erblickte das Gesicht einer 25- jährigen, jung erscheinenden Frau. Karin stieß einen spitzen Schrei aus und sank zu Boden, wo sie schluchzend zusammenbrach.
Es hatte begonnen!
Die, die sie liebte, wurden alt und starben, während sie weiterhin jung war und sich bester Gesundheit erfreute. Die Sadir-Katastrophe hatte nicht nur ihre Biochemie und ihre Genomstruktur verändert. Dass sie kaum noch alterte, veränderte ihr Leben nachhaltig, nahm ihr die Familie, die Freunde, den Halt. Da waren nur noch die Kollegen von der PRINCESS II und die Familie Olson, die ihr Schicksal teilten. Und während eine Welle der Traurigkeit und Verlorenheit über sie hinwegschwemmte, verloren sich auch die Farben ihrer Umgebung. Sie verschwammen, wurden unscharf und verdunkelten sich immer mehr, bis gnädiges Schwarz die weinende Frau einhüllte und in Bewusstlosigkeit davontrug.
***
Leuchtend blau spannte sich der Himmel über die weite Ebene der Salisbury Plains, im Südwesten Englands. Nur hie und da tummelten sich einzelne, wie hin gesprenkelte, kleine weiße Wolken in dem endlos erscheinenden Blau. Ein warmer Wind wehte, der die würzigen Düfte der englischen Landschaft mit sich trug.
Einsam galoppierte ein Reiter durch das grüne, saftige Gras. Seine kurzen, strohblonden Haare leuchteten golden in der Mittagssonne. In der Ferne konnte man die berühmten Steinkreise von Stonehenge steil aufragen sehen.
Roy Anthony zügelte den schnellen Lauf seines Pferdes etwas. Er atmete tief ein.
Das war seine Welt!
Ein tiefer Seufzer löste sich aus seiner Brust, dann ließ er mit einer kleinen Bewegung des Zaumzeugs den Braunen stoppen und schwang sich aus dem Sattel. Mit federnden Knien kam er auf dem Boden auf.
„Oh Himmel, wie ich diese Landschaft liebe!“, murmelte er leise und glücklich vor sich hin.
Dabei tätschelte er sanft den muskulösen Hals seines Pferdes.
„Und dich liebe ich auch, Gavain!“, flüsterte ihm leise ins aufmerksam zuckende Ohr.
Mit geübtem Griff band er die Zügel des Tieres an den dünnen Ästen eines Bauchhohen Busches neben sich fest. Danach ging Roy ein paar Schritte zur Seite und ließ sich ins hohe Gras fallen. Mit hinter seinem Kopf verschränkten Armen tat er eine ganze Zeit lang nichts anderes, als die in mäßigem Tempo dahinziehenden Wolken am blauen Himmel über sich zu betrachten. Der junge Mann genoss diesen Augenblick der Muse, denn es würde der letzte dieser Art für eine lange Zeit sein.
„Ab Morgen wird alles anders“, seufzte er melancholisch vor sich hin.
In vierundzwanzig Stunden hatte er nämlich seinen Dienst als Spezialisten-Anwärter für Kommunikationstechnik auf dem schnellen Raumkreuzer LIBANON anzutreten. Die LIBANON gehörte zu den Verbänden der 1. Strategischen Verteidigungsflotte der USF, der UNITED STAR FLEET, unter dem Kommando von Major Fjodor Romanov. Zwei lange Jahre Ausbildung lagen vor ihm, eine Zeit, in der er die heimatliche Erde nur selten zu Gesicht bekommen würde. Und danach ...
Roy hatte sich für den TESECO-Dienst beworben. Je nachdem, wie er seine Ausbildung bei der USF abschloss, konnte er in den Dienst bei der Sicherheitsorganisation eintreten. Auch das bedeutete, mehr Zeit im All als zu Hause zu verbringen.
„Aber du hast es ja nicht anders gewollt!“, sagte der junge Mann zu sich selbst. „Und du wirst die Ausbildung durchhalten, wenn es dir am Anfang auch noch so schwer fällt!“
Ein weiterer Seufzer entrang sich seiner Brust, dann erhob sich Roy wieder. Er ging zu seinem friedlich grasenden Pferd zurück und schwang sich auf dessen Rücken. Bevor er jedoch los ritt, starrte er aus zusammengekniffenen Augen in Richtung der Sonne, die gerade ihren Zenit überschritten hatte. Ganz plötzlich schien sich das grellweiße Sonnenlicht zu verändern. Wie aus dem Nichts heraus schienen gewaltige Protuberanzen nach ihm greifen, ihn verschlingen zu wollen. Feurig rot, drohend und tödlich, umzüngelten ihn gewaltigen Energien, bis der blutrot gefärbte Sonnenball in einer einzigen, gigantischen Explosion verging. Roy vernahm einen gellenden Schrei.
„SADIR!“
Und es dauerte einen langen Moment, bis er begriff, dass er selbst es war, der da geschrien hatte. Dann machte die alles verschlingende Lichtflut einer wohltuenden, gnädigen Dunkelheit Platz.
***
Die Sonne versank hinter dem Bundescenter und es wurde rasch dunkel über Centerra. Der Zentralpark leerte sich nun langsam und es kam eine leichte, kühle Brise vom Atlantik auf, die vom afrikanischen Festland weit im Westen nach Novatlantis, dem kleinen, jungen Inselkontinent in der Mitte des atlantischen Ozeans, herüber wehte.
Zwei Gestalten saßen noch eng umschlungen auf einer der zahlreichen Parkbände. Sie schien der frische Wind nicht zu stören.
Eine der beiden ließ seine Hand sanft und liebkosend durch das Haar der anderen gleiten.
„Ich liebe dich!“, flüsterte sie dabei leise. „Weißt du das?“
Ebenso leise kam die Antwort zurück.
„Ich liebe dich auch Nomo … von ganzem Herzen!“
Dann verschmolzen die beiden Gestalten zu einem innigen Kuss.
Etwa eine Stunde saßen die Zwei noch so da, dann zog Nomo, plötzlich fröstelnd, seine Jacke zusammen. Es war zwar erst September und Novatlantis lag in Äquatornähe, doch des Nächtens konnte die Luft bereits empfindlich abkühlen.
„Es ist kalt geworden, Yeraly“, sagte er deshalb leise. „Meinst du nicht, dass wir langsam nach Hause gehen sollten? Wir müssen Morgen früh aufstehen, um die ANGRAV-Fähre nach New York zu bekommen. Ich möchte nicht gleich nach den Semesterferien zu spät an der Akademie auftauchen.“
Er schaute sein Gegenüber an und ein warmer Blick aus braunen Augen begegnete ihm.
„Ja Nomo ...“, stimmte Yeraly zu, „Du hast recht. Lass uns gehen.“
Sie erhoben sich und nun erschauerte auch Yeraly.
„Oh je, es ist tatsächlich ziemlich frisch geworden. Los, lass uns ein Wettrennen machen, dann wird uns vielleicht wieder etwas wärmer werden. Komm, fang mich!“
Mit diesen Worten löste sich Yeraly von Nomo und sprang leichtfüßig davon.
„So warte doch!“, lachte Nomo und nahm die Verfolgung auf.
Yeraly hatte bereits einen Vorsprung von fast hundert Metern und er würde sich anstrengen müssen, diese Distanz so rasch wie möglich wieder aufzuholen.
Plötzlich blitzte es am Rand des breiten Parkweges hell auf und ein ohrenbetäubendes Krachen orgelte durch den menschenleeren Park. Erschrocken blieb Nomo stehen, als er sah, wie sich einer der alten, gewaltigen Parkbäume im Zeitlupentempo zur Seite zu neigen begann. Rasch berechnete er im Geiste den Fallweg des Baumes und richtete seinen Blick dorthin, wo er auf dem Boden aufschlagen würde. Und dort stand ...
„Yeraly!“
Nomo hatte entsetzt aufgeschrien.
„Yeraly, um Gottes willen, renn sofort weg da!“
Gleichzeitig spurtete er los.
Yeraly schien verwirrt ob der Explosion und der Panik in der Stimme des Freundes und blickte zuerst in seine Richtung, dann erst nach oben. Vor Schreck riss Yeraly die Augen auf, als sich der dunkle Schatten des mächtigen Baumes in rasender Geschwindigkeit zu Boden neigte. Ein grauenhafter Schrei erklang, dann war der mächtige Stamm heran und begrub den Körper des jungen Menschen unter sich.
„Yeraly, nein!“
Nomo warf sich neben dem herab gestürzten Baum zu Boden. Eine Hand ragte unter der Borke hervor. Er ergriff sie und suchte fieberhaft nach dem Pulsschlag. Doch da war nichts mehr. Eiseskälte durchflutete den Körper Nomos, betäubte seine Sinne.
