21

Zu Hause warteten keine Nachrichten auf mich. Ich blieb lange genug, um den Fischen kräftig Futter hinzuwerfen. Ich hoffte, sie dadurch von den wenigen Laichresten fernzuhalten, die noch übrig waren. Dann ging es zurück zum Sunset Boulevard, westwärts, gegen halb drei Uhr nachmittags.

Ein Tag am Strand - ich versuchte mir einzureden, daß es ein Vergnügen sein würde. Ich kam auf den Pacific Coast Highway, sah das blaue Wasser und die braungebrannten Körper. Robin und ich waren so oft hiergewesen; Linda und ich ein einziges Mal, bei unser zweiten Verabredung. Allein war es anders.

Ich mied diese Gedanken, sah mir die Küste von Malibu an.

Es war niemals dasselbe Bild, aber immer einladend, eine Kamasutra-Gegend. Deshalb stürzten sich die Leute wahrscheinlich auch in Schulden, um hier ein Grundstück zu erwerben. Für ein Leben mit den schwarze Fliegen und dem Salz, das alles zerfrißt, dem Gemetzel auf den Straßen und dem langsamen Wahnsinnigwerden in dem immerwährenden Zyklus von Schlammlawinen, Feuersbrünsten und mörderischen Stürmen.

Arthur Dickinsons Grundstück war erstklassig. Fünf Meilen oberhalb Point Dume, jenseits des öffentlichen Strandes von Zuma, der sich immer weiter ausdehnt, und dann links ab zum Broad Beach gleich hinter dem Rodeoplatz am Trancas Canyon. In Western Malibu, wo die schäbigen Motels und Surf-Shops längst verschwunden sind, breiten sich auf der zum Land hin gelegenen Seite des Pacific Coast Highways die Ranches und Baumschulen aus, der Abend wird von den unglaublichen Farben des Sonnenuntergangs beherrscht. Die Adresse, die Milo mir gegeben hatte, führte mich bis zum Ende der Straße.

Das Haus von Dickinson-Ramp war einstöckig mit silbrigen Holzwänden und einem flachen braunen kiesbestreuten Dach hinter einem niedrigen Maschendrahtzaun. Das Haus war ungesichert. Ich hob den Riegel des Tors auf und ging geradewegs hinein. Statt einer gepflegten Landschaftsarchitektur nur eine dornige Masse aus orangefarbener Bougainvillea, die an einem Teil des Zauns emporkletterte, statt einer Garage ein Zementrechteck im Sand, groß genug für zwei Wagen. Ein graugrüner VW-Bus mit einem Skiständer auf dem Dach war achtlos quer darauf geparkt. Nirgendwo ein Platz, wo man einen Rolls-Royce hätte verstecken können.

Ich näherte mich dem Haus. Durch die Sohlen meiner Schuhe drang die Hitze des Sandes. Ich trug immer noch ein Jackett und Krawatte und kam mir dabei wie ein Vertreter vor. Ich konnte den Tang im Ozean riechen und die Gischt der Flut über die Dünen sickern sehen. Ein keilförmiger Schwarm brauner Pelikane schwirrte durch den Himmel. Dreißig Meter jenseits der Brecher surfte jemand.

Die Holztüre des Hauses war vom Meersalz zerfressen, die Fenster waren blind und feucht; jemand hatte mit dem Finger putz mich auf eine der Scheiben gemalt. Ein Windspiel aus Glas hing über dem Eingang.

Ich klopfte, bekam keine Antwort, klopfte wieder, wartete und ging zu einem der von einem Staubschleier bedeckten Fenster hinüber. Ein einziger Raum, keine Beleuchtung. Es war schwer, die Einzelheiten auszumachen, aber ich kniff die Augen zusammen und erkannte auf der linken Seite eine kleine Küche mit offenen Regalen. Der Rest war von einem kombinierten Schlaf und Wohnzimmer ausgefüllt: Ein Futon, billige Rattanmöbel mit bedruckten Hawaiikissen, ein Sacksessel, ein Kaffeetisch. Zum Strand hin Glasschiebetüren, dahinter ein überdachter Patio. Jenseits davon konnte ich ein paar Klappliegen, eine Düne und graublaues Wasser sehen. Ein Mann stand draußen im Sand, direkt vor dem Patio. Die Knie gebeugt, den Rücken gekrümmt, stemmte er ein Gewicht.

