Kapitel 12

Delacroix traf mit einem dumpfen Schlag auf den felsigen Grund auf. Der Aufprall ließ ihn fluchen, doch nachdem er sich gesammelt hatte, war er zumindest sicher, sich nichts Ernstes getan zu haben. Nur blaue Flecken und Kratzer. Ärgerlich, aber unverletzt rappelte er sich auf. Die Ausbildung zum Einbrecher in seiner Jugend hatte sich einmal mehr bezahlt gemacht. Noch immer hatte er die Reflexe einer Katze, wenngleich auch einer gewaltigen.

Er war mürrisch. In eine Falle war er gelaufen. Dabei hatte er einen magischen Schutz getragen, der ihn hätte warnen müssen. Das Amulett lag allzu warm auf seiner Haut. Es hatte sich aufgeheizt, schon vorher, doch er hatte nicht darauf geachtet.

Er hatte die Kluft nicht gesehen. Sie war verdammt noch mal nicht da gewesen. Felsigen Boden hatte er gesehen, keinen Abgrund, und doch hätte er zumindest gewarnt sein müssen, daß etwas faul war. Zu diesem Zweck fand er sich damit ab, das Amulett umzuhängen, obwohl seine Präsenz ihn irritierte. Er trug es ungern.

Es gab einen guten Grund, warum verheiratete Männer nicht als Geheimagenten arbeiten sollten. Wenn man sich im falschen Moment von Gedanken ehelicher Zweisamkeit ablenken ließ, war man schnell tot.

Er hatte Glück, daß er noch lebte. Etwas, das sich recht nahe bei ihm befand, hatte weniger Glück gehabt. Verwesungsgeruch stieg in seine Nase. Er strengte seine Augen an, konnte aber in der Finsternis nichts erkennen. Er würde der Sache auf den Grund gehen, nachdem er mit McMullen gesprochen hatte. Immerhin war es möglich, daß sie schon gefunden hatten, wonach sie suchten.

Er sah nach oben. Einige Meter über ihm öffnete sich die finstere Nacht in einen nicht ganz so dunklen Himmel. Ein oder zwei Sterne konnte er erkennen. Er war tiefer gefallen, als er angenommen hatte. Ein verdammtes Wunder, daß er sich nichts gebrochen hatte.

„McMullen?“ rief er nach oben.

„Delacroix?“ Die Stimme flüsterte direkt in sein Ohr, doch Fairchild wußte, daß das nur ein arkanes Kunststück seines Freundes war. „Alles klar? Sind Sie verletzt?“

„Nur mein Stolz. Können Sie mich hier herausholen?“

„Nicht ohne Seil. Sie sind zum Levitieren zu schwer. Diese Grube hätten Sie doch sehen müssen!“

„Da war keine Grube. Sie muß magisch verborgen gewesen sein. Ich habe nicht auf mein Amulett geachtet.“

McMullen murmelte etwas, das Delacroix nicht verstand – es war auch besser so.

„Im Boot ist ein Tau“, sagte er. „Holen Sie es und versuchen Sie, sich nicht erwischen zu lassen. Ich habe keine Lust, hier länger zu bleiben. Ich weiß nicht, wie oft die ihre Fallgruben überprüfen.“

Wenn man nach dem Geruch ging, nicht allzu häufig.

„Ich bin gleich wieder da. Bleiben Sie, wo Sie sind“, sagte McMullen, und in seiner Stimme schwang nicht wenig Ironie. Dann war er fort.

Augenblicke später hörte Delacroix ein Geräusch, das tatsächlich nah zu sein schien, nicht wieder eine magische Projektion. Er stand still, versuchte, in der Finsternis, die ihn umgab, etwas zu erkennen. Doch seine Nachtsicht versagte bei der völligen Schwärze um ihn herum.

Seine Instinkte ließen seine Nackenhaare sich aufstellen. Er war nicht allein, und der Verwesungsgestank trug nicht gerade dazu bei, ihn zu beruhigen. Er überprüfte sein Amulett. Nichts. Die Magie, die es vorher angeheizt hatte, hatte nur die Grube verborgen. Jetzt fühlte es sich nicht an, als wirke jemand Magie gegen ihn.

Er stand reglos und lauschte in die Finsternis. Atemgeräusche. Ziemlich nah. Er war nicht das einzige Lebewesen hier. Er fragte sich, welche wilden Tiere es hier im Gebirge geben mochte. Wölfe? Bären? Auch Luchse lebten in den Alpen.