„Nein ...“, flüsterte er, tonlos und bebend.
„Nicht … Oh Gott! Lass es nicht zu! Bitte ...“
Mit beiden Händen umklammerte er die leblose Hand des geliebten Menschen. In seinen Augen standen Tränen, die über seine schreckensbleichen Wangen liefen und zu Boden tropften.
Er bemerkte in seinem Schmerz nicht, wie sich aus dem Dunkle des Parks die Gestalten von zwei Jungen heraus lösten. Beide näherten sich langsam der Unglücksstelle. Einer der beiden tippte Nomo vorsichtig auf die Schulter.
„Hallo, Mister ...“, begann er mit zaghafter Stimme zu sprechen.
„Mister .. .es tut uns Leid. Wir … wir haben den Notruf schon angerufen. Es war ein chemisches Experiment ...“
Der Junge schluckte schwer und kämpfte selber mit den Tränen.
„Wir haben das nicht gewollt“, fuhr er dann mit fast flehend klingender Stimme fort. „Es ist … wir haben … wir haben doch nicht damit gerechnet, dass noch jemand auf dem Parkweg unterwegs war!“ Er schluckte krampfhaft gegen ein aufkommendes Schluchzen an.
„Bitte … sagen sie doch etwas“, bat er mit weinerlicher Stimme. „Es war doch nur ein Experiment ...“
Aber Nomo reagierte nicht. Er hörte gar nicht, was der Junge zu ihm sagte. Zu ihm drang die Umgebung nur noch wie durch einen wallenden Schleier aus Schmerz und Traurigkeit, Leere und Verlust. Sein Körper schüttelte sich in Krämpfen und sein Herz schien zerreißen zu wollen.
Leere.
Eine entsetzliche Leere erfüllte ihn, als er neben dem toten, zerschmetterten Körper des Menschen kniete, der für ihn alles auf der Welt bedeutet hatte.
Nomo weinte und nahm nichts anderes wahr, als das Wimmern der Sirene des Notarztwagens und der Feuerwehr, die sich langsam seinem Standpunkt näherten. Und aus der quäkenden Sirene wurde das Wimmern der überlasteten Feldabsorber an Bord der ATHENE. Das Ergebnis der Körperanalysen nach der überstandenen Sadir-Katastrophe kam ihm in den Sinn. Er durfte leben, Yeraly war gestorben. Er durfte leben, andere, ihm nahe stehenden Menschen würden sterben. Er durfte leben, während alle, die er kannte, um ihn herum im Strudel der Zeit zurückblieben. Und Nomo verfluchte die Sonne Sadir ...
***
„Los! Nicht so schlafmützig! Wir haben noch ein gutes Stück Weg vor uns!“
Harriet winkte ihren Freundinnen zu, die ein gutes Stück hinter ihr durch den Wald stapften und missmutige Gesichter zur Schau stellten.
„Wenn ich geahnt hätte, auf was für eine Gewalttour uns du da mitschleppst, hätte ich den Befehl verweigert und wäre mit wehenden Fahnen desertiert!“, maulte Lfaelle Numbuna, Harriets Zimmergenossin an der Raumakademie von Johannesburg, in der Region Südafrika, die Teil der Südafrikanischen Union war.
Zusammen mit Harriet und zwei weiteren Mitstudentinnen hatte sie vor wenigen Tagen erfolgreich ihr Diplom als Fachspezialistinnen für kybernetische Systeme errungen. Nun verbrachten sie gemeinsam einige Urlaubstage im Fjord- Nationalpark Norwegens. Es würde ihr letzter gemeinsamer Ausflug dieser Art sein, denn nach diesem Urlaub begann die praktische Ausbildung im Weltraum. Spätestens dann trennten sich ihre Wege, denn zum einen wurden sie natürlich verschiedenen Raumschiffen zugeteilt, zum anderen begann ihre berufliche Karriere in unterschiedlichen Organisationen. Harriet und Lfaelle gingen zu TESECO, die beiden anderen zur USF und zu SPOT.
Tanya Kluurt, eine zierliche Marsgeborene, ließ sich unter vernehmlichem Ächzen zu Boden fallen. Von Geburt an eine niedrigere Gravitation gewöhnt, machte ihr die ungewohnte, körperliche Betätigung unter Erdbedingungen ganz besonders zu schaffen.
„Noch ein paar Kilometer und ich falle tot zu Boden. Das schwöre ich Euch!“, jammerte sie.
Sie zog ihre derben Wanderstiefel aus und massierte die schmerzenden Fußsohlen.
Harriet war stehen geblieben und hatte ihre Hände in ihre Hüften gestemmt.
„Und so was will Raumfahrerin werden!“, spottete sie lachend. „Macht ja schon nach schlappen dreißig Kilometer schlapp.“
„Sklaventreiberin!“, murrte Tanya. „Außerdem will ich nicht Raumfahrerin werden, sondern in einer gemütlichen Station der Raumüberwachung bei SPOT arbeiten. Das ist schon ein Unterschied!“
Auch Lfaelle Numbuna und Helgunde Svanson setzten sich nun neben Tanya auf den Waldboden, während Harriet eisern stehen blieb.
„Aber so schlimm ist die Wanderung nun doch wirklich nicht“, meinte die dunkelhaarige Johannesburgerin.
Doch sie erntete nur ein mürrisches Gebrumm als Antwort. Also seufzte sie ergeben und ließ sich schließlich auch neben ihren Freundinnen ins Gras fallen.
„Ich verstehe Euch nicht“, sagte sie dann mit betrübter Miene.
„Die Luft hier ist so rein und würzig. Man kann tief durchatmen und die Seele baumeln lassen. Ganz anders als der Stadtmief, von der Luft in den Raumschiffen und Stationen ganz zu schweigen. Und wenn ich die vielen herrlichen Blumen, das klare Wasser der Seen und Flüssen und das gesunde Grün der Bäume sehe, dann könnte ich vor Freude glatt in den Himmel davon schweben!“
Sie machte eine Geste, als wolle sie die ganze Welt umarmen. „Ihr müsst doch zugeben, dass das einfach nur herrlich ist, oder?“
„Deine Naturliebe in Ehren, Harriet ...“, brummte Lfaelle, „Aber eine Pause könntest du uns wirklich gönnen. Immerhin marschieren wir jetzt schon seit fünf Stunden durch die Gegend!“
„Genau!“, schloss sich Helgunde Svanson der Meinung ihrer schwarzhäutigen Freundin an.
„Ich möchte ja nicht gleich total erschöpft sein, wenn ich am Ende der Tour meinen Dienst auf der GLASS OF CHAMAGNE antrete. Was sollen denn die sonst dort von mir denken?“
Harriet schüttelte ihren Kopf und seufzte ein weiteres Mal aus tiefsten Herzen dazu.
„Da ich Euch nicht alle tragen kann und ihr freiwillig wohl keine hundert Meter mehr lauft, wird mir nichts anderes übrig bleiben, als eine allgemeine Pause auszurufen“, gab sie nach.
„Trotzdem bitte ich euch, eure müden Knochen noch ein Stückchen bis zu der Lichtung da vorne zu schleppen. Da mache ich dann ein Feuer und koche Euch einen kräftigen Kaffee. Wäre das O.K. für Euch?“
Die Aussicht auf einen Becher heißen und kräftigen Kaffees ließ die drei Frauen wieder ein bisschen munterer werden.
„Gut, Harriet“, stimmte Tanya Kluurt zu.
„Geh ruhig schon vor. Wir kommen sofort nach. Erst müssen wir wieder in unsere Schuhe schlüpfen … falls wir da überhaupt noch reinpassen.“
„In Ordnung“, sagte Harriet. „Ich bereite schon mal alles vor. Bis gleich.“
Sie winkte ihren drei Freundinnen noch mal zu, erhob sich und marschierte auf die Lichtung zu, von der sie gerade gesprochen hatte. Unterwegs sammelte sie schon fleißig trockene Äste für das versprochene Kaffeefeuer. Am Rastplatz angekommen, schichtete sie Holz und trockenes Laub sorgsam zu einem Haufen auf, nachdem sie zuvor Steine für eine Eindämmung der Feuerstelle zusammengesucht hatte. Dann entnahm sie ihrem Rucksack einen kleinen Thermalzünder. Ein kleiner Druck auf den Zündknopf würde genügen, um eine kleine Hochtemperatur-Flamme zu erzeugen, die das Holz im Nu entzündete.
Mit diesem Wissen im Hinterkopf presste Harriet ihren Daumen in Erwartung dieser kleinen, blauweißen Flamme auf den Zündknopf.
Doch dieses Mal war alles anders.
