Das Wunder
Da erkannte er Gemma Cantoggi. „Sie hier?
Aber ein Wort, Contessa, hätte genügt", stammelte er. „Ich wäre zu
Ihnen geeilt." „Nun bin ich schon da", erwiderte sie. „Aber Sie
kompromittieren sich!" „Nein, nein. Wir haben ein Landhaus ganz
nahe. Man glaubt, daß ich dort übernachte. Ich verlasse manchmal
nachts unser Stadthaus, ich habe solche Launen. Meine
Gesellschafterin ist mit mir gefahren, sie ist
eingeweiht."
Er sah sie zweifelnd an. Das war die
Cantoggi, die den Lanti heiraten sollte, einen Viveur auf dem
Abmarsch; eine der sehr schönen Frauen, die eine Zeitlang von allen
Männern begehrt, von allen Frauen gehaßt werden; um die ein Knabe
Selbstmord begeht; die zwanzig Jahre lang an der Spitze der Mode
tänzeln, und wenn sie vorüber sind, Unzähligen Glück versprochen,
ein paar Geliebten ihr Versprechen gehalten, und in dem Gedächtnis
einiger Alten den Rest eines berauschenden Duftes hinterlassen
haben. Was waren sie selbst? Was erlebten sie? Er wußte es: Ihre
Wirkung, das Martyrium des Mannes und den Applaus der Menge. Kam
diese da als Kollegin, als Komödiantin zum Künstler? Wollte sie Rat
holen, wie man nach ganz hohen Erfolgen greift? Er hatte von ihren
Worten nichts erfaßt, glaubte keines; er fragte erregt: „Aber, was
führt Sie her?"
„Die Liebe zu Ihnen, Mario Malvolto",
wiederholte sie, und ihre Stimme zitterte leicht.
„Contessina, Sie sind ein Kind. Wenn Sie mich
liebten, warum haben Sie nicht einen Ihrer Freunde beauftragt, mich
Ihnen vorzustellen? Ich hätte mich Ihnen zu Füßen gelegt."
„Zu Hause wären wir nicht frei gewesen. Um
uns lieben zu dürfen, hätten wir uns heiraten müssen."
„Ah!"
Er empfand eine böse Genugtuung.
„Die Contessina Cantoggi würde mich nicht zum
Mann wollen!"
Und sie, ohne zu verstehen:
„Sie würden sich mir versprochen haben,
Mario, ohne zu wissen, wer ich bin. Sie würden versichert haben,
mich zu lieben, und hätten vielleicht geheuchelt. Wenn ich das
merkte, wäre alles aus. Ich will, daß wir uns lieben, ohne daß
jemand darum weiß. Sie können sich nicht ausmalen: ich werde von
der schönen Cantoggi geliebt, und ganz Florenz weiß es. Hören Sie?
Das können Sie nicht."
paar Geliebten ihr Versprechen gehalten, und
in dem Gedächtnis einiger Alten den Rest eines berauschenden Duftes
hinterlassen haben. Was waren sie selbst? Was erlebten sie? Er
wußte es: Ihre Wirkung, das Martyrium des Mannes und den Applaus
der Menge. Kam diese da als Kollegin, als Komödiantin zum Künstler?
Wollte sie Rat holen, wie man nach ganz hohen Erfolgen greift? Er
hatte von ihren Worten nichts erfaßt, glaubte keines; er fragte
erregt: „Aber, was führt Sie her?"
„Die Liebe zu Ihnen, Mario Malvolto",
wiederholte sie, und ihre Stimme zitterte leicht.
„Contessina, Sie sind ein Kind. Wenn Sie mich
liebten, warum haben Sie nicht einen Ihrer Freunde beauftragt, mich
Ihnen vorzustellen? Ich hätte mich Ihnen zu Füßen gelegt."
„Zu Hause wären wir nicht frei gewesen. Um
uns lieben zu dürfen, hätten wir uns heiraten müssen."
„Ah!"
Er empfand eine böse Genugtuung.
„Die Contessina Cantoggi würde mich nicht zum
Mann wollen!"
Und sie, ohne zu verstehen:
„Sie würden sich mir versprochen haben,
Mario, ohne zu wissen, wer ich bin. Sie würden versichert haben,
mich zu lieben, und hätten vielleicht geheuchelt. Wenn ich das
merkte, wäre alles aus. Ich will, daß wir uns lieben, ohne daß
jemand darum weiß. Sie können sich nicht ausmalen: ich werde von
der schönen Cantoggi geliebt, und ganz Florenz weiß es. Hören Sie?
Das können Sie nicht."
Er murmelte:
„Glaubst du, ich sei so niedrig eitel?"
„Nein, ich glaub' es nicht! Verzeih! Ich bin eifersüchtig im
voraus. Ich möchte dich einschließen hier." Sie trat lebhaft auf
ihn zu, in sein Zimmer hinein. „Und ich könnte nicht ertragen, daß
wir uns vor Fremden sehen, uns mit Zurückhaltung sprechen müßten.
Ich möchte vor dir immer - du, ich liebe dich!" Sie öffnete, über
eine letzte Schüchternheit hinwegspringend, rasch die Arme: „Ich
möchte vor dir immer nackt sein!" Ihn überkam eine Wallung; er
griff nach ihr. „Wenn ich glauben könnte, daß du wirklich da in
meinen Armen liegst!"
Den Mund auf ihrem Haar, stöhnte er. Die
seltene Frau, die mit unbedachter Leidenschaft ihn reich machen
wollte: da war sie, da war das Wunder. Eins der jungen Mädchen,
klaräugig hervorspähend aus ihrer Welt, in die kein Weg führte: da
war es, da war das Wunder.
„Wenn ich es glauben könnte!"
„Du fühlst mich", sagte sie bebend. „Und daß
ich dich liebe, das mußt du doch fühlen."
„Ich fühle", sagte er, mitleidig mehr mit
sich als mit ihr.
„Und du willst mich lieben?"
„Ich will. Ob ich will?" rief er schmerzlich.
Sie fragte, das Gesicht versteckt an seinem Halse:
„Hast du mich schon einmal schön gefunden?
Hättest du mich haben wollen?"
„Immer dich!"
Und er wußte, daß er lüge und dennoch
aufrichtig sei. Er hatte alle begehrt, würde immer alle begehren.
Aber hielt er nicht alle in dieser? Vielleicht, vielleicht. „Auch
ich", sagte sie und sah groß auf. „Immer dich!" „Dann wußtest du,
daß du heute abend durch das Loch im Vorhang ein Auge trafst, und
wessen Auge?" „Nein."
„Nicht? Hast du mich nicht viele Male in den
Logen bemerkt? Und heute auf der Bühne, als gerufen ward?" „Nein.
Ich wußte noch immer kaum, wie du aussahst. Als du eintratest,
zögerte ich. Es konnte auch ein Fremder, ein Freund von dir sein."
Er war sprachlos.
„Wir haben so lange in San Gimignano
gewohnt", erklärte sie. „Erst seit Papa tot ist und mein Bruder in
Florenz in Garnison steht, wohne ich hier." „Also kommst du, weil
ich berühmt bin." „Berühmt? Ich weiß nicht. Vielleicht hat man in
meiner Gegenwart einiges dummes Zeug über dich geredet; ich wußte
aber nicht, daß du gemeint seiest. Ich hatte deine Bücher gelesen,
aber ohne nach deinem Namen zu sehen."
Mario Malvolto dachte: ,Das ist der
Ruhm.'
„Es waren Menschen darin,die ich verstand.
Ich sagte mir: so hätte ich gehandelt, so würde ich fühlen, wenn
„Wenn
„Wenn ich diesen Mann fände. Bei meinem
Verlobten, das wußte ich, konnte ich davon nichts erleben." „Ja,
Sie sind verlobt."
„Ich war es. Ich habe, bevor ich zu dir kam,
ihm abgeschrieben."
„Ich fasse das alles nicht."
„Es ist so einfach. Heute abend, in deinem
Stück, sah ich dieselben Menschen leben und sterben, die ich aus
deinen Büchern kannte. Sie waren heftiger als die Leute, mit denen
ich diniere und Korso fahre. Sie lächelten nicht soviel, und ich
konnte ihnen glauben - weil sie ja starben!"
„Weil sie starben."
„Zu Hause sah ich nach dem Namen des
Verfassers auf den Romanen. Es war deiner, da fuhr ich her." Er war
entzückt. Welche vertrauensvolle, entschlossene Leidenschaft! Daß
man dem zusehen, ihm nachtasten durfte! Aber er besann sich: sie
wollte von ihm mehr. Er hatte plötzlich Angst zu unterdrücken.
„Glaubst du denn, daß ich bin wie meine Geschöpfe? Ich habe sie
vielleicht geschaffen, weil ich nicht so bin." „Aber du hast sie
geschaffen. Du mußt sie doch im Herzen getragen haben... Das ist so
einfach, es ist mir heute nacht auf einmal klargeworden. Wenn die
Menschen, die wir lieben könnten, in unserer Welt nicht leben, wenn
sie nirgends leben - suchen wir sie doch im Herzen dessen, der sie
erträumt hat! Warum tun die Frauen das nicht? Es wäre zu töricht
gewesen, nicht zu dir zu kommen." „Ich bin nicht so stark..."
Es war ihm, als ringe er mit dieser
Siebzehnjährigen, als gelte es seine Selbsterhaltung.
„Ihr Verlobter, Contessina, ist ein Held
gegen mich. Er hat mehr künstliche Kraft als wirkliche, ich weiß
es, mehr Fechteranspannung und Duschenlebendigkeit als Muskeln und
Nerven. Aber wenigstens das Äußere deutet auf einen unternehmenden
Kavalier. Sie haben von ihm immerhin vieles zu erwarten."
„Ich weiß so ziemlich, was ich zu erwarten
hätte", versetzte sie und schüttelte die Schultern. Sie ließ sich
an seinem Tisch nieder, in seinem Arbeitssessel. Sie spielte mit
dem Schreibgerät, warf ein Heft mit Notizen zu Boden und stützte
den Kopf in die Hand. „Als er mich in San Gimignano besuchte, als
ich mit ihm im Garten auf dem bröckeligen Aussichtsturm stand, hoch
im Efeu und unter uns das blaue Land — weißt du, wie er mir vorkam?
So fremd wie ein Engländer, der das fotografiert. Was ich alles
dort gefühlt hatte, was man in sechzehn Jahren alles fühlen kann am
Grunde dieser Nester von Efeu und auf diesen durchlöcherten, warmen
Mauern, bei den Eidechsen - meinst du, er hätte davon etwas geahnt?
Ich würde mich geschämt haben, ihm ein Wort zu verraten ... Dir
-"
„Mir?" fragte Mario Malvolto und griff mit
schlechtem Gewissen nach dem Geschenk, das sie hinhielt. „Dir sag
ich's!" Und sie sprang auf.
„Vielmehr, du weißt es schon. Auch du hast so
gefühlt, von dir selbst hab' ich es erfahren!" Er sträubte
sich.
„Wir treiben ein verdächtiges Gewerbe, wir
Dichter. Wir führen euch Freuden zu, darum sind es aber noch nicht
unsere ..
„Du willst den Bescheidenen spielen. Du bist
kokett." Und da er eine Bewegung machte: „Oder glaubst du mir
nicht?"
Sie streckten gleichzeitig nacheinander die
Arme aus.
„Dir nicht glauben!"
Das war unmöglich. Ihr Atem; ihr Blick, die
Linien ihres Körpers selbst verkündeten Wahrheit. Die Linien dieses
zarten Körpers, dieser Seele aus Fleisch, überfluteten ihn, singend
vor Leidenschaft. Er bebte unter ihnen, er wünschte heftig, sie
möchten sein Herz umschlingen, es zerbrechen mit all dem
Künstlichen darin, es auf immer vergewaltigen und knechten. Nichts
mehr fühlen als sie! Welch ein Ziel - und welche Ohnmacht, es zu
erreichen!
„Höre", bat er, heiser vor Qual, „du
täuschest dich über mich, Gemma. Ich bin nicht so ehrlich wie du.
Ich kann es nicht sein."
„Würdest du das sagen, wenn du es nicht
wärest?" „Ich bemühe mich in diesem Augenblick, es zu sein. Aber du
darfst mich nicht zu schwer versuchen. Glaube, dein Verlobter, er
mag kalt sein - er hat immer noch mehr gutes Gefühl als ich. Er ist
dir immer noch verwandter." Da ihr Blick ablehnte:
„Er mag in deine Kinderträume nicht
zurückblicken können. Sei froh, daß er's nicht kann. Er wird dich
um so gutgläubiger lieben, wie du jetzt bist, wenn er nicht das
Talent hat, in dich hineinzulügen, was nicht mehr ist oder nie
war."
Sie ging wieder von ihm fort, sie setzte sich
auf die Ottomane, verschränkte die Arme über dem Kopfpolster und
stützte ihre Brust dagegen.
„Nicht nur daher weiß ich über ihn Bescheid",
sagte sie langsam und sah erweiterten Blicks in das Mondlicht. „Ich
weiß es auch von seiner Geliebten." „Von der Trafetti?" fragte er
rasch.
„Ich bin zu ihr gegangen. Wundert dich das?
Sie ist eine große Sängerin und eine schöne Frau. Ich habe gedacht,
sie hat keinen Grund, mir nicht die Wahrheit zu sagen. Und sie ist
die einzige, die sie mir sagen kann ... Nun, er ist schwach, er -
vermag wenig. Wie soll ich dir das bezeichnen?"
Er prallte zurück. ,Hält sie denn mich für
einen Stier?' Sie deutete seine Bewegung.
„Ich bin kein Kind, ich kann urteilen. Er
gebraucht künstliche Reizungen und Hilfsmittel, verlangt von seinen
Mätressen Dienstleistungen, die - die mir die Traffetti erst
erklären mußte." „Ah! Ah! Sie hat dir's erklärt?"
Er dachte: ,Ein junges Mädchen, das zu einer
Dirne geht, um sich über die Leistungsfähigkeit ihres Verlobten zu
unterrichten! Nein, das hätte ich nicht erfunden, das erfindet
keiner!' Sie sah ihn groß an. „Und die - die brauchst du nicht." Er
gab zu, erstaunt: „Nein." Sie belebte sich.
„Siehst du, du hast mir soeben niedrige
Begierden zugetraut, ich weiß es, leugne nicht. Du kennst mich noch
nicht... Das Schlimmste ist nicht, daß er kein starker Mann ist.
Aber er hat keine Liebe. Die Traffetti liebt ihn, sie hat geweint,
als sie es mir gestand!" „Aber er hat sich neulich für sie
geschlagen", sagte Mal-volto, ehe er's bedacht hatte.
„Ich möchte nicht, daß sich einer so für mich
schlüge. Er hat die ganze Zeit kalt und ruhig seinen Platz
behauptet, seinen wütenden Gegner in Distanz gehalten — das Auge
immer an der Degenspitze des andern - bis er ihn schließlich
treffen konnte... Wer eine beleidigte Geliebte rächt, ficht anders!
Er liebt nicht, sage ich dir." ,Also nicht', dachte Malvolto und
gab es auf, diesen Bräutigam zu retten. Er sah zu, wie das junge
Mädchen an ihrem Mieder nestelte. Ein paar Schmuckstücke rollten
auf den Teppich. Zwischen den Spitzen schimmerte ein wenig
blaugeädertes Fleisch. Sie benahm sich wie ein Kind, das von langer
Wanderung nach Hause gefunden hat, müde und glücklich.
„Ich werde nie seine Seele zu fühlen
bekommen. Deine hab' ich oft gefühlt. Ich bringe dir meine."
Sie stand auf.
„Und meinen Körper."
Er stürmte hin zu ihr, stürzte auf die Knie,
warf Küsse auf ihr Kleid und ihre Hände. Er war auf einmal voll
durchwärmt von dem Gefühl dieser Seele, die seit Monaten, an seine
denkend, sich aus einem Gefängnis, aus den Schlingen der Fremden
frei machte; die tastete, nachtwandelte und durch mondbeschienene
Wälder tiefer, leidenschaftlicher Ahnungen den Weg fandzu ihm! Da
war sie, da trat sie aus dem weißen Zimmer in einen Mondstrahl! Da
stand sie, für ihn erschaffen, unerklärlich ohne ihn. Da lag sie
auf seiner Brust, ihn zu erlösen, ihn in das Heiligtum des Lebens
zu retten,ihm langen Atem einzublasen,ihn alles vergessende
Empfindungen undstarkeGebärdenzu lehren! „Ich liebe dich, Gemma!"
Sie lächelte nur, die Hände auf seinem Haar. ,Aber ich glaube ja!'
rief er sich zu. ,Das Wunder ist für mich geschehen, ich bin stark
genug, es zu glauben, mich von ihm erlösen zu lassen!'
Er sprang auf, legte den Arm um sie... Auf
einmal überrann es ihn kalt. ,Jetzt glaubst du, Komödiant. Und
morgen früh wird deine Sorge sein, was wohl mit dieser Minute der
Gläubigkeit künstlerisch anzufangen ist.' ,Aber ich liebe sie',
versicherte er seinen Widersacher. ,Und sie mich. Bin ich denn kein
Mensch?' ,Nein, du bist keiner. Du spielst ihn nur. Unterdrücke
diesmal deinen Effekt, dies einzige Mal, aus Mitleid mit einem
Kinde. Bedenke -'
,0 ich weiß, und ich habe Angst. Dies ist
kein Abenteuer, das man hinnimmt und aus dem man entkommt, sobald
man es müde ist. Es ist kein Haus mit zwei Eingängen. Es ist ein
Felsental, über dessen einzige Pforte Wasser stürzen, wenn man
drinnen ist!'
Er löste widerstrebend die Hände von dem
jungen Mädchen. Sein Blick, vom Schmerz verwirrt und über die Wände
gejagt, traf plötzlich ins Auge von Pippo Spano. Jetzt lächelte
Pippo Spano. Sein fürchterliches Lächeln, das niemals nachzuweisen
gewesen war, jetzt sagte es mit klaren Worten:
,lst das die Stärke, zu der ich, dein
Gewissen, dich zwingen sollte? Ein Weib kommt, es betet dich an.
Dein Blut reißt dich zu ihr. Und dein Bedenken von Kranken zuliebe
schickst du das heiße Leben fort? Tu's - aber versuche nie wieder,
dich aus der Welt der Schwachen wegzustehlen in meine hinein, wo
man liebt, raubt und, wenn es sein muß, dafür stirbt!'
Mario Malvolto riß Gemma vom Boden. Alles
Blut im Gesicht, gleich einem Krieger, dem sein erbeutetes Weib mit
weißer Umarmung den Hals zuschnürt, trug er sie in sein
Schlafzimmer.
Der Glaube
Mario Malvolto stand allein auf seiner
Terrasse und sah den Tag aufgehen. Gemma war fort, er lauschte auf
die letzten Schwingungen des Glücks, das sie in ihm angeschlagen
hatte. Gleich würde es ausgeklungen haben. Wenn sie heute abend
wiederkam als ganz dieselbe, immer in derselben Glorie von
Leidenschaft-wie fand sie ihn! Er wußte es selbst nicht. Zwanzig
Stunden konnten ihn wer weiß wohin tragen. Er würde eine
Anstrengung machen zu ihr zurück. Sie würde vielleicht gelingen.
,Nein, nein. Wir trennen uns gleich. Ich will sie nicht
wiedersehen. Das ist stark gehandelt, denn noch begehre ich sie und
werde sie noch oft begehren... Ich will ihr schreiben. Sie wird
sehr leiden. Das wird ein rascher Schmerz gewesen sein, rasch wie
das Glück war. Ist man nicht daran gestorben, so ist's eben vorbei.
Wäre ich jetzt mitleidig und suchte sie zu täuschen - das gäbe
lange, lange Ängste, zitternde Wiederbelebung dessen, was doch
sterben muß.' Er stieg in den Garten hinab, ging durch die Wege,
die Lauben, und schrieb in Gedanken:
,Meine angebetete Gemma! Heute habe ich noch
das Recht, Dich so zu nennen. Wenn Du am Abend wiederkämest, wäre
es vielleicht schon zur Lüge geworden - zu der ersten von all den
Lügen, mit denen ich unsere Liebe fristen würde. Ich will das
nicht, dafür waren wir noch soeben zu stark und zu glücklich. Ich
will Dir Dein wahres Gefühl mit der Wahrheit vergelten, die ich
geben kann. Höre, meine Gemma.
Du liebst mich noch immer, nicht wahr? Du
bist überzeugt, Du liebst mich auf immer. Und Du würdest ein Gefühl
für nichtig halten, das seinen Tod voraussieht. Das aber, Gemma,
tut meines. Oh, ich werde Dich in Jahren noch so heftig zu mir
herwünschen wie jetzt in diesem Augenblick! Aber kämest Du in zwei
Stunden, vielleicht kämest Du schon zu spät. Vielleicht, Geliebte,
bin ich Dir sogar heute nacht, mitten in unsern festen, testen
Umarmungen schon untreu geworden. Wer weiß, ob ich nicht an ein
Wort gedacht habe, das diese Umarmungen zu malen vermöchte? Die
Kunst, Gemma, ist Deine Rivalin, und Du darfst sie nicht leicht
nehmen. Manchmal, wenn Du, die Arme geöffnet, in mein Zimmer treten
wirst, hält sie mich an ihrer harten Brust.' Mario Malvolto sah zu,
wie eine Traube Glyzinen durch seine hohle Hand schlüpfte, und
überlegte: ,Harte Brust? Hat die Kunst eine harte Brust?' Er ließ
es vorläufig gut sein.
,Du verstehst mich nicht, ich sehe voraus. Du
meinst, eine Beschäftigung könne man doch verlassen, wenn eine Frau
eintritt. Der Lanti, wenn Du ihn heiratest, würde sein Pferd
wegschicken, sobald du wolltest. Ein Börsenmann würde seine Kunden
abfertigen. Das Geld ist eine Leidenschaft, die selten standhält
vor der Frau. Mit der Kunst, Gemma, steht es anders. Nur sie, der
Krieg und die Macht sind widernatürliche Ausschweifungen, die einen
Menschen ganz wollen. Aber die Kunst ist von den dreien die
verderblichste, sie enthält die beiden anderen. Sie allein höhlt
ihr Opfer so aus, daß es unfähig bleibt auf immer zu einem echten
Gefühl, zu einer redlichen Hingabe. Bedenke, daß mir die Welt nur
Stoff ist, um Sätze daraus zu formen. Alles, was Du siehst und
genießt - Deine Mauern von San Gimignano, über die Deine
Kinderträume huschten wie Eidechsen: mir wäre nicht an ihrem Genuß
gelegen, nur an der Phrase, die ihn spiegelt. Jeder goldene Abend,
jeder weinende Freund, alle meine Gefühle und noch der Schmerz
darüber, daß sie so verderbt sind - es ist Stoff zu Worten. Du
selbst wärest einer. Gemma, das ist unerträglich. Ich werde nicht
bei meiner Frau sitzen, sie betrachten und glücklich sein. Ich
werde sinnen, wie ich dieses Profil zu kennzeichnen habe, wie und
auf welche Art ich es ansehen muß, damit ein überraschendes Bild in
mir entsteht und ein merkwürdiges Wort. Wenn ich Dein wunderbares
Fleisch - ich gebrauche ein recht dürftiges Wort: wunderbar -, wenn
ich es unter meinen Händen spüre, werde ich nach einem
kunstvolleren suchen, nach einem, worin Dein Fleisch, und nur
Deines, ganz gefangen ist. Oh, ich werde sehr beflissen sein bei
Dir, Du wirst mich oftmals fiebern sehen vor Gefühl, vor Drang zu
Dir. Glaube nicht, das sei Liebe! Ich habe es nötig, mich in
Empfindungen hineinzuschwindeln, damit ich sie darstellen kann. Ich
muß in Menschen, in schöne, starke Menschen, wie Du einer bist,
eindringen, mit ihnen zittern, mit ihnen schwelgen, mit ihnen
verdammt sein und untergehen. Aus mir selbst kann ich den Menschen
nicht kennen, denn ich bin keiner; ich bin ein Komödiant. Denke an
alle Frauen, denen Du in Gesellschaft begegnest, die Dir zulächeln;
denke an jede einzelne und wisse: ich habe Dich schon mit ihr
betrogen und werde es wieder tun - mit meiner Seele. Und doch
sollte in ihr nichts geschehen als Du! Aber noch Schlimmeres: ich
werde Dich mit Dir selbst betrügen, mit einer gefälschten
Gemma.
Meine Geschöpfe, die Du liebst, um
derentwillen Du zu mir und in meine Arme gestürzt bist, Gemma, sie
waren alle einmal wirkliche Menschen. Meinen Wirkungen zuliebe habe
ich sie umgelogen. So werd' ich Dich um-lügen. Ich bin schon dabei.
Dieser Brief ist schon das erste Stück Kunst, das ich aus Dir
mache.' Mario Malvolto hatte Tränen in den Augen. Er litt
aufrichtig; aber es war von Vorteil für ihn zu leiden. ,Mein Brief
wird gut', sagte er sich.
,Du, Gemma, ein Weib, würdest notwendig
Zeiten haben, wo Du launisch, krank und traurig wärest; bei Deinem
Geliebten würdest Du Hilfe suchen. Ich würde sie Dir spenden,
zweifle nicht. Aus Eigennutz, um dabei zu lernen. Dein Leiden und
mein Mitleiden, beides könnte mir zustatten kommen ... Ja, wenn Du
stürbest - meine schöne Gemma, ich würde verzweifeln, ganz gewiß.
Aber noch bevor Du ausgeatmet hättest, wären aus meiner
Verzweiflung und Deinem Tod zwei Rollen geworden. Hasse mich dafür
nicht! Ich lebe in schwerer Einsamkeit hinter der erleuchteten
Rampe, die mich von jedem unbedachten, nicht ausgenutzten Gefühl
trennt. Wie sehr wünschte ich, es wäre anders - und daß das
Herzklopfen, das mich beim Rauschen Deines warmen Blutes befällt,
nicht ebensogut den Erregungen gälte, die aus einem Tintenfaß
steigen.
