Als er aus dem Zug stieg und langsam den Bahnsteig hinunterging, sahen ihm die Mädchen nach.
Er lächelte vor sich hin. Er war es gewöhnt. Ob München, Köln oder Duisburg – es war immer das alte Lied: Wenn die Mädchen ihn ansahen, wurden ihre Augen blank, ihre Köpfe rosig, und sie senkten die Augen und wurden unsicher im Gehen und in den Bewegungen.
In der großen Bahnhofshalle blieb er stehen, stellte seinen schweinsledernen Handkoffer neben sich und zündete sich eine Zigarette an. Sein braunes, etwas eckiges Gesicht mit dem starken Kinn und dem schmalen Mund glänzte matt.
Es war August, die Sonne brannte über das Steinmeer Duisburg, der Dunst von Auspuffgasen, schwitzenden Menschen, niedergedrücktem Industrierauch und einem Gemisch Hunderter Gerüche trieb ihm den Schweiß auf die Stirn. Er lockerte den bisher korrekten Knoten seiner hellen, stark gemusterten Krawatte, öffnete den oberen Knopf seines Hemdes und prüfte schnell in der blinkenden Scheibe eines Ladens, ob diese Lockerung seines Aussehens auch nichts von dem Eindruck seiner Person fortnahm.
Zu Hause, dachte er. Das ist also das Zuhause!
Nach elf Jahren …
Jochen Baumgart bückte sich und nahm den Schweinslederkoffer wieder in die Hand. Er sah einem Mädchen nach, das an ihm vorbeitänzelte. – Kurzer, glockiger Rock, blonde, lange Haare, ein rotgeschminkter, voller Mund. – Die Welt ist überall schön, dachte er, wo es so etwas gibt! Der alte Kahn an Kai 13 A sollte nicht seine Heimat werden. Vielleicht ein Urlaub, einige schickliche Wochen des Wiedersehens – mehr nicht.
So traf Jochen Baumgart nach elf Jahren in Duisburg ein: Ein Fremder, der sich vornahm, ein Fremder zu bleiben.
Auf dem Selbstfahrkahn ›Guter Weg‹ flatterte tatsächlich die Wäsche, als Jochen Baumgart aus der Taxe stieg und dem Fahrer das Geld in die Hand drückte. Eine schmale Holzplanke war an Land gelegt und bildete die einzige Verbindung. Hinten, im Steuerhaus, sah Jochen den weißen Kopf seines Vaters. Der alte Mann schraubte an irgend etwas herum und wischte sich mit dem Ärmel seiner blauen Schifferjacke ab und zu über die Stirn. Vorne, am Bug des langen, hoch und leer aus dem Wasser ragenden Kahns, saß Hannes und angelte. Er rauchte Pfeife dabei und starrte auf den in den öligen Wellen tanzenden Schwimmer seiner Angel.
Jochen Baumgart sah sich nach dem Taxifahrer um, der in den Taschen nach Wechselgeld suchte. »Es ist gut.«
»Danke, der Herr.« Der Wagen entfernte sich schnell.
Einer von ihnen hätte am Bahnhof sein können, dachte Jochen plötzlich. Sie wissen, daß ich heute komme. Und sie kennen den Zug aus München, ich habe es ihnen geschrieben. Aber es war wohl nie die Art der Baumgarts, Gefühle zu zeigen – auch nicht nach elf Jahren Trennung. Nur die Mutter würde ungeduldig warten, das wußte er. Sie hatte bestimmt einen Kuchen gebacken, Kirschkuchen, den er so gern aß.
Er seufzte und nahm seinen Koffer vom Boden auf.
Vorsichtig, nicht mehr das Gehen auf einem Binnenschlepper gewohnt, schritt er über das schmale Brett auf den Kahn.
»Hallo!« rief er laut. »Hallo! Da bin ich!«
Der weiße Kopf des alten Baumgart tauchte hinter der Scheibe des Steuerhauses auf. Ein Lachen zog über sein runzeliges Gesicht, er winkte mit ölverschmierten Händen. Hannes legte seine Angel hin und lief mit ausgestreckten Armen auf den Bruder zu. In der Tür zu den Wohnkojen erschien eine bunte Schürze, ein grauhaariger Kopf, ein kleiner, dicker Körper.
»Mutter«, sagte Jochen leise. Er stellte den Koffer auf die Planken des Schiffes und rannte ihr entgegen. »Mutter – es ist so schön, wieder hier zu sein …«
Er wußte in diesem Augenblick nicht, ob es Wahrheit war oder eine höfliche Lüge.
Später saß er in der Wohnkoje, aß den Kirschkuchen, trank den guten Kaffee, wie nur Mutter ihn machen konnte, und sah von Vater zu Hannes und empfand, daß die Gesichter ihm fremd geworden waren.
Schiffergesichter, dachte er. Gegerbt im Wind, wie aus Stein gehauen, lebende Plastiken, die man anschaut, weil sie ungewöhnlich sind, ein ›Typ‹, und die man vergißt, sobald man sie nicht mehr vor sich hat.
»Du bist nun wieder zu Hause«, sagte der alte Baumgart und stopfte sich die Pfeife.
»Wir müssen über die Zukunft sprechen.«
»Er ist doch gerade gekommen, Peter«, sagte die Mutter und legte ihre runzlige Hand auf Jochens gepflegte und manikürte Finger. Er hatte sich noch vor der Abfahrt in München die Nägel schneiden und sie leicht zugespitzt feilen lassen.
Hannes, der jüngere Bruder, schob seine Tasse etwas nach hinten. »Er ist ein gelehrter Mann geworden, unser Jochen. Diplom-Volkswirt – das klingt so wohlhabend!« Er lachte, aber etwas wie stiller Neid schwang in der Stimme. »Vielleicht heißt es einmal: Dr. Baumgart …«
»Ich habe tatsächlich vor, zu promovieren.«
Der Alte sah auf seine Pfeife. »Es kostet Geld, Jochen.«
»Und jetzt reicht es nicht mehr für die Promotion?«
»Ja.«
Jochen erhob sich. Er stieß mit dem Kopf fast an die Bretterdecke, die jedes Jahr mit billiger weißer Ölfarbe gestrichen wurde. Er war groß, schlank, elegant in seinem Maßanzug und beherrscht in seinen Bewegungen. Der alte Baumgart sah zu ihm hinauf.
»Es ist wenig zu fahren, Jochen. Die großen Konzerne würgen uns ab. Sie unterbieten die Preise, sie haben schnellere Schiffe. Ihr Laderaum ist ausgenutzter. Sie geben Rabatte.«
»Wenn du das alles weißt, warum unternimmst du nichts?«
Der alte Baumgart sah seinen Sohn kopfschüttelnd an. »Womit?«
»Womit! Womit!« Jochen überblickte den Tisch. Die Augen der Mutter sahen zu ihm auf. Trübe, alte Augen, die glanzlos geworden waren vor Arbeit und Gram. Ein Würgen stieg in ihm hoch. »Da sitzen zwei Männer und legen die Hände in den Schoß! Warum greift ihr nicht ein in diesen Kampf? Warum laßt ihr euch abwürgen? Modernisiert den Kahn, nehmt Kredite auf für einen Umbau, fahrt dreimal für den halben Preis und versichert die Ware hoch. Und dann laßt den Kahn brennen! Löscht ihn, wenn er fahrunfähig ist! Und mit dem neuen Kahn, den die Versicherung bezahlt, werft ihr euch wieder in den Kampf.«
»Das ist Lumperei«, sagte der alte Baumgart laut.
