Wenn man beim Yard Karriere machen will, sollte man sich frühzeitig entscheiden wohin einen der Weg führen soll. Ein Studium ist bei der Bewerbung immer von Vorteil. Auch die Tatsache, dass man das vier- bis sechsmonatige, körperlich harte Training in der Polizeiakademie aushält. Böse Zungen behaupten, dass die Strukturen innerhalb dieses Camps einen gewissen paramilitärischen Charakter haben. Was natürlich Blödsinn ist. Denn erstens ist das kein Camp, sondern die Ausbildungsbasis der britischen Polizei und zweitens ist es eine halbmilitärische Ausbildung. Zumindest, was die Grundzüge angeht, unterscheiden sich Militär und Polizei nicht sonderlich. Faktoren wie absolute Disziplin und Gehorsam sind beiden Organisationen zu eigen. Dementsprechend unterscheiden sich nur die Uniformen. Am Tag nach meinem Ausflug in den Alkoholmissbrauch aus Not wurde ich an meine Zeit in der Akademie erinnert. Schmerzlich erinnert. Denn ich hatte verschlafen und der Moment, in welchem ich mich erinnerte, war jener, als Peel wie ein Derwisch in mein Zimmer gestürmt kam, mir die Bettdecke wegzog, um in der gleichen Handbewegung die Vorhänge zu öffnen. Mit einem „Zack, zack“ auf den Lippen verließ er den Raum genauso schnell wieder, wie er ihn betreten hatte. Ich hoffte, dass ich einer grausamen Fata Morgana erlegen war. Aber als ich die Augen öffnete, stellte ich fest, dass es keine war und mich meine Welt in all ihrer Grausamkeit begrüßte. Schnell zog ich mir noch einmal die Decke über den Kopf, damit sich meine Augen an das grelle Sonnenlicht gewöhnen konnten. Ich brauchte ein paar Minuten, doch dann hatte ich auch die restlichen Körperfunktionen so weit unter Kontrolle, dass sie zumindest nicht mehr schmerzten, wenn ich nur an sie dachte. Das Hämmern in meinem Kopf und meinem schwacher Kreislauf ließen sich davon aber nicht beeindrucken. Es war mir nicht möglich normal aus dem Bett zu steigen, denn mir wurde sofort schwindlig und übel. Also rutschte ich auf den Boden, und wenn ich das Bett von unten betrachtete, dann musste ich knapp anderthalb Höhenmeter überwunden haben. In aufrechter Gangart wollte mein Körper sich nicht bewegen, also versuchte ich, Kopf und Rumpf auf einer Ebene zu halten. Mit dem Ergebnis, dass ich auf allen Vieren ins Bad kroch. Es funktionierte. Glücklich war ich darüber nicht. Mein ganzer Körper schrie nach einer heißen Dusche, als ich mich vollkommen erschöpft auf die kalten Fliesen setzte und den Kopf an die Wand stützte, damit er nicht herunterfiel. In dieser Position schaffte ich es tatsächlich noch einmal unter Aufbietung meiner letzten Kräfte nach oben zu sehen, um leise fluchend festzustellen, dass irgendjemand den Regler für die heilsbringende Wasserzufuhr so hoch angebracht hatte, dass ich von meinem bequemen Posten darunter nicht ohne weitere körperliche Anstrengung herankommen würde. Mir blieb also nichts anderes übrig, die letzten Energiereserven aus dem hinterletzten Speicher meines Körpers zu reaktivieren und mich zu strecken. Selten habe ich etwas Anstrengenderes geleistet, wie an diesem Morgen nach meinem Besäufnis. Seufzend ließ ich mich wieder zurückfallen, begrüßte den ersten Schauer kalten Wassers mit einem erschreckten Aufschrei, um einen Augenblick später die Wärme genießen zu können. Heißes Wasser ist etwas Wunderbares. Mein Kopf dankte für die harmonische Massage durch die Wassertropfen, mein niedriger Kreislauf – und somit mein unterkühlter Körper – für die gleichmäßige Wärme. Es war wunderbar zu spüren, wie meine Lebensfunktionen in normale Parameter zurückglitten. Trotzdem sah man mir meinen nächtlichen Exkurs deutlich an. Mein Gesicht würde sich hervorragend auf einem Plakat zur Prävention gegen Alkoholmissbrauch machen, dachte ich sarkastisch und legte eine weitere Schicht Make-Up auf. Leider hämmerte es in meinem Kopf weiterhin wie auf einer Baustelle, als ich mich auf den Weg hinunter machte. Es musste doch in diesem Haus eine Tasse Kaffee und ein Aspirin zu ergattern sein? Hoffnungsvoll betrat ich die Küche, aus welcher mir der verführerische Duft von frisch aufgebrühtem Kaffee entgegen strömte. Ich wurde nicht enttäuscht. Mr. Smith reichte mir eine Tasse davon, und als ich den Duft gierig einsog, lächelte er verständnisvoll, um mir ein Tablett mit einer Kanne darauf zu reichen. Aber nicht nur daran hatte der Butler gedacht. Darauf lag auch eine Packung Aspirin neben einem Glas Wasser. Dass Mr. Smith einen eigenartigen Humor hatte, durfte ich gestern bereits feststellen. Dass er diesen aber auch nützlich einzusetzen wusste, bemerkte ich, als er mir eine Sonnenbrille mit sehr dunklen Gläsern reichte. „Hinter dem Rhododendron steht eine Bank mit Ihrem Namen drauf. Ich werde dafür sorgen, dass sie niemand stört.“ Er nickte mir freundlich zu, öffnete mir die Tür zum Garten und wies mir den Weg. Ich dankte. Es war einer dieser Tage, die versprachen wirklich schön zu werden, wenn man sie denn genießen könnte. Damit ich wenigstens halbwegs die Chance dazubekam, nahm ich zwei Tabletten, schenkte Kaffee nach, und als ich genügend Flüssigkeit in mir hatte, versuchte ich mir ein kleines Schläfchen in der Sonne zu gönnen. Von Peel war weit und breit nichts zu sehen und Mr. Smith würde mich nicht verraten. Es war herrlich zu spüren, wie die restlichen Lebensgeister in mir endlich wach wurden. Die Sonne kitzelte mich an der Nase und in mir breitete sich die Zufriedenheit aus, die eigentlich vom Alkohol der letzten Nacht hätte kommen sollen. Aber manchmal braucht man erst einen ordentlichen Kater, um das Leben genießen zu können. Ich machte mir weder Gedanken über Russel, noch über die vier Leichen. Mein Kopf war leer und es tat gut. Sich in einem Zustand unendlicher Leichtigkeit zu befinden ist eine erstaunliche Erfahrung. Leider währte diese nicht lange, denn plötzlich verdunkelte sich die Sonne über mir. Ich riskierte einen Blick und sah in Russels amüsiert dreinblickendes Gesicht. „Rutsch rüber“, sagte er und ich zeigte ihm einen Vogel. „Verpiss dich, das ist meine Bank.“

Er beugte sich herunter, nahm meine Beine und stellte sie unsanft auf den Boden. Um nicht herunterzufallen, musste ich mich schnell aufrichten, etwas, das meinem Kreislauf gar nicht gut bekam. Für einen Moment tauchten die fürchterlichen Kopfschmerzen wieder auf. „Willst du dich jetzt jedes Mal betrinken, wenn was nicht so läuft, wie du es willst?“, fragte er hämisch grinsend. Ich antwortete nicht sofort und ließ ihn so in dem Glauben, dass er tatsächlich Schuld an meiner Misere hatte. Doch dann gab ich mir einen Ruck. „Es tut mir leid, dir mitteilen zu müssen“, begann ich mit süffisantem Unterton, „dass es bei deiner Aktion nur zu einer heißen Milch gereicht hätte. Für einen Kater dieses Ausmaßes müssen schon andere Geschützte aufgefahren werden, als nur schlechter Sex.“ Damit bückte ich mich, nahm das Tablett vom Boden auf und wollte gehen. Aber ich hatte die Rechnung ohne Russel gemacht. „Das Spiel läuft nach meinen Regeln.“ In seiner Stimme lag eine unausgesprochene Warnung. Er hatte seine Hand auf meinen Unterarm gelegt und sah mich nun aus seinen dunklen Augen an. „Wenn ich der Meinung bin, dass du bereit für mehr bist, wirst du die Erste sein, die es erfährt. Vorher wirst du ein artiges kleines Mädchen sein und tun, was ich dir sage.“ Zu meinem Erstaunen küsste er mich auf die Wange und ging, bevor ich auch nur annähernd einen klaren Gedanken fassen konnte. Eine Mischung aus Empörung und Vorfreude durchflutete mich. Die Empörung sagte ganz laut, dass er doch wohl nach der Szene gestern Abend nicht glauben könne, dass er mich jemals wieder anfassen würde? Die Vorfreude hingegen fragte nur „Wann?“. Nachdem mir Russel meinen Abgang von der Bühne so gründlich versaut hatte, begab ich mich nun hinein. Nicht mehr ganz so schwungvoll, wie ich es vor ein paar Minuten noch vorhatte, aber immerhin: Ich lief mit hoch erhobenem Haupt. Es sah zwar keiner mehr. Doch in der Not fraß der Teufel eben den Stolz. Im Haus selbst herrschte Hektik. Die lieben Kollegen sparten bei meinem desolaten Zustand nicht mit spitzen Bemerkungen in meine Richtung. Und auch wenn ich ihnen liebend gern Kontra gegeben hätte: Mir fehlten die Worte. So suchte ich nach Peel, fand ihn im provisorischen Konferenzraum vor der Projektionswand. Er unterhielt sich aufgeregt mit einem Kollegen, den ich als den identifizieren konnte, der sich die Nächte um die Ohren geschlagen hatte, auf der Suche nach den Namen der Opfer. Leise Hoffnung stieg in mir auf, dass er fündig geworden war. Peel nickte dem Mann neben sich zu, der sich daraufhin in einen Sessel fallen ließ und kurz darauf eingeschlafen war. Mit einem letzten Blick auf den armen Kerl, richtete sich Peel an den wachen Teil der Mannschaft. Ich hatte mir einen Laptop herangezogen und mich an den Tisch gesetzt, als mein Chef mit einem erleichterten Lächeln um die Lippen, die letzten Ergebnisse unserer Ermittlungen preisgab. „Wir haben Namen. Vier Namen.“ Erleichterung zu hören, ist ein eigenartiges Geräusch und löst seltsame Gefühle in einem aus. Dieses Geräusch, das Erleichterung von sich gibt, strömt als Emotion durch einen hindurch und verursacht glückselige Euphorie. Sofort waren auf den Gesichtern der Kollegen die Anzeichen der Anstrengungen der letzten Tage verschwunden. Graue Schatten wichen der Helligkeit eines Lächelns. Sehr schön, dachte ich und wartete auf diese Namen. Peel tat mir den Gefallen. Natürlich nicht mir, sondern uns allen, aber irgendwie eben auch mir, um meine Ungeduld zu befriedigen. Er schaltete den Beamer ein und die vier toten Körper erschienen dort. Sofort konnte man wieder das Graue in den Gesichtern der Kollegen erkennen. Mit kleinen Magnetschildern gab Peel den Toten der Reihe nach wieder, was ihr Mörder ihnen genommen hatte: Einen Namen und eine Identität.

