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Als Erstes fielen Amelie die Möwen auf. Ein krakeelender Schwarm, der sich um etwas im Wasser balgte.

Es war Ende Oktober um halb acht früh, regnerisch und stürmisch. Amelie ging wie jeden Morgen am Griesheimer Mainufer entlang; fünf Kilometer Strecke waren ihr tägliches Pensum. Die wolkenverhangene aufgehende Sonne hatte sie im Rücken und die Europabrücke längst passiert. Ungefähr einen Kilometer vor ihr reckten sich die Pfeiler des faschistoid-grandiosen Griesheimer Staukraftwerks in die Höhe. Bei besserem Wetter leuchtete hier der Fluss hellblau und rosa im Morgenlicht. Doch heute war das Wasser schwarz, vom Sturm gekräuselt, aufsteigende Nebelschwaden verbargen das Ufer der Flussinsel. Außer Amelie war kein Mensch unterwegs. Sogar die russischen Fischer, die sonst morgens hier saßen, hatten die Kälte und den Regen gescheut.

Sie hätte auch nicht kommen sollen. «Hast du keine Angst, morgens so allein da draußen?», wurde sie oft gefragt. Nein, Angst nicht direkt. Doch an Tagen wie heute fühlte sie sich unwohl. Seit sie die zeternden Möwen gesehen hatte, erst recht. So viele Möwen an einer Stelle verhießen nichts Gutes. Das mussten fünfzig, achtzig, hundert Vögel sein. Die wurden doch nicht nur von einem toten Fisch angelockt. Dort musste etwas Größeres im Wasser liegen. Ein Schwan oder ein Kormoran? Sie wollte sich das auf leeren Magen eigentlich nicht anschauen.

Amelie zwang ihren Blick vom Wasser und den Möwen fort auf den Weg, den sie entlangmusste, und erschrak. Da war ein Mensch. Da vorne hinter der Baubude am Ufer. Heute war Samstag, ein Bauarbeiter konnte es nicht sein. Sie hatte kurz ein Gesicht hervorlugen sehen. Da versteckte sich jemand. Ihr kam eine schreckliche Möglichkeit in den Sinn.

Dann schüttelte sie den Kopf über ihre eigene Ängstlichkeit und ging weiter.


Um kurz vor acht hatte jemand den Polizeinotruf gewählt. Wie üblich waren die Schutzpolizei und der Kriminaldauerdienst als Erste vor Ort. Winter vom K 11 spürte, wie seine Laune in den Keller sank, als er aus dem Wagen stieg und ausgerechnet Hilal Aksoy oben auf dem Fußgängerüberweg der Staustufe stehen sah. Er hatte bislang nur zwei- oder dreimal mit ihr zu tun gehabt, und jedes Mal hatte es Probleme gegeben. Einmal mäkelte sie an seiner Vorschriftenauslegung und seiner «politisch inkorrekten» Ausdrucksweise herum, das nächste Mal fand sie ihn «frauenfeindlich», weil er einer tatverdächtigen drogensüchtigen Mutter drastisch klarmachte, dass sie ihre Kinder gerade fürs Leben schädigte. Zuletzt waren Aksoy und er auf dem Sommerfest im Präsidium aneinandergerasselt. Angetrunken hatte sie beleidigtes feministisches Gesülze über angeblich fehlende Beförderungschancen von Frauen im Polizeidienst von sich gegeben. Ausgerechnet nachdem sie selbst höchstwahrscheinlich nur dank Frauenförderung zur Kripo gekommen war, und das auch noch direkt nach der Ausbildung. Winter, ebenfalls angetrunken, hatte entsprechend aggressiv reagiert. Irgendwas hatte ihn geritten zu sagen, sie solle doch bei der türkischen Polizei Karriere machen, wenn es ihr hier nicht schnell genug gehe. Das war verständlicherweise nicht gut angekommen. Seitdem warf sie ihm eisige Blicke zu, wenn sie sich im Foyer über den Weg liefen. Für eine Entschuldigung seinerseits war es jetzt etwas spät.

