Ich küsse deinen Schatten
Joe Elliot saß in meinem Lieblingssessel, trank meinen besten Whisky und zündete sich eine Zigarette von meiner Spezialsorte an.
Das ließ ich mir alles gerade noch gefallen. Aber als er sagte: »Ich habe gestern abend deine Schwester gesehen«, reichte es mir. Damit ging er entschieden zu weit.
Ich öffnete den Mund – und klappte ihn wieder zu, weil ich nicht wußte, was ich sagen sollte. Was hätte ich auch auf diese Bemerkung hin sagen können? Ich hatte diesen Satz während ihrer Verlobungszeit wohl an die hundertmal gehört. Und das war damals auch ganz natürlich.
Es wäre auch heute noch ganz natürlich – wenn meine Schwester nicht vor drei Wochen gestorben wäre.
Joe Elliots Lächeln wirkte nicht sehr überzeugend, als er sagte: »Das klingt verrückt, nicht wahr? Aber es ist die Wahrheit. Ich habe Donna gestern nacht gesehen oder sagen wir mal: ihren Schatten.«
Ich fand immer noch keine Worte. Ich blickte ihn an und wartete, was nun wohl kommen würde.
»Sie kam zu mir ins Schlafzimmer und beugte sich über mich. Ich glaube, du weißt, daß ich seit dem Unfall immer Schwierigkeiten mit dem Einschlafen habe. Ich lag jedenfalls schlaflos im Bett und starrte die Decke an und hatte gerade überlegt, ob ich aufstehen und die Jalousien herunterlassen sollte, denn der Mond schien so hell. Als ich mich entschlossen auf die Seite drehte und die Beine aus dem Bett schwingen wollte, war sie da. Sie stand ganz einfach da, beugte sich zu mir und streckte die Arme aus.«
Elliot rutschte auf dem Sessel hin und her. »Ich weiß ganz genau, was du denkst! Der Mondschein fiel auf einen Gegenstand im Zimmer, durch den ein merkwürdiger Schatten entstand, und ich habe mir den Rest zusammengereimt! Oder du denkst, daß ich doch geschlafen und dabei geträumt habe, ohne es zu wissen. Aber ich weiß ganz genau, was ich gesehen habe! Es war Donna! Ich würde sie immer und überall erkennen. Auch wenn es – wie gestern – nur eine Silhouette war.«
Ich fand meine Sprache wieder, oder zumindest ein Krächzen, das eine gewisse Ähnlichkeit mit meiner Stimme hatte. »Was hat sie gemacht?«
»Gemacht? Gar nichts hat sie getan. Sie stand nur da und streckte die Arme aus, als warte sie auf etwas.«
»Auf was hat sie gewartet?« Elliot blickte auf den Boden. »Das ist verdammt schwer zu erklären«, murmelte er. »Es klingt so – ach, zum Teufel, wie es klingt! Als Donna und ich verlobt waren, hatte sie sich einen speziellen Trick angewöhnt. Wenn wir uns unterhielten oder irgend etwas Alltägliches taten, zum Beispiel nach dem Essen die Teller abgewaschen haben oder so – dann kam es häufig vor, daß sie ganz plötzlich und unmotiviert die Arme ausstreckte. Das war unser Spielchen, und ich wußte, was es zu bedeuten hatte. Sie wollte geküßt werden, und ich küßte sie dann. Du wirst furchtbar lachen, aber genau das habe ich auch in der letzten Nacht gemacht. Ich bin aufgestanden und habe ihren Schatten geküßt.«
Ich lachte nicht. Ich rührte mich nicht. Ich saß wie angewurzelt da und starrte gebannt auf seine Lippen. Da Elliot aber in brütendes Schweigen zu versinken schien, mußte ich etwas sagen, um das Gespräch in Gang zu halten. »Aha, du hast sie also geküßt. Und was geschah weiter?«
Er schaute mich an. »Nichts. Sie ging weg.«
»Sie verschwand?«
»Nein. Sie ging weg. Der Schatten ließ mich los, drehte sich um und ging durch die Tür.«
»Der Schatten ließ dich los?« Meine Stimme überschlug sich fast. »Willst du damit vielleicht sagen … ?«
Er nickte. Ein Nicken läßt sich schwer beschreiben, aber ich möchte sagen, es war eher eine resignierende als eine herausfordernde Bewegung. »Genau das«, murmelte er. »Als ich sie küßte, legte sie die Arme um mich. Ich – ich habe es gesehen – und ich habe es gefühlt. Ich habe auch ihren Kuß gespürt. Das war ein recht merkwürdiges Gefühl. Man küßt schließlich nicht alle Tage einen Schatten! Sie war wirklich da und doch nicht leibhaftig da.« Er schaute auf das Glas in seiner Hand. »Wie ein verwässerter Whisky.«
Der Vergleich mochte stimmen, aber irgend etwas stimmte mit der ganzen Geschichte nicht. Ich glaube, der größte Fehler lag an unserer Zeit. Er hätte mir vor fünfzig Jahren mit dieser Geschichte kommen sollen.
Vor fünfzig Jahren wäre mir das alles vielleicht doch nicht ganz so abwegig vorgekommen. Damals glaubten die meisten Leute noch ah die Existenz von Geistern; und selbst ein so berühmter Psychologe wie William James betätigte sich aktiv bei der Gesellschaft zur Seelenforschung‹. Damals war man sehr empfänglich für die sentimentale Vorstellung von einer unsterblichen Liebe, von der Möglichkeit, mit den Toten Verbindung aufzunehmen und dergleichen. Aber heute waren solche Geschichten fehl am Platz.
Mich hielt nur eins davon ab, diese Gedanken auszusprechen, und das war Joe Elliot selbst. Er war ein eingefleischter Skeptiker und gefürchteter Spötter.
Es war natürlich möglich, daß er durch Donnas Tod einen Schock erlitten hatte, aber –
»Spare dir deine Worte«, seufzte er. »Ich weiß selber, wie versponnen und verrückt das Ganze klingt, und ich weiß genau, was du denkst. Ich will mich nicht mit dir darüber streiten. Es ist wahr, daß mich der Unfall ganz schön mitgenommen hat. Ich bestreite auch gar nicht, daß ich einen Schock erlitten habe, als sie mich aus dem Autowrack gezogen haben. Aber den hatte ich noch vor der Beerdigung überwunden. Das kannst du mir glauben. Und wenn du es nicht glaubst, dann kannst du es dir von Dr. Foster bestätigen lassen.«
Jetzt war ich an der Reihe zu nicken.
»Ich war während der Beerdigung und danach völlig in Ordnung«, fuhr er fort. »Wir haben uns seitdem fast jeden Tag gesehen. Hast du das Gefühl, daß mit meinem Kopf irgend etwas nicht stimmt?«
»Nein.«
»Dann kann ich mir das Ganze auch nicht einbilden.«
»Was soll es aber bedeuten?«
Er stand auf. »Ich weiß es nicht«, sagte er achselzuckend. »Ich wollte dir nur erzählen, was passiert ist. Denn das ist eine von den Geschichten, die man irgendwo loswerden muß. Und dann am gescheitesten bei einem Menschen, der logisch denken kann. Bei dir kann ich mich auch darauf verlassen, daß du die Geschichte nicht herumtratschst. Und noch etwas anderes: Du bist ihr Bruder. Es kann sein, daß – sie zu dir auch kommt.« Elliot wandte sich zur Tür. »Willst du schon gehen?« fragte ich.