Ich ging ums Haus herum. Todd Nyquist, der Tennislehrer, stand bis zu den Fußknöcheln im Sand, trug einen knappen schwarzen Slip, einen ledernen Gewichthebergürtel, fingerlose Gewichtheberhandschuhe, spannte die Muskeln und verzerrte das Gesicht, während er das Gewicht hob und senkte. Die eisernen Scheiben an der Stange waren so groß wie Kanaldeckel, zwei an jedem Ende. Er hob die Gewichte im Rhythmus dessen, was aus einem Lautsprecher nahe seiner Füße dröhnte: Rock’n Roll, Thin Lizzie, »The Boys Are Back in Town«. Manischer Beat, es mußte eine Qual sein, den Rhythmus durchzuhalten. Nyquists Bizepse waren geschwollene Plastiken aus Fleisch.

Er schaffte noch sechs weitere einwandfreie Stöße, dann ein paar zittrige, bis die Musik aufhörte, stieß einen heiseren Schrei aus, der Schmerz oder Triumph bedeuten konnte, beugte die Knie tiefer und ließ mit immer noch geschlossenen Augen das Gewicht in den Sand hinab. Er atmete geräuschvoll aus, fing an sich aufzurichten, schüttelte den Kopf und versprühte Schweiß. Der Strand war fast leer. Trotz des Wetters schlenderte nur eine Handvoll Menschen, die meisten von ihnen mit Hunden, an der Küste entlang.

Ich sagte: »Hallo, Todd!« Er hatte sich noch nicht völlig aufgerichtet, aber die Überraschung haute ihn fast um. Er erholte sich jedoch schnell, suchte mit den Füßen festen Halt auf dem Boden und sprang dann wie ein Tänzer hoch. Er riß die Augen weit auf, starrte, kam auf mich zu und begrüßte mich mit einem breiten Lächeln des Wiedererkennens.

»Der Doktor, stimmt’s? Ich hab’ Sie drüben im großen Haus kennengelernt.«

»Alex Delaware«, ich ging auf ihn zu und streckte die Hand aus. Meine Schuhe füllten sich mit Sand.

Er schaute auf seine behandschuhten Hände und ließ sie oben in der Luft. »Würde ich nicht tun, wenn ich Sie wäre. Stinken ziemlich, Doktor.«

Ich ließ meine Hand sinken.

»Pumpe nur gerade«, sagte er. »Was bringt Sie hier raus?«

»Suche Mrs. Ramp.«

»Hier?« Er schien echt erstaunt zu sein.

»Man sucht sie überall. Ich soll hier unten nachsehen.«

»Das ist wirklich verrückt«, sagte er.

»Was ist verrückt?«

»Oh, die ganze Geschichte, daß sie verschwunden ist. Das ist richtig unheimlich. Wo könnte sie sein?«

»Das wollen wir ja herauskriegen.«

»Na, hier unten werden Sie sie nicht finden, das ist sicher. Sie ist noch nie hier gewesen, nicht ein einziges Mal. Jedenfalls nicht, seit ich hier lebe.« Er drehte sich zum Ozean um, streckte sich und sog die Luft ein. »Können Sie sich vorstellen, daß Ihnen so ein Haus gehört, und Sie sind nie hier?«

»Es ist phantastisch«, sagte ich. »Seit wann leben Sie denn schon hier?«

»Anderthalb Jahre.«

»Haben Sie das Haus gemietet?«

Sein Lächeln wurde breiter, als wäre er stolz auf ein wichtiges Geheimnis. Er zog die Handschuhe aus und schüttelte seine Mähne. Noch mehr Schweißtropfen fielen heraus.

