Das Wunder

Da erkannte er Gemma Cantoggi. „Sie hier? Aber ein Wort, Contessa, hätte genügt", stammelte er. „Ich wäre zu Ihnen geeilt." „Nun bin ich schon da", erwiderte sie. „Aber Sie kompromittieren sich!" „Nein, nein. Wir haben ein Landhaus ganz nahe. Man glaubt, daß ich dort übernachte. Ich verlasse manchmal nachts unser Stadthaus, ich habe solche Launen. Meine Gesellschafterin ist mit mir gefahren, sie ist eingeweiht."
Er sah sie zweifelnd an. Das war die Cantoggi, die den Lanti heiraten sollte, einen Viveur auf dem Abmarsch; eine der sehr schönen Frauen, die eine Zeitlang von allen Männern begehrt, von allen Frauen gehaßt werden; um die ein Knabe Selbstmord begeht; die zwanzig Jahre lang an der Spitze der Mode tänzeln, und wenn sie vorüber sind, Unzähligen Glück versprochen, ein paar Geliebten ihr Versprechen gehalten, und in dem Gedächtnis einiger Alten den Rest eines berauschenden Duftes hinterlassen haben. Was waren sie selbst? Was erlebten sie? Er wußte es: Ihre Wirkung, das Martyrium des Mannes und den Applaus der Menge. Kam diese da als Kollegin, als Komödiantin zum Künstler? Wollte sie Rat holen, wie man nach ganz hohen Erfolgen greift? Er hatte von ihren Worten nichts erfaßt, glaubte keines; er fragte erregt: „Aber, was führt Sie her?"
„Die Liebe zu Ihnen, Mario Malvolto", wiederholte sie, und ihre Stimme zitterte leicht.
„Contessina, Sie sind ein Kind. Wenn Sie mich liebten, warum haben Sie nicht einen Ihrer Freunde beauftragt, mich Ihnen vorzustellen? Ich hätte mich Ihnen zu Füßen gelegt."
„Zu Hause wären wir nicht frei gewesen. Um uns lieben zu dürfen, hätten wir uns heiraten müssen."
„Ah!"
Er empfand eine böse Genugtuung.
„Die Contessina Cantoggi würde mich nicht zum Mann wollen!"
Und sie, ohne zu verstehen:
„Sie würden sich mir versprochen haben, Mario, ohne zu wissen, wer ich bin. Sie würden versichert haben, mich zu lieben, und hätten vielleicht geheuchelt. Wenn ich das merkte, wäre alles aus. Ich will, daß wir uns lieben, ohne daß jemand darum weiß. Sie können sich nicht ausmalen: ich werde von der schönen Cantoggi geliebt, und ganz Florenz weiß es. Hören Sie? Das können Sie nicht."
paar Geliebten ihr Versprechen gehalten, und in dem Gedächtnis einiger Alten den Rest eines berauschenden Duftes hinterlassen haben. Was waren sie selbst? Was erlebten sie? Er wußte es: Ihre Wirkung, das Martyrium des Mannes und den Applaus der Menge. Kam diese da als Kollegin, als Komödiantin zum Künstler? Wollte sie Rat holen, wie man nach ganz hohen Erfolgen greift? Er hatte von ihren Worten nichts erfaßt, glaubte keines; er fragte erregt: „Aber, was führt Sie her?"
„Die Liebe zu Ihnen, Mario Malvolto", wiederholte sie, und ihre Stimme zitterte leicht.
„Contessina, Sie sind ein Kind. Wenn Sie mich liebten, warum haben Sie nicht einen Ihrer Freunde beauftragt, mich Ihnen vorzustellen? Ich hätte mich Ihnen zu Füßen gelegt."
„Zu Hause wären wir nicht frei gewesen. Um uns lieben zu dürfen, hätten wir uns heiraten müssen."
„Ah!"
Er empfand eine böse Genugtuung.
„Die Contessina Cantoggi würde mich nicht zum Mann wollen!"
Und sie, ohne zu verstehen:
„Sie würden sich mir versprochen haben, Mario, ohne zu wissen, wer ich bin. Sie würden versichert haben, mich zu lieben, und hätten vielleicht geheuchelt. Wenn ich das merkte, wäre alles aus. Ich will, daß wir uns lieben, ohne daß jemand darum weiß. Sie können sich nicht ausmalen: ich werde von der schönen Cantoggi geliebt, und ganz Florenz weiß es. Hören Sie? Das können Sie nicht."
Er murmelte:
„Glaubst du, ich sei so niedrig eitel?" „Nein, ich glaub' es nicht! Verzeih! Ich bin eifersüchtig im voraus. Ich möchte dich einschließen hier." Sie trat lebhaft auf ihn zu, in sein Zimmer hinein. „Und ich könnte nicht ertragen, daß wir uns vor Fremden sehen, uns mit Zurückhaltung sprechen müßten. Ich möchte vor dir immer - du, ich liebe dich!" Sie öffnete, über eine letzte Schüchternheit hinwegspringend, rasch die Arme: „Ich möchte vor dir immer nackt sein!" Ihn überkam eine Wallung; er griff nach ihr. „Wenn ich glauben könnte, daß du wirklich da in meinen Armen liegst!"
Den Mund auf ihrem Haar, stöhnte er. Die seltene Frau, die mit unbedachter Leidenschaft ihn reich machen wollte: da war sie, da war das Wunder. Eins der jungen Mädchen, klaräugig hervorspähend aus ihrer Welt, in die kein Weg führte: da war es, da war das Wunder.
„Wenn ich es glauben könnte!"
„Du fühlst mich", sagte sie bebend. „Und daß ich dich liebe, das mußt du doch fühlen."
„Ich fühle", sagte er, mitleidig mehr mit sich als mit ihr.
„Und du willst mich lieben?"
„Ich will. Ob ich will?" rief er schmerzlich. Sie fragte, das Gesicht versteckt an seinem Halse:
„Hast du mich schon einmal schön gefunden? Hättest du mich haben wollen?"
„Immer dich!"
Und er wußte, daß er lüge und dennoch aufrichtig sei. Er hatte alle begehrt, würde immer alle begehren. Aber hielt er nicht alle in dieser? Vielleicht, vielleicht. „Auch ich", sagte sie und sah groß auf. „Immer dich!" „Dann wußtest du, daß du heute abend durch das Loch im Vorhang ein Auge trafst, und wessen Auge?" „Nein."
„Nicht? Hast du mich nicht viele Male in den Logen bemerkt? Und heute auf der Bühne, als gerufen ward?" „Nein. Ich wußte noch immer kaum, wie du aussahst. Als du eintratest, zögerte ich. Es konnte auch ein Fremder, ein Freund von dir sein." Er war sprachlos.
„Wir haben so lange in San Gimignano gewohnt", erklärte sie. „Erst seit Papa tot ist und mein Bruder in Florenz in Garnison steht, wohne ich hier." „Also kommst du, weil ich berühmt bin." „Berühmt? Ich weiß nicht. Vielleicht hat man in meiner Gegenwart einiges dummes Zeug über dich geredet; ich wußte aber nicht, daß du gemeint seiest. Ich hatte deine Bücher gelesen, aber ohne nach deinem Namen zu sehen."
Mario Malvolto dachte: ,Das ist der Ruhm.'
„Es waren Menschen darin,die ich verstand. Ich sagte mir: so hätte ich gehandelt, so würde ich fühlen, wenn „Wenn
„Wenn ich diesen Mann fände. Bei meinem Verlobten, das wußte ich, konnte ich davon nichts erleben." „Ja, Sie sind verlobt."
„Ich war es. Ich habe, bevor ich zu dir kam, ihm abgeschrieben."
44

„Ich fasse das alles nicht."
„Es ist so einfach. Heute abend, in deinem Stück, sah ich dieselben Menschen leben und sterben, die ich aus deinen Büchern kannte. Sie waren heftiger als die Leute, mit denen ich diniere und Korso fahre. Sie lächelten nicht soviel, und ich konnte ihnen glauben - weil sie ja starben!"
„Weil sie starben."
„Zu Hause sah ich nach dem Namen des Verfassers auf den Romanen. Es war deiner, da fuhr ich her." Er war entzückt. Welche vertrauensvolle, entschlossene Leidenschaft! Daß man dem zusehen, ihm nachtasten durfte! Aber er besann sich: sie wollte von ihm mehr. Er hatte plötzlich Angst zu unterdrücken. „Glaubst du denn, daß ich bin wie meine Geschöpfe? Ich habe sie vielleicht geschaffen, weil ich nicht so bin." „Aber du hast sie geschaffen. Du mußt sie doch im Herzen getragen haben... Das ist so einfach, es ist mir heute nacht auf einmal klargeworden. Wenn die Menschen, die wir lieben könnten, in unserer Welt nicht leben, wenn sie nirgends leben - suchen wir sie doch im Herzen dessen, der sie erträumt hat! Warum tun die Frauen das nicht? Es wäre zu töricht gewesen, nicht zu dir zu kommen." „Ich bin nicht so stark..."
Es war ihm, als ringe er mit dieser Siebzehnjährigen, als gelte es seine Selbsterhaltung.
„Ihr Verlobter, Contessina, ist ein Held gegen mich. Er hat mehr künstliche Kraft als wirkliche, ich weiß es, mehr Fechteranspannung und Duschenlebendigkeit als Muskeln und Nerven. Aber wenigstens das Äußere deutet auf einen unternehmenden Kavalier. Sie haben von ihm immerhin vieles zu erwarten."
„Ich weiß so ziemlich, was ich zu erwarten hätte", versetzte sie und schüttelte die Schultern. Sie ließ sich an seinem Tisch nieder, in seinem Arbeitssessel. Sie spielte mit dem Schreibgerät, warf ein Heft mit Notizen zu Boden und stützte den Kopf in die Hand. „Als er mich in San Gimignano besuchte, als ich mit ihm im Garten auf dem bröckeligen Aussichtsturm stand, hoch im Efeu und unter uns das blaue Land — weißt du, wie er mir vorkam? So fremd wie ein Engländer, der das fotografiert. Was ich alles dort gefühlt hatte, was man in sechzehn Jahren alles fühlen kann am Grunde dieser Nester von Efeu und auf diesen durchlöcherten, warmen Mauern, bei den Eidechsen - meinst du, er hätte davon etwas geahnt? Ich würde mich geschämt haben, ihm ein Wort zu verraten ... Dir -"
„Mir?" fragte Mario Malvolto und griff mit schlechtem Gewissen nach dem Geschenk, das sie hinhielt. „Dir sag ich's!" Und sie sprang auf.
„Vielmehr, du weißt es schon. Auch du hast so gefühlt, von dir selbst hab' ich es erfahren!" Er sträubte sich.
„Wir treiben ein verdächtiges Gewerbe, wir Dichter. Wir führen euch Freuden zu, darum sind es aber noch nicht unsere ..
„Du willst den Bescheidenen spielen. Du bist kokett." Und da er eine Bewegung machte: „Oder glaubst du mir nicht?"
Sie streckten gleichzeitig nacheinander die Arme aus.
„Dir nicht glauben!"
Das war unmöglich. Ihr Atem; ihr Blick, die Linien ihres Körpers selbst verkündeten Wahrheit. Die Linien dieses zarten Körpers, dieser Seele aus Fleisch, überfluteten ihn, singend vor Leidenschaft. Er bebte unter ihnen, er wünschte heftig, sie möchten sein Herz umschlingen, es zerbrechen mit all dem Künstlichen darin, es auf immer vergewaltigen und knechten. Nichts mehr fühlen als sie! Welch ein Ziel - und welche Ohnmacht, es zu erreichen!
„Höre", bat er, heiser vor Qual, „du täuschest dich über mich, Gemma. Ich bin nicht so ehrlich wie du. Ich kann es nicht sein."
„Würdest du das sagen, wenn du es nicht wärest?" „Ich bemühe mich in diesem Augenblick, es zu sein. Aber du darfst mich nicht zu schwer versuchen. Glaube, dein Verlobter, er mag kalt sein - er hat immer noch mehr gutes Gefühl als ich. Er ist dir immer noch verwandter." Da ihr Blick ablehnte:
„Er mag in deine Kinderträume nicht zurückblicken können. Sei froh, daß er's nicht kann. Er wird dich um so gutgläubiger lieben, wie du jetzt bist, wenn er nicht das Talent hat, in dich hineinzulügen, was nicht mehr ist oder nie war."
Sie ging wieder von ihm fort, sie setzte sich auf die Ottomane, verschränkte die Arme über dem Kopfpolster und stützte ihre Brust dagegen.
„Nicht nur daher weiß ich über ihn Bescheid", sagte sie langsam und sah erweiterten Blicks in das Mondlicht. „Ich weiß es auch von seiner Geliebten." „Von der Trafetti?" fragte er rasch.
„Ich bin zu ihr gegangen. Wundert dich das? Sie ist eine große Sängerin und eine schöne Frau. Ich habe gedacht, sie hat keinen Grund, mir nicht die Wahrheit zu sagen. Und sie ist die einzige, die sie mir sagen kann ... Nun, er ist schwach, er - vermag wenig. Wie soll ich dir das bezeichnen?"
Er prallte zurück. ,Hält sie denn mich für einen Stier?' Sie deutete seine Bewegung.
„Ich bin kein Kind, ich kann urteilen. Er gebraucht künstliche Reizungen und Hilfsmittel, verlangt von seinen Mätressen Dienstleistungen, die - die mir die Traffetti erst erklären mußte." „Ah! Ah! Sie hat dir's erklärt?"
Er dachte: ,Ein junges Mädchen, das zu einer Dirne geht, um sich über die Leistungsfähigkeit ihres Verlobten zu unterrichten! Nein, das hätte ich nicht erfunden, das erfindet keiner!' Sie sah ihn groß an. „Und die - die brauchst du nicht." Er gab zu, erstaunt: „Nein." Sie belebte sich.
„Siehst du, du hast mir soeben niedrige Begierden zugetraut, ich weiß es, leugne nicht. Du kennst mich noch nicht... Das Schlimmste ist nicht, daß er kein starker Mann ist. Aber er hat keine Liebe. Die Traffetti liebt ihn, sie hat geweint, als sie es mir gestand!" „Aber er hat sich neulich für sie geschlagen", sagte Mal-volto, ehe er's bedacht hatte.
„Ich möchte nicht, daß sich einer so für mich schlüge. Er hat die ganze Zeit kalt und ruhig seinen Platz behauptet, seinen wütenden Gegner in Distanz gehalten — das Auge immer an der Degenspitze des andern - bis er ihn schließlich treffen konnte... Wer eine beleidigte Geliebte rächt, ficht anders! Er liebt nicht, sage ich dir." ,Also nicht', dachte Malvolto und gab es auf, diesen Bräutigam zu retten. Er sah zu, wie das junge Mädchen an ihrem Mieder nestelte. Ein paar Schmuckstücke rollten auf den Teppich. Zwischen den Spitzen schimmerte ein wenig blaugeädertes Fleisch. Sie benahm sich wie ein Kind, das von langer Wanderung nach Hause gefunden hat, müde und glücklich.
„Ich werde nie seine Seele zu fühlen bekommen. Deine hab' ich oft gefühlt. Ich bringe dir meine."
Sie stand auf.
„Und meinen Körper."
Er stürmte hin zu ihr, stürzte auf die Knie, warf Küsse auf ihr Kleid und ihre Hände. Er war auf einmal voll durchwärmt von dem Gefühl dieser Seele, die seit Monaten, an seine denkend, sich aus einem Gefängnis, aus den Schlingen der Fremden frei machte; die tastete, nachtwandelte und durch mondbeschienene Wälder tiefer, leidenschaftlicher Ahnungen den Weg fandzu ihm! Da war sie, da trat sie aus dem weißen Zimmer in einen Mondstrahl! Da stand sie, für ihn erschaffen, unerklärlich ohne ihn. Da lag sie auf seiner Brust, ihn zu erlösen, ihn in das Heiligtum des Lebens zu retten,ihm langen Atem einzublasen,ihn alles vergessende Empfindungen undstarkeGebärdenzu lehren! „Ich liebe dich, Gemma!" Sie lächelte nur, die Hände auf seinem Haar. ,Aber ich glaube ja!' rief er sich zu. ,Das Wunder ist für mich geschehen, ich bin stark genug, es zu glauben, mich von ihm erlösen zu lassen!'
Er sprang auf, legte den Arm um sie... Auf einmal überrann es ihn kalt. ,Jetzt glaubst du, Komödiant. Und morgen früh wird deine Sorge sein, was wohl mit dieser Minute der Gläubigkeit künstlerisch anzufangen ist.' ,Aber ich liebe sie', versicherte er seinen Widersacher. ,Und sie mich. Bin ich denn kein Mensch?' ,Nein, du bist keiner. Du spielst ihn nur. Unterdrücke diesmal deinen Effekt, dies einzige Mal, aus Mitleid mit einem Kinde. Bedenke -'
,0 ich weiß, und ich habe Angst. Dies ist kein Abenteuer, das man hinnimmt und aus dem man entkommt, sobald man es müde ist. Es ist kein Haus mit zwei Eingängen. Es ist ein Felsental, über dessen einzige Pforte Wasser stürzen, wenn man drinnen ist!'
Er löste widerstrebend die Hände von dem jungen Mädchen. Sein Blick, vom Schmerz verwirrt und über die Wände gejagt, traf plötzlich ins Auge von Pippo Spano. Jetzt lächelte Pippo Spano. Sein fürchterliches Lächeln, das niemals nachzuweisen gewesen war, jetzt sagte es mit klaren Worten:
,lst das die Stärke, zu der ich, dein Gewissen, dich zwingen sollte? Ein Weib kommt, es betet dich an. Dein Blut reißt dich zu ihr. Und dein Bedenken von Kranken zuliebe schickst du das heiße Leben fort? Tu's - aber versuche nie wieder, dich aus der Welt der Schwachen wegzustehlen in meine hinein, wo man liebt, raubt und, wenn es sein muß, dafür stirbt!'
Mario Malvolto riß Gemma vom Boden. Alles Blut im Gesicht, gleich einem Krieger, dem sein erbeutetes Weib mit weißer Umarmung den Hals zuschnürt, trug er sie in sein Schlafzimmer.