»Ich bin müde«, murmelte er. »Ich habe gestern – danach nicht viel geschlafen.«
»Ich habe Schlaftabletten hier. Möchtest du eine haben?«
»Nein danke, lieber nicht.« Er öffnete die Tür. »Ich rufe dich morgen vielleicht an. Wir können dann zusammen essen.«
»Bist du sicher, daß es dir …«
»Ja, es geht mir gut.« Er lächelte und ging.
Ich blickte vor mich hin und runzelte die Stirn.
Als ich am Abend Schlafengehen wollte, runzelte ich immer noch die Stirn. Irgend etwas stimmte ganz gewiß nicht an Elliots Geschichte; und das bedeutete, daß irgend etwas mit Elliot nicht stimmen konnte. Ich wünschte, ich wüßte die Antwort.
»Es könnte sein, daß – sie zu dir auch kommt.«
Ich wälzte mich unruhig von einer Seite auf die andere, denn der Mond schien auch heute so hell. Ich schloß die Augen und versuchte nachzudenken.
Meine Schwester Donna war tot und begraben. Ich habe sie zwar nicht sterben sehen, aber ich war der erste, den die Polizei hatte rufen lassen, als sie den Unfall entdeckte. Ich hatte gesehen, wie man sie aus dem zerbeulten Auto herausgezogen hatte. Und sie war tot gewesen. Darüber konnte kein Zweifel bestehen. Ich dachte nicht gerne daran, wie sie damals ausgesehen hatte. Und ich dachte auch nicht gerne daran, wie Joe Elliot damals ausgesehen hatte. Er hatte einen furchtbaren Schock erlitten. Meine Gegenwart war ihm nicht bewußt geworden, die klaffende Wunde auf seiner Stirn war ihm nicht bewußt geworden, und selbst die Tatsache, daß Donna tot war, war nicht in sein Bewußtsein gedrungen. Er redete unaufhörlich auf sie ein, als sie zur Ambulanz geschafft wurde. Er versuchte ihr zu erklären, daß der Unfall passiert wäre, weil der Wagen durch eine Öllache auf der Straße ins Schleudern gekommen war. Aber Donna verstand von alledem nichts, denn sie war bereits tot. Sie war in dem Augenblick gestorben, als ihr Kopf durch die Windschutzscheibe prallte.
Das war nicht nur meine persönliche Meinung gewesen, sondern das hatten auch die medizinischen Untersuchungen ergeben. Der Tod war durch den Unfall eingetreten. Und ganz sicher zweifelten daran weder die Leichenbestatter noch der Priester, der die Rede am Sarg gehalten hatte, noch die Männer, die den Sarg draußen in Forest Hills ins Grab gesenkt hatten. Donna war tot.
Und jetzt, drei Wochen danach, kam Joe Elliot daher und sagte, als wäre es das Selbstverständlichste von der Welt: »Ich habe deine Schwester gesehen – oder zumindest ihren Schatten.« Der nüchterne Nachrichtenredakteur Joe, der für seine zynischen Bemerkungen bekannt war, wollte einen Schatten geküßt haben! Er hatte behauptet, Donna hätte mit ausgestreckten Händen vor ihm gestanden, und er hätte sie erkannt!
Ich hatte es für überflüssig gehalten, ihm zu sagen, daß ich Donnas typische Handbewegung, die er so ausführlich beschrieben hatte, sehr gut kannte. Denn ich habe dieses Hände-Ausstrecken zufällig selbst einmal gesehen. Das war lange, bevor Joe Elliot aufgekreuzt war. Das war noch zu Frankie Hankins Zeiten gewesen. Als Donna mit Frankie verlobt gewesen war, hatte sie denselben Trick angewandt. Ich fragte mich, ob Frankie drüben in Japan wohl schon von ihrem Tod gehört haben mochte. Denn Frankie war zur Armee gegangen, und das hatte die Romanze beendet.
Wenn ich mich recht erinnere, hatte Donna den Trick mit den plötzlich ausgestreckten Armen auch bei Gil Turner benutzt. Das war allerdings nur eine kurze Affäre gewesen. Aber das hätte ihr damals jeder prophezeien können. Turner war eine absolute Niete. Er tingelte eine Zeitlang durch die ganze Stadt und war dann plötzlich wie vom Erdboden verschwunden.
Donna fiel aus allen Wolken und konnte das Ganze überhaupt nicht begreifen. Aber sie beruhigte sich auch rasch wieder, denn dann stellte ich ihr Joe Elliot vor.
Es läßt sich nicht bestreiten, daß es für beide die Liebe auf den ersten Blick war. Sie waren innerhalb eines Monats verlobt und wollten noch im Verlauf dieses Sommers heiraten. Donna zog ihn völlig in ihren Bann.
Ich wußte natürlich, daß meine Schwester eine sehr zielbewußte Frau war (oder anders ausgedrückt, daß sie ihren eigenen Weg ging – aber wehe dem, der ihn durchkreuzte), doch es war wirklich interessant, zu beobachten, wie sie Joe Elliot bearbeitete. Ehe ich und alle seine Freunde es richtig begriffen, war Joe aus seinen saloppen Sport Jacketts heraus und in grauen Tweed gehüllt, statt seiner stinkenden Zigarren wurde ihm eine Bruyerepfeife in die Hand gedrückt, und statt seine übliche Bockwurst in der Stehkneipe zu verschlingen, speiste er jetzt abends bei Kerzenschein in Donnas komfortablem kleinem Apartment.
Man konnte wirklich sagen, daß sie diesen Burschen völlig umgekrempelt hatte. Er rasierte sich jetzt zweimal am Tage und trottete mit seinem Gehalt treu und brav zur Bank statt zu Smitty’s Bierstube.
Das mußte man Donna zugute halten: Sie wußte, was sie wollte; und sie wußte auch, wie sie es erreichte. Vielleicht war sie unbarmherzig – aber es war eine weibliche Unbarmherzigkeit. Sie modelte Joe Elliot um, aber sie brachte es dabei auch fertig, daß ihm das gefiel. Es war ganz offensichtlich, daß er nichts dagegen einzuwenden hatte. Ich gewöhnte mich so rasch und gründlich an den neuen Elliot, daß ich eigentlich an den alten Elliot überhaupt nicht mehr dachte; an den alten Joe, der bei Smitty an der Theke lehnte und steif und fest behauptete, das Mädchen müßte erst geboren werden, das imstande wäre, ihn einzufangen.
Als der Hochzeitstermin näherrückte, verkündete Donna bereits lauthals ihren Plan, ein Haus zu kaufen. »Man kann doch, Gott behüte, nicht eine Familie in einer Wohnung gründen.« Elliot hörte interessiert zu und lächelte sogar.
Wie sagte doch in früheren Zeiten der alte Joe in Smitty’s Biertube mit erhobenem Zeigefinger so schön? »Ich mag zwar ein unterdrückter Lohnsklave sein, aber ihr werdet nie erleben, daß ich ein vertrottelter Haussklave werde. Wenn ich ihn schon sehe: den lieben alten Paps, den guten amerikanischen Daddy, ohne den jede Radio- und Fernsehstation pleite machen würde. Nein, Kameraden, das ist nichts für mich! Ich bin mehr für die alte Volksweisheit: Man sollte sich Kinder ansehen, aber sie sich nicht selber anschaffen!«
Doch damals kannte er Donna noch nicht!
Ich glaube, damals konnte er sich nicht einmal im Traum vorstellen, wie schön es sein könnte, eine Frau ständig um sich zu haben. Eine Frau, die einem die Pfeife anzündet, die einem die Krawatte richtet und die die Pommes frites genau dann fertig hat, wenn auch das Steak durch ist. Damals hatte er noch nicht herausgefunden, was es für einen Mann bedeuten kann, jemanden zu haben, der die Arme wortlos ausstreckt und nur mit den Augen redet.