„Emily Haynes, 25. Shadwell.“ Peel nahm das erste Schild, klebte es über das Bild der Toten. „Tia West, 26. Dalston.“ Seine Stimme hallte durch den Raum, wie in einem Gruselfilm, in welchem die Sekunden bis zum Tod heruntergezählt wurden. „Evelyn Jones, 25. Clerkenwell.“ Wieder befestigte er das Namenschild an der betreffenden Fotografie. Er tat dies alles mit der ihm gegebenen Langsamkeit. So, als wolle er uns und sich bewusst machen, dass wir diesen Moment auskosten sollten, weil dieser Moment für lange Zeit der Einzige sein würde, an dem wir ein Erfolgserlebnis haben würden. So ... als sollten wir spüren, wie es sich anfühlte, einen Namen zu bekommen. „Freya Grant, 25. Holloway.“ Über dieses Schild strich er noch einmal mit der Hand. „Das wären unsere Damen“, sagte er und wandte sich uns wieder zu. „Also: Sie kennen das Prozedere. Was haben die Mädels außer ihrem Alter und dem Aussehen gemeinsam? Tragen Sie alles zusammen was Sie finden und wenn es Ihnen noch so unwichtig erscheint: Schreiben Sie es auf, ermitteln Sie in alle Richtungen.“ Während Peel die Namen nannte, hatte ich auf meinem Laptop bereits auf einer Karte die Wohnorte der Frauen verzeichnet. Sie wohnten alle im Norden Londons. Allerdings nicht so nah, dass man ein Schema erkennen konnte. Während ich über meinem Bildschirm saß und mir die Umgebung über Google ansah, bemerkte ich in meinem Augenwinkel eine Bewegung. Langsam sah ich auf und stutzte. Das war dieser seltsame Vorsprung, aus dem die Mitglieder des Bunds an jenem denkwürdigen Abend herausgetreten waren. Bisher hatte ich mir keine Gedanken darüber gemacht, was es wohl damit auf sich haben könnte. „Ich schätze, jetzt wird es aber mal Zeit“, sagte ich leise zu mir, und versuchte diesen seltsamen Vorsprung zu untersuchen. Es war ein Raum mit einer doppelten Tür. Also quasi ein Geheimgang hinter einem Vorhang. Wenn das nicht für den Humor des Erbauers sprach? Ich schob den Vorhang beiseite, öffnete die Tür, die dahinter lag, und befand mich in einem kleinen Kabinett. Rechts und links der Wände waren kleine Holzbänke angebracht, mir gegenüber befand sich eine weitere Tür. Ich öffnete diese und sah durch den Schlitz vorsichtig hindurch. Eine weibliche Person ging den Gang dahinter äußerst zügig zu einer weiteren Tür hin. Die Frisur und ihre Körpergröße ließen mich auf Miss Amber tippen. Was tat die hier hinten und warum hatte sie dem Meeting gelauscht? In Gedanken machte ich mir eine Notiz, dass ich mir die Dame noch einmal vorknöpfen würde müssen. Zurück an meinem Laptop versuchte ich mich – wie die anderen Kollegen auch – auf die toten Frauen zu konzentrieren, aber es war so laut in diesem Raum, dass ich es nicht schaffte. Mein Kater und die Geräuschkulisse wollten es mir unmöglich machen, so sehr ich es auch versuchte. Ich flüchtete wenigstens vor dem Krach und hoffte, dass die Kopfschmerzen dann auch von allein verschwinden würden. Im Vorgarten fand ich eine Mauer und hatte endlich meine Ruhe. Der Kollege, der die Namen herausgefunden hatte, hatte sich seinen Schlaf redlich verdient. Mein Respekt vor dessen Arbeit wuchs von Minute zu Minute. Nicht nur, dass er uns mit seinen unendlichen Nachtschichten den entscheidenden Tritt in die richtige Richtung gegeben hatte. Der gute Mann hatte dafür gesorgt, dass wir an sämtliche Daten der Toten gekommen waren: Verwandte, Krankenakten, Steuerdaten, Jobs, Tickets für falsches Parken und was man sonst noch alles speichern kann. Selbst einige Videos der Verkehrsüberwachung hatte er zumindest von zweien der Opfer gefunden. Ich war wirklich beeindruckt. Ich fütterte mein Programm mit den Profilen und den zusätzlichen Daten. Bisher war meine Ausbeute ziemlich mager und ich bezweifelte langsam, dass ich hier irgendwie nützlich war. Hinzu kam mein seltsames Verhältnis mit dem Besitzer dieses Anwesens, das meine Fähigkeit eigenständig zu denken, arg in Mitleidenschaft zog. Ich versuchte das Beste aus der Situation zu machen, vertiefte mich in die Arbeit und genoss die wärmende Sonne. Aber Letzteres war mir heute nicht vergönnt, denn kaum hatte ich mich dazu entschlossen, wurde diese durch einen großen Körper verdunkelt. DCI Peel gab sich die Ehre und setzte sich neben mich. „Wir kommen gut voran“, sagte er und an seiner Stimme konnte man hören, dass er selbst nicht daran glaubte. „Allerdings diese Miss ist wie vom Erdboden verschluckt. Nicht mal die Sicherheitskameras an der Autobahnauffahrt haben sie entdecken können.“ Müde fuhr er sich über die Augen. „Was hast Du?“

„Nichts“, gab ich kleinlaut zu. „Rein gar nichts. Die Profile, die das Programm bisher ausgespuckt hat, stellt ungefähr ein Drittel aller sexuell aktiven Engländer Mitte bis Ende dreißig dar.“ Ich lehnte mich zurück und sah ihn von der Seite an. „Wir haben zu wenig … zu wenig von allem. Und von allem zu viel.“

„Der Spruch deiner Mutter.“ Ein schiefes Grinsen huschte mir über das Gesicht. „Ja … aber mehr fällt mir im Moment auch nicht ein.“ Peel beugte sich nach vorn und stützte sich auf den Knien ab. „Ich habe gerade die Gruppen eingeteilt, die zu den Angehörigen fahren. Eine hab ich für uns aufgehoben.“ Immer noch so sitzend sah er mich an. „Lust auf eine Exkursion in die menschlichen Untiefen?“ Ich dachte kurz nach. War ich heute in der Verfassung einem Menschen gegenüberzutreten, der gerade sein Kind verloren hatte? Es gab Tage, da funktionierte das Mal besser und dann – so wie heute – eben nicht. Ich war mir nicht sicher, ob ich das schaffen würde, trotzdem nickte ich. Wenigstens hatte ich dann etwas zu tun und außerdem konnte ich mich zurückhalten und Peel reden lassen. Wir fuhren zur Großmutter von Freya Grant. Außer der alten Dame hatte die junge Frau keine Angehörigen mehr. Besonders schmerzlich. Holloway gehört zum Bereich Greater London und die kleinen Vorgärten zeugten von einem bescheidenen Wohlstand der Bewohner. Hier war nichts grau oder schmutzig. Die Menschen achteten auf das Aussehen ihrer Straßen und sie lebten gerne hier. Ein wenig bieder konnte man es schon nennen und das eine junge hübsche Frau aus diesem Vorortdasein ausbrechen wollte, war schon fast verständlich. Zumal Freya einen ausgezeichneten Schulabschluss hatte, ein Studium der Betriebswirtschaft absolviert und bestimmt nicht in irgendeiner Kaschemme ihr Geld verdienen musste. Auf der anderen Seite konnte diese junge Frau ihr Gehalt mit vollen Händen ausgeben. Peel hielt in einer kleinen Seitenstraße, stellte den Motor ab und nickte in die Richtung, in der das Haus von Freyas Großmutter lag. Es unterschied sich nicht besonders von den anderen, nur das unter Umständen jemand mal die Türen und Fensterläden hätte streichen können. Aber ansonsten war dies ein Haus wie Hunderte andere in diesen Straßen. Die Akte mit Freyas Leben darin, lag auf meinem Schoß. Ein Leben zwischen zwei orangefarbenen Pappdeckeln. Ich folgte DCI Peel durch den Vorgarten. In Fällen wie diesen, hatten wir die Erfahrung gemacht, dass es eher von Vorteil ist, wenn ein großer, behäbig wirkender Mann den ersten Kontakt herstellen konnte. Es wirkte vertrauenerweckend und viele Angehörige sprachen eh lieber mit einem Mann als mit einer Frau. Vor der Eingangstür reckte er sich noch einmal, klopfte und versank für einen Moment ins Grübeln. Seine Art sich vorzubereiten. Die Tür wurde geöffnet und eine kleine, dunkelhaarige Frau mittleren Alters stand darin, sah uns fragend an. „Mrs. Grant?“, fragte Peel und die Dame schüttelte den Kopf. „Die Nachbarin. Mrs. Andrew Higgins. Und Sie?“ Wir hielten unsere Ausweise hoch, nannten unsere Namen und Dienstränge, etwas, das ich bis heute nicht gerne tue. Was bringt den Leuten es, wenn sie wissen, dass ich Detective Inspector bin? Aber Vorschrift war Vorschrift. Sie ließ uns eintreten und als sie die Tür hinter uns schloss, sah ich ein zerknülltes Taschentuch in ihrer Hand. „Mrs. Grant ist im Wohnzimmer. Ich war gerade auf einen Tee bei ihr, als der Anruf kam. Ist es denn sicher?“ Peel nickte, legte dabei die Hand auf die Schulter der Frau. „Leider.“ Mrs. Higgins schniefte einmal, für meinen Geschmack etwas zu laut und zu demonstrativ, und bat uns dann ins Wohnzimmer. Der Raum, der zur Straße hinausging, wurde von einer beigefarbenen Couchgarnitur dominiert. Blümchenkissen, Blümchentapeten und ein Tisch aus dunklem Teakholz in der Mitte des Raumes, auf dem ein Strauß frischer Blumen stand, rundeten das Ensemble ab. Die alte Dame, die ein geblümtes Kleid trug, verschwand beinahe zwischen den Streublumen in ihrem Wohnzimmer. Mrs. Grant mochte ca. sechzig Jahre sein, vielleicht etwas älter. Ihr freundliches Gesicht wurde von einer modernen Kurzhaarfrisur umrahmt. Sie saß zusammengesunken zwischen den Kissen und knetete ein Papiertaschentuch in ihren Händen, als wir den Raum betraten. Peel übernahm unsere Vorstellung und sprach ihr unser Beileid aus. Sie sah kurz auf und man konnte sehen, dass sie nicht erst seit dem Anruf geweint hatte. Als gute Gastgeberin, die sie trotz ihrer Situation sein wollte, bot sie uns eine Tasse Tee an und Mrs. Higgins beeilte sich, zwei Gedecke für uns aus der Küche zu holen. Die freundliche Nachbarin übernahm es, uns einzuschenken und uns Gebäck anzubieten. Alles in allem eine sehr bürgerliche Situation. Und somit vollkommen unangemessen. DCI Peel bemühte sich der Großmutter, die näheren Umstände von Freyas Tod so schonend wie möglich beizubringen. Immer wieder wurde er durch ein Schluchzen der Frau unterbrochen. Aber Peel war ein Meister darin, seine empathischen Fähigkeiten auf die Angehörigen auszubreiten. Der Tee in meiner Tasse erinnerte mich schmerzlich daran, dass Sir Russel schon seit ein paar Tagen keinen mehr für mich zubereitet hatte. Er erinnerte mich auch daran, dass meine „nicht-vorhandene-Pseudo-Beziehung“ zu diesem Mann seit letzter Nacht etwas in Schieflage geraten war. Ich schämte mich für diese Gedanken. Da saß eine nette alte Dame, die gerade erfahren hatte, dass ihre einzige Verwandte zu Tode gekommen war und das auch noch auf grausame Weise, und mir fiel nichts Besseres ein, als mich mit Russel Linney zu beschäftigen. Ich fürchtete, dass man mir mein schlechtes Gewissen ansehen konnte, als ich darum bat, mir Freyas Zimmer ansehen zu dürfen. Mrs. Grant nickte und ihre Nachbarin begleitete mich nach oben. Demonstrativ blieb die Nachbarin in der Tür stehen, und als ich mich mit einem auffordernden Blick zu ihr umdrehte, verstand sie, dass sie verschwinden sollte. Sie ging, aber nicht, ohne mir einen schnippischen Blick zu gönnen. Freyas Zimmer wirkte altersuntypisch. Auch hier oben herrschte das penetrante Blümchenmuster vor und ich schwor mir, dass ich nie wieder ein solches Dekor für irgendeinen Dekorationsgegenstand in einer meiner jetzigen oder zukünftigen Bleibe in Betracht ziehen würde. Die Tapete, die Bettwäsche, die auf dem Alkoven-Bett lag und die auf die Schläferin zu warten schien, der Teppich; ja und selbst die Häkeldeckchen auf den alten, dunklen Möbeln, waren so entsetzlich mit diesen friedlichen Blümchen verziert, dass meine Augen schmerzten. Auffällig war, dass dieses Zimmer so unendlich aufgeräumt erschien. Und sauber. Ja, schon beinahe klinisch sauber. Kein Staubkorn, kein Kleidungsstück, das über einen Stuhl gelegt worden war. Keine Schminkutensilien auf dem Spiegelboard. Nichts wies darauf hin, dass hier jemals eine junge Frau gelebt haben mochte. Von unten drang Peels Stimme nach oben. Gerade versprach er, Mrs. Grant einen Psychologen für ihre Betreuung zu schicken. Zeit für mich, hier oben zu verschwinden. Wir trafen uns im Vorgarten. Jonas reckte sich, so als wolle er das Gespräch abschütteln. Es schien leidlich zu funktionieren. Gemeinsam gingen wir auf die Straße zu unserem Wagen und Peel klopfte unterdessen seine Jackentaschen ab. „Was suchst Du?“, fragte ich. „Meine Zigaretten“, antwortete er abwesend. Erstaunt sah ich ihn an. „Seit wann …?“