Der Glaube


Mario Malvolto stand allein auf seiner Terrasse und sah den Tag aufgehen. Gemma war fort, er lauschte auf die letzten Schwingungen des Glücks, das sie in ihm angeschlagen hatte. Gleich würde es ausgeklungen haben. Wenn sie heute abend wiederkam als ganz dieselbe, immer in derselben Glorie von Leidenschaft-wie fand sie ihn! Er wußte es selbst nicht. Zwanzig Stunden konnten ihn wer weiß wohin tragen. Er würde eine Anstrengung machen zu ihr zurück. Sie würde vielleicht gelingen. ,Nein, nein. Wir trennen uns gleich. Ich will sie nicht wiedersehen. Das ist stark gehandelt, denn noch begehre ich sie und werde sie noch oft begehren... Ich will ihr schreiben. Sie wird sehr leiden. Das wird ein rascher Schmerz gewesen sein, rasch wie das Glück war. Ist man nicht daran gestorben, so ist's eben vorbei. Wäre ich jetzt mitleidig und suchte sie zu täuschen - das gäbe lange, lange Ängste, zitternde Wiederbelebung dessen, was doch sterben muß.' Er stieg in den Garten hinab, ging durch die Wege, die Lauben, und schrieb in Gedanken:
,Meine angebetete Gemma! Heute habe ich noch das Recht, Dich so zu nennen. Wenn Du am Abend wiederkämest, wäre es vielleicht schon zur Lüge geworden - zu der ersten von all den Lügen, mit denen ich unsere Liebe fristen würde. Ich will das nicht, dafür waren wir noch soeben zu stark und zu glücklich. Ich will Dir Dein wahres Gefühl mit der Wahrheit vergelten, die ich geben kann. Höre, meine Gemma.
Du liebst mich noch immer, nicht wahr? Du bist überzeugt, Du liebst mich auf immer. Und Du würdest ein Gefühl für nichtig halten, das seinen Tod voraussieht. Das aber, Gemma, tut meines. Oh, ich werde Dich in Jahren noch so heftig zu mir herwünschen wie jetzt in diesem Augenblick! Aber kämest Du in zwei Stunden, vielleicht kämest Du schon zu spät. Vielleicht, Geliebte, bin ich Dir sogar heute nacht, mitten in unsern festen, testen Umarmungen schon untreu geworden. Wer weiß, ob ich nicht an ein Wort gedacht habe, das diese Umarmungen zu malen vermöchte? Die Kunst, Gemma, ist Deine Rivalin, und Du darfst sie nicht leicht nehmen. Manchmal, wenn Du, die Arme geöffnet, in mein Zimmer treten wirst, hält sie mich an ihrer harten Brust.' Mario Malvolto sah zu, wie eine Traube Glyzinen durch seine hohle Hand schlüpfte, und überlegte: ,Harte Brust? Hat die Kunst eine harte Brust?' Er ließ es vorläufig gut sein.
,Du verstehst mich nicht, ich sehe voraus. Du meinst, eine Beschäftigung könne man doch verlassen, wenn eine Frau eintritt. Der Lanti, wenn Du ihn heiratest, würde sein Pferd wegschicken, sobald du wolltest. Ein Börsenmann würde seine Kunden abfertigen. Das Geld ist eine Leidenschaft, die selten standhält vor der Frau. Mit der Kunst, Gemma, steht es anders. Nur sie, der Krieg und die Macht sind widernatürliche Ausschweifungen, die einen Menschen ganz wollen. Aber die Kunst ist von den dreien die verderblichste, sie enthält die beiden anderen. Sie allein höhlt ihr Opfer so aus, daß es unfähig bleibt auf immer zu einem echten Gefühl, zu einer redlichen Hingabe. Bedenke, daß mir die Welt nur Stoff ist, um Sätze daraus zu formen. Alles, was Du siehst und genießt - Deine Mauern von San Gimignano, über die Deine Kinderträume huschten wie Eidechsen: mir wäre nicht an ihrem Genuß gelegen, nur an der Phrase, die ihn spiegelt. Jeder goldene Abend, jeder weinende Freund, alle meine Gefühle und noch der Schmerz darüber, daß sie so verderbt sind - es ist Stoff zu Worten. Du selbst wärest einer. Gemma, das ist unerträglich. Ich werde nicht bei meiner Frau sitzen, sie betrachten und glücklich sein. Ich werde sinnen, wie ich dieses Profil zu kennzeichnen habe, wie und auf welche Art ich es ansehen muß, damit ein überraschendes Bild in mir entsteht und ein merkwürdiges Wort. Wenn ich Dein wunderbares Fleisch - ich gebrauche ein recht dürftiges Wort: wunderbar -, wenn ich es unter meinen Händen spüre, werde ich nach einem kunstvolleren suchen, nach einem, worin Dein Fleisch, und nur Deines, ganz gefangen ist. Oh, ich werde sehr beflissen sein bei Dir, Du wirst mich oftmals fiebern sehen vor Gefühl, vor Drang zu Dir. Glaube nicht, das sei Liebe! Ich habe es nötig, mich in Empfindungen hineinzuschwindeln, damit ich sie darstellen kann. Ich muß in Menschen, in schöne, starke Menschen, wie Du einer bist, eindringen, mit ihnen zittern, mit ihnen schwelgen, mit ihnen verdammt sein und untergehen. Aus mir selbst kann ich den Menschen nicht kennen, denn ich bin keiner; ich bin ein Komödiant. Denke an alle Frauen, denen Du in Gesellschaft begegnest, die Dir zulächeln; denke an jede einzelne und wisse: ich habe Dich schon mit ihr betrogen und werde es wieder tun - mit meiner Seele. Und doch sollte in ihr nichts geschehen als Du! Aber noch Schlimmeres: ich werde Dich mit Dir selbst betrügen, mit einer gefälschten Gemma.
Meine Geschöpfe, die Du liebst, um derentwillen Du zu mir und in meine Arme gestürzt bist, Gemma, sie waren alle einmal wirkliche Menschen. Meinen Wirkungen zuliebe habe ich sie umgelogen. So werd' ich Dich um-lügen. Ich bin schon dabei. Dieser Brief ist schon das erste Stück Kunst, das ich aus Dir mache.' Mario Malvolto hatte Tränen in den Augen. Er litt aufrichtig; aber es war von Vorteil für ihn zu leiden. ,Mein Brief wird gut', sagte er sich.
,Du, Gemma, ein Weib, würdest notwendig Zeiten haben, wo Du launisch, krank und traurig wärest; bei Deinem Geliebten würdest Du Hilfe suchen. Ich würde sie Dir spenden, zweifle nicht. Aus Eigennutz, um dabei zu lernen. Dein Leiden und mein Mitleiden, beides könnte mir zustatten kommen ... Ja, wenn Du stürbest - meine schöne Gemma, ich würde verzweifeln, ganz gewiß. Aber noch bevor Du ausgeatmet hättest, wären aus meiner Verzweiflung und Deinem Tod zwei Rollen geworden. Hasse mich dafür nicht! Ich lebe in schwerer Einsamkeit hinter der erleuchteten Rampe, die mich von jedem unbedachten, nicht ausgenutzten Gefühl trennt. Wie sehr wünschte ich, es wäre anders - und daß das Herzklopfen, das mich beim Rauschen Deines warmen Blutes befällt, nicht ebensogut den Erregungen gälte, die aus einem Tintenfaß steigen.
Könnte ich mich Dir auf einmal und völlig darbringen! Alles abdanken, was ich erworben habe und durch lange Kunst geworden bin; alles vor Deinen Knien niederlegen! Man sollte von mir nur noch hören, daß ich einer Frau zuliebe verschwunden bin. Und das Land, soweit mein Ruhm es überzogen hat, möchte ich wie einen einzigen Lorbeerhain Deinen kleinen Tritten hinbreiten. All meine Sehnsucht drängt nach den Starken, die das könnten, nach den Condottieri des Lebens, die in einer einzigen Stunde ihr ganzes Leben verschlingen und glücklich sterben. Anstatt uns nun trübe zu verlassen, hätten wir heute früh zusammen sterben sollen, o Gemma!'
Mario Malvolto unterbrach sich.
,Und warum nicht heute abend?' rief er in den durchglühten Schatten zwischen zwei Rosenbüschen. ,Warum nicht übermorgen, oder jeden anderen Tag, den wir glücklich waren!
Bemerke einmal, Freund, daß du da eine schlicht bürgerliche Niedertracht begehst! Du möchtest das Mädchen, das du genossen hast, in Bälde los sein, du enthüllst ihr geheime Ärmlichkeiten, die nur dich angehen. Du hast kein Recht dazu. Da du sie einmal aufgenommen hast wie ein Starker, da du sie wie ein Stück Beute in dein Schlafzimmer geschleppt hast - tu deine Schuldigkeit und bleibe stark! Sie ist zu dir gekommen wie zu einem der Künstler von früher, die zwei Frauen gleichzeitig vollauf befriedigten, eine auf der Leinwand ihrer Staffelei und eine auf der ihres Bettes. Im Grunde hast du Angst, diese oder jene könne deiner Gesundheit schlecht bekommen. So stirb an ihr! Das Wunder ist für dich geschehen. Es ist, dieses Wunder namens Frau, aus einer üppigeren und jäheren Welt, der von deiner Sehnsucht entzauberten, hervor und in dein Zimmer getreten. Du hast es begrüßt; nun glaube es! Nun glaube, daß es dich erlöst. Und bist du zu schwach zu glauben, dann stirb doch dafür, ohne deinen Zweifelsmut zu verraten, wie ein Märtyrer, der sich ohne rechte Uberzeugung, aber schweigend ans Kreuz nageln läßt!' Mario Malvolto entschloß sich. Er zerriß in Gedanken den im Kopf geschriebenen Brief. Dann ging er ins Haus und stellte sich, die Arme verschränkt, vor das Bild des PippoSpano. Nein, Pippo Spano lächelte nicht. Vielleicht doch? Aber sein Lächeln war nie so unnachweisbar gewesen.
Gemma zeigte sich ihrem Geliebten am Abend, und am folgenden wieder, und an jedem Abend. Er bedachte, daß der Glaube sich erwerben lasse. Man mußte seine Gebärden nachahmen, in seinen Riten leben, seine diätetischen Vorschriften befolgen; am Ende kam er. Es handelte sich darum, die Kunst, die auf das Gesicht der Liebe eine Maske drückte, zu überwinden, den eigenen Geist herumzureißen wie ein Pferd, seine schöpferische Neugier von der ganzen Welt fort und auf eine Frau zu bannen, mit dem einzigen Ehrgeiz, eine vollkommene Liebe in sich zu erschaffen, gelegentliche Ausschreitungen', sagte er sich, ,sind den günstigen Arbeitsbedingungen des Künstlers weniger gefährlich als die langsame Überschwemmung des Organismus mit geringen Mengen von Alkohol. Ich werde von jetzt an alle Tage Wein trinken.
Ich werde zur Arbeitszeit Besuche machen, und zwar bei den im Geiste Ärmsten.'
,Das war ein Fehler', gestand er einige Tage darauf. ,Denn was dort gesprochen wird, läßt mir Zeit, zwischen zwei Sätzen eine Novelle zu erfinden.'
Aber aus anspruchsvolleren Häusern kehrte er ebenso unbefriedigt zurück.
,Die zwei Wochen Nichtstun haben mich abscheulich wach gemacht. Alles, was man als Künstler in Gesellschaft erlebt: die Beunruhigung des Gewissens durch einen schönen Anblick, die Erbitterung durch eine Un-empfindlichkeit und die Demütigung durch den Erfolg der geistreichen Mittelmäßigkeit; der Hymnus bei jedem freundlichen Frauenblick und die tiefe Traurigkeit darüber, nicht zu gefallen - ich erlebe es heftig. Alles, was die in uns Künstlern wirksamen Instinkte reizt: unsere Rachgier, den Willen, die Natur zu bändigen, der Welt uns aufzuzwingen, unsere Prunksucht und den Drang nach Selbstverherrlichung - alles, was diese Instinkte zu der Ausschweifung reizt, die Kunst heißt, ich merke es unverzüglich und antworte darauf. Bleiben wir zu Hause.'
Er versuchte ein Buch zu lesen, um dessentwillen, was darin stand. Bisher hatte er sie nur geöffnet, um etwas Eigenes aus ihnen zu nehmen. Bei seinem neuen Verfahren übermannte ihn düstere Langeweile. Darauf ging er spazieren.
Er stellte als Gesetz auf, daß die dunstige Linie der Berge am Horizont keinen Namen habe; und den silbernen Augen, die das Olivenfeld aufschlug, wenn die Sonne darüberfuhr, entsprächen keine Worte. Meistens legte er sich inmitten einer Landschaft unter einen Baum und schloß die Lider, wie ein Kranker, dem der langsame Atem der Natur Mut machen soll und den ihr Licht und ihr Durcheinander nicht erschrecken darf. ,Sie wird mich heilen. Ich bin ein Kranker, ich bin besessen von der Kunst.'
Wenn er es einmal wagte, sie anzusehen, deuchte sie ihm sanft und neu. Die gute Welt schenkte sich ihm keusch zurück, wie einem Genesenden. Nie war er ihr so still begegnet und ohne Verlangen wie heute; nie, seit als Knaben ihn die Angst gepackt hatte, mit ihr zu ringen, sie unter das Joch von Worten zu beugen. Jetzt endlich ließ diese Angst ihn los, täglich ein wenig mehr. Die Erde wollte nicht mehr erobert sein; milde winkte ihm jene Ferne, als Freund drückte ihn dieser Grashügel an seine Brust.
Einmal, Mitte Juni, stand er in der Pineta überSettignano, auf einem braunen Wege aus Steinen und Nadeln, und schaute in ein Tal, worauf aus raschen Wolken Lichter schössen. Nun blitzte ein Fluß auf am Rande schwarzer Äcker. Nun schlug an die steile Wand eines Waldes eine jähe, grüne Flamme. Nun brach aus der Schattenmasse von Zypressen weiß lodernd ein Haus. Mario Malvolto genoß das Glück, das alles ansehen zu dürfen, ohne es malen zu müssen.
Auf einmal ward aus dem Licht, das über entlegene Wiesen sprang, eine Herde traf, einen Fels und einen Menschen, auf einmal ward aus dem Licht eine Gestalt. Sie kam näher. Sie war weiß und leicht. Sie huschte zwischen das dürre Geäst drunten am Fuß des Gehölzes, von dem Malvolto herniedersah. Ihm schlug das Herz; er wußte, wer das gewesen war. Jetzt lebte in den Hainen sie, statt der Worte, die so lange darin gehaust hatten! Im Bach spielten ihre Glieder. Blitzend trug jener Vogelflug die Sehnsucht nach ihr in eine geliebte Ferne. ,Die Erde ist voll von ihr! Nichts begegnet mehr meinem Gefühl, worin nicht ihr Atem ginge. Und sie, ich kleide sie nicht in Wortgepränge, nein, in Küsse. Kein Kunstwerk erschafft sie in mir,nurLiebe. Ich liebe sie,ich liebe sie!' Er lief nach Haus; er meinte, er müsse sie dort finden. ,lch bin ein Narr, sie ist kaum weggegangen.' Er lehnte sich dennoch behutsam über die Gartenmauer, sie zu belauschen. Und sie war da. Sie sprang weiß und leicht aus einem Gebüsch, vom fliegenden Licht getroffen, wie er sie noch soeben an fernen Feldrainen erblickt hatte. Sie setzte einem jungen Vogel nach; er flatterte auf einen Ast hinter dem Brunnen. Sie sprang hinauf, sie kreiste, gleitenden Schrittes, ohne zu stocken und ohne ihre Füße anzusehen, auf dem schmalen Rand des tiefen Brunnens. Ihr wehender Ärmel machte die Zweige erzittern. Und das Licht aus den Wolken schien mit ihr zu laufen. Sie war selbst ein fremd gefiedertes Geschöpf voll wilder Schwungkraft, und dieser tiefe Garten lud sie ein in alle seine Verstecke. Sie streckte schon die Hand aus nach dem kleinen Zeisig... Aber Mario Malvolto sah sie in Gefahr und war erschrocken; sie hatte seinen Ruf gehört. Sie schaute sich um, die Hand als Dach über den Augen. Ein unterdrückter Jubelschrei, der Schrei eines aufschießenden Vogels, und sie sprang vom Brunnen. Sie flatterte an der Mauer empor, sie haschte nach seiner Hand, ihre Füße suchten die Lücken zwischen den Steinen, und so gelangte sie hinauf bis zu seinen Küssen. Ihre Körper, auf den Bauch gelagert, schmiegten sich am Rande der breiten, warmen Mauer im Halbrund umeinander, wie zwei Eidechsen, ihre Liebkosungen waren spielerisch und jäh. Gemma biß, stumm und wild, ihren Geliebten in den Hals, und dabei fielen ihre Blicke, vor Leidenschaft düster und haltlos, in den Garten zurück. Sie begehrte dorthin, sie ließ sich hinab und zog ihn hinein in ihr gewalttätiges Reich, zwischen Sträucher voll roter Blüten, die alle bluteten und nickten bei dem Fall der ineinander Verschlungenen.
Mario Malvolto meinte, zum ersten Male eine Frau umarmt zu haben. Zum ersten Male war er, und mit ihm die Welt, von einer Frau ganz aufgezehrt, ganz in eine starke Frauenseele entrückt worden. Und aus diesen Sekunden eines Lebens ohne Schranken kehrte er wie aus Jahren voll Kraft und Verschwendung mit Bitterkeit zurück. Gleichviel - er hatte geliebt. Gemma hatte ihn aus einem Komödianten zum Menschen gemacht. Sie hatte ihn mit ihren lautlos gleitenden Schritten so weit in die Natur zurückgeleitet, daß Ahnungen ihn berührten! Er, der das Leben immer nur als Vorwand benutzt, mit allem, was leiden oder vor Lust beben macht, immer nur Versuche angestellt, an nichts geglaubt und an nichts gehangen hatte; er, der ganz in der Arbeit und ohne ein Vorgefühl im Nebenzimmer gesessen hatte, während seine Mutter starb - Gemma hatte sich ihm aus der Ferne angesagt! Er war sich kaum bewußt, wie er ihr dankte, mit welchen Worten er sich glücklich pries. Er überlegte keins und behielt keins; nur den Namen, den er plötzlich für sie wußte: Santa Venere.
Sie war gekommen, weil sie eine große Freude mitbrachte. Ihr Bruder war dazu kommandiert worden, seine Leute ins Sommerbiwak zu führen. In drei Tagen brach er auf; und vielleicht monatelang würden sie ganz beieinander sein. Gemma bezog jetzt ihre nahe Villa, und allen Besuchen beugte sie vor durch die Nachricht, sie sei immer auf weiten Spazierwegen. Welche neuen Seligkeiten erschlossen sich nun! Durch viele märchenhaft reiche Tage sahen sie auf einmal hindurch, wie durch lange, grüne Lauben mit Sonnengold durchsprenkelt; und bis tief in die schwarz-marmornen Galerien ihrer künftigen Nächte gleißten Wonnen! Als sie gegangen war, kam er sich plötzlich leer vor, aus einem anderen Leben wieder einmal bitter und leer zurückgekehrt. Er wanderte unbestimmt suchend durch seine Zimmer. Dort trieb sich einer ihrer Handschuhe umher und dort zerpflückte Blumen. Ein Werk mit Bildern lag auf zerknickten Blättern im Winkel. Eine der Florentinerinnen von einst trug um den Hals eine riesige Damenkrawatte vom neuesten Geschmack. Malyolto setzte sich den Hut auf, wie im Cafe, in irgendeinem Raum, wo man zufällig eine Stunde hingehen läßt. Er war hier nicht mehr zu Hause, er gehörte zu ihr, zu dem fremden Geschöpf voll gesetzloser Schwungkraft, das herbeiflog, umarmte, aufflatterte. Sie hatte sich verbündet mit Pippo Spano, um diesen kriegerischen Zustand herzustellen zwischen seinen Wänden. Auf der erdbeerfarbenen Stofftapete reckte sich Pippo Spano jetzt noch einmal so entschlossen zum Sprung. Mario Malvolto fühlte sich dieser fortwährenden Kampfbereitschaft nicht gewachsen. Er sandte einen trüben Blick in das verwüstete Schlafgemach, in das Toilettenzimmer, das von Wasser troff. Und nur der kleine weiße Salon, wo sie ihm in jener Mondnacht zuerst erschienen war, lag unberührt. Sie betrat ihn nie, er war ihr zu zerbrechlich und zu sanft. Tina, seine große Tragödin, hatte darin gesessen, wenn sie manchmal, ganz Geist wie ein Freund, tief durch kunstreiche Stimmungen mit ihm geschweift war. ,Ah! Die ließ mir Zeit zum Arbeiten. Was sag' ich, wir liebten uns, um zu arbeiten. War das wirklich so beklagenswert?' Er steckte seufzend den Schlüssel in die Schieblade seines Schreibtisches, die sein begonnenes Manuskript barg. Es war der einzige Fleck im Zimmer, wo Gemmas kleine, willkürliche Hand noch nichts umgewendet hatte. ,Mein Gott, wie lange ist es denn her, daß ich geschrieben habe! Ich weiß nicht mehr, wie ich das da gemacht habe. Keine Seite davon brächte ich mehr fertig, ich habe alles Talent verloren.'
Er nahm den Kopf zwischen die Hände. ,Wenn wir fertig sind, das Mädel und ich - wir müssen doch einmal fertig werden! -, wie viele Monate Hygiene und strenger Langeweile werd' ich dann brauchen, bis ich alles wieder gutgemacht habe. Ob die ahnt, daß sie mich schon jetzt einen halben Roman kostet? Sie ist teuer; aber man glaubt nicht, wie hoch Frauen sich selbst bewerten; was sie alles entgegennehmen, ohne sich zu wundern. Das ist bekannt; nur daß man Augenblicke hat, wo man es neu entdeckt. Ach was. Eine Menge seelischer Nahrung ziehe ich dennoch aus der Geschichte. Ich hatte es vielleicht nötig, einmal wieder etwas Starkes zu erleben; man hat sonst nur noch Kunst, die sich selbst befruchtet. Was mir das Mädel genützt hat, werde ich später erfahren. Später...'
Er warf das Manuskript in die Schieblade, vergaß zum erstenmal den Schlüssel abzuziehen, betrat die Terrasse, atmete tief. Er verlangte schon wieder nach ihr. Tags darauf kam statt ihrer ein Brief. Sre sei beim Umzug, und auch ihr Bruder gebe ihr viel zu tun, bevor er abreise. Drei Tage noch!
Mario Malvolto saß die drei Tage unbeschäftigt, immer zum Aufspringen bereit, in seinem Zimmer. Vielleicht wollte sie ihn überraschen? Jeden Augenblick konnten hinten im Garten die Zweige krachen, die sie zurückbiegen mußte, wenn sie durch das heimliche Pförtchen schlüpfte. Aber sie kam erst zur bestimmten Stunde, und sie lachte schlau. „Wie das Warten dich erregt haben muß!... Und mich!" sagte sie ehrlich und fiel ihm zitternd um den Hals.
In der Zwischenzeit hatte sie einen Einfall gehabt. „Sag einmal, arbeitest du eigentlich?" Er wich aus.
„Nein, das möcht' ich wissen. Wenn ich kam, hast du immer bloß gewartet. Oft warst du über Land gelaufen. Du siehst vorzüglich aus, besser als anfangs. Aber ich habe dich noch niemals am Schreibtisch gesehen. Du meinst doch nicht, ich will dich davon abhalten?" Er begriff. Sie wollte ihn ganz: auch am Schreibtisch. ,Sie fürchtet, ich verstecke mich vor ihr, wenn ich dichte; ich enthalte ein zweites Leben in mir. Wenn sie wüßte, wie sehr sie irrt!'
Sie hatte den Schlüssel in der Schieblade bemerkt, sie stürzte sich darauf, riß das Manuskript heraus. „Da haben wir dich! Also das zeigst du mir gar nicht. So etwas Schönes!"
Es war das erstemal, daß er sie einen Gegenstand mit Achtung berühren sah. Sie legte die Blätter wohlgeordnet auf den Tisch . „Da setze dich hin!"
„Ich soll schreiben? Gemma, was denkst du, ich hab mich drei lange Tage nach dir gesehnt!"
55

„Ich mag dich nicht - wenn du nicht schreibst." Er gehorchte. Er blätterte unklaren Kopfes in dem Fertigen, besann sich mühsam auf den nächsten Satz, den er schon gewußt hatte. Er schrieb ihn hin, dann war's aus.
Wie er aufsah, stand Gemma da, nackt und die Arme halb erhoben.
„Nun schreibe", sagte sie leise und als ob sie drohte. Er saß aufrecht und blaß und biß sich die Lippen. Sie tänzelte; er fühlte sie wie eine große, sehr weiße Blüte, bewegt von heißem Luftzug, um sich herschwanken. „Ich will, daß du von mir Genie bekommst", flüsterte sie.
Sie streifte ihn. Er hatte auf einmal alles Blut im Kopf. Ahnungen unerhörter Schöpfungen schössen in ihm auf, ein wahrer Urwald des Geistes, glühend von Kelchen, strotzend von Saft, heulend von Untieren, und undurchdringlich. Er sah sich hilflos, er bändigte kein Gefühl, schnitt kein Bild heraus, entdeckte kein Wort. ,Das alles wird später kommen. Später..
Er erblickte sie von vorn, auf der Schwelle der besonnten Terrasse. Sie hatte rosige Umrisse, und ihre Formen verschleierte eine durchgoldete Dämmerung. Sie war eine kostbare Muschel; ihr Haar, das sich auflöste, schlug um sie her wie Algen.
Sie war eine zierliche Nymphe, die, kaum erkennbar, so rasch ging es, nur wie ein Lichtstreif vorbeihuschte, einen Augenblick scheu und wild über seine Schulter lugte, und von der gleich darauf nichts übrig war als dieser leise Duft, wie der Rest eines Fabeltraums. „Wenn du nicht schreibst-", sagte sie schließlich.
Er warf Hais über Kopf hin, was ihm einfiel. Sie kam neugierig herbei, setzte sich auf die Armlehne seines Sessels und schaute zu. Er sah die Muskeln ihrer feinen Beine spielen und schrieb immer weiter. Was kam darauf an! ihn schüttelte eine halsbrecherische Genugtuung. Er fühlte sich über ailes hinaus, was ihm einst hoch gedeucht hatte. Die Kunst? Die steile Einsamkeit der Kunst? Sie, zu deren Ernährung man das Leben aussog und arm machte, um derentwillen man den Menschen abdankte und Komödiant ward? Ah, jetzt spielte er Komödie. Aber seine Arbeit, die Arbeit am Schreibtisch, die Kunst selbst war Komödie geworden, und er spielte sie der Liebe vor!
Da umarmte Gemma seinen Kopf und bog ihn zurück, ganz so, als holte sie ein Kind heim, das sich lange genug umhergetrieben hatte. Das alles war nur der Kampf zwischen der Frau und dem Buch gewesen. ,Wie liebe ich sie, weil sie gesiegt hat!'
Sie senkte sich langsam über ihn, zu genußsüchtigen, runden und tiefroten Küssen, die dufteten nach Iris, ihrem heimatlichen Wohlgeruch. Mit geschlossenen Augen meinte er, die großen, blauen Lilien schlügen für immer über ihm zusammen.
Sie mußte nach Hause. Einen Augenblick später erschrak er. ,lch sehe sie in diesem Augenblick so deutlich, als wäre sie gar nicht hinausgegangen. Mein Gehirn und all mein Blut ist voll von ihrem Körper, von ihren biüten-farbenen Armen um meinen Hals, von ihren langen, zart gewölbten Schenkeln, von ihren getanzten Liebkosungen. Ihre Gebärden - ich bin ganz beladen damit! Ich, mein Haus, mein Garten, dieser Hügel: überall hat sie, mag sie auch fern sein, ihre Gebärden hinterlassen, die wie abgerissene Blütenzweige sind, die ich sehe, greife und deren Duft ich einatme! Ich erdichte nichts mehr, ich habe nur noch lebendige Vorstellungen einer schönen Körperlichkeit.'
Als sie wiederkehrte, am Abend, führte er sie an die Schattenseite des Hauses, in die lange Loggia, auf deren Mauern Orpheus, jung und mager, zwischen steilen, kaum knospenden Bäumen schritt und über einem heftig blauen Meer Galathea helle Glieder wiegte. Sanft schob das Olivenfeld seine blassen Laubwolken bis unter die Bogen der Halle.
„Es könnte sein, daß uns Pan zusieht, draußen vom Acker her. Sonst niemand."
„Wir wollen es hoffen", sagte sie leichthin und lächelnd. „Der Bauer arbeitet erst in der Nachtkühle, und sein Feld ist abgeschlossen. In unserem Garten ist kein Fleck, den man von irgendeinem Nachbarhaus sehen könnte. Was mich beunruhigt, sind deine Leute. Wie erklärst du deine lange Abwesenheit?"
„Ich? Gar nicht. Das ist Sache meiner Gesellschafterin. Soll sie doch einen Ort finden, wo ich sein könnte." Und die Leidenschaft dieser Frau, die von keiner Rücksicht wußte und Listen verschmähte, schlug ihm ins Gesicht wie ein Südsturm. Ihm stockte der Atem. Wie sie in der Frühe erwachten, kam gerade die Sonne herauf. Ihre ersten, feinen Strahlen stachen durch das offene Fenster und zerbrachen zwischen den hohen, blaugrünen Vorhängen zu Goldstaub. Gemma hielt ihre flache Hand hin, um ihn aufzufangen. Sie raffte sich aus den Decken, stieg, und das leichte Gewebe des Hemdes schaukelte um ihre raschen Glieder, auf die Fußwand des Bettes und stand von blaugrünem Licht ganz umwogt. Es war das Licht am Grunde sagenhafter Meere. Das Gemach war blaugrün an Wänden, Estrich und Möbeln, und auf Bett, Truhe, Schrank und Spiegel in der schlichten Renaissance von Siena, dazwischen der weite Raum halb öde lag, flimmerten unsicher und rätselhaft die vergoldeten Schnitzereien. Nur in der Ecke beim Fenster, auf dem einzigen Bild kreiste rote Sonne.
„Was ist das?"
Und Gemma hob die Arme in die lichtdurchsickerte Dämmerung, wie ein Meergeschöpf, das aus der Tiefe nach einem Wunder über den Wassern fragt. „Das hab' ich noch nie bemerkt."
„Weil du noch nie bis Sonnenaufgang bei mir warst. Das Bild erscheint einem nur in dieser Morgenstunde." „Ich sehe einen halbrunden Säulengang, und aus seinen zwei Toren speit er Genien mit gespenstigen Flügeln und mit Schlangenschwänzen, kleine Drachen, Ungetüme, die ihre Bäuche aufblähen, und Frauen, große Frauen, die Haare voll reifer, dunkler Früchte, oder die Locken zu Zangen gebogen - Frauen mit langen, schmalen Brüsten wie Tiereuter. Sie tänzeln seltsam, winden Spiele aus Fleisch, nein, aus beglänzten Blüten, in den Farbenwolken ihrer Gewänder, drehen Scheiben aus grüner Luft, und eine Eule glotzt hinein ... Ich möchte so träumen", sagte Gemma. „Und dort, in der Tiefe des Säulenkreises steht ein Lager, da träumt einer!" „Das bin ich, Gemma. Weil ich der einzige bin, der die Köstlichkeiten des Bildes gefühlt hat. Das Original hängt ungekannt irgendwo. Ich bin eitel auf die Bilder, die niemand empfindet; die gehören mir ganz!... In wie vielen Morgenstunden", sagte Malvolto, im Bette aufgestützt, vor sich hin, „in wie vielen, ehemals, habe ich alle meine Träume erscheinen lassen, und alle fand ich in diesem Bilde angekündigt - und gerichtet." Gemma stieß einen Schrei aus. Sie flüchtete in die Arme ihres Geliebten.
„Scheußlich - nein, das ist scheußlich! Eine Maske - eine Maske mit einer großen Nase, und rot, und ganz als ob sie lebte; und dabei ist sie aus Haut: Haut von einem Gesicht!"
Nach einer Weile, noch erschauernd, fragte sie: „Was soll das heißen?"
„Ich hab'esimmerfür eineErklärung derKunst gehalten", erwiderte er. „Diese abgezogene Haut, die mit der Form des verlorenen Körpers prahlt und auf unmögliche Weise sich färbt vom Lauf des Blutes, das längst gestockt hat -mir war es die Kunst. Ich griff hinter dieser Haut, die wie das Leben die Nüstern bläht und mit den Lidern klappt, nach dem Körper, nach dem Leben selbst. Es war nicht da - für mich nicht... Aber jetzt halt' ich es!" Und er zog sie zu sich zurück. Gemma trat noch einmal vor das Bild.
„Sie ist wirklich scheußlich! Aber ich will sie haben. Ich will eine Maske daraus machen lassen und dich damit erschrecken. Du sollst sie mir abzeichnen. Gleich! Komm, hol dir Papier!"
Sie liefen beide in das Arbeitszimmer, stöberten umher in den Schiebladen und stießen schließlich auf das Manuskript.
„Es scheint, es ist nichts anderes da", meinte Gemma zögernd.
Er drückte ihr ein Blatt vor das Gesicht, so fest, daß ihre Nase durchbrach. „Was tust du?"
„Du weißt nicht, was das ist? Das ist die Haut - die Haut, unter der scheinbar das Blut kreist. Da hast du deine Maske!"
Sie hielt das zerfetzte Papier in der Hand. Er entzündete ein wächsernes Zündstäbchen und ließ die Flamme die geschriebenen Zeilen hinanklettern. Als sie Gemmas Fingern nahe kam, nahm er ihr das Blatt weg und trug es zum Kamin.
Er kam zurück und holte noch einen Bogen. Sie war blaß geworden. Sie ahnte, ohne ihn zu begreifen, ihren letzten, alles niedermachenden Sieg.
„Was tust du?" fragte sie nochmals. „Du willst doch nicht dein Werk verbrennen, dein kostbares Werk? Du sollst daran weiterschreiben - später." „Später? Wann?" Sie wußte es nicht.
„Ich will dir sagen, Gemma, für uns gibt es kein Später. Wir lieben uns, und dann kommt der Tod." Sie erzitterte. Sie warf ihm die Arme um den Hals. Das Gesicht auf ihrem sprach er:
„Ich erträume ja nichts mehr. Die Träume dort auf dem Bilde sind alle in die langen nächtlichen Säulengänge verschwunden, die sie früher ausspien. Statt aller Träume hab' ich dich. Du bist ihrer aller Verwirklichung, der Preis aller meiner Sehnsucht. Du hast mich in dein Leben hinübergerissen -"
„Ja!"
Sie küßte ihn und verstand nicht, was er noch dachte: ,- wie in eine mit Dornenhecken umstellte, üppigere und jähere Welt, wo Gewalt geübt wird und trunkene Hingabe; wo namenlose Untergänge ausgekostet werden und unfaßbare Herrlichkeiten; wo man ganz lebt und auf einmal stirbt.'
„Auf einmal stirbt", wiederholte sie, mit erweitertem Blick. Sie hatte nichts gehört als diese Worte, die von seinen Lippen kamen, als die ihrigen sie losließen. „Ja, so kommt es, ich fühle es", sagte sie. Langsam nahm sie ein Blatt des begonnenen Werkes, ließ es aufflammen und legte es auf die Feuerstätte. Sie brachte noch eins herbei und noch eins; das Feuer stieg, sein Widerschein sprenkelte ihr weißes Fleisch und rann in den engen Falten ihres Hemdes. Sie trug, indes ihre kleinen Hände den Scheiterhaufen ordneten, aus Gedanken, Einsicht und Willen, schmerzlichem Ringen nach Größe - sie trug ein zweideutiges Lächeln, süß und grausam.
Mario Malvolto stand neben ihr, die Arme verschränkt. Er sagte sich, voll selbstmörderischen Frohlockens: „Ich glaube."