Winter musste die letzten zwanzig Meter zur Staustufe laufen: Eine Baubude machte den Uferweg für Wagen unpassierbar. Gleich dahinter, bei der Sportschleuse, stand ein blasser, aber forsch aussehender Mann mit regennassen Haaren und Joggingdress, ein Bein angewinkelt, und machte seelenruhig Dehnübungen, als wäre nichts. «Der Zeuge, der uns alarmiert hat», erklärte der uniformierte Kollege, der Winter begrüßte.

«Gut. Soll hier warten. Ich gehe erst mal hoch auf die Fußgängerbrücke und verschaffe mir einen Überblick.» Winter fiel das absurde Schild an der Treppe zur Brücke auf: «Zutritt verboten – Fußgänger frei.»

«Bleiben Sie unten», rief ihm von oben Hilal Aksoy mit vom Wind zerzausten Haaren zu. Sie hielt die Kapuze mit der Hand fest.

Aha, sie hatte beschlossen, ihn zu siezen. Auch gut.

«Warum?», brüllte Winter hoch.

«Hier muss erst mal die Spurensicherung ran», brüllte sie zurück. «Ich hätte selbst nicht hochgehen sollen.»

«Das hätten Sie sich mal vorher überlegt», rief er zurück. Es schien ihm allerdings zweifelhaft, dass es da oben für die Kriminaltechniker etwas zu finden gab. Was an der Staustufe anschwamm, war meist viel weiter im Osten, im Stadtzentrum oder beim Gutleutviertel, in den Fluss geworfen worden. Achselzuckend ging er ein paar Schritte weg von der Betontreppe, zwängte sich an dem Bauzaun und diversen Röhren vorbei direkt ans Ufer. Gute zwanzig Meter von ihm entfernt trieb etwas Helles an der Oberfläche, immer wieder von Wasser überspült. Schreiende Möwen und Krähen umschwärmten es und stritten sich um die besten Brocken. Winter spürte leichte Übelkeit in sich aufsteigen. «Werfen Sie ihnen zur Ablenkung Ihr Brot zu», brüllte die Aksoy von oben. «Von meinem ist nichts mehr übrig.»

«Hab nichts dabei», brüllte Winter zurück, der seit der Grundschule keine Stullen mehr mit sich herumgeschleppt hatte. «Gerd, hast du was zu essen?», rief er über die Schulter nach hinten. Gerd war sein Freund und Kollege. Er saß noch im geparkten Wagen, bei offener Tür, und wirkte unbeteiligt. Wartet schon auf seine Versetzung nach Kassel, dachte Winter. Er fühlte sich von Gerd ein bisschen verraten.

In der Ferne sah man das Boot der Wasserschutzpolizei antuckern. Die Taucher hatten ihr Gummizeug schon angelegt.


Lena betrachtete ungläubig ihr Spiegelbild. Der Albtraum war vorüber, hatte sich wie durch ein Wunder in Luft aufgelöst. Aber sie sah noch immer aus wie ein Gespenst. Unter ihren Augen schillerten riesige graulila Halbmonde, die Lider waren rot verquollen, die restliche Gesichtsfarbe ein ungesundes Kalkweiß. Nicht mal Lächeln half.

«Ja, wo ist denn mein Mäuschen?», drang eine sanfte Stimme aus dem Flur.

Nino war aufgewacht. Und plötzlich war die ganze Angst und Qual wieder da. Die Stimmung der unerträglichen letzten Tage, der grässlichen letzten Wochen. Konnten sie jetzt wirklich in ihr altes Leben zurückkehren, so als wäre das alles nicht passiert?

Eine Sekunde später stand Nino vor ihr. Er nahm ihr Gesicht in beide Hände.

«Na, wie sehe ich aus?», fragte Lena selbstironisch.

«Süß siehst du aus», sagte er, «süß und ein bisschen arm. Lenchen, du sollst nie wieder so arm aussehen.» Sie musste schmunzeln. Er küsste sie auf die verquollenen Augen.

«Ist das Gespenst weg?», fragte sie scherzhaft.

«Weg, ganz und gar weg. In Luft aufgelöst, implodiert, in den Himmel aufgefahren, was weiß ich. Ich kann mich an gar kein Gespenst mehr erinnern. Es ist alles wieder gut. Ganz bestimmt.»