»Nicht die Methode ist maßgebend, sondern der Erfolg!«
»Bekommt man diese Weisheiten auf den Universitäten beigebracht?«
»Es sind die Praktiken der Erfolgreichen.«
»Wir sind ehrbare Schiffer.« Der alte Baumgart klopfte seine Pfeife aus. »Die Ehrlichkeit im Geschäft ist unser Grundprinzip.«
»Mit dem ihr zugrunde geht!«
Jochen wandte sich ab und ging in dem kleinen Raum hin und her.
»Was soll ich mit diesem Erbe tun?« fragte Jochen rauh.
Der alte Baumgart zuckte wie unter einem Schlag zusammen.
»Das fragst du?«
»Ich habe keinen Gärtner kennengelernt, der sich über einen morschen Baum freut.«
»Jochen!« Hannes stand vor dem Bruder. Er war kleiner als Jochen, aber kräftiger, gedrungener, bulliger. Ein Mann mit eisernen Muskeln, die Anker hievten und Taue zogen und Zentnerlasten schleppten.
»Es ist morsch!« schrie Jochen. Er sah nicht mehr die Mutter an. Er blickte zur Seite, wo der alte Baumgart stand und an seiner ausgebrannten Pfeife sog. »Ihr seid stehengeblieben! Ihr habt die Zeit an euch vorbeilaufen lassen wie das Wasser, auf dem ihr fahrt und von dem ihr nie heruntergekommen seid. Ihr lebt im Gestern, und draußen, vor euren nicht sehenden Augen, überrollt euch das Übermorgen! Das nennt ihr Ehrlichkeit im Geschäft? Das ist Dummheit! Trägheit! Feigheit!«
»Noch ein Wort …« Hannes hob die Hand. Der alte Baumgart trat zwischen ihn und Jochen und sah seinen ältesten Sohn mit gesenktem Kopf an.
»Was würdest du tun?«
»Den Kahn absaufen lassen! Oder hast du Geld, einen neuen zu kaufen?«
»Das ist Betrug!«
»Haben die, die uns betrügen, mehr Skrupel?«
»Man soll Schlechtes mit Gutem vergelten.«
»Idioten!« sagte Jochen leise und verließ die Kajüte.
Jochen Baumgart stand noch draußen an den Ladebunkern und genoß den stillen Abend im Hafen, als ein Mädchen über die Laufplanke kam. Sie stutzte, als sie den großen, schlanken Mann an Bord sah, grüßte mit einem leichten Kopfnicken und ging nach hinten zu den Kajütenbauten.
Verwundert sah Jochen ihr nach.
Sie ist nicht zum ersten Male auf dem Kahn, dachte er. Ein Fremder geht nicht so sicher über den schwankenden Steg und rennt den schmalen Seitenstreifen entlang. Er ging dem Mädchen nach und betrat die Kajüte, als der alte Baumgart ihr gerade die Hand drückte.
Hannes stand neben ihr und hatte den Arm um ihre Schulter gelegt. »Das ist Irene«, sagte er zu Jochen. »Irene Ballin.«
»Angenehm.« Er verbeugte sich knapp. Reserviert höflich, ein wenig arrogant. »Ballin klingt nach Hamburg.«
»Ich komme aus Bremen«, erklärte Irene. Ihre Stimme war hell und klar. Wie ihre Augen und ihr Haar, durchfuhr es Jochen. Ein nordischer Typ. Wie kam sie auf die ›Guter Weg‹?
»Aus Bremen«, wiederholte er sinnlos.
»Wir werden uns verloben«, erklärte Hannes. Der alte Baumgart nickte.
»Das freut mich.« Jochen verbeugte sich noch einmal steif. »Sie sind Reederstochter?«
Irene Ballin senkte den Kopf. Die direkte Frage nach ihrer Abkunft verwirrte sie. Sie spürte plötzlich einen eisigen Strom von Jochen Baumgart zu sich herüberfluten, und sie war machtlos, dem zu begegnen.
»Mein Vater ist Werftarbeiter.«
»Ach so.«
»Ein ehrlicher Mann«, sagte der alte Baumgart und stopfte seine Pfeife. »Ein grundehrlicher –«
»Viel Glück.« Jochen nickte Hannes und Irene zu und verließ wieder die Kajüte.
Was soll ich hier, fragte er sich. Wie kann man verlangen, daß ich in einer solchen Primitivität atmen soll? Ich habe die große Welt genossen, ich habe kennengelernt, was es heißt, reich und unabhängig zu sein; ich habe Kultur in mich hineingesogen und Wissen angesammelt wie andere Briefmarken oder Schmetterlinge. Ich werde zurück nach München fahren und mich bemühen, durch Verbindungen in die Industrie zu kommen.
Er drehte sich herum, als er einen Schritt hinter sich hörte. Hannes kam auf ihn zu. Er hatte die Hände tief in den Taschen seiner Schifferhose.
»Du bist nicht gerade höflich«, sagte er zu Jochen und lehnte sich gegen die Bretterwand der geöffneten Ladeluke. »Lernt man das nicht auf der Universität?«
»Bist du herausgekommen, um mich anzupöbeln?«
»Du hast Irene wie Dreck behandelt. Was kann sie dafür, daß ihr Vater ein Arbeiter ist und kein Reeder? Hast du vergessen, woher du kommst?«
»Ich habe es heute mit Erschrecken gesehen! Das genügt mir!«
»Du undankbarer Hund!« Hannes Baumgart ballte die Fäuste in der Tasche. »Wir haben uns abgerackert, damit der älteste Herr Sohn etwas lernt …«
Jochen winkte ab. »Bitte, leg nicht die alte Platte auf, sie ist so abgespielt, daß sie jault! Elf Jahre lang habe ich es aus allen euern Briefen herausgelesen: Opfer, Not für dich, lerne fleißig, damit das Geld nicht umsonst war, sei brav, denke daran, was du kostest – es kotzt mich an, wenn ich daran denke!«
»Wir haben gehungert deinetwegen …«
»Schweig!« schrie Jochen Baumgart. »Ich werde euch das Studium zurückzahlen, sobald ich eine Stellung habe!«
»Du willst nicht hierbleiben?«
»Auf dem Schiff?«
»Ja!«
»Nie!« Er sah Hannes an. Die Dunkelheit ließ die einzelnen Züge im Gesicht des Bruders nicht erkennen.