»Es ist ein Tauschgeschäft«, sagte er, »Tennis und persönliches Training für Mr. Ramp gegen diese Wohnung. Aber meistens bin ich gar nicht hier, sondern unterwegs. Letztes Jahr war ich auf zwei Kreuzfahrten. Rauf nach Alaska und runter bis Cabo. Habe eine Trainingsklasse für alte Damen gehabt. Ich gebe auch Stunden im Brentwood Country Club, und ich habe eine Menge Freunde in der City. Ich schlafe hier vielleicht ein - oder zweimal die Woche.«

»Klingt wie ein guter Deal.«

»Ist es auch, wissen Sie, was so ein Haus für Miete kosten würde, obwohl es klein ist?«

»Fünftausend im Monat?«

»Sagen wir mal zehntausend, wenn Sie es für ein Jahr mieten, achtzehn bis zwanzigtausend während des Sommers. Und das alles, obwohl die Heizung nicht funktioniert. Aber Mr. und Mrs. Ramp sind wirklich cool gewesen, mich hier wohnen zu lassen, wann ich will, solange ich ab und zu nach Smogsville rüberfahre und Mr. Ramp anständig zum Schwitzen bringe.«

»Er kommt nie hierher?«

Sein Lächeln verschwand. »Eigentlich nicht, wieso sollte er?«

»Nur so, es sieht einfach wie ein guter Platz zum Schwitzen aus.«

Wir hörten Mädchenstimmen und drehten uns um. Zwei hübsche junge Dinger, achtzehn oder neunzehn, in Bikinis und mit einem Schäferhund, kamen den Strand lang. Die drei kamen auf uns zu. Nyquist hatte sie die ganze Zeit beobachtet. Beide Mädchen hatten Mähnen aus langem, dichtem, von der Sonne strohigem Haar. Eine war blond, die andere rothaarig, beide hatten lange Beine, perfekte Hüften und lachende kalifornische Mädchengesichter direkt aus einer Softdrink-Werbung.

Nyquist flüsterte: »Whow!« Laut rief er: »Yo, Traci, Maria!«

Die Mädchen drehten sich um.

»Hey«, rief er, immer noch laut. »Wie geht’s, Ladies?«

»Fein, Todd«, antwortete die Rothaarige.

»Hey, Todd«, rief die Blonde zurück.

Nyquist streckte sich und grinste und rieb sich seinen muskulösen Bauch. »Ihr seht gut aus, Ladies. Was ist los, hat der alte Bernie immer noch Angst vorm Wasser?«

»Ja«, rief die Rothaarige, »was für ein Feigling.« Zum Hund: »Das bist du doch, was, Baby? Ist dieser Bernie nicht ein kleiner alter Feigling, was?«

Als ob er die Beleidigung verstanden hätte, wandte sich der Hund ab, kratzte im Sand, hustete.

»Hey«, sagte Nyquist. »Klingt so, als ob er sich erkältet hat.«

»Ach was, er hat nur Angst«, erwiderte die Rothaarige.

»Vitamin C ist gut dagegen, und B 12 - ihr müßt es zerdrücken und ihm ins Fressen tun.«

»Wer ist das, Todd?« fragte die Blonde. »Ein neuer Freund?«

»Freund vom Hausbesitzer.«

»Oh«, sagte die Rothaarige und lächelte. Sie sah die Blonde an, dann wieder mich. »Wollen Sie Todd mehr Miete abnehmen?«

Ich lächelte.

Nyquist sagte: »Augenblick, Doc« und sprang zu den Mädchen hinüber. Er legte die Arme um sie und zog sie an sich wie beim Football, wenn die Spieler die Köpfe zusammenstecken. Sie schienen überrascht zu sein, ließen es sich aber gefallen. Er murmelte und lächelte, dabei rieb er der Blonden den Rücken und massierte der Rothaarigen die Taille. Der Hund schnüffelte an seinem Fußknöchel, aber er reagierte nicht darauf. Die Mädchen wirkten nicht ganz glücklich, aber Nyquist schien das nicht zu bemerken. Schließlich lösten sie sich von ihm.

Nyquist hielt sie noch einen Augenblick an den Handgelenken fest, ließ sie los, lächelte sehr breit und klopfte beiden auf den Hintern, als sie wegrannten. Der Hund folgte ihnen schwerfällig. Nyquist kam zurück. »Entschuldigen Sie das Zwischenspiel, muß die Frauenzimmer auf Trab halten.«

Er spielte den Frauenhelden, aber er übertrieb seine Rolle, wirkte fast lächerlich. Ich mußte an seine Interaktion mit Gina vor ein paar Tagen denken. Andeutungen einer Spannung, über die ich mir in jenem Augenblick nicht viele Gedanken gemacht hatte:

›Ich könnte eine Pepsi gebrauchen, Mrs. Ramp, oder irgendwas anderes, das kalt und süß ist.‹ - ›Ich sage Madeleine, sie soll Ihnen etwas zubereiten.‹

Ältere Frau, junger Liebhaber? Tennisstunden für den lieben Gatten, eine andere Art von Stunden für die Dame des Hauses? Wenig originell, aber das waren die Leute ja auch selten, wenn sie über die Stränge schlugen.

