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Am folgenden Morgen herrschte eine seltsame Stimmung im Büro des Mainmädchenteams.
An Kettler, dem Neuen, lag es nicht. Er redete viel, arbeitete wenig und hatte ausgezeichnete Laune, da es Freitag war und er sich schon aufs Wochenende freute.
Winter und Aksoy dagegen waren schweigsam und warfen sich Blicke zu. Der Mainmädchenfall war nun eine Woche alt. Und er sollte heute abgeschlossen werden. Die Woche war psychisch und physisch anstrengend gewesen; sowohl Winter als auch Aksoy hatten seit längerem keinen freien Tag gehabt, und allmählich machte sich eine gewisse Erschöpfung breit. Außerdem war heute Aksoys letzter Tag hier.
Am Abend würde unter Focks Leitung die Abschlussbesprechung im Fall Mainmädchen stattfinden. Winter hatte auch eine Einladung bekommen, als «stiller Teilnehmer» (so hatte es Hildchen, die Kommissariatssekretärin, ausgedrückt).
Winter war an diesem Freitagmorgen lange vor acht im Büro gewesen. Als Erster, absichtlich. Aus der Akte hatte er sich Selims vollen Namen und die Adresse besorgt. Beide hatte Sara gestern im Verhör preisgegeben. Winter hatte eine Suche bei POLAS gestartet, mit dem Ergebnis, dass der berüchtigte Selim bisher polizeilich wenig in Erscheinung getreten war. Einmal war er Zeuge in einer Diskothekenschlägerei. Beim Amtsgericht gab es einen Eintrag über einen Bußgeldbescheid wegen Medikamentenschmuggels aus der Türkei – Selim war am Flughafen mit sechs Päckchen Antibiotika erwischt worden. Aber das war bloß eine Ordnungswidrigkeit. Keine Straftaten, keine Gewaltdelikte.
Winters Gefühl allerdings sagte, dass es kein Zufall war, dass Selim an einer Mainbrücke wohnte und das Mainmädchen gekannt hatte. In der Nacht hatte sich bei ihm die Vorstellung verdichtet, das Mädchen sei nach dem mittäglichen Treffen mit Nino Benedetti in die Stadt gefahren und bei Selim aufgekreuzt. Schließlich brauchte sie einen Schlafplatz.
Da Aksoy noch nicht da war, schrieb Winter ihr eine Mail. Inhalt: Er empfehle, heute betreffs Mainmädchen noch Selim Okyay zu befragen. Sie solle auch noch einmal genau überprüfen, ob die Spuren an der Staustufe wirklich dafür sprachen, dass das Mädchen dort ins Wasser gekommen war. Er traue diesem Selim zu, dass der in Griesheim Spuren legte, um von sich abzulenken.
Aksoy warf Winter einen langen Blick zu, nachdem sie schließlich seine Mail gelesen hatte. Kettler mit seinem Lockenkopf plapperte fröhlich weiter und merkte nichts.
Aksoy sagte keinen Ton, aber schrieb zurück: «Beteiligung des Selim O. kommt mir unwahrscheinlich vor.»
Winter mailte ihr ärgerlich weitere Argumente. Benedetti hatte ausgesagt, er habe dem Mädchen zusammen mit dem Flugticket noch zweihundert Euro in bar ausgehändigt. Vielleicht wollte Selim an das Geld, und es war schlicht ein Raubmord gewesen. Bei Mord an Nicht-Familienmitgliedern war Habgier sowieso das häufigste Motiv.
«Herr Winter», sagte Aksoy über die Tische hinweg, nachdem sie gelesen hatte. «Raubmord ist eine gute Idee. Diesen Aspekt haben wir vernachlässigt. Aber was den Täter betrifft – also, es gibt eben Gründe, warum Menschen mit persönlicher Beteiligung von einem Fall abgezogen werden. Die Objektivität ist dann einfach nicht gegeben.»
«Na, vielen herzlichen Dank», sagte Winter. «Wie gut, dass Sie immer vollkommen objektiv urteilen. Dass die Serdaris unschuldig ist, das wissen Sie ja schon deshalb, weil Frauen grundsätzlich keine Täter sein können.»