„Immer mal wieder“, gab er zurück, „vor allem in Situationen wie diesen. Ah … da.“ Er bot mir eine an. Ich hatte zwar vor Monaten aufgehört, nahm aber trotzdem eine an. Wir setzten uns auf den Bordstein, rauchten schweigend und jeder von uns hing seinen Gedanken nach. „Unpersönlich“, sagte ich. Für ihn vollkommen zusammenhanglos. Dachte ich zumindest. „Ja, sehe ich auch so. Mrs. Grant ist die Großmutter väterlicherseits und hat sich die letzten Jahre um Freya gekümmert, die immer am Wochenende aus der City nach Hause kam. Aber so richtig scheinen die beiden Frauen nicht miteinander warm geworden zu sein.“ Er lehnte sich zurück, stützte sich mit einer Hand auf, nahm einen tiefen Zug, und als er den Rauch ausstieß, konnte man ein leises Zischen hören. „Wir haben also ein tüchtiges, hübsches Mädchen, das sich in die falschen Kreise begeben hat? Ich hab im Übrigen keinen PC oder Laptop gefunden.“

„Den lassen wir suchen“, dachte Peel laut nach. Er ließ die Zigarette zwischen meinen Schuhen fallen und ich trat sie aus. „Lass uns zurückfahren. Vielleicht waren die Besuche bei den anderen Angehörigen ergiebiger.“ Ich überließ Peel auch die Rückfahrt und blätterte lustlos in Freyas Akte. Gerade in dem Moment, als Peel einem unaufmerksamen Fußgänger ausweichen musste, um gleich darauf in die Eisen zu steigen, fiel mir das Offensichtliche auf. Hübsch. Diese Frauen waren allesamt hübsch. Und was machen hübsche Frauen beizeiten? Sie versuchen, einen Job als Model zu ergattern. Wenn nicht hauptberuflich, dann als kleinen Nebenverdienst. Ich suchte nach meinem Handy, fand es nicht, und bat Jonas um seines. Nacheinander telefonierte ich die Kollegen ab, die noch mit den Befragungen der anderen Angehörigen beschäftigt waren, und bat sie, nach eventuellen Modellambitionen der Opfer zu fragen. Anschließend rief ich bei Mrs. Grant an, die aber nicht selbst ans Telefon ging. „Ja, Freya hatte mal was erwähnt“, gab mir Mrs. Higgins zur Antwort, „aber ob da was raus geworden ist?“ Ich dankte artig und sah meinen Chef stolz an. Viel war es nicht, was ich bisher zur Lösung des Falles beitragen konnte. Aber vielleicht war hatte ich ja auch mal ein Korn gefunden. Schmunzelnd schüttelte er den Kopf. „Du bist und bleibst ein kleines Mädchen.“ Nach und nach trudelten die Antworten der Kollegen ein und es war nicht erstaunlich, dass sie mir meinen Verdacht bestätigten. „Wir sollten uns mal mit Mr. Lyall unterhalten. Als Agent sollte er uns unter Umständen was zu dem Geschäft sagen können?“ Wir erreichten Linney Manor und Mr. Smith fing mich bereits an der Tür ab. „Die Herrschaften möchten heute Abend groß dinieren. Um 19.30 Uhr. Versuchen Sie pünktlich zu sein.“ Verdutzt sah ich dem Butler hinterher. Das klang für mich nicht wie eine Einladung, sondern wie ein Befehl. Fragend sah mich Jonas an. „Frag nicht.“ Und er fragte nicht. In unserem provisorischen Büro herrschte hektische Betriebsamkeit, die nur von zwei Personen unterbrochen wurde, weil sie schon optisch nicht hineinpassten. Zachery Lyall stand etwas Abseits und betrachtete das Geschehen skeptisch. Und eine weitere Person verbarg ihr offensichtliches Interesse an den Ermittlungen nicht besonders. Miss Amber hatte sich wieder in diesem Kabinett versteckt. Als sie meine Blicke spürte, zuckte sie kurz zusammen und verschwand, wie sie es heute schon einmal getan hatte. Warum interessierte es sie so, was wir hier taten? Sie hatte nicht auf das Foto von Miss Amelia gesehen, das von den Opfern getrennt aufgehängt war, das hatte ich erkennen können. Miss Amber hatte die Fotos der Leichen angesehen. Lyall begrüßte Peel und mich mit einem zerknirschten Lächeln. „Ich hab schon gehört, dass sie etwas über die „Datenbank“ wissen wollen.“ Verständnislos sah ich ihn an. „Diese „Datenbank“ ist ein Server, auf den mehrere Agenturen zugriff haben. Wenn wir ein Model für eine bestimmte Aktion suchen, dann sichten wir das Angebot und das Portfolio der Damen. Finden wir jemand der passt, buchen wir die Damen. Der Name des Modells erscheint dann unter unserer Agentur.“ Ich nickte. „Und? Was sagen Ihnen unsere Damen?“ Lyall sah auf die Bilder der toten Frauen, schluckte so schwer, dass ich seinen Kehlkopf hüpfen sah, und wandte sich dann wieder zu uns. „Es ist komisch … nein, eher seltsam.“ Er winkte uns zu einem Laptop, auf dem bereits die Homepage für diesen Agenturservice zu erkennen war. Lyall zog sich einen Stuhl heran, tippte den Namen „Evelyn Jones“ ein und einen Augenblick später erschien ein Eintrag. „Wir haben alle Ihre Opfer in der Datenbank. Was allerdings seltsam ist: Sie haben kein Portfolio hinterlegt.“ Er klickte auf den Link und nichts passierte. Lyall wiederholte diese Prozedur mit den restlichen Namen, immer mit dem gleichen Ergebnis. „Was noch seltsamer ist: Die Namen wurden erst vergangene Woche eingetragen und es sieht so aus, als hätten wir die Damen für Russels Arbeit gebucht. Was wir nicht haben!“ Er lehnte sich zurück, verschränkte die Arme vor der Brust und stieß kurz die Luft aus. „Ich weiß nicht, ob Ihnen das weiterhilft.“

„Tut es“, sagte ich nachdenklich. „Nicht so, wie wir gehofft hatten, aber es hilft.“

Peels unwirsches Grunzen ließ mich kurz aufsehen. Er hatte die Hände in die Hüften gestemmt und sah mich resigniert an. Da wollte jemand Mr. Linney ordentlich vor das Schienbein treten und mit aller Gewalt den Verdacht auf ihn lenken. Und dieser Jemand stellte sich nicht einmal ungeschickt an. Wären wir selbst auf diese Agenturseite gekommen, hätten wir – ohne die Informationen von Lyall – denken müssen, dass Russel Linney die Opfer darüber akquiriert hätte. Ich fühlte mich hilflos und ich spürte, dass es Jonas ähnlich ging. „Wir sehen uns beim Dinner“, sagte Lyall und legte mir kurz die Hand auf die Schulter. Etwas, was er vielleicht nicht hätte tun sollen, denn sofort krochen die Bilder der letzten Nacht in mir auf. So ganz hatte ich meine Erregung über diese Szenen nicht ablegen können. Alkohol war also doch nur eine zeitlich begrenzte Lösung. Ich sah auf die Uhr und bemerkte, dass ich gerade noch eine halbe Stunde Zeit hatte, um mich irgendwie frisch zu machen. Peel entließ mich mit einer müden Handbewegung. Auf meinem Weg zur Tür sah ich noch, wie sich Miss Amelia ebenfalls zurückzog. Sie musste noch einmal zurückgekehrt sein, um nun erneut zu verschwinden. Was wollte die hier, fragte ich mich, fand aber keine Antwort darauf. Gehetzt kam ich im Zimmer des Grauens an und suchte mir ein Outfit für den Abend aus. Da es sich um ein Treffen der Bruderschaft handelte, war die grobe Richtung vollkommen klar. Unbequem und sexy. Als ich mich vor dem Spiegel begutachtete, stellte ich fest, dass ich genau das erreicht hatte. Wie ich mit dieser engen Korsage um den Leib noch etwas essen sollte, war mir schleierhaft. Aber gut: Bei diesem ereignisreichen Tag würde es wohlmöglich gar nicht erst dazu kommen. Ich schlich den Flur entlang, um zu vermeiden, dass mich die letzten Kollegen der Tagschicht in diesem Outfit sehen würden. Schämen musste ich mich nicht, aber ich wollte nicht zum Tagesgespräch werden. Bist du doch eh schon, schoss es mir durch den Kopf und ich gab mir recht, warf alle Vorsicht erkannt zu werden über Bord und ging hinunter. Auf der Treppe lief mir Solveig über den Weg. Das Verschwinden seiner Miss hatte aus ihm einen vollkommen anderen Menschen gemacht.

