Ich küsse deinen Schatten

 

Joe El­li­ot saß in mei­nem Lieb­lings­ses­sel, trank mei­nen bes­ten Whis­ky und zün­de­te sich ei­ne Zi­ga­ret­te von mei­ner Spe­zi­al­sor­te an.

Das ließ ich mir al­les ge­ra­de noch ge­fal­len. Aber als er sag­te: »Ich ha­be ges­tern abend dei­ne Schwes­ter ge­se­hen«, reich­te es mir. Da­mit ging er ent­schie­den zu weit.

Ich öff­ne­te den Mund – und klapp­te ihn wie­der zu, weil ich nicht wuß­te, was ich sa­gen soll­te. Was hät­te ich auch auf die­se Be­mer­kung hin sa­gen kön­nen? Ich hat­te die­sen Satz wäh­rend ih­rer Ver­lo­bungs­zeit wohl an die hun­dert­mal ge­hört. Und das war da­mals auch ganz na­tür­lich.

Es wä­re auch heu­te noch ganz na­tür­lich – wenn mei­ne Schwes­ter nicht vor drei Wo­chen ge­stor­ben wä­re.

Joe El­liots Lä­cheln wirk­te nicht sehr über­zeu­gend, als er sag­te: »Das klingt ver­rückt, nicht wahr? Aber es ist die Wahr­heit. Ich ha­be Don­na ges­tern nacht ge­se­hen oder sa­gen wir mal: ih­ren Schat­ten.«

Ich fand im­mer noch kei­ne Wor­te. Ich blick­te ihn an und war­te­te, was nun wohl kom­men wür­de.

»Sie kam zu mir ins Schlaf­zim­mer und beug­te sich über mich. Ich glau­be, du weißt, daß ich seit dem Un­fall im­mer Schwie­rig­kei­ten mit dem Ein­schla­fen ha­be. Ich lag je­den­falls schlaf­los im Bett und starr­te die De­cke an und hat­te ge­ra­de über­legt, ob ich auf­ste­hen und die Ja­lou­si­en her­un­ter­las­sen soll­te, denn der Mond schi­en so hell. Als ich mich ent­schlos­sen auf die Sei­te dreh­te und die Bei­ne aus dem Bett schwin­gen woll­te, war sie da. Sie stand ganz ein­fach da, beug­te sich zu mir und streck­te die Ar­me aus.«

El­li­ot rutsch­te auf dem Ses­sel hin und her. »Ich weiß ganz ge­nau, was du denkst! Der Mond­schein fiel auf einen Ge­gen­stand im Zim­mer, durch den ein merk­wür­di­ger Schat­ten ent­stand, und ich ha­be mir den Rest zu­sam­men­ge­reimt! Oder du denkst, daß ich doch ge­schla­fen und da­bei ge­träumt ha­be, oh­ne es zu wis­sen. Aber ich weiß ganz ge­nau, was ich ge­se­hen ha­be! Es war Don­na! Ich wür­de sie im­mer und über­all er­ken­nen. Auch wenn es – wie ges­tern – nur ei­ne Sil­hou­et­te war.«

Ich fand mei­ne Spra­che wie­der, oder zu­min­dest ein Kräch­zen, das ei­ne ge­wis­se Ähn­lich­keit mit mei­ner Stim­me hat­te. »Was hat sie ge­macht?«

»Ge­macht? Gar nichts hat sie ge­tan. Sie stand nur da und streck­te die Ar­me aus, als war­te sie auf et­was.«

»Auf was hat sie ge­war­tet?« El­li­ot blick­te auf den Bo­den. »Das ist ver­dammt schwer zu er­klä­ren«, mur­mel­te er. »Es klingt so – ach, zum Teu­fel, wie es klingt! Als Don­na und ich ver­lobt wa­ren, hat­te sie sich einen spe­zi­el­len Trick an­ge­wöhnt. Wenn wir uns un­ter­hiel­ten oder ir­gend et­was All­täg­li­ches ta­ten, zum Bei­spiel nach dem Es­sen die Tel­ler ab­ge­wa­schen ha­ben oder so – dann kam es häu­fig vor, daß sie ganz plötz­lich und un­mo­ti­viert die Ar­me aus­streck­te. Das war un­ser Spiel­chen, und ich wuß­te, was es zu be­deu­ten hat­te. Sie woll­te ge­küßt wer­den, und ich küß­te sie dann. Du wirst furcht­bar la­chen, aber ge­nau das ha­be ich auch in der letz­ten Nacht ge­macht. Ich bin auf­ge­stan­den und ha­be ih­ren Schat­ten ge­küßt.«

Ich lach­te nicht. Ich rühr­te mich nicht. Ich saß wie an­ge­wur­zelt da und starr­te ge­bannt auf sei­ne Lip­pen. Da El­li­ot aber in brü­ten­des Schwei­gen zu ver­sin­ken schi­en, muß­te ich et­was sa­gen, um das Ge­spräch in Gang zu hal­ten. »Aha, du hast sie al­so ge­küßt. Und was ge­sch­ah wei­ter?«

Er schau­te mich an. »Nichts. Sie ging weg.«

»Sie ver­schwand?«

»Nein. Sie ging weg. Der Schat­ten ließ mich los, dreh­te sich um und ging durch die Tür.«

»Der Schat­ten ließ dich los?« Mei­ne Stim­me über­schlug sich fast. »Willst du da­mit viel­leicht sa­gen … ?«

Er nick­te. Ein Ni­cken läßt sich schwer be­schrei­ben, aber ich möch­te sa­gen, es war eher ei­ne re­si­gnie­ren­de als ei­ne her­aus­for­dern­de Be­we­gung. »Ge­nau das«, mur­mel­te er. »Als ich sie küß­te, leg­te sie die Ar­me um mich. Ich – ich ha­be es ge­se­hen – und ich ha­be es ge­fühlt. Ich ha­be auch ih­ren Kuß ge­spürt. Das war ein recht merk­wür­di­ges Ge­fühl. Man küßt schließ­lich nicht al­le Ta­ge einen Schat­ten! Sie war wirk­lich da und doch nicht leib­haf­tig da.« Er schau­te auf das Glas in sei­ner Hand. »Wie ein ver­wäs­ser­ter Whis­ky.«

Der Ver­gleich moch­te stim­men, aber ir­gend et­was stimm­te mit der gan­zen Ge­schich­te nicht. Ich glau­be, der größ­te Feh­ler lag an un­se­rer Zeit. Er hät­te mir vor fünf­zig Jah­ren mit die­ser Ge­schich­te kom­men sol­len.

Vor fünf­zig Jah­ren wä­re mir das al­les viel­leicht doch nicht ganz so ab­we­gig vor­ge­kom­men. Da­mals glaub­ten die meis­ten Leu­te noch ah die Exis­tenz von Geis­tern; und selbst ein so be­rühm­ter Psy­cho­lo­ge wie Wil­liam Ja­mes be­tä­tig­te sich ak­tiv bei der Ge­sell­schaft zur See­len­for­schung‹. Da­mals war man sehr emp­fäng­lich für die sen­ti­men­ta­le Vor­stel­lung von ei­ner un­s­terb­li­chen Lie­be, von der Mög­lich­keit, mit den To­ten Ver­bin­dung auf­zu­neh­men und der­glei­chen. Aber heu­te wa­ren sol­che Ge­schich­ten fehl am Platz.

Mich hielt nur eins da­von ab, die­se Ge­dan­ken aus­zu­spre­chen, und das war Joe El­li­ot selbst. Er war ein ein­ge­fleisch­ter Skep­ti­ker und ge­fürch­te­ter Spöt­ter.

Es war na­tür­lich mög­lich, daß er durch Don­nas Tod einen Schock er­lit­ten hat­te, aber –

»Spa­re dir dei­ne Wor­te«, seufz­te er. »Ich weiß sel­ber, wie ver­spon­nen und ver­rückt das Gan­ze klingt, und ich weiß ge­nau, was du denkst. Ich will mich nicht mit dir dar­über strei­ten. Es ist wahr, daß mich der Un­fall ganz schön mit­ge­nom­men hat. Ich be­strei­te auch gar nicht, daß ich einen Schock er­lit­ten ha­be, als sie mich aus dem Au­towrack ge­zo­gen ha­ben. Aber den hat­te ich noch vor der Be­er­di­gung über­wun­den. Das kannst du mir glau­ben. Und wenn du es nicht glaubst, dann kannst du es dir von Dr. Fos­ter be­stä­ti­gen las­sen.«

Jetzt war ich an der Rei­he zu ni­cken.

»Ich war wäh­rend der Be­er­di­gung und da­nach völ­lig in Ord­nung«, fuhr er fort. »Wir ha­ben uns seit­dem fast je­den Tag ge­se­hen. Hast du das Ge­fühl, daß mit mei­nem Kopf ir­gend et­was nicht stimmt?«

»Nein.«

»Dann kann ich mir das Gan­ze auch nicht ein­bil­den.«

»Was soll es aber be­deu­ten?«

Er stand auf. »Ich weiß es nicht«, sag­te er ach­sel­zu­ckend. »Ich woll­te dir nur er­zäh­len, was pas­siert ist. Denn das ist ei­ne von den Ge­schich­ten, die man ir­gend­wo los­wer­den muß. Und dann am ge­schei­tes­ten bei ei­nem Men­schen, der lo­gisch den­ken kann. Bei dir kann ich mich auch dar­auf ver­las­sen, daß du die Ge­schich­te nicht her­um­tratschst. Und noch et­was an­de­res: Du bist ihr Bru­der. Es kann sein, daß – sie zu dir auch kommt.« El­li­ot wand­te sich zur Tür. »Willst du schon ge­hen?« frag­te ich.

»Ich bin mü­de«, mur­mel­te er. »Ich ha­be ges­tern – da­nach nicht viel ge­schla­fen.«

»Ich ha­be Schlaf­ta­blet­ten hier. Möch­test du ei­ne ha­ben?«

»Nein dan­ke, lie­ber nicht.« Er öff­ne­te die Tür. »Ich ru­fe dich mor­gen viel­leicht an. Wir kön­nen dann zu­sam­men es­sen.«

»Bist du si­cher, daß es dir …«

»Ja, es geht mir gut.« Er lä­chel­te und ging.