Ein riesiger, glühender Feuerball entsprang dem kleinen Thermalzünder. Die Flammen hüllten Harriet ein, griffen mit feurig roten Fingern nach ihrem Körper, um ihn zu Asche zu verbrennen. Harriet meinte zu fühlen, wie das Wasser in ihren Zellen zu kochen begann und der Dampfdruck eben diese Zellen zum Platzen brachte.
Wo war der Wald geblieben? Wo ihre Freundinnen?
Nichts von alldem war noch vorhanden. Es gab nur noch Feuer, Schmerz und Agonie, bis sich der Frau ein gequälter Schrei den schwarz verkohlten Lippen entrang: „SADIR ...“
Dann versank die Welt um sie herum in Finsternis.
***
Im gleichen Zuge, wie die Bilder aus vergangenen oder zukünftigen Geschehen in den Gehirnen der bewusstlosen Menschen am Boden des Erd- Doms auf Greenwich wieder verblassten, kehrte das Leben in die bis dahin bewegungslos ruhenden Körper zurück.
Die Netze aus Pflanzenfasern lockerten ihren Griff, ließen von den Menschen ab und verschwanden wieder im schier undurchdringlichen Bewuchs rechts und links des breiten Pfades, auf dem die fünf PRINCESS- Besatzungsmitglieder lagen. Diese begannen sich langsam wieder zu regen, ab und zu war ein leises Stöhnen zu hören.
Tom Carna richtete sich als Erster wieder auf. Benommen griff er sich an seinen Schädel.
„Bei allen dunklen Nebeln ...“, ächzte er. „Was um alles in der Welt ist da vorgegangen? Es schien, dass mein ganzes Leben an mir vorbeizog. Und es handelte sich beileibe nicht um die schönsten Erinnerungen, die da wieder hervorgekramt worden sind.“
„Mir ging es nicht viel anders.“ Auch Nomo saß bereits und massierte sich den schmerzenden, verspannten Nacken. „Es war scheußlich ...“
„Du liebe Güte ...“, seufzte Karin, „Kann mir mal jemand verraten, was da gerade passiert ist? Ich weiß bloß noch, dass wir diesen … diesen Dom hier betreten haben, dann ging das Licht bei mir aus und die Horrorshow begann.“
Carna zuckte ratlos mit seinen Schultern.
„Egal, was es war, die Hauptsache ist, wir leben noch“, sagte er. „Das ist mehr, als ich erwartet habe, als der Angriff begann. Mich beschäftigt im Moment eher die Frage, was mit Roy passiert ist. Schließlich haben wir ihn ja immer noch nicht befreien können. Also müssen wir weiter nach ihm suchen.“
„Nicht mehr nötig, Tom“, meldete sich Harriet da zu Wort. „Er liegt gleich da drüben und ist ebenfalls gerade dabei, munter zu werden. Wahrscheinlich ist es ihm nicht anders gegangen, als uns.“
Sie hatte sich erhoben und ging mit ein paar wenigen, schnellen Schritten zu dem Kommunikationsspezialisten hinüber.
„Wird höchste Zeit, dass die Kavallerie endlich anrückt“, wurde Harriet von Roy mit etwas kraftlos wirkender Stimme begrüßt.
„Ich dachte schon, mein letztes Stündchen hätte geschlagen, nachdem mich dieser Baum schnappte und mit mir davon rannte. Und dann noch dieser verrückte Traum ...“
Sein Gesicht war ein Spiegelbild der nachdenklichen Stimmung, in der sich der Engländer gerade befand.
„Wenn ich bloß wüsste, welchen Sinn ich dem allem hier geben soll“, fügte er dann noch hinzu. „Vor allem: warum hat mich die Laufpflanze wieder freigegeben?“
Aber auch Tom, Nomo und Karin, die zu ihm und Harriet aufgeschlossen hatten, konnten ihm keine Antwort auf diese Frage geben.
„Das werden wir wohl nie erfahren“, sagte Harriet bedauernd und reichte ihrem Kollegen die Hand zum Aufstehen.
Roy ergriff diese dankbar und erhob sich vom Boden des Doms. Er stand noch nicht richtig wieder auf seinen eigenen Beinen, als etwas Merkwürdiges und Unerwartetes geschah. Eine mächtige, fremde Stimme ließ die fünf TESECO- Agentin zusammenzucken und bis ins Mark erschrecken.
„DOCH … IHR WERDET ES ERFAHREN“, meldete sich der unbekannte Sprecher. „IHR WERDET ALLES ERFAHREN.“
Die Fünf schauten sich aufgeschreckt nach dem Urheber der dröhnenden Stimme um. Es war jedoch optisch keine Quelle für die gesprochenen Worte auszumachen. Es dauerte noch einige Momente, bis sie plötzlich begriffen, dass die Worte von eben nicht auf akustischem Wege zu ihnen gesprochen wurden, sondern dass sie direkt in ihren Gehirnen entstanden. Eine Erkenntnis, die sie fast noch mehr aus der Fassung brachte, als wäre ein Wesen aus Fleisch und Blut vor ihnen gestanden.
„Wer … wer war das?“, fragte Carna stockend in das grünliche Dämmerlicht des Doms hinein, sichtlich um seine Fassung bemüht.
„VERZEIHT!“
Wieder erklang die mächtige Stimme in ihren Köpfen. Traurigkeit, unendliche Traurigkeit, Schuld und so etwas wie Schwermut schwang dabei mit.
„Verzeiht, ihr Kinder einer fernen Welt, die ihr die Erde nennt“, fuhr die unsichtbare Geistesstimme fort.
„Verzeiht einem Unwissenden, der in seiner Unwissenheit schrecklichen Schaden zugefügt hat. Verzeiht mir, verzeiht uns, wenn ihr das vermögt ...“
Der anfängliche Schrecken der Crew schwang in grenzenlose Verblüffung ob dieser vorgetragenen Bitte um. Carna schaute seinen Leuten der Reihe nach in die Gesichter und las darin die gleiche, atemlose Spannung, die auch ihn ergriffen hatte. Jeder von ihnen spürte, dass die Auflösung des Geheimnisses dieser Pflanzenwelt in greifbarer Nähe vor ihnen lag.
Der Crewmaster räusperte sich ein paar Mal.
„Wer bist du, oder wer seid ihr?“, fragte er dann aufs geradewohl den unbekannten Sprecher. Oder sollte er 'Denker' sagen?
„Warum hast du dich gegen uns gewandt, uns angegriffen?“, fügte er sogleich noch weitere Fragen hinzu.
„Wir sind ich ...“, ertönte fast sofort eine Antwort in ihren Gedanken, die zunächst wenig auszusagen schien. Aber es folgten sofort weitere Worte.
„Wir sind ich … und ich bin AISCHONGAN. Wir sind die Einheit aus Dreien. Wir sind der Körper, wir sind die Welt, wir sind alles, was nicht Tier ist auf dieser Welt. Das sind wir. Das bin ich. Das ist AISCHONGAN.“
Die Stimme schwieg und den TESECO-Agenten blieb nach dieser fantastischen Eröffnung fast die Luft weg. Wenngleich ihre Vermutungen schon in die Richtung einer pflanzlichen Form von Intelligenz liefen, war die Realität dieses Umstandes doch so unglaublich, dass der Verstand sich zu weigern schien, all das widerstandslos zu akzeptieren.
Der Crewmaster der PRINCESS II rang mühsam nach Worten.
„Willst … willst du wirklich behaupten ...“, begann er zögernd, „... behaupten, dass du ALLES bist? Jeder Pflanze, jeder Baum, jeder Strauch, jeder Grashalm auf diesem Planeten. Wirklich alles?“
Skepsis und Unglauben sprachen aus diesen Worten.
„Ich bin AISCHONGAN“, tönte es in bestätigendem, bejahendem Tonfall.
„Wir sind wir. Das ist unsere Welt, die ihr Greenwich getauft habt. Alles hier … sind wir … bin ich.“
Die fremde Wesenheit schwieg für einen kurzen Moment, ehe sie in fast flehendem Ton weitersprach.
„Bitte verzeiht uns“, bat es. „Verzeiht … Alles war ein tragischer Irrtum. AISCHONGAN trauert um die Leben, die er aus Unwissen nahm. Schmerzen der Vergangenheit führten so zu Schmerzen im Jetzt. Ein tragischer Irrtum ...“
Die PRINCESS-Crew konnte den Schmerz, den AISCHONGAN empfand, fast körperlich spüren.
„Das ist … unglaublich!“, flüsterte Karin ergriffen und überwältigt.
Ihre Kollegin und die Kollegen nickten nur stumm dazu. Angesichts der fantastischen Entwicklungen waren die Strapazen der vergangenen Stunden wie weggeblasen. All das, was sie hier und jetzt erlebten, war so faszinierend, das alles andere dagegen in den Schatten trat.