War er mir während unseres ersten Zusammentreffens mit einem abschätzenden und eher spöttisch arroganten Gesichtsausdruck gegenübergetreten, so wirkte er jetzt eher wie ein gebrochener Mann. Mein Mitleid für ihn hielt sich jedoch in Grenzen. Seine gute Erziehung schien Solveig jedoch nicht ganz vergessen zu haben. Er hielt mir die Tür zum großen Saal auf und murmelte irgendwas, das sich wie „bezaubernd“ und „aussehen“ anhörte. Ich dankte vorsichtshalber mit einem Nicken. Schließlich wusste man ja nie. Bei meinem Eintreten war Russel schon anwesend und der Blick, mit dem er mich bedachte, versetzte mich augenblicklich in den Zustand des „Wann“. Wann würde er endlich so zu mir sein, wie ein Liebhaber es sein sollte? Galant empfing er mich, hauchte mir einen Kuss auf die nackte Schulter und zog mir einen Stuhl heran. Wenn ich bisher davon ausgegangen war, dass dieser Bund eher eine lockere Vereinigung von Gleichgesinnten war, dann bekam ich gerade eine weitere darin, lieber nicht immer so schnell voreilige Schlüsse zu ziehen. Die Tische, an denen wir Platz nahmen, waren in der Form eines Pentagramms aufgestellt. Jeder konnte jeden beobachten. Die unheimliche Atmosphäre wurde durch zugezogene Vorhänge und viele brennende Kerzen unterstützt. Etwas Bedeutsames schien hier im Gange zu sein und ich war wohl die Einzige, die keine Ahnung hatte, was. Stühle wurden gerückt, die Mitglieder nahmen alle bis auf einen Platz. Sir Alexander hatte heute Abend die Funktion des Moderators übernommen. Er begrüßte die Mitglieder mit Namen. Der Reihe nach. Mich zuletzt. Was das heißen sollte, wusste ich bis zu dem Moment nicht, als er sich zu mir neigte und mir ein kleines Buch mit dunkelbraunem Ledereinband überreichte. „Unsere kleine Bibel“, sagte er. „Es sind nur ein paar Regeln, die darin vermerkt sind, aber wir sind alle angehalten, diese zu beachten. Sie werden feststellen, Miss Rosalie, dass die Vorschriften hauptsächlich auf den weiblichen Teil unserer kleinen Gruppe ausgerichtet sind.“ Er sah mich prüfend an. „Leider sind wir - aufgrund der besonderen Situation - nicht in der Lage zu beurteilen, wie weit Sir Russel Sie bereits vorbereiten konnte. Unter normalen Bedingungen wäre Ihre Initiationsfeier etwas opulenter ausgefallen. Dieses Dinner schuldet der Tatsache, dass die Zeiten etwas in Aufruhr geraten sind. Unsere kleine Bibel wird Ihnen ab jetzt eine kleine Richtlinie bieten. Auch im Hinblick auf Verstöße gegen diese. Da wir, wie bereits angemerkt, nicht einschätzen können, wie weit Sie in Ihren Unterweisungen sind, können wir natürlich auch nicht erfassen, in welchem Umfang Sie die Bedeutsamkeit Themen wie z. B. private und öffentliche Bestrafung bei Missachtung unserer Regeln kennen, deshalb erhalten Sie dieses Buch mit einem gehörigen Vorschuss an Vertrauen. Des Weiteren möchten wir Sie bitten, sich kundig zu machen, damit es zu keinerlei Missverständnissen kommt." Ich war perplex. Hatten die wirklich nichts Besseres zu tun, als ein neues Mitglied einzuführen? Der Platz neben Solveig war schreiend leer und diese Leute taten so, als wäre das nichts Besonderes, sondern nur eine kleine Unannehmlichkeit. Mein Erstaunen wich einem gewissen Unmut über diese Situation. Während Sir Alexander immer noch über die Regeln schwadronierte, versuchte ich in Russels Gesicht eine Regung zu erkennen. Aber er saß ruhig da und lauschte fast andächtig den Ausführungen des Moderators, wirkte fast abwesend. Also versuchte ich, in den Gesichtern der anderen so etwas wie Unbehagen oder sonst etwas zu sehen. Aber weder Samantha, die doch am ehesten darüber empört sein musste nach ihrem Auftritt, zeigte eine Reaktion in ihrem Gesicht, noch sonst einer der Anwesenden. Um genau zu sein: Keiner der Anwesenden schien sich daran zu stören, dass Miss Amelia immer noch nicht gefunden war. Dass sie unter Umständen in Gefahr war. Dass sie einem Mörder in die Hände gefallen sein konnte. Niemand interessierte sich dafür, dass vor der Tür eine Hundertschaft an Polizisten ihr Unwesen trieb. Die Einzige, die nervös ihre Finger ineinander verschränkte, war Miss Amber. Sie wich meinem Blick aus, hüstelte ständig vor sich hin und suchte den Blick ihres Sirs, der sie beständig ignorierte. Ich unterdrückte den Drang aufzuspringen, und dieser Farce ein Ende zu machen. Es war schlicht unprofessionell, was ich hier tat. Sieh das Ganze als das an, was es ist: dein Job. Nicht mehr! So zwang ich mich zu denken und so konnte ich dieses Dinner ohne Wutausbruch hinter mich bringen. Keine zwei Stunden später pellte ich mich aus der Korsage, die ihre Spuren auf meinem Körper hinterlassen hatte. In einen bequemen Seidenmantel gehüllt saß ich auf dem Bett in meinem Zimmer und blätterte, ohne wirklich zu lesen, in dem kleinen braunen Buch. Auf den ersten Seiten, deren Material Pergament sehr ähnlich war, stand mein vollständiger Name geschrieben. Da hatte sich jemand sehr viel Mühe gegeben, um dem ganzen Stil des kleinen Buches gerecht zu werden. Schon der Umschlag aus braunem Leder war etwas ganz Besonderes. Auf der Vorderseite hatte man eine Rose in das Leder geprägt. Die Schrift meines Namens war schwungvoll, verschnörkelt und üppig ausgestattet mit blauer Tinte geschrieben. Mein Mitgliedsausweis für diese Irrenanstalt, dachte ich spöttisch und warf das Buch auf die Decke. Dabei rutschte ein Zettel heraus, der mir vorher nicht aufgefallen war. In seiner sauberen, gleichmäßigen Handschrift hatte Sir Russel darauf vermerkt, dass er mich um 22.30 Uhr zu sehen wünsche. Auf dem Dachboden. Ich schielte zu Uhr. Fünf Minuten hatte ich gerade noch. Ich verzichtete darauf, mich noch einmal umzuziehen, band den Bademantel etwas fester zu und machte mich auf die Suche nach der Treppe, die zum Dachboden hinaufführen sollte. Eine Beschreibung wäre nicht schlecht gewesen, werter Herr, dachte ich und meine Bissigkeit entlockte mir ein tonloses Lachen. Ich fand den Aufgang schneller, als ich es erwartet hatte, denn er lag direkt neben der Treppe, wenn auch etwas verdeckt. Zumindest musste man genau hinschauen, um die schmale Tür zwischen den zwei Ölgemälden entdecken zu können. Die Holzstiege hinauf war ausgetreten, der Aufgang an sich so eng, dass nur eine Person mit schmalen Schultern hindurchpasste. Alle anderen mussten sich drehen und wenden, um sich nicht an den rauen Wänden zu verletzten. Vorsichtig ging ich hinauf. Am Ende der Stiege war eine weitere Tür, die nur angelehnt war. Ein Lichtstrahl fiel auf die oberste Stufe, und als ich vollkommen außer Atem oben angekommen war, schob ich die Tür weiter auf, steckte den Kopf durch den Spalt und lauschte. Von meiner Position aus, war der Raum hinter dieser Tür nicht einsehbar, obwohl er sehr groß sein musste. Entschlossen trat ich ein. Ich musste um eine Ecke gehen, denn der Treppenaufgang spielte in den Dachboden hinein. Helle Farben empfingen mich, ein weicher Teppich unter meinen Füßen schluckte jedes Geräusch. Die schrägen Wände dieses Dachbodens waren mit schweren Brokatstoffen gepolstert worden; Fenster gab es zwei, die jeweils in einer Gaube gegenüberliegend versteckt waren. Indirektes Licht strahlte Wärme aus. Wären die Brokatstoffe nicht gewesen, so hätte man denken können, dass man in einer luxuriösen Turnhalle aus dem 19. Jahrhundert gelandet wäre. Russel wartete in der Mitte des Raumes auf mich. Er war ganz in Schwarz gekleidet und wirkte dadurch noch größer und imposanter als er es eh schon tat. Zu seinen Füßen kringelten sich diverse Seile wie Schlangen, die sich einem Fakir zur Dressur vorwarfen; über seinem Kopf ein Karabiner an einer schweren Kette. Ich folgte der Kette mit meinem Blick. Neben einer der Gauben war eine Vorrichtung, um die schweren Glieder zu fixieren. Russel sortierte etwas, war sehr konzentriert, doch als er bemerkte, dass ich ihn beobachtete, sah er kurz auf, winkte mich zu ihm. Seine dunklen Augen musterten mich für einen Augenblick streng und machten mir bewusst, dass ich keine Ahnung hatte, was er von mir wollte. Ich war die Schülerin, er der Meister. Er wendete sich wieder seinen Seilen zu und wir schwiegen uns an. Nervös, wie ich war, sah ich mich um. Der Raum war nicht besonders ergiebig, was mir also keinerlei neuerliche Erkenntnisse bescherte. Ich wippte unbeholfen wie verlegen auf meinen Fußspitzen hin und her, und vermied es Sir Russel anzusehen. Ich die Schülerin, er der Meister.

Ein sachter Luftzug, um meine nackten Beine, ließ mich vermuten, dass noch jemand den Raum betreten haben musste und ich drehte mich um. Es war Sir Zachery. Mir stockte der Atem. Er? Hier? Blieb mir denn gar nichts erspart? Er lächelte ein sicheres Lächeln. Noch ein Meister. „Entschuldigen Sie bitte meine Verspätung“, sagte er und sein süffisanter Unterton gefiel mir ganz und gar nicht. Er trat hinter mich, öffnete den Knoten meines Gürtels und schob den Mantel über meine Schultern. Darunter war ich nackt. Hätte ich denn ahnen können …? Natürlich hätte ich. Aber doch nicht mit zwei Herren gleichzeitig! „Praktisch“, konstatierte Sir Zachery. „Wie weit bist du?“, fragte er Russel.

„Gleich fertig“, gab der zur Antwort. Und verdammt: Irgendwie war hier im ganzen Haus Klebstoff auf den Böden verteilt. Ich war erstarrt, und konnte wieder einmal meine Füße nicht bewegen, obwohl ich sofort hätte weglaufen sollen. Um ehrlich zu sein, fürchtete ich mich vor dem, was nun passieren würde. Aber genau diese Furcht nährte diese verfluchte Sehnsucht, ihn mir fühlen zu wollen. Ich schloss die Augen – nur für einen Moment – atmete hörbar aus und befreite mich von allen Gedanken, die ich an diesem Tag hatte und je hätte haben können. „Sie haben sicherlich die Zeit genutzt, um sich ein wenig mit unserem Regelwerk vertraut zu machen", begann Sir Russel, ohne den Blick von seinen Händen zu nehmen, die immer noch mit dem Seil beschäftigt waren. Ohne eine Antwort abzuwarten und ohne mich anzusehen, fuhr er fort. „Dort werden Sie ebenfalls sicherlich das Kapitel über die Bestrafungen bei Verstoß gegen das Regelwerk entdeckt haben.“

Hatte ich nicht. Aber würde er mir das glauben? Wohl eher nicht.

„Wir unterscheiden Bestrafungen in zwei Kategorien. Da wäre zum einen die Private, die sie heute erfahren werden. Zum anderen die öffentliche, die vor den Mitgliedern der Bruderschaft vollzogen wird.“

Bestrafung? Halluzinierte er? Wofür wollte er mich bestrafen? Und wer gab ihm überhaupt das Recht dazu?

„Die private Bestrafung wird von einem Zeugen begleitet, der – je nachdem, ob es erforderlich ist – auch einmal zur Hand gehen darf. Sie wissen, warum Sie heute Abend eine Bestrafung erhalten werden?“

Ich schüttelte den Kopf. Meine Gedanken jagten hin und her und das musste auch in meinem Gesicht zu lesen sein. Bestrafung? Wie bitte?