Und eins war mir in diesem Fall völlig klar: Donna zog keine Show ab. Sie liebte diesen Burschen. In der Nacht, in der sie von einer Party zurückfuhren und Donna sterben mußte, war ihr Herz von Liebe zu ihm erfüllt. Darüber konnte überhaupt kein Zweifel bestehen. Das war wirklich.
Alles war wirklich gewesen – bis zum heutigen Tage. Denn heute war Joe Elliot mit seiner Geschichte von dem Schatten dahergekommen.
Ich richtete meinen Blick auf die schimmernde Zimmerdecke. In dem Halbdunkel, in dem fahlen Mondlicht war ich fast im Begriff, an die Geschichte zu glauben.
Vielleicht sind wir doch nicht ganz so intellektuell, wie wir uns immer einreden. Gespenster sind aus der Mode gekommen, und die Vorstellung, daß die Liebe über das Grab hinausreichen könnte, ist zu einem Ammenmärchen geworden. Aber was würde geschehen, wenn man einen Intellektuellen in das pechschwarze Innere eines Spukhauses führt, sämtliche Türen verriegelt und ihn zwingt, die Nacht dort zu verbringen? Seine Haare mögen am Morgen nicht weiß gefärbt sein; aber die Nacht wird trotzdem nicht spurlos an ihm vorübergegangen sein. Unser Intellekt lehnt übernatürliche Vorgänge ab – aber unser Gefühl ist nicht so ganz sicher. Wir sind hilflos, wenn die Dunkelheit hereinbricht und die Furcht sich einschleicht.
Was soll ich darum herumreden? Es war dunkel, und ich wartete darauf, daß Donna erschiene. Ich wartete und wartete. Ich habe wahrscheinlich so lange gewartet, bis ich darüber eingeschlafen bin. Ich erzählte es Joe Elliot, als ich mit ihm zwei Tage später zum Essen ging. »Sie ist mir nicht erschienen«, stellte ich fest.
Er schielte zu mir herüber. »Natürlich nicht«, murmelte er. »Das konnte sie ja auch nicht, denn sie war bei mir.«
Ich mußte einige Male schlucken, bis ich mühsam »Schon wieder?« hervorbrachte.
Er nickte. »Ja. In der letzten Nacht und in der Nacht davor.«
»Und –? War es genauso wie beim erstenmal?«
»Haargenau.« Er zögerte, aber dann fuhr er fort: »Nur mit dem Unterschied, daß sie dieses Mal länger geblieben ist.«
»Wie lange?«
Er zögerte mit der Antwort so lange, bis das Schweigen im Raum lastete. Dann machte er eine heftige Bewegung, und seine Serviette fiel zu Boden. Beim Bücken flüsterte er kaum vernehmbar: »Die ganze Nacht.«
Ich wagte nicht, die nächste Frage zu stellen. Ich brauchte es auch nicht zu tun. Ein Blick in sein Gesicht sagte mir genug.
»Sie ist leibhaftig«, krächzte Elliot. »Donna, der Schatten, ist leibhaftig. Erinnerst du dich, was ich dir zu Anfang gesagt habe? Der Vergleich mit dem verwässerten Whisky?« Er beugte sich vor. »Dieser Vergleich stimmt nicht mehr. Sie scheint, nachdem sie einmal durchgebrochen ist, stärker geworden zu sein. Hältst du das für möglich? Vielleicht brauchen sie die Praxis, um von Mal zu Mal stärker zu werden.«
Sein Gesicht war dem meinen so nahe, daß ich seinen Atem spüren konnte. Und er hatte nicht getrunken! Jedenfalls nicht mehr, als in der Nacht, in der der Unfall passierte. Ich hatte das damals bezeugen müssen, und meine Aussage hatte eine Verhandlung im Keime erstickt.
O nein, Elliot war nicht betrunken! Ich wäre heilfroh gewesen, wenn er es wäre. Dann hätte ich ihm das nicht sagen müssen, was ich jetzt zu sagen hatte. Aber so blieb mir keine Wahl.
»Meinst du nicht, es wäre ganz gut, wenn du wieder einmal zu Dr. Foster gehen würdest?« fragte ich widerstrebend.
Joe Elliot legte die Hände flach auf den Tisch und spreizte die Finger. Er versuchte zu grinsen. »Ich wußte, daß du das vorschlagen würdest. Darum habe ich Dr. Foster heute früh schon angerufen und mich angemeldet.«
Ich brachte es fertig, nicht erleichtert aufzuseufzen. Aber ich war erleichtert! Sekundenlang hatte ich befürchtet, mit meiner Frage eine heftige Diskussion heraufzubeschwören. Nicht, daß ich etwas gegen Diskussionen hätte – ganz im Gegenteil –, aber bei dieser Unterhaltung hätte sich etwas Grundsätzliches über Elliot herausstellen können, etwas, das ich im Grunde meines Herzens nicht wahrhaben wollte. Deshalb war ich über seine Antwort so froh. Sie bewies, daß er noch nicht völlig den Boden unter den Füßen verloren hatte.
»Du brauchst dir keine Gedanken zu machen«, versicherte er mir. »Ich kann dir jetzt schon sagen, was mir Dr. Foster empfehlen wird: Beruhigungstabletten, Schlaftabletten, Ruhe, Entspannung und Erholung und – wenn das alles nicht helfen sollte – einen Psychiater. Ich werde jede seiner Anweisungen befolgen.«
»Versprichst du mir das?«
»Aber sicher.« Sein Grinsen mißglückte auch diesmal. Sein Gesicht verzog sich lediglich zu einer hilflosen Grimasse, als er fragte: »Möchtest du etwas Lustiges hören? Dann hör zu: Ich fange langsam an, mich vor deiner Schwester zu fürchten – auch wenn sie nur ein Schatten ist.«
Was sollte ich dazu sagen? Mein Gesicht war ausdruckslos, als wir uns vor dem Restaurant schweigend trennten.
Ich ging in die Redaktion zurück. Und er machte sich auf den Weg zu Dr. Foster.
Es vergingen einige Tage, ehe ich etwas von dem Ergebnis dieses Besuches erfahren konnte. Denn als ich in die Redaktion zurückkehrte, erwartete mich eine Überraschung. Ich bekam einen eiligen Reportageauftrag und mußte zu diesem Zweck für einige Tage nach Indochina fliegen.
Die Vorbereitungen für diese Reise nahmen meine Zeit so sehr in Anspruch, daß ich einfach nicht dazu kam, Joe Elliot anzurufen. Da ich dauernd unterwegs war, gelang es auch ihm nicht, mich zu erreichen.
Er erwischte mich schließlich auf dem Flughafen, wo ich schon mit einem Bein in der Maschine nach Indochina war.
»Es ist ein Jammer, daß wir wie die beiden lieben Königskinder nicht zueinanderkommen konnten«, sagte er. »Also: bon voyage und so weiter, und so weiter …«
»Du machst einen recht fröhlichen Eindruck.«
»Warum auch nicht?«
»Haben das Dr. Fosters Beruhigungstabletten bewirkt?«
Sein Gesicht verzog sich zu einem breiten Grinsen. »Eigentlich weniger. Nachdem ich ihm die Geschichte erzählt hatte, hat er sich sein Sprüchlein mit Tabletten, Ruhe, Erholung und Entspannung gleich gespart und mich sofort zu – na, du weißt schon, zu wem – geschickt. Er heißt Patridge. Hast du schon von ihm gehört?«
Das hatte ich. »Der ist in Ordnung«, nickte ich.