»Oder hast du es erwartet?«
»Ich kannte dich nur aus der Erinnerung. Damals warst du der große Bruder, der ab und zu im Jahr für ein paar Tage Ferien zu uns kam. Ich bewunderte dich. Ich hätte es nicht getan, wenn ich gewußt hätte, wie du bist! Als du vorhin das Schiff betratest, wußte ich, daß du nie hierbleiben würdest. Nur die Eltern hofften es. Vater ist zu alt, um das Schiff weiter zu führen. Er hat Rheuma – er kann nicht mehr am Ruder stehen. Und er hatte immer, in all den Jahren, die großen Pläne, die heute mit einem Satz von dir zerstört wurden: Mein Sohn Jochen hat studiert. Er wird es verstehen, mit den Kreisen in Verbindung zu kommen, die wir brauchen, um Fracht zu erhalten. Er ist ein Weltmann – er soll das Unternehmen fortführen! – Daran glaubte er in all den Jahren. Das ist nun vorbei.«
Jochen nickte. Er sah über die dunklen Hafenanlagen hinweg – der Geruch des öligen, fauligen Standwassers an den Kais reizte seine Nase.
»Übernimm du das Schiff.«
»Das werde ich auch.«
»Und heirate gut …«
»Irene.«
»Gut, habe ich gesagt!« Jochen sah seinen jüngeren Bruder kopfschüttelnd an. »Irene mag ein liebes Mädchen sein. Ein schönes Mädchen. Ein Mädchen mit Charakter. Aber Liebe vergeht, Schönheit wird runzlig, und Charakter ist ein Luxusgegenstand, der uns teurer wird als zehn Blue-Nerzmäntel. Wenn du heiratest, muß eine Modernisierung des Schiffes herausspringen.«
»Was meinst du damit?« fragte Hannes. Seine Stimme war rauh, als habe er einen trockenen Hals.
»Wenn man sich ein Vögelchen hält, so muß es eins sein, das goldene Eier legt, aber nicht eins, das sie aufpickt.«
Durch den Körper Hannes Baumgarts zog ein Zittern. Er beugte den Kopf vor und sah seinen Bruder aus starren Augen an.
»Nimm das zurück!« sagte er leise.
Jochen hob die Schultern. »Sei vernünftig, Hannes. Ich kenne diese Irene Ballin nicht – ich will sie auch gar nicht kennenlernen. Sie wird ein netter Kerl sein – ich sehe es ihr an. Und sie wird auch eine gute Ehefrau werden, ich zweifle nicht daran. Aber ihr Unglück ist es, arm zu sein! Sie kann nichts dafür, der Vater vielleicht auch nicht. – Wer kann in sein Schicksal eingreifen, wenn die Natur ihm nicht die Möglichkeiten gegeben hat, diese Schranken zu überspringen?« Er wollte näher an Hannes herantreten, um ihm die Hand auf die Schultern zu legen, aber der Bruder wich zurück. Jochen hob wieder die Schultern. »Du liebst sie …«
»Darüber spreche ich nicht mit dir. Du trittst alles in den Dreck mit deinem kühlen Verstand!«
»Denkst du daran, was in zwei oder drei oder fünf Jahren sein wird? Wovon wollt ihr leben, wenn euch der Kahn unter dem Hintern zusammenbricht? Willst du Schauermann werden? Hafenarbeiter, der zehn Stunden am Tage Säcke und Kisten schleppt und am Abend zu müde ist, seine junge Frau mit ehelichen Pflichten zu unterhalten?«
»Du bist ein Schwein!«
»Ich bin ein nüchterner Rechner. Männer, die keine anderen Möglichkeiten sehen, etwas zu werden, sollten Geld heiraten. Das ist das Geheimnis vieler Millionäre, die ihre Frauen zu Hause lassen, um sich mit ihren Sekretärinnen zu amüsieren.«
Hannes Baumgart wandte sich ab. »Es ist besser, du gehst schon morgen von Bord.«
»Als wenn ich der Satan persönlich wäre!«
»Du bist es! Ich liebe Irene …«
»Das hindert dich nicht, eine reiche Frau zu nehmen. Liebe und Geschäft sind zwei grundverschiedene Dinge.«
»Du bist ein Lump!«
»Und du ein Idiot!«
Sie standen sich plötzlich gegenüber. Ihre Augen waren hart, die Gesichter verschlossen und kantig. Jetzt sah man trotz der Verschiedenheit ihrer Kleidung die Gleichheit ihrer Abstammung. Zwei Baumgarts, groß, stark, mit nach vorn gesenktem Kopf – wie zwei Stiere, die den Boden unter sich zerstampfen und zum Angriff übergehen.
»Du gehst noch heute nacht!« sagte Hannes leise. Sein Atem flog.
»Um das Bett für deine Irene zu räumen?«
Hannes schlug zu. Er traf die Schulter des Bruders, die Jochen vorschob, um den Schlag abzufangen. Dann hielten sie sich umfangen, rangen miteinander, stießen mit den Köpfen zueinander und drängten sich an den schmalen Bordsteg, dem Wasser entgegen.
»Ich ersäufe dich!« keuchte Hannes. Er drückte Jochen von dem Ladebunker weg. »Du Schwein, du. Du Aas!«
Aus der Kajüte trat der alte Baumgart. Er sah die ringenden Schatten an der Bordwand und warf seine Pfeife auf die Planken. Mit schnellen Schritten rannte er auf die Kämpfenden zu, hob die Hand und ließ sie klatschend, wahllos hin und her schnellend, auf die Gesichter der ringenden Brüder fallen.
Er schlug wortlos zu, mit zusammengebissenen Zähnen. Er trieb sie vom Ladebunker weg nach hinten auf den freien Platz vor das Ruderhaus und ließ die Hände erst sinken, als die Brüder nebeneinander standen und ihre Köpfe wehrlos unter seinen Schlägen hin und her pendelten.
»Meine Söhne!« keuchte der alte Baumgart. Er faßte sich an das Herz, aber er taumelte nicht und trat sogar einen Schritt zurück, als Jochen ihm helfen wollte. »Das sind meine Söhne! Zwei Bestien, die sich gegenseitig umbringen wollen! Brüder! Ein Fleisch und Blut! Für so etwas habe ich mein ganzes Leben lang geschuftet, um Schufte großzuziehen!«
»Er hat Irene beleidigt, Vater!«
»Dafür mordet man nicht!«
»Er hat uns alle beleidigt! Auch dich und Mutter …«
»Mutter nicht«, sagte Jochen dumpf. Die Schläge des Vaters brannten auf seinem Gesicht. Er hatte das Empfinden, daß es anschwoll und aufquoll wie ein Ballon, den man langsam aufbläst.
»Ich gehe sofort!« Jochen warf den Kopf in den Nacken. »Aber ihr hört noch von mir!«
»Hoffentlich nicht!« schrie Hannes Baumgart. Der alte Schiffer schlug wieder zu.
»Wo willst du hin?«
»Das geht euch nichts mehr an!« Jochen wischte sich die Haare aus der Stirn. Seine Wangen waren heiß von den Schlägen. »Wenn ich diesen Kahn verlasse, habe ich keinen Vater und keinen Bruder mehr! Ich komme auch ohne euch durch die Welt.«
»Als Gauner!«
»Das kann euch gleichgültig sein! Doch bevor ich gehe, sollt ihr wissen, daß ich euch hasse! Euch alle!«
»Geh!« stieß der alte Baumgart zwischen zusammengepreßten Zähnen hervor.