„Sie haben Forderungen gestellt, Miss Rosalie, und es steht Ihnen nicht zu, Forderungen zu stellen.“ Entsetzt stieß ich die Luft aus. Wann und wo hatte ich Forderungen gestellt? Sir Russel nickte. „Das habe ich mir gedacht.“ Er wendete sich ab, bückte sich und hielt plötzlich einen Rohrstock in den Händen. „Gestern Abend waren Sie der Meinung, Sie müssten sich darüber beschweren, dass ich Ihnen nicht das gebe, was Sie bräuchten. Diese Äußerung bringt Ihnen fünf harte Schläge auf Ihr Hinterteil ein.“ Sir Zacherys Griff an meinen Schultern verstärkte sich, so, als würde er merken, dass ich mich innerlich auf eine Flucht vorbereiten würde. „Ihre Aussage, dass ich mich Ihnen verweigern würde, ist Ihrer Unwissenheit in Bezug auf diese Art der Befriedigung zuzuschreiben. Ein Umstand, der sich in der Härte Ihrer Bestrafung positiv auswirken wird. Normalerweise wird ein solcher Affront mit zehn schweren Schlägen bestraft. Im Hinblick auf ihre untrainiertes Hinterteil und des eben erwähnten Umstandes Ihrer Unwissenheit reduziere ich die Anzahl auf fünf. Somit werden Sie heute Abend zehn Schläge erhalten.“ Sir Zacherys Griff tat mir mittlerweile weh, doch ich konnte mich nicht daraus befreien. Sir Russel trat nun näher an mich heran, reichte den Stock an Sir Zachery weiter, und begann mir Seile um den Oberkörper zu legen. Er legte mir die Arme auf den Rücken, band einen festen Knoten um meine Oberarme, band das Seil hinunter zu den Handgelenken, zog das Seil nach vorne und verknotete es über und unter meiner Brust, um es dann in meinem Rücken weiter zu verknüpfen. „Ich könnte Ihnen jetzt sagen, was das für eine Art des Shibari ist“, sagte er leise, „aber da dies hier nicht zu Ihrem Vergnügen stattfindet, werden Sie sich mit der Durchführung zufriedengeben müssen.“ Es ruckte an meinen Armen und meinen Schultern. Bevor ich mich versah, hatte er mich mit dem Karabiner, der über uns hing, fixiert. Währenddessen war Sir Zachery nicht untätig gewesen. Er legte mir Fesseln aus Leder an den Fußgelenken an, die er dann mit Karabinern an einer Stange befestigte, die verhinderte, dass ich die Beine schließen konnte. Eine Mischung aus Furcht und Faszination über mein eigenes Verhalten, dörrte mir den Mund aus. Unfähigkeit, die mich körperlich lähmte und die verhinderte, gegen diese Behandlung lautstark zu protestieren. Stattdessen beobachtete ich mich selbst. Dieses „Wann“ schien wahr zu werden. Wieder einmal so, wie ich es nicht wollte. Aber es fand gerade jetzt und hier statt. Die Furcht war die Stimme der Vernunft in mir, die mich wiederholt fragte, warum ich das hier tat. Die Faszination jedoch, wischte mit einem Handstreich jedes auch nur annähernd vernünftig klingende Wort beiseite und gierte darauf, zu erfahren, wie es sich anfühlte, bestraft zu werden. Sir Russel und sein Handlanger Zachery hatten sich von mir entfernt. Anscheinend waren sie sich so sicher wie ich, dass ich nicht lauthals protestieren würde oder gar davon kriechen würde. Während Zachery aus meinem Blickfeld entschwand, ging Russel hinüber zur gegenüberliegenden Wand. Er drückte auf ein Panel, das so darin versteckt war, dass man wissen musste, dass es da war, um es wiederzufinden. Mein Sir – innerlich lachte ich abfällig, weil ich mich immer noch nicht in diesem Spiel zurechtfand und nun mitten in etwas geraten war, das mir sicherlich kein Vergnügen bereiten würde – drückte auf einen Knopf und die Wand begann sich zu verschieben. Hinter der Polsterung erschien eine große Spiegelfläche. Russel wandte sich über seine Schulter hinweg zu mir. „Damit Sie auch sehen, was Ihnen nun blüht“, sagte er und das Vergnügen, an dieser Aussicht teilhaben zu können, war seiner Stimme anzuhören. Ich hatte Schmerzen im Oberkörper. Die Seile drückten und schnitten in meine Haut, dass mir übel wurde. Schultern und Arme reihten sich in diesen Schmerz ein. Ich versuchte dagegen anzuatmen, aber es gelang mir leidlich. So konzentrierte ich mich auf das Bild im Spiegel. Was ich da sah, erschreckte mich noch mehr, als es mein bisheriges Verhalten generell schon getan hatte. Ich sah eine große, schlanke Frau mit langen blonden Haaren, die augenscheinlich dem Genuss verfallen war. Die Frau dort im Spiegel konnte kaum erwarten, dass dieses seltsame Spiel beginnen würde. Sie gierte danach zu erfahren, was mit ihr geschehen würde. In ihren Augen lag ein Ausdruck, den ich sonst nur von Drogensüchtigen kannte. Dunkel und verschleiert wirkte der Blick der Frau, die sonst so nüchtern und aufgeräumt wirkte. Sir Russel kam zu mir zurück, legte mir die Hand auf den Mund und schob mir seine Finger hinein. Gierig saugte ich daran, schloss die Augen und ließ die Gunst, die er mir zuteilwerden ließ, meinen Körper überfluten. Mit sanftem Druck schob er mir die Zähne auseinander und steckte mir einen Knebel aus Leder dazwischen. Der bittere Geschmack des Materials breitete sich in meinem Mund aus. Ohne weiter Notiz von mir zu nehmen, band Sir Russel den Knebel in meinem Nacken fest. Dann ging er, ohne ein Wort an mich zu richten. Wie kalt er zu mir war, dachte ich verzweifelt, und als ich diesen Gedanken zu Ende gedacht hatte, traten mir Tränen in die Augen. Die Frau, die mich aus dem Spiegel ansah, weinte ebenfalls. Aber sie lächelte auch unter diesen Tränen. Mein Blick fiel auf das Geschehen hinter mir. Sir Zachery hatte sein schwarzes Seidenhemd aufgeknöpft und seinen Oberkörper entblößt. Er wirkte fehl am Platz. Ebenso wie Sir Russel, der seine Kleidung ebenfalls lockerte. Als hätten sie sich über ein stummes Zeichen verabredete, öffneten sie die Gürtel an ihren Hosen. Die schwarze Kleidung der Herren stand im absoluten Kontrast zum weichen, warmen Ambiente auf diesem Dachboden. Sie wirkten wild entschlossen mir eine Lektion zu erteilen. Kalt und abweisend. Der große Spiegel ermöglichte es mir, beide im Blickfeld zu halten. Keine ihrer Bewegungen entging mir, trotzdem war ich überrascht, als ich Sir Zacherys Hände auf mir spürte. Er ließ sie über meinen Rücken gleiten, fuhr die Konturen der Seile an meinen Händen nach und auf seinem Gesicht lag dieses entrückte Lächeln eines Süchtigen, der kurz davor stand, sich mit seiner Droge in einen Rausch zu versetzen. Im Grunde ging es den beiden Sirs genau wie mir, nur dass sie eine Vorstellung von dem hatten, was sie erwarten würde. Sir Zachery massierte meinen Po. Warm und weich kneteten seine Hände mein Fleisch und diese Wärme breitete sich in einem Unterleib aus. Es war ein wundervolles Gefühl und es stand im krassen Gegensatz zu den ziehenden Schmerzen in meinem Oberköper. Ich schloss die Augen, ahnte ich doch, dass dies die einzige zärtliche Berührung bleiben würde, die ich hier und heute erhalten würde. Wie richtig ich mit meiner Vermutung lag, bekam ich einen Wimpernschlag später zu spüren. Zachery hatte sich nicht nur mit meinen Pobacken beschäftigt, sondern sich auch intensiv mit meinem Anus. Plötzlich schob er mir seinen Daumen hinein, dehnte den Ring meiner Muskeln, kreiste darin und sein keuchender Atem an meinem Ohr ließ mich erschauern. „Er ist ein Meister der analen Befriedigung", schoss mir Sir Russels Aussage durch den Kopf und mir war klar, dass ich diese nach diesem Ereignis hier oben würde bestätigen können. Zachery ließ nicht von meinem Anus ab, legte aber seine zweite Hand auf meine Blume, wie er es nannte. Jede seiner Handlungen kommentierte er und jeder seiner beiläufig wirkenden Kommentare steigerte meine Erregung noch ein wenig mehr. Mein Kopf lag an seiner Schulter und ich genoss es, wie er mich verwöhnte. Das wohlige Kribbeln in meiner Vulva übertünchte den leichten Schmerz hinten und ich konnte tatsächlich genießen, was er mit mir anstellte. Doch plötzlich zog er sich zurück, nickte Sir Russel zu und trat einen Schritt von mir weg. Ich zog erschreckt die Luft ein. Wie konnte Zachery mich in dieser Erregung allein lassen? Russel trat hinter mich, langsam und bedächtig, so als müsse er noch einmal über meine bevorstehende Bestrafung nachdenken. Er zog den Stock über seine Hand, fixierte meinen Hintern, und hob dann seinen Blick, der sich mit meinem im Spiegel traf. Ich hoffte, dass er in meinem lesen würde, dass er mich verschonen möge. Doch ich wusste, dass ich ihm in Großbuchstaben vermittelte, dass er es endlich tun sollte. Sir Russel hob den Stock und ließ sie ihn auf meinen Hintern niedersausen. Ich schrie in den Knebel. Der Schmerz fühlte sich spitz an und mein Schrei war eher dem Erstaunen über diese Empfindung geschuldet, als dem Schmerz, den er auslöste. Ein heißes Brennen breitete sich kurz nach dem Schlag auf meiner Haut aus, kroch langsam in meine Eingeweide, um von dort einer Erregung Platz zu machen, die mich schwindlig werden ließ. „Nr. Eins", hörte ich Sir Russel sagen. Ich atmete in diesen seltsamen Schmerz, der sich mit meiner Verwunderung über mich mischte, mich eine dumme Nuss nannte, aber der mich gleichzeitig so fürchterlich feucht machte, dass ich den zweiten Schlag kaum erwarten konnte. Sir Russel holte erneut aus und dieses Mal war der Schmerz wesentlich brennender, heißer und tiefer als beim Ersten. Erneut schrie ich in meinen Knebel, der von meinem Speichel getränkt war und sich in meinem Mund, wie ein nasser Lappen anfühlte. „Nr. Zwei", zählte Russel weiter laut mit. Unter den Tränen, die mir über die Wange liefen und die ich erst jetzt heiß spürte, sah ich in den Spiegel und in sein Gesicht. Hoch konzentriert stand er hinter mir, führte den Stock immer wieder über seine Hand. Kurz bevor er mir einen erneuten Schlag gab, sah er auf, prüfte mich und schien mit dem Ergebnis seiner Untersuchung zufrieden. Wieder traf der Stock mein Fleisch und ich versuchte, in meinen Fesseln dem Schlag zu entgehen. Ein Fehler, wie ich feststellte. „Nr. 3", sagte er und meine erstickten Schmerzensschreie quälten sich durch den Raum. Unartikuliert, unverstanden. Es brannte und dieses Brennen beschränkte sich nicht auf die gepeinigten Stellen. War