Könnte ich mich Dir auf einmal und völlig
darbringen! Alles abdanken, was ich erworben habe und durch lange
Kunst geworden bin; alles vor Deinen Knien niederlegen! Man sollte
von mir nur noch hören, daß ich einer Frau zuliebe verschwunden
bin. Und das Land, soweit mein Ruhm es überzogen hat, möchte ich
wie einen einzigen Lorbeerhain Deinen kleinen Tritten hinbreiten.
All meine Sehnsucht drängt nach den Starken, die das könnten, nach
den Condottieri des Lebens, die in einer einzigen Stunde ihr ganzes
Leben verschlingen und glücklich sterben. Anstatt uns nun trübe zu
verlassen, hätten wir heute früh zusammen sterben sollen, o
Gemma!'
Mario Malvolto unterbrach sich.
,Und warum nicht heute abend?' rief er in den
durchglühten Schatten zwischen zwei Rosenbüschen. ,Warum nicht
übermorgen, oder jeden anderen Tag, den wir glücklich waren!
Bemerke einmal, Freund, daß du da eine
schlicht bürgerliche Niedertracht begehst! Du möchtest das Mädchen,
das du genossen hast, in Bälde los sein, du enthüllst ihr geheime
Ärmlichkeiten, die nur dich angehen. Du hast kein Recht dazu. Da du
sie einmal aufgenommen hast wie ein Starker, da du sie wie ein
Stück Beute in dein Schlafzimmer geschleppt hast - tu deine
Schuldigkeit und bleibe stark! Sie ist zu dir gekommen wie zu einem
der Künstler von früher, die zwei Frauen gleichzeitig vollauf
befriedigten, eine auf der Leinwand ihrer Staffelei und eine auf
der ihres Bettes. Im Grunde hast du Angst, diese oder jene könne
deiner Gesundheit schlecht bekommen. So stirb an ihr! Das Wunder
ist für dich geschehen. Es ist, dieses Wunder namens Frau, aus
einer üppigeren und jäheren Welt, der von deiner Sehnsucht
entzauberten, hervor und in dein Zimmer getreten. Du hast es
begrüßt; nun glaube es! Nun glaube, daß es dich erlöst. Und bist du
zu schwach zu glauben, dann stirb doch dafür, ohne deinen
Zweifelsmut zu verraten, wie ein Märtyrer, der sich ohne rechte
Uberzeugung, aber schweigend ans Kreuz nageln läßt!' Mario Malvolto
entschloß sich. Er zerriß in Gedanken den im Kopf geschriebenen
Brief. Dann ging er ins Haus und stellte sich, die Arme
verschränkt, vor das Bild des PippoSpano. Nein, Pippo Spano
lächelte nicht. Vielleicht doch? Aber sein Lächeln war nie so
unnachweisbar gewesen.
Gemma zeigte sich ihrem Geliebten am Abend,
und am folgenden wieder, und an jedem Abend. Er bedachte, daß der
Glaube sich erwerben lasse. Man mußte seine Gebärden nachahmen, in
seinen Riten leben, seine diätetischen Vorschriften befolgen; am
Ende kam er. Es handelte sich darum, die Kunst, die auf das Gesicht
der Liebe eine Maske drückte, zu überwinden, den eigenen Geist
herumzureißen wie ein Pferd, seine schöpferische Neugier von der
ganzen Welt fort und auf eine Frau zu bannen, mit dem einzigen
Ehrgeiz, eine vollkommene Liebe in sich zu erschaffen,
gelegentliche Ausschreitungen', sagte er sich, ,sind den günstigen
Arbeitsbedingungen des Künstlers weniger gefährlich als die
langsame Überschwemmung des Organismus mit geringen Mengen von
Alkohol. Ich werde von jetzt an alle Tage Wein trinken.
Ich werde zur Arbeitszeit Besuche machen, und
zwar bei den im Geiste Ärmsten.'
,Das war ein Fehler', gestand er einige Tage
darauf. ,Denn was dort gesprochen wird, läßt mir Zeit, zwischen
zwei Sätzen eine Novelle zu erfinden.'
Aber aus anspruchsvolleren Häusern kehrte er
ebenso unbefriedigt zurück.
,Die zwei Wochen Nichtstun haben mich
abscheulich wach gemacht. Alles, was man als Künstler in
Gesellschaft erlebt: die Beunruhigung des Gewissens durch einen
schönen Anblick, die Erbitterung durch eine Un-empfindlichkeit und
die Demütigung durch den Erfolg der geistreichen Mittelmäßigkeit;
der Hymnus bei jedem freundlichen Frauenblick und die tiefe
Traurigkeit darüber, nicht zu gefallen - ich erlebe es heftig.
Alles, was die in uns Künstlern wirksamen Instinkte reizt: unsere
Rachgier, den Willen, die Natur zu bändigen, der Welt uns
aufzuzwingen, unsere Prunksucht und den Drang nach
Selbstverherrlichung - alles, was diese Instinkte zu der
Ausschweifung reizt, die Kunst heißt, ich merke es unverzüglich und
antworte darauf. Bleiben wir zu Hause.'
Er versuchte ein Buch zu lesen, um
dessentwillen, was darin stand. Bisher hatte er sie nur geöffnet,
um etwas Eigenes aus ihnen zu nehmen. Bei seinem neuen Verfahren
übermannte ihn düstere Langeweile. Darauf ging er spazieren.
Er stellte als Gesetz auf, daß die dunstige
Linie der Berge am Horizont keinen Namen habe; und den silbernen
Augen, die das Olivenfeld aufschlug, wenn die Sonne darüberfuhr,
entsprächen keine Worte. Meistens legte er sich inmitten einer
Landschaft unter einen Baum und schloß die Lider, wie ein Kranker,
dem der langsame Atem der Natur Mut machen soll und den ihr Licht
und ihr Durcheinander nicht erschrecken darf. ,Sie wird mich
heilen. Ich bin ein Kranker, ich bin besessen von der Kunst.'
Wenn er es einmal wagte, sie anzusehen,
deuchte sie ihm sanft und neu. Die gute Welt schenkte sich ihm
keusch zurück, wie einem Genesenden. Nie war er ihr so still
begegnet und ohne Verlangen wie heute; nie, seit als Knaben ihn die
Angst gepackt hatte, mit ihr zu ringen, sie unter das Joch von
Worten zu beugen. Jetzt endlich ließ diese Angst ihn los, täglich
ein wenig mehr. Die Erde wollte nicht mehr erobert sein; milde
winkte ihm jene Ferne, als Freund drückte ihn dieser Grashügel an
seine Brust.
Einmal, Mitte Juni, stand er in der Pineta
überSettignano, auf einem braunen Wege aus Steinen und Nadeln, und
schaute in ein Tal, worauf aus raschen Wolken Lichter schössen. Nun
blitzte ein Fluß auf am Rande schwarzer Äcker. Nun schlug an die
steile Wand eines Waldes eine jähe, grüne Flamme. Nun brach aus der
Schattenmasse von Zypressen weiß lodernd ein Haus. Mario Malvolto
genoß das Glück, das alles ansehen zu dürfen, ohne es malen zu
müssen.
Auf einmal ward aus dem Licht, das über
entlegene Wiesen sprang, eine Herde traf, einen Fels und einen
Menschen, auf einmal ward aus dem Licht eine Gestalt. Sie kam
näher. Sie war weiß und leicht. Sie huschte zwischen das dürre
Geäst drunten am Fuß des Gehölzes, von dem Malvolto herniedersah.
Ihm schlug das Herz; er wußte, wer das gewesen war. Jetzt lebte in
den Hainen sie, statt der Worte, die so lange darin gehaust hatten!
Im Bach spielten ihre Glieder. Blitzend trug jener Vogelflug die
Sehnsucht nach ihr in eine geliebte Ferne. ,Die Erde ist voll von
ihr! Nichts begegnet mehr meinem Gefühl, worin nicht ihr Atem
ginge. Und sie, ich kleide sie nicht in Wortgepränge, nein, in
Küsse. Kein Kunstwerk erschafft sie in mir,nurLiebe. Ich liebe
sie,ich liebe sie!' Er lief nach Haus; er meinte, er müsse sie dort
finden. ,lch bin ein Narr, sie ist kaum weggegangen.' Er lehnte
sich dennoch behutsam über die Gartenmauer, sie zu belauschen. Und
sie war da. Sie sprang weiß und leicht aus einem Gebüsch, vom
fliegenden Licht getroffen, wie er sie noch soeben an fernen
Feldrainen erblickt hatte. Sie setzte einem jungen Vogel nach; er
flatterte auf einen Ast hinter dem Brunnen. Sie sprang hinauf, sie
kreiste, gleitenden Schrittes, ohne zu stocken und ohne ihre Füße
anzusehen, auf dem schmalen Rand des tiefen Brunnens. Ihr wehender
Ärmel machte die Zweige erzittern. Und das Licht aus den Wolken
schien mit ihr zu laufen. Sie war selbst ein fremd gefiedertes
Geschöpf voll wilder Schwungkraft, und dieser tiefe Garten lud sie
ein in alle seine Verstecke. Sie streckte schon die Hand aus nach
dem kleinen Zeisig... Aber Mario Malvolto sah sie in Gefahr und war
erschrocken; sie hatte seinen Ruf gehört. Sie schaute sich um, die
Hand als Dach über den Augen. Ein unterdrückter Jubelschrei, der
Schrei eines aufschießenden Vogels, und sie sprang vom Brunnen. Sie
flatterte an der Mauer empor, sie haschte nach seiner Hand, ihre
Füße suchten die Lücken zwischen den Steinen, und so gelangte sie
hinauf bis zu seinen Küssen. Ihre Körper, auf den Bauch gelagert,
schmiegten sich am Rande der breiten, warmen Mauer im Halbrund
umeinander, wie zwei Eidechsen, ihre Liebkosungen waren spielerisch
und jäh. Gemma biß, stumm und wild, ihren Geliebten in den Hals,
und dabei fielen ihre Blicke, vor Leidenschaft düster und haltlos,
in den Garten zurück. Sie begehrte dorthin, sie ließ sich hinab und
zog ihn hinein in ihr gewalttätiges Reich, zwischen Sträucher voll
roter Blüten, die alle bluteten und nickten bei dem Fall der
ineinander Verschlungenen.
Mario Malvolto meinte, zum ersten Male eine
Frau umarmt zu haben. Zum ersten Male war er, und mit ihm die Welt,
von einer Frau ganz aufgezehrt, ganz in eine starke Frauenseele
entrückt worden. Und aus diesen Sekunden eines Lebens ohne
Schranken kehrte er wie aus Jahren voll Kraft und Verschwendung mit
Bitterkeit zurück. Gleichviel - er hatte geliebt. Gemma hatte ihn
aus einem Komödianten zum Menschen gemacht. Sie hatte ihn mit ihren
lautlos gleitenden Schritten so weit in die Natur zurückgeleitet,
daß Ahnungen ihn berührten! Er, der das Leben immer nur als Vorwand
benutzt, mit allem, was leiden oder vor Lust beben macht, immer nur
Versuche angestellt, an nichts geglaubt und an nichts gehangen
hatte; er, der ganz in der Arbeit und ohne ein Vorgefühl im
Nebenzimmer gesessen hatte, während seine Mutter starb - Gemma
hatte sich ihm aus der Ferne angesagt! Er war sich kaum bewußt, wie
er ihr dankte, mit welchen Worten er sich glücklich pries. Er
überlegte keins und behielt keins; nur den Namen, den er plötzlich
für sie wußte: Santa Venere.
Sie war gekommen, weil sie eine große Freude
mitbrachte. Ihr Bruder war dazu kommandiert worden, seine Leute ins
Sommerbiwak zu führen. In drei Tagen brach er auf; und vielleicht
monatelang würden sie ganz beieinander sein. Gemma bezog jetzt ihre
nahe Villa, und allen Besuchen beugte sie vor durch die Nachricht,
sie sei immer auf weiten Spazierwegen. Welche neuen Seligkeiten
erschlossen sich nun! Durch viele märchenhaft reiche Tage sahen sie
auf einmal hindurch, wie durch lange, grüne Lauben mit Sonnengold
durchsprenkelt; und bis tief in die schwarz-marmornen Galerien
ihrer künftigen Nächte gleißten Wonnen! Als sie gegangen war, kam
er sich plötzlich leer vor, aus einem anderen Leben wieder einmal
bitter und leer zurückgekehrt. Er wanderte unbestimmt suchend durch
seine Zimmer. Dort trieb sich einer ihrer Handschuhe umher und dort
zerpflückte Blumen. Ein Werk mit Bildern lag auf zerknickten
Blättern im Winkel. Eine der Florentinerinnen von einst trug um den
Hals eine riesige Damenkrawatte vom neuesten Geschmack. Malyolto
setzte sich den Hut auf, wie im Cafe, in irgendeinem Raum, wo man
zufällig eine Stunde hingehen läßt. Er war hier nicht mehr zu
Hause, er gehörte zu ihr, zu dem fremden Geschöpf voll gesetzloser
Schwungkraft, das herbeiflog, umarmte, aufflatterte. Sie hatte sich
verbündet mit Pippo Spano, um diesen kriegerischen Zustand
herzustellen zwischen seinen Wänden. Auf der erdbeerfarbenen
Stofftapete reckte sich Pippo Spano jetzt noch einmal so
entschlossen zum Sprung. Mario Malvolto fühlte sich dieser
fortwährenden Kampfbereitschaft nicht gewachsen. Er sandte einen
trüben Blick in das verwüstete Schlafgemach, in das
Toilettenzimmer, das von Wasser troff. Und nur der kleine weiße
Salon, wo sie ihm in jener Mondnacht zuerst erschienen war, lag
unberührt. Sie betrat ihn nie, er war ihr zu zerbrechlich und zu
sanft. Tina, seine große Tragödin, hatte darin gesessen, wenn sie
manchmal, ganz Geist wie ein Freund, tief durch kunstreiche
Stimmungen mit ihm geschweift war. ,Ah! Die ließ mir Zeit zum
Arbeiten. Was sag' ich, wir liebten uns, um zu arbeiten. War das
wirklich so beklagenswert?' Er steckte seufzend den Schlüssel in
die Schieblade seines Schreibtisches, die sein begonnenes
Manuskript barg. Es war der einzige Fleck im Zimmer, wo Gemmas
kleine, willkürliche Hand noch nichts umgewendet hatte. ,Mein Gott,
wie lange ist es denn her, daß ich geschrieben habe! Ich weiß nicht
mehr, wie ich das da gemacht habe. Keine Seite davon brächte ich
mehr fertig, ich habe alles Talent verloren.'
Er nahm den Kopf zwischen die Hände. ,Wenn
wir fertig sind, das Mädel und ich - wir müssen doch einmal fertig
werden! -, wie viele Monate Hygiene und strenger Langeweile werd'
ich dann brauchen, bis ich alles wieder gutgemacht habe. Ob die
ahnt, daß sie mich schon jetzt einen halben Roman kostet? Sie ist
teuer; aber man glaubt nicht, wie hoch Frauen sich selbst bewerten;
was sie alles entgegennehmen, ohne sich zu wundern. Das ist
bekannt; nur daß man Augenblicke hat, wo man es neu entdeckt. Ach
was. Eine Menge seelischer Nahrung ziehe ich dennoch aus der
Geschichte. Ich hatte es vielleicht nötig, einmal wieder etwas
Starkes zu erleben; man hat sonst nur noch Kunst, die sich selbst
befruchtet. Was mir das Mädel genützt hat, werde ich später
erfahren. Später...'
Er warf das Manuskript in die Schieblade,
vergaß zum erstenmal den Schlüssel abzuziehen, betrat die Terrasse,
atmete tief. Er verlangte schon wieder nach ihr. Tags darauf kam
statt ihrer ein Brief. Sre sei beim Umzug, und auch ihr Bruder gebe
ihr viel zu tun, bevor er abreise. Drei Tage noch!
Mario Malvolto saß die drei Tage
unbeschäftigt, immer zum Aufspringen bereit, in seinem Zimmer.
Vielleicht wollte sie ihn überraschen? Jeden Augenblick konnten
hinten im Garten die Zweige krachen, die sie zurückbiegen mußte,
wenn sie durch das heimliche Pförtchen schlüpfte. Aber sie kam erst
zur bestimmten Stunde, und sie lachte schlau. „Wie das Warten dich
erregt haben muß!... Und mich!" sagte sie ehrlich und fiel ihm
zitternd um den Hals.
In der Zwischenzeit hatte sie einen Einfall
gehabt. „Sag einmal, arbeitest du eigentlich?" Er wich aus.
„Nein, das möcht' ich wissen. Wenn ich kam,
hast du immer bloß gewartet. Oft warst du über Land gelaufen. Du
siehst vorzüglich aus, besser als anfangs. Aber ich habe dich noch
niemals am Schreibtisch gesehen. Du meinst doch nicht, ich will
dich davon abhalten?" Er begriff. Sie wollte ihn ganz: auch am
Schreibtisch. ,Sie fürchtet, ich verstecke mich vor ihr, wenn ich
dichte; ich enthalte ein zweites Leben in mir. Wenn sie wüßte, wie
sehr sie irrt!'
Sie hatte den Schlüssel in der Schieblade
bemerkt, sie stürzte sich darauf, riß das Manuskript heraus. „Da
haben wir dich! Also das zeigst du mir gar nicht. So etwas
Schönes!"
Es war das erstemal, daß er sie einen
Gegenstand mit Achtung berühren sah. Sie legte die Blätter
wohlgeordnet auf den Tisch . „Da setze dich hin!"
„Ich soll schreiben? Gemma, was denkst du,
ich hab mich drei lange Tage nach dir gesehnt!"
„Ich mag dich nicht - wenn du nicht
schreibst." Er gehorchte. Er blätterte unklaren Kopfes in dem
Fertigen, besann sich mühsam auf den nächsten Satz, den er schon
gewußt hatte. Er schrieb ihn hin, dann war's aus.
Wie er aufsah, stand Gemma da, nackt und die
Arme halb erhoben.
„Nun schreibe", sagte sie leise und als ob
sie drohte. Er saß aufrecht und blaß und biß sich die Lippen. Sie
tänzelte; er fühlte sie wie eine große, sehr weiße Blüte, bewegt
von heißem Luftzug, um sich herschwanken. „Ich will, daß du von mir
Genie bekommst", flüsterte sie.
Sie streifte ihn. Er hatte auf einmal alles
Blut im Kopf. Ahnungen unerhörter Schöpfungen schössen in ihm auf,
ein wahrer Urwald des Geistes, glühend von Kelchen, strotzend von
Saft, heulend von Untieren, und undurchdringlich. Er sah sich
hilflos, er bändigte kein Gefühl, schnitt kein Bild heraus,
entdeckte kein Wort. ,Das alles wird später kommen. Später..
Er erblickte sie von vorn, auf der Schwelle
der besonnten Terrasse. Sie hatte rosige Umrisse, und ihre Formen
verschleierte eine durchgoldete Dämmerung. Sie war eine kostbare
Muschel; ihr Haar, das sich auflöste, schlug um sie her wie
Algen.
Sie war eine zierliche Nymphe, die, kaum
erkennbar, so rasch ging es, nur wie ein Lichtstreif vorbeihuschte,
einen Augenblick scheu und wild über seine Schulter lugte, und von
der gleich darauf nichts übrig war als dieser leise Duft, wie der
Rest eines Fabeltraums. „Wenn du nicht schreibst-", sagte sie
schließlich.
Er warf Hais über Kopf hin, was ihm einfiel.
Sie kam neugierig herbei, setzte sich auf die Armlehne seines
Sessels und schaute zu. Er sah die Muskeln ihrer feinen Beine
spielen und schrieb immer weiter. Was kam darauf an! ihn schüttelte
eine halsbrecherische Genugtuung. Er fühlte sich über ailes hinaus,
was ihm einst hoch gedeucht hatte. Die Kunst? Die steile Einsamkeit
der Kunst? Sie, zu deren Ernährung man das Leben aussog und arm
machte, um derentwillen man den Menschen abdankte und Komödiant
ward? Ah, jetzt spielte er Komödie. Aber seine Arbeit, die Arbeit
am Schreibtisch, die Kunst selbst war Komödie geworden, und er
spielte sie der Liebe vor!
Da umarmte Gemma seinen Kopf und bog ihn
zurück, ganz so, als holte sie ein Kind heim, das sich lange genug
umhergetrieben hatte. Das alles war nur der Kampf zwischen der Frau
und dem Buch gewesen. ,Wie liebe ich sie, weil sie gesiegt
hat!'
Sie senkte sich langsam über ihn, zu
genußsüchtigen, runden und tiefroten Küssen, die dufteten nach
Iris, ihrem heimatlichen Wohlgeruch. Mit geschlossenen Augen meinte
er, die großen, blauen Lilien schlügen für immer über ihm
zusammen.
Sie mußte nach Hause. Einen Augenblick später
erschrak er. ,lch sehe sie in diesem Augenblick so deutlich, als
wäre sie gar nicht hinausgegangen. Mein Gehirn und all mein Blut
ist voll von ihrem Körper, von ihren biüten-farbenen Armen um
meinen Hals, von ihren langen, zart gewölbten Schenkeln, von ihren
getanzten Liebkosungen. Ihre Gebärden - ich bin ganz beladen damit!
Ich, mein Haus, mein Garten, dieser Hügel: überall hat sie, mag sie
auch fern sein, ihre Gebärden hinterlassen, die wie abgerissene
Blütenzweige sind, die ich sehe, greife und deren Duft ich einatme!
Ich erdichte nichts mehr, ich habe nur noch lebendige Vorstellungen
einer schönen Körperlichkeit.'
Als sie wiederkehrte, am Abend, führte er sie
an die Schattenseite des Hauses, in die lange Loggia, auf deren
Mauern Orpheus, jung und mager, zwischen steilen, kaum knospenden
Bäumen schritt und über einem heftig blauen Meer Galathea helle
Glieder wiegte. Sanft schob das Olivenfeld seine blassen Laubwolken
bis unter die Bogen der Halle.
„Es könnte sein, daß uns Pan zusieht, draußen
vom Acker her. Sonst niemand."
„Wir wollen es hoffen", sagte sie leichthin
und lächelnd. „Der Bauer arbeitet erst in der Nachtkühle, und sein
Feld ist abgeschlossen. In unserem Garten ist kein Fleck, den man
von irgendeinem Nachbarhaus sehen könnte. Was mich beunruhigt, sind
deine Leute. Wie erklärst du deine lange Abwesenheit?"
„Ich? Gar nicht. Das ist Sache meiner
Gesellschafterin. Soll sie doch einen Ort finden, wo ich sein
könnte." Und die Leidenschaft dieser Frau, die von keiner Rücksicht
wußte und Listen verschmähte, schlug ihm ins Gesicht wie ein
Südsturm. Ihm stockte der Atem. Wie sie in der Frühe erwachten, kam
gerade die Sonne herauf. Ihre ersten, feinen Strahlen stachen durch
das offene Fenster und zerbrachen zwischen den hohen, blaugrünen
Vorhängen zu Goldstaub. Gemma hielt ihre flache Hand hin, um ihn
aufzufangen. Sie raffte sich aus den Decken, stieg, und das leichte
Gewebe des Hemdes schaukelte um ihre raschen Glieder, auf die
Fußwand des Bettes und stand von blaugrünem Licht ganz umwogt. Es
war das Licht am Grunde sagenhafter Meere. Das Gemach war blaugrün
an Wänden, Estrich und Möbeln, und auf Bett, Truhe, Schrank und
Spiegel in der schlichten Renaissance von Siena, dazwischen der
weite Raum halb öde lag, flimmerten unsicher und rätselhaft die
vergoldeten Schnitzereien. Nur in der Ecke beim Fenster, auf dem
einzigen Bild kreiste rote Sonne.
„Was ist das?"
Und Gemma hob die Arme in die
lichtdurchsickerte Dämmerung, wie ein Meergeschöpf, das aus der
Tiefe nach einem Wunder über den Wassern fragt. „Das hab' ich noch
nie bemerkt."
„Weil du noch nie bis Sonnenaufgang bei mir
warst. Das Bild erscheint einem nur in dieser Morgenstunde." „Ich
sehe einen halbrunden Säulengang, und aus seinen zwei Toren speit
er Genien mit gespenstigen Flügeln und mit Schlangenschwänzen,
kleine Drachen, Ungetüme, die ihre Bäuche aufblähen, und Frauen,
große Frauen, die Haare voll reifer, dunkler Früchte, oder die
Locken zu Zangen gebogen - Frauen mit langen, schmalen Brüsten wie
Tiereuter. Sie tänzeln seltsam, winden Spiele aus Fleisch, nein,
aus beglänzten Blüten, in den Farbenwolken ihrer Gewänder, drehen
Scheiben aus grüner Luft, und eine Eule glotzt hinein ... Ich
möchte so träumen", sagte Gemma. „Und dort, in der Tiefe des
Säulenkreises steht ein Lager, da träumt einer!" „Das bin ich,
Gemma. Weil ich der einzige bin, der die Köstlichkeiten des Bildes
gefühlt hat. Das Original hängt ungekannt irgendwo. Ich bin eitel
auf die Bilder, die niemand empfindet; die gehören mir ganz!... In
wie vielen Morgenstunden", sagte Malvolto, im Bette aufgestützt,
vor sich hin, „in wie vielen, ehemals, habe ich alle meine Träume
erscheinen lassen, und alle fand ich in diesem Bilde angekündigt -
und gerichtet." Gemma stieß einen Schrei aus. Sie flüchtete in die
Arme ihres Geliebten.
„Scheußlich - nein, das ist scheußlich! Eine
Maske - eine Maske mit einer großen Nase, und rot, und ganz als ob
sie lebte; und dabei ist sie aus Haut: Haut von einem
Gesicht!"
Nach einer Weile, noch erschauernd, fragte
sie: „Was soll das heißen?"
„Ich hab'esimmerfür eineErklärung derKunst
gehalten", erwiderte er. „Diese abgezogene Haut, die mit der Form
des verlorenen Körpers prahlt und auf unmögliche Weise sich färbt
vom Lauf des Blutes, das längst gestockt hat -mir war es die Kunst.