Kettler, der schon sein zweites Brot aß (angeblich hatte er «ein Defizit aufzufüllen»), sah mampfend hoch. Neugierig blickte er durch den schwarzen Brillenrand erst Winter, dann Aksoy an und fragte:
«Sagt mal, warum siezt ihr euch eigentlich?»
«Das hat sich so ergeben», sagte Winter.
Und mit diesem unsensiblen Idioten Kettler sollte er nun jahrelang das Büro teilen. Da war ja die Aksoy besser.
Um zehn kam die Nachricht, die Leiche des vermissten Geschäftsmanns Konstantin Herbold sei bei Sindlingen angeschwemmt worden. Winter hatte gestern früh schon herausbekommen, dass die Firma des Mannes an einem Großauftrag des Kultusministeriums saß. Auf dieser Basis hatte Winter Fock überzeugt, dass die Computer und Akten aus dem Wohnhaus des Vermissten und aus seiner Firma gesichert werden mussten. Fock ließ seine Kontakte spielen. Die Leute vom Kommissariat für Wirtschaftskriminalität hatten dann gestern Nachmittag eine Razzia durchgeführt. Kartonweise Akten und Rechner waren sichergestellt worden und mussten bearbeitet werden. Winter selbst bekam eines von nicht weniger als fünf privaten Notebooks zugeteilt, die Konstantin Herbold gehört hatten. Winter hatte mal eine IT-Fortbildung gemacht, wo man lernte, gelöschte Daten auf der Festplatte Verdächtiger zu lesen. Deshalb bekam er solche Dinge häufig auf den Tisch, wenn die regulären Spezialisten überlastet waren.
Das Notebook war, wie ein Blick in die Log-Dateien zeigte, in letzter Zeit in Benutzung gewesen. Herbold gehörte erfreulicherweise zu den Leuten, die ihre Passwörter speichern ließen. Nachdem Winter das Notebook ans Netz angeschlossen hatte, bekam er ohne Probleme Zugang sowohl zu Bankdaten (Unsummen wurden da verschoben) als auch zu zwei Maildiensten. Gegen Mittag kam ihm die Schnapsidee, Herbold könnte weitere Mailadressen bei freien Webanbietern haben. Er rief einfach ein paar bekannte Seiten auf und versuchte ein Login. Tatsächlich tauchte ein weiteres Mailkonto mit anonymer Adresse auf.
Hier machte der Mailverkehr seinem Namen Ehre. Der letzte Austausch zwischen Herbold und einer anonymen weiteren Person («shyboy47») war eine Verabredung zum «Absamen» in einem Frankfurter Hotel. Und zwar dem Hotel, in dem der Kultusminister gestorben war, für genau den Abend seines Todes.
Als Winter das gelesen hatte, ließ er den Bildschirm, wie er war, und begab sich mit dem Gerät geradewegs zu Fock. Fock war begeistert. Seine Wangen nahmen die Farbe seiner Fliege an. Das war die erste brandheiße Spur im Fall Krawatte.
Nachdem Winter alle Mails des fraglichen Mailkontos gelesen hatte, war er überzeugt, dass es sich bei «shyboy 47» tatsächlich um den Kultusminister handelte und dass dessen Tod ein Unfall gewesen war. Die Experten für Wirtschaftskriminalität jedoch fanden in den Akten zum Großprojekt «NetSchool2050» schon bei kursorischer Prüfung so viele Ungereimtheiten, dass sie der Ansicht waren, es könne sich auch um gezielten Mord gehandelt haben, eine genutzte Gelegenheit, den Kultusminister zum Schweigen zu bringen. Bei der Staatsanwaltschaft entwickelte sich derweil Zwist und helle Aufregung, weil zumindest einer der Herren der Ansicht war, dass auch Akten im Kultusministerium gesichert werden müssten. Wie es schien, war der Auftrag zu dem Großprojekt nicht gerade an den billigsten Anbieter gegangen. Untreue im Amt stand im Raum.