mein Mund vor nicht mehr als fünf Minuten noch trocken wie die Wüste Gobi, so lief mir jetzt der Speichel an den Mundwinkeln herab über mein Kinn und benetzte mein halbes Gesicht. Der Knebel in meinem Mund hatte sich bereit vollgesaugt, und wenn ich darauf biss, verstärkte mein ohnehin unkontrollierter Speichfluss weiter. Noch war ich damit beschäftigt, den letzten Hieb zu verarbeiten, da traf mich der vierte Schlag vollkommen unvorbereitet. Ich kämpfte in meinen Fesseln, versuchte immer wieder dem Schmerz zu entkommen, aber es gelang mir nicht. Sir Zachery trat an mich heran, sah mir in die Augen und sein Blick zeigte mir, dass dieses grausame Schauspiel genau nach seinem Geschmack war und er um jeden Preis verhindern wollte, dass es ihm entgehen würde. Er löste die Verankerung des Seils am Karabiner nur so weit, wie er es für angemessen hielt, und ich hatte etwas mehr Bewegungsfreiheit, die er aber sofort einschränkte. Er fasste mich an den Schultern, drückte mich so nach vorne, dass ich mich bücken musste. Der Effekt dieser Maßnahme wurde selbst mir sofort verständlich. Sir Russel bekam meinen Hintern in seiner vollen Pracht präsentiert, und nachdem mir Sir Zachery den Knebel aus dem Mund entfernte, mich für ihn öffnete, verschloss er diesen gleich wieder mit seinem Ständer. Damit ich mich nicht gegen ihn wehren konnte, legte er mir die Hand in den Nacken, genauso, wie er es bei Miss Samantha getan hatte. Sein Schwanz schmeckte köstlich. Ich nahm es hin, dass er mich festhielt, und tat das, was ich viel lieber mit Sir Russel getan hätte. Lecken, saugen und mit meinen Lippen massieren. Ich wollte den Penis meines Sirs und bekam einen Ersatz, der zwar nicht minder köstlich war, aber eben nicht der Russels. Sir Russel schien das neue Arrangement zu gefallen. Ich hatte noch sieben dieser fürchterlichen Schläge vor mir und die Pause, die gerade durch den Stellungswechsel entstanden war, zeigte mir, dass der Rest die Hölle werden würde. Meine Haut brannte und ich fürchtete, dass ich tagelang nicht würde sitzen können. Während mir Sir Zachery sein hartes Geschlecht gewährte, streichelte Russel das gepeinigte Fleisch meines Körpers. War da nicht ein kleines Seufzen oder vielleicht sogar ein schwaches Grunzen der Lust von ihm zu hören? Nein: Es waren weder Russel noch Zachery, die diese Laute von sich gaben. Sie kamen von mir. Es waren meine gierigen Schmatzer, die mein Saugen an Zach verursachte. Es war mein Seufzen, als ich Russels warme Hände auf meinem Hintern spürte. All das kam von mir und es erschrak mich. Mein Hintern brannte unter den Schmerzen, mein Stolz hatte sich verabschiedet und all das wurde mir bewusst, als mich der nächste Hieb traf. Meine Bestrafung erregte mich, dabei wusste ich nicht einmal warum. Eine Demütigung hatte ich bereits erfahren. Warum das hier noch obenauf? Er gab mir keine Zeit darüber nachzudenken. Der Schlag, den er mit einem lauten und zufriedenen „Nr. 4“ über meinen Hintern schickte, war in seinen Auswirkungen noch nicht verklungen, da trafen mich in kurzen Abständen fünf weitere. „5; 6; 7; 8; 9“, zählte er mit. Diese Schläge bissen sich in mein Fleisch, ließen sich in der Abfolge kaum Zeit Schmerz zu entwickeln. Kurze stechende Schmerzen, die sich nicht in ihrer vollen Kraft ausbreiteten, sondern die neuen einfach aufnahmen. Ich versuchte den Schlägen zu entkommen, drehte und wandte mich in meinen Fesseln, doch es war so sinnlos, wie es das schon die ganze Zeit war. Er traf dort, wo er treffen wollte und als er den Stock nach dem letzten Hieb senkte, wollte ich mich vor Schmerzen übergeben. Diese kurze Abfolge war weder lusttreibend, noch hielt sie die, die er bereits aufgebaut hatte, aufrecht. Ich schwitzte wie ein Tier, kleine Lichtpunkte tanzten vor meinen Augen und ganz entfernt hörte ich Sir Russel sagen, dass er sich den letzten Hieb aufheben würde, damit ich diesen genießen könne. Mir war danach, abfällig zu lachen, doch dazu war ich nicht mehr in der Lage. Mein ganzes Wesen, mein Ich konzentrierte sich auf das Brennen in meinem Hintern, dass sich in Wärme – wohlige Wärme – verwandelte und meinen ganzen Unterleib erfüllte. Blut pulsierte in meinen Adern und schenkte mir eine Erregung, die ich nie vorher erfahren hatte. Dieses Pulsieren in mir versetzte mich in einen Zustand dankbarer Erwartung und der letzte vernünftige Gedanke, zu dem ich fähig war, versetzte mir eine innere Ohrfeige. Sir Zachery hatte den letzten Schläge nur zugesehen, war einen Schritt zurückgetreten, um mich, wie ich mich in meinem Schmerz wand, eingehend betrachten zu können. Sein angespannter Gesichtsausdruck war gleichzeitig Ausdruck seines Genießens. Einem Genuss, der auf meinen Körper fokussiert war und durch die Betrachtung meines Leidens gesteigert wurde. Nun kam er zurück, schob mir seinen Ständer wieder zwischen die Lippen und lächelte mich auf eine Art an, die mich von all meinen negativen Gedanken befreite. Fürsorge sah ich da, einen Beschützerinstinkt, der sich durch die Freude über meine Schmerzen in den Vordergrund drängte. Mir schossen Tränen in die Augen. Nicht um den Schmerz in meinem Hintern zu beweinen, sondern weil mir in diesem Moment klar wurde, dass nicht nur diese beiden Männer an die Kraft durch Leiden glaubten. Ich tat es ebenso. Wie, um diesen Glauben, dieses Wissen zu bestärken, erhielt ich den zehnten und letzten Schlag, der mir die Eingeweide verknotete. Noch war die Spitze dieses Schlages nicht abgeklungen, da fühlte ich Sir Russels Hände auf meinem gepeinigten Hintern. Warm und weich, fordernd und fürsorglich lagen sie dort, die Wärme aus dem Brennen verteilend. Noch während er mir so viel Sorgfalt zukommen ließ, stieß Zachery weiter in meinen Mund, um einen Augenblick später zu kommen. Er entzog sich mir, ich schluckte seine Säfte und keuchte meine Anstrengung, meine Erregung so heftig hinaus, dass mir erneut schwindlig wurde. Die beiden Herren begannen währenddessen damit, meine Fesseln in umgekehrter Reihenfolge zu lösen und als ich endlich wieder meine Arme bewegen konnte, sank ich gegen Sir Russel, der mich auffing und sich mit mir auf den Boden setzte. Sein Körper, so hatte ich das Gefühl, beschützte mich vor allem, so hatte ich das Gefühl. Er hielt mich, er schützte mich, er pflegte meine Seele und meinen Körper in diesem Augenblick und ich ließ meinen Tränen endlich ungehemmt freien Lauf. „Ich empfehle mich“, bemerkte Sir Zachery und ging. Irgendwann brachte Russel mich in das Zimmer des Grauens und half mir ins Bett. Wenn ich in den Minuten nach meiner Tortur die schwache Hoffnung gehegt hatte, dass er heute zu mir kommen würde, so wurde ich auch dieses Mal wieder enttäuscht. Aber nicht nur dieser Wunsch wurde mir nicht erfüllt. Auch meine Erregung lief ins Leere. Sir Russel versorgte mich und meinen Hintern schweigend, deckte mich zu und verließ mich. Kaum war die Tür ins Schloss gefallen, da setzte ich mich auf. Nach diesem Ereignis würde es mir unmöglich sein, Schlaf zu finden. Innerlich zu aufgewühlt, äußerlich dem Zusammenbruch nahe, zog ich mir die Decke bis zum Hals und starrte in die Dunkelheit. Mein Hintern brannte unter meinem Gewicht – ähnlich einem Sonnenbrand, doch in Wahrheit viel schlimmer - doch das war nichts im Vergleich zu dem, was ich vorhin noch ertragen hatte. Die Dunkelheit in meinem Zimmer und vor den Fenstern formte Gestalten vor meinen Augen, die mich bedrohten, auslachten und voller Häme mit dem Finger auf mich zeigten. Sie verschwanden auch nicht, als ich die Augen schloss. Im Gegenteil: Dort wurde mir noch mehr bewusst, dass ich von vielen Seiten bedroht wurde. So saß ich also in dieser Nacht in meinem Bett und dachte nach. Dass ich irgendwann doch eingeschlafen sein musste, bemerkte ich, als mich leises Klirren von zartem Porzellan weckte. Unschlüssig, ob ich den Tag wirklich begehen wollte, oder ob ich mich lieber vor ihm verstecken sollte, zog ich mir die Decke wieder bis über die Ohren und schielte darunter hervor. Schlussendlich erhob ich mich, ging in die Dusche. Nachdem der Fluss des Wasser, der mir für gewöhnlich so herrliche Entspannung bescherte und der mir heute die Hölle auf Erden darbrachte, nicht mehr so arg auf meinem Hintern brannte, streichelte der warme Duschstrahl meine verkrampften Muskeln. Ich wickelte mir ein großes Handtuch um den Körper, stellte mich im Wohnraum vor den Spiegel und ließ das Frotteetuch fallen. Langsam drehte ich mich um. Was ich da zu sehen bekam, hatte ich nicht einmal im Geringsten erwartet. Dass dieser Abend nicht ohne bleibende Spuren vergehen würde, war mir bewusst. Doch was ich da sah, jagte mir nachträglich einen Schrecken ein, der mich noch lange verfolgen würde. Sir Russel hatte meinen Hintern kunstvoll gezeichnet. Auf meinen Po Hälften prangte jeweils ein Kreuz. Ich vermutete – in meiner technischen Unwissenheit über diese Spielart – dass dies das Ergebnis der kurzen Schläge gewesen sein musste. Er hatte mich gezeichnet. Das Wechselspiel der Gefühle, das mich in diesem Moment durchflutete, konnte und wollte ich mir nicht selbst eingestehen. Auf der einen Seite war da die Wut darüber, dass er es gewagt hatte. Und diese Wut mischte sich mit dem Stolz darüber, dass ich sein war. Während ich meine Haut vorsichtig trockengetupft, mit Creme versorgt und mich ankleidet hatte, fiel mein Blick auf die Terrasse, von der immer wieder diese leise klirrenden Geräusche hereinfielen. Es war ein sonniger, beinahe schon warmer Frühlingsmorgen, da war ein Frühstück an der frischen Luft eine gute Idee. Vielleicht würde auch diese frische Luft meine trüben Gedanken davonjagen. In Jeans und T-Shirt, aber barfuß, trat ich auf die Steinplatten, die so kühl waren, dass sie mir einen Schauer über den Rücken jagten. Sir Russel hatte für zwei Personen gedeckt. Er selbst saß in einem großen Korbstuhl, den man in einem Piratenfilm als Requisite erwarten würde. Seine schwarze Kleidung, sein blasses aber hübsches Gesicht und seine