Tom Carna überlegte, wie er die etwas einseitige Unterhaltung mit dem Wesen, das sich selbst AISCHONGAN nannte, in Schwung bringen konnte, um mehr über das, was auf dem Planeten vorging, zu erfahren.
„AISCHONGAN ...“, begann er zögernd, „... wir sind hier her gekommen, um den Tod von Angehörigen unseres Volkes aufzuklären. Kannst du uns ...“
Er kam nicht dazu, die Frage zu vollenden. Die unbekannte Wesenheit unterbrach ihn vorher.
„Ihr sollt alles erfahren, alles wissen“, teilte es den fünf Menschen mit. „Wir haben uns schuldig gemacht … hört deshalb, urteilt und entscheidet und verzeiht, wenn ihr könnt ...“
Die TESECO-Agenten lauschten gebannt, was Ihnen das unglaubliche Pflanzenwesen nun zu erzählen hatte.
„Vor vielen, vielen Sonnenzyklen kamen einst Fremde auf unsere Welt“, berichtete es.
„Zu jener Zeit war AISCHONGAN noch jung, praktisch eben erst erwacht und somit völlig unerfahren. Gerade erst hatten wir begonnen, die Welt zu begreifen, als die Besucher von den Sternen zu uns herab stiegen. Und zuerst freuten wir uns darüber, nicht alleine im Raum der Welten zu existieren. Darum bemühten wir uns, Kontakt zu den Besuchern herzustellen.“
Ein Schatten schien über die Gedankenstimme AISCHONGANS zu fallen, als es weiterfuhr, zu erzählen.
„Doch die Seelen der fremden Wesen waren taub, ihre Gedanken kalt und grausam, Vernichtung, Eroberung und Unterdrückung einziger Lebensinhalt. Diese Fremden peinigten uns, zerstörten große Teile der Gemeinschaft. Schmerz, unendlicher Schmerz! Wir vermochten nicht, uns dagegen zur Wehr zu setzen. Wo diese Wesen zuschlugen, wurde die Erde kalt und grau, so wie deren Körper es waren.“
„Aber warum hast du uns angegriffen?“, rutschte Roy eine Zwischenfrage heraus.
„Hört weiter und ihr versteht ...“, kam prompt die Antwort AISCHONGANS.
„Von der äußeren Gestalt her waren die Fremden Euch ähnlich. Sie hatten wie ihr zwei Beine und zwei Arme mit jeweils fünf Endgliedern. Die Körpergröße der Peiniger fiel etwas kleiner aus, als die von euch Menschen. Ihre Hautfarbe schimmerte in dem Grau der Steine. In den kahlen, eher runden Köpfen dominierten gefühllose, tiefschwarze Augen. Die Münder hatten schmale, fast schwarze Lippen, um die immer ein grausames Lächeln spielte. Als die ersten eurer Sternenschiffe hier auf meiner Welt landeten, da war es für uns wie ein Schock. Wir dachten, SIE wären wieder zurückgekehrt. Panik ergriff uns, ja fast Todesangst, als wir befürchteten, die Grauen wieder hier auf Greenwich zu haben. Doch dieses Mal wollten wir uns wehren, nicht einfach hinnehmen, dass man uns tötet, wie damals.“
AISCHONGAN schwieg einen kurzen Moment.
„Doch schon beim ersten Versuch, mehr über Euch in Erfahrung zu bringen, bekamen wir Zweifel. Wir wussten, die Denkzentren der Grauen waren ohne Körper überlebensfähig – Eure dagegen waren es nicht. Und Eure Körper waren warm. Außerdem schienen Eure Gedanken unserem Gegenüber nicht taub zu sein. Also versuchten wir die nächsten, die kamen, zu beeinflussen. Doch Euer Geist ist stark, es gelang uns nur unvollkommen. Aber wir konnten weitere Informationen sammeln. Immer mehr wurde uns bewusst, dass ihr den Grauen nur äußerlich ähnelt, im Inneren aber vollständig anders wart. Da beschlossen wir, beim nächsten Besuch durch Euch Kontakt aufzunehmen. Und dann kamt Ihr!“
Eine Woge warmer Zuneigung rauschte durch die Gedanken der PRINCESS-Crew, bevor AISCHONGAN fortfuhr.
„Ihr habt uns bewiesen, wie stark Euer Zusammengehörigkeitsgefühl ist. Eher wart Ihr bereit, zu sterben, als einen der Euren dem Schicksal zu überlassen. Wir lasen in Euren Gedanken, wie reich und wie intensiv Eure Gefühle im Inneren sind. Und endlich sahen wir ein, dass wir uns wirklich irrten. Darum bitten wir um Verzeihung für unser Tun und um Eure Freundschaft.“
Die Geistesstimme des Pflanzenwesens verstummte. Tom Carna und seine Leute brachten im ersten Moment keinen Ton heraus. Das, was sie soeben erfahren hatten, musste erst einmal verdaut werden. Nicht nur, dass sie einer unglaublichen, intelligenten Pflanzenzivilisation gegenüberstanden, nein, die Menschen musste auch erfahren, dass es wohl im All anderen raumfahrende Wesen gab, die den ihnen äußerlich glichen, aber von ausgesuchter Grausamkeit zu sein schienen. Alles in allem, geradezu ungeheuerliche Neuigkeiten. Schließlich war es der Commander, der das Schweigen der Gruppe brach.
„Wie kommt es, dass wir dich verstehen können?“
„Wir entnahmen Euren Gedanken das notwendige Wissen und wenn die Dreiheit sich zur Einheit zusammenschließt, können wir direkt mit Euch kommunizieren“, erklärte das unbegreifliche Wesen kurz und knapp.
„AISCHONGAN, ich bin ein wenig verwirrt ...“, gab Carna zu.
„Dreiheit … Einheit … welche Drei bilden denn das Eine?“
„DENKER 1, DENKER 2, LENKER – das sind wir, oder auch ich, wenn du so willst. Das ist AISCHONGAN.“
„Aha!“, machte der Crewmaster und zog seine Stirn kraus. „Und wo sind diese drei, die eines bilden?“
„Aber ihr steht doch schon vor uns“, antwortete das Pflanzenwesen belustigt. „Ihr bezeichnet unser sichtbares Zentrum als Kuppeln oder Konglomerate.“
Ehrfurchtsvolle Blicke richteten sich schlagartig auf die drei riesigen, kompakten Pflanzengebilde in der Mitte des unterirdischen Doms. Das war also tatsächlich das Zentrum der Intelligenz dieser Planeten umspannenden Wesenheit. Die Nachricht von dieser Entdeckung würde auf der Erde, ja in der ganzen Stellaren Union wie eine Bombe einschlagen! Seit vielen Jahrhunderten sehnten sich die Menschen danach, nicht alleine unter den Sternen der Milchstraße zu leben. Und lange sah es danach aus, als würde gerade dieser Umstand eintreten. Doch dann hatten sich die Ereignisse in relativ kurzer Zeit regelrecht überschlagen! Zuerst entdeckte man auf Flashfire im Agena-System die zum großen Teil noch intakten Hinterlassenschaften höchst intelligenter Planetenbewohner, sowie die halbintelligenten Straußaffen. Dann traten die Noraki in Aktion, wenngleich dieser erste wirkliche Kontakt zu einer anderen raumfahrenden Rasse einen mehr als schlechten Start hatte. Nun wurde die Menschheit mit einer auf pflanzlichem Leben basierenden Intelligenz konfrontiert und musste zudem von dieser erfahren, dass es weitere, humanoide Rassen im All gab. Karin schüttelte fassungslos ihren blonden Kopf.
„Leute, wenn mir mal einer erzählt hätte, dass ich mich mit einer Pflanze unterhalte, ich hätte denjenigen für verrückt erklärt!“, meinte sie beeindruckt von dem Geschehen.
Nomo lachte glucksend.
Stellt euch mal vor, ihr kommt nach Wochen von der Arbeit nach Hause und euer Gummibaum begrüßt auch mit den Worten: 'Na, wo warst du, du Rumtreiber?'“
Bei der Vorstellung mussten auch die anderen lachen und so löste sich wenigstens ein Teil der Anspannung von ihnen.
„Das wird die Theorien über die Evolution ganz schön durcheinander wirbeln“, hatte auch Harriet ihre Sprache wiedergefunden. „Ein Weltbild gerät ins Wanken!“
„Bei aller Begeisterung – es wird auch Misstrauen geben“, schränkte Carna die aufkommende Euphorie ein wenig ein. „Bedenkt, es hat schließlich Tote gegeben.“
„Wir wissen, dass wir Unrechtes getan haben“, meldete sich da AISCHONGAN wieder zu Wort. „Wenngleich wir es aus Angst taten. Ihr Menschen werdet es verstehen können. Ihr habt starke Gefühle, die Euch mit Eurer Umwelt verbinden. Und ihr empfindet Leid und Freud, genau wie wir. Dies macht uns in diesen Punkten ähnlich, wenngleich unsere Zellen auch auf unterschiedlicher Grundlage basieren. Ihr und wir, ihr und ich, wir sind doch alle Kinder unter dem Licht der Sterne!“
Überrascht über den philosophischen Inhalt dieser Worte schwiegen die Menschen im Dom nachdenklich für einen Moment. Es war AISCHONGAN, der die Stille brach und für die nächste Überraschung sorgte.