Winter fand den Zeugen unsympathisch. Was natürlich auch an seiner eigenen Bombenstimmung liegen konnte. Schon der perfekt gestylte Designer-Laufdress des Typen störte ihn.

«Normalerweise schaue ich nicht nach unten, wenn ich auf der Brücke langlaufe», berichtete der Mann. «Man kommt ja beim Laufen in so einen Flow, wissen Sie, da nimmt man seine Umwelt kaum wahr. Aber die Möwen waren so laut …»

«Was ich vor allem von Ihnen wissen muss», unterbrach ihn Winter, «ist, was Sie genau gemacht haben, nachdem Sie gemerkt haben, da liegt was im Wasser. Also zum Beispiel, ob Sie sich da oben über die Brüstung gelehnt haben. Oder ob Sie hier unten ans Ufer gegangen sind, um zu gucken.»

«Ja, wissen Sie, da müsste ich jetzt noch mal hochgehen, um das zu rekonstruieren, wenn Sie wirklich jede Bewegung wissen wollen …»

Oben war jetzt die Spurensicherung.

«Versuchen Sie einfach, sich zu erinnern», schlug Winter vor. «Machen Sie die Augen zu, das hilft.»

«Ja – also, ich bemerke die Möwen – und dann … als ich etwa auf gleicher Höhe war, da bin ich an die Brüstung. Bin auf eins dieser Rohre gestiegen, die im Moment dort rumliegen. Hab mich drübergebeugt. Dann hab ich’s gesehen. Irgendein Russenmafiamord mal wieder, nehm ich an?»

Winter ignorierte das. «Wir werden Ihre Fingerabdrücke und Schuhabdrücke nehmen, falls Sie dort oben was hinterlassen haben. Damit wir Ihre Spuren nicht für Täterspuren halten. Kommen Sie morgen früh ins Präsidium, dann erledigen wir das.»

«Es war übrigens noch jemand hier», redete der Zeuge weiter. «Ich denke, eine Frau, aber so gut konnte man das nicht erkennen. Ziemlich ungepflegt, fettige Haare, fleckige Haut. Wirkte irgendwie vermummt. Die Person stand da vorne bei der Baubude am Ufer rum. Als ich das Handy rausgeholt hab, um die Polizei anzurufen, ist die plötzlich ganz schnell abgedüst.»

Wahrscheinlich auch nur eine Zufallszeugin, die sich fragte, was die Möwen anlockte. Aber Winter behielt die Information im Hinterkopf.


Als das traurige Treibgut zehn Minuten später angelandet wurde, reichte Winter ein Blick, um zu erkennen, dass es sich um das Opfer eines Verbrechens handelte. Es war einer dieser Anblicke, die einem in die Magengrube fuhren. Die Verletzungen waren so schwer, dass sich Geschlecht und Alter nicht ohne weiteres erkennen ließen. Ein Kind, dachte Winter zuerst, weil der Körper so grazil wirkte. Doch Freimann vom Erkennungsdienst korrigierte: eine Jugendliche. Winter atmete auf, als die Leiche endlich im Transporter und auf dem Weg in die Rechtsmedizin war.

Schaulustige drängten sich jetzt am Absperrband. Viele von ihnen warteten allerdings bloß darauf, endlich über die Staustufe hinüber nach Schwanheim gelassen zu werden. Der Fußgängersteg war noch immer nicht begehbar. Nicht nur zu Winters Erstaunen hatten sich schwache Blutspuren gefunden, oben an der Brüstung, trotz des sporadischen Regens. Es schien tatsächlich so, als habe man die Tote hier ins Wasser geworfen.

«Ihnen ist klar, was das bedeutet», sagte Winter nach dem Abtransport der Leiche etwas aggressiv zu Aksoy, die vor Kälte schnatterte.

«Was, dass Sie mir einen schriftlichen Verweis für Inkompetenz in die Personalakte hauen? Weil ich da ohne Schutzanzug hochgegangen bin und das Spurenbild verdorben habe?»