Die Tat


Er saß in der Dämmerung und erwartete sie. Sie war auf ein Stündchen nach Haus, um mit ihrer Gesellschafterin zu sprechen, die sie in Toilettefragen zur Stadt geschickt hatte. Der Sommer war zu Ende, ein kühler Hauch kam aus dem Garten, die tote Zypresse ragte ohne ihre Schleier von Glyzinen, entblößt und drohend. Malvolto legte sich vornüber, das Gesicht in die Hände, und dachte an Gemma, unbegreiflich beklommen. Plötzlich wußte er, sie sei da. Kein welkes Blatt hatte geraschelt. Sie stand, dunkel und scharf, in dem bleichen Rahmen der geöffneten Terrassentür. Sie kam langsam herbei - er tat einen Atemzug bei jedem ihrer Schritte - und stellte sich zwischen seine Knie, mit herabhängenden Armen, ohne ihn zu berühren. Er sah ihr Gesicht über seinem planen, verhalten schimmernd unter dem Schleier des Abends, eines Abends, der ihn beunruhigte, als sollte er sich nie mehr lichten. Und die beiden Augen über ihm, groß und schwarz, erblindend in Nacht, heiß von verdeckter Glut - er hielt sie für zwei Krater, ihm weit geöffnet. Sie kamen ihm langsam näher, ganz nahe, es ward ein einziger daraus, über dessen Rand er sich beugte, schwindelnd und verlockt zu tiefen Lüsten. Da berührte Gemmas Wange die seine, und Gemma flüsterte: „Lieber, wir müssen sterben."
Er drückte als Antwort nur ein wenig fester seine Wange an ihre. Sie hatte ihm nichts Neues gesagt. Er hatte ihre Worte kommen fühlen, den ganzen Weg von ihrem Hause zu seinem. Nein, noch viel weiter kamen sie her: aus jener ersten Nacht, da sie sich ihm gegeben hatte! Sie hatten beide von jeher gewußt, daß nach ihren Umarmungen nichts mehr übrig sein werde als Sterben. In ihrer Liebe war der Tod von Anfang an mit eingeschlossen. Sie hatten gesagt ,Für immer'; und die längste Zeit des Immer, wußten sie, war Tod.
Sie hatte ihn um die Schulter gefaßt und er sie. Sie fühlten einen krankhaften Zauber sie einwiegen, sie ertränken und auflösen. Rings um sie her lösten die Formen und die Farben sich auf, die ein Tag den Dingen geliehen hatte.
Malvolto arbeitete sich mit Anstrengung empor, an die Oberfläche eines schwarzen Wassers. Er fragte: „Aber weshalb? Was ist geschehen?" Gemma lächelte; sie trat von ihm weg und sagte leichthin:
„Mein Gott, man hat uns fotografiert." „Uns -"
„Ja. Unser Bild geht in der Stadt von Hand zu Hand. Es soll sehr gut gelungen sein. Ich stehe auf der Terrasse, und du liegst vor mir." „Du bist - nackt?"
„Und du, Armer, hast auch nicht viel an." „Unerhört! Das ist unerhört. Da ich mich doch vergewissert habe, daß von keinem Punkt der ganzen Umgebung meine Terrasse zu entdecken ist! Es muß vom Garten aus geschehen sein. Das kann nur Niccolo, mein Diener, gewesen sein - oder es war deine Gesellschafterin. Ich will -"
Und er wollte zur Tür. Gemma faßte seinen Arm. „Sage, geht das uns noch etwas an, wer es getan hat? Ein namenloser Vorübergehender. Wir wollen unsere Augenblicke sparen und uns noch lieben." Er kam zurück, auf einmal beruhigt. „Du hast recht. Wie hast du's erfahren?" „Meine Gesellschafterin hat das Bild gesehen, bei zwei Damen und auch in einem Laden, wo man sie nicht kannte. Man verkauft es unter der Hand, es soll großen Absatz finden. Du begreifst, ich, die Cantoggi, und du, Mario Malvolto ..."

Er hatte eine Regung von Eitelkeit. Gleich darauf, wütend vor Scham darüber und auf sie losstürzend, ihr zu Füßen:

„Und du, Gemma - all deine keuschen Schätze, die nur für mich, für mich geglänzt haben, nun zeigt man sie in den Salons, in den Klubs, hinter den Kulissen umher! Ja, wir müssen sterben, denn wie sollten wir das ertragen!" „Das ertrüge ich schon", sagte sie, immer lächelnd. „Ich habe deinen Ruf getötet! Man beglückwünscht mich jetzt in der Stadt, alle beneiden mich. Das ist zu viel Schmutz."
Er schlug sich die Stirn mit Fäusten. „Wir müssen sterben!"
„Nicht deshalb", sagte sie sanft. „Das alles ist mir gleich. Aber weil man uns trennen würde." „Man würde uns -" Er stand auf.
„Weiß dein Bruder es? Ist er zurück?"
„Er kommt erst nächste Woche. Aber er kann es täglich erfahren."
„Man wird es ihm nicht sagen!"
„Wenn er ein Gatte wäre", sagte Gemma, und ihr Lächeln war kaum zu erkennen. Malvolto senkte die Stirn.
„Allerdings. Einem Bruder wird man es sagen." Plötzlich fuhr er in die Höhe. „Dann schlagen wir uns eben!" Gemma schüttelte nur den Kopf. Er rief:
„Du meinst, er würde mich töten? O bitte. Vor vier Monaten vielleicht. Jetzt bin ich sehr stark mit dem Säbel."
Sie erwiderte:
„Tötest du ihn, sind andere Verwandte da, und sie werden uns trennen. Ich bin erst siebzehn." Und da er schwieg, setzte sie in einfachem Ton hinzu: „Siehst du, dann müßten wir dennoch sterben. Warum wolltest du vorher meinen armen Bruder töten? Sterben wir lieber gleich jetzt."
Malvolto sah hastig umher: nein, es blieb nichts anderes mehr zu tun. Gemma, dieser schmale, verschwimmende Umriß dort vor ihm, mit dem Gesicht, das schimmernd in der Nacht ruhte, mit den Augen, die noch tiefer waren als sie - Gemma war nun zu einer kindlichen Judith geworden, und um einen ihrer blütenhaften Finger schlang sie eine Locke, daran hing ein Kopf: sein Kopf. Aber sie starb mit ihm! Er verleumdete sie - die starke Märtyrerin, die so schlicht und klar auf den Tod zuschritt, indes er, um dessentwillen sie hinging, noch nach Ausflüchten suchte. Er zog sie an seine Brust. „Gemma, du einzige Liebende! Deine Kraft und Ruhe richten mich. Ich bin es, der dich tötet! Hassest du mich denn nicht?"
„Dich hassen?" rief sie, zum erstenmal mit Erregung. „Mir scheint ja, jetzt lieb' ich dich erst! Als ich vorhin in die Tür trat, und du saßest in der Dämmerung: ich stellte mich zwischen deine Knie, wir sahen uns an - ja, wir sahen uns an. Hattest du mich schon einmal so angesehen? Ich dich niemals. Ich hätte nicht geglaubt, ich könnte noch glücklicher werden, als ich war. Jetzt ist etwas da, das noch glücklicher macht .. Wir wollen genießen", flüsterte sie, die Lider geschlossen. Er riß sie vom Boden, mit solcher Wildheit wie in ihrer ersten Nacht. Ja, sie war die große Sinnliche: durch ihre ganze üppige und jähe Welt jagte sie ihn, bis ins letzte Dickicht, wo die tiefsten Lüste gefeiert wurden, die in Blut ertranken! Rasend unter der Peitsche des Todes, trug er sie in das Schlafzimmer.
Als sie zurückkehrten, war der Mond aufgegangen. Sie hielten einander umfaßt, sie lehnten die Schläfen aneinander und gingen müde. Wie sie den grellen Lichtstreifen betraten, der von der Terrasse her breit durch das Zimmer strich, schraken sie auf, als seien sie kalt übergössen, und trennten sich. Gemma ging zur Tür, stützte den Arm an den Pfosten und legte die Stirn dagegen. Sie hörte Mario rastlos über den Teppich wandern. Er sah sich um. Wie dieser Raum sich verändert hatte! Er gehörte schon nicht mehr ihrer Liebe; er sollte sie beide sterben sehen, dieser selbe Raum! Die breite Ottomane bot sich nicht mehr ihren Umarmungen dar; sie glich einem Operationstisch! Gemma wandte sich unversehens um und sagte kurz: „So tue es."
Er blieb stehen, mit unüberlegter Erbitterung: „Ich soll - dich soll ich -?" „Ja, soll denn ich es tun?"
Sie sahen einander gerade in die Augen und sahen es darin aufflammen von Feindseligkeit. In der nächsten Sekunde liefen sie aufeinander zu, sanken sich an die Brust. Einer fühlte des andern Tränen auf der Wange. „Wir, die wir nur noch ein Leben haben!"
„Und müssen einander töten!"
„Unglücklich wie wir ist niemand!"
Sie blieben lange regungslos. Da schluchzte Gemma auf.
„Ich soll dich nie mehr haben - nie mehr." „Ich soll niemals mehr deine Hüften küssen", sagte Mario, „und ihre kleinen Gruben mit den Lippen messen, Nie mehr das Gesicht in dein Haar wühlen, nie mehr deine Knie -"
Er hielt, an sie geklammert, eine schmerzliche Andacht. Er füllte ihre zarte, rote Ohrmuschel noch einmal mit der Last seiner geflüsterten Begierden, klagte sie, Glied für Glied, an, weil sie ihn verriet, weil sie ihm keine Freuden mehr spenden würde.
Sie machte sich schließlich los, ging mit ihrem gleitenden Schritt zur Ottomane, stützte sich darauf und lächelte ihm zu:
„Ich bin bereit."
Er fuhr sich mit der Hand über die Stirn, dann trat er rasch an seinen Schreibtisch. Sie sah weg, sie hörte etwas Metallenes klappern. Er kam auf sie zu, eine Hand im Rücken.
„Dein Mörder kommt", stammelte er. „Er beschleicht dich."
Er brach vor ihr zusammen, die Stirn auf ihren Knien. „Ich kann doch nicht! Du bist stärker, Gemma -" Er reichte ihr die Waffe.
„Du liebst mich nicht, wie ich dich liebe - bis zum Zittern der Hand."
„Ich liebe dich so", sagte sie und hüllte seinen Kopf noch einmal in ihre Arme - „daß es kein Glück mehr für mich gibt, als durch dich zu sterben! Bedenke doch, der Tod erst gibt dich mir ganz. Er macht uns unzertrennlich. Du, küsse mich, während du zustößt." Aber er riß sich los.
„Du sollst leben!" rief er. „Was geht mein Schicksal dich an! Ich, ich bin's zufrieden, und ich danke dir!"
Sie fiel ihm in den Arm, sie war leichenblaß.
„Was hast du tun wollen? Du hast mich allein lassen wollen? Das könntest du?"
Und sie schluchzte bitterlich.
„Deine Weste ist aufgeschnitten, das Hemd auch. Hilf, Himmel, du blutest!"
„Ein Hautriß", murmelte er. „Es wird anders kommen."
„Sei lieb", flüsterte sie, und sie zog ihn zu sich auf das Ruhebett, als verlangte sie eine Umarmung. „Alles Gute hab ich immer nur von dir gehabt, jede schöne Sonne. Weißt du nicht, wovon ich in San Gimi-gnano geträumt habe, als Kind, auf meinen Efeumauern? Von dir, Lieber."
Den Kopf träumerisch im Nacken, mit einem unsicheren Lächeln der Wollust, führte sie den Dolch, dem zaudernd seine Hand folgte, zu sich hin, ihrem Leibe zu, in den er eindringen sollte; und ihre heldenhafteste Gebärde war von der begehrlichen Anmut ihrer unkeuschesten. Da stieß er, die Lider eingedrückt, drauflos -gepackt von Entsetzen, ohne daß er es gewollt, und ehe sie es erwartet hatte. Sie schrie auf. Wie er die Augen öffnete, fand er sich nicht mehr zurecht. Wo war sie? Er suchte ihren Kopf. Der hing über den Rand. Er hob ihn auf das Kissen. Aber ein Stückchen weißes Fleisch rollte ihm gegen den Magen. Was war das? Das Glied eines Fingers. Er hatte ihr einen Finger abgeschnitten. Er sprang auf, gräßlich erschrocken. Das Eisen klapperte zu Boden.
„Was hab' ich getan. Das tat ich? Da liegt diese Frau -sie hat Blut auf den Lippen, was seh' ich auf einmal alles. Sie ist verzerrt, sie wälzt sich. Warum? Mein Gott, ihre Brust klafft!... Gemma!"
Er beugte sich über sie, aufheulend. Sie sah ihm in die Augen, mit getrübtem Blick, der fragte. Er begriff plötzlich. Sie verlangte, er solle nun auch in seine Brust stoßen! Er stand und schwankte, kalt überlaufen. Eine Kluft war jäh aufgerissen zwischen ihr und ihm, die ganze Tiefe zwischen dem Lebenden, dem alles freistand, und einer, der der Tod keine Wahl mehr ließ, gähnte ihn an. ,Was geht das Geschick dieser Sterbenden mich an!' Und er erinnerte sich dumpf, daß er einige Augenblicke früher ihr zugerufen hatte: ,Was geht mein Schicksal dich an!' Und er hatte sie retten wollen, und auf sich selbst gezielt. Da lag nun sie ...
Er bückte sich nach dem Dolch. Die Augen in ihrem zuk-kenden Gesicht folgten ihm.
Nein! Wenn er's auch tat - er starb doch nicht mit ihr. Es war ein zu ungleiches Sterben. Ihr Tod war etwas Einfaches, Leichtes. Sie starb als Kind. Was wußte sie? Woran hatte sie je gezweifelt? Welche Enttäuschungen hatten sie an das Leben schmerzlich festgebunden? Sie war auf der Erde erschienen zum Dienst einer einzigen Leidenschaft. All ihr voriges Leben, ihre kurzen Jahre hatten wie eine kurze, gerade Allee, an deren Ende eine Herme steht, auf ihn zugeführt, auf ihn und auf jene Mondnacht, als sie ihm in die Arme stürzte. Zwischen jener Mondnacht und dieser, in der sie starb, lag alles, was ihr Sinn gab, alles was sie fühlen konnte, lag sie ganz. Wenn sie nun starb, mit ihm starb, hinterließ sie nichts, hatte sie nichts zu bereuen. Aber er - oh, er! Er war in dieser Minute aus einem wilden, zugewachsenen Garten herausgebrochen und sah wieder die weite Welt daliegen. Was gab es zu genießen an Lüsten, Leiden, winkenden Zielen! Welche namenlose Reize schillerten ringsumher auf Frauen, Kämpfen, Worten! Er fühlte sich voll von neuen Seltenheiten. Die Schöpfungen, die wie Urwälder in seinem Geiste aufgeschlossen waren, als Gemma, eine nackte kleine Muse, ihn umspielte, jetzt sollte seine Kunst sie lichten! Sie hatte ihre Sendung vollendet, die prachtvolle Liebende, die dort wollte! Und aus ihrem Tode! Wozu starb sie denn, wenn er nichts mehr aus ihr machen sollte?
Aber ihr Blick, weiß verdreht, war mit dem schmalen Halbkreis der Pupillen immer auf ihm. ,Was denke ich, was tue ich. Ich verliere den Verstand. Kann ich denn untätig zusehen, wie sie sich quält?' Er wandte sich weg, drückte, sinnlos vor Angst, auf die Klingel. Er eilte zur Tür. Die Sterbende rang nach Atem, sie schrie gellend: „Mörder! Du Mörder!"
Er fuhr herum, und weiß wie sie, und die Augen weit wie ihre, begegnete er nochmals ihrem vollen Blick. Draußen gingen Schritte. Der alte Niccolo trat auf die Schwelle, brach in Geschrei aus und lief davon. Die Tür war offengeblieben, im Haus entstand Lärm.
Mario Malvolto starrte noch immer in die Augen seiner Geliebten, die tiefer erloschen. „Mörder", sagten seine fahlen Lippen. „Du hast recht. Ich hab' dich beschlichen, hab' mich in dein Leben eingeschlichen, in das Leben der Starken, habe ganz leben, ohne Vorbehalt lieben und endlich Mensch sein wollen. Auch sterben wollt' ich, wie Starke sterben: auf einmal. Verzeih mir, das war ein Irrtum. Ich habe dich nicht betrogen. Ich glaubte. Erst da es Ernst werden soll, merke ich, es war Komödie, wie alles übrige. Verzeih mir, geliebtes kleines Mädchen. Es ist nicht einfache Feigheit - es ist nur, weil man sich zum Schluß einer Komödie doch nicht wirklich umbringt." Da hob er die Waffe vom Boden. „Und ich tu's doch! Sieh nur, ich tu's!" Er riß sich das Hemd auf, zeigte ihr die Dolchspitze auf seiner Brust.
„Siehst du's? Und erkennst du's an? Ich tu's, weil du zusiehst, nur für dich!"
Aber er bemerkte, daß ihre Augen glasig waren. „Du bist tot? Was ist das? Wir sollten zusammen sterben, und du verläßt mich? In dem Augenblick, wo ich bereit bin, wo ich dir alles, alles opfere, nicht ein einzelnes Leben wie du mir, sondern die hundert unerschaf-fenen, die in mir sind - in dem Augenblick verschwindest du? Bist fort für immer? Ja, dann - was tue ich? Was bleibt mir zu tun? Ich weiß nichts mehr." Er hob die Arme, ließ sie fallen. Seine Blicke, irr umherflatternd, trafen in das Gesicht des Pippo Spano. „Du! Was tätest nun du? Erlebtest du einmal eine solche Niederlage? Du bist der Starke, der mich verführt hat. Du warst mein Gewissen. Du bist schuld! Was soll ich tun?"
66

Pippo Spano lächelte. Sein mondgrelles Lächeln, sein Lächeln aus einem Übermaß grausamer Selbstsicherheit, stürzte in Grauen und fesselte. Es bannte Mario Malvolto. Er befragte es mit all seiner Seele, die Hände faltend, wankend und nach Atem ringend, unter fliegender Hitze und kalten Schweißausbrüchen, zerstört und von Jammer hingerafft - ein steckengebliebener Komödiant.