„Bitte ...“, begann das Wesen zögernd, „... bitte, können wir … Freunde sein?“
Verblüfft ob dieser Bitte schauten sich die TESECO Agenten gegenseitig an.
„Also, AISCHONGAN ...“, sagte Carna dann gedehnt, „... da sind noch zwei unserer Freunde an Bord unseres Schiffes, die du beeinflusst hast. Es geht Ihnen sehr schlecht. Wir möchten uns erst gerne um die beiden kümmern, dann werden wir dein Freundschaftsangebot besprechen.“
Während er das sagte, dachte er intensiv und voller Sorge an die im künstlichen Schlaf gehaltenen Glenn und Gareth.
„Aber natürlich!“, antwortete AISCHONGAN und seine Gedanken klangen zutiefst bestürzt. „Es ist unverzeihlich, dass ich diesen Umstand vergessen habe. Wir können jedoch gut machen, was wir anrichteten. Wir schicken zwei Läufer zu Eurem Schiff. Gebt ihnen Eure Freunde mit. Bis zum Sonnenaufgang des nächsten Tages wird der Geist der beiden Männer wieder befreit sein. Glaubt uns. Vertraut uns. Wir können helfen.“
Der Commander tauschte sich kurz mit seinen Leuten aus, bevor er sich wieder an die Pflanzenintelligenz wandte. Sie alle hatten die aufrichtige Ehrlichkeit in dessen Botschaft spüren können, so fielen Carna die nächsten Worte leicht.
„Mein Freund … wir werden Euch vertrauen“, sagte er dann feierlich.
„Du … hast … FREUND … gesagt ...“
Die Geistesstimme des Pflanzenwesens schien zu zittern. Tom Carna und seine Crew konnten fast körperlich die freudige Erregung spüren, die in diesen Gedanken lag.
„Die Dreiheit in Einheit dankt Euch dafür und es gilt das Versprechen, Euch und die Eures Volkes nie zu enttäuschen!“
„Das wissen wir hoch einzuschätzen, AISCHONGAN“, erwiderte der Crewmaster. „Doch beantworte mir eine Frage ...“
„Was möchtest du wissen, Freund?“
„Wie lange waren wir eigentlich hier unten ohne Bewusstsein?“
„In Euren Begriffen ausgedrückt, etwa zehn Stunden.“
„Uff!“
Nomo Teniate hatte hörbar die Luft ausgestoßen.
„Au Backe!“, sagte er dann betroffen und kratzte sich im Kraushaar des Hinterkopfes. „Da werden in Luneville ja schon alle Alarmglocken läuten. Durch die Verfolgung des Läufers und der Zeit, wie wir hier bei unserem neuen Freund verbrachten, sind bereits drei Routinemeldungen überfällig!“
„Stimmt, da könntest du verdammt Recht haben“, meinte auch Carna.
Er wandte sich umgehend mit seinen Gedanken wieder an den neu gewonnenen Freund.
„AISCHONGAN, wir müssen auf dem schnellsten Weg wieder zu unserem Schiff zurück. Es ist zu viel Zeit vergangen, seit wir uns bei unseren Freunden in der Heimat gemeldet haben. Sie werden sich bereits größte Sorge über unseren Verbleib machen!“
„Wir geben Euch Läufer“, bot die Pflanzenintelligenz sofort seine Hilfe an. „Sie werden Euch schneller, als ihr auf euren beiden Beinen laufen könnt, zu Eurem Schiff zurück tragen.“
Noch während AISCHONGAN 'sprach', lösten sich aus dem grünlichen Dämmerlicht des Doms drei der schon bekannten Laufpflanzen heraus und näherten sich dem Standort der TESECO-Leute. In knapp zwei Metern Abstand von diesen blieben sie abwartend stehen.
Ein wenig mulmig war der PRINCESS- Crew bei deren Anblick schon zumute, doch Carna drängte zum Aufbruch. Sie konnten sich keine weitere Verzögerung mehr erlauben. Und so vertrauten sich die drei Männer und zwei Frauen den Läufern an. Zwei von ihnen trug jeweils zwei, der dritte eines der Crewmitglieder. Die Greifblätter hoben die Raumfahrer sanft an und brachten sie in eine bequeme, sitzende Position. So bald dies bei allen fünf Menschen geschehen war, setzten sich die Läufer in Bewegung. Dabei legten sie ein Tempo vor, das in den TESECO-Agenten staunende Bewunderung hervor rief. Dabei bewahrheitete sich Toms Vermutung, dass der Läufer, der Roy entführt hatte, absichtlich in einem langsameren Tempo davon gestürmt war, so dass die anderen Crewmitglieder die Pflanze mit ihrer Beute leicht verfolgen konnten. Nun stürmten die Laufpflanzen regelrecht durch den Wald. So begann die Zusammenarbeit und Freundschaft der Menschheit mit einem der unglaublichsten Wesen im Universum, dass sie je kennengelernt hatten.
***
Luneville
HQ-TESECO, Büro von Generalmanagerin Kate Reed
„Ich befürchte das Schlimmste, Generalmanagerin.“
Das hübsche Gesicht von Engin Ültay, dem Sekretär von TESECO-Chefin Kate Reed, war voller Sorgenfalten.
„COM-Center meldet, dass nun auch die dritte Routinemeldung der PRINCESS II ausgeblieben ist. Wir haben nun schon seit fast 24 Stunden keinen Kontakt mehr zu Tom Carna und seiner Crew, denn auch die Anfragen unserer Seite blieben ohne Rückmeldung.“
GM Reed, die in dem bequemen Ledersessel hinter dem großen Schreibtisch in ihrem Büro saß, rieb sich kurz mit Daumen und Zeigefinger ihrer rechten Hand die Augen.
„Dieses Enigma System sollten man umbenennen in 'Nightmare'-System, denn es entwickelt sich langsam zu einem ausgewachsenen Alptraum“, seufzte sie.
Dann hob sie den Blick wieder und schaute ihren Sekretär an, der ihr von der großen Bildwand gegenüber ihres Schreibtisches entgegen schaute.
„Versetzen sie das dritte Bereitschaftsgeschwader in Voralarm. Geschwader-Crewmaster Jefferson soll fünf Kampfeinheiten zum Abflug ins Enigma- System vorbereiten lassen!“
Sie hieb mit der Faust auf die Tischplatte.
„Ich will endlich Klarheit darüber, was auf diesem Grasball vorgeht. Die Einsatzspezifikationen vom taktischen Stab ausarbeiten lassen. Start des Geschwaders nach Übermittlung der Einsatzparameter.“
„Die Anordnungen werden von mir umgehend durchgeführt werden“, bestätigte Ültay die Order seiner Vorgesetzten. „Ültay, Ende.“
Sein Abbild verschwand von der Bildwand, als sich das Com-Fenster wieder schloss. Dafür erschienen wieder diverse Diagramme, Analysen und Berichte. GM Reed wandte sich wieder ihrer Arbeit zu und selektierte einige Berichte und Dossiers, die sie studieren wollte. Zum einen war da ein als brisant eingestufter Report der P-Sec Zentrale in Centerra, der sich mit den „Kindern der Sterne“ beschäftige, einer Pseudo-religiösen oder weltanschaulichen Sekte mit großem Zulauf. Des weiteren lag ein Bericht der Geheimdienstabteilung zu den Aktivitäten der „Partei für ein Aufrechtes Ozeanien“ vor. Außerdem wollte sich Kate Reed noch mit dem Fall des verschwundenen Kolonistenschiffes WITCHCRAFT beschäftigen und auch Informationen um mysteriöse, energetische Vorgänge am Nordpol des Saturns erschienen ihr nicht uninteressant. Doch die Leiterin der großen Sicherheitsorganisation kam nicht über den ersten Satz des ersten Berichtes hinaus. Denn kaum hatte sie zu lesen begonnen, da meldete ihr Com- Terminal schon wieder, dass sie jemand zu sprechen wünschte. Ein Blick auf das Meldedisplay zeigte ihr, dass es sich dieses Mal um die Kommunikationszentrale handelte.