Ich griff hinter dieser Haut, die wie das Leben die Nüstern bläht
und mit den Lidern klappt, nach dem Körper, nach dem Leben selbst.
Es war nicht da - für mich nicht... Aber jetzt halt' ich es!" Und
er zog sie zu sich zurück. Gemma trat noch einmal vor das
Bild.
„Sie ist wirklich scheußlich! Aber ich will
sie haben. Ich will eine Maske daraus machen lassen und dich damit
erschrecken. Du sollst sie mir abzeichnen. Gleich! Komm, hol dir
Papier!"
Sie liefen beide in das Arbeitszimmer,
stöberten umher in den Schiebladen und stießen schließlich auf das
Manuskript.
„Es scheint, es ist nichts anderes da",
meinte Gemma zögernd.
Er drückte ihr ein Blatt vor das Gesicht, so
fest, daß ihre Nase durchbrach. „Was tust du?"
„Du weißt nicht, was das ist? Das ist die
Haut - die Haut, unter der scheinbar das Blut kreist. Da hast du
deine Maske!"
Sie hielt das zerfetzte Papier in der Hand.
Er entzündete ein wächsernes Zündstäbchen und ließ die Flamme die
geschriebenen Zeilen hinanklettern. Als sie Gemmas Fingern nahe
kam, nahm er ihr das Blatt weg und trug es zum Kamin.
Er kam zurück und holte noch einen Bogen. Sie
war blaß geworden. Sie ahnte, ohne ihn zu begreifen, ihren letzten,
alles niedermachenden Sieg.
„Was tust du?" fragte sie nochmals. „Du
willst doch nicht dein Werk verbrennen, dein kostbares Werk? Du
sollst daran weiterschreiben - später." „Später? Wann?" Sie wußte
es nicht.
„Ich will dir sagen, Gemma, für uns gibt es
kein Später. Wir lieben uns, und dann kommt der Tod." Sie
erzitterte. Sie warf ihm die Arme um den Hals. Das Gesicht auf
ihrem sprach er:
„Ich erträume ja nichts mehr. Die Träume dort
auf dem Bilde sind alle in die langen nächtlichen Säulengänge
verschwunden, die sie früher ausspien. Statt aller Träume hab' ich
dich. Du bist ihrer aller Verwirklichung, der Preis aller meiner
Sehnsucht. Du hast mich in dein Leben hinübergerissen -"
„Ja!"
Sie küßte ihn und verstand nicht, was er noch
dachte: ,- wie in eine mit Dornenhecken umstellte, üppigere und
jähere Welt, wo Gewalt geübt wird und trunkene Hingabe; wo
namenlose Untergänge ausgekostet werden und unfaßbare
Herrlichkeiten; wo man ganz lebt und auf einmal stirbt.'
„Auf einmal stirbt", wiederholte sie, mit
erweitertem Blick. Sie hatte nichts gehört als diese Worte, die von
seinen Lippen kamen, als die ihrigen sie losließen. „Ja, so kommt
es, ich fühle es", sagte sie. Langsam nahm sie ein Blatt des
begonnenen Werkes, ließ es aufflammen und legte es auf die
Feuerstätte. Sie brachte noch eins herbei und noch eins; das Feuer
stieg, sein Widerschein sprenkelte ihr weißes Fleisch und rann in
den engen Falten ihres Hemdes. Sie trug, indes ihre kleinen Hände
den Scheiterhaufen ordneten, aus Gedanken, Einsicht und Willen,
schmerzlichem Ringen nach Größe - sie trug ein zweideutiges
Lächeln, süß und grausam.
Mario Malvolto stand neben ihr, die Arme
verschränkt. Er sagte sich, voll selbstmörderischen Frohlockens:
„Ich glaube."
Die Tat
Er saß in der Dämmerung und erwartete sie.
Sie war auf ein Stündchen nach Haus, um mit ihrer Gesellschafterin
zu sprechen, die sie in Toilettefragen zur Stadt geschickt hatte.
Der Sommer war zu Ende, ein kühler Hauch kam aus dem Garten, die
tote Zypresse ragte ohne ihre Schleier von Glyzinen, entblößt und
drohend. Malvolto legte sich vornüber, das Gesicht in die Hände,
und dachte an Gemma, unbegreiflich beklommen. Plötzlich wußte er,
sie sei da. Kein welkes Blatt hatte geraschelt. Sie stand, dunkel
und scharf, in dem bleichen Rahmen der geöffneten Terrassentür. Sie
kam langsam herbei - er tat einen Atemzug bei jedem ihrer Schritte
- und stellte sich zwischen seine Knie, mit herabhängenden Armen,
ohne ihn zu berühren. Er sah ihr Gesicht über seinem planen,
verhalten schimmernd unter dem Schleier des Abends, eines Abends,
der ihn beunruhigte, als sollte er sich nie mehr lichten. Und die
beiden Augen über ihm, groß und schwarz, erblindend in Nacht, heiß
von verdeckter Glut - er hielt sie für zwei Krater, ihm weit
geöffnet. Sie kamen ihm langsam näher, ganz nahe, es ward ein
einziger daraus, über dessen Rand er sich beugte, schwindelnd und
verlockt zu tiefen Lüsten. Da berührte Gemmas Wange die seine, und
Gemma flüsterte: „Lieber, wir müssen sterben."
Er drückte als Antwort nur ein wenig fester
seine Wange an ihre. Sie hatte ihm nichts Neues gesagt. Er hatte
ihre Worte kommen fühlen, den ganzen Weg von ihrem Hause zu seinem.
Nein, noch viel weiter kamen sie her: aus jener ersten Nacht, da
sie sich ihm gegeben hatte! Sie hatten beide von jeher gewußt, daß
nach ihren Umarmungen nichts mehr übrig sein werde als Sterben. In
ihrer Liebe war der Tod von Anfang an mit eingeschlossen. Sie
hatten gesagt ,Für immer'; und die längste Zeit des Immer, wußten
sie, war Tod.
Sie hatte ihn um die Schulter gefaßt und er
sie. Sie fühlten einen krankhaften Zauber sie einwiegen, sie
ertränken und auflösen. Rings um sie her lösten die Formen und die
Farben sich auf, die ein Tag den Dingen geliehen hatte.
Malvolto arbeitete sich mit Anstrengung
empor, an die Oberfläche eines schwarzen Wassers. Er fragte: „Aber
weshalb? Was ist geschehen?" Gemma lächelte; sie trat von ihm weg
und sagte leichthin:
„Mein Gott, man hat uns fotografiert." „Uns
-"
„Ja. Unser Bild geht in der Stadt von Hand zu
Hand. Es soll sehr gut gelungen sein. Ich stehe auf der Terrasse,
und du liegst vor mir." „Du bist - nackt?"
„Und du, Armer, hast auch nicht viel an."
„Unerhört! Das ist unerhört. Da ich mich doch vergewissert habe,
daß von keinem Punkt der ganzen Umgebung meine Terrasse zu
entdecken ist! Es muß vom Garten aus geschehen sein. Das kann nur
Niccolo, mein Diener, gewesen sein - oder es war deine
Gesellschafterin. Ich will -"
Und er wollte zur Tür. Gemma faßte seinen
Arm. „Sage, geht das uns noch etwas an, wer es getan hat? Ein
namenloser Vorübergehender. Wir wollen unsere Augenblicke sparen
und uns noch lieben." Er kam zurück, auf einmal beruhigt. „Du hast
recht. Wie hast du's erfahren?" „Meine Gesellschafterin hat das
Bild gesehen, bei zwei Damen und auch in einem Laden, wo man sie
nicht kannte. Man verkauft es unter der Hand, es soll großen Absatz
finden. Du begreifst, ich, die Cantoggi, und du, Mario Malvolto
..."
Er hatte eine Regung von Eitelkeit. Gleich
darauf, wütend vor Scham darüber und auf sie losstürzend, ihr zu
Füßen:
„Und du, Gemma - all deine keuschen Schätze,
die nur für mich, für mich geglänzt haben, nun zeigt man sie in den
Salons, in den Klubs, hinter den Kulissen umher! Ja, wir müssen
sterben, denn wie sollten wir das ertragen!" „Das ertrüge ich
schon", sagte sie, immer lächelnd. „Ich habe deinen Ruf getötet!
Man beglückwünscht mich jetzt in der Stadt, alle beneiden mich. Das
ist zu viel Schmutz."
Er schlug sich die Stirn mit Fäusten. „Wir
müssen sterben!"
„Nicht deshalb", sagte sie sanft. „Das alles
ist mir gleich. Aber weil man uns trennen würde." „Man würde uns -"
Er stand auf.
„Weiß dein Bruder es? Ist er zurück?"
„Er kommt erst nächste Woche. Aber er kann es
täglich erfahren."
„Man wird es ihm nicht sagen!"
„Wenn er ein Gatte wäre", sagte Gemma, und
ihr Lächeln war kaum zu erkennen. Malvolto senkte die Stirn.
„Allerdings. Einem Bruder wird man es sagen."
Plötzlich fuhr er in die Höhe. „Dann schlagen wir uns eben!" Gemma
schüttelte nur den Kopf. Er rief:
„Du meinst, er würde mich töten? O bitte. Vor
vier Monaten vielleicht. Jetzt bin ich sehr stark mit dem
Säbel."
Sie erwiderte:
„Tötest du ihn, sind andere Verwandte da, und
sie werden uns trennen. Ich bin erst siebzehn." Und da er schwieg,
setzte sie in einfachem Ton hinzu: „Siehst du, dann müßten wir
dennoch sterben. Warum wolltest du vorher meinen armen Bruder
töten? Sterben wir lieber gleich jetzt."
Malvolto sah hastig umher: nein, es blieb
nichts anderes mehr zu tun. Gemma, dieser schmale, verschwimmende
Umriß dort vor ihm, mit dem Gesicht, das schimmernd in der Nacht
ruhte, mit den Augen, die noch tiefer waren als sie - Gemma war nun
zu einer kindlichen Judith geworden, und um einen ihrer
blütenhaften Finger schlang sie eine Locke, daran hing ein Kopf:
sein Kopf. Aber sie starb mit ihm! Er verleumdete sie - die starke
Märtyrerin, die so schlicht und klar auf den Tod zuschritt, indes
er, um dessentwillen sie hinging, noch nach Ausflüchten suchte. Er
zog sie an seine Brust. „Gemma, du einzige Liebende! Deine Kraft
und Ruhe richten mich. Ich bin es, der dich tötet! Hassest du mich
denn nicht?"
„Dich hassen?" rief sie, zum erstenmal mit
Erregung. „Mir scheint ja, jetzt lieb' ich dich erst! Als ich
vorhin in die Tür trat, und du saßest in der Dämmerung: ich stellte
mich zwischen deine Knie, wir sahen uns an - ja, wir sahen uns an.
Hattest du mich schon einmal so angesehen? Ich dich niemals. Ich
hätte nicht geglaubt, ich könnte noch glücklicher werden, als ich
war. Jetzt ist etwas da, das noch glücklicher macht .. Wir wollen
genießen", flüsterte sie, die Lider geschlossen. Er riß sie vom
Boden, mit solcher Wildheit wie in ihrer ersten Nacht. Ja, sie war
die große Sinnliche: durch ihre ganze üppige und jähe Welt jagte
sie ihn, bis ins letzte Dickicht, wo die tiefsten Lüste gefeiert
wurden, die in Blut ertranken! Rasend unter der Peitsche des Todes,
trug er sie in das Schlafzimmer.
Als sie zurückkehrten, war der Mond
aufgegangen. Sie hielten einander umfaßt, sie lehnten die Schläfen
aneinander und gingen müde. Wie sie den grellen Lichtstreifen
betraten, der von der Terrasse her breit durch das Zimmer strich,
schraken sie auf, als seien sie kalt übergössen, und trennten sich.
Gemma ging zur Tür, stützte den Arm an den Pfosten und legte die
Stirn dagegen. Sie hörte Mario rastlos über den Teppich wandern. Er
sah sich um. Wie dieser Raum sich verändert hatte! Er gehörte schon
nicht mehr ihrer Liebe; er sollte sie beide sterben sehen, dieser
selbe Raum! Die breite Ottomane bot sich nicht mehr ihren
Umarmungen dar; sie glich einem Operationstisch! Gemma wandte sich
unversehens um und sagte kurz: „So tue es."
Er blieb stehen, mit unüberlegter
Erbitterung: „Ich soll - dich soll ich -?" „Ja, soll denn ich es
tun?"
Sie sahen einander gerade in die Augen und
sahen es darin aufflammen von Feindseligkeit. In der nächsten
Sekunde liefen sie aufeinander zu, sanken sich an die Brust. Einer
fühlte des andern Tränen auf der Wange. „Wir, die wir nur noch ein
Leben haben!"
„Und müssen einander töten!"
„Unglücklich wie wir ist niemand!"
Sie blieben lange regungslos. Da schluchzte
Gemma auf.
„Ich soll dich nie mehr haben - nie mehr."
„Ich soll niemals mehr deine Hüften küssen", sagte Mario, „und ihre
kleinen Gruben mit den Lippen messen, Nie mehr das Gesicht in dein
Haar wühlen, nie mehr deine Knie -"
Er hielt, an sie geklammert, eine
schmerzliche Andacht. Er füllte ihre zarte, rote Ohrmuschel noch
einmal mit der Last seiner geflüsterten Begierden, klagte sie,
Glied für Glied, an, weil sie ihn verriet, weil sie ihm keine
Freuden mehr spenden würde.
Sie machte sich schließlich los, ging mit
ihrem gleitenden Schritt zur Ottomane, stützte sich darauf und
lächelte ihm zu:
„Ich bin bereit."
Er fuhr sich mit der Hand über die Stirn,
dann trat er rasch an seinen Schreibtisch. Sie sah weg, sie hörte
etwas Metallenes klappern. Er kam auf sie zu, eine Hand im
Rücken.
„Dein Mörder kommt", stammelte er. „Er
beschleicht dich."
Er brach vor ihr zusammen, die Stirn auf
ihren Knien. „Ich kann doch nicht! Du bist stärker, Gemma -" Er
reichte ihr die Waffe.
„Du liebst mich nicht, wie ich dich liebe -
bis zum Zittern der Hand."
„Ich liebe dich so", sagte sie und hüllte
seinen Kopf noch einmal in ihre Arme - „daß es kein Glück mehr für
mich gibt, als durch dich zu sterben! Bedenke doch, der Tod erst
gibt dich mir ganz. Er macht uns unzertrennlich. Du, küsse mich,
während du zustößt." Aber er riß sich los.
„Du sollst leben!" rief er. „Was geht mein
Schicksal dich an! Ich, ich bin's zufrieden, und ich danke
dir!"
Sie fiel ihm in den Arm, sie war
leichenblaß.
„Was hast du tun wollen? Du hast mich allein
lassen wollen? Das könntest du?"
Und sie schluchzte bitterlich.
„Deine Weste ist aufgeschnitten, das Hemd
auch. Hilf, Himmel, du blutest!"
„Ein Hautriß", murmelte er. „Es wird anders
kommen."
„Sei lieb", flüsterte sie, und sie zog ihn zu
sich auf das Ruhebett, als verlangte sie eine Umarmung. „Alles Gute
hab ich immer nur von dir gehabt, jede schöne Sonne. Weißt du
nicht, wovon ich in San Gimi-gnano geträumt habe, als Kind, auf
meinen Efeumauern? Von dir, Lieber."
Den Kopf träumerisch im Nacken, mit einem
unsicheren Lächeln der Wollust, führte sie den Dolch, dem zaudernd
seine Hand folgte, zu sich hin, ihrem Leibe zu, in den er
eindringen sollte; und ihre heldenhafteste Gebärde war von der
begehrlichen Anmut ihrer unkeuschesten. Da stieß er, die Lider
eingedrückt, drauflos -gepackt von Entsetzen, ohne daß er es
gewollt, und ehe sie es erwartet hatte. Sie schrie auf. Wie er die
Augen öffnete, fand er sich nicht mehr zurecht. Wo war sie? Er
suchte ihren Kopf. Der hing über den Rand. Er hob ihn auf das
Kissen. Aber ein Stückchen weißes Fleisch rollte ihm gegen den
Magen. Was war das? Das Glied eines Fingers. Er hatte ihr einen
Finger abgeschnitten. Er sprang auf, gräßlich erschrocken. Das
Eisen klapperte zu Boden.
„Was hab' ich getan. Das tat ich? Da liegt
diese Frau -sie hat Blut auf den Lippen, was seh' ich auf einmal
alles. Sie ist verzerrt, sie wälzt sich. Warum? Mein Gott, ihre
Brust klafft!... Gemma!"
Er beugte sich über sie, aufheulend. Sie sah
ihm in die Augen, mit getrübtem Blick, der fragte. Er begriff
plötzlich. Sie verlangte, er solle nun auch in seine Brust stoßen!
Er stand und schwankte, kalt überlaufen. Eine Kluft war jäh
aufgerissen zwischen ihr und ihm, die ganze Tiefe zwischen dem
Lebenden, dem alles freistand, und einer, der der Tod keine Wahl
mehr ließ, gähnte ihn an. ,Was geht das Geschick dieser Sterbenden
mich an!' Und er erinnerte sich dumpf, daß er einige Augenblicke
früher ihr zugerufen hatte: ,Was geht mein Schicksal dich an!' Und
er hatte sie retten wollen, und auf sich selbst gezielt. Da lag nun
sie ...
Er bückte sich nach dem Dolch. Die Augen in
ihrem zuk-kenden Gesicht folgten ihm.
Nein! Wenn er's auch tat - er starb doch
nicht mit ihr. Es war ein zu ungleiches Sterben. Ihr Tod war etwas
Einfaches, Leichtes. Sie starb als Kind. Was wußte sie? Woran hatte
sie je gezweifelt? Welche Enttäuschungen hatten sie an das Leben
schmerzlich festgebunden? Sie war auf der Erde erschienen zum
Dienst einer einzigen Leidenschaft. All ihr voriges Leben, ihre
kurzen Jahre hatten wie eine kurze, gerade Allee, an deren Ende
eine Herme steht, auf ihn zugeführt, auf ihn und auf jene
Mondnacht, als sie ihm in die Arme stürzte. Zwischen jener
Mondnacht und dieser, in der sie starb, lag alles, was ihr Sinn
gab, alles was sie fühlen konnte, lag sie ganz. Wenn sie nun starb,
mit ihm starb, hinterließ sie nichts, hatte sie nichts zu bereuen.
Aber er - oh, er! Er war in dieser Minute aus einem wilden,
zugewachsenen Garten herausgebrochen und sah wieder die weite Welt
daliegen. Was gab es zu genießen an Lüsten, Leiden, winkenden
Zielen! Welche namenlose Reize schillerten ringsumher auf Frauen,
Kämpfen, Worten! Er fühlte sich voll von neuen Seltenheiten. Die
Schöpfungen, die wie Urwälder in seinem Geiste aufgeschlossen
waren, als Gemma, eine nackte kleine Muse, ihn umspielte, jetzt
sollte seine Kunst sie lichten! Sie hatte ihre Sendung vollendet,
die prachtvolle Liebende, die dort wollte! Und aus ihrem Tode! Wozu
starb sie denn, wenn er nichts mehr aus ihr machen sollte?
Aber ihr Blick, weiß verdreht, war mit dem
schmalen Halbkreis der Pupillen immer auf ihm. ,Was denke ich, was
tue ich. Ich verliere den Verstand. Kann ich denn untätig zusehen,
wie sie sich quält?' Er wandte sich weg, drückte, sinnlos vor
Angst, auf die Klingel. Er eilte zur Tür. Die Sterbende rang nach
Atem, sie schrie gellend: „Mörder! Du Mörder!"
Er fuhr herum, und weiß wie sie, und die
Augen weit wie ihre, begegnete er nochmals ihrem vollen Blick.
Draußen gingen Schritte. Der alte Niccolo trat auf die Schwelle,
brach in Geschrei aus und lief davon. Die Tür war offengeblieben,
im Haus entstand Lärm.
Mario Malvolto starrte noch immer in die
Augen seiner Geliebten, die tiefer erloschen. „Mörder", sagten
seine fahlen Lippen. „Du hast recht. Ich hab' dich beschlichen,
hab' mich in dein Leben eingeschlichen, in das Leben der Starken,
habe ganz leben, ohne Vorbehalt lieben und endlich Mensch sein
wollen. Auch sterben wollt' ich, wie Starke sterben: auf einmal.
Verzeih mir, das war ein Irrtum. Ich habe dich nicht betrogen. Ich
glaubte. Erst da es Ernst werden soll, merke ich, es war Komödie,
wie alles übrige. Verzeih mir, geliebtes kleines Mädchen. Es ist
nicht einfache Feigheit - es ist nur, weil man sich zum Schluß
einer Komödie doch nicht wirklich umbringt." Da hob er die Waffe
vom Boden. „Und ich tu's doch! Sieh nur, ich tu's!" Er riß sich das
Hemd auf, zeigte ihr die Dolchspitze auf seiner Brust.
„Siehst du's? Und erkennst du's an? Ich tu's,
weil du zusiehst, nur für dich!"
Aber er bemerkte, daß ihre Augen glasig
waren. „Du bist tot? Was ist das? Wir sollten zusammen sterben, und
du verläßt mich? In dem Augenblick, wo ich bereit bin, wo ich dir
alles, alles opfere, nicht ein einzelnes Leben wie du mir, sondern
die hundert unerschaf-fenen, die in mir sind - in dem Augenblick
verschwindest du? Bist fort für immer? Ja, dann - was tue ich? Was
bleibt mir zu tun? Ich weiß nichts mehr." Er hob die Arme, ließ sie
fallen. Seine Blicke, irr umherflatternd, trafen in das Gesicht des
Pippo Spano. „Du! Was tätest nun du? Erlebtest du einmal eine
solche Niederlage? Du bist der Starke, der mich verführt hat. Du
warst mein Gewissen. Du bist schuld! Was soll ich tun?"
Pippo Spano lächelte. Sein mondgrelles
Lächeln, sein Lächeln aus einem Übermaß grausamer Selbstsicherheit,
stürzte in Grauen und fesselte. Es bannte Mario Malvolto. Er
befragte es mit all seiner Seele, die Hände faltend, wankend und
nach Atem ringend, unter fliegender Hitze und kalten
Schweißausbrüchen, zerstört und von Jammer hingerafft - ein
steckengebliebener Komödiant.
DIE BRANZI LLA
I
Die junge Sängerin verließ das Klavier und
ging der dahinten noch lauschenden Gesellschaft entgegen. Ganz
allein ging sie zwischen den Säulen, den Büsten mit pomphaft
zurückgeworfenen Perückenköpfen über den weiten, spiegelnden
Steinboden. Sie streckte sich sehr gerade, sah senkrecht vor sich
hin; und die Arme ausgebreitet, hielt sie zwei blasse Fingerspitzen
an ihrem großen, runden Rock, der sich rings um sie her am Estrich
zerdrückte, wie sie vor der Prinzessin das Knie bog. Die Prinzessin
bot ihr gnädig die Bonbonniere. „Welch einen Engel diese Kleine in
der Kehle hat!" Die alten Frauen bewegten befriedigt die Fächer und
lächelten ihren alten Galans zu, die sich räusperten und von
Erinnerungen anfingen. Die jungen Männer zogen die Köpfe in die
hohen Kragen ihrer braunen Röcke, ließen ihre Lorgnons gesenkt und
preßten bleich die Lippen aufeinander. Eins der jungen Mädchen, das
begehrteste von Rom, stand plötzlich auf - die gestickten Kränze
ihres Saumes schaukelten über ihren kleinen Schuhen -und warf die
Arme um die Branzilla. „Wie Ihr glücklich sein müßt!" flüsterte sie
am Halse der Sängerin. „Alle Liebe gehört Euch. In Eurer Stimme ist
alle Liebe der Welt."
Aber sie verwirrte sich unter dem harten und
traurigen Blick aus den Augen der anderen. Sie trat zurück; die
Branzilla stand wieder aliein: ihr klares Vogelprofil gegen den
Haufen gerichtet, den sie bewegt hatte. Hinter ihr seufzte es.
Einer ihres Alters, einer in schwarzer Seide, richtete
Schwärmeraugen auf sie. „Fräulein AdelaVdel" „Exzellenz, Eure
Dienerin."
„Ihr dient niemandem", sagte seine bedeckte
Stimme, „auch nicht der Kunst. Die Kunst dient Euch. Sie kniet vor
Euch: sie, unser aller Mutter. Und auch ich, dem die Kunst doch
alles war, will nur noch vor Euch knien." „Das ist bequem."
Und sie ging an ihren Platz. Erfolgte sanft.
„Mein Haus, AdelaVde, erwartet Euch. Die Fenster blicken nach Euch
aus, die alten Bilder sind erwacht und sind neugierig auf Euch.
Meine Diener gehören Euch und wissen es. Die ersten Lehrer Italiens
stehen bereit, Euch zu vollenden. Wann kommt Ihr? Die Hecken im
Garten sind höher gewachsen, um vor den Weihelosen Euer Bild zu
hüten. Die Mauern umtürmen eifersüchtig Eure einzigen Töne." Sie
tat kleine harte Fächerschläge. Mit kalter Unterwürfigkeit:
„Ich stehe zu Diensten, Exzellenz. Meine
Tante und ich, wir nehmen Eure Einladung an."
Sie kamen; - und wie die Branzilla zwischen
ihren neuen Atlaswänden aus zerrissenen Schachteln ihre
Kleiderfetzen nahm, war Dario Rupa es, der sie ihr vom Arm
hob.
„Wir sind so arm, Exzellenz, daß wir unsere
Wohnung nicht länger bezahlen konnten. Hätten wir Euch sonst
belästigt?"
„Ich werde Euch durch dies Haus führen, das
Eures ist."