»Er soll so etwas wie eine Kapazität auf seinem Gebiet sein«, sagte Joe und verfiel in kurzes Schweigen. Dann murmelte er: »Nun ja – ich will dich nicht aufhalten –«
»Fühlst du dich wirklich gut?« fragte ich eindringlich.
»Aber sicher! Mir geht es großartig! Ich war auch schon bei dem Wunderdoktor. Einiges, was er von sich gibt, ist sehr einleuchtend. Ich glaube, daß mein Geist doch wohl etwas verwirrter ist, als ich annahm. Wie dem auch sei: Ich werde ab sofort zweimal wöchentlich zu ihm hinmarschieren. Der Himmel mag wissen, für wie lange! Gott sei Dank macht er das Ganze nicht so spannend, wie ich befürchtet hatte. Keine Spur von diesem berühmten Auf-der-Couch-liegen-und-entspannen. Er erzielt wirklich Erfolge.« Er zögerte kurz, ehe er fortfuhr. »Ich meine, ich war doch erst zweimal bei ihm – und sie ist schon verschwunden. Ist das nichts?«
»Der Schatten ist verschwunden?«
»Der Schuldkomplex ist verschwunden.« Er lächelte. »Du siehst, daß ich mich schon mit dem Psychiater-Kauderwelsch auskenne. Wenn du zurückkommst, habe ich mich in einen perfekten Psychiater verwandelt. Vielleicht sollte ich den Beruf wechseln. Nun ja. Mach’s gut, alter Knabe, und laß bald von dir hören.«
»Das werde ich«, murmelte ich. Mir blieb keine Zeit, mehr zu sagen, denn der Abflug meiner Maschine wurde bekanntgegeben.
In San Francisco mußte ich in die Maschine nach Manila umsteigen. Von Manila flog ich nach Singapur und von dort aus direkt in die Hölle.
Es war so heiß und prasselnd, wie es nur im Herzen der Hölle sein kann. Es gelang mir zwar, einige Meldungen an meinen Chefredakteur durchzugeben, aber ich hatte keine Möglichkeit, mich mit Joe Elliot in Verbindung zu setzen.
Sie wissen, was damals in Indochina los war. Und als auf Formosa eine Zweigstelle der Hölle eröffnet wurde, dirigierte mich mein Chefredakteur dorthin. Ich blieb so lange auf Formosa, bis die Glut der Hölle selbst für einen hartgesottenen, vagabundierenden Reporter zu heiß wurde. Dann flog ich erst nach Manila und landete schließlich in Japan. Ich habe nicht die Absicht, über diese Zeit zu berichten, ich wollte Ihnen nur erklären, wie es kam, daß ich ganze acht Monate unterwegs war.
Als ich wieder in der Redaktion erschien, bekam ich Urlaub. Außerdem erhielt ich eine Information. Es handelte sich um keine welterschütternde Information, aber sie bewirkte doch, daß ich bei der ersten günstigen Gelegenheit zu Elliots Apartment raste.
Ich verschwendete keine Zeit mit dem üblichen »Guten Tag« und »Wie geht’s?«, sondern fiel gleich mit der Tür ins Haus. »Was hat das Gerede zu bedeuten, daß du aus der Redaktion ausscheiden willst?«
Er zuckte die Achseln. »Ich will es gar nicht. Aber man hat mich auf Eis gelegt.«
»Wie ist das denn möglich?«
Er stierte vor sich hin und sagte kein Wort.
Ich kam erst jetzt dazu, ihn genauer zu betrachten. Er war wieder zum Sport Jackett zurückgekehrt. Dagegen wäre nichts zu sagen gewesen, aber das Sportjackett war schmutzig. Er hielt es offenbar nicht für nötig, sich täglich zu rasieren, geschweige denn zweimal am Tag. Er war abgemagert und hatte nervöse Zuckungen.
»Was ist denn um Gottes willen mit dir passiert?«
»Nichts. Gar nichts.«
»Rede keinen Unsinn! Was hat denn Patridge gesagt?«
Er grinste. Wenn ich sage, daß das Grinsen verzerrt war, dann ist das sehr milde ausgedrückt. Wenn man mit der Hand über sein Gesicht gefahren wäre, hätte man sich die Haut aufgerissen.
»Patridge«, wiederholte er murmelnd. Nach einer kurzen Pause fuhr er fort: »Setz dich und trink einen.«
»Gut, gut – aber nur, wenn du weiterredest. Ich habe dich etwas gefragt: Was hat Patridge gesagt?«
Er schenkte mir ein. Da ich Gast war, bekam ich ein Glas. Er selbst nahm die Flasche an den Mund. Nachdem er einen kräftigen Zug getan hatte, setzte er die Flasche hart auf den Tisch. »Patridge kann nichts mehr sagen«, murmelte er mit leerem Blick. »Denn Patridge ist tot.«
»Nein!«
»Doch.«
»Wann ist denn das passiert?«
»Vor einem Monat etwa.«
»Und warum bist du nicht zu einem anderen Irrenarzt – ehm – ich meine Psychiater gegangen?«
»Damit der meinetwegen auch noch aus dem Fenster springt, wie?«
»Was soll das heißen?«
Joe griff wieder nach der Flasche. »Das möchte ich auch wissen.« Er trank gierig. »Ich persönlich glaube auch gar nicht, daß er gesprungen ist. Vielleicht wurde er hinausgestoßen.« Er nahm wieder einen kräftigen Zug und rülpste vernehmlich.
»Willst du mir vielleicht erzählen … ?«
»Ich will dir gar nichts erzählen«, stieß er heftig hervor. »Ich sage dir nur das, was ich auch Dr. Foster und den Burschen in der Redaktion gesagt habe. So eine Geschichte kann man keinem Menschen erzählen. Man muß sie für sich selber behalten. Man kann sie höchstens der Flasche anvertrauen.« Er trank.
»Aber du hast doch gesagt – ich meine, ich hatte den Eindruck, daß alles wieder in Ordnung kommen würde.«
»Das stimmt auch. Es ließ sich so gut an – bis zu einem bestimmten Punkt.«
»Welchem Punkt?«
»Als ich den Grund herausfand, warum sie nicht mehr bei mir erschien.« Er starrte aus dem Fenster und schien Millionen Meilen von mir entfernt zu sein. Nur seine Stimme war noch da. Ich konnte deutlich verstehen, was er sagte. Viel zu deutlich.
»Sie kam nicht mehr zu mir, weil sie zu ihm ging. Nacht für Nacht. Sie ging aber zu ihm nicht wie zu mir, mit ausgestreckten Armen. Nicht aus Liebe. Sondern voller Haß. Denn sie wußte, daß er versuchen wollte, sie zu verjagen. Wie soll ich mich ausdrücken? Das, was er mit mir anstellte, glich einer Geisterbeschwörung. Du weißt, was eine Geisterbeschwörung ist, nicht wahr? Vertreibung der Dämonen, Geister und Hexen.«
»Joe, du mußt mit diesem Unsinn aufhören. Reiß dich zusammen!« Er lachte. Während er sprach, griff er wieder zur Flasche. »Ich soll damit aufhören! Ich! Dabei habe ich nicht einmal damit angefangen! Patridge hat es mir berichtet. Als er einem Zusammenbruch nahe war, mußte er es mir einfach sagen. Ich sollte ihm helfen. Ist das nicht lustig? Aber ich konnte ihm nicht helfen. Ich war von meinen Wahnvorstellungen befreit. Das einzige, was ich konnte, war, genauso weise Sprüche von mir zu geben, wie du es jetzt tust.