Doch lebten sie in Höhlen? Er zog vorsichtig eine Schachtel mit Schwefelhölzchen aus der Tasche, entnahm eines und rieb es an seiner Schuhsohle. Es flackerte auf, und sein penetranter Geruch überdeckte kurzfristig die Dunstglocke von Verwesung um ihn herum. Er hatte keine Laterne. Doch das Zündhölzchen erleuchtete die schmale Grube, und er sah, daß ihr Boden rissig und hart war, ihre Wände abschüssig, steil und überraschend glatt, fast wie Glas. Der helle Kalkstein warf das Licht zurück, und er konnte gerade noch zwei auf dem Boden liegende Gestalten erkennen, auf jeder Seite der Höhle eine. Dann ging sein Streichholz aus.

Zwei Gestalten. Ian und sein Hauslehrer?

„Hallo!“ sagte er in die Finsternis hinein. „Ian McMullen? Mr. Swithin?“

Er erhielt keine Antwort, und der Geruch verriet, warum nicht. Was hier lag, war deutlich tot.

Allerdings hörte er noch das Atmen. Was atmete, lebte. Was lebte, konnte angreifen. Er konzentrierte sich, entzündete ein weiteres Schwefelholz. Er ging auf die eine Gestalt zu, bemerkte, wie der Geruch stärker wurde und wechselte die Richtung.

Wieder ging das Streichholz aus. Er tastete nach den verbleibenden Hölzern und zählte sie. Er mußte sparsam damit umgehen. Vermutlich würde er sie brauchen, um das Seil zu finden und zu entkommen. Er hätte sich nicht auf McMullens Fähigkeit verlassen sollen, Licht mit einer Geste zu kreieren, wann immer es gebraucht wurde. Doch er hatte nicht an eine Gefahr geglaubt. Er war sicher gewesen, daß der Inhalt des Briefes nicht mehr war als das Produkt einer allzu lebhaften Knabenphantasie.

Er trat näher an die andere Gestalt heran, tastete sich mit den Füßen behutsam über den unebenen Boden. Es war keine gute Idee, sich jetzt bei einem Sturz zu verletzen. Er mußte hier noch herausklettern können. Die Wände waren zu glatt, um daran emporzusteigen. Wenigstens das hatte er in dem kurzen Augenblick, in dem das Streichholz ihm Licht gegeben hatte, gesehen.

Sein Fuß traf etwas Weiches auf dem Boden, und jemand ächzte. Wieder machte Delacroix Licht. Ein Mann lag auf dem Boden, sein halblanges Haar hing ihm ins Gesicht. Er trug die hier übliche Jägertracht, grau-grüne Wolljoppe und lange Hirschlederne. Ein buntes Nackentuch war statt einer Krawatte um seinen Hals gebunden.

Er beugte sich nach unten und erfaßte eine Schulter. Er drehte den Mann um, und kurz bevor das Streichholz wieder ausging meinte er, ein Gesicht erkannt zu haben.

„Von Görenczy! Sind Sie das?“ Das Stöhnen wurde zum Fragelaut. Delacroix schüttelte die schlaff daliegende Gestalt und bekam ein schmerzhaftes Zischen zur Antwort.

Nur noch zwei Hölzchen. Eines würde er brauchen, um das Seil zu sehen, das McMullen ihm hoffentlich bald herunterließ. Er ließ sich nieder und entfachte eine weitere Flamme.

Diesmal konnte er seinen einstigen Waffengefährten deutlich erkennen. Es war Leutnant von Görenczy, den man ihm bei seinem letzten Auftrag als Verbindungsoffizier zur Seite gestellt hatte. Sein Gesicht war zerkratzt, und eine verschorfte Wunde erstreckte sich von seiner Schläfe ins Haar. Spuren getrockneten Blutes klebten auf seiner Stirn. Seine Augen waren halb geöffnet. War er schwer verletzt? Oder erwachte er gerade?

„Delacroix?“ hustete er. Seine Stimme war heiser und kaum erkennbar. „Ich träume ...“

Er schloß die Augen. Das Streichholz erlosch.

Udolf von Görenczy war Leutnant der Bayerischen Chevaulegers. Er war schon früher auf geheime Mission geschickt worden, also konnte man mit ziemlicher Sicherheit davon ausgehen, daß er hier nicht Urlaub machte. Delacroix fragte sich, ob die verschiedenen Länder des Deutschen Bundes sich gegenseitig bespitzelten. Vermutlich ja, und das Zusammentreffen eines angedeuteten Geheimnisses, eines bayerischen Agenten und Offiziers und des Verschwindens von Menschen gab der Vermutung Anlaß, daß er direkt in ein Abenteuer gestolpert war.