„Habt die Gnade, mich in das Musikzimmer zu
führen... Habt die Gnade, mir zu erlauben, daß ich hier bleibe und
studiere... Ihr wollt mich schon hinausweisen? Nur mir zuhören? Das
wäre Eurer Exzellenz nicht würdig. Ihr müßt Besseres zu tun
haben... Nein, ich esse nicht; Eure Exzellenz möge mich
entschuldigen. Ein rohes Ei, einen Fenchel, und es ist genug.
Keinen Wein. Ich bin Eure Dienerin."
„Niemand sah Euch, AdelaVde, auf dem Korso,
unter den Müßigen ohne Schicksal. Wäret Ihr nicht auch heute in
geschlossener Karosse draußen bei den großen Ruinen? Allem Großen
wißt Ihr Euch nahe; mühelos verkehrt Ihr mit der Größe und wachst
an ihr. In den Denkmälern der Alten öffnet sich Euch die
geisterhafte Pforte Eurer Kunst. Ihr selbst werdet groß werden."
„Ich werde nichts lernen als heulen, wenn ich mit Euch
schwatze."
„Verzeiht mir! Ich gehe und lasse Euch Eurer
Arbeit, die Euch so reich macht. Wie ich mich meiner ärmlichen Muße
schäme!"
„Auch als er Eure Exzellenz erschuf, wird
Gott gewußt haben, wozu."
Sie dachte: ,Zu meinem Nutzen.'
,... Da steht sie am Fenster, weiß umflossen.
Ich habe im Dunkeln das Knie auf einen Stuhl gesetzt, recke den
Hals nach ihrer Welt, atme ein wenig von ihrer Luft. Weiß sie von
mir? Sie singt! Fünf Jahre schon höre ich sie singen, so nahe bei
mir, und schweige. Schweige ich? Ist nicht ihr Gesang meine Seele,
die endlich fliegen lernte und klingen? Ich breite die Arme aus;
ich bin frei... Schwärmer! Sie singt: du bist stumm. Nur sie hat
die geklärte, gleichmäßige Flamme: deine wälzt sich plump zum
Himmel auf und fällt zurück in düsteres Schwelen. Du weißt deine
Leidenschaft nicht zu ordnen; du stammelst, machst dich trunken und
versagst wieder. Sieh ihre nüchterne Begeisterung, nüchtern wie die
Ewigen, Himmlischen! Und vergeh! Nein: leben in ihr! Wenn es sein
könnte: sie immer im Schauer des Mondes, ich immer dunkel zu ihren
Füßen; und unsere Seelen fliegen auf, meine in ihrer, getragen von
ihrer! Sie darf nicht fort, ich kann nicht hier unten allein
zurückbleiben! ... AdelaVde!' „Was hat Eure Exzellenz?"
„Verzeiht meinem verwirrten Sinn! Ich sah
Euch mit dem Mondlicht das Fenster hinaufschweben, in den blauen
Garten, schon fort, schon fort..." „Das Fenster ist geschlossen,
Exzellenz. Auch kann ich nicht fliegen."
„Ich bin ein wenig erregt, vielleicht ein
wenig in Angst, ich gestehe es, denke ich daran, daß Ihr nur noch
einen Monat in diesem Hause weilen werdet." „Allzulange habe ich
die Güte Eurer Exzellenz mißbraucht. Es wird Zeit, daß ich meine
Schuld abtrage, indem ich durch meine Kunst, wenn es sein kann, den
Ruhm Eurer Exzellenz erhöhe."
„AdelaVde! Verstehe mich! Wolle mich
verstehen! Ich bin ein eifersüchtiger Narr; ich würde leiden, wenn
die andern dich hörten. Ach, nicht das ist's, was hatte ich zu
sagen? Ich werde ohne dich ins Elend fallen, AdelaVde; ich werde
sterben."
„Ich bitte Eure Exzellenz, sich zu erheben.
Vergißt sie denn den großen Abstand zwischen ihr und ihrer
Dienerin? Es ist unmöglich, daß Ihr noch länger Eure Arme um meine
Knie preßt!"
„Was tun? Welche Worte finden, die bis an
dein Herz dringen? Ich liebe dich, du darfst nur mir singen! Ich
will es!"
„Eure Exzellenz ist hart und erschreckt
mich." „Verzeih! O verzeih! Nimm die Hände von den Augen. Ich
könnte es keine Minute länger ertragen, daß du deine Augen gegen
mich schützest!... Was hast du vor? Sprich mir mein Urteil!"
„Ich werde nach einem Monat im Teatro
Argentino auftreten - Eure Exzellenz hat es versprochen! - und
werde, wenn Gott mir hilft, Eurer Exzellenz Ehre machen. Wer weiß,
vielleicht bald werde ich Eurer Exzellenz das an mich gewendete
Geld zurückzahlen können und Eure nicht mehr ganz so unwürdige
Dienerin sein. Befehlt Ihr, daß ich die Arie beende?" Er wankte ins
Dunkel zurück.
,Nun singt sie wieder, wie Liebe selbst singt
- und sie hätte kein Herz? Dies wäre nur der Schein eines Herzens,
seine erdachte Nachahmung? Oder ist, was sie singt, ein Gebet an
sie selbst? Die einzige, zu der sie betet? Die sie liebt?... Das
also muß man sein, um groß zu sein? Oh, jetzt ist es an mir, meine
Augen zu verhüllen..
„Welch ein Lärm? Ich kann nicht mehr singen.
Mir scheint es gar, man schießt im Garten... Auf der Straße,
glaubst du, Tante Barbara? Aber was hat man vor diesem Hause zu
schießen? Weiß man nicht, daß ich heute abend auftreten soll? Daß
heute abend alles sich entscheidet? Wer darf da lärmen? Ich
begreife nicht, daß Seine Exzellenz es duldet. Wo steckt er? Er,
der immer an meinen Röcken hängt. Suche ihn!" „... Was kehrst du
allein zurück, läufst und schreist? Und nun schießt man sogar im
Hause, daß es hallt? Und Schritte, die durcheinanderrennen, und
wilde Stimmen? Sage ihnen, daß ich singen will!... Geh doch! - daß
ich singen will!... Aber du versteckst dich wohl? Du bist ganz
weiß. Was stammelst du? Ich verstehe nicht, deine Lippen zittern zu
sehr... Wie? Sie machen Revolution? Sie verjagen den Heiligen
Vater? Aber das ist unmöglich! Sage doch, daß es nicht wahr ist! Du
hast Angst, und du liebst den Klatsch, du Alte. Sie schießen: Was
wird's sein? Irgendein Mord. Dieser Palast steht in einer Straße
voll übel Lebender. Auch begegne ich schon seit Wochen Fremden auf
den Treppen. Sie drängen sich an Seine Exzellenz und machen sich
Freund mit ihm. Ich habe ihnen mißtraut... Gleichviel: mögen sie
hier schießen; drüben beim Theater werden sie's nicht wagen. Dort
werden die Soldaten des Heiligen Vaters dafür sorgen, daß ich
singen kann ... Zwar, heute früh sind mir zwei Pfeile aus den
Haaren gefallen und als Kreuz am Boden gelegen ... Und du? Du bist
einer Buckligen begegnet und hast nicht ausgespien? Weil du den
Mund voll von Süßem hattest? Und heute abend soll ich singen! Möge
jene Bucklige dir die ganze Hölle schicken! Dir: nicht mir! Ich muß
singen!"
„...Wie sie schießen, wie sie schreien! Auf
dem Flur, vielleicht schon im ersten Vorzimmer! Und wo ist Seine
Exzellenz, die mich schützen sollte? Hat er sich versteckt wie du,
Alte? Haben sie ihn gemordet? Ist er's, der hier gemordet wird?
Aber ich brauche ihn noch! Noch bin ich nicht aufgetreten. Er soll
zum Heiligen Vater, ihn bitten, daß er das Theater bewachen lasse.
Ich selbst will ihn begleiten, der Heilige Vater wird mich segnen,
und ich werde gut singen ... Wo also steckt Seine Exzellenz? Dieser
Hund muß hervor, ich will ihn suchen, bis in den Keller. Wie oft
hast du denn den Schlüssel umgedreht, Verdammte, die du bist? Und
schon schlagen sie gegen die Tür. Ich öffne! Ihr sollt sehen, daß
ich öffne. Wo habt ihr Seine Exzellenz? Ah!" Die Branzilla schrak
zurück: sie erblickte Dario Rupa in den Armen zweier Sbirren,
bleich und mit geschlossenen Lidern, über die Blut rann.
„Was habt ihr da um Gottes willen getan?
Dieser war der unschuldigste Mensch, der nichts weiter konnte als
im Winkel hocken und meinem Singen zuhören! Nie hat er daran
gedacht, unsern Herrn Papst zu verjagen." „Wir werden sehen, mein
Liebchen, ob nicht du selbst ein wenig daran gedacht hast!" - und
der Hauptmann der Sbirren lächelte sie frech an aus seinen
schmutziggelben Falten, mit seinen schleichenden Augen, deren
Klugheit einen entsetzte.
„Nicht umsonst ist dies Haus voll Waffen,
voll Menschen ..."
Klirren und Kolbenstöße. Junge Leute wurden
hereingetrieben. Ihre Kleider waren aufgerissen, in ihre Haare
hatten Fäuste gegriffen, ihre feinen Gelenke schnürten Ketten. Sie
sahen niemand an. Einer spie dem Polizeisoldaten, der ihn
herzerrte, ins Gesicht und bekam einen Säbelstreich über
seins.
„Spielt nicht zu eifrig, Kinder", sagte der
Hauptmann. „Bald werdet ihr vom Heiligen Vater zu Bett gebracht
werden... Und was Euren Liebsten angeht, meine Schöne, so denke ich
mir in meiner Einfalt, daß er Euch so viel hat singen lassen, damit
man die Flinten nicht klappern höre. Wie, wenn Ihr aus Begeisterung
für die Freiheit so laut gesungen hättet?" Die Branzilla entwand
sich einem Häscher. „Ihr lügt! Wißt Ihr denn nicht? Heute abend
trete ich im Argentino auf. Eure Sachen verstehe ich nicht. Ein
paar von jenen da sah ich wohl auf den Treppen schleichen, ich
leugne es nicht. Aber mir ist fremd, wozu sie kamen. Exzellenz,
erwacht doch! Sagt ihm, daß ich nichts weiß!"
Der Ohnmächtige öffnete die Augen und suchte.
„Ihre Stimme war's... Wie! Ihr schämt euch nicht, Schurken, an ihr
euch zu vergreifen, an ihr? Erst jetzt seid ihr Schurken!"
„Eure Exzellenz", sagte der Hauptmann,
„vergißt, daß Ihr Euch schonen müßt. Ihr verschwendet Eure Kraft
und zöget Euch nutzlose Wunden zu, da Ihr Euch der Gewalt der
Regierung widersetztet. Ich heiße nicht Rupa und komme von Natur
Eurer Exzellenz nicht gleich. Dennoch bin ich nun durch Gottes
Fügung und die Macht unseres Herrn Eurer Exzellenz so sehr
überlegen, daß ich sie, als einen bei bewaffnetem Aufruhr
Ergriffenen, an jeder Straßenecke, die mir beliebt, erschießen
lassen kann." Der Hauptmann machte zu seinem schamlosen Lächeln
eine demütige Handbewegung.
„Aber Eure Exzellenz wird uns gewiß nicht
gleich zum Schlimmsten nötigen, sie wird sich in Güte von uns
verhören lassen, gleichwie ihre schöne Freundin. Wie manches
Interessante mögen wir durch Euer Wohlwollen erfahren und durch die
Gefälligkeit des Fräuleins! Kommt, ich bitte Euch, verweilen wir
nicht länger!" Die Sbirren packten zu. Die Branzilla arbeitete sich
ab in ihren Armen. Aus den Gefangenen sprach eine zornige, klare
Stimme:
„Wir haben sein Haus gebraucht, ohne daß er
es wußte. Er glaubte, wir kämen, die Branzilla singen zu hören. Er
war blind und taub vor Liebe, wie der Auerhahn. Er ist
unschuldig."
„Ich bin unschuldig!" rief die Branzilla.
„Könnt Ihr nicht mehr reden, Exzellenz? Immer wäret Ihr zu schönen
Worten bereit. Ihr habt mir versprochen, daß ich singen soll; keine
Stunde ist's bis dahin; und da laßt Ihr Euch und mich in die Hände
dieser Schweine fallen! Ihr laßt zu, daß ich nicht singen soll! Ihr
seid feige! Habt Ihr keine Diener mehr, diese davonzujagen? Was
wollen sie? Sagt ihnen doch, daß ihr Papst und ihre Freiheit mich
nicht schert und daß ich singen muß!" Die Polizisten lachten; ihr
Hauptmann feixte verächtlich. Dario Rupa sah ihn an. Die Hand am
Hals, in letzter Not und hastend:
„Ich biete Euch alles, was ich besitze, laßt
Ihr sie los. Nehmt mich, tötet mich, ich bitte Euch, und laßt sie
frei!"
„Was haltet Ihr mich auf! Alles wartet auf
mich. Die Zeit ist erfüllt. Alles wartet: Gott selbst wartet!" Sie
bekreuzte sich. Die Sbirren lachten roher. Sie begriff nicht und
starrte wirr in die unheilvollen Gesichter. Der Geruch machte ihr
bange: dieser Geruch von Pulver und schweißigem Leder, der ihr der
jäh eingedrungene Geruch des Unglücks schien. Sie haßte diese
Menschen, die Lachenden und die Wutbleichen, die Gefesselten wie
ihre Häscher: alle. Und jenes machtlose, blutende Gesicht, das sich
ihr darbrachte, erbitterte sie wild. ,Geh zum Teufel!' sagte sie
ihm mit den Augen. ,Du bist mir zu nichts mehr nutz!' Sie fuhr auf.
„Aber hört, ihr alle! Ich werde euch zeigen, wer ich bin. ihr
werdet es bereuen, euch an mir vergriffen zu haben. Es gibt
Mächtige, die mich heute abend zu hören wünschen. Seine Exzellenz
hat einem Herrn Kämmerer von mir gesprochen, und Seine Heiligkeit
weiß von mir. Der Kardinal Aldobrandini will ins Theater kommen.
Hütet euch, einer Eminenz ihr Vergnügen wegzunehmen. Es könnte euch
alle verderben!"
Der Hauptmann winkte den Soldaten, nicht zu
lachen. „Es ist wahr" - und seinem Blick hielt ihre Scham nicht
stand-, „Ihr könnt noch vielen Vergnügen machen. Es wäre schade um
Euer zartes Fleisch, käme es auf die Folter..." Plötzlich befahl
er, alle abzuführen. Dario Rupa, den sie stießen, wandte sich nach
ihr um; sie sah auf seinen Lippen ein Lebewohl, in seinen Augen
einen letzten sehnsüchtigen Zuruf: ,Werde groß!' Und allein stand
sie vor dem Hauptmann. „Gesteh mir ein, daß du sein Werkzeug warst,
und ich laß dich singen."
„Was soll ich gestehen?"
„Er ist dein Liebhaber, und es ist peinlich,
gegen einen Liebhaber auszusagen. Bedenke aber, daß er ohnedies
verloren ist. Sein Haus hat Verschwörern gedient. Du schadest ihm
kaum, und uns machst du dich beliebt. Anstatt daß ihr beide das
Verhör erleidet, werde ich ihn sogleich erschießen lassen. Du aber
bist frei... Sprichst du?"
Sie hatte es gewollt, nur war ihr der Ton
versiegt; und sie haßte sich selbst, weil sie noch nicht
hervorgebracht hatte, was sie frei machen sollte. Der Hauptmann
sagte:
„Du bist jung; auch heißt es, du seist eine
Künstlerin. Wer weiß, zu welchen Triumphen du bestimmt bist. Der
Amati haben sie neulich eine Pforte aus Rosen gebaut. Viele werden
dich lieben. Halte dich nicht bei dem einen auf, der verloren ist.
Ein Verlorener kann nicht länger dein Liebhaber sein."
Es war sehr schattig geworden im Saal. Von
den verschränkten Armen des Hauptmanns fiel sein Mantel in weiten,
dunkeln Flügeln. Sie hatte seine Worte im Kopf, ohne daß seine
Stimme darin nachklang. Es war, als sei sie reglos, ohne Laut mit
sich allein. Da warf sie sich herum.
„Er ist nicht mein Liebhaber. Er wollte mich
singen hören. Liebte er mich? Ich liebe ihn nicht. Was geht er mich
an?" Sie sprach hinter sich, als habe sie jemand zu beschwichtigen,
der dort im Dunkeln versteckt läge: vielleicht ihre Tante Barbara,
vielleicht etwas anderes, Namenloses. „Er hat mich aus dem Elend
gezogen, sagst du? Andere hatten mich singen gehört und mich
dennoch darin gelassen? - Aber, habe ich ihn darum gebeten?
Versprach ich ihm Dank? Ich soll singen; Gott gab ihm den Befehl,
es mich lehren zu lassen!... Was sagst du? Niemand lebe so mit
meiner Stimme, gehöre ihr so?... Aber ich fürchte mich nicht,
allein zu bleiben! ... Er will mich groß? Daß er verschwinde, werde
mir Unglück bringen? ... Es gibt kein Unglück, fühle ich, das mich
nicht nährt. Für mich sind Gott und Teufel nur eins."
Sooft von hinten eine neue Frage kam,
schnellte sie herum nach dem Hauptmann, und in seinen Augen, die
sie mitten im Schatten deutlich erkannte, war schon die Antwort
entschieden. Seine Klugheit gab ihr Grauen und Trost. „Und endlich
verlangt er selbst nichts Besseres. Wie könnte ich ihn glücklicher
machen, als wenn ich ihn sterben heiße!... Herr Hauptmann, ich will
gestehen." Sie mußte hinunterschlucken. Aber hinter ihren
zugedrückten Lidern entstand das hell wogende Festhaus; auf tausend
Zetteln, tausend Zungen war ihr Name; auf der Bühne warteten ihrer
die Abenteuer eines ganzen Himmels; schon gingen Geigen- und
Harfenklänge ihrer Stimme voraus, als der Königin; und da sie
ausblieb, erhob sich irgendein Wirbeln und Tosen: nach ihr lärmte
ein Volk ... Sie riß die Augen auf. „Er war mitverschworen. Ich
hörte ihn mit den andern von Mord sprechen. Sie machten Kugeln,
indes ich sang..."
Sogleich sprangen beide Türflügel auf. Der
Wächter im Vorzimmer trat beiseite. Eine Fackel sprengte große
Schatten durcheinander... Die Branzilla wagte sich hinaus; ihre
Hände preßten ihr Herz. Sie eilte verzweifelt; ihr schien's, ihr
Fuß bleibe stecken, der Hauptmann hinter ihr werde zufassen... Da
überschritt sie die letzte Schwelle. Die Treppe war wirr von
Lichtern und Menschen. Neugierige quollen herauf, zwischen die
Soldaten, die Diener. Sie mußte haltmachen. Der Hauptmann hinter
ihr sagte:
„AdelaVde Branzilla, Ihr seid genötigt
worden, in diesem Hause zu singen, damit man nicht merke, daß
Staatsverbrechen darin geschehen. Gebt Ihr zu, im Dienste des Dario
Rupa gestanden zu haben? ... Sprecht laut!" „Ja."
Die Menge sah sich an und wich. Elegante
Abbati verbeugten sich vor der Branzilla, sagten ihr, das Theater
warte, und geleiteten sie hinab. Vor dem Tor stand, inmitten alles
Volkes, ein Wagen. Wie sie den Fuß hineinhob, fuhr sie zusammen.
Die Stimme des Hauptmanns hatte sich nochmals geregt.
„Dario Rupa hat sich gegen das Leben und die
Regierung seiner Heiligkeit verschworen? Ihr bezeugt es, AdelaVde
Branzilla?"
Sie stand inmitten alles Volkes und zitterte.
Der Zweifel lähmte sie, wenn sie sich umwende, werde der Hauptmann
verschwunden sein; alles werde nicht wahr und sie werde gerettet
sein. Sie riß sich empor. „Ich bezeuge es."
Sie saß im Wagen, wild ging es von dannen.
Die Gasse war schwarz; entsetzt klapperte das Echo von den Mauern;
die Branzilla litt Furcht und Reue ... Aber Lichter kamen, Wagen,
Menschen: und sie richtete sich auf. ,Sollte ich denn sterben
seinetwegen: sterben, bevor ich gesungen habe? Nicht sein Verdienst
ist's, daß ich erwählt bin: es ist Gottes Sache. Seine Wege sind
die eines Fremden; er muß sie sich selbst suchen; und sind sie
schlimm, kann ich's nicht ändern. Nicht für ihn habe ich mich
kasteit die vielen Jahre. Denn ich lebte fern von den Freuden der
Welt, hatte keinen Teil an den flüchtigen Lüsten der Menschen und
arbeitete in der Zucht des Herrn für die Ewigkeit. Ich bin seine
Nonne: nun will er mich in seine Gnade aufnehmen, ich soll seinen
Glanz sehen. Der Himmel wartet, und ein Mensch will mich
zurückhalten? Ich hasse ihn, mag er sterben! Jetzt weiß ich's,
nicht der Hauptmann war der Teufel, der mich versuchte: der andere
war's! Ich bin ihm entronnen, ich habe ihn besiegt; nun kommt die
Seligkeit!' Sie war gekommen. Die Branzilla sang. In ihr spielte
die Kraft, die dem Himmel gleichkommt. Sie erreichte ihn, schwelgte
in ihm und in der Herrschaft über alle jene, die tief dort unten
verstummt waren ... Aber sie wagten zu atmen? Nicht für immer waren
sie unterworfen? Sie murrten; sie riefen ihr einen Namen zu, einen
schon vergessenen Namen, der nach Rache verlangte? Ein Dolch flog
auf die Bühne und blieb vor ihr in der Diele stekken? Der Vorhang
fiel krachend zu? ...Sie stand, die Stirn gegen eine dunkle
Kulisse, und betete. Als sie zurückkehrte, war ihre Stimme der
Engel, der, vom Himmel entsandt, mit dem Ungeheuer ringt, mit den
Sünden der Welt. Sie hielt es unter sich; es rauchte, spie und
würgte. Es zuckte erlahmend, seine grausamen Augen sahen
verschwimmend auf sie, die sich von neuem erhob und plante in
Herrlichkeit. Von fern erlebte sie, wie schon Anbetung die Herzen
weitete, in denen Haß kaum erst schmolz.
„Du siehst recht wohl, daß ich in diesem
Kleide nicht auftreten kann. Die Ärmel sind zu lang, und am Rock
sitzen die Falten schief. Aber wie sollte es anders sein, da du
noch gestern abend dich mit deinem Liebhaber den Leuten zeigtest!
Ich sah euch vom Fenster. Ich arbeitete an meiner Rolle, indes du
dich vergnügtest."
„Mein Geliebter hat mich verlassen, Signora.
Vor Verzweiflung lag ich krank, die Nacht und den ganzen Tag. Die
Signora möge verzeihen, wenn ich nicht aufmerksam war."
„Ich verzeihe nichts. Würden sie mir
verzeihen, wenn ich schlecht sänge? Niemand würde fragen, ob ich
krank war. Ich singe nur die Tullia. Die Lukrezia gehört der Amati,
die so viel größer ist als ich, so viel schöner, liebenswerter,
kunstreicher. Ich bescheide mich und bin ihre Dienerin. Aber auch
die Dienerin will ich ganz sein. Ich übe meine Cavatine Tag und
Nacht, ich küsse hundertmal den Saum meiner Herrin, die mein Geist
vor sich sieht. Meinst du, ich fürchtete jene, die pfeifen möchten?
Arme Unwissende! Mich ängstigt nur der göttliche Wille in mir. Darf
ich denn ruhen, solange irgendein Mensch meine Rolle besser machen
könnte? Sie müssen sich beugen: nicht vor mir, ich bin nichts; doch
vor dem Vollkommenen. Sie widerstreben, ich weiß es wohl, dem
Vollkommenen. Es ist stolz, es demütigt sie. Sie fühlen sich wohler
bei den Hübschen, die es sich und ihnen leicht machen... Ah!
Sturbanotte. Nur herein! Ihr könnt davon reden. Ihr seid ein
Buckliger, und Ihr singt herrlich gut.
Seid Ihr schon einmal an einem Theater zum
erstenmal aufgetreten, ohne daß sie Euch ausgelacht hätten? Immer
mußtet Ihr Euch zuerst vor die Rampe stellen und ihnen versichern,
Ihr seiet nicht gekommen, Euch sehen, sondern Euch hören zu lassen.
Nun also: das Vollkommene erscheint ihnen immer bucklig. Es stößt
sie ab und muß sie überwältigen... Ich spreche nur zu Euch,
Sturba-notte - da Ihr mir die Ehre erweist, in meine Garderobe zu
kommen, die von Männern leer ist: nur zu Euch. Ihr allein versteht
mich. Ihr denkt doch nicht, ich redete zu jenem albernen Mädchen,
das aus unglücklicher Liebe krank wird? Sie hätte ein Kleid machen
sollen. Ein vollkommen gemachtes Kleid würde ihr dummes kleines
Dasein gerechtfertigt haben. Was tut sie? Sie ißt, trinkt, liebelt,
sie zerstreut sich, bis sie ganz verschwindet. So machen es alle.
Hat Euch schon einer einen Schuh oder einen Bart gefertigt um
anderes als das bißchen Geld? Habt Ihr schon einen singen gehört,
dem's nicht bloß um den Beifall war? Wie wohlfeil alle sich nehmen!
Wie ich alle verachte!"
„Ich verstehe: auch die Amati."
„Das könnt Ihr nicht glauben. Eine so große
Künstlerin! Sie ist berühmt, und wie viele lieben sie! Ich bin ihre
Dienerin."
„Ihr spielt ihre Dienerin, es ist wahr. Auch
genießt sie noch große Anbetung. Nicht mehr lange, sagen die Ärzte.
Der arme Ritter Rosaspina! Wie er sie liebt! Aus seinem Blut würde
er ihr ein Elixier pressen! Sie schwindet dahin. Ihre Stimme war
gestern so schwach, daß im Theater mehrere weinten. Ein Mittel
gegen das böse Feuer, das sie verzehrt! Ein Gegengift!"