Ich fragte: »Haben Sie irgendeine Ahnung, wo Mrs. Ramp sein könnte, Todd?«

»Nein«, sagte er und legte das Gesicht in Falten, »es ist mir ein völliges Rätsel. Ich meine, wo könnte sie denn hin? Sie hat doch vor allem Angst und so.«

»Hat sie je mit Ihnen über ihre Angst gesprochen?«

»Nein, wir - überhaupt nicht. Aber wenn man oft bei jemandem im Haus ist, schnappt man einfach Sachen auf.« Er warf einen Blick auf das Strandhaus. »Wollen Sie ein Bier oder was?«

»Nein, danke, muß noch zurückfahren.«

»Schade«, sagte er, aber er wirkte erleichtert. »Sie sehen ziemlich fit aus. Was machen Sie denn für Sport?«

»Ich laufe ein bißchen.«

»Wieviel?«

»Zwischen sechs und zehn Meilen in der Woche.«

»Seien Sie bloß vorsichtig - Laufen ist eine starke Belastung, bei jedem Schritt Ihr vierfaches Gewicht. Schlecht für die Gelenke, auch schlecht für die Wirbelsäule.«

»Ich habe jetzt eine Skilanglaufmaschine.«

»Hervorragend, die besten Aerobics. Wenn Sie das noch mit einer Gewichtübung abwechseln, bei der Ihre Muskeln gedehnt werden, tun Sie sich den allergrößten Gefallen.«

»Vielen Dank für den Rat.«

»Kein Problem. Wenn Sie sich für irgendein individuelles Training interessieren, rufen Sie mich an. Ich habe keine Karten bei mir, aber Sie können mich immer über Mr. und Mrs. - über Mr. Ramp erreichen.« Er schüttelte den Kopf. »Gott, das war dumm. Ich hoffe wirklich, daß sie sie finden, sie ist eine wirklich nette Dame.«

Ich kehrte zum Seville zurück und nahm mir einen Augenblick Zeit, um den Ozean zu betrachten. Der Windsurfer war außer Sicht, aber die Pelikane waren zurück, tauchten abwärts und holen sich ihre Beute. Möwen und Seeschwalben folgten ihnen nach, zufrieden mit dem, was sie ihnen ließen. Ein paar längliche, graue Zigarren waren zu sehen, Öltanker, die die Küste hinauffuhren. Ich fragte mich, wie es wohl sein würde, am Meer zu leben - unablässig an die Bedeutungslosigkeit und Endlosigkeit erinnert zu werden.

Bevor ich diesen Gedanken weiterverfolgen konnte, hörte ich ein Motorgeräusch und dann fröhliche Rufe, die sich als ein »Hey! Mr. Hausherr!« entpuppten.

Ein weißer VW Golf mit herabgelassenem Verdeck hatte neben mir gehalten. Die Blonde vom Strand saß hinterm Steuer, eine Zigarette qualmte zwischen ihren Fingern. Die Rothaarige saß neben ihr, aß etwas aus einer Schachtel und nippte an einer Dose. Beide Mädchen hatten hauchdünne weiße Hemden über ihre Badeanzüge gezogen, aber nicht zugeknöpft. Der Hund Bernie saß auf dem Rücksitz, keuchte und ließ die Zunge hängen.

»Hallo«, sagte die Rothaarige, »netter alter Wagen. Mein Dad hatte genauso einen.«

Ich lächelte bei dem Gedanken, daß der Seville alt sein sollte - zehn Jahre alt. An dem Tag, an dem ich ihn gekauft hatte, hatten die beiden sicher die dritte Klasse besucht.