DIE BRANZI LLA

I

Die junge Sängerin verließ das Klavier und ging der dahinten noch lauschenden Gesellschaft entgegen. Ganz allein ging sie zwischen den Säulen, den Büsten mit pomphaft zurückgeworfenen Perückenköpfen über den weiten, spiegelnden Steinboden. Sie streckte sich sehr gerade, sah senkrecht vor sich hin; und die Arme ausgebreitet, hielt sie zwei blasse Fingerspitzen an ihrem großen, runden Rock, der sich rings um sie her am Estrich zerdrückte, wie sie vor der Prinzessin das Knie bog. Die Prinzessin bot ihr gnädig die Bonbonniere. „Welch einen Engel diese Kleine in der Kehle hat!" Die alten Frauen bewegten befriedigt die Fächer und lächelten ihren alten Galans zu, die sich räusperten und von Erinnerungen anfingen. Die jungen Männer zogen die Köpfe in die hohen Kragen ihrer braunen Röcke, ließen ihre Lorgnons gesenkt und preßten bleich die Lippen aufeinander. Eins der jungen Mädchen, das begehrteste von Rom, stand plötzlich auf - die gestickten Kränze ihres Saumes schaukelten über ihren kleinen Schuhen -und warf die Arme um die Branzilla. „Wie Ihr glücklich sein müßt!" flüsterte sie am Halse der Sängerin. „Alle Liebe gehört Euch. In Eurer Stimme ist alle Liebe der Welt."
Aber sie verwirrte sich unter dem harten und traurigen Blick aus den Augen der anderen. Sie trat zurück; die Branzilla stand wieder aliein: ihr klares Vogelprofil gegen den Haufen gerichtet, den sie bewegt hatte. Hinter ihr seufzte es. Einer ihres Alters, einer in schwarzer Seide, richtete Schwärmeraugen auf sie. „Fräulein AdelaVdel" „Exzellenz, Eure Dienerin."
„Ihr dient niemandem", sagte seine bedeckte Stimme, „auch nicht der Kunst. Die Kunst dient Euch. Sie kniet vor Euch: sie, unser aller Mutter. Und auch ich, dem die Kunst doch alles war, will nur noch vor Euch knien." „Das ist bequem."
Und sie ging an ihren Platz. Erfolgte sanft. „Mein Haus, AdelaVde, erwartet Euch. Die Fenster blicken nach Euch aus, die alten Bilder sind erwacht und sind neugierig auf Euch. Meine Diener gehören Euch und wissen es. Die ersten Lehrer Italiens stehen bereit, Euch zu vollenden. Wann kommt Ihr? Die Hecken im Garten sind höher gewachsen, um vor den Weihelosen Euer Bild zu hüten. Die Mauern umtürmen eifersüchtig Eure einzigen Töne." Sie tat kleine harte Fächerschläge. Mit kalter Unterwürfigkeit:
„Ich stehe zu Diensten, Exzellenz. Meine Tante und ich, wir nehmen Eure Einladung an."
Sie kamen; - und wie die Branzilla zwischen ihren neuen Atlaswänden aus zerrissenen Schachteln ihre Kleiderfetzen nahm, war Dario Rupa es, der sie ihr vom Arm hob.
„Wir sind so arm, Exzellenz, daß wir unsere Wohnung nicht länger bezahlen konnten. Hätten wir Euch sonst belästigt?"
„Ich werde Euch durch dies Haus führen, das Eures ist."
„Habt die Gnade, mich in das Musikzimmer zu führen... Habt die Gnade, mir zu erlauben, daß ich hier bleibe und studiere... Ihr wollt mich schon hinausweisen? Nur mir zuhören? Das wäre Eurer Exzellenz nicht würdig. Ihr müßt Besseres zu tun haben... Nein, ich esse nicht; Eure Exzellenz möge mich entschuldigen. Ein rohes Ei, einen Fenchel, und es ist genug. Keinen Wein. Ich bin Eure Dienerin."
„Niemand sah Euch, AdelaVde, auf dem Korso, unter den Müßigen ohne Schicksal. Wäret Ihr nicht auch heute in geschlossener Karosse draußen bei den großen Ruinen? Allem Großen wißt Ihr Euch nahe; mühelos verkehrt Ihr mit der Größe und wachst an ihr. In den Denkmälern der Alten öffnet sich Euch die geisterhafte Pforte Eurer Kunst. Ihr selbst werdet groß werden." „Ich werde nichts lernen als heulen, wenn ich mit Euch schwatze."
„Verzeiht mir! Ich gehe und lasse Euch Eurer Arbeit, die Euch so reich macht. Wie ich mich meiner ärmlichen Muße schäme!"
„Auch als er Eure Exzellenz erschuf, wird Gott gewußt haben, wozu."
Sie dachte: ,Zu meinem Nutzen.'
,... Da steht sie am Fenster, weiß umflossen. Ich habe im Dunkeln das Knie auf einen Stuhl gesetzt, recke den Hals nach ihrer Welt, atme ein wenig von ihrer Luft. Weiß sie von mir? Sie singt! Fünf Jahre schon höre ich sie singen, so nahe bei mir, und schweige. Schweige ich? Ist nicht ihr Gesang meine Seele, die endlich fliegen lernte und klingen? Ich breite die Arme aus; ich bin frei... Schwärmer! Sie singt: du bist stumm. Nur sie hat die geklärte, gleichmäßige Flamme: deine wälzt sich plump zum Himmel auf und fällt zurück in düsteres Schwelen. Du weißt deine Leidenschaft nicht zu ordnen; du stammelst, machst dich trunken und versagst wieder. Sieh ihre nüchterne Begeisterung, nüchtern wie die Ewigen, Himmlischen! Und vergeh! Nein: leben in ihr! Wenn es sein könnte: sie immer im Schauer des Mondes, ich immer dunkel zu ihren Füßen; und unsere Seelen fliegen auf, meine in ihrer, getragen von ihrer! Sie darf nicht fort, ich kann nicht hier unten allein zurückbleiben! ... AdelaVde!' „Was hat Eure Exzellenz?"
„Verzeiht meinem verwirrten Sinn! Ich sah Euch mit dem Mondlicht das Fenster hinaufschweben, in den blauen Garten, schon fort, schon fort..." „Das Fenster ist geschlossen, Exzellenz. Auch kann ich nicht fliegen."
„Ich bin ein wenig erregt, vielleicht ein wenig in Angst, ich gestehe es, denke ich daran, daß Ihr nur noch einen Monat in diesem Hause weilen werdet." „Allzulange habe ich die Güte Eurer Exzellenz mißbraucht. Es wird Zeit, daß ich meine Schuld abtrage, indem ich durch meine Kunst, wenn es sein kann, den Ruhm Eurer Exzellenz erhöhe."
„AdelaVde! Verstehe mich! Wolle mich verstehen! Ich bin ein eifersüchtiger Narr; ich würde leiden, wenn die andern dich hörten. Ach, nicht das ist's, was hatte ich zu sagen? Ich werde ohne dich ins Elend fallen, AdelaVde; ich werde sterben."
„Ich bitte Eure Exzellenz, sich zu erheben. Vergißt sie denn den großen Abstand zwischen ihr und ihrer Dienerin? Es ist unmöglich, daß Ihr noch länger Eure Arme um meine Knie preßt!"
„Was tun? Welche Worte finden, die bis an dein Herz dringen? Ich liebe dich, du darfst nur mir singen! Ich will es!"
„Eure Exzellenz ist hart und erschreckt mich." „Verzeih! O verzeih! Nimm die Hände von den Augen. Ich könnte es keine Minute länger ertragen, daß du deine Augen gegen mich schützest!... Was hast du vor? Sprich mir mein Urteil!"
„Ich werde nach einem Monat im Teatro Argentino auftreten - Eure Exzellenz hat es versprochen! - und werde, wenn Gott mir hilft, Eurer Exzellenz Ehre machen. Wer weiß, vielleicht bald werde ich Eurer Exzellenz das an mich gewendete Geld zurückzahlen können und Eure nicht mehr ganz so unwürdige Dienerin sein. Befehlt Ihr, daß ich die Arie beende?" Er wankte ins Dunkel zurück.
,Nun singt sie wieder, wie Liebe selbst singt - und sie hätte kein Herz? Dies wäre nur der Schein eines Herzens, seine erdachte Nachahmung? Oder ist, was sie singt, ein Gebet an sie selbst? Die einzige, zu der sie betet? Die sie liebt?... Das also muß man sein, um groß zu sein? Oh, jetzt ist es an mir, meine Augen zu verhüllen..
„Welch ein Lärm? Ich kann nicht mehr singen. Mir scheint es gar, man schießt im Garten... Auf der Straße, glaubst du, Tante Barbara? Aber was hat man vor diesem Hause zu schießen? Weiß man nicht, daß ich heute abend auftreten soll? Daß heute abend alles sich entscheidet? Wer darf da lärmen? Ich begreife nicht, daß Seine Exzellenz es duldet. Wo steckt er? Er, der immer an meinen Röcken hängt. Suche ihn!" „... Was kehrst du allein zurück, läufst und schreist? Und nun schießt man sogar im Hause, daß es hallt? Und Schritte, die durcheinanderrennen, und wilde Stimmen? Sage ihnen, daß ich singen will!... Geh doch! - daß ich singen will!... Aber du versteckst dich wohl? Du bist ganz weiß. Was stammelst du? Ich verstehe nicht, deine Lippen zittern zu sehr... Wie? Sie machen Revolution? Sie verjagen den Heiligen Vater? Aber das ist unmöglich! Sage doch, daß es nicht wahr ist! Du hast Angst, und du liebst den Klatsch, du Alte. Sie schießen: Was wird's sein? Irgendein Mord. Dieser Palast steht in einer Straße voll übel Lebender. Auch begegne ich schon seit Wochen Fremden auf den Treppen. Sie drängen sich an Seine Exzellenz und machen sich Freund mit ihm. Ich habe ihnen mißtraut... Gleichviel: mögen sie hier schießen; drüben beim Theater werden sie's nicht wagen. Dort werden die Soldaten des Heiligen Vaters dafür sorgen, daß ich singen kann ... Zwar, heute früh sind mir zwei Pfeile aus den Haaren gefallen und als Kreuz am Boden gelegen ... Und du? Du bist einer Buckligen begegnet und hast nicht ausgespien? Weil du den Mund voll von Süßem hattest? Und heute abend soll ich singen! Möge jene Bucklige dir die ganze Hölle schicken! Dir: nicht mir! Ich muß singen!"
„...Wie sie schießen, wie sie schreien! Auf dem Flur, vielleicht schon im ersten Vorzimmer! Und wo ist Seine Exzellenz, die mich schützen sollte? Hat er sich versteckt wie du, Alte? Haben sie ihn gemordet? Ist er's, der hier gemordet wird? Aber ich brauche ihn noch! Noch bin ich nicht aufgetreten. Er soll zum Heiligen Vater, ihn bitten, daß er das Theater bewachen lasse. Ich selbst will ihn begleiten, der Heilige Vater wird mich segnen, und ich werde gut singen ... Wo also steckt Seine Exzellenz? Dieser Hund muß hervor, ich will ihn suchen, bis in den Keller. Wie oft hast du denn den Schlüssel umgedreht, Verdammte, die du bist? Und schon schlagen sie gegen die Tür. Ich öffne! Ihr sollt sehen, daß ich öffne. Wo habt ihr Seine Exzellenz? Ah!" Die Branzilla schrak zurück: sie erblickte Dario Rupa in den Armen zweier Sbirren, bleich und mit geschlossenen Lidern, über die Blut rann.
„Was habt ihr da um Gottes willen getan? Dieser war der unschuldigste Mensch, der nichts weiter konnte als im Winkel hocken und meinem Singen zuhören! Nie hat er daran gedacht, unsern Herrn Papst zu verjagen." „Wir werden sehen, mein Liebchen, ob nicht du selbst ein wenig daran gedacht hast!" - und der Hauptmann der Sbirren lächelte sie frech an aus seinen schmutziggelben Falten, mit seinen schleichenden Augen, deren Klugheit einen entsetzte.
„Nicht umsonst ist dies Haus voll Waffen, voll Menschen ..."
Klirren und Kolbenstöße. Junge Leute wurden hereingetrieben. Ihre Kleider waren aufgerissen, in ihre Haare hatten Fäuste gegriffen, ihre feinen Gelenke schnürten Ketten. Sie sahen niemand an. Einer spie dem Polizeisoldaten, der ihn herzerrte, ins Gesicht und bekam einen Säbelstreich über seins.
„Spielt nicht zu eifrig, Kinder", sagte der Hauptmann. „Bald werdet ihr vom Heiligen Vater zu Bett gebracht werden... Und was Euren Liebsten angeht, meine Schöne, so denke ich mir in meiner Einfalt, daß er Euch so viel hat singen lassen, damit man die Flinten nicht klappern höre. Wie, wenn Ihr aus Begeisterung für die Freiheit so laut gesungen hättet?" Die Branzilla entwand sich einem Häscher. „Ihr lügt! Wißt Ihr denn nicht? Heute abend trete ich im Argentino auf. Eure Sachen verstehe ich nicht. Ein paar von jenen da sah ich wohl auf den Treppen schleichen, ich leugne es nicht. Aber mir ist fremd, wozu sie kamen. Exzellenz, erwacht doch! Sagt ihm, daß ich nichts weiß!"
Der Ohnmächtige öffnete die Augen und suchte. „Ihre Stimme war's... Wie! Ihr schämt euch nicht, Schurken, an ihr euch zu vergreifen, an ihr? Erst jetzt seid ihr Schurken!"
„Eure Exzellenz", sagte der Hauptmann, „vergißt, daß Ihr Euch schonen müßt. Ihr verschwendet Eure Kraft und zöget Euch nutzlose Wunden zu, da Ihr Euch der Gewalt der Regierung widersetztet. Ich heiße nicht Rupa und komme von Natur Eurer Exzellenz nicht gleich. Dennoch bin ich nun durch Gottes Fügung und die Macht unseres Herrn Eurer Exzellenz so sehr überlegen, daß ich sie, als einen bei bewaffnetem Aufruhr Ergriffenen, an jeder Straßenecke, die mir beliebt, erschießen lassen kann." Der Hauptmann machte zu seinem schamlosen Lächeln eine demütige Handbewegung.
„Aber Eure Exzellenz wird uns gewiß nicht gleich zum Schlimmsten nötigen, sie wird sich in Güte von uns verhören lassen, gleichwie ihre schöne Freundin. Wie manches Interessante mögen wir durch Euer Wohlwollen erfahren und durch die Gefälligkeit des Fräuleins! Kommt, ich bitte Euch, verweilen wir nicht länger!" Die Sbirren packten zu. Die Branzilla arbeitete sich ab in ihren Armen. Aus den Gefangenen sprach eine zornige, klare Stimme:
„Wir haben sein Haus gebraucht, ohne daß er es wußte. Er glaubte, wir kämen, die Branzilla singen zu hören. Er war blind und taub vor Liebe, wie der Auerhahn. Er ist unschuldig."
„Ich bin unschuldig!" rief die Branzilla. „Könnt Ihr nicht mehr reden, Exzellenz? Immer wäret Ihr zu schönen Worten bereit. Ihr habt mir versprochen, daß ich singen soll; keine Stunde ist's bis dahin; und da laßt Ihr Euch und mich in die Hände dieser Schweine fallen! Ihr laßt zu, daß ich nicht singen soll! Ihr seid feige! Habt Ihr keine Diener mehr, diese davonzujagen? Was wollen sie? Sagt ihnen doch, daß ihr Papst und ihre Freiheit mich nicht schert und daß ich singen muß!" Die Polizisten lachten; ihr Hauptmann feixte verächtlich. Dario Rupa sah ihn an. Die Hand am Hals, in letzter Not und hastend:
„Ich biete Euch alles, was ich besitze, laßt Ihr sie los. Nehmt mich, tötet mich, ich bitte Euch, und laßt sie frei!"
„Was haltet Ihr mich auf! Alles wartet auf mich. Die Zeit ist erfüllt. Alles wartet: Gott selbst wartet!" Sie bekreuzte sich. Die Sbirren lachten roher. Sie begriff nicht und starrte wirr in die unheilvollen Gesichter. Der Geruch machte ihr bange: dieser Geruch von Pulver und schweißigem Leder, der ihr der jäh eingedrungene Geruch des Unglücks schien. Sie haßte diese Menschen, die Lachenden und die Wutbleichen, die Gefesselten wie ihre Häscher: alle. Und jenes machtlose, blutende Gesicht, das sich ihr darbrachte, erbitterte sie wild. ,Geh zum Teufel!' sagte sie ihm mit den Augen. ,Du bist mir zu nichts mehr nutz!' Sie fuhr auf. „Aber hört, ihr alle! Ich werde euch zeigen, wer ich bin. ihr werdet es bereuen, euch an mir vergriffen zu haben. Es gibt Mächtige, die mich heute abend zu hören wünschen. Seine Exzellenz hat einem Herrn Kämmerer von mir gesprochen, und Seine Heiligkeit weiß von mir. Der Kardinal Aldobrandini will ins Theater kommen. Hütet euch, einer Eminenz ihr Vergnügen wegzunehmen. Es könnte euch alle verderben!"
Der Hauptmann winkte den Soldaten, nicht zu lachen. „Es ist wahr" - und seinem Blick hielt ihre Scham nicht stand-, „Ihr könnt noch vielen Vergnügen machen. Es wäre schade um Euer zartes Fleisch, käme es auf die Folter..." Plötzlich befahl er, alle abzuführen. Dario Rupa, den sie stießen, wandte sich nach ihr um; sie sah auf seinen Lippen ein Lebewohl, in seinen Augen einen letzten sehnsüchtigen Zuruf: ,Werde groß!' Und allein stand sie vor dem Hauptmann. „Gesteh mir ein, daß du sein Werkzeug warst, und ich laß dich singen."
„Was soll ich gestehen?"
„Er ist dein Liebhaber, und es ist peinlich, gegen einen Liebhaber auszusagen. Bedenke aber, daß er ohnedies verloren ist. Sein Haus hat Verschwörern gedient. Du schadest ihm kaum, und uns machst du dich beliebt. Anstatt daß ihr beide das Verhör erleidet, werde ich ihn sogleich erschießen lassen. Du aber bist frei... Sprichst du?"
Sie hatte es gewollt, nur war ihr der Ton versiegt; und sie haßte sich selbst, weil sie noch nicht hervorgebracht hatte, was sie frei machen sollte. Der Hauptmann sagte:
„Du bist jung; auch heißt es, du seist eine Künstlerin. Wer weiß, zu welchen Triumphen du bestimmt bist. Der Amati haben sie neulich eine Pforte aus Rosen gebaut. Viele werden dich lieben. Halte dich nicht bei dem einen auf, der verloren ist. Ein Verlorener kann nicht länger dein Liebhaber sein."
Es war sehr schattig geworden im Saal. Von den verschränkten Armen des Hauptmanns fiel sein Mantel in weiten, dunkeln Flügeln. Sie hatte seine Worte im Kopf, ohne daß seine Stimme darin nachklang. Es war, als sei sie reglos, ohne Laut mit sich allein. Da warf sie sich herum.
„Er ist nicht mein Liebhaber. Er wollte mich singen hören. Liebte er mich? Ich liebe ihn nicht. Was geht er mich an?" Sie sprach hinter sich, als habe sie jemand zu beschwichtigen, der dort im Dunkeln versteckt läge: vielleicht ihre Tante Barbara, vielleicht etwas anderes, Namenloses. „Er hat mich aus dem Elend gezogen, sagst du? Andere hatten mich singen gehört und mich dennoch darin gelassen? - Aber, habe ich ihn darum gebeten? Versprach ich ihm Dank? Ich soll singen; Gott gab ihm den Befehl, es mich lehren zu lassen!... Was sagst du? Niemand lebe so mit meiner Stimme, gehöre ihr so?... Aber ich fürchte mich nicht, allein zu bleiben! ... Er will mich groß? Daß er verschwinde, werde mir Unglück bringen? ... Es gibt kein Unglück, fühle ich, das mich nicht nährt. Für mich sind Gott und Teufel nur eins."
Sooft von hinten eine neue Frage kam, schnellte sie herum nach dem Hauptmann, und in seinen Augen, die sie mitten im Schatten deutlich erkannte, war schon die Antwort entschieden. Seine Klugheit gab ihr Grauen und Trost. „Und endlich verlangt er selbst nichts Besseres. Wie könnte ich ihn glücklicher machen, als wenn ich ihn sterben heiße!... Herr Hauptmann, ich will gestehen." Sie mußte hinunterschlucken. Aber hinter ihren zugedrückten Lidern entstand das hell wogende Festhaus; auf tausend Zetteln, tausend Zungen war ihr Name; auf der Bühne warteten ihrer die Abenteuer eines ganzen Himmels; schon gingen Geigen- und Harfenklänge ihrer Stimme voraus, als der Königin; und da sie ausblieb, erhob sich irgendein Wirbeln und Tosen: nach ihr lärmte ein Volk ... Sie riß die Augen auf. „Er war mitverschworen. Ich hörte ihn mit den andern von Mord sprechen. Sie machten Kugeln, indes ich sang..."
Sogleich sprangen beide Türflügel auf. Der Wächter im Vorzimmer trat beiseite. Eine Fackel sprengte große Schatten durcheinander... Die Branzilla wagte sich hinaus; ihre Hände preßten ihr Herz. Sie eilte verzweifelt; ihr schien's, ihr Fuß bleibe stecken, der Hauptmann hinter ihr werde zufassen... Da überschritt sie die letzte Schwelle. Die Treppe war wirr von Lichtern und Menschen. Neugierige quollen herauf, zwischen die Soldaten, die Diener. Sie mußte haltmachen. Der Hauptmann hinter ihr sagte:
„AdelaVde Branzilla, Ihr seid genötigt worden, in diesem Hause zu singen, damit man nicht merke, daß Staatsverbrechen darin geschehen. Gebt Ihr zu, im Dienste des Dario Rupa gestanden zu haben? ... Sprecht laut!" „Ja."
Die Menge sah sich an und wich. Elegante Abbati verbeugten sich vor der Branzilla, sagten ihr, das Theater warte, und geleiteten sie hinab. Vor dem Tor stand, inmitten alles Volkes, ein Wagen. Wie sie den Fuß hineinhob, fuhr sie zusammen. Die Stimme des Hauptmanns hatte sich nochmals geregt.
„Dario Rupa hat sich gegen das Leben und die Regierung seiner Heiligkeit verschworen? Ihr bezeugt es, AdelaVde Branzilla?"
Sie stand inmitten alles Volkes und zitterte. Der Zweifel lähmte sie, wenn sie sich umwende, werde der Hauptmann verschwunden sein; alles werde nicht wahr und sie werde gerettet sein. Sie riß sich empor. „Ich bezeuge es."
Sie saß im Wagen, wild ging es von dannen. Die Gasse war schwarz; entsetzt klapperte das Echo von den Mauern; die Branzilla litt Furcht und Reue ... Aber Lichter kamen, Wagen, Menschen: und sie richtete sich auf. ,Sollte ich denn sterben seinetwegen: sterben, bevor ich gesungen habe? Nicht sein Verdienst ist's, daß ich erwählt bin: es ist Gottes Sache. Seine Wege sind die eines Fremden; er muß sie sich selbst suchen; und sind sie schlimm, kann ich's nicht ändern. Nicht für ihn habe ich mich kasteit die vielen Jahre. Denn ich lebte fern von den Freuden der Welt, hatte keinen Teil an den flüchtigen Lüsten der Menschen und arbeitete in der Zucht des Herrn für die Ewigkeit. Ich bin seine Nonne: nun will er mich in seine Gnade aufnehmen, ich soll seinen Glanz sehen. Der Himmel wartet, und ein Mensch will mich zurückhalten? Ich hasse ihn, mag er sterben! Jetzt weiß ich's, nicht der Hauptmann war der Teufel, der mich versuchte: der andere war's! Ich bin ihm entronnen, ich habe ihn besiegt; nun kommt die Seligkeit!' Sie war gekommen. Die Branzilla sang. In ihr spielte die Kraft, die dem Himmel gleichkommt. Sie erreichte ihn, schwelgte in ihm und in der Herrschaft über alle jene, die tief dort unten verstummt waren ... Aber sie wagten zu atmen? Nicht für immer waren sie unterworfen? Sie murrten; sie riefen ihr einen Namen zu, einen schon vergessenen Namen, der nach Rache verlangte? Ein Dolch flog auf die Bühne und blieb vor ihr in der Diele stekken? Der Vorhang fiel krachend zu? ...Sie stand, die Stirn gegen eine dunkle Kulisse, und betete. Als sie zurückkehrte, war ihre Stimme der Engel, der, vom Himmel entsandt, mit dem Ungeheuer ringt, mit den Sünden der Welt. Sie hielt es unter sich; es rauchte, spie und würgte. Es zuckte erlahmend, seine grausamen Augen sahen verschwimmend auf sie, die sich von neuem erhob und plante in Herrlichkeit. Von fern erlebte sie, wie schon Anbetung die Herzen weitete, in denen Haß kaum erst schmolz.
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„Du siehst recht wohl, daß ich in diesem Kleide nicht auftreten kann. Die Ärmel sind zu lang, und am Rock sitzen die Falten schief. Aber wie sollte es anders sein, da du noch gestern abend dich mit deinem Liebhaber den Leuten zeigtest! Ich sah euch vom Fenster. Ich arbeitete an meiner Rolle, indes du dich vergnügtest."
„Mein Geliebter hat mich verlassen, Signora. Vor Verzweiflung lag ich krank, die Nacht und den ganzen Tag. Die Signora möge verzeihen, wenn ich nicht aufmerksam war."
„Ich verzeihe nichts. Würden sie mir verzeihen, wenn ich schlecht sänge? Niemand würde fragen, ob ich krank war. Ich singe nur die Tullia. Die Lukrezia gehört der Amati, die so viel größer ist als ich, so viel schöner, liebenswerter, kunstreicher. Ich bescheide mich und bin ihre Dienerin. Aber auch die Dienerin will ich ganz sein. Ich übe meine Cavatine Tag und Nacht, ich küsse hundertmal den Saum meiner Herrin, die mein Geist vor sich sieht. Meinst du, ich fürchtete jene, die pfeifen möchten? Arme Unwissende! Mich ängstigt nur der göttliche Wille in mir. Darf ich denn ruhen, solange irgendein Mensch meine Rolle besser machen könnte? Sie müssen sich beugen: nicht vor mir, ich bin nichts; doch vor dem Vollkommenen. Sie widerstreben, ich weiß es wohl, dem Vollkommenen. Es ist stolz, es demütigt sie. Sie fühlen sich wohler bei den Hübschen, die es sich und ihnen leicht machen... Ah! Sturbanotte. Nur herein! Ihr könnt davon reden. Ihr seid ein Buckliger, und Ihr singt herrlich gut.
Seid Ihr schon einmal an einem Theater zum erstenmal aufgetreten, ohne daß sie Euch ausgelacht hätten? Immer mußtet Ihr Euch zuerst vor die Rampe stellen und ihnen versichern, Ihr seiet nicht gekommen, Euch sehen, sondern Euch hören zu lassen. Nun also: das Vollkommene erscheint ihnen immer bucklig. Es stößt sie ab und muß sie überwältigen... Ich spreche nur zu Euch, Sturba-notte - da Ihr mir die Ehre erweist, in meine Garderobe zu kommen, die von Männern leer ist: nur zu Euch. Ihr allein versteht mich. Ihr denkt doch nicht, ich redete zu jenem albernen Mädchen, das aus unglücklicher Liebe krank wird? Sie hätte ein Kleid machen sollen. Ein vollkommen gemachtes Kleid würde ihr dummes kleines Dasein gerechtfertigt haben. Was tut sie? Sie ißt, trinkt, liebelt, sie zerstreut sich, bis sie ganz verschwindet. So machen es alle. Hat Euch schon einer einen Schuh oder einen Bart gefertigt um anderes als das bißchen Geld? Habt Ihr schon einen singen gehört, dem's nicht bloß um den Beifall war? Wie wohlfeil alle sich nehmen! Wie ich alle verachte!"
„Ich verstehe: auch die Amati."
„Das könnt Ihr nicht glauben. Eine so große Künstlerin! Sie ist berühmt, und wie viele lieben sie! Ich bin ihre Dienerin."
„Ihr spielt ihre Dienerin, es ist wahr. Auch genießt sie noch große Anbetung. Nicht mehr lange, sagen die Ärzte. Der arme Ritter Rosaspina! Wie er sie liebt! Aus seinem Blut würde er ihr ein Elixier pressen! Sie schwindet dahin. Ihre Stimme war gestern so schwach, daß im Theater mehrere weinten. Ein Mittel gegen das böse Feuer, das sie verzehrt! Ein Gegengift!"
„Ein Gegengift? Signor Sturbanotte, Euer Grinsen ist entsetzlich. Nie sah ich so sehr, daß Ihr ein Buckliger seid, ein boshafter Buckliger. In Eurer roten Kappe, mit Eurem langen Schwert! Was für einen schrecklichen Schatten Ihr werft! Verlaßt mich! Was ängstigt Ihr mich! Kein guter Mensch wird glauben, eine so liebenswerte Künstlerin könne vergiftet werden."
„Ihr mißversteht mich, Signora. Ich sprach von einem bösen Feuer in ihr. Seht doch ihre Augen an! Ihr Blut verzehrt sich selbst. Es ist ein äußerst trauriger Anblick, wie sie daliegt und Schwäche und Angst erleidet und sich nicht begreift. Ihre Garderobe ist wie ein Sarg, worin die Liebhaber sich mit ihr verschlossen haben. Unterirdisch still ist's darin. Das Lachen derer, die zu lachen wagen, klingt ohne Widerhall und als drückten fünf Fuß Erde darauf. Das Schluchzen des Ritters Rosaspina bricht sich an den Füßen der Amati. Wollt Ihr das nicht sehen? Bliebet Ihr fern, man würde glauben, daß Ihr der Amati nicht wohlwollt..."
„Ich komme. Kein Wort mehr! Denkt Ihr denn, ich wäre nicht längst schon bei ihr, hätte nicht die ungeschickte Schneiderin mich aufgehalten?"
„Oh, Signora! Laßt zu, daß ich Eure Füße umfasse! Ritter, Ihr müßt mir diese Minute gönnen: ich bin die Dienerin Eurer Herrin. Wie wohl Ihr ausseht, Signora! Wie es hier lustig ist! Die Herren ersticken wohl ihr Gelächter in den Taschentüchern, ihr seid wiederhergestellt, nicht wahr, Signora? Ihr werdet es keinen Tag hinausschieben, die Lukrezia zu singen. Eure Tullia bittet Euch." „Ihr selbst, Signora Branzilla, werdet vielleicht die Lukrezia singen. Vielleicht werde ich tot sein."
„Was habt Ihr! Mein Gott!... Sie antwortet nicht. Sie hat sich verfärbt und die Augen geschlossen. Welche Gesichter ringsum! Signora! Kommt zu Euch!" „Ich weiß nicht, was mir geschieht... Ja, Ihr sollt die Lukrezia singen. Eine Stimme verlangt, daß ich sie Euch auftrage, sie Euch hinterlasse, ihr seid größer als ich. Wehrt nicht ab! Ich liebe Euch nicht, verzeiht! Aber Ihr seid größer; und Festeres, Stolzeres werden sie Euch errichten als eine Rosenpforte. Mich sahen sie gern. Mein Gesicht machte sie ein wenig glücklicher. Sie fühlten Wohllaut in meinen Wendungen. Wenn ich lächelte, verziehen sie mir meine Stimme, die so wenig vermochte. Ich hatte nichts gelernt, ich gestehe es Euch. Man ließ mich nie, und mein Herz ließ mich nie. Ihr seht, daß ich noch erröte. Und soll doch bald ganz erblassen. Ritter, näher zu mir!... Ihr aber, Signora Branzilla, seid eine große Künstlerin. Ihr werdet herrschen, wo ich nur Vergnügen machte. Ich lasse Euch die Lukrezia. Hier habt Ihr die Rolle! Morgen sollte ich sie ihnen singen. Singt sie ihnen morgen, damit Eure große Kunst sie rascher mich vergessen macht. Nicht den Ruhm ja liebte ich. Meinen Schatten tröstet das Gedächtnis eines einzigen. Nehmt, Ritter!"
„Wollt Ihr Eure Hand nicht auch mir verstatten? Verzeiht, daß ich sie mit Tränen befeuchte! Ihr macht mir Schmerz und Scham. Ich habe Euch zu sehr bewundert: wie darf ich leiden, daß Ihr Euch vor mir demütigt! Laßt mich Euch bedienen! Wollt Ihr trinken? Ich muß Euch zuerst ins Ohr sagen: schickt von Eurem Lager den Buckligen fort! Er ist voll arger Gedanken und wird Euch Unglück bringen. Legt Eure Lippen an das Glas; das Cordiale ist hineingemischt... Ich durfte nicht zu Euch aufsehen. Ihr wurdet soviel geliebt. Ich selbst fand Euch liebenswert - und ich habe es so schwer zu gefallen. Mit ein wenig Gesang? Ein wenig klingender Luft? Sagt selbst, was das bedeutet, wenn man eckige Glieder und eine ungefällige Miene hat. Nein, Signora, ich bleibe Tullia, Eure Dienerin. Laßt mich immerhin für morgen die Lukrezia erlernen: darum weiß ich doch, daß ich sie, beschämt und erleichtert, Euch, der Genesenen, zurückgeben werde. Aber was ist Euch? Kommt Euch denn schon wieder Ohnmacht an? Helft doch, ihr Herren! Wie? Ihr Herz-? Signora SO Himmel!" „Wir sind allein, Signora, denn die Tote zählt nicht. Für Euch zählen doch keine Toten? Den Ritter haben seine Freunde hinausgebracht. Jetzt seid Ihr Lukrezia - und was immer Ihr wollt."
„Ich will ihr Gewand ordnen. Findet Ihr sie nicht noch schöner als im Leben?"
„Ich weiß nicht. Einen Buckligen kümmert das nicht." „Sie wird doch einmal aufhören zu gefallen? Sie muß doch werden wie die anderen Leichen?" „Habt Ihr Furcht, sie möchte Euch noch mit geschlossenen Augen überstrahlen?"
„Ich fürchte niemand, Signor Sturbanotte. Seht, wie ich ihre Augen auf- und zuklappe! Mit diesen Wimpern wird sie keine Liebe herbeiwinken."
„So furchtlos als geschickt! Wie Ihr zu spielen versteht, noch an einem Sterbebett! Wie trefflich Ihr ein Cordiale mischt! Ihr müßt Übung darin haben." „Was tragt Ihr da im Ärmel, Signor Sturbanotte? Ei, seht: ein rundes flaches Fläschchen miteinerwasserhellen Flüssigkeit darin! Wäre das gar das übel berufene Tofanawasser? Das müßt Ihr häufig angewendet haben, Sturbanotte. Seit Monaten hat sie's bekommen: jetzt begreife ich das seltsame Feuer, an dem sie starb, und das nur Ihr erkanntet! Aber welche furchtbare Rachsucht, buckliger Sturbanotte. Weil sie Euer Liebeswerben abwies! Ihr seid ein schrecklicher Mann, ich werde allen gegen Euch zur Vorsicht raten ... Ach nein, ich scherzte: Ihr braucht nicht zu erbleichen. Das Wasser, sag' ich Euch ins Ohr, trugt nicht Ihr im Ärmel. Ich habe Euch nur zeigen wollen, daß ich noch geschickter bin, als Ihr meintet- und Euch warnen ... Und nun wißt, daß ich niemand zu scheuen habe. Denn ich tat recht. Gott selbst trug es mir auf. Er ließ mich träumen und zeigte mir die Amati in der Hölle und in der Pein. Sie hatte keine Nase mehr, und die Teufel zwickten ihr die Brustwarzen ab. Aber hoch darüber, gleich unter Gottes Thron, auf Wolken stand ich selbst und sang!... Das ist Gerechtigkeit, Sturbanotte. Denn sie schändete die Kunst. Sie gab vor, eine Sängerin zu sein, und war eine Dirne. Mit ihrem Dirnengesicht, ihren Dirnengliedern betäubte sie das Volk, daß es nicht merkte, wie die Kunst verdarb. Die Kunst war in mir, und niemand hörte sie. Gott war verlassen, er schrie nach Rache. Ich folgte ihm und tötete sie und lernte, indes ich sie tötete, seit Monaten ihre Rolle. Wäre ich nicht Gott gefolgt, noch immer würde das Volk nur das Fleisch lieben. Jetzt hab' ich es erlöst. Jetzt kann ich ganz die Flügel ausbreiten, und zwischen Himmel und Erde hindert nichts mehr meinen schönen Flug. Sie werden sehen, daß ich schöner bin als die Amati. Sie werden mich nicht lieben, weil ich süß bin, mich zerflattern lasse und Mitleid verdiene. Sie werden mich lieben, weil ich stark bin, mit Leidenschaft bei mir bin und ihnen Reue über ihre verlorenen Leben mache!... Was murmelt Ihr, Sturba-notte?"
„Das ich alt bin und obendrein bucklig. Sonst bliebe ich keine Nacht mehr in Rom."
„Auch Ihr versteht mich nicht, Sturbanotte."

