Philippsburg

 

Kayleigh

 

Es war die Stunde des Tages an der sich das Schwarz der Nacht langsam in das Grau des Morgens verwandelt. Das Kraftwerk verharrte still im ersten Licht des beginnenden Tages. Vier Mann schoben Wache, doch ihre Gestalten schienen reglos wie die Anlage selbst. Kayleigh schien die einzige zu sein, die ihre kurze Nachtruhe schon beendet hatte. Fertig angezogen war sie durch den kühlen Morgen zu den Gemeinschaftsräumen geschlichen. Hellf hatte sie mitgenommen, der junge Hund wollte ihr sowieso nicht von der Seite weichen. Sie hatte in der Nacht einen Entschluss gefasst. Sie brauchte Ruhe und Zeit zum Nachdenken. Ganz für sich. Also suchte sie in der großen Küche etwas Proviant zusammen um sich auf zu machen. Weg. Als einzige Zuflucht war ihr Berlin eingefallen. Nach den Erlebnissen der letzten Tage kam ihr die Vorstellung eines Freundschaftsbesuchs in Berlin vollkommen irreal vor. Sie schüttelte den Kopf. Trotzdem musste sie weg hier, den Kopf freibekommen. Essen und Trinken hatte sie und schaute sich nun um, auf der Suche nach einem Transportbehälter. Da bemerkte sie den Schatten im Türrahmen, den Hellf schwanzwedelnd begrüßte. Lässig an die Tür gelehnt schaute Frost sie aus seinen ruhigen Augen an.

Du reist ab?’

Kayleigh fühlte sich ertappt.

‚Nein, ähm, ich wollte, ich, ich hatte nur Hunger.’

Ihr Herumgestottere machte es noch unangenehmer, sie fühlte wie sie rot wurde. Frost schaute sie ungerührt an. Dann warf er ihr einen Armeerucksack zu, den er in der Hand gehalten hatte. Sie hatte das gar nicht bemerkt.

‚Ich habe gesehen, wie Du hierher geschlichen bist und dachte, Du könntest das vielleicht brauchen.’

Sie wusste nicht was sie sagen sollte, schließlich entschied sie sich für ein einfaches ‚Danke’.

Irgendwie hatte sie das Gefühl, dass sie Frost nichts zu erklären brauchte. Vielleicht verstand er nicht, warum sie etwas Abstand brauchte, aber sie war sich sicher, dass er ihre Entscheidung akzeptierte. So war er. Jemand, der sein eigenes Ding durchzog, und deshalb auch die Entscheidungen anderer respektierte. Schnell packte sie die Verpflegung ein, es reichte für ein Frühstück, sie wollte ja auch keine Weltreise machen. In einer Seitentasche des Rucksacks fand sie einen Autoschlüssel, sie schaute den Ritter fragend an.

‚Nimm den Hummer, irgendwie musst Du ja wegkommen.’ Sie nickte dankbar. Dann hatte sie das Bedürfnis, doch etwas zu erklären.

‚Ich will Euch nicht im Stich lassen. Ich bin Euch dankbar und Ihr seid mir alle auch in den paar Tagen mehr ans Herz gewachsen als sonst jemand in meinem bisherigen Leben. Aber, es war alles zu viel. Ich muss Abstand gewinnen und mir über einiges klar werden. Diese wichtige Rolle, die ich spielen soll, das kann ich doch gar nicht. Diese Sachen die passiert sind, und damit meine ich nicht nur die grausamen, haben mich schon total aus der Bahn geworfen, und alle reden von noch viel größeren Dingen, die passieren werden. Ich glaube, ich will einfach in ein normales Leben zurück.’

Frost nickte, kein Verstehen, keine Zustimmung, einfach nur ein Nicken, das sagte: Deine Entscheidung.

‚Mach es gut, Kleine. Pass gut auf da draußen. Die Welt verändert sich und es hat schon angefangen. Es kann sein, dass Du gesucht wirst, also Augen auf. Wenn etwas ist, ruf an. Du machst das schon.’

Wieder erschien das für ihn so typische Grinsen in seinem Gesicht.

Verdammt, ich hoffe, Du kannst Autofahren.’

Jetzt musste sie lachen. Mit dem Schlüssel winkend nahm sie Hellf an die Leine, drückte im Vorbeigehen Frost einen Kuss auf die Wange und ging Richtung Haupteingang davon.

‚Wir werden ja sehen, ich hoffe der Wagen ist versichert!’

 

Kayleigh machte sich auf den Weg. Anderswo machten sich auch andere auf den Weg. Grausame und tödliche Jäger die nur ein Ziel hatten: Sie.

 

 

Ende des zweiten Kapitels

 

 

 

 

 

 

 

 

 

----- Kapitel 3 demnächst für Kindle -------