Ich blick­te vor mich hin und run­zel­te die Stirn.

Als ich am Abend Schla­fen­ge­hen woll­te, run­zel­te ich im­mer noch die Stirn. Ir­gend et­was stimm­te ganz ge­wiß nicht an El­liots Ge­schich­te; und das be­deu­te­te, daß ir­gend et­was mit El­li­ot nicht stim­men konn­te. Ich wünsch­te, ich wüß­te die Ant­wort.

»Es könn­te sein, daß – sie zu dir auch kommt.«

Ich wälz­te mich un­ru­hig von ei­ner Sei­te auf die an­de­re, denn der Mond schi­en auch heu­te so hell. Ich schloß die Au­gen und ver­such­te nach­zu­den­ken.

Mei­ne Schwes­ter Don­na war tot und be­gra­ben. Ich ha­be sie zwar nicht ster­ben se­hen, aber ich war der ers­te, den die Po­li­zei hat­te ru­fen las­sen, als sie den Un­fall ent­deck­te. Ich hat­te ge­se­hen, wie man sie aus dem zer­beul­ten Au­to her­aus­ge­zo­gen hat­te. Und sie war tot ge­we­sen. Dar­über konn­te kein Zwei­fel be­ste­hen. Ich dach­te nicht ger­ne dar­an, wie sie da­mals aus­ge­se­hen hat­te. Und ich dach­te auch nicht ger­ne dar­an, wie Joe El­li­ot da­mals aus­ge­se­hen hat­te. Er hat­te einen furcht­ba­ren Schock er­lit­ten. Mei­ne Ge­gen­wart war ihm nicht be­wußt ge­wor­den, die klaf­fen­de Wun­de auf sei­ner Stirn war ihm nicht be­wußt ge­wor­den, und selbst die Tat­sa­che, daß Don­na tot war, war nicht in sein Be­wußt­sein ge­drun­gen. Er re­de­te un­auf­hör­lich auf sie ein, als sie zur Am­bu­lanz ge­schafft wur­de. Er ver­such­te ihr zu er­klä­ren, daß der Un­fall pas­siert wä­re, weil der Wa­gen durch ei­ne Öl­la­che auf der Stra­ße ins Schleu­dern ge­kom­men war. Aber Don­na ver­stand von al­le­dem nichts, denn sie war be­reits tot. Sie war in dem Au­gen­blick ge­stor­ben, als ihr Kopf durch die Wind­schutz­schei­be prall­te.

Das war nicht nur mei­ne per­sön­li­che Mei­nung ge­we­sen, son­dern das hat­ten auch die me­di­zi­ni­schen Un­ter­su­chun­gen er­ge­ben. Der Tod war durch den Un­fall ein­ge­tre­ten. Und ganz si­cher zwei­fel­ten dar­an we­der die Lei­chen­be­stat­ter noch der Pries­ter, der die Re­de am Sarg ge­hal­ten hat­te, noch die Män­ner, die den Sarg drau­ßen in Fo­rest Hills ins Grab ge­senkt hat­ten. Don­na war tot.

Und jetzt, drei Wo­chen da­nach, kam Joe El­li­ot da­her und sag­te, als wä­re es das Selbst­ver­ständ­lichs­te von der Welt: »Ich ha­be dei­ne Schwes­ter ge­se­hen – oder zu­min­dest ih­ren Schat­ten.« Der nüch­ter­ne Nach­rich­ten­re­dak­teur Joe, der für sei­ne zy­ni­schen Be­mer­kun­gen be­kannt war, woll­te einen Schat­ten ge­küßt ha­ben! Er hat­te be­haup­tet, Don­na hät­te mit aus­ge­streck­ten Hän­den vor ihm ge­stan­den, und er hät­te sie er­kannt!

Ich hat­te es für über­flüs­sig ge­hal­ten, ihm zu sa­gen, daß ich Don­nas ty­pi­sche Hand­be­we­gung, die er so aus­führ­lich be­schrie­ben hat­te, sehr gut kann­te. Denn ich ha­be die­ses Hän­de-Aus­stre­cken zu­fäl­lig selbst ein­mal ge­se­hen. Das war lan­ge, be­vor Joe El­li­ot auf­ge­kreuzt war. Das war noch zu Fran­kie Han­kins Zei­ten ge­we­sen. Als Don­na mit Fran­kie ver­lobt ge­we­sen war, hat­te sie den­sel­ben Trick an­ge­wandt. Ich frag­te mich, ob Fran­kie drü­ben in Ja­pan wohl schon von ih­rem Tod ge­hört ha­ben moch­te. Denn Fran­kie war zur Ar­mee ge­gan­gen, und das hat­te die Ro­man­ze be­en­det.

Wenn ich mich recht er­in­ne­re, hat­te Don­na den Trick mit den plötz­lich aus­ge­streck­ten Ar­men auch bei Gil Tur­ner be­nutzt. Das war al­ler­dings nur ei­ne kur­ze Af­fä­re ge­we­sen. Aber das hät­te ihr da­mals je­der pro­phe­zei­en kön­nen. Tur­ner war ei­ne ab­so­lu­te Nie­te. Er tin­gel­te ei­ne Zeit­lang durch die gan­ze Stadt und war dann plötz­lich wie vom Erd­bo­den ver­schwun­den.

Don­na fiel aus al­len Wol­ken und konn­te das Gan­ze über­haupt nicht be­grei­fen. Aber sie be­ru­hig­te sich auch rasch wie­der, denn dann stell­te ich ihr Joe El­li­ot vor.

Es läßt sich nicht be­strei­ten, daß es für bei­de die Lie­be auf den ers­ten Blick war. Sie wa­ren in­ner­halb ei­nes Mo­nats ver­lobt und woll­ten noch im Ver­lauf die­ses Som­mers hei­ra­ten. Don­na zog ihn völ­lig in ih­ren Bann.

Ich wuß­te na­tür­lich, daß mei­ne Schwes­ter ei­ne sehr ziel­be­wuß­te Frau war (oder an­ders aus­ge­drückt, daß sie ih­ren ei­ge­nen Weg ging – aber we­he dem, der ihn durch­kreuz­te), doch es war wirk­lich in­ter­essant, zu be­ob­ach­ten, wie sie Joe El­li­ot be­ar­bei­te­te. Ehe ich und al­le sei­ne Freun­de es rich­tig be­grif­fen, war Joe aus sei­nen sa­lop­pen Sport Jacketts her­aus und in grau­en Tweed gehüllt, statt sei­ner stin­ken­den Zi­gar­ren wur­de ihm ei­ne Bruy­ere­pfei­fe in die Hand ge­drückt, und statt sei­ne üb­li­che Bock­wurst in der Steh­knei­pe zu ver­schlin­gen, speis­te er jetzt abends bei Ker­zen­schein in Don­nas kom­for­ta­blem klei­nem Apart­ment.

Man konn­te wirk­lich sa­gen, daß sie die­sen Bur­schen völ­lig um­ge­krem­pelt hat­te. Er ra­sier­te sich jetzt zwei­mal am Ta­ge und trot­te­te mit sei­nem Ge­halt treu und brav zur Bank statt zu Smit­ty’s Bier­stu­be.

Das muß­te man Don­na zu­gu­te hal­ten: Sie wuß­te, was sie woll­te; und sie wuß­te auch, wie sie es er­reich­te. Viel­leicht war sie un­barm­her­zig – aber es war ei­ne weib­li­che Un­barm­her­zig­keit. Sie mo­del­te Joe El­li­ot um, aber sie brach­te es da­bei auch fer­tig, daß ihm das ge­fiel. Es war ganz of­fen­sicht­lich, daß er nichts da­ge­gen ein­zu­wen­den hat­te. Ich ge­wöhn­te mich so rasch und gründ­lich an den neu­en El­li­ot, daß ich ei­gent­lich an den al­ten El­li­ot über­haupt nicht mehr dach­te; an den al­ten Joe, der bei Smit­ty an der The­ke lehn­te und steif und fest be­haup­te­te, das Mäd­chen müß­te erst ge­bo­ren wer­den, das im­stan­de wä­re, ihn ein­zu­fan­gen.

Als der Hoch­zeits­ter­min nä­her­rück­te, ver­kün­de­te Don­na be­reits lauthals ih­ren Plan, ein Haus zu kau­fen. »Man kann doch, Gott be­hü­te, nicht ei­ne Fa­mi­lie in ei­ner Woh­nung grün­den.« El­li­ot hör­te in­ter­es­siert zu und lä­chel­te so­gar.

Wie sag­te doch in frü­he­ren Zei­ten der al­te Joe in Smit­ty’s Bier­tu­be mit er­ho­be­nem Zei­ge­fin­ger so schön? »Ich mag zwar ein un­ter­drück­ter Lohns­kla­ve sein, aber ihr wer­det nie er­le­ben, daß ich ein ver­trot­tel­ter Haus­skla­ve wer­de. Wenn ich ihn schon se­he: den lie­ben al­ten Paps, den gu­ten ame­ri­ka­ni­schen Dad­dy, oh­ne den je­de Ra­dio- und Fern­seh­sta­ti­on plei­te ma­chen wür­de. Nein, Ka­me­ra­den, das ist nichts für mich! Ich bin mehr für die al­te Volks­weis­heit: Man soll­te sich Kin­der an­se­hen, aber sie sich nicht sel­ber an­schaf­fen!«

Doch da­mals kann­te er Don­na noch nicht!