„Ein Gegengift? Signor Sturbanotte, Euer
Grinsen ist entsetzlich. Nie sah ich so sehr, daß Ihr ein Buckliger
seid, ein boshafter Buckliger. In Eurer roten Kappe, mit Eurem
langen Schwert! Was für einen schrecklichen Schatten Ihr werft!
Verlaßt mich! Was ängstigt Ihr mich! Kein guter Mensch wird
glauben, eine so liebenswerte Künstlerin könne vergiftet
werden."
„Ihr mißversteht mich, Signora. Ich sprach
von einem bösen Feuer in ihr. Seht doch ihre Augen an! Ihr Blut
verzehrt sich selbst. Es ist ein äußerst trauriger Anblick, wie sie
daliegt und Schwäche und Angst erleidet und sich nicht begreift.
Ihre Garderobe ist wie ein Sarg, worin die Liebhaber sich mit ihr
verschlossen haben. Unterirdisch still ist's darin. Das Lachen
derer, die zu lachen wagen, klingt ohne Widerhall und als drückten
fünf Fuß Erde darauf. Das Schluchzen des Ritters Rosaspina bricht
sich an den Füßen der Amati. Wollt Ihr das nicht sehen? Bliebet Ihr
fern, man würde glauben, daß Ihr der Amati nicht
wohlwollt..."
„Ich komme. Kein Wort mehr! Denkt Ihr denn,
ich wäre nicht längst schon bei ihr, hätte nicht die ungeschickte
Schneiderin mich aufgehalten?"
„Oh, Signora! Laßt zu, daß ich Eure Füße
umfasse! Ritter, Ihr müßt mir diese Minute gönnen: ich bin die
Dienerin Eurer Herrin. Wie wohl Ihr ausseht, Signora! Wie es hier
lustig ist! Die Herren ersticken wohl ihr Gelächter in den
Taschentüchern, ihr seid wiederhergestellt, nicht wahr, Signora?
Ihr werdet es keinen Tag hinausschieben, die Lukrezia zu singen.
Eure Tullia bittet Euch." „Ihr selbst, Signora Branzilla, werdet
vielleicht die Lukrezia singen. Vielleicht werde ich tot
sein."
„Was habt Ihr! Mein Gott!... Sie antwortet
nicht. Sie hat sich verfärbt und die Augen geschlossen. Welche
Gesichter ringsum! Signora! Kommt zu Euch!" „Ich weiß nicht, was
mir geschieht... Ja, Ihr sollt die Lukrezia singen. Eine Stimme
verlangt, daß ich sie Euch auftrage, sie Euch hinterlasse, ihr seid
größer als ich. Wehrt nicht ab! Ich liebe Euch nicht, verzeiht!
Aber Ihr seid größer; und Festeres, Stolzeres werden sie Euch
errichten als eine Rosenpforte. Mich sahen sie gern. Mein Gesicht
machte sie ein wenig glücklicher. Sie fühlten Wohllaut in meinen
Wendungen. Wenn ich lächelte, verziehen sie mir meine Stimme, die
so wenig vermochte. Ich hatte nichts gelernt, ich gestehe es Euch.
Man ließ mich nie, und mein Herz ließ mich nie. Ihr seht, daß ich
noch erröte. Und soll doch bald ganz erblassen. Ritter, näher zu
mir!... Ihr aber, Signora Branzilla, seid eine große Künstlerin.
Ihr werdet herrschen, wo ich nur Vergnügen machte. Ich lasse Euch
die Lukrezia. Hier habt Ihr die Rolle! Morgen sollte ich sie ihnen
singen. Singt sie ihnen morgen, damit Eure große Kunst sie rascher
mich vergessen macht. Nicht den Ruhm ja liebte ich. Meinen Schatten
tröstet das Gedächtnis eines einzigen. Nehmt, Ritter!"
„Wollt Ihr Eure Hand nicht auch mir
verstatten? Verzeiht, daß ich sie mit Tränen befeuchte! Ihr macht
mir Schmerz und Scham. Ich habe Euch zu sehr bewundert: wie darf
ich leiden, daß Ihr Euch vor mir demütigt! Laßt mich Euch bedienen!
Wollt Ihr trinken? Ich muß Euch zuerst ins Ohr sagen: schickt von
Eurem Lager den Buckligen fort! Er ist voll arger Gedanken und wird
Euch Unglück bringen. Legt Eure Lippen an das Glas; das Cordiale
ist hineingemischt... Ich durfte nicht zu Euch aufsehen. Ihr wurdet
soviel geliebt. Ich selbst fand Euch liebenswert - und ich habe es
so schwer zu gefallen. Mit ein wenig Gesang? Ein wenig klingender
Luft? Sagt selbst, was das bedeutet, wenn man eckige Glieder und
eine ungefällige Miene hat. Nein, Signora, ich bleibe Tullia, Eure
Dienerin. Laßt mich immerhin für morgen die Lukrezia erlernen:
darum weiß ich doch, daß ich sie, beschämt und erleichtert, Euch,
der Genesenen, zurückgeben werde. Aber was ist Euch? Kommt Euch
denn schon wieder Ohnmacht an? Helft doch, ihr Herren! Wie? Ihr
Herz-? Signora SO Himmel!" „Wir sind allein, Signora, denn die Tote
zählt nicht. Für Euch zählen doch keine Toten? Den Ritter haben
seine Freunde hinausgebracht. Jetzt seid Ihr Lukrezia - und was
immer Ihr wollt."
„Ich will ihr Gewand ordnen. Findet Ihr sie
nicht noch schöner als im Leben?"
„Ich weiß nicht. Einen Buckligen kümmert das
nicht." „Sie wird doch einmal aufhören zu gefallen? Sie muß doch
werden wie die anderen Leichen?" „Habt Ihr Furcht, sie möchte Euch
noch mit geschlossenen Augen überstrahlen?"
„Ich fürchte niemand, Signor Sturbanotte.
Seht, wie ich ihre Augen auf- und zuklappe! Mit diesen Wimpern wird
sie keine Liebe herbeiwinken."
„So furchtlos als geschickt! Wie Ihr zu
spielen versteht, noch an einem Sterbebett! Wie trefflich Ihr ein
Cordiale mischt! Ihr müßt Übung darin haben." „Was tragt Ihr da im
Ärmel, Signor Sturbanotte? Ei, seht: ein rundes flaches Fläschchen
miteinerwasserhellen Flüssigkeit darin! Wäre das gar das übel
berufene Tofanawasser? Das müßt Ihr häufig angewendet haben,
Sturbanotte. Seit Monaten hat sie's bekommen: jetzt begreife ich
das seltsame Feuer, an dem sie starb, und das nur Ihr erkanntet!
Aber welche furchtbare Rachsucht, buckliger Sturbanotte. Weil sie
Euer Liebeswerben abwies! Ihr seid ein schrecklicher Mann, ich
werde allen gegen Euch zur Vorsicht raten ... Ach nein, ich
scherzte: Ihr braucht nicht zu erbleichen. Das Wasser, sag' ich
Euch ins Ohr, trugt nicht Ihr im Ärmel. Ich habe Euch nur zeigen
wollen, daß ich noch geschickter bin, als Ihr meintet- und Euch
warnen ... Und nun wißt, daß ich niemand zu scheuen habe. Denn ich
tat recht. Gott selbst trug es mir auf. Er ließ mich träumen und
zeigte mir die Amati in der Hölle und in der Pein. Sie hatte keine
Nase mehr, und die Teufel zwickten ihr die Brustwarzen ab. Aber
hoch darüber, gleich unter Gottes Thron, auf Wolken stand ich
selbst und sang!... Das ist Gerechtigkeit, Sturbanotte. Denn sie
schändete die Kunst. Sie gab vor, eine Sängerin zu sein, und war
eine Dirne. Mit ihrem Dirnengesicht, ihren Dirnengliedern betäubte
sie das Volk, daß es nicht merkte, wie die Kunst verdarb. Die Kunst
war in mir, und niemand hörte sie. Gott war verlassen, er schrie
nach Rache. Ich folgte ihm und tötete sie und lernte, indes ich sie
tötete, seit Monaten ihre Rolle. Wäre ich nicht Gott gefolgt, noch
immer würde das Volk nur das Fleisch lieben. Jetzt hab' ich es
erlöst. Jetzt kann ich ganz die Flügel ausbreiten, und zwischen
Himmel und Erde hindert nichts mehr meinen schönen Flug. Sie werden
sehen, daß ich schöner bin als die Amati. Sie werden mich nicht
lieben, weil ich süß bin, mich zerflattern lasse und Mitleid
verdiene. Sie werden mich lieben, weil ich stark bin, mit
Leidenschaft bei mir bin und ihnen Reue über ihre verlorenen Leben
mache!... Was murmelt Ihr, Sturba-notte?"
„Das ich alt bin und obendrein bucklig. Sonst
bliebe ich keine Nacht mehr in Rom."
„Auch Ihr versteht mich nicht,
Sturbanotte."
IV
„Sind die Leute schon fort?" fragte die
Branzilla. „Laßt uns sehen! Zieht doch den Vorhang auf, ihr
Kleinen! Wenn auch nur drei Personen im Saal geblieben sind, werde
ich noch etwas singen: ihr sollt staunen. Nie war ich so in
Stimmung: in Paris nicht, in London nicht." „Zuviel Ehre, Signora!
Ihr habt uns sehr glücklich gemacht. Mindestens acht Tage lang
werden wir alle zu essen haben."
„Kein Mensch mehr da? Nun, gleichviel, ich
bin zufrieden. Es war ein guter Gedanke, daß ich die Postpferde
abbestellte und in eure Schmiere zu Gast kam." „Ein
sehrguterGedanke!" - unddiearmen Komödianten umdrängten sie
gebückt. Die alte Königin wischte mit ihrem Purpur den einzigen
Stuhl ab. „Er war ein Baumstumpf", sagte die Branzilla. „Das grüne
Tuch dort hinten will sagen, daß wir in einem Walde sind. Warum
nicht? Die Leute haben es uns geglaubt. Welch gierige Gesichter aus
den zerbrochenen Bänken zu uns herauf atmeten und funkelten! Ach,
ihr Geruch ist noch da: Knoblauch und Rauch, der Geruch der Armen.
Lange schmeckte ich ihn nicht mehr... Auch ich war arm. Auch ich
saß, ganz jung, auf den Bänken wackliger Vorstadttheater und
starrte durch den Tabakrauch auf den Götterglanz hier oben: euren
Götterglanz, liebe Freunde! Es war schön ... Vielleicht saß auch
heute abend solch ein junges Mädchen drunter? Eins, das einmal groß
sein wird? Oh, sehr reizend sind, die noch alles vor sich haben.
Und sehr schrecklich!" Die Branzilla sprang auf. In ihrem Samt und
ihren Spitzen fuhr sie hin und her vor der elenden Schar. Plötzlich
entschloß sie sich.
„Euer Tenor - wie nennt ihr ihn? - ist nicht
übel. Ich möchte sagen, daß er etwas taugt. Ich kann sogar zugeben,
daß er große Mittel hat. Was wollt ihr noch mehr von mir? Soll ich
gestehen, ich erkennte ihn an? Schließlich hat er ein wenig Übung:
und wer weiß von ihm, wo gilt er? Gleichviel: ich habe ihn gehört
und werde ihn nicht verleugnen. Sagt, wo steckt er? Er ist der
einzige von euch, der davonläuft, wenn euch die Branzilla beehrt.
übrigens hat er auch vom Beifall vorhin zuviel für sich genommen...
Nun, sagt ihm, daß ich ihm Glück wünsche, und lebt wohl!" Aber in
den Kulissen machte sie kehrt. „Ja, was tun: Die Nacht ist noch
lang. Du bist ein hübsches Kind. Erstaunlich viele Kinder habt ihr
hier; aber du bist das hübscheste. Soll ich dir etwas schenken?
Willst du den Ring? Es heißt, die Branzilla sei geizig. Nicht immer
ist sie's. Verlier ihn nicht! Deine Mutter bekommt
hundertundsechzig Taler dafür. Wer ist deine Mutter?"
Mehrere grelle Frauenstimmen antworteten:
„Sie liegt schon wiederim Kindbett. Diesmal hatsieesvon
Uiisse."
„Wer, Ulisse?" „Cavazzaro, der Tenor."
„Ach du -" und die Branzilla stieß das Kind
von sich. „Gib den Ring wieder her! Deine Mutter hat es mit jenem
Ulisse gehalten. Welche Schamlose!" Sie wandte sich ab, tief
errötet.
„Nichts begreife ich so wenig wie solche
Frauen ... Und er! Er ist bei ihr! Rasch, sagt mir, ob er nicht bei
ihr ist. Was denn? Bei einem Liebchen in der Stadt soll er sein? Er
soll viele Frauen haben, überall, und Kinder zu Haufen? Seid ihr
verrückt? Er ist ein Künstler, ja, ihr sollt die Wahrheit wissen:
ein großer Künstler. Wie könnte er sich also vergessen? Sich zu
euch herablassen, ihr Weiber? Ihr verleumdet ihn! Ich kenne euch.
Du lange Blonde, du bist eifersüchtig, du hast ihn vergebens
begehrt. Nimm diesen Backenstreich! Und geht! Geht alle zum
Teufel!"
In der staubigen Garderobe schrie sie ihre
Kammerfrau an, stieß sie hinaus, schleuderte einen silbernen
Schminknapf zu Boden und untersuchte, ernüchtert, ob er beschädigt
sei. Es klopfte; sie schlich zur Tür. „Ach, Ihr! Geht nur wieder
fort! Ich mag keine Taugenichtse."
„Ihr habt von mir gesprochen, Signora, Ihr
wünschtet mich zu sehen."
Er nahm, um zu reden, einen Nelkenstengel aus
den Zähnen und lächelte, schmeichlerisch und lässig. Die Branzilla
senkte die Lider und gab die Schwelle frei. „Ihr seid ein Künstler,
ich leugne es nicht. Aber glaubt mir: ein Leben wie das Eure führt
kein der Größe Bestimmter. Haltet Ihr mich für eine große
Sängerin?"
„Ihr seid die einzige. Wer Euch hört,
vergißt, daß es vor Euch eine Kunst des Gesanges gab. Ich liege zu
Euren Füßen, Signora." „Laßt die Redensarten!"
Aber ihrer bösen Miene entrang sich ein
ungeschicktes Lächeln. Er sah sie an; er schob, und wendete sich
dabei halb in den Hüften, die Nelke wieder in den Mund.
„Wann seid Ihr zuerst aufgetreten?
Siebenundvierzig? Das ist mein Jahr! Ihr habt mein Jahr und seid
der einzige, der mir je -. Ihr erschreckt mich! Bringt Ihr mir
Glück oder Unglück?... Aber vergeßt nicht, daß Ihr noch nichts
seid, noch gar nichts. Was schaden mir Eure Gaben, solange Ihr an
armseligen Orten ein unordentliches Leben führt! Ihr habt wenig
gelernt, und Ihr wagt, an Größe zu denken? Wollt Ihr meinen Rat?
Geht in ein Kloster! Schließt Euch ein, acht Jahre lang, und lernt
singen! Dann werden wir sehen, dann werden wir uns wieder sprechen.
Vorher hofft nichts! Geht!" Er prüfte sie aus den Winkeln und
drehte sich zögernd von dannen. Sie atmete stockend. Plötzlich,
auffahrend:
„Nein! Nein! Ich darf nicht, darf Euch nicht
untergehen lassen. Ihr seid der einzige, der mir je gleichkam. Und
wie geschieht es, daß ich Euch auffand: ich, die Bran-zilla, die
nur an der Scala, an San Carlo, am Argentino singt und eines Abends
sich herbeiläßt, auf Euer Gerüst zu steigen? Als man mir im
Gasthaus sagte, in diesem schwarzen Loch werden Opern gesungen: wie
doch kam mir die Lust, allen Glanz meiner Kunst zwischen euch zu
tragen, unberechenbar gnädig, wie Gott? War's nicht vielleicht
Gott, der durch mich handelte? Seine Hand nach Euch ausstreckte,
Cavazzaro? Es wäre besser, er hätte mich Euch nicht kennen lassen.
Da ich aber nun weiß, daß Ihr lebt, darf ich Euch nicht verleugnen.
Kommt mit mir! Ich will Euch groß machen." „Signora! Eure
Hand!"
„Berührt mich nicht!... Ach, laßt, ich will
Euch trotzdem wohl. Warum nennen wir uns nicht du, wie alle
Komödianten? Sage also: kannst du Strenge üben gegen dich und dich
frei machen? Von allem, was nicht du selbst bist? Niemand mehr
lieben? Keine Frauen; denn sie schaden dir. Hörst du: keine Frauen
mehr!" „Auch du bist eine Frau."
„Euer Du ist schamlos. Vergeßt nicht, wer ich
bin!" Sie warf sich zurück, sie sah ihm mit Tränen des Zornes in
die Augen. Er fragte weich:
„Habt Ihr nie geliebt, Signora Branzilla? Wie
könntet Ihr sonst singen?"
„Ich habe alle Leidenschaften, und ich mache
Kunst daraus. Nichts bleibt übrig, für euch alle nichts. Wer von
euch wäre das Herz der Branzilla wert? Nur Gott verdient es."
„Ich, Signora, denke, indes ich singe, an
schöne Frauen: an solche, die ich hatte, und an solche, die ich
haben werde. Manchmal denke ich nur an die Kneipe." „Es ist wahr,
Ihr riecht nach Wein." Er sah sie abgestoßen. Seine Augen baten,
unschuldig und schmelzend. Zwei zaghafte Schritte: und er ließ sich
sanft vor ihr auf ein Knie.
„Ich spreche zu Euch, Signora, wie ein Kind:
wie ein Bettelkind, das Ihr in Euren Palast aufnehmen wollt und das
Euch noch von seinen Lumpen und seiner schlechten Kost erzählt.
Verzeiht! Ihr wißt gleichwohl, daß ich künftig nur Euch zu Ehren
singen werde. Wie wäre ich würdig, die Kunst zu üben, wenn ich,
Eure Töne noch im Ohr, an andere Frauen zu denken vermöchte!"
„Hört, Cavazzaro! Ich rede im Ernst. Ich werde Euch neben mich
stellen, weil ich muß: weil Ihr schon neben mir steht. Ihr sollt
groß werden, Ruhm und Reichtum sollen Euch zufallen."
Er setzte auch das andere Knie auf den Boden.
„Ich werde mit Euch zusammen singen? Ich begehre nichts weiter,
Signora. Ich liebe Euch." Sie entriß ihm hastig, daß es zerriß, ihr
Kleid. „Belügt mich nicht! Ich bin nicht liebenswert. Die Masse der
Schwachen, Schicksallosen liebte mich oft. Was ging mich's an. Ich
liebte nur mich. Niemand sonst, nie!... Haltet Ihr mich für
schlecht? Seht: ich fand noch nie meinesgleichen. Immer war es mein
Los zu verachten. Zuzeiten, ich gestehe es, trug ich schwer daran.
Heute besinne ich mich darauf wie auf das größte Glück: als ich
noch verachtete. Wollte Gott, ich könnte auch Euch
verachten!"
„Signora, ich liebe Euch."
„Immer nur: ich liebe Euch. Ihr wißt nichts
weiter. Kein Grauen schlägt Euch entgegen aus dem Unheimlichen, das
hier geschieht. Ich bin allein. Ich möchte nicht länger allein
sein!"
Ihre Schultern zuckten, ihr Atem schwoll an.
Ihr Körper zitterte ganz, und ihre Blicke jagten umher, als ränge
sie gegen hundert Fangarme, nach allen Seiten. Er sah hell und
sicher darein, wie sie, böse und von Angst gebändigt, sich
abarbeitete. Auf einmal breitete er, staunend ergriffen, die Arme
aus. Denn ein Glanz aus Tiefen besiegte in ihrem Gesicht alle
Härte, alle Qual und verwandelte sie. Die Branzilla ward schön. Den
ganzen Himmel in ihrer Stimme, sagte sie: „Ich liebe
dich."
V
„Du hast getrunken. Laß doch endlich das
Trinken! Es ist deiner nicht würdig, und es wird dich zerstören."
„Höre auf, mich zu quälen! Ich trinke, weil es mir
schmeckt."
„Weil es dir schmeckt. Und wenn es nun deiner
Kunst nicht schmeckt? Wer ist wichtiger: deine Kunst oder
du?"
„Ich... Und dann, meine Kunst tut, was ich
will. Ich trinke, und sie läßt mich singen. Du hast eine andere
Art, um gut zu singen. Du kasteist dich, du fliehst die Menschen,
du bist schlechter Laune. Jeder treibt es, wie er vermag."
„Nur eine Art gibt es, der Kunst zu dienen.
Wählst du eine falsche, wird sie dich strafen. Ich werde dich noch
gestraft sehen. Wehe dir!"
„Du sprichst, als wünschtest du es. Du bist
eifersüchtig, weil ich genieße."
„Eifersüchtig auf Genüsse, die ich verachte?"
„Dir tut das Trinken nicht gut, mich aber begeistert es."
„Begeisterung aus einem Faß! Sich selbst einen Feind in den Leib
gießen!"
„Zum Glück fühle ich mich gesund, meine
Stimme ist größer geworden, ich bin sehr beliebt." „Auch ich; und
seit kurzem sind wir es beide noch mehr als sonst. Du, der du eine
Geliebte in der großen Welt haltest, bist es so sehr wie ich, die
in die Loge deiner Geliebten hinaufschoß. Wie wagst du davon zu
sprechen, im Augenblick, da wir von der Kunst reden?" „Verzeih -
und entschuldige mich; ich gehe zu Freunden. Morgen abend bin ich
Theseus - und du Ariadne. Lege dich also ins Dunkel und bete! Ich
gehe zu Freunden." „Nicht zu Freunden: zu Weibern! Ich will dir
deine Schande ins Gesicht schreien. Morgen abend sollst du an
Götter streifen, und heute nacht willst du bei Dirnen liegen. Du
bist der Gatte der Branzilla und hast nicht Stolz genug, ihr treu
zu sein. Wie du mich herabgezerrt hast! In welchen Schmutz du mich
gestürzt hast! Du bist verächtlich wie die andern und kein
Künstler. Blind war ich, als ich mich mit dir belud!"
„Ich verdanke dir viel, das ist wahr, und bin
deiner wohl nicht würdig. Aber ein Künstler bin ich, und du weißt
es. Vielleicht hab' ich dich sogar überholt. Deine Clelia gestern
war ein wenig matt. Und doch kam ich betrunken auf die Bühne, und
du hattest gefastet. Rege dich nicht auf! Es würde dich ermatten.
Ich wünsche von Herzen, daß du morgen eine sehr gute Ariadne seist.
Ich bin nicht eifersüchtig, ich nicht."
„Du bist morgen ein kraftloser Theseus. Seine
Kraft wird in Schenken und bei Weibern geblieben sein." „Ich bin,
noch wenn ich auf der Bühne stehe und singe, immer mitten im Leben:
heraus aus den Brettern, in denen du dich einsargst."
„Einen Sarg nennst du die Bühne! Dies
Heiligtum, worin wir uns selbst haben!"
„Mir ist es zu heilig. Deine Kunst scheint
mir so heilig wie der Tod. Ich singe den Leuten; mir ist, als sänge
ich auf der Straße; meine Stimme sei eine unter vielen und verwehe
in sonniger Luft." „Du singst auf der Straße!"
„Ich singe, wo man will. Ich darf freigebig
sein: was kostet's mich! Da, in meiner Kehle, nimmt das Kapital nie
ab. Heute auf dem Pincio winkte mich der Fürst Tor-lonia an seinen
Wagen und wünschte drei Takte aus ,lhr Sterne, ihr Tränen' zu
hören. Drei Takte: dann wisse er selbst weiter. Ich sang, ihm
gefällig zu sein, das Ganze vor allen Spaziergängern: - und hier
ist der Beutel, den er mir dafür gab. Willst du ein freundliches
Gesicht machen? Du bekommst die Hälfte." „Gib her! Die Dukaten
werden nicht vom Torlonia sein, sondern von einer Frau. Gib
immerhin her! Ich will sie aufheben,für dieZeit,da du dich zugrunde
gerichtet hast und ich dich erhalten muß."
Sie hatte hinter ihm die Tür verriegelt,
gierig das Geld gezählt und es in die Truhe gesenkt. Sie lag im
Zimmer, worin kein Licht mehr brannte, und zog sich angestrengt
ganz auf ihr Innerstes zusammen. ,Morgen bin ich Ariadne, welche
Wichtigkeit hat alles andere? Morgen werde ich leben. Es wäre
falsch, zu sagen, daß ich gut singen werde. Ich werde einfach aus
diesem Tode aufwachen in meinem eigenen Himmel. Jetzt ist Dunkel
und Tod: plötzlich entbrennen alle Lichter. Ich werde leben!. ..
Nun bin ich ruhig und gefeit. Nun will ich arbeiten. Ich will in
meinem Geist das Gebäude von Tönen errichten; will lautlos
singen...'
Aber sie fühlte alles mißlingen und eine
geheime Zerstreuung ihrer Kraft.
,Es ist nichts; es ist nur der Körper. Er ist
krank, er sträubt sich. Ich habe ihn noch immer besiegt. Ruhe! Ich
bin eine Schülerin und habe singen zu lernen. Denn der Geist
erwächst aus der Technik.' Sie stand auf und machte sich an
Übungen. ,Alle Kraft muß in der Lippe sein, der Hals ganz weich,
wie tot...'