«Das würde ich niemals wagen. Sie würden mich dann ja wegen Diskriminierung Ihres werten Geschlechts sofort beim Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte verklagen. Was ich sagen wollte, war: Es steht eine Nachbarschaftsbefragung an. Sie haben gehört, was Freimann gesagt hat. Die Tote war nicht lange im Wasser. Keine Waschhaut an den Fingern. Wahrscheinlich ist sie erst gestern Nacht oder heute früh in den Main geworfen worden. Ich werde die Arbeiter im Staukraftwerk befragen. Sie übernehmen die Wohnhäuser am Ufer. Nehmen Sie sich jemanden vom Revier mit.»

Aksoy schob sich die Kapuze aus dem Gesicht. «Wir könnten es hier mit einer Serie zu tun haben», sagte sie in wissendem Ton, völlig aus dem Zusammenhang. «Schlecht ernährtes weibliches Opfer in jugendlichem Alter, Misshandlungsspuren …»

Bei Winter klingelte es. «Ja, Frau Aksoy, mir ist bewusst, dass wir hier vor ein paar Jahren schon einmal ein totes Mädchen aus dem Main gefischt haben. Und auch dass der Fall nie geklärt wurde. Danke für den Hinweis. Aber wir bei der Mordkommission können durchaus selbst denken. Machen Sie sich an Ihre Arbeit.»


«Hast du persönlich was gegen die?», fragte Gerd, als Hilal Aksoy mit einem uniformierten Kollegen vom 17. Revier im Schlepptau davonrauschte.

«Nein», erwiderte Winter schroff und schob die Hände in die Taschen. «Jedenfalls bis auf die Tatsache, dass sie was gegen mich hat. – Übrigens, lieber Gerd, brauchst du nicht so zu tun, als ob dich dieser Fall gar nichts mehr angeht. Auch wenn du nächste Woche in deine geliebte Heimat versetzt wirst, du treulose Tomate …»

Gerd grinste. «Weißt du, dass ich allmählich kalte Füße kriege? Seit fünfzehn Jahren läuft mein Versetzungsantrag. Und jetzt, wo’s so weit ist, kommt’s mir plötzlich, dass ich sie vermissen werde, diese hässliche, dreckige, eingebildete Scheißstadt.»


So hässlich war Frankfurt gar nicht am Griesheimer Mainufer. Hilal Aksoy konnte sich eines gewissen Neids nicht erwehren, als sie die Jugendstilvillen betrachtete, die im Bereich der Staustufe den Fluss säumten, nur durch Bäume und einen Fußweg vom Ufer getrennt. Der Fluss war an dieser Stelle enorm breit. In der Mitte lag eine verwilderte Insel. Von den Dachterrassen und Loggien der Villen aus musste der Blick phänomenal sein.

Sie begannen die Befragung allerdings bei einem überhaupt nicht nobel wirkenden flachen Ziegelgebäude mit einem kahlen Garten. Das Haus lag unterhalb der Staustufe. Hier war der Mainblick nicht so idyllisch wie am Oberwasser: Man sah auf Stauwalzen, Schleusenmauern und Befestigungsbohlen. Der Ziegelbau bildete das Ende der Wohnbebauung am Griesheimer Ufer. Patrick Heinrich vom Revier erklärte Aksoy, die noch nie hier gewesen war, dass sich weiter flussabwärts Chemiewerke befanden.

Die Eingänge des Ziegelhauses lagen auf der mainabgewandten Seite, zur Straße hin. Das Gebäude war offensichtlich ehemals eine Fabrik oder Lagerhalle gewesen, die man mehr schlecht als recht in zweigeschossige Reihenhäuser aufgeteilt hatte.

«Dipl.-Ing. B. Stolze, Consulting», verkündete ein stählernes Schild an der ersten der drei Haustüren. Stolze war der Name des Zeugen gewesen, der den Notruf getätigt hatte. Aksoy erinnerte sich, dass er angegeben hatte, er wohne «gleich um die Ecke».