Ich glau­be, da­mals konn­te er sich nicht ein­mal im Traum vor­stel­len, wie schön es sein könn­te, ei­ne Frau stän­dig um sich zu ha­ben. Ei­ne Frau, die ei­nem die Pfei­fe an­zün­det, die ei­nem die Kra­wat­te rich­tet und die die Pom­mes fri­tes ge­nau dann fer­tig hat, wenn auch das Steak durch ist. Da­mals hat­te er noch nicht her­aus­ge­fun­den, was es für einen Mann be­deu­ten kann, je­man­den zu ha­ben, der die Ar­me wort­los aus­streckt und nur mit den Au­gen re­det.

Und eins war mir in die­sem Fall völ­lig klar: Don­na zog kei­ne Show ab. Sie lieb­te die­sen Bur­schen. In der Nacht, in der sie von ei­ner Par­ty zu­rück­fuh­ren und Don­na ster­ben muß­te, war ihr Herz von Lie­be zu ihm er­füllt. Dar­über konn­te über­haupt kein Zwei­fel be­ste­hen. Das war wirk­lich.

Al­les war wirk­lich ge­we­sen – bis zum heu­ti­gen Ta­ge. Denn heu­te war Joe El­li­ot mit sei­ner Ge­schich­te von dem Schat­ten da­her­ge­kom­men.

Ich rich­te­te mei­nen Blick auf die schim­mern­de Zim­mer­de­cke. In dem Halb­dun­kel, in dem fah­len Mond­licht war ich fast im Be­griff, an die Ge­schich­te zu glau­ben.

Viel­leicht sind wir doch nicht ganz so in­tel­lek­tu­ell, wie wir uns im­mer ein­re­den. Ge­spens­ter sind aus der Mo­de ge­kom­men, und die Vor­stel­lung, daß die Lie­be über das Grab hin­aus­rei­chen könn­te, ist zu ei­nem Am­men­mär­chen ge­wor­den. Aber was wür­de ge­sche­hen, wenn man einen In­tel­lek­tu­el­len in das pech­schwar­ze In­ne­re ei­nes Spuk­hau­ses führt, sämt­li­che Tü­ren ver­rie­gelt und ihn zwingt, die Nacht dort zu ver­brin­gen? Sei­ne Haa­re mö­gen am Mor­gen nicht weiß ge­färbt sein; aber die Nacht wird trotz­dem nicht spur­los an ihm vor­über­ge­gan­gen sein. Un­ser In­tel­lekt lehnt über­na­tür­li­che Vor­gän­ge ab – aber un­ser Ge­fühl ist nicht so ganz si­cher. Wir sind hilf­los, wenn die Dun­kel­heit her­ein­bricht und die Furcht sich ein­schleicht.

Was soll ich dar­um her­um­re­den? Es war dun­kel, und ich war­te­te dar­auf, daß Don­na er­schie­ne. Ich war­te­te und war­te­te. Ich ha­be wahr­schein­lich so lan­ge ge­war­tet, bis ich dar­über ein­ge­schla­fen bin. Ich er­zähl­te es Joe El­li­ot, als ich mit ihm zwei Ta­ge spä­ter zum Es­sen ging. »Sie ist mir nicht er­schie­nen«, stell­te ich fest.

Er schiel­te zu mir her­über. »Na­tür­lich nicht«, mur­mel­te er. »Das konn­te sie ja auch nicht, denn sie war bei mir

Ich muß­te ei­ni­ge Ma­le schlu­cken, bis ich müh­sam »Schon wie­der?« her­vor­brach­te.

Er nick­te. »Ja. In der letz­ten Nacht und in der Nacht da­vor.«

»Und –? War es ge­nau­so wie beim ers­ten­mal?«

»Haar­ge­nau.« Er zö­ger­te, aber dann fuhr er fort: »Nur mit dem Un­ter­schied, daß sie die­ses Mal län­ger ge­blie­ben ist.«

»Wie lan­ge?«

Er zö­ger­te mit der Ant­wort so lan­ge, bis das Schwei­gen im Raum las­te­te. Dann mach­te er ei­ne hef­ti­ge Be­we­gung, und sei­ne Ser­vi­et­te fiel zu Bo­den. Beim Bücken flüs­ter­te er kaum ver­nehm­bar: »Die gan­ze Nacht.«

Ich wag­te nicht, die nächs­te Fra­ge zu stel­len. Ich brauch­te es auch nicht zu tun. Ein Blick in sein Ge­sicht sag­te mir ge­nug.

»Sie ist leib­haf­tig«, krächz­te El­li­ot. »Don­na, der Schat­ten, ist leib­haf­tig. Er­in­nerst du dich, was ich dir zu An­fang ge­sagt ha­be? Der Ver­gleich mit dem ver­wäs­ser­ten Whis­ky?« Er beug­te sich vor. »Die­ser Ver­gleich stimmt nicht mehr. Sie scheint, nach­dem sie ein­mal durch­ge­bro­chen ist, stär­ker ge­wor­den zu sein. Hältst du das für mög­lich? Viel­leicht brau­chen sie die Pra­xis, um von Mal zu Mal stär­ker zu wer­den.«

Sein Ge­sicht war dem mei­nen so na­he, daß ich sei­nen Atem spü­ren konn­te. Und er hat­te nicht ge­trun­ken! Je­den­falls nicht mehr, als in der Nacht, in der der Un­fall pas­sier­te. Ich hat­te das da­mals be­zeu­gen müs­sen, und mei­ne Aus­sa­ge hat­te ei­ne Ver­hand­lung im Kei­me er­stickt.

O nein, El­li­ot war nicht be­trun­ken! Ich wä­re heil­froh ge­we­sen, wenn er es wä­re. Dann hät­te ich ihm das nicht sa­gen müs­sen, was ich jetzt zu sa­gen hat­te. Aber so blieb mir kei­ne Wahl.

»Meinst du nicht, es wä­re ganz gut, wenn du wie­der ein­mal zu Dr. Fos­ter ge­hen wür­dest?« frag­te ich wi­der­stre­bend.

Joe El­li­ot leg­te die Hän­de flach auf den Tisch und spreiz­te die Fin­ger. Er ver­such­te zu grin­sen. »Ich wuß­te, daß du das vor­schla­gen wür­dest. Dar­um ha­be ich Dr. Fos­ter heu­te früh schon an­ge­ru­fen und mich an­ge­mel­det.«

Ich brach­te es fer­tig, nicht er­leich­tert auf­zu­seuf­zen. Aber ich war er­leich­tert! Se­kun­den­lang hat­te ich be­fürch­tet, mit mei­ner Fra­ge ei­ne hef­ti­ge Dis­kus­si­on her­auf­zu­be­schwö­ren. Nicht, daß ich et­was ge­gen Dis­kus­sio­nen hät­te – ganz im Ge­gen­teil –, aber bei die­ser Un­ter­hal­tung hät­te sich et­was Grund­sätz­li­ches über El­li­ot her­aus­stel­len kön­nen, et­was, das ich im Grun­de mei­nes Her­zens nicht wahr­ha­ben woll­te. Des­halb war ich über sei­ne Ant­wort so froh. Sie be­wies, daß er noch nicht völ­lig den Bo­den un­ter den Fü­ßen ver­lo­ren hat­te.

»Du brauchst dir kei­ne Ge­dan­ken zu ma­chen«, ver­si­cher­te er mir. »Ich kann dir jetzt schon sa­gen, was mir Dr. Fos­ter emp­feh­len wird: Be­ru­hi­gungs­ta­blet­ten, Schlaf­ta­blet­ten, Ru­he, Ent­span­nung und Er­ho­lung und – wenn das al­les nicht hel­fen soll­te – einen Psych­ia­ter. Ich wer­de je­de sei­ner An­wei­sun­gen be­fol­gen.«

»Ver­sprichst du mir das?«

»Aber si­cher.« Sein Grin­sen miß­glück­te auch dies­mal. Sein Ge­sicht ver­zog sich le­dig­lich zu ei­ner hilflo­sen Gri­mas­se, als er frag­te: »Möch­test du et­was Lus­ti­ges hö­ren? Dann hör zu: Ich fan­ge lang­sam an, mich vor dei­ner Schwes­ter zu fürch­ten – auch wenn sie nur ein Schat­ten ist.«

Was soll­te ich da­zu sa­gen? Mein Ge­sicht war aus­drucks­los, als wir uns vor dem Re­stau­rant schwei­gend trenn­ten.

Ich ging in die Re­dak­ti­on zu­rück. Und er mach­te sich auf den Weg zu Dr. Fos­ter.

Es ver­gin­gen ei­ni­ge Ta­ge, ehe ich et­was von dem Er­geb­nis die­ses Be­su­ches er­fah­ren konn­te. Denn als ich in die Re­dak­ti­on zu­rück­kehr­te, er­war­te­te mich ei­ne Über­ra­schung. Ich be­kam einen ei­li­gen Re­por­ta­ge­auf­trag und muß­te zu die­sem Zweck für ei­ni­ge Ta­ge nach In­do­chi­na flie­gen.

Die Vor­be­rei­tun­gen für die­se Rei­se nah­men mei­ne Zeit so sehr in An­spruch, daß ich ein­fach nicht da­zu kam, Joe El­li­ot an­zu­ru­fen. Da ich dau­ernd un­ter­wegs war, ge­lang es auch ihm nicht, mich zu er­rei­chen.

Er er­wi­sch­te mich schließ­lich auf dem Flug­ha­fen, wo ich schon mit ei­nem Bein in der Ma­schi­ne nach In­do­chi­na war.

»Es ist ein Jam­mer, daß wir wie die bei­den lie­ben Kö­nigs­kin­der nicht zu­ein­an­der­kom­men konn­ten«, sag­te er. »Al­so: bon voya­ge und so wei­ter, und so wei­ter …«

»Du machst einen recht fröh­li­chen Ein­druck.«

»Warum auch nicht?«

»Ha­ben das Dr. Fos­ters Be­ru­hi­gungs­ta­blet­ten be­wirkt?«

Sein Ge­sicht ver­zog sich zu ei­nem brei­ten Grin­sen. »Ei­gent­lich we­ni­ger. Nach­dem ich ihm die Ge­schich­te er­zählt hat­te, hat er sich sein Sprüch­lein mit Ta­blet­ten, Ru­he, Er­ho­lung und Ent­span­nung gleich ge­spart und mich so­fort zu – na, du weißt schon, zu wem – ge­schickt. Er heißt Pa­tridge. Hast du schon von ihm ge­hört?«

Das hat­te ich. »Der ist in Ord­nung«, nick­te ich.