Ich ging nach Hause und las am nächsten Morgen in der Zeitung, daß er aus dem Fenster gesprungen wäre. Das glaube ich nie und nimmer! Sie muß ihn hinausgestoßen haben. Er hatte Angst vor ihr, und Donna wurde immer stärker – genau, wie ich es vorausgeahnt habe. Sein Körper wurde durch den Sturz zerschmettert und lag über den ganzen Bürgersteig verteilt –«
Jetzt war ich es, der nach der Flasche griff. »Und nur weil ein Psychiater durchgedreht ist und Selbstmord begangen hat, hörst du mit der Arbeit auf und fängst an zu saufen«, brüllte ich. »Weil irgendein armer, überarbeiteter Bursche übergeschnappt ist und vor die Hunde gegangen ist, mußt du dasselbe tun. Ich hätte dich für intelligenter gehalten!«
»Ich mich auch.« Joe nahm mir die Flasche aus der Hand. »Du hast gehört, was ich dir gesagt habe. Ich dachte, ich hätte alles überstanden. Selbst als er starb, habe ich mir noch keine Gedanken darüber gemacht. Das änderte sich erst, als Donna wieder bei mir erschien.«
Ich beobachtete ihn, während er trank, und wartete.
»Jawohl! Sie ist natürlich wieder zu mir gekommen! Und seitdem kommt sie Nacht für Nacht! Ich kann machen, was ich will: Ich werde sie nicht los. Aber was soll ich reden, du glaubst mir ja doch nicht …«
»Weißt du, Joe –«, begann ich hilflos.
Vielleicht merkte er gar nicht, daß ich nicht wußte, was ich sagen sollte. Als er jetzt weitersprach, bemühte er sich, seiner Stimme einen ironischen Unterton zu geben. »Sie flüstert mir auch sehr beruhigende Dinge zu. Ich glaube, ich habe dir noch nicht erzählt, daß sie jetzt spricht, nicht wahr? Aber seit einiger Zeit tut sie das. Sie sagt, daß sie glücklich sei und daß es nicht mehr lange dauern würde, bis sie alles hätte, was sie wollte …«
Seine Stimme brach ab. Ich konnte gerade noch rechtzeitig aufspringen, um ihn aufzufangen. Sein Körper hing kalt und schlaff in meinen Armen. Er war leicht. Viel zu leicht. Joe Elliot mußte unheimlich viel Gewicht verloren haben. Aber das war wohl nicht das einzige, was er verloren hatte.
Wahrscheinlich hätte ich ihn wieder zu sich bringen können, aber ich unterließ es und glaube, daß ich ihm damit einen weit größeren Gefallen tat. Ich trug ihn zum Bett und half ihm aus den Kleidern. Als ich ihm den Schlafanzug überstreifte, hatte ich nicht das Gefühl, einen Mann, sondern eine Kleiderpuppe anzuziehen. Nachdem ich ihn zugedeckt hatte, ließ ich ihn allein. Er würde jetzt tief und fest schlafen. Kein Schatten würde seinen Schlaf stören.
Während Joe schlief, versuchte ich, dem Geheimnis auf die Spur zu kommen. Weil Donna meine Schwester war, die ich geliebt hatte, und weil Joe Elliot mein bester Freund war, mußte ich einfach die Lösung finden.
Wenn Patridge nur noch am Leben wäre! Wenn ich mit ihm reden könnte! Dann wüßte ich, was er von den Wahnvorstellungen meines Freundes gehalten hatte. Nach acht Monaten müßte sich ein Psychiater wie Patridge ein genaues Bild gemacht haben … Der nächste Gedanke traf mich wie ein Peitschenhieb. Ich duckte mich. »Nein«, murmelte ich dann bestürzt vor mich hin, »nein, das kann nicht sein.«
Obwohl ich mir dieses ›Nein‹ immer wieder sagte, rief ich eine Taxe, ließ mich in die Redaktion fahren und holte mir das ganze Material über Patridges Selbstmord aus dem Archiv.
Nachdem ich alles gelesen hatte, fuhr ich zur Polizei, um mir dort den Bericht über die Leichenschau zeigen zu lassen.
Ich stellte keine besonderen Fragen, und ich verfiel in keine ausgesprochene Detektiv-Tätigkeit. Das liegt mir nicht. Aber nach Durchsicht der gesamten Unterlagen kam ich zu derselben Ansicht wie Joe Elliot: Patridge war nicht aus dem Fenster gesprungen, sondern er war hinausgestoßen worden!
Ich weiß nicht, wieso ich zu dieser Überzeugung kam, denn es gab nicht den geringsten greifbaren Beweis dafür; die Berichte wiesen keine Lücke, keinen Widerspruch auf. Ich las alles wieder und wieder durch. In stundenlanger Kleinarbeit setzte ich ein Mosaik zusammen. Als das Bild endlich fertig war, brach eine Welt für mich zusammen.
Ich weiß nicht, wie lange ich ziellos durch die Straßen gegangen war, bis ich schließlich in Smitty’s Bierstube landete. Dort schüttete ich einige harte Drinks in mich hinein. Ich redete mit keinem Menschen. Ich hätte auch nicht gewußt, mit wem ich jetzt reden sollte – auf alle Fälle ganz gewiß nicht mit der Polizei oder dem Staatsanwalt. Sie hätten mir auch nicht helfen können, denn ich hatte keine Beweise. Darüber hinaus mußte ich Joe Elliot eine Chance lassen.
Denn es existierte immer noch ein schattenhafter Zweifel, ein Schatten namens Donna, der wieder erscheinen könnte. Vielleicht würde Donna schon heute nacht kommen, aber so lange konnte ich nicht warten.
Es war schon reichlich spät, als ich mich wieder auf den Weg zu Elliots Wohnung machte. Ich wünschte fast, ich würde ihn noch schlafend vorfinden. Aber dann richtete ich mich entschlossen auf: Ich wußte, daß ich noch heute mit Joe sprechen mußte.
Meine Schritte wurden immer langsamer, je weiter ich die Treppen hochstieg. Eine Stimme in mir sagte ›Laß ihn schlafen‹ und eine andere forderte ›Klingele‹. Ich wurde von diesem Laß ihn schlafen Klingele Laß ihn schlafen Klingele hin und her gerissen. Es zerrte an meinen Nerven.
Aber die Entscheidung wurde mir abgenommen. Als ich vor der Wohnungstür stand, öffnete sie sich, und Joe Elliot stand mir gegenüber.
Er war also wieder aufgewacht. Ich wußte nicht, ob er schon wieder zur Flasche gegriffen hatte oder nicht. Seinem Aussehen nach hätte man annehmen können, er hätte Strychnin geschluckt, und seine Stimme glich einem Reibeisen.
»Komm rein«, krächzte er. »Ich wollte gerade fortgehen.«
»Im Schlafanzug?«
»Ich habe einen Auftrag …«
»Das hat Zeit«, sagte ich.
»Ja, natürlich«, murmelte er und führte mich ins Wohnzimmer. »Setz dich, ich freue mich, daß du da bist.«
Ich setzte mich. Aber meine Hände umklammerten die Armlehnen, damit ich im Notfall rasch aufspringen könnte. Ich wartete mit dem, was ich zu sagen hatte, bis er ebenfalls Platz genommen hatte.