Am Nachmittag wurde außerdem noch ein gewisser Kreppel verhaftet, ein Teilhaber von Herbolds Firma, der in den letzten Tagen per Lastschrift auf ein Konto Herbolds zugegriffen und riesige Transfers auf das eigene vorgenommen hatte. Nun war sogar unsicher, ob sie es nicht auch im Falle Herbolds mit einem Tötungsdelikt zu tun hatten. Aus der Gerichtsmedizin hieß es, Herbold habe zum Todeszeitpunkt einen Alkoholpegel von über drei Promille gehabt. Auf dem Gurt des Beifahrersitzes in Herbolds Wagen fanden sich Kreppels Fingerabdrücke. War Kreppel dabei gewesen, als der Betrunkene auf die Brücke fuhr und dort anhielt – möglicherweise weil ihm übel war? Hatte Kreppel dem Hilflosen die Beine weggezogen, als der sich über die Brüstung beugte?
Jetzt hatte Winter Kopf und Hände so voll mit der Sache Herbold/Kultusminister, dass er für das Mainmädchen kaum einen Gedanken erübrigen konnte. Zwischendurch bekam er mit, wie Aksoy Kettler erzählte, der Gentest aus Marl sei da, die Identität des Mainmädchens stehe endlich fest. Sie sei wirklich die vermisste Jessica Gehrig. Die Eltern würden jetzt wegen Kindesmisshandlung angeklagt. Doch so richtig drängte sich das Mainmädchen erst gegen vier wieder in Winters Bewusstsein. Da begann die Abschlussbesprechung.
Winter fühlte sich unvorbereitet. Was aber andererseits auch wieder egal war. Denn er war ja laut Hildchen nur als «stiller Teilnehmer» geladen.
Im kleinen Konferenzzimmer traf er Fock, die Herren Pietsch und Freimann vom Erkennungsdienst, den Staatsanwalt Nötzel sowie Aksoy und den fröhlichen, garantiert nur oberflächlich mit dem Fall vertrauten Kettler. Focks gepflegtes Silberhaar hatte nach den Aufregungen des Tages genau wie der Schnauz etwas an Form verloren. Sogar die rote Fliege saß schief. Er bat Nötzel, sich als Erster zu äußern.
«Wir müssen uns ja nun entscheiden», sagte der Staatsanwalt, «wen wir laufenlassen. Aus meiner Sicht müssen wir den Schriftsteller freilassen, und zwar heute noch. Ich hätte gern gewusst, was die ermittelnden Beamten davon halten.»
Aksoy machte große Augen. «Entschuldigung, Herr Nötzel. Aber nur weil der Mann nichts zugegeben hat, ist er noch lange nicht unschuldig.»
«Das mag ja sein. Aber die Geschichte, die er erzählt, ist den Umständen entsprechend glaubwürdig. Nach dem, was wir über die Geschädigte wissen, passt es ganz gut. Und Indizienbeweise haben wir keine.»
«Aber die haben wir doch gerade! Das Blut auf den Wolldecken! Wenn das kein Indiz ist!»
«Ein schwaches, Frau – äh …»
«Aksoy.»
«– ein schwaches. Das Mädchen hatte achtzehn Messerstiche im Bauch, einer davon traf die Aorta, sie muss also heftig geblutet haben. Auf der Decke befanden sich aber bloß kleinste Spuren von Blut, keine Sturzbäche. Und meines Wissens hat die Kriminaltechnik – Herr Pietsch, Herr Freimann?»
«Weitere Blutspuren auf dem ganzen Boot Fehlanzeige», erklärte Freimann. «Überhaupt haben wir bei der Durchsuchung praktisch nichts Verwertbares gefunden. Ein paar Haare und Fingerabdrücke des Opfers noch.»
«Was nicht weiterhilft», ergänzte Nötzel, «denn dass sie da war, gibt er ja zu.»
Aksoy sah enttäuscht drein, setzte dann neu an. «Aber diese Geschichte, sie hätte ihre Tage gehabt, die ist klar gelogen. Im Obduktionsbericht stand nichts von Menstruationsblut in der Scheide. Heute früh habe ich die Kollegen aus der Gerichtsmedizin gebeten, sie sollen doch die Blutprobe, die sie haben, mal auf die Hormonwerte untersuchen. Das Ergebnis hab ich schon. Die Geschädigte war in der Zyklusmitte, eindeutig nicht menstruierend.»
«Es gibt auch Zwischenblutungen», murmelte düster Fock, dem man solches Detailwissen über den weiblichen Körper nicht zugetraut hätte.