»Er soll so et­was wie ei­ne Ka­pa­zi­tät auf sei­nem Ge­biet sein«, sag­te Joe und ver­fiel in kur­z­es Schwei­gen. Dann mur­mel­te er: »Nun ja – ich will dich nicht auf­hal­ten –«

»Fühlst du dich wirk­lich gut?« frag­te ich ein­dring­lich.

»Aber si­cher! Mir geht es groß­ar­tig! Ich war auch schon bei dem Wun­der­dok­tor. Ei­ni­ges, was er von sich gibt, ist sehr ein­leuch­tend. Ich glau­be, daß mein Geist doch wohl et­was ver­wirr­ter ist, als ich an­nahm. Wie dem auch sei: Ich wer­de ab so­fort zwei­mal wö­chent­lich zu ihm hin­mar­schie­ren. Der Him­mel mag wis­sen, für wie lan­ge! Gott sei Dank macht er das Gan­ze nicht so span­nend, wie ich be­fürch­tet hat­te. Kei­ne Spur von die­sem be­rühm­ten Auf-der-Couch-lie­gen-und-ent­span­nen. Er er­zielt wirk­lich Er­fol­ge.« Er zö­ger­te kurz, ehe er fort­fuhr. »Ich mei­ne, ich war doch erst zwei­mal bei ihm – und sie ist schon ver­schwun­den. Ist das nichts?«

»Der Schat­ten ist ver­schwun­den?«

»Der Schuld­kom­plex ist ver­schwun­den.« Er lä­chel­te. »Du siehst, daß ich mich schon mit dem Psych­ia­ter-Kau­der­welsch aus­ken­ne. Wenn du zu­rück­kommst, ha­be ich mich in einen per­fek­ten Psych­ia­ter ver­wan­delt. Viel­leicht soll­te ich den Be­ruf wech­seln. Nun ja. Mach’s gut, al­ter Kna­be, und laß bald von dir hö­ren.«

»Das wer­de ich«, mur­mel­te ich. Mir blieb kei­ne Zeit, mehr zu sa­gen, denn der Ab­flug mei­ner Ma­schi­ne wur­de be­kannt­ge­ge­ben.

In San Fran­cis­co muß­te ich in die Ma­schi­ne nach Ma­ni­la um­stei­gen. Von Ma­ni­la flog ich nach Sin­ga­pur und von dort aus di­rekt in die Höl­le.

Es war so heiß und pras­selnd, wie es nur im Her­zen der Höl­le sein kann. Es ge­lang mir zwar, ei­ni­ge Mel­dun­gen an mei­nen Chef­re­dak­teur durch­zu­ge­ben, aber ich hat­te kei­ne Mög­lich­keit, mich mit Joe El­li­ot in Ver­bin­dung zu set­zen.

Sie wis­sen, was da­mals in In­do­chi­na los war. Und als auf For­mo­sa ei­ne Zweig­stel­le der Höl­le er­öff­net wur­de, di­ri­gier­te mich mein Chef­re­dak­teur dort­hin. Ich blieb so lan­ge auf For­mo­sa, bis die Glut der Höl­le selbst für einen hart­ge­sot­te­nen, va­ga­bun­die­ren­den Re­por­ter zu heiß wur­de. Dann flog ich erst nach Ma­ni­la und lan­de­te schließ­lich in Ja­pan. Ich ha­be nicht die Ab­sicht, über die­se Zeit zu be­rich­ten, ich woll­te Ih­nen nur er­klä­ren, wie es kam, daß ich gan­ze acht Mo­na­te un­ter­wegs war.

Als ich wie­der in der Re­dak­ti­on er­schi­en, be­kam ich Ur­laub. Au­ßer­dem er­hielt ich ei­ne In­for­ma­ti­on. Es han­del­te sich um kei­ne welter­schüt­tern­de In­for­ma­ti­on, aber sie be­wirk­te doch, daß ich bei der ers­ten güns­ti­gen Ge­le­gen­heit zu El­liots Apart­ment ras­te.

Ich ver­schwen­de­te kei­ne Zeit mit dem üb­li­chen »Gu­ten Tag« und »Wie geht’s?«, son­dern fiel gleich mit der Tür ins Haus. »Was hat das Ge­re­de zu be­deu­ten, daß du aus der Re­dak­ti­on aus­schei­den willst?«

Er zuck­te die Ach­seln. »Ich will es gar nicht. Aber man hat mich auf Eis ge­legt.«

»Wie ist das denn mög­lich?«

Er stier­te vor sich hin und sag­te kein Wort.

Ich kam erst jetzt da­zu, ihn ge­nau­er zu be­trach­ten. Er war wie­der zum Sport Jackett zu­rück­ge­kehrt. Da­ge­gen wä­re nichts zu sa­gen ge­we­sen, aber das Sport­jackett war schmut­zig. Er hielt es of­fen­bar nicht für nö­tig, sich täg­lich zu ra­sie­ren, ge­schwei­ge denn zwei­mal am Tag. Er war ab­ge­ma­gert und hat­te ner­vö­se Zu­ckun­gen.

»Was ist denn um Got­tes wil­len mit dir pas­siert?«

»Nichts. Gar nichts.«

»Re­de kei­nen Un­sinn! Was hat denn Pa­tridge ge­sagt?«

Er grins­te. Wenn ich sa­ge, daß das Grin­sen ver­zerrt war, dann ist das sehr mil­de aus­ge­drückt. Wenn man mit der Hand über sein Ge­sicht ge­fah­ren wä­re, hät­te man sich die Haut auf­ge­ris­sen.

»Pa­tridge«, wie­der­hol­te er mur­melnd. Nach ei­ner kur­z­en Pau­se fuhr er fort: »Setz dich und trink einen.«

»Gut, gut – aber nur, wenn du wei­ter­re­dest. Ich ha­be dich et­was ge­fragt: Was hat Pa­tridge ge­sagt?«

Er schenk­te mir ein. Da ich Gast war, be­kam ich ein Glas. Er selbst nahm die Fla­sche an den Mund. Nach­dem er einen kräf­ti­gen Zug ge­tan hat­te, setz­te er die Fla­sche hart auf den Tisch. »Pa­tridge kann nichts mehr sa­gen«, mur­mel­te er mit lee­rem Blick. »Denn Pa­tridge ist tot.«

»Nein!«

»Doch.«

»Wann ist denn das pas­siert?«

»Vor ei­nem Mo­nat et­wa.«

»Und warum bist du nicht zu ei­nem an­de­ren Ir­ren­arzt – ehm – ich mei­ne Psych­ia­ter ge­gan­gen?«

»Da­mit der mei­net­we­gen auch noch aus dem Fens­ter springt, wie?«

»Was soll das hei­ßen?«

Joe griff wie­der nach der Fla­sche. »Das möch­te ich auch wis­sen.« Er trank gie­rig. »Ich per­sön­lich glau­be auch gar nicht, daß er ge­sprun­gen ist. Viel­leicht wur­de er hin­aus­ge­sto­ßen.« Er nahm wie­der einen kräf­ti­gen Zug und rülps­te ver­nehm­lich.

»Willst du mir viel­leicht er­zäh­len … ?«

»Ich will dir gar nichts er­zäh­len«, stieß er hef­tig her­vor. »Ich sa­ge dir nur das, was ich auch Dr. Fos­ter und den Bur­schen in der Re­dak­ti­on ge­sagt ha­be. So ei­ne Ge­schich­te kann man kei­nem Men­schen er­zäh­len. Man muß sie für sich sel­ber be­hal­ten. Man kann sie höchs­tens der Fla­sche an­ver­trau­en.« Er trank.

»Aber du hast doch ge­sagt – ich mei­ne, ich hat­te den Ein­druck, daß al­les wie­der in Ord­nung kom­men wür­de.«

»Das stimmt auch. Es ließ sich so gut an – bis zu ei­nem be­stimm­ten Punkt.«

»Wel­chem Punkt?«

»Als ich den Grund her­aus­fand, warum sie nicht mehr bei mir er­schi­en.« Er starr­te aus dem Fens­ter und schi­en Mil­lio­nen Mei­len von mir ent­fernt zu sein. Nur sei­ne Stim­me war noch da. Ich konn­te deut­lich ver­ste­hen, was er sag­te. Viel zu deut­lich.

»Sie kam nicht mehr zu mir, weil sie zu ihm ging. Nacht für Nacht. Sie ging aber zu ihm nicht wie zu mir, mit aus­ge­streck­ten Ar­men. Nicht aus Lie­be. Son­dern vol­ler Haß. Denn sie wuß­te, daß er ver­su­chen woll­te, sie zu ver­ja­gen. Wie soll ich mich aus­drücken? Das, was er mit mir an­stell­te, glich ei­ner Geis­ter­be­schwö­rung. Du weißt, was ei­ne Geis­ter­be­schwö­rung ist, nicht wahr? Ver­trei­bung der Dä­mo­nen, Geis­ter und He­xen.«

»Joe, du mußt mit die­sem Un­sinn auf­hö­ren. Reiß dich zu­sam­men!« Er lach­te. Wäh­rend er sprach, griff er wie­der zur Fla­sche. »Ich soll da­mit auf­hö­ren! Ich! Da­bei ha­be ich nicht ein­mal da­mit an­ge­fan­gen! Pa­tridge hat es mir be­rich­tet. Als er ei­nem Zu­sam­men­bruch na­he war, muß­te er es mir ein­fach sa­gen. Ich soll­te ihm hel­fen. Ist das nicht lus­tig? Aber ich konn­te ihm nicht hel­fen. Ich war von mei­nen Wahn­vor­stel­lun­gen be­freit. Das ein­zi­ge, was ich konn­te, war, ge­nau­so wei­se Sprü­che von mir zu ge­ben, wie du es jetzt tust.