»Vielleicht freust du dich nicht mehr so, wenn ich dir sage, weshalb ich hergekommen bin.«
»Schieß los, egal, was es ist.«
»Das ist gar nicht egal, Joe. Ich möchte, daß du mir genau zuhörst. Es ist wichtig.«
»Nichts ist wichtig.«
»Das wird sich herausstellen. Ich habe mich heute nachmittag, nachdem ich von dir weggegangen bin, ein wenig mit dem Fall befaßt. Unter anderem habe ich den Bericht von der Leichenschau gelesen. Nach alledem muß ich mich deiner Meinung anschließen: Patridge ist aus dem Fenster gestoßen worden.«
Er horchte auf. Der apathische Ausdruck in seinem Gesicht wich einer Spur von Interesse. »Dann hatte ich also recht, nicht wahr?« begann er. »Sie hat ihn aus dem Fenster gestoßen. Welchen Beweis hast du –«
Ich schüttelte den Kopf. »Ich habe gar keinen Beweis gefunden. Ich wollte mich lediglich über den bisher bekannten Tatbestand ausführlich informieren und sehen, ob er mit meiner eigenen Theorie über den Fall übereinstimmt. Und er stimmt überein.« Ich sprach sehr langsam und bedächtig. »Einen bestimmten Teil des Berichtes habe ich besonders aufmerksam gelesen, Joe. Und zwar deine eigene Aussage über den Besuch bei Dr. Patridge an dem Tag, als er aus dem Fenster stürzte. Diese ganze Geschichte, daß du nicht den Fahrstuhl benutzt hast, weil er gerade besetzt war, du es aber eilig gehabt hast, wieder in die Redaktion zu kommen. Und weiter, daß du dann doch nicht in die Redaktion gefahren bist, weil dir eingefallen ist, daß du deinen Hut bei Patridge vergessen hast; und daß du wieder die Treppe benutzt hast, um deinen Hut zu holen. Und wie du gerade in dem Augenblick in das Sprechzimmer gekommen bist, als sie aus dem Fenster, aus dem Patridge gesprungen war, hinausschauten.
Ich habe alles ganz genau gelesen, Joe. Auch deine Schilderung von deinem letzten Besuch bei Patridge. Du hast ausgesagt, daß Patridge an diesem Nachmittag einen sehr erregten Eindruck gemacht hätte. Alles schön und gut, Joe. Aber – ich war kein gewöhnlicher Leser.«
Er war jetzt mehr als interessiert; er war wachsam.
»Sie haben dir ganz schön zugesetzt, nicht wahr, Joe? Sie wollten dir deine kleine Geschichte nicht abkaufen, wie? Aber sie konnten dir nichts anhaben, denn sie hatten keine Beweise, im Gegenteil, deine Aussage sprach eher für einen Selbstmord Patridges. Denn du hast erklärt, daß Patridge an diesem Nachmittag kribbelig und nervös war und immerfort aus dem Fenster blickte, und du hast ausführlich beschrieben, wie unausgeglichen er während der letzten Wochen gewesen war.
Die Polizei mag sich mit dieser Aussage zufriedengegeben haben – aber ich nicht! Die Geschichte hat einen Haken und ist irgendwie unvollkommen, denn du hast der Polizei gegenüber mit keiner Silbe den Schatten erwähnt. Du hast etwas völlig anderes gesagt.«
Er schlug mit der geballten Faust auf den Tisch. »Menschenskind – natürlich habe ich denen etwas anderes gesagt. Ich konnte schlecht das erzählen, was ich dir gesagt habe. Sie hätten mich für verrückt gehalten.«
»Aber du warst verrückt, Joe. Sonst hättest du mir nicht eine Geschichte aufgetischt, deren wahren Sinn ich früher oder später herausfinden mußte. Ich weiß jetzt, daß Patridge nicht freiwillig aus dem Fenster gesprungen ist, sondern hinausgestoßen worden ist! Ich weiß auch von wem – von dir!«
Aus Joe Elliots Mund kam ein Röcheln. Es klang wie: »Warum?«
»Ich wünschte, ich wüßte das. Aber ich weiß es nicht. Ich kann es nur vermuten. Ich glaube, daß an deiner Geschichte, daß sich Patridge vor einem Schatten gefürchtet hat, kein Wort wahr ist. Ich glaube eher, daß du derjenige warst, der Angst gehabt hat, weil Patridge von Sitzung zu Sitzung einem Geheimnis näherkam, das du nicht preisgeben wolltest. Du wolltest etwas verbergen, aber es gelang dir nicht. Es mußte etwas sein, was Patridge als professioneller Analytiker sowieso herausgefunden hätte. Ich nehme an, daß er es an jenem Nachmittag herausgefunden hatte oder zumindest kurz davorstand. Als dir das zum Bewußtsein kam, packte dich eine panische Angst. Es gab nur eine Möglichkeit: Du mußtest ihn mundtot machen.«
»Kluges Kind. Sprich dich nur aus«, krächzte Elliot.
»Das werde ich auch tun, Joe. Ich weiß, daß du nicht verrückt bist, und ich bin sicher, daß du es niemals warst. Du hast die ganze Zeit über Theater gespielt. Aber du bist auch nicht der Mensch, der ohne weiteres einen anderen umbringt. Wenn du so etwas getan hast, dann mußt du schwerwiegende Gründe dafür gehabt haben. Patridge mußte etwas über dich herausgefunden haben, das unter gar keinen Umständen bekannt werden durfte; etwas, dessen Geheimhaltung für dich lebenswichtig ist.«
»Das wäre zum Beispiel?«
»Zum Beispiel die Tatsache, daß du meine Schwester getötet hast!« Die Worte hingen im Raum und hallten von den Wänden wider. Sie trafen sein Gesicht und verzerrten es zu einem krampfhaften Grinsen.
»Na schön«, brachte er mühsam hervor, »dann weißt du es eben.« Ich atmete schwer. »Also stimmt es …«
»Natürlich stimmt es!« stieß er heftig hervor. »Aber was du nicht wissen kannst, ist das Warum. Du weißt nichts – und du bist ihr eigener Bruder. Wie kann ich da erwarten, daß mich irgendein Fremder, der es nie miterlebt hat, versteht? Ich meine, wie Donna wirklich war … die Art, wie sie versuchte, ihre Krallen um mich zu klammern, mich hinabzog, wie sie versuchte, von mir mit Haut und Haaren Besitz zu ergreifen, ohne mich einen Augenblick zur Besinnung kommen zu lassen …
Natürlich habe ich sie geliebt. Sie wußte, wie sie einen Mann dazu bringt, sie zu lieben. Sie verstand es meisterhaft, das Feuer zu schüren. Jeder Mann, dem sie ihre Gunst schenkte, mußte nach ihr verrückt sein. Ihr beliebtes Armeausstrecken war nur der Anfang. Aber sie begnügte sich nicht damit, mich in dieser Hinsicht zu besitzen. Sie wollte alles haben. Sie forderte jede Minute, jeden Augenblick, jeden Gedanken. Sie begann mich zu bearbeiten und versuchte, mir all die Dinge aufzuzwingen, die ich immer gehaßt habe. Ich wußte genau, was mir bevorstand: das Leben eines Sklaven. Ein Sklave für ihr Haus und ihre Kinder und ihre Zukunft.«
Als er erschöpft innehielt, fragte ich: »Warum hast du nicht mit ihr Schluß gemacht? Warum hast du die Verlobung nicht aufgehoben?«
Er stöhnte. »Ich habe es versucht. Glaubst du wirklich, daß ich es nicht versucht hätte? Aber da kennst du Donna schlecht. Sie dachte gar nicht daran, mich freizugeben. Sie war schon zu Lebzeiten eine Dämonin, eine Hexe mit geheimnisvollen Zauberkräften. Ihre Krallen hielten mich fest.
Ich konnte ihr nicht entrinnen. Ich kann mir nicht helfen, aber irgend etwas ging von ihr aus, irgendeine geheimnisvolle Macht, der ich mich nicht entziehen konnte. Denn wenn sie in meinen Armen lag, konnte ich nicht von ihr loskommen, weil ich es dann auch nicht mehr wollte.