»Ich will zu Mutter und ihr Adieu sagen!«
Der alte Schiffer vertrat Jochen den Weg. »Du gehst so! Erspare deiner Mutter den Anblick eines Lumpen! Ich werde ihr sagen, daß du gegangen bist.«
»Aus dem Weg!« Jochen brüllte und faßte den Vater. Der alte Baumgart sah mit starren Augen zu Jochen empor.
»Willst du deinen Vater töten? Willst du ihn in den Rhein werfen? Tue es – anders kommst du nicht über mich hinweg!«
Eine Sekunde zögerte Jochen Baumgart, dann ließ er den Arm des Vaters los. Er wandte sich ab und ging mit gesenktem Kopf zurück zu dem Landesteg. Dort drehte er sich noch einmal um.
Der alte Baumgart und Hannes standen nebeneinander vor der Kajüte. Zwei Schatten. Drohend, stumm.
»Schickt mir den Koffer nach«, sagte Jochen. Er zwang sich, mit ruhiger Stimme zu sprechen. »München, postlagernd Postamt 23.«
Die beiden Schatten antworteten nicht. Er wartete einen Augenblick, dann wandte er sich um und ging.
Acht Stunden nach seiner Ankunft im Hauptbahnhof von Duisburg saß er wieder in der großen Halle im Wartesaal und trank ein Bier. In acht Stunden heimatlos geworden – ohne Eltern, ohne Bruder, ohne Zukunft, ohne Geld.
Ein Ausgestoßener. Ein Verachteter. Ein Abgleitender …
Am nächsten Morgen betrat der alte Baumgart wieder festes Land. Er verließ die ›Guter Weg‹ und fuhr mit dem Fahrrad seines Sohnes Hannes zu der ›Bank für Schiffahrt und Handel‹.
In seiner Aktentasche, die hinten auf dem Gepäckträger eingeklemmt war, trug er alle Papiere seines Schleppkahns ›Guter Weg‹ mit sich: die Baukosten, die Rentabilität, den augenblicklichen Schätzwert, den Zustandsbericht des Wasser- und Binnenschiffahrtsamtes, eine Liste der festen Kunden, die neuen Aufträge, die Vorbestellungen der Frachten (sie waren mager), die Summe und Aufstellung der außenstehenden Rechnungen, die eigenen Verbindlichkeiten … Er trug in seiner Aktentasche seine ganze Welt zur Bank, um einen Strich unter ein Kapitel seines Lebens zu ziehen.
Im ›Büro für Beleihungen, Hypotheken und Kredite‹ saß er später dem Bankbeamten gegenüber und breitete vor diesem seine Papiere auf dem großen Schreibtisch aus.
»Es ist ein gutes Schiff«, sagte er und reichte ein Foto der ›Guter Weg‹ hinüber. »Ein bißchen alt, aber fahrtüchtig und stark. Aus bestem Material. Hier, das Prüfamt schreibt es extra. Nicht so leicht und flüchtig hingezimmert wie die neuen Schiffe, die in die Häfen flüchten müssen, wenn der Rhein Treibeis führt. Ich kann mit meinem Schiff durch das Eis fahren – der Kiel hält es aus! Es ist bestes Material! Und der Laderaum ist genauso groß wie der der neuen Schiffe.«
»Wie hoch wollen Sie das Schiff beleihen?«
Der alte Baumgart zuckte zusammen. Wie hoch? Er hatte sich keine Gedanken darüber gemacht. Er wußte plötzlich nicht, wieviel er Jochen geben wollte, wieviel der Sohn brauchte, um ein Leben zu beginnen, wie hoch die Summe sein konnte, ohne daß Jochen benachteiligt würde.
»Wieviel können Sie geben?« fragte er ungelenk.
»Wir könnten das Schiff – da es sich um eine erststellige Eintragung handelt – bis zu 25 Prozent seines Wertes beleihen. Allerdings, und das wissen Sie ja auch, sind die Zinsen hoch.«
»Ja«, sagte der alte Baumgart schwer.
»Ich werde Ihren Antrag mit den Unterlagen sofort in die Prüfungsabteilung hineingeben. Vielleicht werden einige Herren das Schiff noch einmal besichtigen. Wie lange bleiben Sie in Duisburg?«
»Noch zehn Tage. Dann habe ich Fracht nach Basel.«
»Das ist kurz.« Der Bankbeamte schob die Papiere Baumgarts in eine Klappmappe. »Vielleicht ist Ihnen mit einem Vorschuß gedient. Wir müßten diesen dann aber bis zur Klärung der Hypothekenangelegenheit über Ihr laufendes Konto gehen lassen. Als Überziehungsbetrag …«
»Schulden?« Der alte Baumgart erhob sich. Er schüttelte ein paarmal den Kopf. »Nein, das tue ich nicht. Ich habe nie in meinem Leben Schulden gemacht.«
»Es handelt sich um einen kleinen Betrag, den wir durch die Hypothek später decken. Alle Kreditnehmer machen es so.«
»Ich bin nicht alle! Ich habe meine Konten immer rein gehalten.«
»Das wissen wir. Darum bieten wir Ihnen dies auch an. Wir könnten Ihnen vorerst 3.000 DM geben.«
»3.000 DM …« Der alte Baumgart nickte langsam. »Ich werde sie Ihnen vor der Hypothek abtragen. Ich werde auch über diesen Berg kommen.«
3.000 DM. Die ersten Schulden. Schulden für Jochen.
Als der alte Baumgart wieder hinaus zum Hafen fuhr, wußte er nicht, wie es weitergehen sollte. Die Fracht nach Basel war die letzte … Er hatte nach Basel keine neue mehr! Und die Gelder, die er mit dieser Fahrt einnahm, reichten gerade aus, das Leben zu erhalten und den Ladebunker 2 auszubessern.
Im Hafen traf er Jochen. Er sah etwas blaß aus, unausgeschlafen, sogar unrasiert. Der alte Baumgart blieb stehen, als Jochen ihm entgegentrat.
»Warst du auf dem Schiff?«
Jochen schüttelte den Kopf. »Ich wollte vermeiden, daß mein Bruder Hannes wieder Tötungsgelüste bekommt.«
Er sprach arrogant, abgehackt, so, als sei es unter seiner Würde, mit dem alten Mann zu sprechen. Peter Baumgart betrachtete seinen großen Sohn. Dann griff er in die Tasche und hielt ihm die drei Bündel Hundertmarkscheine hin. Er preßte so fest die Faust darum, daß die Geldscheine zerknittert an den Seiten hervorquollen.
»Nimm!« sagte er hart.
Jochen starrte auf die Geldscheine. »Was soll das, Vater?«
»Nimm. Es gehört dir!«
»Mir?«
»Eine Anzahlung. Schuldengeld! Du wirst noch mehr bekommen – und dann will dich keiner mehr auf dem Schiff sehen! Auch Mutter nicht!«
Jochen Baumgart senkte den Kopf. Er verstand. Man zahlte ihn aus, man jagte ihn weg. So wenigstens sah er es. Er hielt die Hand auf und ließ sich die drei Bündel geben. Ohne nachzuzählen, stopfte er sie in seine Jackentasche.