Wer öffnete, war höchstwahrscheinlich seine Frau: eine sehr kleine, schlanke, um diese Uhrzeit an einem Samstag schon adrett zurechtgemachte Mittvierzigerin. Ihr blondiertes Haar war steif von Haarspray. «Ja, bitte?», fragte sie besorgt.

«Guten Tag. Mein Name ist Hilal Aksoy, Kriminalpolizei. Das ist mein Kollege Heinrich vom hiesigen Revier.»

«Ach so.» Frau Stolze lächelte unsicher. «Sie wollen bestimmt noch mal meinen Mann sprechen. Ich sehe mal nach …»

«Wir wollten eigentlich mit Ihnen sprechen. Können wir einen Augenblick reinkommen?» Es war vor der Tür verdammt ungemütlich. Von der Westseite kam eisiger Sprühregen.

«Mit mir wollen Sie sprechen?» Frau Stolze hörte sich geradezu entsetzt an. Sie machte widerwillig ein wenig Platz, bis sie alle zusammen in der kleinen Diele standen.

«Ja, mit Ihnen», bestätigte Aksoy. «Über Ihre Beobachtungen in der letzten Zeit, in der letzten Nacht insbesondere.»

«Ja, aber … ich wüsste nicht …»

Sie wurde erst blass, dann rot. Ihre Panik wirkte auf Aksoy übertrieben. Oder vielleicht war das antrainierte weibliche Hilflosigkeit? Prompt warf sich Kollege Heinrich beschwichtigend in die Bresche:

«Kein Grund zur Aufregung, Frau Stolze. Wir machen hier nur eine Nachbarschaftsbefragung, reine Routinesache.»

Aksoy musste ein Grinsen unterdrücken. Daran merkte sie, dass ihr normales Gefühlsleben wieder die Oberhand gewann. Sogar sie gewöhnte sich offenbar allmählich an den Anblick von Toten, lief danach nicht mehr tagelang herum wie ein Zombie. Die schlimmsten Leichen waren für sie allerdings nicht solche wie die von heute. Es waren die eigentlich harmlosen, die, die eines natürlichen Todes gestorben waren. Alte Leute, drei, vier, fünf Wochen unentdeckt tot in der eigenen, gut beheizten Wohnung. Aksoy schob den Gedanken schnell fort und konzentrierte sich auf ihr höchst lebendiges und parfümduftendes Gegenüber. «Frau Stolze, Sie wissen ja sicher durch Ihren Mann von dem Leichenfund. Sie wohnen in unmittelbarer Nähe der Staustufe. Es könnte also sein, dass Sie irgendwas gehört oder gesehen haben, das mit dem Verbrechen zusammenhängt. Können Sie sich an etwas Auffälliges erinnern?»

«Nein. Also nein, ich wüsste jetzt nicht …»

«Waren Sie vielleicht gestern Abend spazieren oder im Garten?»

«Bei dem Wetter? Ich war nur gestern Nachmittag mal einkaufen. Da war alles ganz normal.»

«In welche Richtung geht denn Ihr Schlafzimmer?»

«Ja, also … zum Main hin.»

Jetzt wirkte sie wieder nervös.

«Wissen Sie noch, wann Sie gestern Abend ins Bett gegangen sind?»

Frau Stolze schluckte. «So um elf wohl, wie immer. Nein, früher. Ich hab mich schon um zehn hingelegt. Ich hatte Kopfschmerzen.»

«Haben Sie irgendwelche besonderen Geräusche in der Nacht gehört?»

«Ich … nein. Nein, ich habe nichts gehört. Außer, also, man hört ja hier oft das Wasser. Von der Staustufe. Besonders wenn die über die Walze was ablassen. Das ist nachts sehr laut. Mit Ohropax hört man das sogar noch. Mich macht das verrückt, manchmal.» Sie schluckte wieder.

«Was is’n hier los?», meldete sich eine knapp dem Stimmbruch entwachsene Stimme aus dem Hintergrund. Ein fünfzehn- oder sechzehnjähriger Junge kam schwungvoll die Treppe heruntergepoltert, mit modischen Fransen im Gesicht, trotz Pickeln nicht unhübsch und anders als seine Mutter mit einer gesunden Portion Selbstbewusstsein in der Körperhaltung.