In der verstreichenden Nacht versteifte sie
sich und hielt kaum noch stand. Dieser Druck um die Mitte des
Rumpfes begann, der sie niederzog; diese Angst des Herzens. Sie
lag, das erschlaffte Gesicht in den Händen, über dem Flügel und
betete. Draußen entstand ein Poltern; etwas Weiches fiel gegen die
Tür. Sie öfFnete und empfing den taumelnden Körper des Trunkenen
schwer gegen ihre Brust. Heftig warf sie ihn hin. Nun stand sie
über ihm, atmete kurz und schüttelte die Hände. „Mich ekelt's, ihn
anzufassen, und ich habe mit ihm geschlafen,- und habe ein Kind von
ihm! Rom weiß es. Jetzt kommt er von anderen Weibern; Rom weiß auch
das. Unser beider Unehre ist der Welt geläufig wie unser
gemeinsames Vergnügen. Und ich bin die Branzilla! Wie ich ihnen
fern war, einst! Wie ich bei mir selbst war, allein und rein! Das
soll nie wieder kommen? Allein und rein sein!... Du möchtest
trinken, Lieber? Da, ich mische dir etwas: es wird dich für immer
zufriedenstellen. Nimm!... Nein! Gib her! ich kann nicht. Gott will
nicht, daß ich's tue. Ich verstehe Gott nicht."
Das Glas, das sie hinsetzte, funkelte böse im
Mondlicht. Sie raffte einen Vorhang über ihr Gesicht. Grabdunkel
war's und still. Nur der sorglose Atem des Schläfers. ,1hm ist
wohl. Ihm war wohl, als er trank, als er Frauen umarmte; ihm wird
wohl sein, wenn er morgen den The-seus singt - den er nicht gelernt
hat. Mich sprengt das Klopfen dieses Herzens, das der Kampf um
Ariadne toll und ohnmächtig gemacht hat. Ich habe Martern gehabt,
indes er Vergnügen hatte. Und er soll mich auch noch einholen, mir
vorauskommen? Ich war matt als Clelia. Ich werde eine kranke
Ariadne sein. Wer anders als er macht mich krank! Lauter Unwürdiges
legt er mir auf, hundert weltliche Gedanken, die mich dem Heiligen
entfremden und mich verbrauchen. Meine Ermüdungen nähren ihn. Er
fühlt sich schwellen, je blasser ich neBen ihm werde. Nach meinem
Untergang wird er ins unermeßliche wachsen. Das ist nicht zu
ertragen! Er, den ich zu mir heraufzog! In dessen Hände ich meine
Einsamkeit abdankte! Dem ich meine erarbeiteten Schätze verriet!
Er, mein Geschöpf! Nie ward einem menschlichen Wesen so Schlimmes
erdacht. Nicht von dir, mein Gott: von deinem Widersacher! Du
wolltest mich groß; du befiehlst mir, zu verderben, was mich
anficht!' Sie legte das Glas an den Spalt in den Lippen des
Schläfers. ,... Er ist ein Künstler. Ich töte einen Künstler. Nicht
ein Geschöpf, das dem Vollkommenen feind ist wie jene Amati; keins,
das Gott aufhält: nein, den Freund des Vollkommenen, den Gott höher
vielleicht weihte als mich. Ich diene, töte ich ihn, nicht mehr
Gott: nur einem Götzen, nur mir. Dann verwirft er mich, dann ist's
aus mit mir, und nie mehr ersing' ich mir den Himmel.'
Es dämmerte; schaudernd schob sie das
erblindende Glas fort.
„Also nichts. Ich vermag gegen ihn nichts.
Ich muß ansehen, daß er das Leben hat und die Kunst obendrein -der
ich mich opfere; daß er spielt, wo ich mich zerquäle, und dennoch
groß wird. Wie ich ihn hasse! Wie ich ihn zerstören, ihn in mich
hineinrafFen möchte, daß ich all seins zu meinem
hinzuhätte!DaswäreReichtum:mein innerer Herd und das, was diesem
die Welt gibt. Nun aber muß er vom Leben, dem ich nicht gewachsen
bin, immer reicher werden, und ich muß in mir selbst verkohlen und
langsam erkalten. Gott, ich beuge mich. Du, ich bitte dir ab. Ich
bin nicht groß genug, dich zu verachten: ich beneide dich nur. Ich
sehne mich aus meiner Heiligkeit nach deinem gemeinen Wandel, nach
deiner Gutherzigkeit und Niedrigkeit, nach deinem Schmutz, nach
deinem gewöhnlichen Schmutz. Ich liebe dich! Immer liebte ich dich
aus Sehnsucht nach Erniedrigung, guter, warmer Erniedrigung!"
Sie ließ, die Arme in die Luft gebreitet, ihr
Gesicht auf seines sinken, vermischte ihre Lippen mit seinem
Fleisch, und in seinen Mund, der das Gift hatte empfangen sollen,
flössen ihre Tränen.
„Ich liebe dich! Ich will dir dienen, ich
danke ab, ich bin nicht mehr die Branzilla! Hörst du mich? Küsse
mich! Ein Kuß von dir ist mehr als alle Herrschaft, alle
Himmel!"
Da gingen seine Lider auf; sie riß sich
zurück. Sie wich und bekreuzte sich, bis an die Wand, erwartete
atemlos, daß er wieder schlafe - und brach in die Knie und schlug
die Stirn gegen den Fußboden.
„Nun verstehe ich dich, Herr. Du hast mich
versucht und schwach gefunden. Ich war dir zu hoch gestiegen, da
schicktest du mir diesen. Ich muß ihn lieben, er verdirbt mich und
ist unantastbar. Dein Wille geschehe." Aber sie schnellte auf aus
dem Staube. „Gib mir ein Zeichen, daß die Prüfung nicht immer
dauern soll! Daß ich des Feindes Herr werden soll! Wo nicht, laß
mich sterben! Auch du, Herr-" Sie ging auf den Knien bis unter den
Kruzifixus. „- auch du ersehntest das Ende deiner Marter. Und von
deinen Wunden hast du keine mehr vor mir voraus. Sage, daß du ihn
zu deiner Zeit schlagen wirst und verderben und mich erhöhen! Gib
mir das Zeichen!" Fahler Morgen traf sie in die Augen; sie schloß
sie. Ihre Stirn war kalt vom Schweiß. Ihr Mund krümmte sich zuckend
nach unten. Ihre erhobenen Hände waren inein-andergekrampft und
zitterten. Plötzlich ein Schrei: gellend, entsetzensvoll.
„Du hast mich geküßt! Mit meiner Stirn habe
ich deine Leichenlippen gefühlt!"
Und sie sank zusammen und weinte.
VI
„Neigt Euer Ohr, Vater! Ja, ich komme spät;
dahinten im dämmerigen Schiff kniet höchstens noch ein Bettler;
aber wir können nicht leise genug flüstern. Wißt Ihr, von welcher
Sünde Ihr mich freisprechen sollt? Von derselben, die Sankt Petrus
an unserm Herrn beging. An seinem Vertreter auf Erden begehe nun
ich sie; ja, ich will unsern Herrn Papst verraten! Ich will vor
seinem Henker, dem König, die Aida singen... Ich dürfe es nicht,
sagt Ihr? Um meiner selbst willen nicht; denn alle Ehre in Rom
komme mir von Seiner Heiligkeit, die mich so oft in ihrem Vorzimmer
singen läßt, die mir Gnadengeschenke und Orden gibt, ja, die mit
ihrer heiligen Person mein Haus beglückt? Das ist noch nicht alles,
Vater; Ihr wißt nicht alles. Ehre habe ich auch draußen, wo nicht
Seine Heiligkeit befiehlt. Ich bin die Branzilla, auch draußen.
Aber ich habe einen Schwur auf mir, einen Glauben, eine Pflicht.
Hört mich! Dies ist eine Sache um Leben und Tod.
Ihr seid nicht jünger als ich. Ihr werdet
wissen, daß an dem Tage, als die Branzilla zum erstenmal vor Rom
hintrat, Rom in Revolution war. Die Liberalen wollten mich hindern
zu singen. Ich glaube, daß Gott die Revolution nur darum zugelassen
hat, daß mein Weg dorniger, meine Ankunft glänzender und ihm
gefälliger sei. Sie hatten verbreitet, daß ich im Hause des Fürsten
Rupa meine Stimme erhebe, um ihre Verschwörung zu übertönen. Ich
war in höchster Gefahr, in den Kerker geworfen zu werden, an eben
dem Abend, da ich zuerst mich hören lassen sollte! Aber ich entging
ihren Netzen und ließ sie statt meiner den Rupa fangen. Wie sie
dann im Theater gewütet haben! Wie ich kämpfen mußte, sie zu
erobern, ihnen ihre Kraft zu nehmen, diesen tausend Geliebten! Denn
ja, ich liebte sie, wie Dalila den Simson!... Damals, Vater,
während jenes Ringens, habe ich mich für immer der Partei des
Papstes versprochen. Ihr seid wenige, und ihr liebt die Menschen
nicht. Aber auch ich liebe sie nicht und will nicht ihre
Gemeinschaft. Ich war euer, ich war des Papstes, ich hatte das
Glück, ihm nützen zu können. An den Höfen da und dort konnte ich
einige Worte sprechen, die sein Geschäft besorgten; konnte mehrere
schwärmerische Seelen zu seinem Vorteil stimmen. Und jedesmal
nachher sang ich besser. Immer, wenn Seine Heiligkeit oben war,
fühlte auch ich mich oben. Ich zitterte, sang ich in London, um den
Kirchenstaat, und daß die Italiener, noch ehe mein Gastspiel zu
Ende sei, in Rom einbrächen... Nun sind sie eingebrochen. Ihr
versteht mich kaum, so widerlich gellen draußen die Hörner ihrer
Bersaglieri... Sie sind vorbeigelaufen mit ihren Fahnen, mit dem
dummen Jubel des Volkes. Was nun, Vater? Ich hatte alles auf die
Sache des Papstes gesetzt, und er ist geschlagen. Ich werde also
vor seinem Sieger singen. Sprecht mich frei! Ihr wollt nicht? Ihr
sagt, mein Verrat sei Todsünde? Unser Herr Papst habe die Seinen
nie nötiger gehabt als jetzt? Laßt! Ich weiß, wieviel ich wage und
wie leicht mich dies in die Hölle führen kann. Ihr wäret nicht
dabei, als ich kämpfte! Es ist furchtbar, daß diese Brut unsern
Herrn überwältigen mußte. Aber ich habe - neigt Euer Ohr! - den
Verdacht, daß Gott hiermit eine große Versuchung für mich plant...
Hört, eine andere Versuchung, nicht weniger schrecklich, hat er
soeben beendet. Ihr wißt, daß mein Mann, der Cavazzaro, die Stimme
verloren hat. Endlich ist er bestraft dafür, daß er sich selbst und
die Kunst verließ und unheilig lebte. Wildes Glück packte mich, als
es offenbar ward. Aber ich bezwang es. Denn sorgsam mußte zuvor
erprobt werden, ob Gott mir wirklich den Sieg bestimmte. Und ich
schickte Ulisse nach Paris, daß sie ihm eine künstliche Stimme
machten, wie sie's dort können. Nun ist er zurückgekehrt und
krächzt. Gott hat's gewollt. Der, an den ich meine Kunst hätte
abdanken wollen; der, den ich gern vergiftet hätte; der, den ich
lieben mußte; nun liegt er darnieder. Ich aber singe wie mit
zwanzig Jahren. Alle Versuchungen, zu denen er mir geschickt war,
sind gebrochen; ich habe sie überstanden. Jetzt muß ich singen, vor
wem immer, muß singen und triumphieren. Wozu hätte ich gelebt, wenn
ich jetzt nicht sänge? Soll ich's bezahlen, wie Ihr sagt, Vater;
gut denn, ich bezahle. Mit dem ewigen Feuer, sagt Ihr? Es sei, mit
dem ewigen Feuer. Immerhin: ich flüsterte Euch von meinem Verdacht,
daß auch dies nur eine große Versuchung sei, die
allergefährlichste, und daß Gott wissen wolle, ob ich so heilig
sei, daß ich auch noch der Hölle und all ihren Ängsten trotze, wenn
es zu singen gilt. Wer weiß, vielleicht werde ich vor Gottes und
unseres Herrn Papstes Feind singen und dafür maßlos erhöht
werden... Ihr glaubt es nicht? Ich lästere, sagt Ihr? Ich sei
verworfen? Ihr könnt mich nicht frei machen? So bitte ich Euch nur
noch: betet für mich, denn ich werde singen. Ich werde vor dem
Feinde Gottes, vor dem Schänder seiner Stadt singen und dabei
wissen, daß ich auf meinen Tönen nicht mehr zum Himmel, sondern in
die Hölle steige. Aber die Kunst, die Gott selbst ist, will es. Er
will, daß ich die Verdammnis verdiene, und ich gehorche ihm. Ihr
hört, wie mir die Zähne aufeinanderschlagen. Ich bin in kalter
Hitze. Die Gedanken verwirren sich mir. Gelbe Flammen schießen vor
mir auf. Die Hölle! Die Hölle! Rettet mich! Ihr rettet mich nicht?
Dann muß ich in den Flammen stehn und singen!"
VII
„Wer sagt, daß wir alt sind? Du, ja, du
bist'sl Da keine Frau dich mehr gebrauchen kann und du zum Wein
kein Geld mehr hast! Ich bin noch immer die Branzilla; und sing'
ich nicht mehr alle Abende, so singe ich immer noch jeden Monat
einmal oder doch einmal die Saison. Niemand geht es an, wie ich
inzwischen lebe. Du brauchst es mir nicht zu sagen; oft verwirrt
sich mein Kopf. Mag sein, daß ich die Menschen oft gequält habe:
meine Tochter und auch dich; daß ich mich mit Wirtinnen herumzanke,
nicht bezahlen mag, und daß es Städte gibt, in denen kein Haus mehr
mich aufnimmt. Wo bleiben all diese Miseren, wenn ich singe, noch
einmal singe. Ich habe vier Wochen lang im Dunkeln gelegen, habe
gefastet, mich gereinigt und meine Kraft von Gott zurückerbeten.
Nun aber trete ich hervor. Für eine Nacht, für drei Stunden:
gleichviel, da stehe ich noch einmal im Glanz und höre das Volk zu
meinen Füßen atmen. Ich singe; mein Herz hat wieder die Gewalt
eines zwanzigjährigen Herzens; meine Glieder spannen sich; meine
Lippen sind fest und jung. Fragt nicht, mit welchen Qualen ich
meine Auferstehung bezahle. Klatscht! Schreit! Seht hier den
Schatten größerer Zeiten durch eine eurer Nächte streichen! Ihr
fühltet nie diese Leidenschaft. Keiner von euch erfuhr, wie das
Leben heilig ist. Faßt, bevor euer Scheindasein schwindet, einmal
doch Bewunderung für die, der von Gott die volle Wirklichkeit ward!
Ja, eine Siebzigjährige, und noch immer die Branzilla!" „Ich muß
wohl gehen? Meine blinden Augen sehen dich nicht; aber deine Stimme
klang sehr erregt. Du wirst nun für den Rest des Tages krank
sein und nicht wollen, daß wir essen?... Du antwortest mir nicht.
Ich gestehe dir, daß ich Hunger habe."
„So geh und mäste dich!"
„Ich habe kein Geld, um zu essen."
„Ach, kein Geld. Und die zehn Soldi, die ich
dir am Dienstag gab? Wir haben erst Freitag."
„Ein wenig Tabak, einen kleinen Kuchen für
die Kinder, die so gut zu mir sind und mich armen Blinden über die
Straße führen."
„Jaja, alle sind gut zu dir. Du bist so
sympathisch: ein milder Greis mit einem bleichen, edeln Antlitz in
ehrwürdiger Locken Zier, der das Augenlicht verlor. Dich
bemitleiden sie und nahen dir gern, trösten und helfen gern. Mir
sehen sie mißtrauisch und feindlich entgegen. Sie verstehen nicht,
warum diese alte Frau so grade vorbeigeht und niemand anspricht.
Mein Gesicht finden sie böse. Um mein Leiden sorgen sie sich nicht.
Seine Herkunft ist freilich seltener und dunkler als die Herkunft
des deinen. Du hast leicht gelebt und wirst leicht sterben."
„Auch ich habe wohl manches ertragen müssen.
Meinst du, es sei eine Kleinigkeit gewesen, als ich die Stimme
verlor? Vorher saß ich bei den Großen zu Tisch. Ohne dich kränken
zu wollen, darf ich sagen, daß vornehme Damen mir ihre Gunst
anboten. Wie schön war's, wenn ich in einem Garten stand und den
Frauen sang, die um mich her auf dem Rasen saßen. Wieviel Sonne auf
ihnen! Weh mir! Die Sonne ging mir unter, noch vor dem Tode. Keine
Stimme, keine Augen, mir ist nichts übrig."
„Nichts. Denn du kannst dir nicht denken, wie
jemand ohne Stimme, in ewigem Dunkel einen Palast aus Tönen
bewohnt. So Großes ahnte dir in deinem Glänze nie; wie sollte es
dir als verbrauchten Lustigmacher noch einfallen! Alle Tage ward
bei dir ein Heiliger gefeiert. Nun ist das Deine verputzt; Narr,
der du einst vom unerschöpflichen Kapital in deiner Kehle
prahltest! Nun bekommst du bei mir ein wenig geringeres Essen als
ehedem von den Reichen. Und darum wagst du es, mir von deinem
Leiden zu flennen? Mir, deren ganzes Leben einsame Marter war? Ach,
laß dich von den Leuten liebhaben, jetzt wie früher. Behalte jeden
deiner Freunde und die Erinnerung all deiner Genüsse - aber mache
mich nicht rasend dadurch, daß du vom Leiden sprichst! Dein Mund
ist des Wortes nicht würdig. Er ist zu edel und wohllautend, dein
Mund. Ach, ach, du! Du hattest am Ende nur Wert, weil du zu meiner
Qual beitragen solltest: zu meinem Schicksal." „Was habe ich dir
getan?"
„Jaja! Nichts. Du tatest nichts; du warst da.
An dir erlebte ich, daß meine ganze qualvolle Größe vergeblich
ward. Du hattest ja das Abbild davon. Nichts brauchtest du zu
erarbeiten, nichts zu erleiden, urvd hattest doch noch das genaue
Abbild. Kein Zweifel, du warst ein Künstler. Es war schrecklich.
Zum Glück sind wir darüber hinaus. Es war so schrecklich, weil ich
selbst dich habe ans Licht ziehen müssen, dich abrichten und
herausstaffieren. Was hattest du je, Elender, das dir nicht von mir
kam? Zeige mir ein Lorbeerblatt oder einen Dukaten, die nicht
eigentlich mir gebührten!"
„Ich war doch ein Künstler! Du beleidigst
mich alten Mann, du machst mich krank. Ich war doch ein Künstler!
Millionen sind durch diese Hände geflossen. Ich möchte schwören,
daß ich mehr verdient habe als du." „Aber du ziehst mir mein Geld
aus der Tasche!" „Seit drei Tagen gabst du mir zehn Soldi." „Ich
mäste dich; und anstatt zu sterben und mich von dir zu befreien,
ehe mein Geld zu Ende ist, machst du mir Auftritte!"
„Ich bitte dich, ich bitte dich ..."
„Ach, er weint. Tränen entquellen seinen
blinden Augen. Wenn das die Leute sähen, wie sympathisch du ihnen
wärest! Aber du hast wohl vergessen, daß du mich, als ich die
Celimena sang im Pagliano zu Florenz, um den ganzen Erfolg betrogen
hast? Nicht immer warst du so voll Güte und Sanftmut wie heute. Ich
singe die Celimena, ich erschöpfe meine Kunst, diese faulen Bäuche
zu bewegen, und auf einmal hör' ich sie lachen. Ja, sie lachen,
weil hinter mir du stehst und deine Fratzen machst. Sie sehen
deinem stummen Spiel zu, und ich singe vergebens."
„Ich mußte spielen. Der Pandolfo, du weißt es
wohl, trägt den Spiegel herbei. Er fängt den Nacken der Celimena
darin auf und küßt ihn. Er hat sich mit anmutiger und etwas
possierlicher Traurigkeit zu benehmen." „Auch wenn die Branzilla
singt? Du bist neidisch und tückisch. Am Abend der Celimena hat man
mich vor dir gewarnt. Ich würde dir sagen, wer, wenn ich nicht für
ihn, der mir wohlwill, deine Rache fürchtete. Du selbst warst als
Pandolfo durch Trunk unfähig zu singen."
„Das ist nicht wahr! Du befleckst meine
Vergangenheit. Ich war ein Pandolfo, von dem der Dichter Rasi
sagte, er habe das göttliche Lächeln. Hörst du, das göttliche
Lächeln!"
„Das göttliche Lächeln! Da hebst du die Arme
und bist außer dir. Alle Milde des blinden Greises ist dahin, nun
man an seine Eitelkeit rührt."
„Ich habe nichts als zehn Jahre der
Erinnerungen: in siebzig Jahren weiter nichts. Ich lebte so rasch.
Greifst du meine Erinnerungen an, dann bin ich verloren, dann weiß
ich nicht, was geschieht!"
„Ich will nicht, daß du Erinnerungen habest!
Wollten doch endlich auch deines Geistes Augen erlöschen! Du warst
ein Intrigant, der mir den Weg verstellte. Warst du überhaupt ein
Künstler? Ich zweifle, ob ich mich nicht narren ließ."
„Du bist grauenhaft! Der Teufel erfindet
nichts Schwärzeres! Wer rettet mich vor dir!"
Die Branzilla sah, knochig aufgereckt, aus
Geieraugen ihrem blinden Gatten nach. Er stieß an die Möbel; seine
Hände schwankten klagend über seinem Kopfe; da flog die Tür
auf.
„Was schreit ihr schon wieder? Keiner der
Tage, die ich hier bin, ist ohne Geschrei vergangen. Die Nachbarn
treten auf die Treppen hinaus, so laut schreit ihr. Mama, hast du
ihn wieder gequält?"
Die Branzilla sagte mit flötender
Stimme:
„Beunruhige dich nicht, Töchterchen! Wir
unterhielten uns von der Celimena. Dein Vater hat an dem Abend
nicht gehandelt, wie er es mir schuldete."
„Ich hatte das göttliche Lächeln, sagte der
Dichter Rasi!"
„Er hat mir die Rolle verdorben; ich sagte
ihm nichts als die Wahrheit."
„Sie übertrifft den Teufel! Daß du es weißt,
Kind, wenn ich nicht mehr leben werde; der Teufel kommt ihr nicht
gleich."
„Werdet ihr mir erklären, um was ihr euch
streitet?" „Um Celimena, Töchterchen, die berühmte Oper des Maestro
Tiberini." „Ich hörte nie von ihr." „Ich war der erste Pandolfo
ganz Italiens!" „Wann war die Aufführung, von der ihr sprecht?"
„Laß mich denken,... neunundfünfzig." „Das sind vierzig Jahre! Ihr
streitet euch in eurem Alter; du bringst Papa von Sinnen; ihr
schreit, daß draußen ein Auflauf entsteht: und alles um Dinge, die
vor vierzig Jahren waren! Von denen keiner außer euch mehr weiß!
Die Hände, die euch damals Beifall klatschten, sind bald alle
vermodert; wollt ihr nun nicht Ruhe geben? Wahrhaftig: etwas
Liebenswertes ist's um die Kunst!"
Die Tochter nahm den Alten beim Arm. „Draußen
stehen deine alten Freunde, Papa. Sie getrauen sich nicht herein,
aus Furcht vor Mama. Geh mit ihnen ins Wirtshaus; da ist Geld - und
bleibe nur dort, bis ich dich zurückhole. Wenn ich dich zurückhole,
armer Alter, wird der Wein dich lustig gemacht haben." „Ich
fürchte, Tochter, daß kein Wein mehr mich lustig macht."
Die Tochter kehrte zurück, die Hände auf den
Hüften. Die Branzilla erwartete sie scheu.
„Schön hast du ihn zugerichtet! Hexe! Von
deiner Bosheit wird man länger reden als von deiner Kunst. Jetzt
duckst du dich,denn ich bin breit und rot. Den schwachen Alten aber
wirst du noch zu Tode quälen. Oh! Menschlichkeit hast du nie
gekannt. Was tatest du mit mir, als ich jung war; wie verdarbst du
elend mein Leben! Ich liebte, und ich ward geliebt. Heute könnte
ich glücklich sein. Ich könnte Kinder haben. Nun aber lebe ich
allein, in Gasthauszimmern, unter Fremden. Das ist dein Werk. Ich
sollte nicht heiraten, du wolltest mich nicht wie die anderen
Mädchen. Als ein Monstrum wolltest du mich, als ein singendes
Monstrum. Ich hasse die Kunst, die du mich lehrtest!"
„Undankbares Töchterchen! Und sie ist die
berühmteste Konzertsängerin Europas!"
„Mit vierzig Jahren bin ich's endlich
geworden; und ich finde nicht, daß mir mit fünftausend Francs für
den Abend meine Entbehrungen bezahlt sind." „Mein Kind, ich sterbe
zufrieden, da ich dich groß hinterlasse. Mein Name wird, mit deinem
verschmolzen, länger dauern."
„Das ist's nicht. Eifersüchtig warst du, das
ist's." „Ich habe große Laster", sagte die Branzilla und senkte
schief den Kopf. „Ich werde wohl auch dieses haben. Aber glaubst
du, Tochter, daß ich böse bin, weil es mir gut geht? Es geht mir
nicht gut; es ist mir niemals gut gegangen; und auch mir sind meine
Entbehrungen nicht bezahlt worden. Ich denke jetzt manchmal des
Fürsten Dario Rupa, eines jungen Mannes, der, als ich selbst ganz
jung war, für mich starb. Richtiger wär's vielleicht, zu sagen, daß
ich ihn tötete. Soll ich dir etwas Schreckliches gestehen? Ich
wünsche mir jetzt oft, ich hätte ihn damals nicht dem Hauptmann
verraten, ich wäre mit ihm in den Kerker gegangen... Glaubst du,
daß ich ihm noch gefallen könnte? Ich habe noch meine Stimme.