»Eine Quittung?« fragte er anmaßend.
»Ja«, sagte der alte Baumgart hart. »Ich möchte vermeiden, daß du später behauptest, du habest die 3.000 DM nicht bekommen …«
Der alte Baumgart hatte sich abgewandt und ging ruhigen Schrittes zu den Kais. Er sah sich nicht mehr um.
Jochen Baumgart sah dem nach vorn gebeugt gehenden Vater nach. Auflehnung und Zorn quollen in ihm empor.
Er faßte in die Tasche.
Eine Handvoll Geld. Geld! Das einzige Wort, das alle Türen öffnet.
Mit 3.000 DM in der Tasche ist man zwar kein Krösus, der sich die Welt erobern kann – man darf sie sich höchstens ansehen und sich Gedanken machen, wie man zu mehr Geld kommt …
Aber Jochen Baumgart genügte das Geld. Er trug in seiner Tasche eine Adresse, die mehr wert war als alle Hypotheken, die sein Vater auf den alten Kahn aufnehmen konnte. Eine Anschrift, die ihm ein Mitstudent gegeben hatte als Gegengabe für die Adresse eines Mädchens in München, die man die ›Muse der Studenten‹ nannte … Damals ahnte er noch nicht, wie wichtig gerade diese Adresse des jungen Mitstudenten eines Tages für ihn sein würde, eine Adresse, die sich las wie eine Alltagsanschrift: Paul Meyer, Duisburg-Homberg, Panamastraße 17, Telefon 94 67 92.
Nachdem er eine Kleinigkeit gegessen und ein Bier getrunken hatte, ging er in die Telefonzelle des Restaurants und drehte die Nummer. Es knackte, er hörte drüben das Rufzeichen herausgehen und lächelte, als sich eine Mädchenstimme meldete.
»Bei Meyer.«
»Diplom-Volkswirt Baumgart. Ist Herr Meyer zu sprechen?«
»Herr Meyer ist noch nicht zu Hause. Kann ich etwas bestellen?«
Baumgart zögerte. »Nein – doch, halt! Sagen Sie Herrn Meyer bitte, ich würde heute abend kommen. Sonst nichts.«
Das Mädchen bei Meyers schien zu nicken. »Wie war Ihr Name noch, mein Herr?«
Jochen grinste und legte auf. Lassen wir den Herrn Meyer schmoren. Er wird sich Gedanken machen, woher ein fremder Mann weiß, daß er sich abends einladen kann.
Er sah auf die Uhr und beeilte sich, in ein großes Kaufhaus zu kommen. Dort besorgte er sich einen Smoking und alles, was dazu gehörte, ließ es hinüber in sein Hotel schicken und bummelte durch den warmen. Sommerabend den Rhein entlang, setzte sich an das Ufer auf eine weißlackierte Bank und fand, daß er den Tag gut verbracht hatte.
Das Haus des Herrn Paul Meyer in Duisburg-Homberg lag in einem großen, alten, verwilderten Park mit hohen Eichen und düsteren Blautannen, zwischen denen die Rosenrabatten verkümmerten und nach Licht und Luft schrien.
Jochen Baumgart läutete und bewunderte die Tür, die den Bau verschloß. Bronzetüren – wie vor einem Dom! Oder wie vor einer Festung. Uneinnehmbar, unauframmbar.
Er wartete. Dann läutete er noch einmal. Er ließ den Finger diesmal länger auf dem eloxierten Klingelknopf. Über sein Gesicht zog ein hartes Lächeln. Natürlich, dachte er. Ich bin ein ungebetener Gast. Vielleicht gibt es auch ein Klingelzeichen – doch das stand nicht auf der Adresse.
Er knöpfte seinen Mantel über dem Smoking auf. Es war eine warme Nacht, drückend und schwül, als käme ein Gewitter.
Er läutete noch dreimal, das letztemal hielt er den Finger so lange auf dem Klingelknopf, bis sich die schwere Bronzetür öffnete. Ein Mann in einem Smoking stand im Türrahmen und füllte ihn aus.
Drei Zentner, dachte Jochen und verbeugte sich lächelnd. Knapp, militärisch kurz.
»Baumgart«, stellte er sich vor.
»Bitte?« sagte der dicke Mann in der Tür. Er hatte eine verhältnismäßig helle Stimme für seinen Körperumfang.
»Ich hatte angerufen. Ihr Mädchen – nehme ich an – nahm das Gespräch entgegen.«
»Ach – Sie waren es!« Der dicke Mann nickte mehrmals. »Sie luden sich ein? Leider weiß ich nicht …«
Jochen Baumgart hob die Hand. »Herr Meyer«, sagte er leise, als könne man sie belauschen, »ich weiß, daß Direktor Vogel und Generaldirektor Meerbach Ihre Gäste sind. Ich weiß, daß die junge Baronin Pamela und ab und zu die Frau des Herrn Konsul Wegmann …«
Paul Meyer hob die Hand. Über sein dickes Gesicht lief ein entsetztes Erstaunen. »Bitte, es genügt«, sagte er tief atmend, als habe er einen Dauerlauf durch seinen verwilderten Park gemacht. »Bitte, treten Sie ein.«
Sie kamen in eine große Halle mit einer in das Obergeschoß frei hinaufschwingenden Treppe barocken Stils. Ritterrüstungen standen an den Wänden, alte Teppiche bedeckten den Boden aus gebrannten und glasierten Klinkern in dezenten Pastellfarben. Aus einem Nebenraum ertönte leise Musik, gedämpft durch die dicken Türen, die von der Halle nach allen Seiten abgingen.
Paul Meyer nahm Jochen Baumgart den Mantel ab und legte ihn über die Lehne eines Brokatsessels.
»Was wünschen Sie hier, mein Herr?«
»Ich möchte Mitglied werden.«
»Wie bitte?« Paul Meyer drückte das Kinn an den Kragen. »Ich verstehe Sie nicht, Herr …«
»Baumgart.« Jochen lächelte mokant. »Es wird ein Name werden, den Sie sich merken müssen. Soviel ich weiß, und ich bin bestens informiert, haben bei Ihnen die Baronin Pamela und Generaldirektor Meerbach zweimal wöchentlich ein Zusammentreffen, das nach einem Sektgelage sich oben in einem der stillen Zimmer fortsetzt.« Jochen schaute zur Galerie empor, wo er schwach die Türfüllungen der Schlafzimmer sehen konnte. »Auch soll die junge und charmante Frau Konsul immer telefonisch erreichbar sein und sofort kommen, wenn Herr Direktor Schleggel von den Ruhrstahl-Werken im Haus ist.«
Paul Meyer fühlte, wie er zu schwitzen begann. Er schielte zu Jochen Baumgart und wunderte sich, daß ein so junger, angenehm aussehender und sichtlich gebildeter Mensch so hundsgemein sein konnte.
»Sie wollen mich erpressen?« fragte er mühsam.