Der Bayer war anscheinend auch in die Grube gefallen und hatte sich im Gegensatz zu Delacroix verletzt.

„Wie lange sind Sie schon hier? Sind Sie schwer verletzt?“ fragte Delacroix in die Finsternis. Erst nach einigen Augenblicken kam eine Antwort.

„Sind Sie wirklich da?“ war die heisere Stimme wieder zu hören. Sie klang skeptisch.

„Ja, und ich werde Sie hier herausholen. Also reißen Sie sich zusammen. Wo sind sie verletzt?“

„Ein, zwei Rippen geprellt oder gebrochen, und den Kopf habe ich mir angehauen. Dafür muß ich ein Talent haben. Keine ernste Verletzung. Bin hier schon ein paar Tage. Weiß nicht.“ Die Sätze machten seine Verwirrung deutlich. Doch er klang schon etwas besser. Erst jetzt hörte Delacroix, daß an der Wand, an der von Görenczy lag, Wasser herablief. Dieses Wasser mußte die letzten Tage alles gewesen sein, was er zu sich genommen hatte. Kein Wunder, daß er verwirrt und schwach war.

„McMullen holt gerade ein Seil“, versicherte Delacroix Udolf. „Ich werde Sie hier herausholen. Wer ist der Tote?“

„Ich weiß nicht. Er war schon vor mir hier. Verdammt langweilige Gesellschaft.“

Delacroix hatte keine Streichhölzer mehr, um den Toten zu inspizieren, der sich die Grube mit ihnen teilte. Vielleicht konnte McMullen mit seinem Talent mehr herausfinden. Sich und Udolf aus dem Loch zu holen war von höherer Priorität. Dem Toten konnten sie nicht mehr helfen.

„Können Sie aufstehen?“

Er ertastete von Görenczys Arme.

„Ich werde es schon schaffen“, erwiderte der und nahm Delacroix‘ Hände. Delacroix zog ihn vorsichtig hoch.

Der jüngere Man gab einen Schmerzenslaut von sich. Gebrochene Rippen waren keine gefährliche Verletzung, wenn man sie sich nicht gerade in die Lunge bohrten. Doch sie taten grausam weh. Delacroix wußte es aus eigener Erfahrung. Aber von Görenczys Lunge hatten keinen Schaden genommen, sonst wäre er schon tot. Immerhin, Mangel an Nahrung und Hoffnung konnte einen auch schwächen. Doch das ließ sich leicht beheben.

Nun stand Udolf auf seinen Füßen, schwankte leicht, und Delacroix stützte ihn. Das Manöver wurde dadurch schwieriger, daß der Engländer so groß war. So zog sich der Bayer nach einigen Moment dann doch aus dieser vertraulichen Umarmung zurück.

„Wie ...?“ fragte er, und sein unfertiger Satz klang ein wenig klagend.

Delacroix wußte, was er meinte. Wie würden sie hier rauskommen? Eine gute Frage. Er hoffte, McMullen würde bald zurückkommen, ein Seil dabei haben und außerdem stark genug sein. Von dieser Hoffnung abgesehen konnte er die Frage auch nicht beantworten. Er steckte genauso in der Grube fest wie sein Ex-Kollege.

„McMullen wird sich etwas einfallen lassen. Keine Sorge. Versuchen Sie einfach, nicht wieder umzukippen.“

„Ich habe nicht vor, mich wieder flachzulegen.“

Es gab eine Menge, was Delacroix Udolf fragen wollte. Doch jetzt war nicht der richtige Zeitpunkt. Er brauchte seinen Atem und seine Kraft, um zu entkommen, und es war auch möglich, daß der Bayer ihm gar nichts mitteilen wollte. Wenn er im Auftrag seiner Regierung hier war, wäre ein ehemaliger Agent eines anderen Landes vermutlich der Letzte, dem er etwas sagen würde.

Jedenfalls würden sie ihm von dem Jungen und seinem Hauslehrer berichten. Vielleicht wußte er etwas über deren Verbleib. Möglicherweise rührte der Gestank, der Delacroix inzwischen heftig auf die Nerven ging, von einem von ihnen her.