IV

„Sind die Leute schon fort?" fragte die Branzilla. „Laßt uns sehen! Zieht doch den Vorhang auf, ihr Kleinen! Wenn auch nur drei Personen im Saal geblieben sind, werde ich noch etwas singen: ihr sollt staunen. Nie war ich so in Stimmung: in Paris nicht, in London nicht." „Zuviel Ehre, Signora! Ihr habt uns sehr glücklich gemacht. Mindestens acht Tage lang werden wir alle zu essen haben."
„Kein Mensch mehr da? Nun, gleichviel, ich bin zufrieden. Es war ein guter Gedanke, daß ich die Postpferde abbestellte und in eure Schmiere zu Gast kam." „Ein sehrguterGedanke!" - unddiearmen Komödianten umdrängten sie gebückt. Die alte Königin wischte mit ihrem Purpur den einzigen Stuhl ab. „Er war ein Baumstumpf", sagte die Branzilla. „Das grüne Tuch dort hinten will sagen, daß wir in einem Walde sind. Warum nicht? Die Leute haben es uns geglaubt. Welch gierige Gesichter aus den zerbrochenen Bänken zu uns herauf atmeten und funkelten! Ach, ihr Geruch ist noch da: Knoblauch und Rauch, der Geruch der Armen. Lange schmeckte ich ihn nicht mehr... Auch ich war arm. Auch ich saß, ganz jung, auf den Bänken wackliger Vorstadttheater und starrte durch den Tabakrauch auf den Götterglanz hier oben: euren Götterglanz, liebe Freunde! Es war schön ... Vielleicht saß auch heute abend solch ein junges Mädchen drunter? Eins, das einmal groß sein wird? Oh, sehr reizend sind, die noch alles vor sich haben. Und sehr schrecklich!" Die Branzilla sprang auf. In ihrem Samt und ihren Spitzen fuhr sie hin und her vor der elenden Schar. Plötzlich entschloß sie sich.
„Euer Tenor - wie nennt ihr ihn? - ist nicht übel. Ich möchte sagen, daß er etwas taugt. Ich kann sogar zugeben, daß er große Mittel hat. Was wollt ihr noch mehr von mir? Soll ich gestehen, ich erkennte ihn an? Schließlich hat er ein wenig Übung: und wer weiß von ihm, wo gilt er? Gleichviel: ich habe ihn gehört und werde ihn nicht verleugnen. Sagt, wo steckt er? Er ist der einzige von euch, der davonläuft, wenn euch die Branzilla beehrt. übrigens hat er auch vom Beifall vorhin zuviel für sich genommen... Nun, sagt ihm, daß ich ihm Glück wünsche, und lebt wohl!" Aber in den Kulissen machte sie kehrt. „Ja, was tun: Die Nacht ist noch lang. Du bist ein hübsches Kind. Erstaunlich viele Kinder habt ihr hier; aber du bist das hübscheste. Soll ich dir etwas schenken? Willst du den Ring? Es heißt, die Branzilla sei geizig. Nicht immer ist sie's. Verlier ihn nicht! Deine Mutter bekommt hundertundsechzig Taler dafür. Wer ist deine Mutter?"
Mehrere grelle Frauenstimmen antworteten: „Sie liegt schon wiederim Kindbett. Diesmal hatsieesvon Uiisse."
„Wer, Ulisse?" „Cavazzaro, der Tenor."
„Ach du -" und die Branzilla stieß das Kind von sich. „Gib den Ring wieder her! Deine Mutter hat es mit jenem Ulisse gehalten. Welche Schamlose!" Sie wandte sich ab, tief errötet.
„Nichts begreife ich so wenig wie solche Frauen ... Und er! Er ist bei ihr! Rasch, sagt mir, ob er nicht bei ihr ist. Was denn? Bei einem Liebchen in der Stadt soll er sein? Er soll viele Frauen haben, überall, und Kinder zu Haufen? Seid ihr verrückt? Er ist ein Künstler, ja, ihr sollt die Wahrheit wissen: ein großer Künstler. Wie könnte er sich also vergessen? Sich zu euch herablassen, ihr Weiber? Ihr verleumdet ihn! Ich kenne euch. Du lange Blonde, du bist eifersüchtig, du hast ihn vergebens begehrt. Nimm diesen Backenstreich! Und geht! Geht alle zum Teufel!"
In der staubigen Garderobe schrie sie ihre Kammerfrau an, stieß sie hinaus, schleuderte einen silbernen Schminknapf zu Boden und untersuchte, ernüchtert, ob er beschädigt sei. Es klopfte; sie schlich zur Tür. „Ach, Ihr! Geht nur wieder fort! Ich mag keine Taugenichtse."
„Ihr habt von mir gesprochen, Signora, Ihr wünschtet mich zu sehen."
Er nahm, um zu reden, einen Nelkenstengel aus den Zähnen und lächelte, schmeichlerisch und lässig. Die Branzilla senkte die Lider und gab die Schwelle frei. „Ihr seid ein Künstler, ich leugne es nicht. Aber glaubt mir: ein Leben wie das Eure führt kein der Größe Bestimmter. Haltet Ihr mich für eine große Sängerin?"
„Ihr seid die einzige. Wer Euch hört, vergißt, daß es vor Euch eine Kunst des Gesanges gab. Ich liege zu Euren Füßen, Signora." „Laßt die Redensarten!"
Aber ihrer bösen Miene entrang sich ein ungeschicktes Lächeln. Er sah sie an; er schob, und wendete sich dabei halb in den Hüften, die Nelke wieder in den Mund.
„Wann seid Ihr zuerst aufgetreten? Siebenundvierzig? Das ist mein Jahr! Ihr habt mein Jahr und seid der einzige, der mir je -. Ihr erschreckt mich! Bringt Ihr mir Glück oder Unglück?... Aber vergeßt nicht, daß Ihr noch nichts seid, noch gar nichts. Was schaden mir Eure Gaben, solange Ihr an armseligen Orten ein unordentliches Leben führt! Ihr habt wenig gelernt, und Ihr wagt, an Größe zu denken? Wollt Ihr meinen Rat? Geht in ein Kloster! Schließt Euch ein, acht Jahre lang, und lernt singen! Dann werden wir sehen, dann werden wir uns wieder sprechen. Vorher hofft nichts! Geht!" Er prüfte sie aus den Winkeln und drehte sich zögernd von dannen. Sie atmete stockend. Plötzlich, auffahrend:
„Nein! Nein! Ich darf nicht, darf Euch nicht untergehen lassen. Ihr seid der einzige, der mir je gleichkam. Und wie geschieht es, daß ich Euch auffand: ich, die Bran-zilla, die nur an der Scala, an San Carlo, am Argentino singt und eines Abends sich herbeiläßt, auf Euer Gerüst zu steigen? Als man mir im Gasthaus sagte, in diesem schwarzen Loch werden Opern gesungen: wie doch kam mir die Lust, allen Glanz meiner Kunst zwischen euch zu tragen, unberechenbar gnädig, wie Gott? War's nicht vielleicht Gott, der durch mich handelte? Seine Hand nach Euch ausstreckte, Cavazzaro? Es wäre besser, er hätte mich Euch nicht kennen lassen. Da ich aber nun weiß, daß Ihr lebt, darf ich Euch nicht verleugnen. Kommt mit mir! Ich will Euch groß machen." „Signora! Eure Hand!"
„Berührt mich nicht!... Ach, laßt, ich will Euch trotzdem wohl. Warum nennen wir uns nicht du, wie alle Komödianten? Sage also: kannst du Strenge üben gegen dich und dich frei machen? Von allem, was nicht du selbst bist? Niemand mehr lieben? Keine Frauen; denn sie schaden dir. Hörst du: keine Frauen mehr!" „Auch du bist eine Frau."
„Euer Du ist schamlos. Vergeßt nicht, wer ich bin!" Sie warf sich zurück, sie sah ihm mit Tränen des Zornes in die Augen. Er fragte weich:
„Habt Ihr nie geliebt, Signora Branzilla? Wie könntet Ihr sonst singen?"
„Ich habe alle Leidenschaften, und ich mache Kunst daraus. Nichts bleibt übrig, für euch alle nichts. Wer von euch wäre das Herz der Branzilla wert? Nur Gott verdient es."
„Ich, Signora, denke, indes ich singe, an schöne Frauen: an solche, die ich hatte, und an solche, die ich haben werde. Manchmal denke ich nur an die Kneipe." „Es ist wahr, Ihr riecht nach Wein." Er sah sie abgestoßen. Seine Augen baten, unschuldig und schmelzend. Zwei zaghafte Schritte: und er ließ sich sanft vor ihr auf ein Knie.
„Ich spreche zu Euch, Signora, wie ein Kind: wie ein Bettelkind, das Ihr in Euren Palast aufnehmen wollt und das Euch noch von seinen Lumpen und seiner schlechten Kost erzählt. Verzeiht! Ihr wißt gleichwohl, daß ich künftig nur Euch zu Ehren singen werde. Wie wäre ich würdig, die Kunst zu üben, wenn ich, Eure Töne noch im Ohr, an andere Frauen zu denken vermöchte!" „Hört, Cavazzaro! Ich rede im Ernst. Ich werde Euch neben mich stellen, weil ich muß: weil Ihr schon neben mir steht. Ihr sollt groß werden, Ruhm und Reichtum sollen Euch zufallen."
Er setzte auch das andere Knie auf den Boden. „Ich werde mit Euch zusammen singen? Ich begehre nichts weiter, Signora. Ich liebe Euch." Sie entriß ihm hastig, daß es zerriß, ihr Kleid. „Belügt mich nicht! Ich bin nicht liebenswert. Die Masse der Schwachen, Schicksallosen liebte mich oft. Was ging mich's an. Ich liebte nur mich. Niemand sonst, nie!... Haltet Ihr mich für schlecht? Seht: ich fand noch nie meinesgleichen. Immer war es mein Los zu verachten. Zuzeiten, ich gestehe es, trug ich schwer daran. Heute besinne ich mich darauf wie auf das größte Glück: als ich noch verachtete. Wollte Gott, ich könnte auch Euch verachten!"
„Signora, ich liebe Euch."
„Immer nur: ich liebe Euch. Ihr wißt nichts weiter. Kein Grauen schlägt Euch entgegen aus dem Unheimlichen, das hier geschieht. Ich bin allein. Ich möchte nicht länger allein sein!"
Ihre Schultern zuckten, ihr Atem schwoll an. Ihr Körper zitterte ganz, und ihre Blicke jagten umher, als ränge sie gegen hundert Fangarme, nach allen Seiten. Er sah hell und sicher darein, wie sie, böse und von Angst gebändigt, sich abarbeitete. Auf einmal breitete er, staunend ergriffen, die Arme aus. Denn ein Glanz aus Tiefen besiegte in ihrem Gesicht alle Härte, alle Qual und verwandelte sie. Die Branzilla ward schön. Den ganzen Himmel in ihrer Stimme, sagte sie: „Ich liebe dich."

V

„Du hast getrunken. Laß doch endlich das Trinken! Es ist deiner nicht würdig, und es wird dich zerstören." „Höre auf, mich zu quälen! Ich trinke, weil es mir schmeckt."
„Weil es dir schmeckt. Und wenn es nun deiner Kunst nicht schmeckt? Wer ist wichtiger: deine Kunst oder du?"
„Ich... Und dann, meine Kunst tut, was ich will. Ich trinke, und sie läßt mich singen. Du hast eine andere Art, um gut zu singen. Du kasteist dich, du fliehst die Menschen, du bist schlechter Laune. Jeder treibt es, wie er vermag."
„Nur eine Art gibt es, der Kunst zu dienen. Wählst du eine falsche, wird sie dich strafen. Ich werde dich noch gestraft sehen. Wehe dir!"
„Du sprichst, als wünschtest du es. Du bist eifersüchtig, weil ich genieße."
„Eifersüchtig auf Genüsse, die ich verachte?" „Dir tut das Trinken nicht gut, mich aber begeistert es." „Begeisterung aus einem Faß! Sich selbst einen Feind in den Leib gießen!"
„Zum Glück fühle ich mich gesund, meine Stimme ist größer geworden, ich bin sehr beliebt." „Auch ich; und seit kurzem sind wir es beide noch mehr als sonst. Du, der du eine Geliebte in der großen Welt haltest, bist es so sehr wie ich, die in die Loge deiner Geliebten hinaufschoß. Wie wagst du davon zu sprechen, im Augenblick, da wir von der Kunst reden?" „Verzeih - und entschuldige mich; ich gehe zu Freunden. Morgen abend bin ich Theseus - und du Ariadne. Lege dich also ins Dunkel und bete! Ich gehe zu Freunden." „Nicht zu Freunden: zu Weibern! Ich will dir deine Schande ins Gesicht schreien. Morgen abend sollst du an Götter streifen, und heute nacht willst du bei Dirnen liegen. Du bist der Gatte der Branzilla und hast nicht Stolz genug, ihr treu zu sein. Wie du mich herabgezerrt hast! In welchen Schmutz du mich gestürzt hast! Du bist verächtlich wie die andern und kein Künstler. Blind war ich, als ich mich mit dir belud!"
„Ich verdanke dir viel, das ist wahr, und bin deiner wohl nicht würdig. Aber ein Künstler bin ich, und du weißt es. Vielleicht hab' ich dich sogar überholt. Deine Clelia gestern war ein wenig matt. Und doch kam ich betrunken auf die Bühne, und du hattest gefastet. Rege dich nicht auf! Es würde dich ermatten. Ich wünsche von Herzen, daß du morgen eine sehr gute Ariadne seist. Ich bin nicht eifersüchtig, ich nicht."
„Du bist morgen ein kraftloser Theseus. Seine Kraft wird in Schenken und bei Weibern geblieben sein." „Ich bin, noch wenn ich auf der Bühne stehe und singe, immer mitten im Leben: heraus aus den Brettern, in denen du dich einsargst."
„Einen Sarg nennst du die Bühne! Dies Heiligtum, worin wir uns selbst haben!"
„Mir ist es zu heilig. Deine Kunst scheint mir so heilig wie der Tod. Ich singe den Leuten; mir ist, als sänge ich auf der Straße; meine Stimme sei eine unter vielen und verwehe in sonniger Luft." „Du singst auf der Straße!"
„Ich singe, wo man will. Ich darf freigebig sein: was kostet's mich! Da, in meiner Kehle, nimmt das Kapital nie ab. Heute auf dem Pincio winkte mich der Fürst Tor-lonia an seinen Wagen und wünschte drei Takte aus ,lhr Sterne, ihr Tränen' zu hören. Drei Takte: dann wisse er selbst weiter. Ich sang, ihm gefällig zu sein, das Ganze vor allen Spaziergängern: - und hier ist der Beutel, den er mir dafür gab. Willst du ein freundliches Gesicht machen? Du bekommst die Hälfte." „Gib her! Die Dukaten werden nicht vom Torlonia sein, sondern von einer Frau. Gib immerhin her! Ich will sie aufheben,für dieZeit,da du dich zugrunde gerichtet hast und ich dich erhalten muß."
Sie hatte hinter ihm die Tür verriegelt, gierig das Geld gezählt und es in die Truhe gesenkt. Sie lag im Zimmer, worin kein Licht mehr brannte, und zog sich angestrengt ganz auf ihr Innerstes zusammen. ,Morgen bin ich Ariadne, welche Wichtigkeit hat alles andere? Morgen werde ich leben. Es wäre falsch, zu sagen, daß ich gut singen werde. Ich werde einfach aus diesem Tode aufwachen in meinem eigenen Himmel. Jetzt ist Dunkel und Tod: plötzlich entbrennen alle Lichter. Ich werde leben!. .. Nun bin ich ruhig und gefeit. Nun will ich arbeiten. Ich will in meinem Geist das Gebäude von Tönen errichten; will lautlos singen...'
Aber sie fühlte alles mißlingen und eine geheime Zerstreuung ihrer Kraft.
,Es ist nichts; es ist nur der Körper. Er ist krank, er sträubt sich. Ich habe ihn noch immer besiegt. Ruhe! Ich bin eine Schülerin und habe singen zu lernen. Denn der Geist erwächst aus der Technik.' Sie stand auf und machte sich an Übungen. ,Alle Kraft muß in der Lippe sein, der Hals ganz weich, wie tot...'
In der verstreichenden Nacht versteifte sie sich und hielt kaum noch stand. Dieser Druck um die Mitte des Rumpfes begann, der sie niederzog; diese Angst des Herzens. Sie lag, das erschlaffte Gesicht in den Händen, über dem Flügel und betete. Draußen entstand ein Poltern; etwas Weiches fiel gegen die Tür. Sie öfFnete und empfing den taumelnden Körper des Trunkenen schwer gegen ihre Brust. Heftig warf sie ihn hin. Nun stand sie über ihm, atmete kurz und schüttelte die Hände. „Mich ekelt's, ihn anzufassen, und ich habe mit ihm geschlafen,- und habe ein Kind von ihm! Rom weiß es. Jetzt kommt er von anderen Weibern; Rom weiß auch das. Unser beider Unehre ist der Welt geläufig wie unser gemeinsames Vergnügen. Und ich bin die Branzilla! Wie ich ihnen fern war, einst! Wie ich bei mir selbst war, allein und rein! Das soll nie wieder kommen? Allein und rein sein!... Du möchtest trinken, Lieber? Da, ich mische dir etwas: es wird dich für immer zufriedenstellen. Nimm!... Nein! Gib her! ich kann nicht. Gott will nicht, daß ich's tue. Ich verstehe Gott nicht."
Das Glas, das sie hinsetzte, funkelte böse im Mondlicht. Sie raffte einen Vorhang über ihr Gesicht. Grabdunkel war's und still. Nur der sorglose Atem des Schläfers. ,1hm ist wohl. Ihm war wohl, als er trank, als er Frauen umarmte; ihm wird wohl sein, wenn er morgen den The-seus singt - den er nicht gelernt hat. Mich sprengt das Klopfen dieses Herzens, das der Kampf um Ariadne toll und ohnmächtig gemacht hat. Ich habe Martern gehabt, indes er Vergnügen hatte. Und er soll mich auch noch einholen, mir vorauskommen? Ich war matt als Clelia. Ich werde eine kranke Ariadne sein. Wer anders als er macht mich krank! Lauter Unwürdiges legt er mir auf, hundert weltliche Gedanken, die mich dem Heiligen entfremden und mich verbrauchen. Meine Ermüdungen nähren ihn. Er fühlt sich schwellen, je blasser ich neBen ihm werde. Nach meinem Untergang wird er ins unermeßliche wachsen. Das ist nicht zu ertragen! Er, den ich zu mir heraufzog! In dessen Hände ich meine Einsamkeit abdankte! Dem ich meine erarbeiteten Schätze verriet! Er, mein Geschöpf! Nie ward einem menschlichen Wesen so Schlimmes erdacht. Nicht von dir, mein Gott: von deinem Widersacher! Du wolltest mich groß; du befiehlst mir, zu verderben, was mich anficht!' Sie legte das Glas an den Spalt in den Lippen des Schläfers. ,... Er ist ein Künstler. Ich töte einen Künstler. Nicht ein Geschöpf, das dem Vollkommenen feind ist wie jene Amati; keins, das Gott aufhält: nein, den Freund des Vollkommenen, den Gott höher vielleicht weihte als mich. Ich diene, töte ich ihn, nicht mehr Gott: nur einem Götzen, nur mir. Dann verwirft er mich, dann ist's aus mit mir, und nie mehr ersing' ich mir den Himmel.'
88
Es dämmerte; schaudernd schob sie das erblindende Glas fort.