Ich ging nach Hau­se und las am nächs­ten Mor­gen in der Zei­tung, daß er aus dem Fens­ter ge­sprun­gen wä­re. Das glau­be ich nie und nim­mer! Sie muß ihn hin­aus­ge­sto­ßen ha­ben. Er hat­te Angst vor ihr, und Don­na wur­de im­mer stär­ker – ge­nau, wie ich es vor­aus­ge­ahnt ha­be. Sein Kör­per wur­de durch den Sturz zer­schmet­tert und lag über den gan­zen Bür­ger­steig ver­teilt –«

Jetzt war ich es, der nach der Fla­sche griff. »Und nur weil ein Psych­ia­ter durch­ge­dreht ist und Selbst­mord be­gan­gen hat, hörst du mit der Ar­beit auf und fängst an zu sau­fen«, brüll­te ich. »Weil ir­gend­ein ar­mer, über­ar­bei­te­ter Bur­sche über­ge­schnappt ist und vor die Hun­de ge­gan­gen ist, mußt du das­sel­be tun. Ich hät­te dich für in­tel­li­gen­ter ge­hal­ten!«

»Ich mich auch.« Joe nahm mir die Fla­sche aus der Hand. »Du hast ge­hört, was ich dir ge­sagt ha­be. Ich dach­te, ich hät­te al­les über­stan­den. Selbst als er starb, ha­be ich mir noch kei­ne Ge­dan­ken dar­über ge­macht. Das än­der­te sich erst, als Don­na wie­der bei mir er­schi­en.«

Ich be­ob­ach­te­te ihn, wäh­rend er trank, und war­te­te.

»Ja­wohl! Sie ist na­tür­lich wie­der zu mir ge­kom­men! Und seit­dem kommt sie Nacht für Nacht! Ich kann ma­chen, was ich will: Ich wer­de sie nicht los. Aber was soll ich re­den, du glaubst mir ja doch nicht …«

»Weißt du, Joe –«, be­gann ich hilf­los.

Viel­leicht merk­te er gar nicht, daß ich nicht wuß­te, was ich sa­gen soll­te. Als er jetzt wei­ter­sprach, be­müh­te er sich, sei­ner Stim­me einen iro­ni­schen Un­ter­ton zu ge­ben. »Sie flüs­tert mir auch sehr be­ru­hi­gen­de Din­ge zu. Ich glau­be, ich ha­be dir noch nicht er­zählt, daß sie jetzt spricht, nicht wahr? Aber seit ei­ni­ger Zeit tut sie das. Sie sagt, daß sie glück­lich sei und daß es nicht mehr lan­ge dau­ern wür­de, bis sie al­les hät­te, was sie woll­te …«

Sei­ne Stim­me brach ab. Ich konn­te ge­ra­de noch recht­zei­tig auf­sprin­gen, um ihn auf­zu­fan­gen. Sein Kör­per hing kalt und schlaff in mei­nen Ar­men. Er war leicht. Viel zu leicht. Joe El­li­ot muß­te un­heim­lich viel Ge­wicht ver­lo­ren ha­ben. Aber das war wohl nicht das ein­zi­ge, was er ver­lo­ren hat­te.

Wahr­schein­lich hät­te ich ihn wie­der zu sich brin­gen kön­nen, aber ich un­ter­ließ es und glau­be, daß ich ihm da­mit einen weit grö­ße­ren Ge­fal­len tat. Ich trug ihn zum Bett und half ihm aus den Klei­dern. Als ich ihm den Schlaf­an­zug über­streif­te, hat­te ich nicht das Ge­fühl, einen Mann, son­dern ei­ne Klei­der­pup­pe an­zu­zie­hen. Nach­dem ich ihn zu­ge­deckt hat­te, ließ ich ihn al­lein. Er wür­de jetzt tief und fest schla­fen. Kein Schat­ten wür­de sei­nen Schlaf stö­ren.

Wäh­rend Joe schlief, ver­such­te ich, dem Ge­heim­nis auf die Spur zu kom­men. Weil Don­na mei­ne Schwes­ter war, die ich ge­liebt hat­te, und weil Joe El­li­ot mein bes­ter Freund war, muß­te ich ein­fach die Lö­sung fin­den.

Wenn Pa­tridge nur noch am Le­ben wä­re! Wenn ich mit ihm re­den könn­te! Dann wüß­te ich, was er von den Wahn­vor­stel­lun­gen mei­nes Freun­des ge­hal­ten hat­te. Nach acht Mo­na­ten müß­te sich ein Psych­ia­ter wie Pa­tridge ein ge­nau­es Bild ge­macht ha­ben … Der nächs­te Ge­dan­ke traf mich wie ein Peit­schen­hieb. Ich duck­te mich. »Nein«, mur­mel­te ich dann be­stürzt vor mich hin, »nein, das kann nicht sein.«

Ob­wohl ich mir die­ses ›Nein‹ im­mer wie­der sag­te, rief ich ei­ne Ta­xe, ließ mich in die Re­dak­ti­on fah­ren und hol­te mir das gan­ze Ma­te­ri­al über Pa­tridges Selbst­mord aus dem Ar­chiv.

Nach­dem ich al­les ge­le­sen hat­te, fuhr ich zur Po­li­zei, um mir dort den Be­richt über die Lei­chen­schau zei­gen zu las­sen.

Ich stell­te kei­ne be­son­de­ren Fra­gen, und ich ver­fiel in kei­ne aus­ge­spro­che­ne De­tek­tiv-Tä­tig­keit. Das liegt mir nicht. Aber nach Durch­sicht der ge­sam­ten Un­ter­la­gen kam ich zu der­sel­ben An­sicht wie Joe El­li­ot: Pa­tridge war nicht aus dem Fens­ter ge­sprun­gen, son­dern er war hin­aus­ge­sto­ßen wor­den!

Ich weiß nicht, wie­so ich zu die­ser Über­zeu­gung kam, denn es gab nicht den ge­rings­ten greif­ba­ren Be­weis da­für; die Be­rich­te wie­sen kei­ne Lücke, kei­nen Wi­der­spruch auf. Ich las al­les wie­der und wie­der durch. In stun­den­lan­ger Klein­ar­beit setz­te ich ein Mo­sa­ik zu­sam­men. Als das Bild end­lich fer­tig war, brach ei­ne Welt für mich zu­sam­men.

Ich weiß nicht, wie lan­ge ich ziel­los durch die Stra­ßen ge­gan­gen war, bis ich schließ­lich in Smit­ty’s Bier­stu­be lan­de­te. Dort schüt­te­te ich ei­ni­ge har­te Drinks in mich hin­ein. Ich re­de­te mit kei­nem Men­schen. Ich hät­te auch nicht ge­wußt, mit wem ich jetzt re­den soll­te – auf al­le Fäl­le ganz ge­wiß nicht mit der Po­li­zei oder dem Staats­an­walt. Sie hät­ten mir auch nicht hel­fen kön­nen, denn ich hat­te kei­ne Be­wei­se. Dar­über hin­aus muß­te ich Joe El­li­ot ei­ne Chan­ce las­sen.

Denn es exis­tier­te im­mer noch ein schat­ten­haf­ter Zwei­fel, ein Schat­ten na­mens Don­na, der wie­der er­schei­nen könn­te. Viel­leicht wür­de Don­na schon heu­te nacht kom­men, aber so lan­ge konn­te ich nicht war­ten.

Es war schon reich­lich spät, als ich mich wie­der auf den Weg zu El­liots Woh­nung mach­te. Ich wünsch­te fast, ich wür­de ihn noch schla­fend vor­fin­den. Aber dann rich­te­te ich mich ent­schlos­sen auf: Ich wuß­te, daß ich noch heu­te mit Joe spre­chen muß­te.

Mei­ne Schrit­te wur­den im­mer lang­sa­mer, je wei­ter ich die Trep­pen hoch­stieg. Ei­ne Stim­me in mir sag­te ›Laß ihn schla­fen‹ und ei­ne an­de­re for­der­te ›Klin­ge­le‹. Ich wur­de von die­sem Laß ihn schla­fen Klin­ge­le Laß ihn schla­fen Klin­ge­le hin und her ge­ris­sen. Es zerr­te an mei­nen Ner­ven.

Aber die Ent­schei­dung wur­de mir ab­ge­nom­men. Als ich vor der Woh­nungs­tür stand, öff­ne­te sie sich, und Joe El­li­ot stand mir ge­gen­über.

Er war al­so wie­der auf­ge­wacht. Ich wuß­te nicht, ob er schon wie­der zur Fla­sche ge­grif­fen hat­te oder nicht. Sei­nem Aus­se­hen nach hät­te man an­neh­men kön­nen, er hät­te Strych­nin ge­schluckt, und sei­ne Stim­me glich ei­nem Reib­ei­sen.

»Komm rein«, krächz­te er. »Ich woll­te ge­ra­de fort­ge­hen.«

»Im Schlaf­an­zug?«

»Ich ha­be einen Auf­trag …«

»Das hat Zeit«, sag­te ich.

»Ja, na­tür­lich«, mur­mel­te er und führ­te mich ins Wohn­zim­mer. »Setz dich, ich freue mich, daß du da bist.«

Ich setz­te mich. Aber mei­ne Hän­de um­klam­mer­ten die Arm­leh­nen, da­mit ich im Not­fall rasch auf­sprin­gen könn­te. Ich war­te­te mit dem, was ich zu sa­gen hat­te, bis er eben­falls Platz ge­nom­men hat­te.