»Aber nein!«
»Die Herren, die Sie nannten? Oder die Damen?«
»Auch nicht. Ich glaube, wir mißverstehen uns gründlich.«
»Sie wünschen ein – eine – wie soll ich sagen – eine Aussprache mit den Damen, die hier meine Gäste sind? Sie wollen sich dem Kreis anschließen?«
»Genau das, Herr Meyer. Mir ist Ihr Privatklub sehr empfohlen worden. In München. So weite Kreise zieht er. Der Sohn eines Ihrer Klubmitglieder verriet mir Ihre Adresse. Ich bin der Ansicht, daß die gesellschaftlichen Vorteile Ihres Klubs unvergleichlich größer sind als etwa die Mitgliedschaft des Rotary-Klubs oder einer anderen Gesellschaftsloge. Bei Ihnen ist man Mensch, so völlig Mensch, daß es eigentlich nichts gibt, was man unter Klubmitgliedern menschlich besprechen kann.« Er lächelte freundlich. »Sie sind doch hier alle im wahrsten Sinne eine Familie …«
Paul Meyer setzte sich in einen der Brokatsessel und schlug die Beine übereinander. »Ihre Logik ist verblüffend, Herr Baumgart. Nur komme auch ich mit Logik. Und die dürfte Ihnen schwerer fallen. Eintrittsgebühr 10.000 DM.«
»Wird nachgereicht. Eine zehnprozentige Anzahlung steht Ihnen zur Verfügung.«
»Monatsbeitrag 1.000 DM.«
»Auch darüber ist nicht zu diskutieren.«
Paul Meyer erhob sich. »Ich bin verpflichtet, bei einer Neuaufnahme erst die Herren zu befragen. Es muß ein einstimmiger Beschluß sein.«
»Ich bitte darum.« Jochen Baumgart verbeugte sich wieder in der knappen Art, die er geübt hatte und für sehr wirksam hielt. »Sagen Sie den Herren, daß eine völlige Diskretion nur dann gewährleistet ist, wenn ein Mitwisser auch gleichzeitig Mitspieler ist.«
Paul Meyer wirbelte herum. Sein dicker Körper schien den engen Smoking zu sprengen.
»Das ist …«
Jochen Baumgart lächelte charmant. »… die Wahrheit. Oder Lebensweisheit. Oder Selbstschutz … Nennen Sie es, wie Sie wollen. Die Herren werden es verstehen und sich einig sein. Und bestellen Sie dem Herrn Generaldirektor Meerbach, daß ich es besonders begrüßen würde, seine persönliche Freundschaft zu erwerben.«
Schwitzend, mit bleichem Gesicht, verließ Paul Meyer die Halle der Villa und verschwand hinter einer Tür im Hintergrund.
Nach etwa zehn Minuten, in denen Jochen Baumgart die Ritterrüstungen betrachtet und in einem französischen Magazin geblättert hatte, das auf einem Tisch lag, betrat Paul Meyer in Begleitung eines Herrn im Frack wieder die Halle. Jochen legte das Magazin zurück auf den Tisch.
»Burbach«, sagte der Herr im Frack. Er musterte Jochen schnell. Die Tränensäcke unter seinen Augen gaben dem Gesicht etwas Melancholisches. Aber Baumgart spürte, daß dieser elegante Mann eine Gefahr für seinen Plan war.
»Baumgart«, sagte Jochen.
»Ich bin beauftragt, Ihnen einen Vergleich vorzuschlagen. Sie wissen etwas, und das wollen Sie zu Geld machen. Ein natürlicher Vorgang. Wie hoch ist Ihr Preis?«
Jochen Baumgart lächelt mokant. »Zahlen erregen mich nicht«, sagte er selbstbewußt. »Ob sie auf einem Scheck stehen oder auf einer Banknote. Ich kann es mir leisten, Ihnen zu sagen, daß ich nicht käuflich bin.«
»Sie suchen Verbindungen, Herr Baumgart?« Direktor Burbach hatte eine Idee. »Sie wollen unsere Kreise engagieren?«
»Vielleicht.« Jochen Baumgart drückte seine Zigarette in einem Jadeaschenbecher aus. »Ich habe Ideen …«
»Bitte keine Erfindungen!« Direktor Burbach verzog den Mund, als habe er Essig getrunken. »Die Erfinder sind das letzte, was wir verkraften können!«
»Ich möchte ein Schiff haben«, sagte Baumgart. Seine Stimme war plötzlich nicht mehr weich und ein wenig spöttisch, sondern hart und abrupt.
Paul Meyer riß die kleinen Augen auf. »Ein Schiff?«
»Verrückt«, setzte Direktor Burbach fort.
»In Ihren Augen. Für mich ist dieses Schiff eine Lebensnotwendigkeit. Sie werden es verstehen, wenn ich Ihnen meine Pläne vortrage.«
Direktor Burbach winkte ab. Sein Gesicht war blaß. Die Tränensäcke hingen wie dicke Birnen auf die Wangen.
»Sparen Sie sich die Pläne, Herr Baumgart. Ein Schiff! Das ist die tollste Erpressung, die es bisher gab. Ein Schiff kostet Millionen – dafür lassen wir es lieber zu einem Skandal kommen, willigen in die Ehescheidungen unserer Frauen ein und versuchen, alles im Sande verlaufen zu lassen. Das ist uns Ihr schäbiges Wissen nicht wert!«
Er wollte sich abdrehen, aber Baumgart hielt ihn mit einem Wort zurück.
»Es wird Morde und Selbstmorde geben. Wenn der Herr Konsul erfährt, daß seine junge Frau heimlich in diesem Klub hier sich mit …«
Paul Meyer hob die Hand. »Lassen Sie das, Baumgart.«
»Es wird eine Schießerei geben! Der Konsul ist Südländer. Diese Männer sind wie Druckkessel, an denen die Ventile nicht arbeiten! Sie explodieren.«
Direktor Burbach drehte sich wieder herum. Über sein bleiches Gesicht zuckte es. »Ich möchte Sie umbringen, Baumgart. Ich möchte Sie kaltlächelnd erschießen!«
»Bitte, tun Sie es. Wenn ich morgen früh nicht nach Hause komme, wird bei der Polizei ein Tonband abgeliefert, auf das ich alles gesprochen habe, was ich vom Paul-Meyer-Klub weiß.« Er hob wie bedauernd die Schultern. »Die Technik, meine Herren. Wir sind ihr Sklave geworden.«
Direktor Burbach strich sich über die Haare. »Kommen Sie!« sagte er heiser. »Ich werde Sie den anderen Herren vorstellen.«
Die Bank bewilligte ein Darlehen auf die ›Guter Weg‹.
Der alte Baumgart wurde wieder in das große, neue, fast nur aus Glas bestehende Gebäude der Bank bestellt, und einer der Direktoren übergab ihm den Schuldschein zur Unterschrift.