„Also nichts. Ich vermag gegen ihn nichts. Ich muß ansehen, daß er das Leben hat und die Kunst obendrein -der ich mich opfere; daß er spielt, wo ich mich zerquäle, und dennoch groß wird. Wie ich ihn hasse! Wie ich ihn zerstören, ihn in mich hineinrafFen möchte, daß ich all seins zu meinem hinzuhätte!DaswäreReichtum:mein innerer Herd und das, was diesem die Welt gibt. Nun aber muß er vom Leben, dem ich nicht gewachsen bin, immer reicher werden, und ich muß in mir selbst verkohlen und langsam erkalten. Gott, ich beuge mich. Du, ich bitte dir ab. Ich bin nicht groß genug, dich zu verachten: ich beneide dich nur. Ich sehne mich aus meiner Heiligkeit nach deinem gemeinen Wandel, nach deiner Gutherzigkeit und Niedrigkeit, nach deinem Schmutz, nach deinem gewöhnlichen Schmutz. Ich liebe dich! Immer liebte ich dich aus Sehnsucht nach Erniedrigung, guter, warmer Erniedrigung!"
Sie ließ, die Arme in die Luft gebreitet, ihr Gesicht auf seines sinken, vermischte ihre Lippen mit seinem Fleisch, und in seinen Mund, der das Gift hatte empfangen sollen, flössen ihre Tränen.
„Ich liebe dich! Ich will dir dienen, ich danke ab, ich bin nicht mehr die Branzilla! Hörst du mich? Küsse mich! Ein Kuß von dir ist mehr als alle Herrschaft, alle Himmel!"
Da gingen seine Lider auf; sie riß sich zurück. Sie wich und bekreuzte sich, bis an die Wand, erwartete atemlos, daß er wieder schlafe - und brach in die Knie und schlug die Stirn gegen den Fußboden.
„Nun verstehe ich dich, Herr. Du hast mich versucht und schwach gefunden. Ich war dir zu hoch gestiegen, da schicktest du mir diesen. Ich muß ihn lieben, er verdirbt mich und ist unantastbar. Dein Wille geschehe." Aber sie schnellte auf aus dem Staube. „Gib mir ein Zeichen, daß die Prüfung nicht immer dauern soll! Daß ich des Feindes Herr werden soll! Wo nicht, laß mich sterben! Auch du, Herr-" Sie ging auf den Knien bis unter den Kruzifixus. „- auch du ersehntest das Ende deiner Marter. Und von deinen Wunden hast du keine mehr vor mir voraus. Sage, daß du ihn zu deiner Zeit schlagen wirst und verderben und mich erhöhen! Gib mir das Zeichen!" Fahler Morgen traf sie in die Augen; sie schloß sie. Ihre Stirn war kalt vom Schweiß. Ihr Mund krümmte sich zuckend nach unten. Ihre erhobenen Hände waren inein-andergekrampft und zitterten. Plötzlich ein Schrei: gellend, entsetzensvoll.
„Du hast mich geküßt! Mit meiner Stirn habe ich deine Leichenlippen gefühlt!"
Und sie sank zusammen und weinte.

VI

„Neigt Euer Ohr, Vater! Ja, ich komme spät; dahinten im dämmerigen Schiff kniet höchstens noch ein Bettler; aber wir können nicht leise genug flüstern. Wißt Ihr, von welcher Sünde Ihr mich freisprechen sollt? Von derselben, die Sankt Petrus an unserm Herrn beging. An seinem Vertreter auf Erden begehe nun ich sie; ja, ich will unsern Herrn Papst verraten! Ich will vor seinem Henker, dem König, die Aida singen... Ich dürfe es nicht, sagt Ihr? Um meiner selbst willen nicht; denn alle Ehre in Rom komme mir von Seiner Heiligkeit, die mich so oft in ihrem Vorzimmer singen läßt, die mir Gnadengeschenke und Orden gibt, ja, die mit ihrer heiligen Person mein Haus beglückt? Das ist noch nicht alles, Vater; Ihr wißt nicht alles. Ehre habe ich auch draußen, wo nicht Seine Heiligkeit befiehlt. Ich bin die Branzilla, auch draußen. Aber ich habe einen Schwur auf mir, einen Glauben, eine Pflicht. Hört mich! Dies ist eine Sache um Leben und Tod.
Ihr seid nicht jünger als ich. Ihr werdet wissen, daß an dem Tage, als die Branzilla zum erstenmal vor Rom hintrat, Rom in Revolution war. Die Liberalen wollten mich hindern zu singen. Ich glaube, daß Gott die Revolution nur darum zugelassen hat, daß mein Weg dorniger, meine Ankunft glänzender und ihm gefälliger sei. Sie hatten verbreitet, daß ich im Hause des Fürsten Rupa meine Stimme erhebe, um ihre Verschwörung zu übertönen. Ich war in höchster Gefahr, in den Kerker geworfen zu werden, an eben dem Abend, da ich zuerst mich hören lassen sollte! Aber ich entging ihren Netzen und ließ sie statt meiner den Rupa fangen. Wie sie dann im Theater gewütet haben! Wie ich kämpfen mußte, sie zu erobern, ihnen ihre Kraft zu nehmen, diesen tausend Geliebten! Denn ja, ich liebte sie, wie Dalila den Simson!... Damals, Vater, während jenes Ringens, habe ich mich für immer der Partei des Papstes versprochen. Ihr seid wenige, und ihr liebt die Menschen nicht. Aber auch ich liebe sie nicht und will nicht ihre Gemeinschaft. Ich war euer, ich war des Papstes, ich hatte das Glück, ihm nützen zu können. An den Höfen da und dort konnte ich einige Worte sprechen, die sein Geschäft besorgten; konnte mehrere schwärmerische Seelen zu seinem Vorteil stimmen. Und jedesmal nachher sang ich besser. Immer, wenn Seine Heiligkeit oben war, fühlte auch ich mich oben. Ich zitterte, sang ich in London, um den Kirchenstaat, und daß die Italiener, noch ehe mein Gastspiel zu Ende sei, in Rom einbrächen... Nun sind sie eingebrochen. Ihr versteht mich kaum, so widerlich gellen draußen die Hörner ihrer Bersaglieri... Sie sind vorbeigelaufen mit ihren Fahnen, mit dem dummen Jubel des Volkes. Was nun, Vater? Ich hatte alles auf die Sache des Papstes gesetzt, und er ist geschlagen. Ich werde also vor seinem Sieger singen. Sprecht mich frei! Ihr wollt nicht? Ihr sagt, mein Verrat sei Todsünde? Unser Herr Papst habe die Seinen nie nötiger gehabt als jetzt? Laßt! Ich weiß, wieviel ich wage und wie leicht mich dies in die Hölle führen kann. Ihr wäret nicht dabei, als ich kämpfte! Es ist furchtbar, daß diese Brut unsern Herrn überwältigen mußte. Aber ich habe - neigt Euer Ohr! - den Verdacht, daß Gott hiermit eine große Versuchung für mich plant... Hört, eine andere Versuchung, nicht weniger schrecklich, hat er soeben beendet. Ihr wißt, daß mein Mann, der Cavazzaro, die Stimme verloren hat. Endlich ist er bestraft dafür, daß er sich selbst und die Kunst verließ und unheilig lebte. Wildes Glück packte mich, als es offenbar ward. Aber ich bezwang es. Denn sorgsam mußte zuvor erprobt werden, ob Gott mir wirklich den Sieg bestimmte. Und ich schickte Ulisse nach Paris, daß sie ihm eine künstliche Stimme machten, wie sie's dort können. Nun ist er zurückgekehrt und krächzt. Gott hat's gewollt. Der, an den ich meine Kunst hätte abdanken wollen; der, den ich gern vergiftet hätte; der, den ich lieben mußte; nun liegt er darnieder. Ich aber singe wie mit zwanzig Jahren. Alle Versuchungen, zu denen er mir geschickt war, sind gebrochen; ich habe sie überstanden. Jetzt muß ich singen, vor wem immer, muß singen und triumphieren. Wozu hätte ich gelebt, wenn ich jetzt nicht sänge? Soll ich's bezahlen, wie Ihr sagt, Vater; gut denn, ich bezahle. Mit dem ewigen Feuer, sagt Ihr? Es sei, mit dem ewigen Feuer. Immerhin: ich flüsterte Euch von meinem Verdacht, daß auch dies nur eine große Versuchung sei, die allergefährlichste, und daß Gott wissen wolle, ob ich so heilig sei, daß ich auch noch der Hölle und all ihren Ängsten trotze, wenn es zu singen gilt. Wer weiß, vielleicht werde ich vor Gottes und unseres Herrn Papstes Feind singen und dafür maßlos erhöht werden... Ihr glaubt es nicht? Ich lästere, sagt Ihr? Ich sei verworfen? Ihr könnt mich nicht frei machen? So bitte ich Euch nur noch: betet für mich, denn ich werde singen. Ich werde vor dem Feinde Gottes, vor dem Schänder seiner Stadt singen und dabei wissen, daß ich auf meinen Tönen nicht mehr zum Himmel, sondern in die Hölle steige. Aber die Kunst, die Gott selbst ist, will es. Er will, daß ich die Verdammnis verdiene, und ich gehorche ihm. Ihr hört, wie mir die Zähne aufeinanderschlagen. Ich bin in kalter Hitze. Die Gedanken verwirren sich mir. Gelbe Flammen schießen vor mir auf. Die Hölle! Die Hölle! Rettet mich! Ihr rettet mich nicht? Dann muß ich in den Flammen stehn und singen!"

VII

„Wer sagt, daß wir alt sind? Du, ja, du bist'sl Da keine Frau dich mehr gebrauchen kann und du zum Wein kein Geld mehr hast! Ich bin noch immer die Branzilla; und sing' ich nicht mehr alle Abende, so singe ich immer noch jeden Monat einmal oder doch einmal die Saison. Niemand geht es an, wie ich inzwischen lebe. Du brauchst es mir nicht zu sagen; oft verwirrt sich mein Kopf. Mag sein, daß ich die Menschen oft gequält habe: meine Tochter und auch dich; daß ich mich mit Wirtinnen herumzanke, nicht bezahlen mag, und daß es Städte gibt, in denen kein Haus mehr mich aufnimmt. Wo bleiben all diese Miseren, wenn ich singe, noch einmal singe. Ich habe vier Wochen lang im Dunkeln gelegen, habe gefastet, mich gereinigt und meine Kraft von Gott zurückerbeten. Nun aber trete ich hervor. Für eine Nacht, für drei Stunden: gleichviel, da stehe ich noch einmal im Glanz und höre das Volk zu meinen Füßen atmen. Ich singe; mein Herz hat wieder die Gewalt eines zwanzigjährigen Herzens; meine Glieder spannen sich; meine Lippen sind fest und jung. Fragt nicht, mit welchen Qualen ich meine Auferstehung bezahle. Klatscht! Schreit! Seht hier den Schatten größerer Zeiten durch eine eurer Nächte streichen! Ihr fühltet nie diese Leidenschaft. Keiner von euch erfuhr, wie das Leben heilig ist. Faßt, bevor euer Scheindasein schwindet, einmal doch Bewunderung für die, der von Gott die volle Wirklichkeit ward! Ja, eine Siebzigjährige, und noch immer die Branzilla!" „Ich muß wohl gehen? Meine blinden Augen sehen dich nicht; aber deine Stimme klang sehr erregt. Du wirst  nun für den Rest des Tages krank sein und nicht wollen, daß wir essen?... Du antwortest mir nicht. Ich gestehe dir, daß ich Hunger habe."
„So geh und mäste dich!"
„Ich habe kein Geld, um zu essen."
„Ach, kein Geld. Und die zehn Soldi, die ich dir am Dienstag gab? Wir haben erst Freitag."
„Ein wenig Tabak, einen kleinen Kuchen für die Kinder, die so gut zu mir sind und mich armen Blinden über die Straße führen."
„Jaja, alle sind gut zu dir. Du bist so sympathisch: ein milder Greis mit einem bleichen, edeln Antlitz in ehrwürdiger Locken Zier, der das Augenlicht verlor. Dich bemitleiden sie und nahen dir gern, trösten und helfen gern. Mir sehen sie mißtrauisch und feindlich entgegen. Sie verstehen nicht, warum diese alte Frau so grade vorbeigeht und niemand anspricht. Mein Gesicht finden sie böse. Um mein Leiden sorgen sie sich nicht. Seine Herkunft ist freilich seltener und dunkler als die Herkunft des deinen. Du hast leicht gelebt und wirst leicht sterben."
„Auch ich habe wohl manches ertragen müssen. Meinst du, es sei eine Kleinigkeit gewesen, als ich die Stimme verlor? Vorher saß ich bei den Großen zu Tisch. Ohne dich kränken zu wollen, darf ich sagen, daß vornehme Damen mir ihre Gunst anboten. Wie schön war's, wenn ich in einem Garten stand und den Frauen sang, die um mich her auf dem Rasen saßen. Wieviel Sonne auf ihnen! Weh mir! Die Sonne ging mir unter, noch vor dem Tode. Keine Stimme, keine Augen, mir ist nichts übrig."
„Nichts. Denn du kannst dir nicht denken, wie jemand ohne Stimme, in ewigem Dunkel einen Palast aus Tönen bewohnt. So Großes ahnte dir in deinem Glänze nie; wie sollte es dir als verbrauchten Lustigmacher noch einfallen! Alle Tage ward bei dir ein Heiliger gefeiert. Nun ist das Deine verputzt; Narr, der du einst vom unerschöpflichen Kapital in deiner Kehle prahltest! Nun bekommst du bei mir ein wenig geringeres Essen als ehedem von den Reichen. Und darum wagst du es, mir von deinem Leiden zu flennen? Mir, deren ganzes Leben einsame Marter war? Ach, laß dich von den Leuten liebhaben, jetzt wie früher. Behalte jeden deiner Freunde und die Erinnerung all deiner Genüsse - aber mache mich nicht rasend dadurch, daß du vom Leiden sprichst! Dein Mund ist des Wortes nicht würdig. Er ist zu edel und wohllautend, dein Mund. Ach, ach, du! Du hattest am Ende nur Wert, weil du zu meiner Qual beitragen solltest: zu meinem Schicksal." „Was habe ich dir getan?"
„Jaja! Nichts. Du tatest nichts; du warst da. An dir erlebte ich, daß meine ganze qualvolle Größe vergeblich ward. Du hattest ja das Abbild davon. Nichts brauchtest du zu erarbeiten, nichts zu erleiden, urvd hattest doch noch das genaue Abbild. Kein Zweifel, du warst ein Künstler. Es war schrecklich. Zum Glück sind wir darüber hinaus. Es war so schrecklich, weil ich selbst dich habe ans Licht ziehen müssen, dich abrichten und herausstaffieren. Was hattest du je, Elender, das dir nicht von mir kam? Zeige mir ein Lorbeerblatt oder einen Dukaten, die nicht eigentlich mir gebührten!"
„Ich war doch ein Künstler! Du beleidigst mich alten Mann, du machst mich krank. Ich war doch ein Künstler! Millionen sind durch diese Hände geflossen. Ich möchte schwören, daß ich mehr verdient habe als du." „Aber du ziehst mir mein Geld aus der Tasche!" „Seit drei Tagen gabst du mir zehn Soldi." „Ich mäste dich; und anstatt zu sterben und mich von dir zu befreien, ehe mein Geld zu Ende ist, machst du mir Auftritte!"
„Ich bitte dich, ich bitte dich ..."
„Ach, er weint. Tränen entquellen seinen blinden Augen. Wenn das die Leute sähen, wie sympathisch du ihnen wärest! Aber du hast wohl vergessen, daß du mich, als ich die Celimena sang im Pagliano zu Florenz, um den ganzen Erfolg betrogen hast? Nicht immer warst du so voll Güte und Sanftmut wie heute. Ich singe die Celimena, ich erschöpfe meine Kunst, diese faulen Bäuche zu bewegen, und auf einmal hör' ich sie lachen. Ja, sie lachen, weil hinter mir du stehst und deine Fratzen machst. Sie sehen deinem stummen Spiel zu, und ich singe vergebens."
„Ich mußte spielen. Der Pandolfo, du weißt es wohl, trägt den Spiegel herbei. Er fängt den Nacken der Celimena darin auf und küßt ihn. Er hat sich mit anmutiger und etwas possierlicher Traurigkeit zu benehmen." „Auch wenn die Branzilla singt? Du bist neidisch und tückisch. Am Abend der Celimena hat man mich vor dir gewarnt. Ich würde dir sagen, wer, wenn ich nicht für ihn, der mir wohlwill, deine Rache fürchtete. Du selbst warst als Pandolfo durch Trunk unfähig zu singen."
„Das ist nicht wahr! Du befleckst meine Vergangenheit. Ich war ein Pandolfo, von dem der Dichter Rasi sagte, er habe das göttliche Lächeln. Hörst du, das göttliche Lächeln!"
„Das göttliche Lächeln! Da hebst du die Arme und bist außer dir. Alle Milde des blinden Greises ist dahin, nun man an seine Eitelkeit rührt."
„Ich habe nichts als zehn Jahre der Erinnerungen: in siebzig Jahren weiter nichts. Ich lebte so rasch. Greifst du meine Erinnerungen an, dann bin ich verloren, dann weiß ich nicht, was geschieht!"
„Ich will nicht, daß du Erinnerungen habest! Wollten doch endlich auch deines Geistes Augen erlöschen! Du warst ein Intrigant, der mir den Weg verstellte. Warst du überhaupt ein Künstler? Ich zweifle, ob ich mich nicht narren ließ."
„Du bist grauenhaft! Der Teufel erfindet nichts Schwärzeres! Wer rettet mich vor dir!"
Die Branzilla sah, knochig aufgereckt, aus Geieraugen ihrem blinden Gatten nach. Er stieß an die Möbel; seine Hände schwankten klagend über seinem Kopfe; da flog die Tür auf.
„Was schreit ihr schon wieder? Keiner der Tage, die ich hier bin, ist ohne Geschrei vergangen. Die Nachbarn treten auf die Treppen hinaus, so laut schreit ihr. Mama, hast du ihn wieder gequält?"
Die Branzilla sagte mit flötender Stimme:
„Beunruhige dich nicht, Töchterchen! Wir unterhielten uns von der Celimena. Dein Vater hat an dem Abend nicht gehandelt, wie er es mir schuldete."
„Ich hatte das göttliche Lächeln, sagte der Dichter Rasi!"
„Er hat mir die Rolle verdorben; ich sagte ihm nichts als die Wahrheit."
„Sie übertrifft den Teufel! Daß du es weißt, Kind, wenn ich nicht mehr leben werde; der Teufel kommt ihr nicht gleich."
„Werdet ihr mir erklären, um was ihr euch streitet?" „Um Celimena, Töchterchen, die berühmte Oper des Maestro Tiberini." „Ich hörte nie von ihr." „Ich war der erste Pandolfo ganz Italiens!" „Wann war die Aufführung, von der ihr sprecht?" „Laß mich denken,... neunundfünfzig." „Das sind vierzig Jahre! Ihr streitet euch in eurem Alter; du bringst Papa von Sinnen; ihr schreit, daß draußen ein Auflauf entsteht: und alles um Dinge, die vor vierzig Jahren waren! Von denen keiner außer euch mehr weiß! Die Hände, die euch damals Beifall klatschten, sind bald alle vermodert; wollt ihr nun nicht Ruhe geben? Wahrhaftig: etwas Liebenswertes ist's um die Kunst!"
Die Tochter nahm den Alten beim Arm. „Draußen stehen deine alten Freunde, Papa. Sie getrauen sich nicht herein, aus Furcht vor Mama. Geh mit ihnen ins Wirtshaus; da ist Geld - und bleibe nur dort, bis ich dich zurückhole. Wenn ich dich zurückhole, armer Alter, wird der Wein dich lustig gemacht haben." „Ich fürchte, Tochter, daß kein Wein mehr mich lustig macht."
Die Tochter kehrte zurück, die Hände auf den Hüften. Die Branzilla erwartete sie scheu.
„Schön hast du ihn zugerichtet! Hexe! Von deiner Bosheit wird man länger reden als von deiner Kunst. Jetzt duckst du dich,denn ich bin breit und rot. Den schwachen Alten aber wirst du noch zu Tode quälen. Oh! Menschlichkeit hast du nie gekannt. Was tatest du mit mir, als ich jung war; wie verdarbst du elend mein Leben! Ich liebte, und ich ward geliebt. Heute könnte ich glücklich sein. Ich könnte Kinder haben. Nun aber lebe ich allein, in Gasthauszimmern, unter Fremden. Das ist dein Werk. Ich sollte nicht heiraten, du wolltest mich nicht wie die anderen Mädchen. Als ein Monstrum wolltest du mich, als ein singendes Monstrum. Ich hasse die Kunst, die du mich lehrtest!"
„Undankbares Töchterchen! Und sie ist die berühmteste Konzertsängerin Europas!"
„Mit vierzig Jahren bin ich's endlich geworden; und ich finde nicht, daß mir mit fünftausend Francs für den Abend meine Entbehrungen bezahlt sind." „Mein Kind, ich sterbe zufrieden, da ich dich groß hinterlasse. Mein Name wird, mit deinem verschmolzen, länger dauern."
„Das ist's nicht. Eifersüchtig warst du, das ist's." „Ich habe große Laster", sagte die Branzilla und senkte schief den Kopf. „Ich werde wohl auch dieses haben. Aber glaubst du, Tochter, daß ich böse bin, weil es mir gut geht? Es geht mir nicht gut; es ist mir niemals gut gegangen; und auch mir sind meine Entbehrungen nicht bezahlt worden. Ich denke jetzt manchmal des Fürsten Dario Rupa, eines jungen Mannes, der, als ich selbst ganz jung war, für mich starb. Richtiger wär's vielleicht, zu sagen, daß ich ihn tötete. Soll ich dir etwas Schreckliches gestehen? Ich wünsche mir jetzt oft, ich hätte ihn damals nicht dem Hauptmann verraten, ich wäre mit ihm in den Kerker gegangen... Glaubst du, daß ich ihm noch gefallen könnte? Ich habe noch meine Stimme. Nächsten Monat werde ich im Palazzo Doria di Gio-conda singen. Wird nicht der Russe dort sein, der dich am Dienstag besuchte? Er gefiel mir; und er behandelte mich, als ob ich ihm gefiele. Wir wollen ausgehen, Töchterchen; ich möchte seidene Strümpfe kaufen." Da die Tochter ihr den Rücken gewandt hatte: „Willst du nicht,Meine süße Liebe' üben, für dein Konzert? Niemand versteht es zu singen wie du." „Gut! Gut!" rief sie dazwischen; und nach der letzten Note:
„Wir mögen böse sein, darben und uns quälen, so haben wir doch die Kunst. Ich habe dafür gesorgt, daß du sie erwarbest, und ich tat wohl daran. Du wirst die letzte sein, die von der Kunst des Belkanto weiß. Wir dienten um sie acht Jahre lang. Die Heutigen lernen zwei - und nach anderen zwei sind sie kaputt. Du wirst, wie ich, noch mit siebzig singen... Gut, gut!" rief sie wieder, mit falscher Stimme. Denn sie meinte die Tochter dabei zu überraschen, daß ihr die Töne in den Hals rutschten. Die Branziila dachte:
,Sie ist nicht mehr wie früher. Auch mit ihr geht's also zu Ende. Ich aber habe noch meine Stimme, ich allein.'
„... Nimm mich mit! Auch ich will ausgehn."
Aber die Tochter stürzte wieder herein: bleich, nach vorn geworfen, mit schlotternden Fäusten. Sie erzwang sich Atem.
„Er hängt dort. Papa hängt dort. Er hat sich erhängt."
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Sie schlich über die Schwelle und nebenan die Wand entlang. Die Branzilla schloß die Tür. Sie begann im Zickzack umherzuhasten: aufgescheucht, in die Enge getrieben, mit Blicken wie nach Verfolgern ... Plötzlich hielt sie an, hob die Schultern und zog sie, ausatmend, heftig herunter. Sie horchte; dann holte sie einen metallenen Kasten heraus und setzte sich davor... Die Tochter fuhr ins Zimmer.
„Ich habe ihn abgeschnitten; er ist tot. Du hast ihn getötet! Ach, wäre das deine letzte Tat. Ich werde nicht zufrieden sein, bevor ich dich im Irrenhaus weiß. Zu allem Segen, den deine große Kunst uns allen gebracht hat, möchte sie dich nun noch ins Irrenhaus führen!" Die Branzilla zählte das Geld in dem Kasten. „Ich habe nicht genug, ihn zu begraben. Warum hat er sich erhängt? Es war ihm nur ein neues Mittel, mir zur Last zu fallen."
„Hexe! Mörderin! Ich werde dich in eine Anstalt sperren!"
„Nächsten Monat singe ich im Palazzo Doria. Ich werde in keine Anstalt gehen. Ich werde nicht durch Aufregung meiner Stimme schaden. Nächsten Monat singe ich im Palazzo Doria."