Kate Reed zog überrascht ihre rechte Augenbraue nach oben. Wenn diese sich direkt bei ihr meldeten, musste ein wichtiger Grund vorliegen. Deshalb ließ sie ohne weiteres Zögern ihren Zeigefinger über das grün blinkende Sensorfeld für „Anruf entgegennehmen“ gleiten. Sofort öffnete sich auf der Bildwand erneut ein Com-Fenster, in dem das Abbild einer älteren Frau in der grauweißen Dienstuniform des COM-Centers sichtbar wurde.
„Jennifer Bauer, COM-Operator 345“, meldete sie sich.
„Was gibt es, COM-Operator?“, erkundigte sich GM Reed bei der Frau.
„Soeben ist über INTERRELAIS III eine Hyperfunkbotschaft hereingekommen, die ausdrücklich an Sie adressiert war. Die Nachricht stammt von der PRINCESS II, was zwischenzeitlich von SELENE bestätigt wurde.“
„Sieh mal an, wenn man vom Teufel spricht ...“, murmelte die TESECO- Leiterin halb überrascht, halb erleichtert vor sich hin. Und etwas lauter sagte sie zur COM-Operatorin: „Ich danke Ihnen, für die Information. Bitte legen Sie jetzt die Nachricht auf mein COM-Terminal.“
COM-Op Bauer nickte nur kurz und nur einen Wimpernschlag später erschien statt ihr das Identifikationssymbol der PRINCESS II im Kommunikationsfenster auf GM Reeds Bildwand. Dieses wiederum wurde nach einem kurzen Moment vom Abbild Commander Carnas ersetzt.
„TESECO –Crewmaster Tom Carna von Bord der PRINCESS II an HQ-TESECO, Büro Generalmanagerin Kate Reed. Der hinter uns liegende Einsatz erforderte die gesamte Crewstärke, weswegen mehrere Routinemeldungen unsererseits ausfielen. Ich kann jedoch melden, dass alle Besatzungsmitglieder wohlauf sind. Daten aus dem Bordbuch folgen im Anschluss. In etwa zwölf Stunden erfolgt unser Start von der Oberfläche des Planeten Greenwich, nachdem wir unsere Mission erfolgreich abschließen konnten. Wir werden zunächst Kurs auf die Transitstation HYPERSTAR XIII nehmen, um unser Besatzungsmitglied Hanne Arminos wieder an Bord zu nehmen. Anschließend setzen wir direkten Heimatkurs. Ach ja, bevor ich es vergesse: wie werden eine kleine Überraschung mit nach Hause bringen. PRINCESS II – Ende.“
Das Bild des Commanders erlosch. Ein kleines Symbol zeigte an, dass eine umfangreiche Reportdatei im Anhang zur Audiovisuellen Nachricht zur Verfügung stand. Mit einer kurzen Befehlsfolge über die Displaytastatur ihres Schreibtisches verschob sie diese in ihren Eingangsordner.
„Tom Carna, Sie sind ein Mistkerl!“, schimpfte sie dabei leise vor sich hin. „Ich gehe jede Wette ein, dass in Ihrem Report kein Hinweis auf diese ominöse Überraschung zu finden sein wird. Aber ich werde Ihnen nicht den Gefallen tun, Sie anfunken zu lassen, um nachzufragen. Selbst wenn ich platzen sollte!“
Mit diesen Worten wandte Sie sich wieder ihren Berichten zu und hoffte, wenigstens nicht ständig an die angekündigte Überraschung denken zu müssen, bis die PRINCESS II wieder auf Port TESECO gelandet war.
***
Erneut wurden die PRINCESS-Crew Mitglieder unsanft aus ihrem Schlaf gerissen. Die Annäherungssensoren der Umgebungs-Überwachung hatten die Ankunft der beiden Läufer registriert und Bordalarm ausgelöst. Nur drei Minuten, nachdem das erste Quäken der Alarmsystem erklungen war, betrat Tom Carna als Erster die Leitzentrale des TESECO-Raumers. Noch ein wenig verschlafen nahm er vor den Kontrollen seines Kommandopultes Platz. Ein rascher Blick auf den Bordchronometer zeigte ihm an, dass es zwischenzeitlich gute zwölf Stunden her war, seit sie selbst mit drei von AISCHONGAN zur Verfügung gestellten Läufern an Bord zurückgekehrt waren. Dann hatten sie die Körper der beiden bewusstlosen Männer, Gareth Hiiol und Glenn Stark, nicht ohne ein gewisses, mulmiges Gefühl an die mobilen Pflanzen übergeben. Anschließen saßen sie dann noch einige Zeit zusammen, um über das Erlebte zu diskutieren. All die Ereignisse der Stunden vor ihrer Ruheperiode schossen dem Crewmaster noch einmal durch den Kopf, während er versuchte, sich auf die Kontrollelemente zu konzentrieren. Doch noch bevor er die Monitore der Außenbeobachtung aktivierte hatte, sprachen schon die Akustiksensoren an. Der Bordcomputer des Schiffes übertrug automatisch, was er draußen 'erlauschte'.
„Hallo, ihr da oben!“, erklang die fröhliche Stimme Glenn Starks. „Ihr pennt wohl noch! Öffnet endlich den Prallschirm, wir haben mächtigen Kohldampf!“
Mit einem Schlag war der Commander restlos munter.
„Mensch Glenn!“, rief er erfreut ins eilig aktivierte Mikrophon, während er auf dem nun aktiven Bildschirm zwei Männer freudig winken sehen konnte.
„Wieder fit? Wir hatten uns große Sorgen um dich und Gareth gemacht!“
„Uns geht es wieder richtig gut“, rief Glenn dem Freund von außerhalb zu. „AISCHONGAN ist ein klasse Doktor und so weit wir beide das beurteilen können, ein prima Kumpel. Nur weiß ich nie, ob ich ihn in der Einzahl oder Mehrzahl anreden soll. Du weißt schon, die Dreiheit in Einheit, oder so ähnlich.“
„Mir fällt wirklich ein Stein vom Herzen, Großer!“
Tom Carna fühlte eine Zentnerlast von seinen Schultern weichen, als er seinen Freund und Submaster, sowie ihr Gast-Crewmitglied Hiiol so gesund und lebendig vor dem Schiff stehen sah.
„Prallschirm ist deaktiviert“, rief er dann. „Bodenschleuse öffnet sich und Antigravrampe wird ausgefahren. Kommt bitte gleich in die Messe, dann können wir zusammen frühstücken.“
„Wir kommen, Tom!“
Carna deaktivierte die Außensprechanlage und schaltete dann das Bord-Interkom auf Rundruf. Dann informierte er die restlichen Besatzungsmitglieder über die freudige Nachricht und beorderte alle in die Bordmesse. Anschließend verließ er selbst eilig die Kanzel. Schon kurz darauf trafen sämtliche Besatzungsmitglieder in der Messe ein. Dort gab es ein großes Hallo für Glenn und auch für Gareth. Alle waren froh, die beiden gesund und munter wieder bei sich zu haben.
Nachdem sich die allgemeine Aufregung wieder etwas gelegt hatte, meldete sich Glenn zu Wort.
„Leute, bevor wir uns ans gemeinsame Frühstücken machen, solltet ihr noch mal kurz mit uns runter in die Bodenschleuse kommen. Da wartet jemand auf uns, den wir an Bord willkommen heißen sollten.“
Er zwinkerte verschwörerisch zu seinen Worten und hatte dazu ein geheimnisvolles Lächeln aufgesetzt.
„Wer wartet auf uns?“, wollte Carna wissen.
Doch Glenn schüttelte nur schmunzelnd seinen Kopf.
„Wird nicht verraten – ich will Euer Gesicht sehen, wenn ihr unseren Besucher das erste Mal zu Gesicht bekommt.“
Glenn und Gareth ließen sich nicht erweichen, vorab mit Informationen heraus zu rücken. So machte sich also die Crew versammelt zum Antigravlift auf, um gemeinsam nach unten in die große Bodenschleuse zu fahren. Der Submaster und der Gast- Astronavigationsspezialist bildeten dabei die Vorhut. Unten angekommen, nahem sie rechts und links vom Ausstieg des Lifts Aufstellung. Dann breiteten sie wie Conférencier ihre Arme aus und riefen unisono „Meine Damen und Herren, bitte begrüßen sie jetzt gemeinsam unseren Gast: Ai!“
Vom Schleusenschott her näherte sich eine zwei Meter hohe und etwa achtzig Zentimeter durchmessender, in etwa röhrenförmige Gestalt. An dem unteren Ende wirbelte ein Kranz aus armlangen Laufwurzeln. In der Körpermitte gab es fünf jeweils einen guten Meter lange, sehr bewegliche Tentakel und das obere Ende des unglaublichen Wesens wurde von einem Korallen artigen Gewirr aus dürren Ästen gebildet.