»Wir geben Ihnen das Darlehen gerne«, sagte er. »Seit fast dreißig Jahren arbeiten wir mit Ihnen ohne Reklamationen oder Schwierigkeiten zusammen, etwas, was man nicht von allen unseren Kunden sagen kann.« Er räusperte sich, weil der alte Baumgart zögerte und mit dem Füllfederhalter ungelenk über dem Darlehnsschein spielte. »Deshalb ging auch alles so schnell.«
»Danke.«
Der Direktor sah erstaunt auf den alten Baumgart. Der hatte den Füllhalter wieder hingelegt.
»Warum unterschreiben Sie nicht?«
»Es ist schwer, Herr Direktor.«
»Schwer, Geld zu bekommen?«
»Schwer, ein halbes Leben wegzugeben.« Der alte Baumgart sah zu dem kopfschüttelnden Direktor auf. »Sie verstehen es nicht. Wer kann es Ihnen übelnehmen? Sehen Sie, seit meinem zehnten Lebensjahr fahre ich auf den Flüssen und Kanälen, ich habe von meinem Vater das Motorschiff übernommen. Immer war es schuldenfrei, immer waren wir ehrlich, immer konnte ich sagen: Mein Schiff gehört mir. Und auf einmal, im Alter, am Ende meines Lebens, gebe ich einen Teil des Schiffes weg. Es gehört nicht mir allein – es gehört der Bank. Und immer, wenn ich jetzt am Ruder stehe, muß ich mir sagen: Peter, paß auf, steuere gut – wenn etwas passiert, wenn du die Kanalmauer rammst oder zusammenstößt, wenn du auf Grund gerätst – es ist nicht mehr dein Schiff. Es ist Eigentum der Bank!«
»Aber Herr Baumgart!« Der Direktor legte seine Hand auf die breite Schulter des alten Schiffers. »Diese 30.000 DM sind doch nur ein Bruchteil des wirklichen Schiffswertes.«
»Aber dieser Bruchteil gehört nicht mehr mir! Verstehen Sie das nicht?«
»Sie tun es für einen guten Zweck.«
»Glauben Sie das? Ich möchte hoffen, daß Sie recht haben.«
»Es ist doch für Ihren Sohn.«
»Auch unter Söhnen gibt es jene und solche.«
Der Direktor lächelte zurückhaltend. Ein Knurrbock, dachte er. Ist zeit seines Lebens nicht von den Planken seines Kahnes gekommen und fühlt sich jetzt wie ein Märtyrer, weil der Sohn nicht so will wie er.
»Sie schaffen mit dem Geld die Lebensgrundlage Ihres Sohnes, Herr Baumgart«, sagte er.
»Es wird sich zeigen.«
Peter Baumgart nahm den Füllhalter wieder vom Tisch. Er beugte sich über das Blatt Papier und schrieb.
Peter Baumgart. Ungelenk, grob, mit der Feder kratzend.
Dann warf er den Füllhalter hin und sprang auf.
»Das wär's.«
»Ich danke Ihnen. Das Geld können Sie an der Kasse abholen.«
Generaldirektor Meerbach und Direktor Schleggel empfanden es unter ihrer Würde, daß sie warten mußten.
Sie saßen in dem großen Direktionszimmer der Stahlwerke, rauchten mit ziemlicher Erregung eine lange und goldgelbe Importe und gossen sich abwechselnd die Kognakschwenker mit französischem Kognak ein. Aber sie warteten, so schockierend es für sie war. Sie sahen keine andere Möglichkeit, als sich den Gegebenheiten zu beugen und auf die Zähne zu beißen.
Die Tatsache, der sie nicht aus dem Wege gehen konnten, hieß Jochen Baumgart.
Nach dem Abend bei Paul Meyer – »… Es war reizend bei Ihnen«, hatte Baumgart zum Abschied gesagt und der Baroneß Pamela die Hand geküßt – hatte er die Einladung Generaldirektor Meerbachs angenommen, im Betrieb unter sechs Augen die ganze Angelegenheit – Meerbach nannte es ›den ganzen Fragenkomplex‹ – mannhaft durchzusprechen. Auch die Sache mit dem Schiff, so wahnsinnig sie auch sein mochte.
Nun ließ Jochen Baumgart sie warten. Eine halbe Stunde war über den vereinbarten Termin verstrichen – eine knappe halbe Stunde blieb nur noch übrig, bis eine neue Besprechung begann. Das Leben eines Generaldirektors ist nach der Uhr eingerichtet und läuft mit dem Zeiger weiter – und ab.
»Impertinent, dieser Bursche!« sagte Direktor Schleggel. Er wanderte in dem großen Zimmer hin und her und trug seinen Kognakschwenker in der Hand. »Er macht es extra. Er will uns zeigen, wie unentbehrlich er ist. Wie hoch er sein Wissen einschätzt! Wie klein wir vor ihm sein müssen! Es ist ekelhaft.«
Es klopfte. Die Sekretärin steckte den Wuschelkopf durch die Türspalte. »Ein Herr Baumgart, Herr …«
»Bitte!«
Meerbach stellte sich mit dem Rücken zum Fenster und reckte sich. Er war kampfeslustig und nicht gewillt, sich Baumgart so schnell zu ergeben.
Jochen Baumgart betrat den großen Raum mit einem freundlichen und fast bescheidenen Lächeln. Schleggel nannte es im stillen eine Frechheit. Wer erpreßt, hat kein Recht, zu lächeln. Erpressen ist das gemeinste und brutalste Verbrechen, weil es das Opfer wehrlos macht und die tiefsten menschlichen Bezirke berührt.
»Guten Morgen«, sagte Jochen Baumgart. Er sah von Meerbach zu Schleggel und erwartete nicht, eine Antwort zu erhalten. »Ich komme etwas später …«
»43 Minuten später …«
»Besser als 43 Jahre! Ihre Gattin, Herr Schleggel, ist doch 43, wenn ich mich nicht irre.«
»Was soll das?«
»Die Baroneß Pamela ist 26 Jahre alt. Das ist eine Differenz von 17 Jahren – für eine Frau eine sehr kritische Differenz. Vor allem aber bei einem Mann, der sich so jugendlich fühlt wie Sie, Herr Schleggel.«
»Sie sind ein Schwein!«
»Aber meine Herren!« Meerbach klopfte mit dem Fingerknöchel auf den Tisch. Sein Gesicht war etwas bleicher geworden. Die Worte, mit denen sich Baumgart einführte, schienen nicht dazu angetan, auf lange Verhandlungen zu hoffen. »Wir wollen doch sachlich bleiben! Schließlich geht es ja um Geld.«
»Um Ihr Geld.«
»Im übertragenen Sinne auch um Ihres, Herr Baumgart. Sie sind ja schließlich hier, um mit dem Geld einen Taschenwechsel vorzunehmen – von unserer Tasche in Ihre Tasche. Da nutzt es nichts, daß man zetert und sich beschimpft, man muß real bleiben.« Er winkte Baumgart zu. »Bitte, nehmen Sie Platz. Eine Zigarre? Nein? Bitte, es stört Sie doch nicht, wenn ich rauche?«
Jochen Baumgart setzte sich. Er beobachtete Generaldirektor Meerbach. Ein raffinierter Bursche, dachte er. Spielt den Jovialen, verletzt nie die gesellschaftlichen Spielregeln, bleibt der Gentleman, auch wenn es um seinen Kragen geht. Ein harter Brocken.