Aber sobald ich wieder alleine war, hatte ich nur den einen Wunsch, mich so schnell wie möglich von ihr zu trennen. Du kannst es nicht wissen, aber am Tag, als die Party stattfand, wollte ich die Stadt auf Nimmerwiedersehn verlassen. Doch Donna ertappte mich. Das wäre Anlaß für eine Szene gewesen. Doch Donna machte niemals Szenen. Sie überschüttete mich mit Liebe. Drücke ich mich klar genug aus?«
Ich nickte.
»Danach wurde mir übel. Nicht körperlich übel – das wäre nicht so schlimm gewesen. Es war ein Gedanke, der meine Übelkeit erregte; die Gewißheit, daß es für alle Zeiten so bleiben würde: Ich würde versuchen, von ihr loszukommen, und sie würde mich fest umklammern. Ich würde bis an das Ende meiner Tage den Zauberkräften einer Hexe unterliegen – es sei denn, es gelänge mir, sie loszuwerden.«
Er schwieg und vergrub sein Gesicht in den Händen. Nach einer Weile richtete er sich entschlossen auf und fuhr hastig fort: »Es war dann alles sehr einfach. Ich wußte genau, hinter welcher Kurve der Straße die Schlucht lag. Der Schraubenschlüssel war im Handschuhfach. Wir sind sehr spät von dir weggefahren. Die Straße war wie ausgestorben. Als wir zu der Schlucht kamen, schlug ich Donna vor, ein wenig zu parken und den Mond anzuschauen. Ich wußte, daß Donna einem solchen Vorschlag begeistert zustimmen würde. Dann – dann – habe ich sie erschlagen.«
Er holte tief Luft, ehe er fortfuhr. »Danach habe ich die Bremsen gelockert, bin ausgestiegen und habe den Wagen auf den Abgrund zurollen lassen … Dann bin ich hinuntergeklettert und habe die angeschlagene Windschutzscheibe völlig zertrümmert. Als das alles getan war, kroch ich in den Wagen und schnitt mir mit einer der Scherben die Stirn auf. Ich brauchte später keinen Schock vorzutäuschen. Doch mein Schock hatte mehr Ähnlichkeit mit einem erleichterten Aufatmen, denn der Polizeiarzt stellte fest, daß sie wirklich tot war.«
Ich schaute lange auf meine Hände, die in meinem Schoß lagen, ehe ich langsam den Blick hob. »Und Patridge war im Begriff, all das herauszufinden, nicht wahr?« fragte ich. »Er hat dir sicher auf den Kopf zugesagt, daß dein ganzes Gerede von dem Schatten nichts weiter als ein Hirngespinst sei, das aus deinem Schuldkomplex heraus entstanden ist. Dein Schuldgefühl mir gegenüber war am größten. Deshalb war ich auch der erste, dem du das Märchen aufgetischt hast. Aber nach und nach wurde das Märchen bei dir zur fixen Idee, zur echten Wahnvorstellung, und du bist zu Patridge gegangen. Aber er konnte dich von dem Alptraum nicht befreien, weil du ihm nicht sagen wolltest, aus welchem Grund dieser Wahn entstanden war. Aber Patridges beruflicher Ehrgeiz war geweckt. Er wollte den Dingen auf den Grund gehen. Er kam der Lösung so nahe, daß es gefährlich wurde. Für dich – und für ihn. Und als dir das deutlich zum Bewußtsein kam, hast du ihn umgebracht.«
»Nein.«
»Warum streitest du das ab? Du hast mir gegenüber schon einen Mord zugegeben. Also –«
»Es war kein Mord, Donna zu töten«, sagte er. »Das war bare Selbstverteidigung. Das ist vorbei. Aber mit Patridges Tod habe ich nichts zu tun. Ich nicht. Es ist mir gleichgültig, was du denkst: Aber sie hat es getan!
Ich habe dir erzählt, daß sie ihn Nacht für Nacht aufgesucht hat. Sie hat ihn gequält und an den Rand eines Nervenzusammenbruchs gebracht. Sie wollte ihn dazu bringen, daß er freiwillig aus dem Fenster springt.
Als es mir Patridge an jenem Nachmittag berichtete, war ich mit meinen Nerven am Ende. Ich war bereit, ihm alles zu erklären. Ich wollte ihm die Wahrheit über den Schatten und über mich sagen.
Ich weiß noch genau, wie sich Patridge über mich beugte und mich nach Einzelheiten über den Unfall befragte. Aber ehe ich sprechen konnte, ehe ich das sagen konnte, was ich endlich loswerden mußte, nahm sein Gesicht einen verwunderten Ausdruck an, und er richtete sich auf. Meine Augen folgten seiner Blickrichtung, und ich sah, daß sie da war. Donna, der Schatten! Aber es war kein Schatten an der Wand. Der Schatten befand sich mitten im Raum. Er bewegte sich auf Patridge zu und umklammerte seinen Arm. Patridge wollte schreien, aber etwas verschwommen Dunkles – ihre Hand – legte sich auf seine Lippen. Seine Füße schlurften über den Teppich, als sie ihn zum Fenster zerrte. Er machte einen verzweifelten Versuch, sich am Fensterrahmen festzuhalten, doch der Schatten war stärker. Und der Schatten lachte. Der Schatten lachte.
Das Lachen war so laut, daß es die entsetzten Schreie des Mannes, der tiefer und tiefer stürzte, übertönte …«
Joe holte tief Luft, ehe er fortfuhr: »Es ist schade, daß du nicht etwas früher gekommen bist. Dann hättest du sie sehen können und würdest mir glauben. Sie kam kurz vor dir und hat mich aufgeweckt. Sie sagte, daß sie eine Überraschung für mich hätte und ich sollte zum – dahin gehen. Sie wollte mir etwas zeigen. Ich konnte mir zuerst überhaupt nicht vorstellen, was sie meinen könnte. Aber jetzt weiß ich es. Weißt du, ich habe angefangen, nachzurechnen, und – aber was rede ich da! Das kannst du nicht verstehen. Du würdest mich auslachen. Selbst wenn ich dich mitnähme, würdest du nur lachen …«
»Wie du siehst, Joe, lache ich nicht«, sagte ich mit einer Stimme, die nicht meine eigene zu sein schien.
»Da tust du auch gut daran«, murmelte Joe. »Du würdest sonst ihr Mißfallen erregen. Und sie würde es nicht dulden, wenn ihr irgend jemand im Wege steht. Sie ist jetzt so stark … stärker als irgend jemand … Ich werde das tun, was sie fordert. Denn jetzt, wo sie einen echten Anspruch auf mich hat, kann sie nichts aufhalten.«
Ich sprang auf. »Natürlich kann sie etwas aufhalten! Und du weißt auch genau, was.«
»Willst du damit sagen, daß du inzwischen an Geisterbeschwörung glaubst?«
»Joe«, sagte ich eindringlich, »du bist schon auf dem besten Wege, von ihr befreit zu werden. Dadurch, daß du es mir gestanden hast, hat sie bereits einen Teil ihrer Macht über dich verloren. Wahrscheinlich hättest du sie für immer verbannt, wenn du Patridge die Wahrheit gesagt hättest, denn Patridge stellte für dich eine Autorität dar. Das ist die Lösung für dich. Du mußt es einer maßgebenden Behörde berichten. In dem Augenblick, in dem das geschehen ist, werden deine Schuld-komplexe und somit der Schatten verschwunden sein. Es wird dir wieder einfallen, was wirklich mit Patridge passiert ist. Und sobald du ihnen alles gesagt hast und sie sich ein genaues Bild von der Situation machen können, stellst du einen Antrag auf Gewährung mildernder Umstände. Ich werde alles tun, was in meiner Macht steht, um dir zu helfen. Es gibt in der Stadt einen Anwalt, der …«
Jetzt sprang Elliot ebenfalls auf. »Ich verstehe!« schnaubte er. »Du willst dich um mich kümmern, weil ich unzurechnungsfähig bin! Und du willst, daß alle anderen das gleiche denken! Vielleicht willst du mir aber nur helfen, weil du Angst hast, sie könnte eines Tages hinter dir her sein. Keine Bange! Sie wird dir nichts tun – es sei denn, du stellst dich ihr in den Weg. Ich bin derjenige, den sie haben will, und ich werde zu ihr gehen. Ich möchte sehen –«
»Hör mir zu, Joe«, begann ich, aber er hörte mir nicht zu.