«Die Polizei», erklärte Frau Stolze fast entschuldigend. «Wegen der Wasserleiche, die Papa gefunden hat. – Mein Sohn Sebastian.»

«Aksoy, Kriminalkommissarin. Sebastian, wir hätten auch an Sie gleich noch ein paar Fragen.»

Aksoy siezte junge Menschen ab den ersten Anzeichen der Pubertät grundsätzlich. Das galt auch und gerade für die ultracoolen Abhänger in den schlechteren Vierteln. Ihr Eindruck war, dass Jugendliche, die als vernunftbegabte, ernstzunehmende Erwachsene angesprochen wurden, eher dazu neigten, sich auch wie solche zu benehmen.

«Nur vorher noch eine kurze Frage an Sie, Frau Stolze. Sie sprachen von Wassergeräuschen. Ist Ihnen da heute Nacht irgendwas Besonderes aufgefallen? Ein Platschen vielleicht?»

Frau Stolze starrte Aksoy mit großen Augen an.

«Nein. Nein, ich glaube nicht.»

«Sie glauben, aber Sie sind sich nicht sicher?»

«Also … ja, doch, ich weiß nicht, ich kann mich doch nicht an jedes Platschen erinnern.»

«Das müssen Sie auch nicht», beruhigte Heinrich sie und warf Aksoy einen Seitenblick zu, der heißen sollte: Wenn du’s hier bei jedem so genau nimmst, sind wir noch bis morgen mit der Nachbarschaftsbefragung beschäftigt.

Aksoy gab der Frau ihre Karte. «Falls Ihnen noch etwas einfällt, rufen Sie uns an. Könnten wir uns jetzt vielleicht irgendwo setzen? Dann können wir die restlichen Mitglieder der Familie in etwas gemütlicherer Atmosphäre befragen als hier zwischen Tür und Angel.» Sie standen noch immer in der Diele. Aksoy hoffte insgeheim, dass höfliche Instinkte Frau Stolze dazu treiben würden, ihnen ein warmes Getränk anzubieten, wenn sie erst einmal im Wohnzimmer säßen.

Frau Stolze errötete.

«Also … ja natürlich, also, ach, ähm, warten Sie doch bitte hier noch einen Augenblick, ich weiß ja gar nicht, ob das Wohnzimmer für Gäste …»

Ihr Sohn verdrehte die Augen. «Mensch, Mam», murmelte er. «Das ist den Leuten scheißegal, ob’s bei uns ordentlich ist.»

Sie war schon nach hinten verschwunden, und man hörte sie hektisch etwas räumen. «Sorry», sagte Sebastian mit einem apologetischen Grinsen. «Hausfrauen halt. Kommen Sie doch einfach mit in die Küche.»

Die kleine Küche war aus den achtziger oder vielleicht noch siebziger Jahren, altdeutsche Kunststoffromantik, aber tipp-topp-ordentlich. «Soll ich Kaffee machen?», fragte Sebastian.

«Geht auch Tee?», fragte Aksoy und rieb sich die verfrorenen Hände. Das Küchenfenster ging auf die Straße und nicht auf den Main. «Klar geht auch Tee», sagte Sebastian und griff nach dem Wasserkocher. «Ihnen ist echt kalt, stimmt’s?»

Aksoy lachte. «Gut erkannt.» Sie setzte sich auf einen der beiden frotteeüberzogenen Hocker und zog ihre Kapuze ab. Jetzt erst sah man, wie lang ihre glatten dunkelbraunen Haare waren, die sie mit einem Band streng zusammengebunden hatte. Heinrich lehnte sich schicksalergeben an die Schrankwand.

Während Sebastian Tee kochte, berichtete er, er sei am Vorabend nicht zu Hause gewesen. «Geburtstag von ’nem Kumpel. Ich wollte eigentlich ganz da schlafen und heute brunchen, aber dann waren wir alle so fertig, und der große Bruder hat uns netterweise in der Nacht nach Hause gefahren. So um kurz nach zwei war ich wieder da. Da war hier natürlich alles dunkel. Schlüssel hatte ich keinen dabei. Aber wir haben so ’n Ersatzding im Garten. Unter dem Gartenzwerg.»