»Viel­leicht freust du dich nicht mehr so, wenn ich dir sa­ge, wes­halb ich her­ge­kom­men bin.«

»Schieß los, egal, was es ist.«

»Das ist gar nicht egal, Joe. Ich möch­te, daß du mir ge­nau zu­hörst. Es ist wich­tig.«

»Nichts ist wich­tig.«

»Das wird sich her­aus­stel­len. Ich ha­be mich heu­te nach­mit­tag, nach­dem ich von dir weg­ge­gan­gen bin, ein we­nig mit dem Fall be­faßt. Un­ter an­de­rem ha­be ich den Be­richt von der Lei­chen­schau ge­le­sen. Nach al­le­dem muß ich mich dei­ner Mei­nung an­schlie­ßen: Pa­tridge ist aus dem Fens­ter ge­sto­ßen wor­den.«

Er horch­te auf. Der apa­thi­sche Aus­druck in sei­nem Ge­sicht wich ei­ner Spur von In­ter­es­se. »Dann hat­te ich al­so recht, nicht wahr?« be­gann er. »Sie hat ihn aus dem Fens­ter ge­sto­ßen. Wel­chen Be­weis hast du –«

Ich schüt­tel­te den Kopf. »Ich ha­be gar kei­nen Be­weis ge­fun­den. Ich woll­te mich le­dig­lich über den bis­her be­kann­ten Tat­be­stand aus­führ­lich in­for­mie­ren und se­hen, ob er mit mei­ner ei­ge­nen Theo­rie über den Fall über­ein­stimmt. Und er stimmt über­ein.« Ich sprach sehr lang­sam und be­däch­tig. »Einen be­stimm­ten Teil des Be­rich­tes ha­be ich be­son­ders auf­merk­sam ge­le­sen, Joe. Und zwar dei­ne ei­ge­ne Aus­sa­ge über den Be­such bei Dr. Pa­tridge an dem Tag, als er aus dem Fens­ter stürz­te. Die­se gan­ze Ge­schich­te, daß du nicht den Fahr­stuhl be­nutzt hast, weil er ge­ra­de be­setzt war, du es aber ei­lig ge­habt hast, wie­der in die Re­dak­ti­on zu kom­men. Und wei­ter, daß du dann doch nicht in die Re­dak­ti­on ge­fah­ren bist, weil dir ein­ge­fal­len ist, daß du dei­nen Hut bei Pa­tridge ver­ges­sen hast; und daß du wie­der die Trep­pe be­nutzt hast, um dei­nen Hut zu ho­len. Und wie du ge­ra­de in dem Au­gen­blick in das Sprech­zim­mer ge­kom­men bist, als sie aus dem Fens­ter, aus dem Pa­tridge ge­sprun­gen war, hin­aus­schau­ten.

Ich ha­be al­les ganz ge­nau ge­le­sen, Joe. Auch dei­ne Schil­de­rung von dei­nem letz­ten Be­such bei Pa­tridge. Du hast aus­ge­sagt, daß Pa­tridge an die­sem Nach­mit­tag einen sehr er­regten Ein­druck ge­macht hät­te. Al­les schön und gut, Joe. Aber – ich war kein ge­wöhn­li­cher Le­ser.«

Er war jetzt mehr als in­ter­es­siert; er war wach­sam.

»Sie ha­ben dir ganz schön zu­ge­setzt, nicht wahr, Joe? Sie woll­ten dir dei­ne klei­ne Ge­schich­te nicht ab­kau­fen, wie? Aber sie konn­ten dir nichts an­ha­ben, denn sie hat­ten kei­ne Be­wei­se, im Ge­gen­teil, dei­ne Aus­sa­ge sprach eher für einen Selbst­mord Pa­tridges. Denn du hast er­klärt, daß Pa­tridge an die­sem Nach­mit­tag krib­be­lig und ner­vös war und im­mer­fort aus dem Fens­ter blick­te, und du hast aus­führ­lich be­schrie­ben, wie un­aus­ge­gli­chen er wäh­rend der letz­ten Wo­chen ge­we­sen war.

Die Po­li­zei mag sich mit die­ser Aus­sa­ge zu­frie­den­ge­ge­ben ha­ben – aber ich nicht! Die Ge­schich­te hat einen Ha­ken und ist ir­gend­wie un­voll­kom­men, denn du hast der Po­li­zei ge­gen­über mit kei­ner Sil­be den Schat­ten er­wähnt. Du hast et­was völ­lig an­de­res ge­sagt.«

Er schlug mit der ge­ball­ten Faust auf den Tisch. »Men­schens­kind – na­tür­lich ha­be ich de­nen et­was an­de­res ge­sagt. Ich konn­te schlecht das er­zäh­len, was ich dir ge­sagt ha­be. Sie hät­ten mich für ver­rückt ge­hal­ten.«

»Aber du warst ver­rückt, Joe. Sonst hät­test du mir nicht ei­ne Ge­schich­te auf­ge­tischt, de­ren wah­ren Sinn ich frü­her oder spä­ter her­aus­fin­den muß­te. Ich weiß jetzt, daß Pa­tridge nicht frei­wil­lig aus dem Fens­ter ge­sprun­gen ist, son­dern hin­aus­ge­sto­ßen wor­den ist! Ich weiß auch von wem – von dir!«

Aus Joe El­liots Mund kam ein Rö­cheln. Es klang wie: »Warum?«

»Ich wünsch­te, ich wüß­te das. Aber ich weiß es nicht. Ich kann es nur ver­mu­ten. Ich glau­be, daß an dei­ner Ge­schich­te, daß sich Pa­tridge vor ei­nem Schat­ten ge­fürch­tet hat, kein Wort wahr ist. Ich glau­be eher, daß du der­je­ni­ge warst, der Angst ge­habt hat, weil Pa­tridge von Sit­zung zu Sit­zung ei­nem Ge­heim­nis nä­her­kam, das du nicht preis­ge­ben woll­test. Du woll­test et­was ver­ber­gen, aber es ge­lang dir nicht. Es muß­te et­was sein, was Pa­tridge als pro­fes­sio­nel­ler Ana­ly­ti­ker so­wie­so her­aus­ge­fun­den hät­te. Ich neh­me an, daß er es an je­nem Nach­mit­tag her­aus­ge­fun­den hat­te oder zu­min­dest kurz da­vor­stand. Als dir das zum Be­wußt­sein kam, pack­te dich ei­ne pa­ni­sche Angst. Es gab nur ei­ne Mög­lich­keit: Du muß­test ihn mund­tot ma­chen.«

»Klu­ges Kind. Sprich dich nur aus«, krächz­te El­li­ot.

»Das wer­de ich auch tun, Joe. Ich weiß, daß du nicht ver­rückt bist, und ich bin si­cher, daß du es nie­mals warst. Du hast die gan­ze Zeit über Thea­ter ge­spielt. Aber du bist auch nicht der Mensch, der oh­ne wei­te­res einen an­de­ren um­bringt. Wenn du so et­was ge­tan hast, dann mußt du schwer­wie­gen­de Grün­de da­für ge­habt ha­ben. Pa­tridge muß­te et­was über dich her­aus­ge­fun­den ha­ben, das un­ter gar kei­nen Um­stän­den be­kannt wer­den durf­te; et­was, des­sen Ge­heim­hal­tung für dich le­bens­wich­tig ist.«

»Das wä­re zum Bei­spiel?«

»Zum Bei­spiel die Tat­sa­che, daß du mei­ne Schwes­ter ge­tö­tet hast!« Die Wor­te hin­gen im Raum und hall­ten von den Wän­den wi­der. Sie tra­fen sein Ge­sicht und ver­zerr­ten es zu ei­nem krampf­haf­ten Grin­sen.

»Na schön«, brach­te er müh­sam her­vor, »dann weißt du es eben.« Ich at­me­te schwer. »Al­so stimmt es …«

»Na­tür­lich stimmt es!« stieß er hef­tig her­vor. »Aber was du nicht wis­sen kannst, ist das Warum. Du weißt nichts – und du bist ihr ei­ge­ner Bru­der. Wie kann ich da er­war­ten, daß mich ir­gend­ein Frem­der, der es nie mit­er­lebt hat, ver­steht? Ich mei­ne, wie Don­na wirk­lich war … die Art, wie sie ver­such­te, ih­re Kral­len um mich zu klam­mern, mich hin­ab­zog, wie sie ver­such­te, von mir mit Haut und Haa­ren Be­sitz zu er­grei­fen, oh­ne mich einen Au­gen­blick zur Be­sin­nung kom­men zu las­sen …

Na­tür­lich ha­be ich sie ge­liebt. Sie wuß­te, wie sie einen Mann da­zu bringt, sie zu lie­ben. Sie ver­stand es meis­ter­haft, das Feu­er zu schü­ren. Je­der Mann, dem sie ih­re Gunst schenk­te, muß­te nach ihr ver­rückt sein. Ihr be­lieb­tes Ar­me­aus­stre­cken war nur der An­fang. Aber sie be­gnüg­te sich nicht da­mit, mich in die­ser Hin­sicht zu be­sit­zen. Sie woll­te al­les ha­ben. Sie for­der­te je­de Mi­nu­te, je­den Au­gen­blick, je­den Ge­dan­ken. Sie be­gann mich zu be­ar­bei­ten und ver­such­te, mir all die Din­ge auf­zu­zwin­gen, die ich im­mer ge­haßt ha­be. Ich wuß­te ge­nau, was mir be­vor­stand: das Le­ben ei­nes Skla­ven. Ein Skla­ve für ihr Haus und ih­re Kin­der und ih­re Zu­kunft.«

Als er er­schöpft in­ne­hielt, frag­te ich: »Warum hast du nicht mit ihr Schluß ge­macht? Warum hast du die Ver­lo­bung nicht auf­ge­ho­ben?«

Er stöhn­te. »Ich ha­be es ver­sucht. Glaubst du wirk­lich, daß ich es nicht ver­sucht hät­te? Aber da kennst du Don­na schlecht. Sie dach­te gar nicht dar­an, mich frei­zu­ge­ben. Sie war schon zu Leb­zei­ten ei­ne Dä­mo­nin, ei­ne He­xe mit ge­heim­nis­vol­len Zau­ber­kräf­ten. Ih­re Kral­len hiel­ten mich fest.