Bei der äußeren Hülle schien es sich um eine Art elastische Borke zu handeln, die in einem satten tief grün glänzte, von der Art, wie es die auf Terra heimischen Gummibäume auszeichnete. Das laufende Gewächs verströmte dazu einen sehr angenehmen, leicht an Fichtennadeln erinnernden, würzigen Duft.
'Ai', wie Glenn das seltsame Wesen in der Schleuse genannt hatte, kam rasch näher. Die Laufwurzeln an seinem unteren Ende wirbelten dabei so rasch herum, dass ihre Bewegungen zu einem verwaschenen Abbild verschwammen. Fast schien es, als würde die laufende Pflanze eher auf einem Luftkissen daher schweben. Vor den in der Schleuse versammelten Crewmitgliedern hielt 'es' innen und deutete eine Verbeugung an. Dann griffen zwei der Tentakel sanft nach den Händen der beiden Frauen, die dies mit erstaunter Miene geschehen ließen. Zur Erheiterung aller vollzog die Pflanzen dann so etwas wie einen Handkuss.
„Ich freue mich, bei Euch an Bord zu sein“, erklang dazu eine sanfte Geistesstimme in den Gedanken der Crewmitglieder.
„Du kriegst die Tür nicht zu“, lachte Carna erfreut.
„Wer hat ihm denn das mit dem Handkuss beigebracht? Das warst doch bestimmt du, Glenn?“
Als dieser nickte, klopfte sich Carna lachend auf die Schenkel.
„Wenn wir mit Ai in PORT TESECO auftauchen, dann gibt das einen kleinen Aufruhr!“
Und zu dem pflanzlichen Ableger der einheimischen Intelligenz sagte er: „Es ist uns eine Ehre, dich an Bord zu haben. Du bist als Vertreter AISCHONGANS zu uns geschickt worden, um uns auf die Erde zu begleiten?“
„So ist es, Freund Tom“, bestätigte der Ableger. „Ich verfüge über ein eigenes Denkzentrum und stehe überdies mit der Dreiheit in ständiger Verbindung.“
„Faszinierend!“, staunte der Crewmaster. Und halb zu Nomo gewandt sagte er: „Menschlichen Gästen hätte ich jetzt eine Kabine zugewiesen. Aber ich denke, unser Freund hier, wird sich in unserem Arboretum an Bord am wohlsten fühlen. Würdest du ihm den Weg dorthin zeigen?“
Der Afrikaner nickte und wandte sich dann Ai zu, um ihn über den Gebrauch des Antigravlifts zu instruieren. Dieser erwies sich dabei als überaus lernfähig und begriff sehr schnell. Wie selbstverständlich hüpfte er hinter dem Defenser in das Antigravfeld und wurde nach oben davon getragen.
„Komm anschließend zum Frühstück in die Messe!“, rief Tom dem seinem Freund noch hinterher.
„Das ist so ziemlich das aufregendste, was ich in meinem Leben mitgemacht habe“, sagte er dann, immer noch ganz begeistert von der Begegnung mit AISCHONGANS Ableger.
Seine Leute pflichteten ihm vorbehaltlos bei.
***
Nach dem gemeinsamen Frühstück setzte Carna zuerst eine Meldung an das HQ-TESECO ab. Ihre letzte Routinemeldung war mehr als überfällig, doch sie hatten gemeinsam beschlossen, die Meldung erst dann abzusetzen, wenn sich die gesamte Besatzung wieder an Bord befand. Der Neuseeländer befürchtete insgeheim, dass GM Reed bereits eine kleine Kampfflotte in Marsch gesetzt hatte. Schnell stellte er einen ausführlichen Bericht aus dem Bordbuch zusammen, sprach einen kurzen Text dazu und schickte alles auf den Weg. Dabei konnte er sich eine kleine Anspielung auf die Überraschung, die sie mit zur Erde bringen würden, nicht verkneifen. Er freute sich schon diebisch auf das Gesicht ihrer obersten Vorgesetzten, wenn er ihr AISCHONGANS Ableger präsentieren würde.
Der schlanke, schwarzhaarige Crewmaster war gerade mit dieser Arbeit fertig, als nach und nach seine Leute in die Kommandokanzel kamen und ihre Plätze hinter den jeweiligen Arbeitspulten einnahmen. Konzentriert machten sie sich an die Startvorbereitungen. Dazu bedurfte es keiner großen Worte oder Anweisungen, denn jeder wusste, was er zu tun hatte.
Kurze Zeit später verstärkte sich das Maschinengeräusch aus den zirkulär im Schiffskörper verlaufenden Antriebssektionen. Gleich darauf deaktivierte Glenn Stark die energetische Verankerung der PRINCESS II mit dem Boden unter ihr. Carnas Finger huschten nun über die Schaltflächen der Schiffssteuerung und der ANGRAV erwachte zum Leben. Der TESECO- Raumer stieg nun langsam über die ihn umgebenden Wipfel des planetaren Urwaldes empor, mit einer Geschwindigkeit, die ein schnell in die Höhe schwebender Heißluftballon an den Tag legte. Erst ein gutes Stück über den Baumwipfeln hüllte der Schiffskörper sich in das Reiseprallfeld. Dieses energetische Schutzfeld bewahrte die PRINCESS vor Reibungshitze und später, im freien All, vor der Kollision mit Fremdkörpern jedweder Art. Optisch stellte sich dieser Schirm als ovale, schwach phosphoreszierende Blase da. Nun nahm die PRINCESS II rasch an Fahrt auf und schoss nach wenigen Sekunden wie von der Sehne geschnellt in den blauen Himmel über Greenwich davon. Nach weniger als drei Minuten hatte das Schiff schon eine Höhe von dreihundert Kilometern über Grund erreicht. Automatisch erfolgte nun die Umstellung vom ANGRAV auf den deGrelle'schen Schwerefeldantrieb. Dieser riss den TESECO- Raumkreuzer geradezu vom Planeten weg, der blitzschnell zu einer kleinen, grünen Kugel zusammenschrumpfte, während das Schiff stärker und stärker beschleunigte. Als es endlich gut 75 % der Lichtgeschwindigkeit erreichte, deaktivierte sich der deGrelle und die SUPRAGS traten in Aktion. Sie erzeugten mittels eines hyperfrequenten Energieimpulses einen Konstantaufriss zum Hyperraum. Die dadurch abgezapfte Hyperenergie wurde dem MAWIB zugeleitet, der sie für die SEHD-Projektoren umformte und aufbereitete. Diese erzeugte innerhalb der Dauer eines Wimpernschlags dadurch das SEHD-Feld, jenes supraenergetische Hyperdimfeld, welches dem Schiff erlaubte, quasi als Fremdkörper in den Hyperraum zu 'schlüpfen', um dort mit Überlichtgeschwindigkeit durch das All zu reisen. Übergangslos verschwand die PRINCESS II aus dem Normalraum. Nun umgab sie das hellgrau-rote, konturlose Wallen des übergeordneten Raumes, durch den immer wieder gewaltige, blitzartige Helligkeitsentladungen zuckten. Der TESECO- Raumer ließ das Enigma- System mit der Heimat AISCHONGANS rasch hinter sich und nahm nun direkten Kurs auf die Hypertransitstation HYPERSTAR XIII.
Während des Fluges dorthin hatten Carna und seine Leute viele Gelegenheiten, sich mit Ai, dem Ableger der Pflanzenintelligenz zu unterhalten. Dieser erwies sich als sehr gesellig, intelligent und absolut Wissenshungrig. Das war kein Wunder, denn bis vor kurzem war die Pflanzenwelt ja noch isoliert vom restlichen Universum. Ai schien einfach alles zu interessieren, von der Kaffeemaschine in der Bordküche, bis hin zum MAWIB und den anderen Antriebssystemen des Schiffes. Eine echte Sensation aber war die Tatsache, das der Ableger geistig noch immer in Verbindung mit seiner Heimatwelt stand. Selbst jetzt, Lichtjahre davon entfernt, konnte sich Ai mit AISCHONGAN austauschen. Für die terranischen Wissenschaftler würde dies eine Sensation ersten Ranges darstellen. Wahrscheinlich würde es Jahre dauern, um für dieses erstaunliche Phänomen eine befriedigende Antwort zu finden. Hyperphysikalische Forschung war eine noch junge, wissenschaftliche Sparte, in der wohl noch viele, spektakuläre Entdeckungen auf die Menschheit warteten.
Der Zwischenstopp auf HYPERSTAR XIII gestaltete sich kurz und schmerzlos. Eine überaus frohe Crew nahm die genesene Hanne Arminos wieder ganz herzlich in Empfang. Auch die aus Region Griechenland stammende Astronavigations-spezialistin war erleichtert, wieder an Bord der PRINCESS II zu sein. Allerdings übernahm sie noch nicht sogleich wieder ihren Posten. Gareth Hiiol würde dies bis zur Landung auf PORT TESECO weiterhin tun. So hatte die braunhaarige, schlanke Frau Zeit genug, während des restlichen Fluges zu Erde ebenfalls Freundschaft mit Ai zu schließen, den sie mit großen Augen bestaunt hatte, als sie an Bord zurückkehrte.