Nötzel schlug die Beine übereinander und redete weiter. «Also, Frau Aksoy, Sie haben sicher recht, dass Naumann gelogen hat, als er sagte, die Geschädigte hätte ihre Tage gehabt. Meine Meinung dazu ist, der hat eben nach einer Erklärung gesucht, die er uns präsentieren kann. In Wahrheit weiß der Mann selbst nicht, wo das Blut auf den Decken herkam. Wir wissen es aber, oder?»
«Wie meinen Sie das?»
«Im Obduktionsbericht ist von zahlreichen kleinen Schnittwunden auf den Armen die Rede, einige davon ganz frisch. Die Geschädigte wird sich geritzt haben, während sie allein in Naumanns Wohnzimmer war.»
«Ach, natürlich», seufzte Aksoy.
Winter war beeindruckt von Nötzel. Der Mann kannte die Akten, konnte denken.
«Na, dann ist ja alles klar», fasste fröhlich der kleine Kettler zusammen. «Ich mache mich dann jetzt auf die Socken, habe es heute leider, leider etwas eilig.» Ohne weitere Erklärung oder Entschuldigung verschwand er so beschwingt, dass seine braunen Locken wippten.
«Was meinen Sie denn?», wandte sich Nötzel jetzt an Winter. Also war er doch nicht nur stiller Teilnehmer.
Winter räusperte sich. «Ich gehe nach wie vor davon aus, dass die Serdaris die Tat begangen hat und Benedetti versucht, sie zu schützen. Er hat wahrscheinlich nur die Leiche beseitigt, oder sie haben das zusammen getan.»
«Wir haben aber kein einziges Szenario, das zu Serdaris als Täterin richtig passt», beschwerte sich die Aksoy. «Wir kennen ja nicht mal den Tatort.»
«Doch», sagte Nötzel. «Wir kennen ihn. Der Tatort war die Wohnung Serdaris/Benedetti. Gerade die Tatsache, dass Sie dort keinerlei Opferspuren gefunden haben, spricht dafür. So sorgfältig putzt man nur, wenn man Spuren beseitigen will.»
Winter wurde kalt. Keine Opferspuren in der Wohnung? Davon hörte er zum ersten Mal. Irgendwie hatte er diesen Fall nie richtig im Griff gehabt. Von Anfang an hatte ihn die Aksoy mit ihren wirren Ideen vom roten Faden abgelenkt. Und dann noch die Sache mit Sara …
Nötzel redete längst weiter.
«Es muss ungefähr so abgelaufen sein: Das Mädchen ging am Freitagnachmittag noch einmal zu dem Haus in der Haeussermannstraße, aus welchem Grund auch immer, und klingelte bei Serdaris/Benedetti. Die Serdaris war allein zu Haus. Sie öffnete und fasste spontan den Entschluss, die Konkurrentin mit Gewalt zu beseitigen. Sie tat freundschaftlich, ließ der Geschädigten Badewasser ein, setzte sich vielleicht im Bad zu ihr, damit sie die Tür nicht abschloss. Als das Mädchen wehrlos in der Badewanne lag, schlug die Serdaris unvermutet mit einem stumpfen Gegenstand zu. Der Gegenstand liegt wahrscheinlich heute auf dem Grund des Mains. Weil das Opfer nach dem Angriff noch atmete, holte die Täterin ein scharfes Küchenmesser und hieb es ihr immer wieder in den Bauch. Das Blut ließ sie mit viel Wasser in der Badewanne ablaufen. Am Ende packte sie die Tote in einen großen Müllsack. Das Mädchen war ja eher klein und wog nicht viel. Danach wusch die Serdaris noch einmal alles ab. Aber sie schaffte oder wagte es nicht, die Leiche bei Tageslicht zu beseitigen.
Als Nino Benedetti am Freitagnachmittag nach Hause kam, fand er seine Frau in hysterischem Zustand vor. Die Leiche lag noch im Bad, doch wahrscheinlich verpackt. Deshalb wusste Benedetti keine Details über die Todesart, sondern nahm einfach aufgrund der wirren Erzählung seiner Frau an, sie habe sie in der Wanne ertränkt. Er beschloss, bei der Vertuschung des Verbrechens zu helfen. In der folgenden Nacht ließen sich die beiden spät in einem Lokal sehen, um sich ein Alibi zu verschaffen. Gegen zwei Uhr nachts trugen sie die Leiche zum Main, entpackten sie auf der Brücke und warfen sie von der Staustufe ins Wasser.»