Ich konn­te ihr nicht ent­rin­nen. Ich kann mir nicht hel­fen, aber ir­gend et­was ging von ihr aus, ir­gend­ei­ne ge­heim­nis­vol­le Macht, der ich mich nicht ent­zie­hen konn­te. Denn wenn sie in mei­nen Ar­men lag, konn­te ich nicht von ihr los­kom­men, weil ich es dann auch nicht mehr woll­te.

Aber so­bald ich wie­der al­lei­ne war, hat­te ich nur den einen Wunsch, mich so schnell wie mög­lich von ihr zu tren­nen. Du kannst es nicht wis­sen, aber am Tag, als die Par­ty statt­fand, woll­te ich die Stadt auf Nim­mer­wie­der­sehn ver­las­sen. Doch Don­na er­tapp­te mich. Das wä­re An­laß für ei­ne Sze­ne ge­we­sen. Doch Don­na mach­te nie­mals Sze­nen. Sie über­schüt­te­te mich mit Lie­be. Drücke ich mich klar ge­nug aus?«

Ich nick­te.

»Da­nach wur­de mir übel. Nicht kör­per­lich übel – das wä­re nicht so schlimm ge­we­sen. Es war ein Ge­dan­ke, der mei­ne Übel­keit er­reg­te; die Ge­wiß­heit, daß es für al­le Zei­ten so blei­ben wür­de: Ich wür­de ver­su­chen, von ihr los­zu­kom­men, und sie wür­de mich fest um­klam­mern. Ich wür­de bis an das En­de mei­ner Ta­ge den Zau­ber­kräf­ten ei­ner He­xe un­ter­lie­gen – es sei denn, es ge­län­ge mir, sie los­zu­wer­den.«

Er schwieg und ver­grub sein Ge­sicht in den Hän­den. Nach ei­ner Wei­le rich­te­te er sich ent­schlos­sen auf und fuhr has­tig fort: »Es war dann al­les sehr ein­fach. Ich wuß­te ge­nau, hin­ter wel­cher Kur­ve der Stra­ße die Schlucht lag. Der Schrau­ben­schlüs­sel war im Hand­schuh­fach. Wir sind sehr spät von dir weg­ge­fah­ren. Die Stra­ße war wie aus­ge­stor­ben. Als wir zu der Schlucht ka­men, schlug ich Don­na vor, ein we­nig zu par­ken und den Mond an­zu­schau­en. Ich wuß­te, daß Don­na ei­nem sol­chen Vor­schlag be­geis­tert zu­stim­men wür­de. Dann – dann – ha­be ich sie er­schla­gen.«

Er hol­te tief Luft, ehe er fort­fuhr. »Da­nach ha­be ich die Brem­sen ge­lo­ckert, bin aus­ge­stie­gen und ha­be den Wa­gen auf den Ab­grund zu­rol­len las­sen … Dann bin ich hin­un­ter­ge­klet­tert und ha­be die an­ge­schla­ge­ne Wind­schutz­schei­be völ­lig zer­trüm­mert. Als das al­les ge­tan war, kroch ich in den Wa­gen und schnitt mir mit ei­ner der Scher­ben die Stirn auf. Ich brauch­te spä­ter kei­nen Schock vor­zutäu­schen. Doch mein Schock hat­te mehr Ähn­lich­keit mit ei­nem er­leich­ter­ten Auf­at­men, denn der Po­li­zei­arzt stell­te fest, daß sie wirk­lich tot war.«

Ich schau­te lan­ge auf mei­ne Hän­de, die in mei­nem Schoß la­gen, ehe ich lang­sam den Blick hob. »Und Pa­tridge war im Be­griff, all das her­aus­zu­fin­den, nicht wahr?« frag­te ich. »Er hat dir si­cher auf den Kopf zu­ge­sagt, daß dein gan­zes Ge­re­de von dem Schat­ten nichts wei­ter als ein Hirn­ge­spinst sei, das aus dei­nem Schuld­kom­plex her­aus ent­stan­den ist. Dein Schuld­ge­fühl mir ge­gen­über war am größ­ten. Des­halb war ich auch der ers­te, dem du das Mär­chen auf­ge­tischt hast. Aber nach und nach wur­de das Mär­chen bei dir zur fi­xen Idee, zur ech­ten Wahn­vor­stel­lung, und du bist zu Pa­tridge ge­gan­gen. Aber er konn­te dich von dem Alp­traum nicht be­frei­en, weil du ihm nicht sa­gen woll­test, aus wel­chem Grund die­ser Wahn ent­stan­den war. Aber Pa­tridges be­ruf­li­cher Ehr­geiz war ge­weckt. Er woll­te den Din­gen auf den Grund ge­hen. Er kam der Lö­sung so na­he, daß es ge­fähr­lich wur­de. Für dich – und für ihn. Und als dir das deut­lich zum Be­wußt­sein kam, hast du ihn um­ge­bracht.«

»Nein.«

»Warum strei­test du das ab? Du hast mir ge­gen­über schon einen Mord zu­ge­ge­ben. Al­so –«

»Es war kein Mord, Don­na zu tö­ten«, sag­te er. »Das war ba­re Selbst­ver­tei­di­gung. Das ist vor­bei. Aber mit Pa­tridges Tod ha­be ich nichts zu tun. Ich nicht. Es ist mir gleich­gül­tig, was du denkst: Aber sie hat es ge­tan!

Ich ha­be dir er­zählt, daß sie ihn Nacht für Nacht auf­ge­sucht hat. Sie hat ihn ge­quält und an den Rand ei­nes Ner­ven­zu­sam­men­bruchs ge­bracht. Sie woll­te ihn da­zu brin­gen, daß er frei­wil­lig aus dem Fens­ter springt.

Als es mir Pa­tridge an je­nem Nach­mit­tag be­rich­te­te, war ich mit mei­nen Ner­ven am En­de. Ich war be­reit, ihm al­les zu er­klä­ren. Ich woll­te ihm die Wahr­heit über den Schat­ten und über mich sa­gen.

Ich weiß noch ge­nau, wie sich Pa­tridge über mich beug­te und mich nach Ein­zel­hei­ten über den Un­fall be­frag­te. Aber ehe ich spre­chen konn­te, ehe ich das sa­gen konn­te, was ich end­lich los­wer­den muß­te, nahm sein Ge­sicht einen ver­wun­der­ten Aus­druck an, und er rich­te­te sich auf. Mei­ne Au­gen folg­ten sei­ner Blick­rich­tung, und ich sah, daß sie da war. Don­na, der Schat­ten! Aber es war kein Schat­ten an der Wand. Der Schat­ten be­fand sich mit­ten im Raum. Er be­weg­te sich auf Pa­tridge zu und um­klam­mer­te sei­nen Arm. Pa­tridge woll­te schrei­en, aber et­was ver­schwom­men Dunkles – ih­re Hand – leg­te sich auf sei­ne Lip­pen. Sei­ne Fü­ße schlurf­ten über den Tep­pich, als sie ihn zum Fens­ter zerr­te. Er mach­te einen ver­zwei­fel­ten Ver­such, sich am Fens­ter­rah­men fest­zu­hal­ten, doch der Schat­ten war stär­ker. Und der Schat­ten lach­te. Der Schat­ten lach­te.

Das La­chen war so laut, daß es die ent­setz­ten Schreie des Man­nes, der tiefer und tiefer stürz­te, über­tön­te …«

Joe hol­te tief Luft, ehe er fort­fuhr: »Es ist scha­de, daß du nicht et­was frü­her ge­kom­men bist. Dann hät­test du sie se­hen kön­nen und wür­dest mir glau­ben. Sie kam kurz vor dir und hat mich auf­ge­weckt. Sie sag­te, daß sie ei­ne Über­ra­schung für mich hät­te und ich soll­te zum – da­hin ge­hen. Sie woll­te mir et­was zei­gen. Ich konn­te mir zu­erst über­haupt nicht vor­stel­len, was sie mei­nen könn­te. Aber jetzt weiß ich es. Weißt du, ich ha­be an­ge­fan­gen, nach­zu­rech­nen, und – aber was re­de ich da! Das kannst du nicht ver­ste­hen. Du wür­dest mich aus­la­chen. Selbst wenn ich dich mit­näh­me, wür­dest du nur la­chen …«

»Wie du siehst, Joe, la­che ich nicht«, sag­te ich mit ei­ner Stim­me, die nicht mei­ne ei­ge­ne zu sein schi­en.

»Da tust du auch gut dar­an«, mur­mel­te Joe. »Du wür­dest sonst ihr Miß­fal­len er­re­gen. Und sie wür­de es nicht dul­den, wenn ihr ir­gend je­mand im We­ge steht. Sie ist jetzt so stark … stär­ker als ir­gend je­mand … Ich wer­de das tun, was sie for­dert. Denn jetzt, wo sie einen ech­ten An­spruch auf mich hat, kann sie nichts auf­hal­ten.«

Ich sprang auf. »Na­tür­lich kann sie et­was auf­hal­ten! Und du weißt auch ge­nau, was.«

»Willst du da­mit sa­gen, daß du in­zwi­schen an Geis­ter­be­schwö­rung glaubst?«

»Joe«, sag­te ich ein­dring­lich, »du bist schon auf dem bes­ten We­ge, von ihr be­freit zu wer­den. Da­durch, daß du es mir ge­stan­den hast, hat sie be­reits einen Teil ih­rer Macht über dich ver­lo­ren. Wahr­schein­lich hät­test du sie für im­mer ver­bannt, wenn du Pa­tridge die Wahr­heit ge­sagt hät­test, denn Pa­tridge stell­te für dich ei­ne Au­to­ri­tät dar. Das ist die Lö­sung für dich. Du mußt es ei­ner maß­ge­ben­den Be­hör­de be­rich­ten. In dem Au­gen­blick, in dem das ge­sche­hen ist, wer­den dei­ne Schuld-kom­ple­xe und so­mit der Schat­ten ver­schwun­den sein. Es wird dir wie­der ein­fal­len, was wirk­lich mit Pa­tridge pas­siert ist. Und so­bald du ih­nen al­les ge­sagt hast und sie sich ein ge­nau­es Bild von der Si­tua­ti­on ma­chen kön­nen, stellst du einen An­trag auf Ge­wäh­rung mil­dern­der Um­stän­de. Ich wer­de al­les tun, was in mei­ner Macht steht, um dir zu hel­fen. Es gibt in der Stadt einen An­walt, der …«

Jetzt sprang El­li­ot eben­falls auf. »Ich ver­ste­he!« schnaub­te er. »Du willst dich um mich küm­mern, weil ich un­zu­rech­nungs­fä­hig bin! Und du willst, daß al­le an­de­ren das glei­che den­ken! Viel­leicht willst du mir aber nur hel­fen, weil du Angst hast, sie könn­te ei­nes Ta­ges hin­ter dir her sein. Kei­ne Ban­ge! Sie wird dir nichts tun – es sei denn, du stellst dich ihr in den Weg. Ich bin der­je­ni­ge, den sie ha­ben will, und ich wer­de zu ihr ge­hen. Ich möch­te se­hen –«

»Hör mir zu, Joe«, be­gann ich, aber er hör­te mir nicht zu.