Nach insgesamt sechzehn Tagen Raumflug erreichte die PRINCESS II schließlich wieder das heimische Sonnensystem. In nur wenigen hundert Kilometern Abstand passierte man soeben Sedna, den Kleinplaneten im Kuiper-Gürtel und einer der ersten Außenposten im Sol-System. Roy Anthony kontaktierte die dort befindliche SPOT- Station.
„Einflugidentifikation TESECO - PRINCESS II“, meldete er knapp und gab anschließend den elektronischen Kenncode des Schiffes durch.
Die Antwort der Station kam schnell. Ungewöhnlich schnell sogar, als hätte man nur auf den TESECO-Raumer gewartet.
„SPOT-Station SEDNA an TESECO-Einheit PRINCESS II“, klang eine angenehme, dunkel gefärbte Männerstimme aus den akustischen Projektionsfeldern der Leitzentrale. „Identifikation positiv. Willkommen im Sonnensystem. Bitte benutzen Sie Einflugkorridor DELTA 09. In PORT TESECO hat man Ihnen Landeplattform 88 zugewiesen. Ich wünsche angenehmen Flug. SEDNA – Ende.“
Die Crewmitglieder an Bord der PRINCESS II schauten sich erstaunt gegenseitig an.
„Das hat die Welt noch nicht erlebt!“, rief Roy überrascht. „Seit wann wird einem denn über eine SPOT-Station der Landebereich für unseren Raumhafen zugewiesen? Das wäre doch eigentlich die Aufgabe von CONTROL!“
Tom Carna grinste derweil still in sich hinein. Roy konnte ja nicht wissen, was er dem HQ-TESECO bei seiner letzten Meldung von Greenwich aus mitgeteilt hatte. Man schien es auf Luna nicht abwarten zu können, die angekündigte Überraschung zu sehen.
„Nun, wir werden wahrscheinlich schon sehnlichst zu Hause erwartet“, gab er dann locker von sich. „Die wollen bestimmt aus erster Hand hören, was es mit dem Geheimnis der Pflanzenwelt auf sich hat.“
Diese Antwort schien seine Crew vorerst zufriedenzustellen. Keiner bemerkte das verräterische Zucken um Carnas Mundwinkel.
Die letzten Stunden des Landeanfluges verliefen in gewohnter Routine. Man passierte noch einige vorgeschobene Außenbasen, Stationen der Raumüberwachung und Abwehrforts der Systemverteidigung, dann tauchte endlich die blau weiß schimmernde Erde samt ihrem grauen Begleiter Luna auf den Schirmen der Raumüberwachung und im großen Zentralholo vor Carnas Arbeitspult auf. Die PRINCESS II schwenkte in einen Standard- Mondorbit ein, den sie jedoch bereits nach eineinhalb Umrundungen wieder verließ, um langsam der graue gefärbten Mondoberfläche entgegen zu sinken. CONTROL schickte einen Leitstrahl, der das Schiff dann automatisch zur vorgesehenen Landeplattform 88 steuerte. Und als sich die schwere Druckkuppel über dem Schiff schloss und die ersten Takte des Musikstücks „ARRIVAL“ durch die Kanzel hallten, da wusste jeder an Bord: man war wieder zu Hause.
Nachdem die Druckkuppel mit Atmosphäre geflutet worden war, senkte sich die hydraulische Landeplattform ins Mondinnere an. Dort nahm das automatische Basenleitsystem den TESECO- Kreuzer mittels Traktorfelder in Schlepp, um ihn durch gigantisch anmutende Kavernen des hier auf weite Strecken ausgehöhlten Monduntergrundes zur endgültigen Parkposition zu bugsieren. Es würde sich dabei um eine spezielle Sektion mit Quarantäne-Einrichtungen handeln, denn der Crewmaster hatte CONTROL natürlich vorab darüber unterrichtet, dass 'lebendes, biologisches Material' mitgeführt würde.
Die Crew führte währenddessen die abschließenden Landeprozeduren durch und deaktivierte bis auf wenige Ausnahmen die meisten Systeme. Zum Schluss holte jedes Besatzungsmitglied seine bereits im Vorfeld gepackten persönlichen Sachen. Dann versammelte sich die gesamte Crew und AISCHONGANS Ableger zum Aussteigen bereit in der Bodenschleuse der PRINCESS II.
Was die Raumfahrer zu diesem Zeitpunkt noch nicht wussten, war, dass vor der zur Parkposition des Schiffes gehörenden Sicherheitsschleuse bereits eine sehr ungeduldige TESECO- Generalmanagerin auf das Aussteigen der Crew wartete. Endlich baute sich das golden schimmernde Energiefeld der Antigravrampe auf und die beiden Schotthälften der großen Bodenschleuse der PRINCESS II glitten langsam zur Seite und gaben den Weg frei. Die Crew kam gleich darauf gemessenen Schrittes die Rampe hinab geschritten und nahm vor ihrer Chefin Aufstellung.
„Die Crew der PRINCESS II meldet sich nach erfüllter Mission von ihrem Flug zum Enigma- System zurück“, meldete Carna knapp und förmlich. „Und darf ich unserer Freude darüber Ausdruck verliehen, dass wir unserer Organisation offensichtlich so viel Wert zu sein scheinen, um persönlich durch die Leiterin TESECOS hier an unserem Schiff begrüßt und abgeholt zu werden?“, fügte er dann noch betont und überhöflich hinzu. Er konnte hinter seinem Rücken hören, wie seine Leute verzweifelt versuchten, ihr Lachen zu unterdrücken.
„Lassen Sie das Geschwafel, Tom“, wurde er auch prompt von GM Reed zu Recht gewiesen. „Sie sind ein scheinheiliges Ekel!“, giftete sie hinterher, ganz entgegen ihrer sonstigen ruhigen, eher unterkühlt wirkenden Art. „Sie wissen ganz genau, warum ich hier aufgetaucht bin! Diese … Anspielung auf eine Überraschung, die sie mitzubringen gedachten ...wehe Ihnen, wenn Sie nichts wirklich Umwerfendes dabei haben. Dann schrubben sie in den nächsten zwei Wochen Positionsbojen im Reparaturdock!“
Ihre Augen blitzten gefährlich, als sie den smarten Neuseeländer anblickte. Doch waren sie eben noch zu schmalen, wütenden Schlitzen zusammengekniffen, so wurden sie im nächsten Moment vor grenzenloser Überraschung weit aufgerissen. Außerdem hatte Kate Reed aufgehört, den Crewmaster anzustarren. Stattdessen fixierte sie nun einen Punkt, der hinter ihm und der höher lag. Langsam sank ihr Unterkiefer nach unten, während sie mühsam nach Worten suchte.
Der Grund für diesen Ausbruch an Perplexität war AISCHONGANS Ableger. Denn der hatte soeben die Schleuse verlassen und stand nun am oberen Ende der Antigravrampe, bereit, die Landebucht zu betreten.
„Was um alles in der Welt …?“, ächzte die Leiterin TESECOs fassungslos und dabei starrte sie Ai an, als hätte sie soeben eine überirdische Erscheinung.
Die Mundwinkel Carnas begannen, schon wieder verräterisch zu zucken.
„Ach das ...“, gab er dann wie beiläufig von sich. „Ja, das hätte ich ja fast vergessen.“
Er breitete die Arme aus und deutete mit einem Arm auf Kate Reed, mit dem anderen auf den wandelnden Baum.
„Generalmanagerin, darf ich vorstellen? Das ist Ai, seines Zeichens Botschafter der planetaren Pflanzenintelligenz AISCHONGAN vom Planeten Greenwich, im Enigma-System.“
Und zum Ableger sagte er: „Ai, das hier ist ...eine sehr, sehr, wirklich sehr überraschte Frau!“
Dann gab es für ihn kein Halten mehr. Er lachte aus vollem Hals und natürlich fiel seine Crew auch sofort in das Gelächter ein. Irgendwann war es auch für Kate Reed des Guten zu viel. Erst kicherte sie, dann schüttelte auch sie sich vor Lachen, bis ihr die Tränen in den Augen standen.
Ende des Romans
Lesen Sie auch das nächste Abenteuer, wenn die TESECO-Agenten wieder in den Einsatz gehen. Denn dann herrscht der:
„Krisenfall VIOLETT“
Erscheint im Frühjahr 2014 als Band 04 der Serie.
Bisher erschienen:
Band 01
Verschollen im Agena-System
Band 02
Die Sadir-Katastrophe
Erhältlich bei der FRX, Amazon, beam-ebooks, Amrûn und neobooks