Winter schwieg beeindruckt. Natürlich! Alles passte ins Raster. Er fragte sich, warum ihm dieser Ablauf nicht gleich in den Sinn gekommen war. Nun fügte sich sogar das Detail ein, das ihn am Anfang an der Auffindesituation so irritiert hatte: nämlich die Tatsache, dass man das Mädchen auf der falschen Seite der Staustufe hatte ins Wasser fallen lassen. Dort, wo die Leiche nicht mainabwärts forttreiben konnte, sondern an der Staustufe hängen bleiben musste. Das ergab nur dann Sinn, wenn die Täter unterhalb der Staustufe wohnten. Wurde das Mädchen oberhalb angetrieben, würden die Ermittler die Täter mainaufwärts suchen, so wohl das Kalkül. Winter selbst hatte ja auch zunächst angenommen, dass Mädchen wäre flussaufwärts in der Stadt zu Tode gekommen. Nur die Tatsache, dass auf der Brücke kleinste Blutspuren gefunden worden waren, hatte die von den Tätern beabsichtigte Irreführung vereitelt und die Ermittlungen von Anfang an auf die Griesheimer Maingegend konzentriert.
Hätte er sich nicht so durch die Reibereien mit der Aksoy ablenken lassen, ihm wäre das aufgefallen: Nur Verdächtige mit Wohnsitz unterhalb der Staustufe würden so handeln. Das passte nicht auf Naumann, dessen Boot oberhalb lag und der die Leiche ganz gewiss auf die andere, ihm abgewandte Seite der Stauwehre hätte fallen lassen. Aber es passte auf Benedetti/Serdaris. Die Haeussermannstraße lag am westlichsten Ende Griesheims, etwa hundert Meter unterhalb der Staustufe.
Und natürlich hatte die Tat dort in der Wohnung stattgefunden. Winter fragte sich, warum er etwas nicht erkannt hatte, das die ganze Zeit so glasklar vor ihm lag. Die Serdaris hatte ja bei ihrer Geschichte nicht einmal gelogen. Sie hatte nur etwas ausgelassen. Sogar die Episode, wonach sie Benedetti am Freitagnachmittag panisch über die Schwiegermutter herbeigerufen hatte, dieser dann mit einem Taxi eingetroffen war und die Serdaris hysterisch weinend im Bett vorgefunden hatte – all das hatte wohl gestimmt. Nur die Leiche, die zu diesem Zeitpunkt in der Badewanne lag, die hatte sie nicht erwähnt.
Die glaubwürdigsten Lügen waren eben immer die, die viel echte Erinnerungen enthielten. Darin lag die Stärke von Serdaris’ Geschichte: Praktisch alles, was sie erzählt hatte, war wahr. Die Wahrhaftigkeit spürte man und verfiel dann in den Fehler, ihr in jeder Hinsicht zu vertrauen. Oder vielmehr: Unerfahrene Beamte wie die Aksoy verfielen in diesen Fehler. Zumal die Aksoy sowieso bei Frauen ihren blinden Fleck hatte.
Aksoy sah jetzt allerdings reichlich zerknirscht und erschrocken aus.
«Herr Nötzel, Sie sprechen mir aus der Seele», sagte Winter. «Darf ich Sie so verstehen, dass Sie die Serdaris verhaften lassen werden? Sie wissen ja, wäre es nach mir gegangen, hätten wir sie nie entlassen.»
«Ja, aber nicht sofort. Fluchtgefahr besteht ja nicht. Ich plane derzeit, sie Montag zu einem Gespräch zur Staatsanwaltschaft zu holen. Wenn ich sie dann damit konfrontiere, dass wir im Prinzip alles wissen …»
In Nötzels Sakko klingelte ein Handy.
Nötzel prüfte die Nummer des Anrufers. «Benedettis Anwalt», erläuterte er und ging dran.