»Lassen Sie den etwa in einer Werkstatt pflegen?« fragte die Blonde. »Hmhm.«

»Toll!«

»Danke.«

»Kennen Sie den Hausbesitzer wirklich gut? Traci und ich suchen nämlich etwas, näher am Strand. Wir sind jetzt auf der anderen Seite unten bei Las Flores, aber den Strand können Sie vergessen, Mann, viel zu naß und lauter Steine. Wir sind auch bereit zu arbeiten, leichtes Au-pair oder so, aufs Baby aufpassen, egal was, im Tausch gegen ein Zimmer. Todd hat gesagt, er würde uns helfen, aber wir finden, wir können selbst für uns sprechen.

»Tut mir leid«, sagte ich. »Ich kenne zwar Todds Hausbesitzer, aber ich bin kein Makler.«

Das Gesicht der Blonden verzog sich zu einer häßlichen Grimasse, obwohl es zugleich seine Schönheit behielt. »Was für ein Mist! Hab’ ich dir’s nicht gesagt, Mar, ist doch totaler Mist!«

Die Rothaarige rümpfte die Nase und sah beleidigt aus. Ich fragte: »Was ist denn los?«

»Todd«, sagte die Rothaarige, »er hat uns angeschissen.«

»Wieso denn?«

»Er hat gesagt, Sie wär’n Maklerhengst, und wenn wir nett zu ihm wären, würde er mit Ihnen reden, damit wir hier was an der Broad Beach finden. Wir haben hier schon mal gewohnt, mit au pair bei Dave Dumas und seiner Frau, als sie sich hier letzten Sommer eingemietet hatten; also denken die Leute, daß wir hier immer noch wohnen und machen uns keinen Ärger, wenn wir herkommen, aber wir wollen hier richtig wohnen, oder wenigstens irgendwo im Trockenen.«

»Dave Dumas, der Basketballspieler?«

»Ja, Mr. Stretch.« Gemeinsames Kichern.

»Wir haben uns um seine Kinder gekümmert«, sagte die Blonde. »Echt große Kinder für einen echt großen Typ.« Sie lachten noch ein bißchen, wurden dann plötzlich ernst.

»Wir würden wirklich gern wieder hier am Broad wohnen, der Strand ist echt Klasse, und die Konzerte in Trancas Cafe kommen total gut rüber. Letzte Woche war Eddie Van Halen da und hat mitgespielt.«

»Wir sind bereit zu arbeiten«, sagte die Rothaarige. »Todd sagte, er könnte uns was besorgen.«

»Homo-boy!« sagte die Blonde. »Das letztemal, daß wir nett zu ihm waren.« Sie ließ den Motor des Golf an. Der Hund sprang vor Schreck hoch.

Ich fragte: »Was hat er denn eigentlich genau von Ihnen gewollt?«

»Er war so - er hat echt so getan, als ob er geil wäre. Grabscht uns ab, während Sie zusehen.« Sie wandte sich an die Rothaarige: »Ich hab’s dir gesagt, Mar, ich hab’s ja gewußt. Todd ist nicht echt.«

»Todd ist in Wirklichkeit nicht geil?«

Allgemeines Gekicher. Die Rothaarige nahm ein Stück Popcorn aus der Schachtel und gab es dem Hund hinten auf dem Rücksitz. »Er mag es«, sagte sie, »Bernie ist ein Zuckersüßer.«

»Guten Appetit, Bernie«, sagte ich, ging hin und tätschelte den Hund. Sein Fell war naß und voller Sand. Als ich ihm den Hals rieb, jaulte er vor Entzücken.

»Also, Todd kann man vergessen«, sagte ich.

Ein müder Ausdruck erschien auf dem Gesicht der Blonden. Von nahem betrachtet war ihr Gesicht hart, bereit zum Altern, die ersten Anzeichen einer Lederhaut von zuviel Sonne und unstetem Leben.

»Sie sind kein echt guter Freund von ihm oder was?« fragte sie.

»Überhaupt nicht«, antwortete ich. »Ich kenne die Leute, denen das Haus gehört, aber Todd bin ich erst einmal begegnet.«

»Also sind Sie nicht, wie…« Die Blonde lächelte, zog die Augenbraue hoch und hob müde das Handgelenk empor. »Traace, das ist ja so gemein!«

»So?« sagte die Blonde. »Er macht das doch, ihm sollte das peinlich sein!«

Ich fragte: »Todd ist schwul?«

»Na klar«, sagte die Rothaarige.