Nächsten Monat werde ich im Palazzo Doria di Gio-conda singen. Wird
nicht der Russe dort sein, der dich am Dienstag besuchte? Er gefiel
mir; und er behandelte mich, als ob ich ihm gefiele. Wir wollen
ausgehen, Töchterchen; ich möchte seidene Strümpfe kaufen." Da die
Tochter ihr den Rücken gewandt hatte: „Willst du nicht,Meine süße
Liebe' üben, für dein Konzert? Niemand versteht es zu singen wie
du." „Gut! Gut!" rief sie dazwischen; und nach der letzten
Note:
„Wir mögen böse sein, darben und uns quälen,
so haben wir doch die Kunst. Ich habe dafür gesorgt, daß du sie
erwarbest, und ich tat wohl daran. Du wirst die letzte sein, die
von der Kunst des Belkanto weiß. Wir dienten um sie acht Jahre
lang. Die Heutigen lernen zwei - und nach anderen zwei sind sie
kaputt. Du wirst, wie ich, noch mit siebzig singen... Gut, gut!"
rief sie wieder, mit falscher Stimme. Denn sie meinte die Tochter
dabei zu überraschen, daß ihr die Töne in den Hals rutschten. Die
Branziila dachte:
,Sie ist nicht mehr wie früher. Auch mit ihr
geht's also zu Ende. Ich aber habe noch meine Stimme, ich
allein.'
„... Nimm mich mit! Auch ich will
ausgehn."
Aber die Tochter stürzte wieder herein:
bleich, nach vorn geworfen, mit schlotternden Fäusten. Sie erzwang
sich Atem.
„Er hängt dort. Papa hängt dort. Er hat sich
erhängt."
Sie schlich über die Schwelle und nebenan die
Wand entlang. Die Branzilla schloß die Tür. Sie begann im Zickzack
umherzuhasten: aufgescheucht, in die Enge getrieben, mit Blicken
wie nach Verfolgern ... Plötzlich hielt sie an, hob die Schultern
und zog sie, ausatmend, heftig herunter. Sie horchte; dann holte
sie einen metallenen Kasten heraus und setzte sich davor... Die
Tochter fuhr ins Zimmer.
„Ich habe ihn abgeschnitten; er ist tot. Du
hast ihn getötet! Ach, wäre das deine letzte Tat. Ich werde nicht
zufrieden sein, bevor ich dich im Irrenhaus weiß. Zu allem Segen,
den deine große Kunst uns allen gebracht hat, möchte sie dich nun
noch ins Irrenhaus führen!" Die Branzilla zählte das Geld in dem
Kasten. „Ich habe nicht genug, ihn zu begraben. Warum hat er sich
erhängt? Es war ihm nur ein neues Mittel, mir zur Last zu
fallen."
„Hexe! Mörderin! Ich werde dich in eine
Anstalt sperren!"
„Nächsten Monat singe ich im Palazzo Doria.
Ich werde in keine Anstalt gehen. Ich werde nicht durch Aufregung
meiner Stimme schaden. Nächsten Monat singe ich im Palazzo
Doria."
SZENE
Sobald Lea von der Verlobung ihres Geliebten
erfuhr, eilte sie zu ihm. Viktor war nicht zu Hause, sie ging in
seinem Zimmer auf und ab. Es ward Abend. ,!ch habe zu spielen -
Premiere, und ich bin nicht entschuldigt', dachte sie, und dann
gleich wieder an seinen Verrat, „ich verliere ihn und ich liebe
ihn!" Ihr Herz setzte aus, sie sah sich im Spiegel todbleich. Dann
maß sie, durchdringend und trostlos, die ganze Gestalt. ,Elegant
und schön, eine Schauspielerin, die in Mode ist, so würden die
Leute sagen, wenn ich jetzt stürbe. Hat einem Mann alles zu bieten,
Liebe, Glanz, befriedigte Eitelkeit, und wird verlassen und nimmt
sich das Leben.' Sie suchte hastig in der Handtasche, ließ es,
irrte weiter durch das Zimmer. Plötzlich fühlte sie ihn hinter
sich. „Ich habe dich erschreckt", sagte Viktor. Sie fühlte Angst
vordem Kommenden, sagte aber zornig: „Ich nehme an, daß alles
Geschwätz ist."
Er zuckte die Achseln. „Das nimmst du nicht
an. Du wußtest von der Sache. Ich hatte sie dir angedeutet." „Ich
glaubte dir nicht!"
„Schließlich konnte ich nicht bei dir um
meine Braut anhalten."
In ganz verändertem Ton: „Was habe ich dir
getan?" Und sie sank hin. Er trat an ihren Sessel, streichelte ihr
das helle Haar, seine Hand war verführerisch wie je.
„ich iiebe nur dich, Lea. Darum fehlte mir
der Mut, offen mit dir zu sprechen. Ich habe den peinlichen Schritt
tun müssen, weil ich abhängig und ehrgeizig bin. Nur darum. Ich
wollte, ich könnte noch zurück." Sie sahen einander im Spiegel. Er
sah ihr Gesicht aufleuchten. „Komm zurück!" sagte sie mit ihrer
schönsten Stimme, hingelehnt, damit er sie küsse. Er küßte sie und
sagte: „Wir haben uns schon mehrmals getrennt und wiedergenommen.
Jetzt ist eine Heirat notwendig. Sie bedeutet nichts, wir bleiben
die Alfen." Da riß sie sich los und sprang auf.
Sie starrte ihm wie blind ins Gesicht. „Was
wolltest du? Heiraten und mich behalten?" Er sah Unheil kommen, er
streckte die Hand aus, aber sie floh bis in den Winkel; schon hatte
sie aus ihrer Handtasche einen Gegenstand gezogen und ihn an die
Lippen gesetzt. Gerade fing Viktor noch ihre Hand auf. „Laß das!"
sagte er rauh. „Es könnte dir schaden!" Sie lachte schrill auf,
bevor sie weinte. Sie weinte, am Boden zusammengebrochen. Er war es
jetzt, der hin und her ging, die Stirn in Falten, tief aufgewühlt.
Unvermutet hörte er sie sprechen, eine Stimme wie ein Kind. „Ich
will dein Unglück nicht", sagte sie, ach, so demütig, vom Boden
her. „Wenn denn ich dein Unglück war. Ich willige in alles, du bist
frei." Das verlassene Kind, das dort lag, weinte. ,Aufgepaßt!'
sagte der Mann sich. ,Die Tränenszene, dritter Akt. Wer sich fangen
läßt, verliert.' Er verschränkte die Arme.
Als nichts von ihm kam, stand sie geduldig
auf. Indes sie sich glatt strich: „Ich sehe ein, es war ein Fehler,
daß ich hier bei dir das Gift nehmen wollte. Eine bekannte
Schauspielerin, auf deinem Teppich tot; es
hätte dir geschadet. Verzeih!" Ironie, trotz leise lockendem Blick.
Er ward noch unzufriedener anzusehen. „Es wäre mir nirgend
angenehm, meine Liebe. Weder auf dem Teppich noch sonstwo."
„Das kann ich verstehen", sagte sie. Die
Ironie erklärte sich, hoch dramatisch. „Aber ich weiß doch nicht,
ob du um den Polizeibericht herumkommen wirst." Sie war zum Gehen
fertig.
Er stürzte ihr nach, er hielt sie an beiden
Handgelenken fest. „Du spielst heute abend? Versprich mir, daß du
spielst!"
„Bist du um die Direktion so sehr besorgt?"
fragte sie. „Es wird dich auf andere Gedanken bringen", verriet er.
„Jedenfalls ist Zeit gewonnen. Versprich es!" „Ich habe schon
versprochen, folgsam zu sein", sagte sie vollkommen sanft und
ergeben. Aber ihr Blick wich ihm aus, verloren und arm. Seine
Unruhe wuchs ins unerträgliche, er brach aus: „Auf dich war niemals
Verlaß!"
„Ich dachte, heute könnte ich es von dir
sagen", erwiderte sie sanft und undurchdringlich. „Liebst du mich
nicht mehr?" rief er in seiner Verzweiflung.
„Wenn du mir nur erlaubtest, es dir zu
beweisen!" Tragischer Blick.
„Ich begleite dich", bestimmte Viktor. „Ich
gehe bis in die Garderobe mit dir. Ich lasse kein Auge von dir."
„Dann könnte es nur noch auf der Bühne geschehen", murmelte
Lea.
II
Er gelangte verspätet auf seinen
Parkettplatz. Bis zu ihrem Auftreten hatte er sie nicht allein
gelassen. Er überlegte unaufhörlich: „Wird sie heute abend jubeln
können?" Denn sie hatte zu jubeln in dem Stück, soviel wußte er.
„Ihr glaubt doch nicht, es ginge ohne mich?" Den Aufschrei hatte
sie ihm letzthin mehrmals vorgemacht. Ein heiteres Stück also
wahrscheinlich. Wie würde sie das machen heute abend?
Das Stück erwies sich eher als frivol. Leider
schon wieder ein Dirnenstück. Frivol und etwas melancholisch war
der Auftakt, und sogleich hatte die Heldin ihren stürmischen
Abschied von dem Liebhaber Nummer eins. Er hatte sie geliebt,
gequält, betrogen und wieder von vorn. Sie hatte gelitten, sich
gerächt, ihn zurückgeholt und mehrmals abgestoßen. Nun war es zu
Ende. Sie blieb allein, zerbrochen, verzweifelt, mit Bitternis
getränkt bis in den Tod. Schritte. Sie wollte fort; ihr winkte nur
der Tod.
Statt seiner erschien der Liebhaber zwei, ein
sanfter, junger Kavalier, der sie zu lieben gedachte. Er kam mit
Seelentiefen und suchte etwas Besonderes an diesem Treffpunkt der
Lebewelt. Nach einigen begreiflichen Nieten fand er es nun. Sie war
immerhin bereit, noch ein wenig sich aufhalten zu lassen vor ihrem
letzten Gang: bereit aus Müdigkeit und weil es eins war, so sah der
ungetreue Geliebte im Parkett.
Wie begegnete sie denn aber der Werbung des
zweiten, das abgebrühte, schwerelose Geschöpf? Am Rande des Diwans
sagte er ihr, indes hinten die Kameraden soupierten, seine
Seeienwünsche, und sie lag. Geschwungene Linie, lang und schmal im
buntschillernden Futteral der Robe, leicht erhöht die Knie, den
Kopf über das Polster hinweggesenkt, sie war ganz Liegen, das
ungenützle Daliegen. Die nackte Schulter glänzte ins Leere,
vergebens hing der nackte, starke Arm herab. Warum nicht? Sie
konnte durchaus eingehen auf die Marotte des Herrn, der Treue
suchte und Sanftmut versprach. Entschluß, sie küßte. Das allzu
goldene Lockengebäude an ihrem rückwärts gesenkten Kopf war
erschüttert, die Reiherfedern wippten, zu seinen Lippen hob sie das
Gesicht. Allzu weiß, mit groben Bühnenzügen und dem schwarzen
Strich der geschlossenen Wimpern malte es den Kuß. Diese Lippen
wollten Verlobung vortäuschen? Versprechungen des Lebens küssen?
Eine Totenmaske sog sich wild an, knapp vor dem Sterben. Feiern den
Eintritt in die neue Liebe! Dahinten brachen sie auf. Vom Diwan
geschnellt - und der große, bewegte Körper wollte mit
vorangestreckten Armen über alles fortfliegen, die Zuversicht
selbst. „Ihr glaubt doch nicht, es ginge ohne mich?" Es gellte, und
der Vorhang fiel. Dies, das Jauchzen? Es hatte gegellt; lag die
große Frau jetzt nicht, zusammengebrochen und alleingelassen, über
dem verwüsteten Tisch, dort hinter dem Vorhang? Er ging wieder
hinauf, sie und ihr Mitspieler verneigten sich.
Der ungetreue Liebhaber auf seinem
Parkettplatz sprach zu ihr durch den Vorhang: „Nun, nun, mein Kind,
wir sind älter geworden, das ist das Ganze. Als ich dich
kennenlernte, hattest du den naiven Reiz der Anfängerschaft. Ach,
unsere Jugend! Jetzt bist du reif, auch ichbin es, und man geht
auseinander. Obwohl man sich erst jetzt recht verstünde und das
Leben einander erleichtern könnte. In der Jugend erschwert man es
sich. Es ist uns ergangen wie dir in dem Stück mit dem Herrn Nummer
eins: geliebt, gequält, betrogen und von vorn. Jetzt aber uns
verlassen? Nun, deine Schönheit, dein Talent die Höhe
erreichen?"
Er seufzte, und in seine Gefühle vertieft,
hatte er vergessen, daß er seine Geliebte beaufsichtigen mußte,
damit sie nicht Selbstmord beging. Das Haus ward dunkel, da fiel
ihm alles wieder ein. Furchtbare Panik durchjagte ihn. Kam sie
lebend auf die Bühne? Oder lag sie schon da, wenn der Vorhang
aufging? Fiel er gleich wieder, und jemand trat heraus, um dem
Publikum von einer vorübergehenden Schwäche zu erzählen? Vorhang.
Gottlob, sie lebte! Er zitterte noch immer. Sie spielte Glück.
Selbst Viktor hatte sie nie so glücklich gesehen wie heute abend
mit dem Liebhaber zwei. Er hatte das beste Leben, nur sie selbst
war ihrer Sache nicht sicher. Auch dies konnte enden, so aufreibend
schrecklich wie das vorige - wenn sie auch hier wieder liebte. Sie
fürchtete zu lieben und dann verlassen zu werden. Sie eilte, daß
sie ihm zuvorkomme; nur darum betrog sie ihn mit dem Liebhaber eins
- und ließ sich erwischen. Die Szene. Zwei merkt erst jetzt, er
liebe sie, und hat seinen Ausbruch. Eins hat ihm Genugtuung
angeboten und ist gegangen. Sie selbst besteht darauf, sie liebe
noch immer jenen, nie habe sie diesen geliebt; wird kalt und stumm.
Dieser glaubt ihr nicht, zu gut weiß er das Gegenteil, weiß es
durch sich selbst. Für ihn ward es Ernst, auch sie soll endlich
gestehen.
So gesteht sie denn: nein, sie liebt keinen;
auch den nicht, mit dem sie ihn zielbewußt betrogen hat. Auch der
hat nur wissen sollen, daß sie nun kalt sei - nun kalt sei und
bleibe! „Der eine kann mich zu haben glauben, der zweite, sogar ein
dritter: Wer aber hat mich noch? Das war einmal!" Schaudert es ihn?
Es ergreift ihn, er möchte verzeihen. „Damit du mich später um so
sicherer davonjagst? Später, wenn ich wehrlos bin." Da er leugnet:
„Doch. Der, den ich liebe, jagt mich davon!" Frech und schrankenlos
agiert sie vor dem Menschen, hat die Selbstachtung abgetan, möchte
nacktes Grauen sein, alles, damit es ihr erspart bleibe, noch
einmal leiden zu müssen. Er will ihr nichts ersparen, sie entreißt
sich ihm, flieht nach hinten und steht, wie gefangen, in einem
Vorhang.
Dort nun zeigt sie, wie man leidet, was sie
schon erlitten hat, was sie noch erleiden würde - zeigt, was je
Leiden war. Ihre schlaffen Arme tasten aufwärts, um zu flehen, aber
was hilft Flehen, sie sinken wieder. Das Gesicht sieht niemanden,
einsam plant es, verzückt. Die ganze Frau aber, dieser kostbare
Körper im reichen Kleid wird arm, wird offen jedem Blick, ja
durchscheinend, ihr seht die Flamme. Ihr hört nicht, welche Sätze
sie klagt, seht nur in ihr die Flamme zehren: zehren und sie
durchleuchten. „Alle Wetter!" sagte der Ungetreue. „Mit ihr geht es
vorwärts - und mit mir? Ich werde herunterkommen durch meine
bürgerliche Heirat. Keine andere Frau als diese kann mir Glück
bringen. Die Laufbahn! Um als Mensch zu versinken? Indes sie dort
oben leuchtet. Indes sie mit anderen Männern ihre Seelenkräfte übt
und davon leuchtet! Das darf nicht sein."
Die Schauspielerin inzwischen bereitete ihren
Abgang vor. Der Mann war fertig, sie hatte ihn endlich
niedergerungen. Er saß, war ganz krank vom ungewohnten Erleben und
wünschte sie innerlich zu allen Teufeln. Sie aber hatte Hoheit
bekommen; Abschied in Hoheit und müden Nachwehen ihrer großen
Szene. Ein letzter Händedruck? Er schlug ihn aus, rückte verwundet
die Schultern. Da hatte sie, über ihn fort, ein Nicken, eine
Wendung: ,Dann nicht.' All ihr Wissen in dem Nicken, das ganze Ende
in der Wendung. Sie hatte nicht glaubwürdig gejauchzt heute, aber
ihr stummes „Dann nicht" war restlos gekommen.
Geklatscht wurde mit vereinzelter Heftigkeit,
im ganzen aber mäßig. Diesen letzten Enthüllungen widerstrebte der
gesunde Sinn. Was für das Herz war, schien vorüber; der erste Akt
hatte beinahe im Freudenhaus gespielt. Die Damen fühlten sich tief
getroffen von den Toiletten der Heldin.
III
Der Liebende war vor allen anderen draußen.
Schon vor der Schauspielerin, die sich noch verneigte, war er in
ihrer Garderobe. Sie fiel erschöpft auf den Stuhl und sagte: „Du
hattest recht, es tut gut." Er schluckte hinunter. „Lea", sagte er,
„ich heirate nicht mehr."
„Das ist mein größter Erfolg", rief sie.
„Aber du mußt heiraten, Lieber. Denn jetzt bin ich mit dir fertig.
Wie froh bin ich!" sagte sie traurig, aber nur wie Erinnerung der
Schmerzen. Ihm ward es kalt.
„Was ist das? Ich sagte doch, daß ich dir
alles opfere!" „Genug!" sagte sie stark. „Und das nächste Mal? Soll
ich, wenn du mich das nächste Mal verrätst, wieder spielen müssen
wie heute - und dich vielleicht auch damit nicht mehr halten
können? Und mich nicht mehr von dir befreien können? Heute habe ich
mich befreit. Bin fein heraus. Ah! Lieber! Jetzt leide du!" Während
er wankte und mit mutlosen Händen noch flehen wollte, rief sie:
„Umzug, dritter Akt! Sie müssen hinausgehen."
DIE ROTEN SCHUHE
Beide Geschwister waren nur mit Mühe zu Hause
zu halten. Was ist mit großen, ausgewachsenen Menschen zu tun, die
weder die Schule beenden, noch einen bürgerlichen Beruf wählen,
noch etwa heiraten wollen? Drohungen der Eltern bewirken höchstens,
daß sie durch-gehn. Grade wird der Sohn noch aufgefangen. „Wir
haben euch nicht nötig. Ich bringe mich allein durch. In vier
Wochen bin ich gemacht - wie heute jeder Jugendliche, der es
richtig anfaßt, womöglich anständig, sonst anders. Vorurteile
ausgeschlossen. Wir haben neue Erlebnisse, ein neues Weltbild. Was
wißt ihr von unseren geistigen Voraussetzungen!"
Ob er denn sogar für seine Schwester die
Verantwortung tragen wolle, fragten die schwergeprüften Eltern.
„Dann hole ich auch sie ab - gerade weil ich für ihre seelischen
Rechte hafte, übrigens, sie mit ihrem Talent braucht euch erst
recht nicht."
Denn Berthold war mit dem dramatischen Talent
Luises vollauf vertraut. Was er nicht kannte, waren nur ihre
Beziehungen zu seinem Schulfreund Max. Eines Abends, er war wieder
einmal zum Durchgehn fertig und wollte von ihr Abschied nehmen: -
in der Tür fuhr er zurück. Wut verzerrte sein Gesicht so
ungeheuerlich, daß die Schwester, schon bereit, gegen ihn
vorzugehen, ergriffen stillhielt. Der Bruder stellte an den Freund
eine unvorhergesehene Frage: „Denkst du, Luise zu heiraten?"
Das Liebespaar sah sich erstaunt an. Worauf
Max: „Ich befinde mich in vollster Übereinstimmung mit Luise, wenn
ich nein sage." Da ward Berthold stürmisch. Sie erkannten den
Verächter bürgerlicher Sitte nicht wieder. „Und du willst
durchgehn? Wir haben doch einfach dasselbe vor." Es sei nicht
dasselbe, sagte Berthold. Zuletzt entschied Max: „Es ist
vorzuziehen, daß ich gehe. Mit deiner Schwester verständigst du
dich dann restlos." Berthold ließ ihn fort, dann riet er Luise:
„Lauf ihm nach! Bevor der Feigling um die Ecke ist. Den siehst du
nicht wieder."
Sie erwiderte: „Ich bin keine Verlassene. Ich
will mit ihm zum Theater." Aber sie war bleich und hielt sich am
Tisch fest. „Der Verrat stand ihm auf der Stirn", sagte der Bruder
noch, und sie schwieg dazu. Dann gestand sie: „Ich habe letzthin so
viel erfahren, daß selbst die vollsten Häuser von mir noch werden
lernen können." Sie stand ausdrucksvoll gereckt; das weiße Gesicht,
die roten Lippen verkündeten von oben ihren Schmerz und ihren Mut.
Dem Bruder blieb der Mund offen.
„Verzeih!" sagte er unsicher. „Ich muß mich
an den Tatbestand erst gewöhnen. Also mit Gott! Und auf
Wiedersehen, wer weiß wo."
Sie fragte: „Mußt du durchaus bös sein, weil
du jetzt wieder als kleiner Junge dastehst?" Sie fühlte, er hätte
lieber gehorsam wie ein Kleiner gesprochen. Damit er sich nicht
mehr schämen solle, beugte sie sich ihm in den Nacken, ließ den
Arm, um ihn zärtlicher zu stimmen, über seine Schulter hängen und
murmelte: „Wir treffen uns wieder. Was wir dann wohl geworden sind!
Wollen wir uns verabreden?"
„Deshalb bin ich hergekommen", sagte er
dankbar. „Also wir treffen uns, wenn wir unsern Weg gemacht haben.
Wie lange, glaubst du, brauchen wir? Ein Jahr?" Vier Wochen sagte
er schon nicht mehr. Die Schwester, noch gewitzter, sagte: „Es
kommt darauf an. Wollen wir aus dem Ärgsten heraus sein und die
Ellenbogen frei haben? Dann sagen wir zwei Jahre ... Wenn es
reicht." „Es reicht."
Er war denn doch der Stärkere; er kürzte auch
den Abschied ab. Zuversichtlich schüttelten sie einander die
Hand.
II
Bei seiner Ankunft in Berlin wollte ihm ein
junger Mann durchaus den Koffer tragen, und kaum hatte er den
Koffer, lief er davon. Die Straße war schlecht beleuchtet, aber
durchaus nicht menschenleer. Trotzdem ward der Beraubte mit Gewalt
verhindert, nachzulaufen. Von den Helfern des Räubers schlug
Berthold den einen nieder, der andere riß aus. Der Daliegende hielt
in auffallender Weise seine Rocktasche fest, was Berthold
veranlaßte, die Brieftasche daraus zu entnehmen. „Mir haben die
Kerls mein ganzes Gepäck gestohlen", sagte er, im Vollgefühl seines
Rechtes, zu den Umstehenden, die nichts dagegen
einwandten.
In der Brieftasche fanden sich Devisen, welch
guter Anfang! Berthold ging zum Essen in ein besseres Lokal. Die
Dame am Nebentisch zog ihn an und erwies sich als nicht
unzugänglich. Sie schien unabhängig und gut gestellt, sie sprach
von ihrem vornehmen Klub. Auf ihre Frage nach seinen Geschäften
gestand er, er habe gute gemacht. Als es Zeit war, nahm sie ihn mit
in den Klub. Im Auto küßten sie sich. Der junge Mann verlangte
stürmisch nach einem ungestörten Stündchen. Aber sie vertröstete
ihn auf den Klub, wo für alles gesorgt sei. Der Klub machte
wirklich einen ausgezeichneten Eindruck, gleich im Vorzimmer roter
Samt. In den vorderen Zimmern saßen nurWachen, die ganze
Gesellschaft war rückwärts am Spieltisch. Meist Damen, aber nicht
ganz junge. Berthold kam zwischen eine dicke und eine dünne; sie
schoben ihm Geld hin, damit er für sie setze, es werde ihnen Glück
bringen. Es brachte aber nur der Dünnen Glück. Die Dicke
verschwand, um so näher rückte die Dünne.
Sie hatte Narben unter der Schminke, dagegen
kamen die vielen Perlen nicht auf, Berthold erschauerte. Um nur ihr
Flüstern nicht zu hören, denn sie flüsterte von einem Souper in
abgelegenen Räumen, spielte er weiter mit ihrem gewonnenen Geld,
bis alles fort war. Sie erwachte aus ihrem Rausch und forderte
Ersatz. Er denke nicht daran, sagte Berthold, darauf Geschrei.
Alles half der Dame gegen Berthold, mehrere Herren mit riesigen
Fäusten versperrten ihm den Abgang, und als er sie überrannt hatte,
erklärte die Dame, die den Schlüssel hatte, sie werde nicht öffnen.
Es war seine gute Bekannte aus der Gaststätte, auch sie seine
Feindin! Die Enttäuschung machte, daß er, wie ein Kind, alles
hergab, seine ganzen Devisen. Nur fort!
Jetzt ging er selbst Gepäck tragen auf dem
Bahnhof und lief davon mit dem ersten Koffer. An der Ecke stieß er
mit dem zusammen, der ihm seinen eigenen geraubt hatte. Er zeigte
Berthold ein Versteck und bezahlte ihm die Ware.
Tags darauf ging der Neuling im Erwerbsleben
zu Methoden über, die mehr seiner Erziehung entsprachen. Auf kühne
Art erlangte er eine Empfehlung, trat als Lehrling in eine Bank ein
und behielt einfach die Börsenwerte, die er auszutragen hatte,
einige Stunden für sich. Das genügte, um gut zu verdienen. Nach
vier Wochen besaß er ein Auto. „Also doch nur vier Wochen!" dachte
er. Es seiner Schwester zu melden, reichte die Zeit nicht; denn
wieder vier Wochen, und das Auto war gepfändet. Er besaß noch
mehrmals ein Auto im Verlaufe des Jahres. Einmal konnte er
Generaldirektor werden, und einmal wollte er in den Kanal springen.
Im zweiten Jahre verschwand er für sechs Monate aus dem Verkehr.