Hasso Manteufel am anderen Ende sprach so laut, dass die Umsitzenden fast alles verstanden.
«Ja, hallo, Herr Nötzel. Ich bin gerade hier in der JVA bei Herrn Benedetti. Würden Sie bitte einen Wagen für meinen Mandanten schicken? Er will jetzt sofort sein Geständnis widerrufen. Der Anlass ist, dass ich ihm von seiner Frau ausgerichtet habe, dass sie die Tat definitiv nicht begangen hat. Mein Mandant wollte die ganze Zeit nur Frau Serdaris schützen. Aber ich denke, dass Ihnen das ohnehin klar war.»
Nötzel sah unterm rötlich grauen Bürstenschnitt entnervt drein.
«Wissen Sie was, Herr Manteufel?», sagte er gereizt ins Handy. «Wir hatten hier alle eine harte Woche. Ich habe zwanzig Fälle gleichzeitig zu bearbeiten, und die Kollegen von der Kripo haben auch noch zwei, drei andere Kleinigkeiten zu tun, als Ihnen zu Diensten zu sein. Wenn Ihr Herr Benedetti uns eine Woche lang Lügengeschichten auftischt und dann am Freitagabend auf die glorreiche Idee kommt, dass er alles widerrufen will, dann wird er sich leider bis Montag damit gedulden müssen. Nicht wahr. Jawohl. Und falls Sie glauben, dass der Herr Benedetti Montag als Erstes auf die Tagesordnung kommt: Der Tag ist schon verplant. Wir müssen sehen, ob und wann wir Ihren Mandanten dazwischenschieben können. Ansonsten wird es Dienstag. Ich wünsche ein schönes Wochenende. Auf Wiederhören.»
«Frechheit», kommentierte Nötzel, während er das Handy wegsteckte. «Der Manteufel ist mir sowieso ein Dorn im Auge. Der hat sich die Unterschrift für die Akteneinsicht über Vitamin B besorgt. Aalglatter Typ. Verteidigt sonst Steuersünder und Veruntreuer.»
«Ähm», meldete sich Aksoy. «Also, dass passt doch jetzt eigentlich nicht zur These von Serdaris’ Schuld, oder? Dass sie ihm ausrichten lässt, sie wäre es nicht gewesen, und dann widerruft er? Wenn es stimmt, dass die beiden gemeinsam die Leiche beseitigt haben, dann weiß er doch, dass sie es war.»
Ein mitleidiges Raunen ging durch die Runde. Fock wandte sich wohlwollend-gönnerhaft in Aksoys Richtung. «Liebe Kollegin vom KDD, Sie haben noch einiges zu lernen. Man muss nicht immer alles glauben, was ein Beschuldigter oder sein Verteidiger sagt. Verstanden?»
Pietsch lachte zynisch.
Aksoy sah ernst drein.
«Ehrlich gesagt, ich verstehe das nicht», sagte sie. «Bereut Benedetti jetzt, dass er sich für sie opfern wollte? Wenn er widerruft, liefert er jedenfalls seine Frau ans Messer.»
«Ach, nein», sagte Fock und verbarg ein Gähnen. «Ach, Frau Aksoy. Das Pärchen denkt natürlich, sie sind beide aus dem Schneider, weil wir einen zweiten Verdächtigen in Haft haben. Die glauben, wir haben uns jetzt auf den Naumann eingeschossen. Also spielen sie uns eine Komödie vor, damit Benedetti sich rauswinden kann. Na, da bin ich aber gespannt, wie unser Ganovenpärchen staunen wird, wenn sie am Montag hören, der Beschuldigte Naumann wurde entlassen. – So, meine Herrschaften. Sitzung beendet.»
Focks Erklärung war plausibel. Doch auch bei Winter hatte sich seit dem Anruf des Anwalts ein ungutes Gefühl eingeschlichen. Als kühl kalkulierende Schauspieler hatte er bislang weder Benedetti noch die Serdaris kennengelernt.
Schweigend kehrten Winter und Aksoy ins Büro zurück. Sie fanden es leer vor; auf dem Flipchart stand in großen Buchstaben die Aufschrift: Bon Weekend!
Sie lachten beide los. «O Gott, dieser Kettler», sagte Aksoy.