»Ein Muskelhomoboy«, ergänzte die Blonde.

»Schade um die Muskeln«, meinte die Rothaarige. Der Hund hustete. Sie sagte trocken: »Kratz mal nicht ab, Bern.«

»Darum war es so fies«, sagte die Blonde, »benutzt uns, um so zu tun, als ob er auf Mädchen steht. Vielleicht hat er’n tollen Körper, aber im Kopf ist bei ihm nichts los, das ist ja wohl klar.«

»Woher wissen Sie, daß er schwul ist?« fragte ich.

»Na«, lachte die Blonde und ließ den Motor wieder aufheulen, »nicht, daß wir rumlaufen und zugucken, wie er’s macht oder was.«

»Zu ihm kommen die ganze Zeit Typen, es geht immer rein und raus«, sagte die Rothaarige. »Er sagt, er trainiert mit ihnen, aber einmal habe ich ihn und diesen Typ gesehen, wie sie sich die Hände gehalten und geküßt haben.«

»Scharf!« sagte die Blonde und stieß ihre Freundin mit dem Ellbogen an. »Das hast du mir ja noch nie erzählt!«

»Ja, das ist schon lange her; als wir noch bei Big Dave waren.«

»Big Dave«, sagte die Blonde und kicherte.

»Wie lange ist das denn her?« fragte ich.

Erstaunen, beide sahen aus, als wüßten sie nicht, die richtigen Worte zu finden. Schließlich sagte die Rothaarige: »Das ist lange her, vielleicht fünf Wochen. Der tolle Todd und dieser andere Typ gingen hinter dem Haus herum. Genau da drüben, wo ich mit Bernie gegangen bin.« Sie deutete auf den zementierten Platz. »Und sie haben sich bei den Händen gefaßt. Dann ist dieser andere Typ in seinen Wagen gestiegen, einen weißen 560er SEC mit diesen Spezialstahlfelgen, und Todd hat sich hineingebeugt und ihm ein Küßchen gegeben.«

»Geil«, sagte die Blonde.

»Irgendwie süß eigentlich«, sagte die Rothaarige und machte ein Gesicht, als ob sie es auch so meinte. Aber die Einfühlung war nicht echt, und sie schüttelte sich und brach in ein nervöses Gelächter aus.

Ich fragte: »Erinnern Sie sich, wie dieser andere Typ ausgesehen hat?«

Sie zuckte die Achseln. »Er war alt.«

»Wie alt?«

»Älter als Sie«, sogar noch älter! »Zwischen vierzig und fünfzig?«

»Älter.«

»Vielleicht war er Todds Dad«, sagte die Blonde und grinste. »Du kannst deinen Dad küssen, stimmt’s, Mar?«

»Vielleicht«, sagte die Rothaarige, »der kleine Todd und sein Dad küssen sich.«

Sie sahen einander an, schüttelten die Köpfe, kicherten.

»Unmöglich«, sagte die Rothaarige, »das war echte Liebe.« Sie machte ein nachdenkliches Gesicht. »Eigentlich sah der andere Typ ziemlich gut aus, für so einen alten Typ. So ein bißchen wie Tom Selleck.«

Ich fragte: »Hatte er einen Schnauzbart?«

Die Rothaarige grübelte. »Ich glaube ja. Ich weiß nur noch, daß er mich an Tom Selleck erinnerte; an einen alten Tom Selleck. Tolle Sonnenbräune, großer Brustkorb.«

»Wie kommt es«, sagte die Blonde, »daß so viele von ihnen toll aussehen? Was für eine Verschwendung.«

»Weil sie reich sind, Trace«, erklärte die Rothaarige. »Sie können es sich leisten, bestimmte Zusätze zu kaufen, lassen sich das Fett wegoperieren, was auch immer.«

»Guck mich an«, sagte die Blonde und deutete auf ihren flachen Bauch. »Wenn ich das je nötig habe, dann schläfere mich ein.« Sie steckte die Hand in die Popcornschachtel und tastete darin herum.

»Himmel, faß doch nicht alles an!« schimpfte die Rothaarige und zog an der Schachtel.