Körperhaltung, ließen den Fotografen und Lebemann wirken, wie einen Piraten der Liebe. Er blickte auf, als ich heraustrat, erhob sich und kam zu mir. Seine warme Hand nahm meine und er führte mich zu einem weiteren Korbstuhl, auf dem ich vorsichtig Platz nahm. Mein Po dankte mir meine Vorsicht, indem er nicht schmerzte. Ich zog meine Füße auf den Sitz und Sir Russel legte eine Decke über meine Beine. „Es ist doch noch recht frisch“, bemerkte er, als er aus dieser Bewegung heraus, sich zum Tisch wandte und Tee für mich einschenkte. Heller goldener Darjeeling mit einem Stück Kandis in der Mitte der Tasse, die die Größe einer Suppentasse hatte. Ich hielt sie wie eine Schale und sah dem Sonnenlicht dabei zu, wie es mit dem Kandis im heißen Tee feine Schlieren zog. Als ich die Tasse vorsichtig schwenkte, verzogen sich die Schlieren und die Süße des Kandis verteilte sich in der ganzen Tasse. Ich hielt meine Nase über den Dampf, der der Tasse entstieg, und sog ihn genüsslich ein. Ein Funken schwacher Freude über dieses Getränk huschte durch meine Gedanken. ER hatte Tee für mich gemacht. Er hatte sein Ritual erneuert. „Ich will das nicht mehr“, sagte ich, bevor ich einen Schluck Tee zu mir nahm. Die Süße des Kandis und der leichte bittere Geschmack des Tees breiteten sich auf meiner Zunge aus und ich spürte, wie ich mich entspannte. Vor diesem Satz hatte ich Angst gehabt, weil ich mir über die Konsequenzen klar war. Keines dieser Spiele, kein Russel. „Das, was letzte Nacht passierte, war nicht Teil unserer Vereinbarung“, fuhr ich fort, pustete den Dampf über meiner Tasse weg und trank erneut. Nun war es an ihm. Ich sah ihn nicht an, denn wenn ich es getan hätte, wäre mein Entschluss ins Wanken geraten. So wartete ich auf seine Reaktion und sah in den von Sonnenlicht durchfluteten Garten hinaus. Immer mehr Blüten öffneten unter der Wärme ihre Knospen und verströmten ihren Duft. Die Luft flirrte unter dem Einfluss des späten Frühlings. „Das war zu erwarten“, sagte er unerwartet und sein Schmunzeln, mit dem er das sagte, hing auch ungesehen greif- und hörbar in der Luft. Jetzt sah ich ihn doch an. Er hatte seinen Blick in die Tasse gesenkt und rührte nachdenklich seinen Tee. Wie in Zeitlupe führte er die Tasse an seine Lippen, trank und stellte dann das leere Gefäß neben sich auf dem Tisch ab. Mit beiden Händen stemmte er sich aus dem Korbstuhl, blieb stehen und ließ seinen Blick über den Garten schweifen. Dann – wirklich vollkommen überraschend – schien ein Ruck durch Sir Russel zu fahren, und er kam zu mir herüber. Er beugte sich zu mir, küsste mich auf die Stirn, und während er sich aufrichtete, sagte er: „Was immer Sie wünschen, Miss Rosalie.“ Mit diesen Worten ging er und ließ mich ein weiteres Mal allein und voller Fragen zurück. Sprachlos starrte ich ihm hinterher. Das war´s? Was immer ich wollte? Das es zu erwarten war? Es lag sicher nicht am heißen Tee, den ich getrunken hatte, aber ich kochte vor Wut. Der Kerl verging sich genüsslich an meinem Hintern, und als ich ihm sagte, dass das so nicht funktionieren würde und es auch nicht tat, ging er und ließ mich in der Luft hängen. Ich fühlte das Porzellan in meiner Hand, immer noch warm vom Tee, und ehe ich es mich versah, flog das gute Stück gegen die Brüstung der Terrasse. Aufgewühlt sprang ich auf, ging zurück ins Zimmer und suchte meine Schuhe. „Dieses Arschloch“, fluchte ich vor mich hin, weil ich mal wieder vor einen der hässlichen Gegenstände gelaufen war und mir den großen Zeh angestoßen hatte. „Der kann was erleben, wenn er den erwische!“ Damit beendete ich meine einsame Flucherrei, riss die Tür auf und stürmte hinaus. Von Russel war nichts zu sehen. Typisch. Kaum an der Treppe angekommen, fiel mir jedoch auf, dass etwas Unvorhergesehenes und Entscheidendes vor sich gegangen sein musste. Meine Kollegen liefen wie aufgescheuchte Hühner im Foyer herum, die Mitglieder der Bruderschaft hingegen standen etwas abseits und sie machten allesamt einen besorgten Eindruck. „Toll“, dachte ich und meine Wut auf Russel steigerte sich noch etwas mehr, „wegen dieses Idioten verpass ich wieder alles.“ Ich zog mir die Schuhe an, während ich die Treppe hinunter ging, schwankte an der einen oder anderen Stelle bedenklich und kam doch heil unten an. Suchend sah ich mich um. Wo war DCI Peel? Wer waren diese vielen fremden Kollegen? Denn dass es welche waren, konnte ich an ihren ernsten, geschäftig aussehenden Gesichtern und an ihren Körperhaltungen erkennen. Wie im Wahn wühlte ich mich durch die vielen Körper, hörte die aufgeregten Stimmen, die Anweisungen in Handys brüllten, die die andere Seite nicht verstehen würde, weil die Geräuschkulisse zu laut war und die Stimmen durch das Brüllen verzehrt. Kurz blickte ich in den Büroraum, aber auch da war Peel nicht zu sehen. Doch jemand anderen konnte ich in ihrer Lieblingsecke erkennen. Miss Amber. Wollte ich mir die Dame nicht noch vornehmen? Wollte ich. Aber nicht jetzt. Peel. Ich musste Peel finden. Ich hatte mich von der um mich herrschenden Aufregung anstecken lassen und hektisch lief ich in den Zimmern hin und her, dann hinaus in die Einfahrt. Endlich konnte ich den Hünen in der Nähe einer Hecke ausmachen. Auch er hatte ein Telefon am Ohr und es sah so aus, als hätte er jemanden verdammt Wichtigen in der Leitung. Als er mich auf sich zukommen sah, verzog er das Gesicht zu einer Grimmasse. Ich nickte, wartete und stellte meine Vermutung über seinen Gesprächspartner an. Peel wandte sich ab, sprach weiter und die Neugier brannte mir unter den Nägeln. Endlich drehte er sich zu mir um, sah auf die Tastatur des Handys, und mit einem Stöhnen berichtete er. „Wir haben eine neue Leiche. Gleiches Schema … dieses Mal allerdings mit einem netten Zusatz: Wasserleiche.“ Seine Stimme klang belegt und ich sah ihn mir genauer an. „Hast Du deine Pillen genommen?“, fragte ich, legte die Hand auf seinen Arm und versuchte herauszufinden, wie ich die Lüge, die er mir gleich auftischen würde, als solche enttarnen konnte. „Ich glaube ja“, sagte er. Sein Gesicht war grau und die Wangen eingefallen. Kleine rote Äderchen an den Rändern seiner Augen versetzten mich in Alarmstimmung. Seine Atmung war flach und schnell, so als würde er direkt vor mir aus den berühmten Latschen kippen. „Versuch es erst gar nicht“, warnte ich ihn. Ein schwaches Lächeln huschte über sein kränklich aussehendes Gesicht. „Wir sollten gehen. Die Gerichtsmedizin wartet auf uns am Chelsea Harbour Pier.“ Noch einmal sah ich ihn streng an, was ihn zu einer ebenso unwirschen wie unverständlichen Äußerung reizte. „Ich fahre“, sagte ich und ließ keine Widerrede zu. Der Chelsea Harbour Pier ist der Anlegeplatz für die kleinen, aber feinen Yachten der reichen Leute. Direkt daneben ist ein Nobelhotel, dessen Manager uns schon händeringend erwartete. Bisher hatte dieser Mann, dessen Arroganz uns bereits auf ein paar Metern entgegen stank, nur mit den Jungs von der Gerichtsmedizin zu tun gehabt. Dahingehend konnte ich seine schlechte Laune verstehen. Nach außen hin waren sie äußerst schweigsam und jedem feindlich gesinnt, der auch nur in die Nähe ihres Tatortes kam. Selbst wir – die wir von der gleichen guten Truppe waren – konnten ihnen ihre Informationen nur durch Penetranz und einer gewissen stoischen Ruhe entlocken, die ihresgleichen suchte. Der Manager tanzte aufgeregt vor Peel herum, während ich mich zum Pier begab. Viele Gestalten in weißen Papieranzügen standen dort herum, tupften mit ihren Tupfern irgendwelche Flüssigkeiten auf, machten Fotos und sahen ansonsten sehr geheimnisvoll aus. „Guten Morgen.“ Mit diesem leisen Gruß versuchte ich mich, an die sonst sehr scheuen Kellerwesen heranzutasten. Einer von ihnen drehte sich zu mir herum, nickte und erwiderte den Gruß. „Hamill“, stellte er sich vor, gab einem anderen weißen Papieranzug einige Anweisungen und kam dann zu mir. „Ihr seid spät“, bemerkte er süffisant und ich verzog das Gesicht. „Kompetenzgerangel. Was habt Ihr?“ Ich versuchte einen Blick über seine Schulter zu erhaschen, was er jedoch geschickt zu verhindern versuchte. „Leiche, weiblich, weiß, zwischen 20 und 30 Jahre. Blonde Haare, gefesselt … könnte also in eure Riege passen.“ Jetzt sah er sich um und ich hatte freien Blick. „Darf ich?“ Er nickte es, ließ mich aber nicht aus den Augen. Zumindest passte die Beschreibung nicht auf Miss Amelia. Ein Hoffnungsschimmer. Wenn man mit Leichen zu tun hat, dann gibt es so etwas wie ein Ranking von dem, was man nicht finden möchte. Wasserleichen stehen auf der Skala ganz weit oben. Sie sind aufgedunsen, meist von Ungeziefer angefressen, stinken und geben seltsame Geräusche in den unmöglichsten Augenblicken von sich. Diese hier machte keine Ausnahme und sie war definitiv nicht Miss Amelia. Das konnte ich schon erkennen, auch wenn ihr Gesicht so breit und aufgeschwemmt wie ein Pfannkuchen war. „Was schätzt Ihr, wie lange sie schon schwimmt?“, fragte ich, ließ mir Handschuhe und einen Tupfer reichen, damit ich an einigen Stellen genauer hinsehen konnte. „Vielleicht zwei Tage. Genaueres, wenn wir sie untersucht haben.“ Ich hörte zu und nickte, während ich versuchte, meinen Magen davon zu überzeugen, sich nicht über der Leiche zu übergeben. Gerade hatte ich an den Schultern des Opfers eindeutige Nagespuren entdeckt. Ich bedeckte meinen Mund. „Nur was für ganz Harte“, hörte ich Hamill sagen. „Ich brauche detaillierte Fotos der Fesselungen“, bat ich ihn. „Schon geschehen.“ Mit einem schrägen Grinsen reichte er mir eine Speicherkarte. „Habt Ihr Papiere gefunden? Sonst irgendwas, was helfen könnte?“ Hamill schüttelte den Kopf und angesichts der Tatsache, dass die Leiche bis auf die Fesseln unbekleidet war, war meine Frage ziemlich dämlich. Er wusste das, ich wusste das. „Zu wenig Kaffee“, entschuldigte ich mich. Zerknirscht zog ich davon und suchte wieder einmal nach Peel. Der Ärmste hatte immer noch mit dem Manager zu tun. Ich sah nur kurz hin und wusste, da stimmt was nicht.