Er fuhr plötz­lich mit ei­ner ra­schen Hand­be­we­gung über den Tisch und lang­te nach der halb­lee­ren Fla­sche. Er hob sie hoch und zer­schmet­ter­te sie auf der Tisch­plat­te. Dann trat er rasch einen Schritt vor­wärts und schwang die glit­zern­de Waf­fe.

Das Gan­ze ging so schnell vor sich, daß ich nicht in der La­ge war, mich zu rüh­ren oder et­was zu sa­gen.

Joe El­li­ot stand mit­ten im Zim­mer und fuch­tel­te wild mit dem zer­bro­che­nen Fla­schen­hals.

»Ich muß dich lei­der auf­for­dern, zu ge­hen«, sag­te er. »Und ich wür­de dir ra­ten, so­fort zu ver­schwin­den – be­vor es für dich zu spät ist.«

Er trat einen Schritt auf mich zu. Als ich jetzt wie­der das ver­zerr­te Grin­sen auf sei­nem Ge­sicht be­merk­te, wich ich zwei Schrit­te zu­rück.

»Ich bin der­je­ni­ge, den sie ha­ben will«, krächz­te er. »Und sie wird mich be­kom­men! Du kannst mich nicht zu­rück­hal­ten. Es hät­te kei­nen Sinn, zur Po­li­zei zu ge­hen, denn die könn­ten mich auch nicht zu­rück­hal­ten. Sie wür­de es nicht zu­las­sen.«

Ob­wohl ich einen Wahn­sin­ni­gen vor mir hat­te, des­sen Hand ei­ne zer­bro­che­ne Fla­sche um­klam­mer­te, hät­te ich mich jetzt, in die­sem Au­gen­blick, auf ihn stür­zen sol­len. Ich fra­ge mich oft, was ge­sche­hen wä­re, wenn ich es ge­tan hät­te.

Aber ich tat es nicht.

Ich dreh­te mich um und fing an zu ren­nen. Ich has­te­te aus der Woh­nung, stol­per­te die Trep­pen hin­un­ter, ras­te durch die Hal­le und stürz­te auf die Stra­ße. Da­bei re­de­te ich mir un­un­ter­bro­chen ein, daß ich kei­ne Angst hät­te, son­dern le­dig­lich schnell Hil­fe her­bei­schaf­fen woll­te. Die­ser Fall war jetzt Sa­che der Po­li­zei.

Zwei Stra­ßen­e­cken wei­ter ent­deck­te ich ei­ne Te­le­fon­zel­le.

Ich schät­ze, es moch­ten nicht mehr als fünf Mi­nu­ten ver­gan­gen sein, bis ich mich wie­der vor Joe El­liots Haus be­fand und sah, wie ein Strei­fen­wa­gen der Po­li­zei vor­fuhr. Aber sie ka­men zu spät.

Joe El­li­ot war ver­schwun­den.

Sie fuh­ren un­ver­rich­te­ter­din­ge wie­der ab und be­gan­nen mit der Su­che. Au­ßer­dem ga­ben sie ei­ne ent­spre­chen­de Mel­dung an ei­ni­ge an­de­re Strei­fen­wa­gen durch. Man soll­te mei­nen, daß sich ein Mann, der nur mit ei­nem Py­ja­ma be­klei­det war, in den aus­ge­stor­be­nen Stra­ßen sehr schnell fin­den las­sen soll­te.

Aber er war wie vom Erd­bo­den ver­schluckt.

Nach ei­ner Wei­le hielt ich es nicht län­ger aus und sag­te ih­nen, wel­chen Weg er mei­ner Mei­nung nach ein­ge­schla­gen ha­ben müß­te. Der Fah­rer warf mir einen ei­gen­tüm­li­chen Blick zu, aber er sag­te nichts. Wir fuh­ren schwei­gend nach Fo­rest Hills.

Es war un­mög­lich, daß Joe El­li­ot in der kur­z­en Zeit die­se Stre­cke zu Fuß zu­rück­ge­legt hat­te. Er muß­te ein Au­to ge­stoh­len ha­ben – ob­wohl der Po­li­zei spä­ter nie der Ver­lust ei­nes Wa­gens ge­mel­det wur­de.

Joe war na­tür­lich auf dem Fried­hof. Wir fan­den ihn auf dem Grab. Er hat­te mit sei­nen Hän­den den dich­ten Ra­sen zer­wühlt und ein fünf­und­zwan­zig Zen­ti­me­ter tie­fes Loch in die stein­har­te Er­de ge­gra­ben, als ihn of­fen­sicht­lich der Schlag ge­trof­fen hat­te. So muß­te es wohl ge­we­sen sein, ob­wohl es nie ein­wand­frei fest­zu­stel­len war. Wie dem auch sei: Joe El­li­ot war tot.

Und ich war der­je­ni­ge, der die Fra­gen zu be­ant­wor­ten hat­te.

Ich ver­such­te es.

Aber es war nicht ein­fach.

Ich be­müh­te mich auf der einen Sei­te ehr­lich, al­le Fra­gen zu be­ant­wor­ten, ver­mied es aber auf der an­de­ren Sei­te ängst­lich, die ver­rück­ten, über­na­tür­li­chen Din­ge zu er­wäh­nen. Ich hü­te­te mich, et­was von Schat­ten und Dä­mo­nen, die stär­ker und stär­ker wer­den, zu er­zäh­len. Sie wa­ren es, die et­was von ei­ner Lie­be, die über das Grab hin­aus­reicht, mur­mel­ten. Sie ka­men zu die­ser Schluß­fol­ge­rung, wo­bei sie na­tür­lich dach­ten, daß er ver­sucht hat­te, zu ihr zu ge­lan­gen.

Ich er­wähn­te auch nichts von den Mor­den. Was hät­te es für einen Sinn ge­habt, die­se Ge­schich­te jetzt auf­zu­rol­len?

Viel­leicht kam ih­nen aber selbst der Ge­dan­ke, denn sie ent­schlos­sen sich, das Grab auf­zu­schau­feln und den Sarg zu öff­nen.

Wenn sie es nur nicht ge­tan hät­ten! Dann hät­te ich mei­ne Ge­schich­te auf­recht­er­hal­ten kön­nen und ich wä­re im­mer über­zeugt ge­we­sen, daß ich Joe und sei­ne Phan­ta­sie rich­tig ein­ge­schätzt hat­te.

Sie schau­fel­ten und ar­bei­te­ten sich durch die fes­te Er­de, die seit zehn Mo­na­ten von kei­nes Men­schen Hand be­rührt wor­den war.

Als sie den Sarg ge­öff­net hat­ten, un­ter­such­ten sie Don­na, oder das, was von ihr üb­rig­ge­blie­ben war, sorg­fäl­tig. Aber es lie­ßen sich kei­ne Merk­ma­le fin­den, die auf Mord schlie­ßen las­sen konn­ten. Es war nicht der ge­rings­te Be­weis vor­han­den.

Das wä­re noch er­klär­lich ge­we­sen. Aber es gab über­haupt kei­ne Er­klä­rung da­für, was sie noch in dem voll­stän­dig er­hal­te­nen, fest ver­schlos­se­nen Sarg fan­den. Ne­ben Don­na ruh­te der klei­ne Kör­per ei­nes Neu­ge­bo­re­nen. Er war so tot wie Don­na selbst.

Oder ge­nau­so le­ben­dig.

Ich kann es nicht so ge­nau sa­gen. Ich weiß es nicht. Ich weiß über­haupt nichts mehr.

Auf der Po­li­zei pras­sel­ten na­tür­lich die Fra­gen auf mich nie­der. Fra­gen, auf die es kei­ne Ant­wort gab – oder zu­min­dest kei­ne Ant­wor­ten, die sie ge­glaubt hät­ten.

Soll­te ich ih­nen viel­leicht sa­gen, daß Don­na so ver­ses­sen dar­auf war, Joe für sich zu ha­ben, daß selbst der Tod die­sem Ver­lan­gen kein En­de be­rei­te­te? Soll­te ich ih­nen sa­gen, daß sie vor ein paar Stun­den bei Joe er­schie­nen war und ihn mit stol­zer Stim­me auf­ge­for­dert hat­te, nach Fo­rest Hills zu kom­men, da­mit er sich ihr ge­mein­sa­mes Kind an­sä­he?

Ich konn­te es ih­nen nicht sa­gen. Ein­fach aus dem Grund, weil un­na­tür­li­che We­sen wie Dä­mo­ne und Geis­ter nicht exis­tie­ren. Und ein Schat­ten kann nicht spre­chen. Er kann sich nicht selb­stän­dig be­we­gen und die Ar­me aus­stre­cken. Oder viel­leicht doch?

Ich weiß es nicht.

Ich lie­ge jetzt im Bett. Die Fla­sche ne­ben mir ist leer, und ich star­re zur De­cke. Viel­leicht se­he ich einen Schat­ten. Oder meh­re­re Schat­ten …