SZENE


Sobald Lea von der Verlobung ihres Geliebten erfuhr, eilte sie zu ihm. Viktor war nicht zu Hause, sie ging in seinem Zimmer auf und ab. Es ward Abend. ,!ch habe zu spielen - Premiere, und ich bin nicht entschuldigt', dachte sie, und dann gleich wieder an seinen Verrat, „ich verliere ihn und ich liebe ihn!" Ihr Herz setzte aus, sie sah sich im Spiegel todbleich. Dann maß sie, durchdringend und trostlos, die ganze Gestalt. ,Elegant und schön, eine Schauspielerin, die in Mode ist, so würden die Leute sagen, wenn ich jetzt stürbe. Hat einem Mann alles zu bieten, Liebe, Glanz, befriedigte Eitelkeit, und wird verlassen und nimmt sich das Leben.' Sie suchte hastig in der Handtasche, ließ es, irrte weiter durch das Zimmer. Plötzlich fühlte sie ihn hinter sich. „Ich habe dich erschreckt", sagte Viktor. Sie fühlte Angst vordem Kommenden, sagte aber zornig: „Ich nehme an, daß alles Geschwätz ist."
Er zuckte die Achseln. „Das nimmst du nicht an. Du wußtest von der Sache. Ich hatte sie dir angedeutet." „Ich glaubte dir nicht!"
„Schließlich konnte ich nicht bei dir um meine Braut anhalten."
In ganz verändertem Ton: „Was habe ich dir getan?" Und sie sank hin. Er trat an ihren Sessel, streichelte ihr das helle Haar, seine Hand war verführerisch wie je.
„ich iiebe nur dich, Lea. Darum fehlte mir der Mut, offen mit dir zu sprechen. Ich habe den peinlichen Schritt tun müssen, weil ich abhängig und ehrgeizig bin. Nur darum. Ich wollte, ich könnte noch zurück." Sie sahen einander im Spiegel. Er sah ihr Gesicht aufleuchten. „Komm zurück!" sagte sie mit ihrer schönsten Stimme, hingelehnt, damit er sie küsse. Er küßte sie und sagte: „Wir haben uns schon mehrmals getrennt und wiedergenommen. Jetzt ist eine Heirat notwendig. Sie bedeutet nichts, wir bleiben die Alfen." Da riß sie sich los und sprang auf.
Sie starrte ihm wie blind ins Gesicht. „Was wolltest du? Heiraten und mich behalten?" Er sah Unheil kommen, er streckte die Hand aus, aber sie floh bis in den Winkel; schon hatte sie aus ihrer Handtasche einen Gegenstand gezogen und ihn an die Lippen gesetzt. Gerade fing Viktor noch ihre Hand auf. „Laß das!" sagte er rauh. „Es könnte dir schaden!" Sie lachte schrill auf, bevor sie weinte. Sie weinte, am Boden zusammengebrochen. Er war es jetzt, der hin und her ging, die Stirn in Falten, tief aufgewühlt. Unvermutet hörte er sie sprechen, eine Stimme wie ein Kind. „Ich will dein Unglück nicht", sagte sie, ach, so demütig, vom Boden her. „Wenn denn ich dein Unglück war. Ich willige in alles, du bist frei." Das verlassene Kind, das dort lag, weinte. ,Aufgepaßt!' sagte der Mann sich. ,Die Tränenszene, dritter Akt. Wer sich fangen läßt, verliert.' Er verschränkte die Arme.
Als nichts von ihm kam, stand sie geduldig auf. Indes sie sich glatt strich: „Ich sehe ein, es war ein Fehler, daß ich hier bei dir das Gift nehmen wollte. Eine bekannte
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Schauspielerin, auf deinem Teppich tot; es hätte dir geschadet. Verzeih!" Ironie, trotz leise lockendem Blick. Er ward noch unzufriedener anzusehen. „Es wäre mir nirgend angenehm, meine Liebe. Weder auf dem Teppich noch sonstwo."
„Das kann ich verstehen", sagte sie. Die Ironie erklärte sich, hoch dramatisch. „Aber ich weiß doch nicht, ob du um den Polizeibericht herumkommen wirst." Sie war zum Gehen fertig.
Er stürzte ihr nach, er hielt sie an beiden Handgelenken fest. „Du spielst heute abend? Versprich mir, daß du spielst!"
„Bist du um die Direktion so sehr besorgt?" fragte sie. „Es wird dich auf andere Gedanken bringen", verriet er. „Jedenfalls ist Zeit gewonnen. Versprich es!" „Ich habe schon versprochen, folgsam zu sein", sagte sie vollkommen sanft und ergeben. Aber ihr Blick wich ihm aus, verloren und arm. Seine Unruhe wuchs ins unerträgliche, er brach aus: „Auf dich war niemals Verlaß!"
„Ich dachte, heute könnte ich es von dir sagen", erwiderte sie sanft und undurchdringlich. „Liebst du mich nicht mehr?" rief er in seiner Verzweiflung.
„Wenn du mir nur erlaubtest, es dir zu beweisen!" Tragischer Blick.
„Ich begleite dich", bestimmte Viktor. „Ich gehe bis in die Garderobe mit dir. Ich lasse kein Auge von dir." „Dann könnte es nur noch auf der Bühne geschehen", murmelte Lea.

II

Er gelangte verspätet auf seinen Parkettplatz. Bis zu ihrem Auftreten hatte er sie nicht allein gelassen. Er überlegte unaufhörlich: „Wird sie heute abend jubeln können?" Denn sie hatte zu jubeln in dem Stück, soviel wußte er. „Ihr glaubt doch nicht, es ginge ohne mich?" Den Aufschrei hatte sie ihm letzthin mehrmals vorgemacht. Ein heiteres Stück also wahrscheinlich. Wie würde sie das machen heute abend?
Das Stück erwies sich eher als frivol. Leider schon wieder ein Dirnenstück. Frivol und etwas melancholisch war der Auftakt, und sogleich hatte die Heldin ihren stürmischen Abschied von dem Liebhaber Nummer eins. Er hatte sie geliebt, gequält, betrogen und wieder von vorn. Sie hatte gelitten, sich gerächt, ihn zurückgeholt und mehrmals abgestoßen. Nun war es zu Ende. Sie blieb allein, zerbrochen, verzweifelt, mit Bitternis getränkt bis in den Tod. Schritte. Sie wollte fort; ihr winkte nur der Tod.
Statt seiner erschien der Liebhaber zwei, ein sanfter, junger Kavalier, der sie zu lieben gedachte. Er kam mit Seelentiefen und suchte etwas Besonderes an diesem Treffpunkt der Lebewelt. Nach einigen begreiflichen Nieten fand er es nun. Sie war immerhin bereit, noch ein wenig sich aufhalten zu lassen vor ihrem letzten Gang: bereit aus Müdigkeit und weil es eins war, so sah der ungetreue Geliebte im Parkett.
Wie begegnete sie denn aber der Werbung des zweiten, das abgebrühte, schwerelose Geschöpf? Am Rande des Diwans sagte er ihr, indes hinten die Kameraden soupierten, seine Seeienwünsche, und sie lag. Geschwungene Linie, lang und schmal im buntschillernden Futteral der Robe, leicht erhöht die Knie, den Kopf über das Polster hinweggesenkt, sie war ganz Liegen, das ungenützle Daliegen. Die nackte Schulter glänzte ins Leere, vergebens hing der nackte, starke Arm herab. Warum nicht? Sie konnte durchaus eingehen auf die Marotte des Herrn, der Treue suchte und Sanftmut versprach. Entschluß, sie küßte. Das allzu goldene Lockengebäude an ihrem rückwärts gesenkten Kopf war erschüttert, die Reiherfedern wippten, zu seinen Lippen hob sie das Gesicht. Allzu weiß, mit groben Bühnenzügen und dem schwarzen Strich der geschlossenen Wimpern malte es den Kuß. Diese Lippen wollten Verlobung vortäuschen? Versprechungen des Lebens küssen? Eine Totenmaske sog sich wild an, knapp vor dem Sterben. Feiern den Eintritt in die neue Liebe! Dahinten brachen sie auf. Vom Diwan geschnellt - und der große, bewegte Körper wollte mit vorangestreckten Armen über alles fortfliegen, die Zuversicht selbst. „Ihr glaubt doch nicht, es ginge ohne mich?" Es gellte, und der Vorhang fiel. Dies, das Jauchzen? Es hatte gegellt; lag die große Frau jetzt nicht, zusammengebrochen und alleingelassen, über dem verwüsteten Tisch, dort hinter dem Vorhang? Er ging wieder hinauf, sie und ihr Mitspieler verneigten sich.
Der ungetreue Liebhaber auf seinem Parkettplatz sprach zu ihr durch den Vorhang: „Nun, nun, mein Kind, wir sind älter geworden, das ist das Ganze. Als ich dich kennenlernte, hattest du den naiven Reiz der Anfängerschaft. Ach, unsere Jugend! Jetzt bist du reif, auch ichbin es, und man geht auseinander. Obwohl man sich erst jetzt recht verstünde und das Leben einander erleichtern könnte. In der Jugend erschwert man es sich. Es ist uns ergangen wie dir in dem Stück mit dem Herrn Nummer eins: geliebt, gequält, betrogen und von vorn. Jetzt aber uns verlassen? Nun, deine Schönheit, dein Talent die Höhe erreichen?"
Er seufzte, und in seine Gefühle vertieft, hatte er vergessen, daß er seine Geliebte beaufsichtigen mußte, damit sie nicht Selbstmord beging. Das Haus ward dunkel, da fiel ihm alles wieder ein. Furchtbare Panik durchjagte ihn. Kam sie lebend auf die Bühne? Oder lag sie schon da, wenn der Vorhang aufging? Fiel er gleich wieder, und jemand trat heraus, um dem Publikum von einer vorübergehenden Schwäche zu erzählen? Vorhang. Gottlob, sie lebte! Er zitterte noch immer. Sie spielte Glück. Selbst Viktor hatte sie nie so glücklich gesehen wie heute abend mit dem Liebhaber zwei. Er hatte das beste Leben, nur sie selbst war ihrer Sache nicht sicher. Auch dies konnte enden, so aufreibend schrecklich wie das vorige - wenn sie auch hier wieder liebte. Sie fürchtete zu lieben und dann verlassen zu werden. Sie eilte, daß sie ihm zuvorkomme; nur darum betrog sie ihn mit dem Liebhaber eins - und ließ sich erwischen. Die Szene. Zwei merkt erst jetzt, er liebe sie, und hat seinen Ausbruch. Eins hat ihm Genugtuung angeboten und ist gegangen. Sie selbst besteht darauf, sie liebe noch immer jenen, nie habe sie diesen geliebt; wird kalt und stumm. Dieser glaubt ihr nicht, zu gut weiß er das Gegenteil, weiß es durch sich selbst. Für ihn ward es Ernst, auch sie soll endlich gestehen.
So gesteht sie denn: nein, sie liebt keinen; auch den nicht, mit dem sie ihn zielbewußt betrogen hat. Auch der hat nur wissen sollen, daß sie nun kalt sei - nun kalt sei und bleibe! „Der eine kann mich zu haben glauben, der zweite, sogar ein dritter: Wer aber hat mich noch? Das war einmal!" Schaudert es ihn? Es ergreift ihn, er möchte verzeihen. „Damit du mich später um so sicherer davonjagst? Später, wenn ich wehrlos bin." Da er leugnet: „Doch. Der, den ich liebe, jagt mich davon!" Frech und schrankenlos agiert sie vor dem Menschen, hat die Selbstachtung abgetan, möchte nacktes Grauen sein, alles, damit es ihr erspart bleibe, noch einmal leiden zu müssen. Er will ihr nichts ersparen, sie entreißt sich ihm, flieht nach hinten und steht, wie gefangen, in einem Vorhang.
Dort nun zeigt sie, wie man leidet, was sie schon erlitten hat, was sie noch erleiden würde - zeigt, was je Leiden war. Ihre schlaffen Arme tasten aufwärts, um zu flehen, aber was hilft Flehen, sie sinken wieder. Das Gesicht sieht niemanden, einsam plant es, verzückt. Die ganze Frau aber, dieser kostbare Körper im reichen Kleid wird arm, wird offen jedem Blick, ja durchscheinend, ihr seht die Flamme. Ihr hört nicht, welche Sätze sie klagt, seht nur in ihr die Flamme zehren: zehren und sie durchleuchten. „Alle Wetter!" sagte der Ungetreue. „Mit ihr geht es vorwärts - und mit mir? Ich werde herunterkommen durch meine bürgerliche Heirat. Keine andere Frau als diese kann mir Glück bringen. Die Laufbahn! Um als Mensch zu versinken? Indes sie dort oben leuchtet. Indes sie mit anderen Männern ihre Seelenkräfte übt und davon leuchtet! Das darf nicht sein."
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Die Schauspielerin inzwischen bereitete ihren Abgang vor. Der Mann war fertig, sie hatte ihn endlich niedergerungen. Er saß, war ganz krank vom ungewohnten Erleben und wünschte sie innerlich zu allen Teufeln. Sie aber hatte Hoheit bekommen; Abschied in Hoheit und müden Nachwehen ihrer großen Szene. Ein letzter Händedruck? Er schlug ihn aus, rückte verwundet die Schultern. Da hatte sie, über ihn fort, ein Nicken, eine Wendung: ,Dann nicht.' All ihr Wissen in dem Nicken, das ganze Ende in der Wendung. Sie hatte nicht glaubwürdig gejauchzt heute, aber ihr stummes „Dann nicht" war restlos gekommen.
Geklatscht wurde mit vereinzelter Heftigkeit, im ganzen aber mäßig. Diesen letzten Enthüllungen widerstrebte der gesunde Sinn. Was für das Herz war, schien vorüber; der erste Akt hatte beinahe im Freudenhaus gespielt. Die Damen fühlten sich tief getroffen von den Toiletten der Heldin.

III

Der Liebende war vor allen anderen draußen. Schon vor der Schauspielerin, die sich noch verneigte, war er in ihrer Garderobe. Sie fiel erschöpft auf den Stuhl und sagte: „Du hattest recht, es tut gut." Er schluckte hinunter. „Lea", sagte er, „ich heirate nicht mehr."
„Das ist mein größter Erfolg", rief sie. „Aber du mußt heiraten, Lieber. Denn jetzt bin ich mit dir fertig. Wie froh bin ich!" sagte sie traurig, aber nur wie Erinnerung der Schmerzen. Ihm ward es kalt.
„Was ist das? Ich sagte doch, daß ich dir alles opfere!" „Genug!" sagte sie stark. „Und das nächste Mal? Soll ich, wenn du mich das nächste Mal verrätst, wieder spielen müssen wie heute - und dich vielleicht auch damit nicht mehr halten können? Und mich nicht mehr von dir befreien können? Heute habe ich mich befreit. Bin fein heraus. Ah! Lieber! Jetzt leide du!" Während er wankte und mit mutlosen Händen noch flehen wollte, rief sie: „Umzug, dritter Akt! Sie müssen hinausgehen."


DIE ROTEN SCHUHE

Beide Geschwister waren nur mit Mühe zu Hause zu halten. Was ist mit großen, ausgewachsenen Menschen zu tun, die weder die Schule beenden, noch einen bürgerlichen Beruf wählen, noch etwa heiraten wollen? Drohungen der Eltern bewirken höchstens, daß sie durch-gehn. Grade wird der Sohn noch aufgefangen. „Wir haben euch nicht nötig. Ich bringe mich allein durch. In vier Wochen bin ich gemacht - wie heute jeder Jugendliche, der es richtig anfaßt, womöglich anständig, sonst anders. Vorurteile ausgeschlossen. Wir haben neue Erlebnisse, ein neues Weltbild. Was wißt ihr von unseren geistigen Voraussetzungen!"
Ob er denn sogar für seine Schwester die Verantwortung tragen wolle, fragten die schwergeprüften Eltern. „Dann hole ich auch sie ab - gerade weil ich für ihre seelischen Rechte hafte, übrigens, sie mit ihrem Talent braucht euch erst recht nicht."
Denn Berthold war mit dem dramatischen Talent Luises vollauf vertraut. Was er nicht kannte, waren nur ihre Beziehungen zu seinem Schulfreund Max. Eines Abends, er war wieder einmal zum Durchgehn fertig und wollte von ihr Abschied nehmen: - in der Tür fuhr er zurück. Wut verzerrte sein Gesicht so ungeheuerlich, daß die Schwester, schon bereit, gegen ihn vorzugehen, ergriffen stillhielt. Der Bruder stellte an den Freund eine unvorhergesehene Frage: „Denkst du, Luise zu heiraten?"

Das Liebespaar sah sich erstaunt an. Worauf Max: „Ich befinde mich in vollster Übereinstimmung mit Luise, wenn ich nein sage." Da ward Berthold stürmisch. Sie erkannten den Verächter bürgerlicher Sitte nicht wieder. „Und du willst durchgehn? Wir haben doch einfach dasselbe vor." Es sei nicht dasselbe, sagte Berthold. Zuletzt entschied Max: „Es ist vorzuziehen, daß ich gehe. Mit deiner Schwester verständigst du dich dann restlos." Berthold ließ ihn fort, dann riet er Luise: „Lauf ihm nach! Bevor der Feigling um die Ecke ist. Den siehst du nicht wieder."
Sie erwiderte: „Ich bin keine Verlassene. Ich will mit ihm zum Theater." Aber sie war bleich und hielt sich am Tisch fest. „Der Verrat stand ihm auf der Stirn", sagte der Bruder noch, und sie schwieg dazu. Dann gestand sie: „Ich habe letzthin so viel erfahren, daß selbst die vollsten Häuser von mir noch werden lernen können." Sie stand ausdrucksvoll gereckt; das weiße Gesicht, die roten Lippen verkündeten von oben ihren Schmerz und ihren Mut. Dem Bruder blieb der Mund offen.
„Verzeih!" sagte er unsicher. „Ich muß mich an den Tatbestand erst gewöhnen. Also mit Gott! Und auf Wiedersehen, wer weiß wo."
Sie fragte: „Mußt du durchaus bös sein, weil du jetzt wieder als kleiner Junge dastehst?" Sie fühlte, er hätte lieber gehorsam wie ein Kleiner gesprochen. Damit er sich nicht mehr schämen solle, beugte sie sich ihm in den Nacken, ließ den Arm, um ihn zärtlicher zu stimmen, über seine Schulter hängen und murmelte: „Wir treffen uns wieder. Was wir dann wohl geworden sind! Wollen wir uns verabreden?"
„Deshalb bin ich hergekommen", sagte er dankbar. „Also wir treffen uns, wenn wir unsern Weg gemacht haben. Wie lange, glaubst du, brauchen wir? Ein Jahr?" Vier Wochen sagte er schon nicht mehr. Die Schwester, noch gewitzter, sagte: „Es kommt darauf an. Wollen wir aus dem Ärgsten heraus sein und die Ellenbogen frei haben? Dann sagen wir zwei Jahre ... Wenn es reicht." „Es reicht."
Er war denn doch der Stärkere; er kürzte auch den Abschied ab. Zuversichtlich schüttelten sie einander die Hand.