Er fuhr plötzlich mit einer raschen Handbewegung über den Tisch und langte nach der halbleeren Flasche. Er hob sie hoch und zerschmetterte sie auf der Tischplatte. Dann trat er rasch einen Schritt vorwärts und schwang die glitzernde Waffe.
Das Ganze ging so schnell vor sich, daß ich nicht in der Lage war, mich zu rühren oder etwas zu sagen.
Joe Elliot stand mitten im Zimmer und fuchtelte wild mit dem zerbrochenen Flaschenhals.
»Ich muß dich leider auffordern, zu gehen«, sagte er. »Und ich würde dir raten, sofort zu verschwinden – bevor es für dich zu spät ist.«
Er trat einen Schritt auf mich zu. Als ich jetzt wieder das verzerrte Grinsen auf seinem Gesicht bemerkte, wich ich zwei Schritte zurück.
»Ich bin derjenige, den sie haben will«, krächzte er. »Und sie wird mich bekommen! Du kannst mich nicht zurückhalten. Es hätte keinen Sinn, zur Polizei zu gehen, denn die könnten mich auch nicht zurückhalten. Sie würde es nicht zulassen.«
Obwohl ich einen Wahnsinnigen vor mir hatte, dessen Hand eine zerbrochene Flasche umklammerte, hätte ich mich jetzt, in diesem Augenblick, auf ihn stürzen sollen. Ich frage mich oft, was geschehen wäre, wenn ich es getan hätte.
Aber ich tat es nicht.
Ich drehte mich um und fing an zu rennen. Ich hastete aus der Wohnung, stolperte die Treppen hinunter, raste durch die Halle und stürzte auf die Straße. Dabei redete ich mir ununterbrochen ein, daß ich keine Angst hätte, sondern lediglich schnell Hilfe herbeischaffen wollte. Dieser Fall war jetzt Sache der Polizei.
Zwei Straßenecken weiter entdeckte ich eine Telefonzelle.
Ich schätze, es mochten nicht mehr als fünf Minuten vergangen sein, bis ich mich wieder vor Joe Elliots Haus befand und sah, wie ein Streifenwagen der Polizei vorfuhr. Aber sie kamen zu spät.
Joe Elliot war verschwunden.
Sie fuhren unverrichteterdinge wieder ab und begannen mit der Suche. Außerdem gaben sie eine entsprechende Meldung an einige andere Streifenwagen durch. Man sollte meinen, daß sich ein Mann, der nur mit einem Pyjama bekleidet war, in den ausgestorbenen Straßen sehr schnell finden lassen sollte.
Aber er war wie vom Erdboden verschluckt.
Nach einer Weile hielt ich es nicht länger aus und sagte ihnen, welchen Weg er meiner Meinung nach eingeschlagen haben müßte. Der Fahrer warf mir einen eigentümlichen Blick zu, aber er sagte nichts. Wir fuhren schweigend nach Forest Hills.
Es war unmöglich, daß Joe Elliot in der kurzen Zeit diese Strecke zu Fuß zurückgelegt hatte. Er mußte ein Auto gestohlen haben – obwohl der Polizei später nie der Verlust eines Wagens gemeldet wurde.
Joe war natürlich auf dem Friedhof. Wir fanden ihn auf dem Grab. Er hatte mit seinen Händen den dichten Rasen zerwühlt und ein fünfundzwanzig Zentimeter tiefes Loch in die steinharte Erde gegraben, als ihn offensichtlich der Schlag getroffen hatte. So mußte es wohl gewesen sein, obwohl es nie einwandfrei festzustellen war. Wie dem auch sei: Joe Elliot war tot.
Und ich war derjenige, der die Fragen zu beantworten hatte.
Ich versuchte es.
Aber es war nicht einfach.
Ich bemühte mich auf der einen Seite ehrlich, alle Fragen zu beantworten, vermied es aber auf der anderen Seite ängstlich, die verrückten, übernatürlichen Dinge zu erwähnen. Ich hütete mich, etwas von Schatten und Dämonen, die stärker und stärker werden, zu erzählen. Sie waren es, die etwas von einer Liebe, die über das Grab hinausreicht, murmelten. Sie kamen zu dieser Schlußfolgerung, wobei sie natürlich dachten, daß er versucht hatte, zu ihr zu gelangen.
Ich erwähnte auch nichts von den Morden. Was hätte es für einen Sinn gehabt, diese Geschichte jetzt aufzurollen?
Vielleicht kam ihnen aber selbst der Gedanke, denn sie entschlossen sich, das Grab aufzuschaufeln und den Sarg zu öffnen.
Wenn sie es nur nicht getan hätten! Dann hätte ich meine Geschichte aufrechterhalten können und ich wäre immer überzeugt gewesen, daß ich Joe und seine Phantasie richtig eingeschätzt hatte.
Sie schaufelten und arbeiteten sich durch die feste Erde, die seit zehn Monaten von keines Menschen Hand berührt worden war.
Als sie den Sarg geöffnet hatten, untersuchten sie Donna, oder das, was von ihr übriggeblieben war, sorgfältig. Aber es ließen sich keine Merkmale finden, die auf Mord schließen lassen konnten. Es war nicht der geringste Beweis vorhanden.
Das wäre noch erklärlich gewesen. Aber es gab überhaupt keine Erklärung dafür, was sie noch in dem vollständig erhaltenen, fest verschlossenen Sarg fanden. Neben Donna ruhte der kleine Körper eines Neugeborenen. Er war so tot wie Donna selbst.
Oder genauso lebendig.
Ich kann es nicht so genau sagen. Ich weiß es nicht. Ich weiß überhaupt nichts mehr.
Auf der Polizei prasselten natürlich die Fragen auf mich nieder. Fragen, auf die es keine Antwort gab – oder zumindest keine Antworten, die sie geglaubt hätten.
Sollte ich ihnen vielleicht sagen, daß Donna so versessen darauf war, Joe für sich zu haben, daß selbst der Tod diesem Verlangen kein Ende bereitete? Sollte ich ihnen sagen, daß sie vor ein paar Stunden bei Joe erschienen war und ihn mit stolzer Stimme aufgefordert hatte, nach Forest Hills zu kommen, damit er sich ihr gemeinsames Kind ansähe?
Ich konnte es ihnen nicht sagen. Einfach aus dem Grund, weil unnatürliche Wesen wie Dämone und Geister nicht existieren. Und ein Schatten kann nicht sprechen. Er kann sich nicht selbständig bewegen und die Arme ausstrecken. Oder vielleicht doch?
Ich weiß es nicht.
Ich liege jetzt im Bett. Die Flasche neben mir ist leer, und ich starre zur Decke. Vielleicht sehe ich einen Schatten. Oder mehrere Schatten …