«Gefährliche Angewohnheit», bemerkte Heinrich.

«Und Ihnen ist nichts aufgefallen auf der Mainseite?», fragte Aksoy.

Aus dem Hintergrund drang jetzt der Klang einer gereizten Männerstimme, unterbrochen von entschuldigend flehenden weiblichen Lauten.

Sebastian tat so, als höre er es nicht. «Es war alles ruhig im Garten», antwortete er. «Bis auf die üblichen Wassergeräusche. Und windig war es auch ziemlich. Zu sehen war, glaub ich, nichts Besonderes.»

Aksoy gab ihm ihre Karte, falls ihm später noch was einfallen sollte. Dann bohrte sie nach.

«War der Fußweg am Ufer frei? Oder stand da ein Auto?»

Sebastian schien einen Augenblick zu überlegen. Als er den Kopf schüttelte, kam sein Vater zur Küchentür herein. Stolze, jetzt in brauner Hausjacke und Jeans statt Sportdress, war groß, aber schmalschultrig, hatte braunes Haar, ein ausgeprägtes Kinn und dunkle, dichte Augenbrauen.

«Das tut mir leid», sagte Stolze jovial, zu Heinrich gewandt. «Ich weiß wirklich nicht, warum meine Frau mich nicht sofort gerufen hat. Ich dachte natürlich, es ist bloß unser Sohn, der da klingelt. Meine Frau ist manchmal etwas konfus, verstehen Sie, man muss da tolerant sein als Ehemann. – Und was kann ich also noch für Sie tun?»

Er hatte seiner Aussage von heute früh leider nichts Bedeutendes hinzuzufügen. In den letzten Tagen war ihm nichts aufgefallen. Bis elf, halb zwölf hatte er gestern Abend ferngesehen, danach war er zu Bett gegangen. Keine besonderen Vorkommnisse während der Nacht.

«Ihren Sohn haben Sie auch nicht nach Hause kommen hören?»

«Wie? Wann ist der denn gekommen? Ich dachte –»

«Etwa um zwei, sagt er.»

«Was? Um zwei? Das verstehe ich nicht. – Sebastian, darüber reden wir noch. Nein, ich glaube nicht, dass ich ihn gehört habe.»

«Ich hab aber was gehört», sagte Sebastian plötzlich. «Ist mir grad eingefallen. Da waren Schritte draußen, als ich mich gerade hingelegt hatte. Auf der Mainseite. Und heute Morgen, da hat mich zwischendurch ein total schriller Schrei geweckt. Obwohl, das könnte auch ’ne Möwe gewesen sein. Die haben ziemlich rumkrakeelt.»


Es war wohl keine Möwe, wie sich im weiteren Verlauf der Nachbarschaftsbefragung ergab. Mehrere Anwohner hatten am Morgen jemanden schreien gehört. Eine Zeugin war sich sogar sehr sicher, dass dieser laut ihrer Beschreibung «markerschütternde» Schrei höchstens zehn Minuten vor Eintreffen der ersten Polizeistreife erklungen war. Nach ihrer Meinung kam der Schrei von einer Frau.

Das Opfer war allerdings um diese Zeit zum Schreien definitiv nicht mehr in der Lage gewesen. Kommissarin Aksoy nahm daher an, dass der Schrei irgendjemandes Reaktion auf den Anblick der Leiche im Wasser darstellte. Vielleicht kam er von der unbekannten Person, die Stolze von der Brücke aus bei der Baubude gesehen hatte. Am Ende klingelte Aksoy ein weiteres Mal an dem Reihenhaus, um Herrn Stolze zu fragen, ob die von ihm beobachtete Person geschrien hatte. Der pausierte einen Moment, dann lachte er peinlich berührt. «Ich fürchte, der Schrei, den Sebastian gehört hat, das war ich selber. Ich wollte das vorhin nur nicht sagen. Wissen Sie, man hält sich für einen harten Typen. Aber wenn man eine angefressene Leiche sieht … da gehen im ersten Moment Urtriebe mit einem durch.»