Die Blonde hielt sie fest: »Mandeln«, sie lächelte, »wer sagt’s denn«, sie zog eine Nuß heraus und steckte sie sich zwischen die Zähne; sah mich an, schnalzte mit der Zunge und biß langsam hinein.

Ich fragte: »War das das letztemal, daß Sie diesen alten Typ hier gesehen haben, vor fünf Wochen?«

»Genau«, sagte die Rothaarige und sah wehmütig aus, »so lange ist es her, daß wir das letztemal trockenen Sand hatten.«

»Also«, fragte die Blonde, »können Sie etwas für uns tun?«

»Wie ich schon sagte, ich bin kein Makler, aber ich kenne ein paar Leute, lassen Sie mich mal herumfragen. Schreiben Sie mir doch Ihre Namen und Telefonnummern auf.«

»Klar!« sagte die Rothaarige und strahlte. Dann wurde sie ernst.

»Was ist?«

»Nichts zu schreiben.«

»Kein Problem«, sagte ich und widerstand dem Impuls zu zwinkern. Ich ging zum Seville zurück, fand einen Kugelschreiber und eine alte Werkstattquittung im Handschuhfach und reichte ihr das. »Schreiben Sie es auf die Rückseite.«

Sie benutzte die Popcornschachtel als Schreibunterlage und schrieb umständlich, während die Blonde ihr zusah. Der Hund legte seine feuchte Schnauze auf meinen Handrücken und schniefte dankbar, als ich ihn wieder rieb.

»Hier.« Die Rothaarige warf mir das Blatt zu.

Maria und Traci. Schnörkelschrift, Herzen über den i, eine Adresse am Flores Mesa Drive, Vorwahl 456.

Ich lächelte und sagte: »Wunderbar, ich werde tun, was ich kann. Einstweilen viel Glück!«

»Hatten wir schon«, sagte die Blonde.

»Was hatten wir schon?« fragte die Rothaarige.

»Glück, wir bekommen immer, was wir wollen, stimmt’s, Mar?« Kichern und eine Staubwolke, als der Golf vorwärtsschoß.

Ich sah sie zum Nordende der Broad Beach Road rasen und verschwinden. Ich brauchte einen Augenblick, bis mir klar wurde, daß sie ungefähr in Melissas Alter waren. Ich wendete und fuhr zur Küstenstraße zurück.

Älterer Mann und junger Hengst - älterer Mann, braungebrannt und mit einem Schnauzbart. Es gab in L.A. viele braungebrannte schwule Männer mit Schnauzbärten, eine Menge weißer Mercedes. Aber wenn Don Ramp einen weißen 560er SEC mit Spezialstahlfelgen fuhr, war ich bereit, einen kleinen Sprung zu wagen und anzunehmen, daß er es war.

Ich schloß mich dem nach Süden fließenden Verkehr auf dem Pacific Coast Highway an und fuhr heimwärts - sah Ramp jetzt als Nyquists Liebhaber und erinnerte mich an die Spannung, die ich zwischen Nyquist und Gina gespürt hatte.

Spielte er sich auch ihr gegenüber als Macho auf? - War sie wütend auf ihn? - Wußte sie, was mit ihm los war? - Hatte das alles mit ihren Andeutungen zu tun, daß sie ihr Leben ändern wollte? - Getrennte Schlafzimmer. - Getrennte Bankkonten. - Ein getrenntes Leben. - Oder hatte sie über Ramp Bescheid gewußt, als sie ihn geheiratet hatte?

Warum hatte er sie nach einem so langen Leben als Junggeselle geheiratet?

Ginas Banker und Anwalt schienen sicher zu sein, daß er es nicht des Geldes wegen getan hatte. Sie hatten die vertragliche Vereinbarung als Beweis zitiert. Aber voreheliche Vereinbarungen und Testamente konnte man anfechten… und Lebensversicherungspolicen erwerben, auch ohne Banker und Anwälte zu informieren. Oder hatte die Erbschaft gar nichts damit zu tun; vielleicht brauchte Ramp einfach nur ein heterosexuelles Alibi gegenüber den rechtschaffenden, konservativen Bürgern von San Labrador. Heim, Herd und ein Kind, das ihn nicht ausstehen konnte. Was konnte es Amerikanischeres geben?