II

Bei seiner Ankunft in Berlin wollte ihm ein junger Mann durchaus den Koffer tragen, und kaum hatte er den Koffer, lief er davon. Die Straße war schlecht beleuchtet, aber durchaus nicht menschenleer. Trotzdem ward der Beraubte mit Gewalt verhindert, nachzulaufen. Von den Helfern des Räubers schlug Berthold den einen nieder, der andere riß aus. Der Daliegende hielt in auffallender Weise seine Rocktasche fest, was Berthold veranlaßte, die Brieftasche daraus zu entnehmen. „Mir haben die Kerls mein ganzes Gepäck gestohlen", sagte er, im Vollgefühl seines Rechtes, zu den Umstehenden, die nichts dagegen einwandten.
In der Brieftasche fanden sich Devisen, welch guter Anfang! Berthold ging zum Essen in ein besseres Lokal. Die Dame am Nebentisch zog ihn an und erwies sich als nicht unzugänglich. Sie schien unabhängig und gut gestellt, sie sprach von ihrem vornehmen Klub. Auf ihre Frage nach seinen Geschäften gestand er, er habe gute gemacht. Als es Zeit war, nahm sie ihn mit in den Klub. Im Auto küßten sie sich. Der junge Mann verlangte stürmisch nach einem ungestörten Stündchen. Aber sie vertröstete ihn auf den Klub, wo für alles gesorgt sei. Der Klub machte wirklich einen ausgezeichneten Eindruck, gleich im Vorzimmer roter Samt. In den vorderen Zimmern saßen nurWachen, die ganze Gesellschaft war rückwärts am Spieltisch. Meist Damen, aber nicht ganz junge. Berthold kam zwischen eine dicke und eine dünne; sie schoben ihm Geld hin, damit er für sie setze, es werde ihnen Glück bringen. Es brachte aber nur der Dünnen Glück. Die Dicke verschwand, um so näher rückte die Dünne.
Sie hatte Narben unter der Schminke, dagegen kamen die vielen Perlen nicht auf, Berthold erschauerte. Um nur ihr Flüstern nicht zu hören, denn sie flüsterte von einem Souper in abgelegenen Räumen, spielte er weiter mit ihrem gewonnenen Geld, bis alles fort war. Sie erwachte aus ihrem Rausch und forderte Ersatz. Er denke nicht daran, sagte Berthold, darauf Geschrei. Alles half der Dame gegen Berthold, mehrere Herren mit riesigen Fäusten versperrten ihm den Abgang, und als er sie überrannt hatte, erklärte die Dame, die den Schlüssel hatte, sie werde nicht öffnen. Es war seine gute Bekannte aus der Gaststätte, auch sie seine Feindin! Die Enttäuschung machte, daß er, wie ein Kind, alles hergab, seine ganzen Devisen. Nur fort!
Jetzt ging er selbst Gepäck tragen auf dem Bahnhof und lief davon mit dem ersten Koffer. An der Ecke stieß er mit dem zusammen, der ihm seinen eigenen geraubt hatte. Er zeigte Berthold ein Versteck und bezahlte ihm die Ware.
Tags darauf ging der Neuling im Erwerbsleben zu Methoden über, die mehr seiner Erziehung entsprachen. Auf kühne Art erlangte er eine Empfehlung, trat als Lehrling in eine Bank ein und behielt einfach die Börsenwerte, die er auszutragen hatte, einige Stunden für sich. Das genügte, um gut zu verdienen. Nach vier Wochen besaß er ein Auto. „Also doch nur vier Wochen!" dachte er. Es seiner Schwester zu melden, reichte die Zeit nicht; denn wieder vier Wochen, und das Auto war gepfändet. Er besaß noch mehrmals ein Auto im Verlaufe des Jahres. Einmal konnte er Generaldirektor werden, und einmal wollte er in den Kanal springen. Im zweiten Jahre verschwand er für sechs Monate aus dem Verkehr. Durch langes Nachdenken belehrt, baute er nun, anstatt auf eigene Wagnisse, auf die anderen. Das hielt er für weniger verantwortlich.
Eine Agentur fiel ihm auf, die übermäßige Gewinne versprach und oft sogar auszahlte. Er beobachtete sie. Einen bescheidenen, strebsamen Juden, der dort saß und schrieb, lud er zum Essen ein und fragte ihn, ob er mit seinem Geld mitgehe bei den Geschäften der Firma. Mit seinem angeborenen Lächeln des Zweifels sagte Elias: „Wenn Sie von der Konkurrenz sind, was wollen Sie wissen und wieviel bieten Sie?"
„Ich habe die Weisung, die Dinge aufzuklären", sagte Berthold und preßte die Lippen aufeinander - worauf Elias erblaßte und ihn Herr Polizeirat nannte. Er machte Berthold mit dem Kassierer bekannt. Ein geängstigter Mensch, die weiblichen Angestellten verfolgten ihn um Alimente. Sowieso ging der Bestand seiner Kasse dunkle Wege. Der Direktor, nur mit Haustelefon erreichbar, beorderte unverweilt für seine Zwecke, was die Kunden brachten. Sie rissen sich freilich darum, Geld bringen zu dürfen. Noch dazu überschrieen sie sich am Telefon, der Direktor war taub.
Im Vorzimmer der Agentur stand eine kleine Plakatsäule, bedeckt mit den hohen Zahlen glänzender Geschäfte und den blühenden Gestalten tanzend abgebildeter Varietenummern: verschiedene, aber gleich begehrenswerte Seiten des Lebens, und beiden widmete sich die Agentur. Die Geldbringenden saßen und plauderten geduldig, bis sie drankamen. Hinter einer anderen Tür ballte sich gewöhnlich ein Haufe von solchen, die nicht brachten, sondern holten. Diese nahmen das Warten schwerer als jene. Zuletzt kam immer noch Geld. Berthold war's, der es brachte. Er erstieg die geheime Treppe zur Direktion, der Direktor selbst nahm das Geld, er ließ es durch die Wand elektrisch zur Kasse fahren. Er war ein außerordentlicher Mann, von einer Kraft betörender Persönlichkeit, die alles was geschah, begreiflich machte. Man traute seinem Stern; auch Berthold, der doch den neuesten Weg zum Erfolg mit ihm zusammen, ja fast aus eigener Eingebung beschritt. Berthold war vertraut und eingeweiht, war führend, hieß er auch nur Reklamechef. Um Zweifel hintanzuhalten, ließ er sich selten öffentlich blicken. Elias fand sich dennoch zuweilen an seinem Weg; er begrüßte ihn noch immer erschrocken wie den geheimen Polizeirat, lächelte aber schon wieder deutlicher sein angeborenes Lächeln. Die Katastrophe erfolgte auf die einfachste, vorhergesehenste Weise. Niemand, der sie je bezweifelt hätte, weder Elias noch der bedrängte Kassierer, noch die geldbringenden Kunden, noch selbst Miß Ellen, Varietestern und Freundin des Direktors - obwohl ihre Gagen im Geschäft arbeiteten. Die Kasse war schlechthin leer, und diesmal blieb sie es. Große Volksbewegung am Kassenschalter. Dazu schrie der Direktor am Haustelefon verzweifelt nach Berthold, der nicht kam. „Gebt mir Berthold! Ihr wollt mir Berthold nicht geben?" Krachen im Telefon, der geängstigte Kassierer fuhr zurück. Gleichzeitig brach die Schranke, die die Kasse schützte. Wildes Drängen, und in dem anschwellenden Lärm überwog der Ruf „Polizei!". Berthold, soeben eingetroffen, suchte alles auf die Untreue eines Angestellten zu beschränken; das Unternehmen selbst laufe nicht die entfernteste Gefahr. Als aber der Kassierer ihm zuflüsterte, im Telefon habe es gekracht, verstummte Berthold. Schon wälzte Volk sich zügellos ins Innere; es entdeckte die Geheimtreppe, schon stürmte es die verschlossene Tür der Direktion. Man quoll ein, trieb vor - aber das gesprengte Geheimnis sah wohl unerwartet aus. Wer es erblickt hatte, wich verstummend zurück mit den andern. Zuletzt konnte auch Berthold einen Blick hinter den Schreibtisch werfen. Der Körper des Direktors ward von einer Seitenlehne zurückgehalten. Die rechte Hand hing mit der Waffe herab, es war, als wollte sie den Revolver dezenterweise unter den Teppich schieben. Der vormals glühende, jetzt glasige Blick des Direktors blieb ein Stück über den Boden erhoben bis zur Höhe der Hände derer, die ihm nahten. Noch immer schien es sein erstes Augenmerk, was sie brächten.
„Jetzt kommt kein Geld mehr", raunte jemand hinter Berthold. Elias - er raunte: „Sie können nicht mehr damit in den Spielklub gehn - Herr Polizeirat. Wenn die Leute wüßten! Sie haben für den Direktor gespielt, das war das ganze Geheimnis."
Das angeborene Lächeln ward spitz und steif. Berthold, kalt überlaufen, verschwand vom Fleck weg.

III

In seinem möblierten Zimmer machte er kein Licht, blieb in der hintersten Ecke sitzen und fuhr auf, wenn der Wind ging ... Da klopfte es. Hatte es stark, zu stark geklopft? Er rückte vollends hinter den Schrank. Jetzt trat man auch schon ein, es ward hell. Von der Hausfrau geleitet, stand seine Schwester da. „Ach, nur du", sagte er erleichtert. „Du weißt wohl gar nicht? Es sind zwei Jahre." „Natürlich", sagte er. „Sie sind schnell vergangen. Willst du einen Augenblick Platz nehmen?" „Du bist eilig?"
„Ich kann noch Besuch kriegen. Geschäftlich, wie immer", sagte er überstürzt. „Immer Geschäfte. Du glaubst nicht, was ich in den zwei Jahren für Geschäfte gemacht habe! Gute. Sehr gute. Ohne daß darum die geistigen Ansprüche, die wir stellten, im geringsten gelitten hätten.
Die letzte Zeit hatte ich einen Freund, dem ich für Weltbild und geistige Voraussetzungen unberechenbar viel verdanke. Direktor eines großen Unternehmens natürlich. Das sind wir alle."
Aus Erschöpfung hielt er kurz an, machte dann aber eine um so stärkere Handbewegung.
„Mit ihm verstand ich mich. Unser neues Menschentum ist nur dynamisch zu bestimmen. Wir mußten handeln -nun kurz, wir mußten spielen. Er hat sich erschossen." Blieb stehen und horchte, die Augen geschlossen. „Heute?" fragte die Schwester. „Oh, dann komme ich dir ungelegen! Ich würde gehen, wenn ich wüßte wohin." „So schlecht geht es dir?"
„Das nicht", sagte sie. „Man wartet sogar mit aller erdenklichen Sehnsucht auf mich." „Alle Wetter, du bist hübsch geworden." „Aber es ist zu viel geschehen", sagte sie mutlos. „Mir kannst du alles sagen", beteuerte er kühn. „Errate doch selbst, es ist so banal." „Max hat dich betrogen." „Mehr fällt dir nicht ein?" „Darauf du ihn."
„Nein", sagte sie. „Er hat es nicht abgewartet. Er war im Schauspielerrat, er konnte meine Entlassung durchsetzen. Obwohl alle mich halten wollten", sagte sie schnell. „Ich war bei Presse und Publikum unglaublich beliebt." „Das war das", sagte der Bruder. „Nein", sagte sie wieder. „Es ging weiter. Er reiste mir ins nächste Engagement nach. Er war demütig, reuevoll, verliebter als je, ich ward ihn nicht mehr los." „Du haßtest ihn unbeschreiblich."
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„Kann man denn immer hassen und lieben?" fragte sie. „Ich fing schon an, müde zu werden ... Ich hatte nun einen Liebhaber, reicher Mann, er heiratete. Mein Gott, ich hätte ihn deswegen nicht fallengelassen." „So wird man", sagte der Bruder.
„Was tut aber Max? Er überfällt den Mann auf seiner Hochzeit! Um mich zu rächen! Skandal, ich fliege aus dem Engagement."
„Aber das ergibt für dich eine Weltreklame! Ich war Reklamechef!"
„Sagte ich dir nicht, daß ich müde bin? Meine Stimme hat auch schon gelitten."
„Ja so" - er führte sie zu seinem Sofa. „Ruhe aus, ich bin da."
Klopfen. Plötzlich war Berthold nicht mehr da, er steckte im Alkoven. „Nein!" schrie sie und lief hin. Mit verzweifelter Dringlichkeit: „Wen erwartest du?" „O niemand von Belang", sagte er; denn wer eintrat, war die Hausfrau mit dem Tee. Die Geschwister ließen sie den Tisch decken. Allein geblieben, setzten sie sich, immer noch schweigend, aßen aber nicht - und auf einmal weinten sie. Sie weinten gemeinsam, einer an der Schulter des anderen, feucht schluchzend wie Kinder, und lange, lange.
Erst aus Müdigkeit hörten sie auf. Faßten sich nun bei den Händen und flüsterten: „Wir schämen uns nicht mehr voreinander. Früher zu Hause schämten wir uns." „Das ist nun doch ein Gewinn", sagte der Bruder. Die Schwester fragte:
„Haben wir eigentlich nicht schon das Ganze als Kinder erlebt?"
„Im Traum", sagte er. „Ob im Garten noch die Bank steht?"
Die Schwester:
„Auf der Bank lasest du mir das Märchen von den roten Schuhen vor. Ich fürchtete mich vor ihnen. Und jetzt, manchmal, wenn ich nicht weiß, wohin es noch kommen soll, denke ich, daß ich an den Füßen die roten Schuhe habe, die immer weiter tanzen. Ob man will oder nicht, immer weiter."




NACHWORT

Im mer wieder und durchaus zu Recht wird das dichterische Werk Heinrich Manns unter dem Gesichtspunkt der Forderung nach der Identität von Geist und Macht gewürdigt. Zweifellos findet sich diese charakteristische Einheit von Denken und Handeln, von Erkennen und Verändern in den hier ausgewählten sechs Novellen nicht dergestalt wie in seinen Essays oder seinen Romanen. Betrachtet man aber die vorliegenden Novellen zuerst unter dem Gesichtspunkt des Verhältnisses von Kunst und Leben, so eröffnen sie gerade von dieser Seite her Verständnis für das Werk und die Wirksamkeit des Künstlers Heinrich Mann. Seine Novellen geben Einblick in Lebenssphären, denen der Dichter seit früher Jugend nahestand, die er intim kannte, mit kritischem Blick beobachtete und über die er in immer neuen Variationen geschrieben hat. Seine Schwester Carla, Schauspielerin und Heinrich Mann „die nächste aus der Familie", erklärte schon sehr früh einen der bemerkenswertesten Züge seines literarischen Gestaltungsvermögens mit dem Satz: „Wer dich liest, sieht Menschen". Wie das für die Dramen und Romane des Dichters gilt, so erst recht für seine Novellen, die von der Anlage und ihren aus persönlichen Begegnungen gewonnenen Eindrücken her knappste Formulierung verlangen und bei denen jedes Zuviel die Eindeutigkeit der Aussage, das Wesentliche der Handlung verdecken würde.
Heinrich Mann, der mit 26 Jahren, sehr bald nach seinem ersten Roman „In einer Familie", zwei Novellenbände erscheinen ließ (1897 „Das Wunderbare", 1898 „Ein Verbrechen und andere Geschichten"), hat insgesamt etwa 60 Novellen geschrieben, die im Laufe der Jahrzehnte immer wieder von namhaften Verlagen veröffentlicht wurden. Der sehr populären Kunstform der Novelle blieb er bis etwa 1930 immer zugewandt. Nicht zufällig wird sie um diese Jahre abgelöst vom literarisch-politischen Essay und dem großen epischen Werk, dessen streitbare Gedanken unmittelbar den Gang der geschichtlichen Ereignisse unseres Jahrhunderts beeinflussen. Alle seine Novellen - die vorliegenden einbezogen - haben eine Reihe von Gemeinsamkeiten, die sie vom Werk anderer deutscher Erzähler unterscheiden. Bei Heinrich Mann trägt der Dialog zu einem großen Teil die Spannung und führt, wie in der „Branzilla", über weite Strecken die Handlung. Der Dialog offenbart den Charakter der Personen und die Stimmung der rasch wechselnden Situation. Immer ist die Sprache knapp, mitunter eigenwillig verdichtet, auf weitschweifige Beschreibung wird verzichtet. Man empfindet beim Lesen wie ein Zuschauer im Theater, man sieht Menschen, die ein dramatisches Wortduell in plastische Nähe rückt, wie in der „Szene", die, wenn man so will, das Expose zu einem Bühnenstück oder eine Novelle in drei Akten sein könnte. Heinrich Manns Novellistik ist so in der bürgerlichen Thematik der Zeit eine Weiterentwicklung der deutschen Novellentradition. In einem stenografisch sparsamen, unwahrscheinlich wirkungsvollen Erzählerstil variiert Heinrich Mann aus unterschiedlicher Sicht das Thema „Kunst und Leben". Als Dichter besaß er in hohem Maße „Fühlung für die Erscheinungen", im Kunstbetrieb ebenso wie in der persönlich-intimen Sphäre des Künstlerlebens. Schriftstellerische Arbeit bedeutete für ihn Durchdringung des Stoffes bis in seine Tiefen zum Wesentlichen hin. So ist auch der Satz zu verstehen, den er in den autobiographischen Aufzeichnungen über „Henri Quatre" rückschauend schreibt: „Ich habe gesehen und gestaltet, bevor ich den Sinn der Dinge begriff."
Wo im politischen Essay folgerichtig die Einheit von Geist und Tat steht, sieht er als „Kenner der bürgerlichen bunten Welt des eleganten Amüsements" (Viktor Mann)* die sich dahinter verbergenden Zusammenhänge. Sie sind zunächst für ihn Widersprüche zwischen Kunst und Leben, die er auch in einigen seiner Dramen, so der „Schauspielerin" und „Variete", dargestellt hat. Später tritt dieses Thema innerhalb seines Werkes zurück, es fließt ein in die große, allgemeinere Problematik des Zeitalters.

Die Künstlernovellen bei Heinrich Mann, durchaus kein eigenes oder gar abgegrenztes Genre, sind sehr temperamentvolle Auseinandersetzungen, immer spannend und amüsant zu lesen. Für die Novellen kann viel von dem gelten, was er über seine Auffassung vom Theater sagt: „Verlangt wird Bewegung, die Leidenschaft soll unmittelbar handeln, sie wickelt sich nicht aus den Schleiern der Erzählung. Noch der lebendigste Roman spielt in der Vergangenheit und ist bekleidet mit Worten. Ein Drama kann nie nackt genug sein."
Das wird ganz deutlich in der „Szene", die mit großartigem Schwung den Triumph derSchauspielerin über den heiratenden Liebhaber auskostet. Wie weit Heinrich Mann dabei über individuelle Bereiche hinaus zu wesentlicher Aussage über Kunst und Leben kommt, zeigt die im gleichen Jahr wie „Professor Unrat" entstandene Novelle „Pippo Spano". Wie Professor Unrat ist auch Pippo Spano eine der typischen Zeiterscheinungen. Beide sind Stützen der spätbürgerlich-angefaulten Gesellschaft, sehr morsch und in ihrem Wert genauso zweifelhaft wie die Umgebung, die beide hervorbringt. Der dumpfe, aus den Fugen gehende Pauker, dessen geistiger Horizont vom Glorienschein Sedans und den spitzenbesetzten Höschen der Tingel-Tangel-Lola begrenzt wird, findet im kümmerlich feigen Modeliteraten Malvolto seine „künstlerische" Variante.
Mit Sorgfalt und Einfühlungsvermögen sind die Konturen des Mario Malvolto gezeichnet, der körperliche und geistige Verfall, die Unfähigkeit, die in kläglicher Feigheit endet. Es bleibt die Erkenntnis, daß diese Geschöpfe keine großen und edlen Taten mehr vollbringen, ihr wertloser Charakter vermag die Zeit nicht zu verändern, denn sie sind unfähig zur Tat. Wie am „Professor Unrat", so erweist sich auch an der Figur des „Pippo Spano" — in dessen wirren Worten die Begriffe Nietzsches spuken —, daß Heinrich Mann die Auseinandersetzung mit geistigen Problemen auf dem Boden kritischer gesellschaftlicher Beobachtungen vollzieht und mit scharfer gezielter Ironie nicht spart.
Die hier ausgewählten Novellen umfassen einen Zeitraum von etwa dreißig Jahren, von 1894 bis 1926. Vergleicht man „Pippo Spano" mit der Novelle vom Löwen, das „Stelldichein" mit den „Roten Schuhen", ist leicht zu erkennen, wie der Dichter Handlungen und Personen seiner Novellen von dem erreichten Punkt seiner Lebenserfahrung und künstlerischen Reife neu überschaut und verändert. Im „Löwen"-wir möchten vermuten, daß es eine jener frühen Geschichten ist, deren Niederschrift dem Dichter ganz ungetrübte Freude bereiteten - ist der Standort noch das interessant-lustige Fabulieren aus der Welt des kleinen Wanderzirkus, wie ihn der junge Heinrich Mann gesehen haben mag, als er mit dem Vater, dem Lübecker Senator und Getreidegroßkaufmann, die Dörfer der Umgebung besuchte. Hier ist noch alles Turbulenz und Sensation: DieTierbändigerin wird vom Löwen gefressen. Dieses Ereignis, das „gewiß zu den größten Seltenheiten gehört", ist keineswegs gesellschaftlich akzentuiert, doch realistisch insofern, als es sich in der Sphäre des wirklichen Lebens abspielt.
Trotz des schrecklichen Endes hat diese Erzählung etwas Liebenswürdiges. In freundlich leuchtenden Farben erscheinen wie in einem Bilderbuch der Großbauer Prahl, der Sergeant, die große Frieda mit ihrem Löwen und die Bauersfrauen in ihren „unendlich weiten, eigengemachten Faltenröcken". Wie Heinrich Mann das Milieu und die Ereignisse um den Löwen exakt beschreibt, beweist seinen interessiert-nüchternen Blick für die Vorgänge seiner Umwelt, jenen Blick für die Realitäten, der den Dichter in der Sphäre des Politischen zu tiefgehenden Erkenntnissen gelangen ließ.
Ganz anders sind Anlage und Aussage der „Roten Schuhe* aus dem Jahre 1926, die unsere Auswahl zeitlich abschließen. Alle Betrachtungen über Kunst und Leben in der hektischen Atmosphäre der zwanziger Jahre im Nachkriegsdeutschland fließen nier zusammen. Dieses Thema läßt sich jetzt nicht mehr in die eigentliche Form der Novelle zwingen; die „Schuhe" sind ein Fragment, aber ein Fragment mit einer tiefen Wahrheit. Als die Geschwister nach zwei Jahren wieder zusammenkommen, haben sie nichts gewonnen außer der Einsicht, daß der bloße Wunsch, Kunst zu machen und nichts zu sein, nichts zu haben außer einem unerprobten Talent, scheitern muß. Geblieben ist ihnen nur die ängstliche Erinnerung an ein Märchen ihrer Kinderzeit von den roten Schuhen, die mit ihrem Besitzer immer weiter tanzen, immer weiter, „ob man will oder nicht". Das ist - auf knappstem Raum und in künstlerisch wahren Bildern - die Aburteilung des bürgerlichen Kunstbetriebes mit seiner Ausweglosigkeit. Die Verbindung von Kunst und Geschäft in der kapitalistischen Gesellschaft, ihr Zerfall und Niedergang bedeuten jedoch keineswegs resignierenden Verzicht Heinrich Manns auf das Thema „Kunst und Leben", von dem er wußte, daß es im spätbürgerlichen Lebensmilieu immer dissonant bleiben muß.
Für seine Konzeption vom Weg der Kunst steht wohl am beredtesten der Satz, den er in späteren Jahren für einen ihrer Zweige, die Literatur, schrieb: „Die Literatur, ob sie will oder nicht, ist im Begriff, sozialistisch zu werden. Warum? Weil außerhalb der sozialistischen Welt keine Literatur mehr bestehen kann. Die Literatur geht unweigerlich zu den Arbeitern, weil bei ihnen die Menschlichkeit geachtet, die Kultur verteidigt wird." Diesen entscheidenden Gedanken, daß die Kunst, die in der spätbürgerlichen Gesellschaft zerfällt, einen beglückend neuen Wirkungsbereich finden wird, ist die logische Folgerichtigkeit im Denken und Wirken Heinrich Manns. Der große Kritiker des wilhelminisch-imperialistischen Deutschlands legte einen weiten Weg zurück, ehe er mit dieser klaren Bestimmtheit und optimistischen Gewißheit dieses Wort aussprach. Aus dem jugendlich unbeschwerten Dichter, der sich lange Jahre im sonnigen Italien zu Hause fühlte - die Einflüsse gerade dieses Landes finden sich auch in den Künstlernovellen -, wurde der tätige politische Schriftsteller, der der Kunst seiner Zeit und ihren Repräsentanten kritisch gegenüberstand. Die Auseinandersetzung um die Zwiespältigkeit von Kunst und Leben führte Heinrich Mann in seinen essayistischen Schriften wie in seinen Dichtungen. Sowohl in den frühen Erzählungen als auch in den gereiften, akzentuierten Novellen, selbst bei der noch im Individualismus beharrenden Auseinandersetzung mit diesem Thema, wie in der „Branzilla", tritt das kritische Sichtvermögen Heinrich Manns über das Subjektive hinaus ins allgemein Gesellschaftliche, ohne daß seine künstlerischen Gestalten von ihrer Profiliertheit einbüßen, im Gegenteil, sie gewinnen eher noch dadurch. Sie sind, wie der Bruder Viktor Mann schreibt, „Geschöpfe voll heißer Leidenschaften, kalten Verbrechen und bösen Lüsten. Sie liebten glühend, litten höllisch, verrieten schändlich oder tragisch und haßten tödlich." Mit unbestechlichem Wahrheitswillen hat sich Heinrich Mann um die Kunst, ihre Wirksamkeit und ihre Zukunft gesorgt. Einen Teil seines dichterischen Mühens um die Einheit von Kunst und Leben, das als Thema in den „Göttinnen" ebenso anklingt wie in „Henri Quatre", stellen diese sechs Novellen mit ihrer ausgesprochenen Künstlerthematik dar, die trotz weiten zeitlichen Abstands das Anliegen des Dichters in hochkultivierter Sprachbeherrschung zusammenfassen. Sie weisen Heinrich Mann als einen Meister der Novelle aus, dem es selbst gelang, mit seinem Werk die Einheit von Kunst und Leben zu erreichen.

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• Viktor Mann .Wir waren fünf", Bildnis der Familie Mann; Südverlag Konstanz.

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QUELLENNACHWEIS

Die 1894 in Italien entstandene Erzählung „Der Löwe" erschien zum erstenmal 1895 in der Zeitschrift „Moderne Kunst", die sich im Besitz des Heinrich-Mann-Archivs bei der Deutschen Akademie der Künste Berlin befindet. Unsere Fassung berücksichtigt alle handschriftlichen Änderungen und Ergänzungen, die nachträglich noch von Heinrich Mann an dem gedruckten Zeitschriftentext vorgenommen wurden.

„Das Stelldichein" erschien 1898 in dem Band „Ein Verbrechen und andere Geschichten" im Verlag Robert Baum, Leipzig. Einige kleine, stilistische Änderungen von der Hand des Dichters wurden übernommen.

„Pippo Spano", enthalten in „Flöten und Dolche", Albert Langen Verlag, München 1905, erschien 1953 im Novellenband I der Ausgewählten Werke in Einzelausgaben beim Aufbau-Verlag Berlin.

„Die Branzilla" wurde 1908 im Insel-Verlag, Leipzig, in dem Band „Die Bösen" veröffentlicht. Sie ist nach 1908 noch mehrere Male erschienen und auch im Novellenband I der Auf-bau-Ausgabe enthalten.

Die 1924 in dem Band „Abrechnungen" beim Propyläen-Verlag Berlin erschienene „Szene" findet sich ebenfalls im Band I der Novellen, Aufbau-Verlag, Berlin 1953.

„Die roten Schuhe" entstanden 1926 und sind bisher noch nicht veröffentlicht. Das vor einiger Zeit erworbene handschriftliche Manuskript des Dichters befindet sich im Heinrich-Mann-Archiv der Deutschen Akademie der Künste Berlin.


Der Abdruck der Novellen geschieht mit freundlicher Genehmigung des Aufbau-Verlags Berlin. Die bisher unbekannt gebliebene Novelle „Die roten Schuhe" entstand 1926. Das handschriftliche Originalmanuskript, im Besitz der Deutschen Akademie der Künste Berlin, wurde vor einiger Zeit wiederentdeckt und vom Heinrich-Mann-Archiv der Akademie erworben.


3. Auflage, 19. bis 24. Tausend • 
Verlagsrechte bei Henschelverlag Kunst und Gesellschaft, Berlin 1961 • 
Lizenz-Nr. 414.235/79/65 • 
Schutzumschlag: Prof. Bert Heller • 
Gesamtherstellung: Sachsendruck Plauen • 
Printed in the German Democratic Republic

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