Langsam ging ich auf die beiden zu. Zu langsam. Peel hatte sich abgewandt, fasste sich an die Brust und schnappte nach Luft. Wie in Zeitlupe fiel dieser riesige Mann erst auf seine Knie, dann zur Seite, um dort liegen zu bleiben. Ich versuchte zu rennen, auf ihn zu, ihn aufzurichten. Zwischendurch schrie ich nach einem Arzt, einem Sanitäter oder einfach nach jemandem, der etwas tun konnte. Peels Augen waren weit aufgerissen, aus seinem Mund krochen röchelnde Laute. Wie panisch versuchte ich ihm die Krawatte zu lösen. Immer wieder tätschelte ich ihm die Wange, rief seinen Namen, versuchte ihn wach zu halten. Jemand zog mich von ihm fort und leitete Wiederbelebungsmaßnahmen ein. Noch während dieser Jemand Jonas beatmete, kam ein weiterer Jemand, der eine Trage bei sich hatte. Mehrere Jemands waren nötig, um den großen Kerl auf das Gefährt zu hieven. Dann schoben sie ihn fort. Ich versuchte hinterher zu gehen. Aber meine Beine versagten mir den Dienst. Stattdessen holte ich die Speicherkarte aus meiner Hosentasche und pfiff einen Kollegen ran. „Das soll sich Linney ganz genau ansehen. Und wenn ich sage „Ganz Genau“, dann meine ich unter der Lupe.“ Er nickte, verschwand und ich suchte nach meinem Handy. Wie in Trance rief ich Lissy an, damit sie erfuhr, was gerade geschehen war. Nachdem das alles erledigt war, sah ich mich um. Fragende Gesichter starrten mich an. „Was“, pöbelte ich diese Gesichter an und ging. Das Chelsea and Westminster Hospital ist fünf Minuten mit dem Rettungswagen entfernt. Wenn die Busspur frei ist. Sie war es. Ich fuhr mit Blaulicht und Sirene. Wenn mich jemand erwischen würde, würde eine dicke Disziplinarstrafe meine Akte zieren. Aber das war mir egal. Das war Jonas, der da im Wagen lag. Ich war nicht die Erste, die dort eintraf. Der Director of Police war bereits vor Ort und sah mich fragend an. Auch Lissy, die verzweifelt versuchte in den Untersuchungsraum zu kommen, bombardierte mich mit Fragen. Der diensthabende Arzt hatte mit diesen beiden schon genug zu tun und nun stand ich dort und versuchte ebenfalls Zugang zu Jonas zu bekommen. „Nur Familienangehörige“, schob mich einer der Pfleger grob beiseite. „Sie ist seine Tochter“, hörte ich Lissy sagen und augenblicklich herrschte Stille. Verlegen sah ich zur Seite, erhaschte aber noch den missbilligenden Blick des Directors. Wütend richtete er den Kragen seines Jacketts. „Wir sprechen uns noch“, murmelte er und verschwand. Lissy und ich wurden vorgelassen. Und in diesem Moment wünschte ich mir, dass ich nicht darauf bestanden hätte, ihn sehen zu wollen. Dieser große, kräftige – ja beinahe bullige Mann, der immer freundlich war, immer ein Lächeln – wenn auch schon mal ein Trauriges – um die Mundwinkel hatte, der so viel Vertrauen in die Menschen hatte, dass er glaubte, jeder wäre es wert gerettet zu werden, war nur noch ein Schatten seines Selbst. Das große Bett, mit der großen blauen Matratze, die vielen Geräte und Schläuche, die permanent fiepten und rauschten, das blassblaue Licht, das sein Gesicht nur noch eingefallener wirken ließ, ließen ihn fast verschwindend klein erscheinen. „Zwei Faktoren“, sagte eine dunkle Stimme aus dem Off zu uns. Lissy griff nach meiner Hand und ich konnte sehen, dass ihr die Angst die Kehle zuschnürte. „Der Herzinfarkt war zwar schmerzhaft, aber nicht lebensbedrohlich. Ein kleiner Ballon-Katheder, dann entscheiden wir, ob wir einen Stent legen. Problematischer ist die Hirnblutung. Solange wir nicht wissen, wie stark diese ist, können wir das Herz nicht operieren. Wir müssen seinen Schädel öffnen, damit der Druck auf das Gehirn abschwellen kann.“ Die dunkle Stimme aus dem Off trat ab und ließ uns allein. Lissy und ich standen vor der großen Glasscheibe und betrachteten den Mann, der für uns beide alles bedeutete. Wir sahen dabei zu, wie Pfleger sein rollendes Bett vorbereiteten und ihn aus dem Zimmer, über den Flur, hinüber zum Aufzug schoben, wo er dann aus unseren Augen verschwand. Schweigend setzten wir uns auf die Bänke im Besucherbereich und warteten. Die Zeit zog sich wie ein alter Kaugummi. Zwischendurch vibrierte mein Telefon, aber ich sah mich außerstande, einen der Anrufe anzunehmen. Es reichte also nicht, dass ich mich elendig fühlte. Nein: Etwas von außen musste mich auch noch weiter nerven. Doch auch wenn ich diesen Störfaktor durch eine einfache Handlung verbannen konnte: Ich wurde nicht ruhiger. Schlimmer noch. Mein Puls raste, mein Kopf drohte zu zerspringen. Meine Haut kribbelte als würden Ameisen darüber hinweg laufen. „Ich muss an die frische Luft.“ Ich war aufgesprungen, hatte mich kurz zu Lissy umgedreht und sah in ihre verweinten Augen. „Geh ruhig, Liebes“, sagte sie. Dann nahm sie ihr zerknäultes Spitzentaschentuch und schnäuzte sich. „Soll ich Dir einen Tee mitbringen?“ Sie nickte abwesend. Mit dem Gefühl des schlechten Gewissens, dass ich die Frau dort allein warten ließ, ging ich zum Treppenhaus. Im Aufzug wäre ich erstickt. Also lief ich die vier Etagen hinunter, und als ich die Eingangshalle betrat, sah ich mich um. Der Kiosk lag zu meiner rechten in der Nähe des Ausgangs. „Eine Schachtel Luckies, bitte“, sagte ich und starrte zum Ausgang hinüber. Die automatische Tür schien mich mit ihrem leisen Seufzen jedes Mal zu locken, wenn sie sich öffnete und wieder schloss. „Komm, Rosalie … nur ein Schritt … dann kannst du laufen“, schien sie zu sagen. Ich schluckte. „Ein Feuerzeug, bitte“, ergänzte ich meine Bestellung und die ältere Dame hinter dem Tresen musterte mich. „Sonst noch was?“ Ich sah auf, dachte nach und bestellte für Lissy einen Tee. Das Gebräu, das mir die Dame reichte, hatte nur in Bezug auf seine Farbe Ähnlichkeit mit Tee. Es roch bitter und abgestanden. Nachdem ich gezahlt hatte – den Becher in der Hand, die Zigaretten in der Tasche – blieb ich in der Eingangshalle stehen und wieder schien mich die Tür zu rufen. „Nur zwei kleine Schritte, Rosalie, dann kannst du das tun, wozu du jetzt Lust hast … Weglaufen. Ganz weit und du hältst erst an, wenn dir danach ist und du weit genug entfernt von allem bist. Komm, Rosalie, komm.“ Ich machte auf dem Absatz kehrt, ging zum Aufzug und wartete. Immer wieder sah ich zur Tür, und das Mistding schien zu lächeln. Die Zahlen über der Tür des Aufzugs wechselten viel zu langsam auf meine Etage. Als sie sich schließlich öffneten, stieg ich so schnell wie möglich ein. Es war eine Flucht. Eine Flucht vor der Ausgangstür, die mich locken wollte. Nachdem ich Lissy ihren Tee gebracht hatte, erfahren hatte, dass Jonas immer noch nicht von der Untersuchung zurück war, ging ich erneut in Richtung Treppenhaus. Nach unten konnte ich nicht. Da war diese Tür, die mich holen und weglaufen lassen wollte. Also blieb mir nur der Weg nach oben. In diesem Moment fragte ich mich, warum Flüchtige in Filmen immer nach oben liefen. Sie mussten doch wissen, dass von dort kein Entkommen war. Langsam stieg ich hinauf, und als ich vollkommen außer Atem oben ankam, hielt ich kurz inne. „Was tust du hier, Rosalie“, fragte ich mich. „Keine Ahnung“, sagte ich halblaut und drückte die Klinke der schweren Feuerschutztür herunter. Kalter Wind blies mir entgegen, als ich die schwere Tür öffnete. Ich trat aus dem Treppenaufgang heraus und befand mich mitten in einem amerikanischen Gangsterfilm. Einem Plateau ähnlich breitete sich das oberste Geschoss vor mir aus. Ein Hubschrauberlandeplatz war mit einem Kreis gekennzeichnet, der zum einen aus einer Linie und zum anderen aus Scheinwerfern bestand, die den Piloten in der Dunkelheit den Weg weisen würden. Dieses Plateau war umrandet von einem ca. anderthalb Meter hohen Mauerwerk. „Für Selbstmörder wie geschaffen“, sagte ich zu mir. Langsam ging ich hinüber, kletterte auf das Mäuerchen und ließ die Beine baumeln. Umständlich zündete ich mir eine Zigarette an, blies den Rauch aus. Dieser Platz hier oben war wie geschaffen für Selbstgespräche, die in ein Bad aus Selbstmitleid führten. „Versuch es objektiv zu sehen, Rosalie“, sagte ich. London bereitete sich auf eine weitere Nacht vor. Die ersten Lichter in den Straßen schalteten sich an. Die Fenster in den Bürotürmen wurden eines nach dem anderen beleuchtet, und der Himmel über der Stadt tauchte in ein dunkles Blau ein, das an einigen Stellen von orangen Streifen und einem Hauch von Grau durchbrochen wurde. Objektiv sehen? Dass ich nicht lache! Ich hatte einmal ein Leben geführt, das überschaubar war. Nun war es eine Ansammlung von Katastrophen und hausgemachten Problemen. Hausgemacht. Das war das Stichwort. Selbst wenn ich noch so sehr gesucht hätte: Ich hätte niemandem die Schuld an meiner Misere in die Schuhe schieben können. Ich beugte mich vor, ließ meine Kippe fallen und sah auf die Menschen unter mir, die wie Playmobil-Figuren wirkten. Wie schafften diese Menschen es, ihr Leben in den Griff zu bekommen und so zu leben, dass es ihnen nicht unter den Füßen wegbrach? Meine Haare wehten mir ins Gesicht und ich versuchte, sie mit einem Knoten zu bändigen. Doch der Wind hier oben war so heftig, dass der Versuch schon beim Gedanken scheiterte. Außerdem wurde es kalt. Aber wenn ich zurückging, dann würde ich mich der Realität stellen müssen. Eben diese besagte nun einmal, dass Jonas – mein Vater, der er offiziell nie sein konnte – zwischen Leben und Tod hing. Wollte ich das sehen? Wollte ich der Gefahr ins Auge sehen? Der Gefahr, demnächst noch einsamer zu sein, als ich es bisher schon war? Es half nichts: Ich musste wieder hinunter. Außer mir war niemand da und so bildete ich mir ein, dass ich Lissy wenigstens etwas zur Seite stehen konnte. Auch wenn ich eher ein Häufchen Elend, denn ein Fels in der Brandung war. Mit Schwung holte ich meine Beine zurück aus der vermeintlichen Freiheit der Bodenlosigkeit und ging langsam zurück. Wieder kam es mir vor, als wäre ich in einem Film. Die einsame Heldin, durch die der Ruck der Erkenntnis gegangen war; die nun wusste, was sie zu tun hatte und die alles daran setzen würde, die Welt zu retten, auch wenn es bedeuten würde, dass sie selbst daran zugrunde ging. Die Tür zur Notaufnahme war so schwer zu öffnen, dass ich das Gefühl hatte, sie würde sich dagegen wehren. Wie ein Schutzschild vor dem, was mich dahinter erwarten sollte, hakte die Tür und ließ sich erst nach Anwendung purer Gewalt öffnen. Leise fluchend betrat ich den Flur dahinter und sah auf die Bank, auf der Lissy saß. Die Fensterfront hinter der kleinen Frau, strahlte wie in einer pervers bunten Reklame. Dabei war es nur der Name der Klinik, der an der Außenwand mit Leuchtbuchstaben angebracht war. Was für ein Blödsinn, fuhr es durch meine Gedanken. Jeder der hier war, wusste, wo er war. Vor Lissy stand ein Mann in weißem Kittel. Leicht nach vorn gebeugt sprach er auf sie ein. Langsam ging ich auf die Szene zu. Mein Magen verkrampfte sich und ich wusste, dass diese Szene in meinem ganz persönlichen Film kein gutes Ende nehmen würde. Ich nahm die letzten Wortfetzen des Gesprächs – oder besser – des Monologs des Mediziners wahr und blieb neben Lissy stehen. Fragend sah ich zwischen den beiden hin und her. Der Mediziner sah sich genötigt seinen Monolog mir gegenüber zu wiederholen und an seiner Stimme erkannte ich ihn als die „Stimme aus dem Off“ von vor einer halben Stunde. „Es tut mir leid“, begann er und mein Gesicht begann bereits zu zittern, „Detective Chief Inspector Jonas Peel ist um 19.28 Uhr während der Operation, die den Druck auf sein Hirn verringern sollte, verstorben.“

Der 6. und letzte Teil erscheint im Juni 2013


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