Nein, es konnte noch nicht aus sein. Selbst wenn der Leichnam einem der beiden Vermißten gehörte, fehlte immer noch der zweite. Gerade die so kunstreich versteckte Falle bestärkte Delacroix in dem Glauben, daß an dem Bericht des Jungen doch mehr dran war als nur die romantische Abenteuerlust eines törichten Knaben. Schmuggler und Diebe mochten zwar Fallen bauen, doch Meister des Arkanen waren allzu selten und viel zu schwierig aufzutreiben, als daß man gerade mal einen überreden konnte, diese doch bitte magisch zu verbergen.

„Warum sind Sie hier? Was ...“ begann von Görenczy. Jetzt, da seine Rettung nahte, erholte er sich schnell.

„Ich bin hier, um nach McMullens Neffen und dessen Lehrer zu suchen. Sie werden in den Bergen vermißt. Der Junge ist auf irgendein dummes Abenteuer ausgezogen und verschwunden, und der Lehrer hat nach ihm gesucht und ist auch weg. McMullen hat mich um Hilfe gebeten.“

Er spürte, daß von Görenczy ihm nicht glaubte. Er hätte es in seiner Situation auch nicht geglaubt, wenn er mitten in einer Mission plötzlich einem Agenten eines anderen Landes begegnet wäre. Er glaubte ja auch nicht, daß der Bayer hier nur zur Sommerfrische war.

Vielleicht war dies nun auch nicht mehr privat. Der Junge hatte angedeutet, eine neue Waffe entdeckt zu haben, die hier in den Bergen gebaut wurde und die das Kriegshandwerk revolutionieren würde. Wenn das mehr als der jungenhafte Traum war, für den Delacroix die Sache bisher gehalten hatte, dann war es seine patriotische Pflicht, alles darüber herauszufinden und die Geschichte seiner Regierung zu berichten. Alte Gewohnheiten starben langsam. Delacroix hatte seine Laufbahn im Krimkrieg begonnen und war mehr als zehn Jahre lang ein „Mann für besondere Fälle“ gewesen.

Eins nach dem anderen. Erst mußten sie hier heraus. Wie aufs Stichwort hörte er McMullens Stimme: „Ich lasse jetzt das Seil hinunter. Sie sind ja ein geübter Kletterer.“

„Normalerweise schon“, rief Delacroix nach oben. „Doch ich muß von Görenczy mit hoch schaffen. Ich glaube nicht, daß er im Augenblick besonders gut klettert. Er ist leicht lädiert.“

„Von Görenczy? Was in aller ...“

„Später. Erst will ich hier raus und verschwinden, ehe uns die Leute schnappen, die dies hier inszeniert haben. Ich kann den Leutnant tragen, aber ich kann nicht gleichzeitig klettern.“

Eine Weile herrschte Schweigen. Dann sprach McMullen erneut: „Ich glaube, ich weiß, wie wir es machen. Beten Sie, daß das auch klappt. Wenn nicht, bleiben Sie länger hier, als Ihnen lieb ist.“

„Ungern. Hier liegt ein Leichnam, und der ist nicht frisch.“

„Ist es ...?“

„Ich weiß nicht. Es ist zu dunkel. Holen Sie uns raus. Ich spüre in den Nackenhaaren, daß uns die Zeit davonläuft.“

„Dann sollten wir uns beeilen. Ihre Nackenhaare haben die unangenehme Eigenschaft, Recht zu behalten.“

Das Seil fiel Delacroix beinahe auf den Kopf.

„Ich habe es im Felsen verankert und ich werde es jetzt festwachsen lassen. Binden Sie es um sich und von Görenczy. Sowie das Seil kürzer wird, zieht es sie hoch. Aber lassen Sie um Gottes Willen nicht los. Wenn das Seil erst mal im Felsen ist, bleibt es da. Es reicht nicht noch mal nach unten.“

Delacroix zog Udolf an sich heran und band das Seil fest um seinen Oberkörper und den des Verletzten. Er spürte, wie von Görenczy zusammenzuckte. Wenn man gebrochene Rippen hatte, machte dieses Manöver anscheinend wenig Freude.

„Legen Sie die Arme um meinen Hals“, befahl er, „ich halte Sie um die Taille.“

Sie standen in einer engen Umarmung und hielten sich aneinander fest. Delacroix hätte für dieses intime Manöver Corrisande vorgezogen, doch er schob den Gedanken an ihren warmen, anschmiegsamen Körper weit von sich. Zu einem unpassenden Moment an die lieblichen Rundungen seiner Gattin zu denken hatte ihn überhaupt erst in diese Situation gebracht.

„Holen Sie uns rauf, McMullen!“ rief er und spürte, wie sich von Görenczy auf den Ruck vorbereitete, der ihm direkt in die verletzten Knochen fahren würde.