Durch langes Nachdenken belehrt, baute er nun, anstatt auf eigene
Wagnisse, auf die anderen. Das hielt er für weniger
verantwortlich.
Eine Agentur fiel ihm auf, die übermäßige
Gewinne versprach und oft sogar auszahlte. Er beobachtete sie.
Einen bescheidenen, strebsamen Juden, der dort saß und schrieb, lud
er zum Essen ein und fragte ihn, ob er mit seinem Geld mitgehe bei
den Geschäften der Firma. Mit seinem angeborenen Lächeln des
Zweifels sagte Elias: „Wenn Sie von der Konkurrenz sind, was wollen
Sie wissen und wieviel bieten Sie?"
„Ich habe die Weisung, die Dinge
aufzuklären", sagte Berthold und preßte die Lippen aufeinander -
worauf Elias erblaßte und ihn Herr Polizeirat nannte. Er machte
Berthold mit dem Kassierer bekannt. Ein geängstigter Mensch, die
weiblichen Angestellten verfolgten ihn um Alimente. Sowieso ging
der Bestand seiner Kasse dunkle Wege. Der Direktor, nur mit
Haustelefon erreichbar, beorderte unverweilt für seine Zwecke, was
die Kunden brachten. Sie rissen sich freilich darum, Geld bringen
zu dürfen. Noch dazu überschrieen sie sich am Telefon, der Direktor
war taub.
Im Vorzimmer der Agentur stand eine kleine
Plakatsäule, bedeckt mit den hohen Zahlen glänzender Geschäfte und
den blühenden Gestalten tanzend abgebildeter Varietenummern:
verschiedene, aber gleich begehrenswerte Seiten des Lebens, und
beiden widmete sich die Agentur. Die Geldbringenden saßen und
plauderten geduldig, bis sie drankamen. Hinter einer anderen Tür
ballte sich gewöhnlich ein Haufe von solchen, die nicht brachten,
sondern holten. Diese nahmen das Warten schwerer als jene. Zuletzt
kam immer noch Geld. Berthold war's, der es brachte. Er erstieg die
geheime Treppe zur Direktion, der Direktor selbst nahm das Geld, er
ließ es durch die Wand elektrisch zur Kasse fahren. Er war ein
außerordentlicher Mann, von einer Kraft betörender Persönlichkeit,
die alles was geschah, begreiflich machte. Man traute seinem Stern;
auch Berthold, der doch den neuesten Weg zum Erfolg mit ihm
zusammen, ja fast aus eigener Eingebung beschritt. Berthold war
vertraut und eingeweiht, war führend, hieß er auch nur Reklamechef.
Um Zweifel hintanzuhalten, ließ er sich selten öffentlich blicken.
Elias fand sich dennoch zuweilen an seinem Weg; er begrüßte ihn
noch immer erschrocken wie den geheimen Polizeirat, lächelte aber
schon wieder deutlicher sein angeborenes Lächeln. Die Katastrophe
erfolgte auf die einfachste, vorhergesehenste Weise. Niemand, der
sie je bezweifelt hätte, weder Elias noch der bedrängte Kassierer,
noch die geldbringenden Kunden, noch selbst Miß Ellen, Varietestern
und Freundin des Direktors - obwohl ihre Gagen im Geschäft
arbeiteten. Die Kasse war schlechthin leer, und diesmal blieb sie
es. Große Volksbewegung am Kassenschalter. Dazu schrie der Direktor
am Haustelefon verzweifelt nach Berthold, der nicht kam. „Gebt mir
Berthold! Ihr wollt mir Berthold nicht geben?" Krachen im Telefon,
der geängstigte Kassierer fuhr zurück. Gleichzeitig brach die
Schranke, die die Kasse schützte. Wildes Drängen, und in dem
anschwellenden Lärm überwog der Ruf „Polizei!". Berthold, soeben
eingetroffen, suchte alles auf die Untreue eines Angestellten zu
beschränken; das Unternehmen selbst laufe nicht die entfernteste
Gefahr. Als aber der Kassierer ihm zuflüsterte, im Telefon habe es
gekracht, verstummte Berthold. Schon wälzte Volk sich zügellos ins
Innere; es entdeckte die Geheimtreppe, schon stürmte es die
verschlossene Tür der Direktion. Man quoll ein, trieb vor - aber
das gesprengte Geheimnis sah wohl unerwartet aus. Wer es erblickt
hatte, wich verstummend zurück mit den andern. Zuletzt konnte auch
Berthold einen Blick hinter den Schreibtisch werfen. Der Körper des
Direktors ward von einer Seitenlehne zurückgehalten. Die rechte
Hand hing mit der Waffe herab, es war, als wollte sie den Revolver
dezenterweise unter den Teppich schieben. Der vormals glühende,
jetzt glasige Blick des Direktors blieb ein Stück über den Boden
erhoben bis zur Höhe der Hände derer, die ihm nahten. Noch immer
schien es sein erstes Augenmerk, was sie brächten.
„Jetzt kommt kein Geld mehr", raunte jemand
hinter Berthold. Elias - er raunte: „Sie können nicht mehr damit in
den Spielklub gehn - Herr Polizeirat. Wenn die Leute wüßten! Sie
haben für den Direktor gespielt, das war das ganze
Geheimnis."
Das angeborene Lächeln ward spitz und steif.
Berthold, kalt überlaufen, verschwand vom Fleck weg.
III
In seinem möblierten Zimmer machte er kein
Licht, blieb in der hintersten Ecke sitzen und fuhr auf, wenn der
Wind ging ... Da klopfte es. Hatte es stark, zu stark geklopft? Er
rückte vollends hinter den Schrank. Jetzt trat man auch schon ein,
es ward hell. Von der Hausfrau geleitet, stand seine Schwester da.
„Ach, nur du", sagte er erleichtert. „Du weißt wohl gar nicht? Es
sind zwei Jahre." „Natürlich", sagte er. „Sie sind schnell
vergangen. Willst du einen Augenblick Platz nehmen?" „Du bist
eilig?"
„Ich kann noch Besuch kriegen. Geschäftlich,
wie immer", sagte er überstürzt. „Immer Geschäfte. Du glaubst
nicht, was ich in den zwei Jahren für Geschäfte gemacht habe! Gute.
Sehr gute. Ohne daß darum die geistigen Ansprüche, die wir
stellten, im geringsten gelitten hätten.
Die letzte Zeit hatte ich einen Freund, dem
ich für Weltbild und geistige Voraussetzungen unberechenbar viel
verdanke. Direktor eines großen Unternehmens natürlich. Das sind
wir alle."
Aus Erschöpfung hielt er kurz an, machte dann
aber eine um so stärkere Handbewegung.
„Mit ihm verstand ich mich. Unser neues
Menschentum ist nur dynamisch zu bestimmen. Wir mußten handeln -nun
kurz, wir mußten spielen. Er hat sich erschossen." Blieb stehen und
horchte, die Augen geschlossen. „Heute?" fragte die Schwester. „Oh,
dann komme ich dir ungelegen! Ich würde gehen, wenn ich wüßte
wohin." „So schlecht geht es dir?"
„Das nicht", sagte sie. „Man wartet sogar mit
aller erdenklichen Sehnsucht auf mich." „Alle Wetter, du bist
hübsch geworden." „Aber es ist zu viel geschehen", sagte sie
mutlos. „Mir kannst du alles sagen", beteuerte er kühn. „Errate
doch selbst, es ist so banal." „Max hat dich betrogen." „Mehr fällt
dir nicht ein?" „Darauf du ihn."
„Nein", sagte sie. „Er hat es nicht
abgewartet. Er war im Schauspielerrat, er konnte meine Entlassung
durchsetzen. Obwohl alle mich halten wollten", sagte sie schnell.
„Ich war bei Presse und Publikum unglaublich beliebt." „Das war
das", sagte der Bruder. „Nein", sagte sie wieder. „Es ging weiter.
Er reiste mir ins nächste Engagement nach. Er war demütig,
reuevoll, verliebter als je, ich ward ihn nicht mehr los." „Du
haßtest ihn unbeschreiblich."
„Kann man denn immer hassen und lieben?"
fragte sie. „Ich fing schon an, müde zu werden ... Ich hatte nun
einen Liebhaber, reicher Mann, er heiratete. Mein Gott, ich hätte
ihn deswegen nicht fallengelassen." „So wird man", sagte der
Bruder.
„Was tut aber Max? Er überfällt den Mann auf
seiner Hochzeit! Um mich zu rächen! Skandal, ich fliege aus dem
Engagement."
„Aber das ergibt für dich eine Weltreklame!
Ich war Reklamechef!"
„Sagte ich dir nicht, daß ich müde bin? Meine
Stimme hat auch schon gelitten."
„Ja so" - er führte sie zu seinem Sofa. „Ruhe
aus, ich bin da."
Klopfen. Plötzlich war Berthold nicht mehr
da, er steckte im Alkoven. „Nein!" schrie sie und lief hin. Mit
verzweifelter Dringlichkeit: „Wen erwartest du?" „O niemand von
Belang", sagte er; denn wer eintrat, war die Hausfrau mit dem Tee.
Die Geschwister ließen sie den Tisch decken. Allein geblieben,
setzten sie sich, immer noch schweigend, aßen aber nicht - und auf
einmal weinten sie. Sie weinten gemeinsam, einer an der Schulter
des anderen, feucht schluchzend wie Kinder, und lange, lange.
Erst aus Müdigkeit hörten sie auf. Faßten
sich nun bei den Händen und flüsterten: „Wir schämen uns nicht mehr
voreinander. Früher zu Hause schämten wir uns." „Das ist nun doch
ein Gewinn", sagte der Bruder. Die Schwester fragte:
„Haben wir eigentlich nicht schon das Ganze
als Kinder erlebt?"
„Im Traum", sagte er. „Ob im Garten noch die
Bank steht?"
Die Schwester:
„Auf der Bank lasest du mir das Märchen von
den roten Schuhen vor. Ich fürchtete mich vor ihnen. Und jetzt,
manchmal, wenn ich nicht weiß, wohin es noch kommen soll, denke
ich, daß ich an den Füßen die roten Schuhe habe, die immer weiter
tanzen. Ob man will oder nicht, immer weiter."
NACHWORT
Im mer wieder und durchaus zu Recht wird das
dichterische Werk Heinrich Manns unter dem Gesichtspunkt der
Forderung nach der Identität von Geist und Macht gewürdigt.
Zweifellos findet sich diese charakteristische Einheit von Denken
und Handeln, von Erkennen und Verändern in den hier ausgewählten
sechs Novellen nicht dergestalt wie in seinen Essays oder seinen
Romanen. Betrachtet man aber die vorliegenden Novellen zuerst unter
dem Gesichtspunkt des Verhältnisses von Kunst und Leben, so
eröffnen sie gerade von dieser Seite her Verständnis für das Werk
und die Wirksamkeit des Künstlers Heinrich Mann. Seine Novellen
geben Einblick in Lebenssphären, denen der Dichter seit früher
Jugend nahestand, die er intim kannte, mit kritischem Blick
beobachtete und über die er in immer neuen Variationen geschrieben
hat. Seine Schwester Carla, Schauspielerin und Heinrich Mann „die
nächste aus der Familie", erklärte schon sehr früh einen der
bemerkenswertesten Züge seines literarischen Gestaltungsvermögens
mit dem Satz: „Wer dich liest, sieht Menschen". Wie das für die
Dramen und Romane des Dichters gilt, so erst recht für seine
Novellen, die von der Anlage und ihren aus persönlichen Begegnungen
gewonnenen Eindrücken her knappste Formulierung verlangen und bei
denen jedes Zuviel die Eindeutigkeit der Aussage, das Wesentliche
der Handlung verdecken würde.
Heinrich Mann, der mit 26 Jahren, sehr bald
nach seinem ersten Roman „In einer Familie", zwei Novellenbände
erscheinen ließ (1897 „Das Wunderbare", 1898 „Ein Verbrechen und
andere Geschichten"), hat insgesamt etwa 60 Novellen geschrieben,
die im Laufe der Jahrzehnte immer wieder von namhaften Verlagen
veröffentlicht wurden. Der sehr populären Kunstform der Novelle
blieb er bis etwa 1930 immer zugewandt. Nicht zufällig wird sie um
diese Jahre abgelöst vom literarisch-politischen Essay und dem
großen epischen Werk, dessen streitbare Gedanken unmittelbar den
Gang der geschichtlichen Ereignisse unseres Jahrhunderts
beeinflussen. Alle seine Novellen - die vorliegenden einbezogen -
haben eine Reihe von Gemeinsamkeiten, die sie vom Werk anderer
deutscher Erzähler unterscheiden. Bei Heinrich Mann trägt der
Dialog zu einem großen Teil die Spannung und führt, wie in der
„Branzilla", über weite Strecken die Handlung. Der Dialog offenbart
den Charakter der Personen und die Stimmung der rasch wechselnden
Situation. Immer ist die Sprache knapp, mitunter eigenwillig
verdichtet, auf weitschweifige Beschreibung wird verzichtet. Man
empfindet beim Lesen wie ein Zuschauer im Theater, man sieht
Menschen, die ein dramatisches Wortduell in plastische Nähe rückt,
wie in der „Szene", die, wenn man so will, das Expose zu einem
Bühnenstück oder eine Novelle in drei Akten sein könnte. Heinrich
Manns Novellistik ist so in der bürgerlichen Thematik der Zeit eine
Weiterentwicklung der deutschen Novellentradition. In einem
stenografisch sparsamen, unwahrscheinlich wirkungsvollen
Erzählerstil variiert Heinrich Mann aus unterschiedlicher Sicht das
Thema „Kunst und Leben". Als Dichter besaß er in hohem Maße
„Fühlung für die Erscheinungen", im Kunstbetrieb ebenso wie in der
persönlich-intimen Sphäre des Künstlerlebens. Schriftstellerische
Arbeit bedeutete für ihn Durchdringung des Stoffes bis in seine
Tiefen zum Wesentlichen hin. So ist auch der Satz zu verstehen, den
er in den autobiographischen Aufzeichnungen über „Henri Quatre"
rückschauend schreibt: „Ich habe gesehen und gestaltet, bevor ich
den Sinn der Dinge begriff."
Wo im politischen Essay folgerichtig die
Einheit von Geist und Tat steht, sieht er als „Kenner der
bürgerlichen bunten Welt des eleganten Amüsements" (Viktor Mann)*
die sich dahinter verbergenden Zusammenhänge. Sie sind zunächst für
ihn Widersprüche zwischen Kunst und Leben, die er auch in einigen
seiner Dramen, so der „Schauspielerin" und „Variete", dargestellt
hat. Später tritt dieses Thema innerhalb seines Werkes zurück, es
fließt ein in die große, allgemeinere Problematik des
Zeitalters.
Die Künstlernovellen bei Heinrich Mann,
durchaus kein eigenes oder gar abgegrenztes Genre, sind sehr
temperamentvolle Auseinandersetzungen, immer spannend und amüsant
zu lesen. Für die Novellen kann viel von dem gelten, was er über
seine Auffassung vom Theater sagt: „Verlangt wird Bewegung, die
Leidenschaft soll unmittelbar handeln, sie wickelt sich nicht aus
den Schleiern der Erzählung. Noch der lebendigste Roman spielt in
der Vergangenheit und ist bekleidet mit Worten. Ein Drama kann nie
nackt genug sein."
Das wird ganz deutlich in der „Szene", die
mit großartigem Schwung den Triumph derSchauspielerin über den
heiratenden Liebhaber auskostet. Wie weit Heinrich Mann dabei über
individuelle Bereiche hinaus zu wesentlicher Aussage über Kunst und
Leben kommt, zeigt die im gleichen Jahr wie „Professor Unrat"
entstandene Novelle „Pippo Spano". Wie Professor Unrat ist auch
Pippo Spano eine der typischen Zeiterscheinungen. Beide sind
Stützen der spätbürgerlich-angefaulten Gesellschaft, sehr morsch
und in ihrem Wert genauso zweifelhaft wie die Umgebung, die beide
hervorbringt. Der dumpfe, aus den Fugen gehende Pauker, dessen
geistiger Horizont vom Glorienschein Sedans und den
spitzenbesetzten Höschen der Tingel-Tangel-Lola begrenzt wird,
findet im kümmerlich feigen Modeliteraten Malvolto seine
„künstlerische" Variante.
Mit Sorgfalt und Einfühlungsvermögen sind die
Konturen des Mario Malvolto gezeichnet, der körperliche und
geistige Verfall, die Unfähigkeit, die in kläglicher Feigheit
endet. Es bleibt die Erkenntnis, daß diese Geschöpfe keine großen
und edlen Taten mehr vollbringen, ihr wertloser Charakter vermag
die Zeit nicht zu verändern, denn sie sind unfähig zur Tat. Wie am
„Professor Unrat", so erweist sich auch an der Figur des „Pippo
Spano" — in dessen wirren Worten die Begriffe Nietzsches spuken —,
daß Heinrich Mann die Auseinandersetzung mit geistigen Problemen
auf dem Boden kritischer gesellschaftlicher Beobachtungen vollzieht
und mit scharfer gezielter Ironie nicht spart.
Die hier ausgewählten Novellen umfassen einen
Zeitraum von etwa dreißig Jahren, von 1894 bis 1926. Vergleicht man
„Pippo Spano" mit der Novelle vom Löwen, das „Stelldichein" mit den
„Roten Schuhen", ist leicht zu erkennen, wie der Dichter Handlungen
und Personen seiner Novellen von dem erreichten Punkt seiner
Lebenserfahrung und künstlerischen Reife neu überschaut und
verändert. Im „Löwen"-wir möchten vermuten, daß es eine jener
frühen Geschichten ist, deren Niederschrift dem Dichter ganz
ungetrübte Freude bereiteten - ist der Standort noch das
interessant-lustige Fabulieren aus der Welt des kleinen
Wanderzirkus, wie ihn der junge Heinrich Mann gesehen haben mag,
als er mit dem Vater, dem Lübecker Senator und
Getreidegroßkaufmann, die Dörfer der Umgebung besuchte. Hier ist
noch alles Turbulenz und Sensation: DieTierbändigerin wird vom
Löwen gefressen. Dieses Ereignis, das „gewiß zu den größten
Seltenheiten gehört", ist keineswegs gesellschaftlich akzentuiert,
doch realistisch insofern, als es sich in der Sphäre des wirklichen
Lebens abspielt.
Trotz des schrecklichen Endes hat diese
Erzählung etwas Liebenswürdiges. In freundlich leuchtenden Farben
erscheinen wie in einem Bilderbuch der Großbauer Prahl, der
Sergeant, die große Frieda mit ihrem Löwen und die Bauersfrauen in
ihren „unendlich weiten, eigengemachten Faltenröcken". Wie Heinrich
Mann das Milieu und die Ereignisse um den Löwen exakt beschreibt,
beweist seinen interessiert-nüchternen Blick für die Vorgänge
seiner Umwelt, jenen Blick für die Realitäten, der den Dichter in
der Sphäre des Politischen zu tiefgehenden Erkenntnissen gelangen
ließ.
Ganz anders sind Anlage und Aussage der
„Roten Schuhe* aus dem Jahre 1926, die unsere Auswahl zeitlich
abschließen. Alle Betrachtungen über Kunst und Leben in der
hektischen Atmosphäre der zwanziger Jahre im Nachkriegsdeutschland
fließen nier zusammen. Dieses Thema läßt sich jetzt nicht mehr in
die eigentliche Form der Novelle zwingen; die „Schuhe" sind ein
Fragment, aber ein Fragment mit einer tiefen Wahrheit. Als die
Geschwister nach zwei Jahren wieder zusammenkommen, haben sie
nichts gewonnen außer der Einsicht, daß der bloße Wunsch, Kunst zu
machen und nichts zu sein, nichts zu haben außer einem unerprobten
Talent, scheitern muß. Geblieben ist ihnen nur die ängstliche
Erinnerung an ein Märchen ihrer Kinderzeit von den roten Schuhen,
die mit ihrem Besitzer immer weiter tanzen, immer weiter, „ob man
will oder nicht". Das ist - auf knappstem Raum und in künstlerisch
wahren Bildern - die Aburteilung des bürgerlichen Kunstbetriebes
mit seiner Ausweglosigkeit. Die Verbindung von Kunst und Geschäft
in der kapitalistischen Gesellschaft, ihr Zerfall und Niedergang
bedeuten jedoch keineswegs resignierenden Verzicht Heinrich Manns
auf das Thema „Kunst und Leben", von dem er wußte, daß es im
spätbürgerlichen Lebensmilieu immer dissonant bleiben muß.
Für seine Konzeption vom Weg der Kunst steht
wohl am beredtesten der Satz, den er in späteren Jahren für einen
ihrer Zweige, die Literatur, schrieb: „Die Literatur, ob sie will
oder nicht, ist im Begriff, sozialistisch zu werden. Warum? Weil
außerhalb der sozialistischen Welt keine Literatur mehr bestehen
kann. Die Literatur geht unweigerlich zu den Arbeitern, weil bei
ihnen die Menschlichkeit geachtet, die Kultur verteidigt wird."
Diesen entscheidenden Gedanken, daß die Kunst, die in der
spätbürgerlichen Gesellschaft zerfällt, einen beglückend neuen
Wirkungsbereich finden wird, ist die logische Folgerichtigkeit im
Denken und Wirken Heinrich Manns. Der große Kritiker des
wilhelminisch-imperialistischen Deutschlands legte einen weiten Weg
zurück, ehe er mit dieser klaren Bestimmtheit und optimistischen
Gewißheit dieses Wort aussprach. Aus dem jugendlich unbeschwerten
Dichter, der sich lange Jahre im sonnigen Italien zu Hause fühlte -
die Einflüsse gerade dieses Landes finden sich auch in den
Künstlernovellen -, wurde der tätige politische Schriftsteller, der
der Kunst seiner Zeit und ihren Repräsentanten kritisch
gegenüberstand. Die Auseinandersetzung um die Zwiespältigkeit von
Kunst und Leben führte Heinrich Mann in seinen essayistischen
Schriften wie in seinen Dichtungen. Sowohl in den frühen
Erzählungen als auch in den gereiften, akzentuierten Novellen,
selbst bei der noch im Individualismus beharrenden
Auseinandersetzung mit diesem Thema, wie in der „Branzilla", tritt
das kritische Sichtvermögen Heinrich Manns über das Subjektive
hinaus ins allgemein Gesellschaftliche, ohne daß seine
künstlerischen Gestalten von ihrer Profiliertheit einbüßen, im
Gegenteil, sie gewinnen eher noch dadurch. Sie sind, wie der Bruder
Viktor Mann schreibt, „Geschöpfe voll heißer Leidenschaften, kalten
Verbrechen und bösen Lüsten. Sie liebten glühend, litten höllisch,
verrieten schändlich oder tragisch und haßten tödlich." Mit
unbestechlichem Wahrheitswillen hat sich Heinrich Mann um die
Kunst, ihre Wirksamkeit und ihre Zukunft gesorgt. Einen Teil seines
dichterischen Mühens um die Einheit von Kunst und Leben, das als
Thema in den „Göttinnen" ebenso anklingt wie in „Henri Quatre",
stellen diese sechs Novellen mit ihrer ausgesprochenen
Künstlerthematik dar, die trotz weiten zeitlichen Abstands das
Anliegen des Dichters in hochkultivierter Sprachbeherrschung
zusammenfassen. Sie weisen Heinrich Mann als einen Meister der
Novelle aus, dem es selbst gelang, mit seinem Werk die Einheit von
Kunst und Leben zu erreichen.
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• Viktor Mann .Wir waren fünf", Bildnis der
Familie Mann; Südverlag Konstanz.
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QUELLENNACHWEIS
Die 1894 in Italien entstandene Erzählung
„Der Löwe" erschien zum erstenmal 1895 in der Zeitschrift „Moderne
Kunst", die sich im Besitz des Heinrich-Mann-Archivs bei der
Deutschen Akademie der Künste Berlin befindet. Unsere Fassung
berücksichtigt alle handschriftlichen Änderungen und Ergänzungen,
die nachträglich noch von Heinrich Mann an dem gedruckten
Zeitschriftentext vorgenommen wurden.
„Das Stelldichein" erschien 1898 in dem Band
„Ein Verbrechen und andere Geschichten" im Verlag Robert Baum,
Leipzig. Einige kleine, stilistische Änderungen von der Hand des
Dichters wurden übernommen.
„Pippo Spano", enthalten in „Flöten und
Dolche", Albert Langen Verlag, München 1905, erschien 1953 im
Novellenband I der Ausgewählten Werke in Einzelausgaben beim
Aufbau-Verlag Berlin.
„Die Branzilla" wurde 1908 im Insel-Verlag,
Leipzig, in dem Band „Die Bösen" veröffentlicht. Sie ist nach 1908
noch mehrere Male erschienen und auch im Novellenband I der
Auf-bau-Ausgabe enthalten.
Die 1924 in dem Band „Abrechnungen" beim
Propyläen-Verlag Berlin erschienene „Szene" findet sich ebenfalls
im Band I der Novellen, Aufbau-Verlag, Berlin 1953.
„Die roten Schuhe" entstanden 1926 und sind
bisher noch nicht veröffentlicht. Das vor einiger Zeit erworbene
handschriftliche Manuskript des Dichters befindet sich im
Heinrich-Mann-Archiv der Deutschen Akademie der Künste
Berlin.
Der Abdruck der Novellen geschieht mit
freundlicher Genehmigung des Aufbau-Verlags Berlin. Die bisher
unbekannt gebliebene Novelle „Die roten Schuhe" entstand 1926. Das
handschriftliche Originalmanuskript, im Besitz der Deutschen
Akademie der Künste Berlin, wurde vor einiger Zeit wiederentdeckt
und vom Heinrich-Mann-Archiv der Akademie erworben.
3. Auflage, 19. bis 24. Tausend •
Verlagsrechte bei Henschelverlag Kunst und
Gesellschaft, Berlin 1961 •
Lizenz-Nr. 414.235/79/65 •
Schutzumschlag: Prof. Bert Heller
•
Gesamtherstellung: Sachsendruck Plauen
•
Printed in the German Democratic
Republic
Scanned and konvert by Manny