»Haben Sie sich überlegt, was ich bei unserem Freund Meyer vorschlug?« fragte Jochen.
Meerbach nickte eifrig. »Wir haben lange deswegen konferiert. Herr Schleggel und ich sind von unseren Gesellschaftern beauftragt, Ihnen Vorschläge zu unterbreiten. Sie wissen, daß es bei einer AG immer ein Gesellschafterbeschluß ist, der solche Dinge regelt. Ich selbst habe keinerlei Verfügungsrecht oder einschneidende Kompetenzen. Ich bin – wie man so sagt – der oberste Beamte einer Privatbehörde. Weiter nichts. Ein Gehaltsempfänger.«
»Mit 3 % Beteiligung am Gesamtumsatz.«
Meerbach sah kurz hoch. Seine Beherrschung war glänzend. Er lächelte sogar.
»Sie sind informiert wie gewisse Zeitschriften. Gratuliere!«
»Danke!« Baumgart verbeugte sich im Sitzen. »Es mag Ihnen dies ein Beweis sein, daß ich Dilettantismus in jeder Form mißachte.«
Direktor Schleggel biß sich auf die Unterlippe. Das war eine Drohung – er verstand sie so gut wie Meerbach.
»Was wollen Sie?« fragte er grob.
»Ich will ein Schiff!«
»Das war also keine Bierlaune von Ihnen?«
»Ich pflege bei geschäftlichen Dingen nicht in alkoholischen Phrasen zu denken. Wenn ich sage: ein Schiff – dann meine ich ein Schiff! Kein Klotz wie die ›Bremen‹ – das wäre schon ein psychiatrischer Fall. Ich will – und das habe ich Ihnen schon erklärt – ein modernes Motorschiff für die Binnenschiffahrt. Einen Motorschlepper, der nach den neuesten Erkenntnissen gebaut ist, viel Ladefläche besitzt und die Konkurrenz aus dem Feld wirft durch rationellste Kalkulationen aufgrund des Modernen.«
»Und warum wollen Sie ein Schiff? Sie als Diplom-Volkswirt und Jurist?«
Jochen Baumgart sah auf seine Hände. Sein Gesicht war verschlossen und hart. »Das sind Gründe, die Ihrerseits auf kein Interesse stoßen.«
»Vielleicht doch.«
»Nein!« sagte Baumgart. Es war laut und grob.
»Sie wollen also eine Motorzille auf dem Rhein. Haben Sie denn das Steuermannspatent?«
»Haben Thyssen oder Krupp es?«
»Sie sind Unternehmer. Reeder. Sie haben ihre Kapitäne.«
»Ich werde den meinen haben.«
»Sie wollen also Reeder werden?«
»Ja.«
»Mit unserem Geld!«
»Sagen wir besser mit Ihrer freundschaftlichen Hilfe. Ein Liebesdienst unter Klubmitgliedern. Wo wir doch soviel gerade von Liebe verstehen …«
Schleggel blickte zu Baumgart hinüber. Jochen goß sich einen Kognak ein – ein halbes Schwenkglas voll. Schleggel grinste. Vielleicht ist dies seine verwundbare Stelle. Vielleicht können wir ihn mit Alkohol niederzwingen. Auch Meerbach sah es, aber er beugte sich schnell wieder über seine Papiere.
»Wohl bekomm's, Herr Baumgart«, sagte er. »Ich habe hier eine Kalkulation aufgestellt. Wie Sie wissen, hat unser Konzern Schiffe auf den Binnengewässern liegen, so daß wir genau informiert sind, was in einem solchen Geschäft steckt. Wir kennen die Aktiva und Passiva – wir haben ein statistisches Material von über dreißig Jahren. Darf ich Ihnen sagen, daß Sie in spätestens drei Jahren pleite sein werden?«
»Oder ich habe drei neue Schiffe auf dem Wasser.«
»Wohl kaum. Der Binnenschiffahrtsmarkt ist flau! Er steckt in einer Krise. Die Elbe fehlt uns – die sogenannte DDR mit ihren Wasserwegen. Die Donau fließt durch rotes Land. Auch hier ist eine Kalkulationslücke. Unser Europa ist zu klein geworden für die Schiffe, die vom Binnenwasserhandel leben wollen. Wir stellen uns um. Wir haben die Pläne dazu in den Panzerschränken liegen. Aber Sie, Baumgart? Ein Schiff bleibt ein Schiff, und es lebt von Ladungen. Da ändert sich nichts. Da gibt es keine Umstellungen der Produktion. Die Binnenschiffahrt ist der undehnbarste Wirtschaftszweig.«
Jochen Baumgart sah Meerbach an. Er hat recht, durchfuhr es ihn. Er hat bestimmt recht. Aber ich muß ein Schiff haben. Ich muß!
»Lassen Sie das bitte meine Sorge sein«, sagte er ein wenig arrogant. Direktor Schleggel scharrte mit den Füßen über den dicken Veloursteppich.
»Es ist unser Geld, Herr Baumgart. Wir wollen sichergehen.«
»Ihre Sicherheit ist meine Schweigsamkeit – wollen Sie mehr Aktiva von mir?«
Generaldirektor Meerbach seufzte. Er klappte seinen dünnen Hefter wieder zu und sah mit schrägem Kopf auf Baumgart.
»Angenommen, wir leihen Ihnen ein Schiff.«
»Ich nehme keine Almosen.«
»Sie erpressen bloß, nicht wahr?«
Jochen Baumgart erhob sich schroff. »Ich glaube, wir reden aneinander vorbei, meine Herren. Ihre Zeit ist kostbar, die meine auch. Ich werde mir erlauben, im Laufe des heutigen Nachmittags Ihrer Gattin, Herr Meerbach, meine Aufwartung zu machen.«
»Sie wollen plaudern?«
»Ich möchte meine Neugier stillen, ob Ihre Gattin wirklich so schlecht aussieht, daß Sie sie mit der kleinen Frau Konsul betrügen.«
»Gut«, sagte Meerbach leise. »Wir geben Ihnen ein Darlehen auf unbestimmte Zeit und ohne Zinsen und Amortisation. Über die Zurückzahlung treffen wir ein Gentleman-Abkommen. Sie können über das Geld sofort verfügen, wenn Sie ein geeignetes Objekt gefunden haben.«
»Ich danke Ihnen.«
Generaldirektor Meerbach sah zu Direktor Schleggel hinüber. Es hilft alles nichts, sagte dieser schnelle Blick. Der Kerl hat uns in der Hand.
Jochen Baumgart atmete auf. Erreicht! Ein Schiff! Ein großes, modernes Schiff! Wie es erreicht wurde, war jetzt von minderer Bedeutung.
Er würde in Kürze über die nassen Straßen Europas fahren und es den Dickköpfen von Baumgarts zeigen, daß er, der Jochen Baumgart, recht behielt! Dann wollte er sein Konto bei Meerbach und Schleggel begleichen, auf den Pfennig genau, so wie es sich gehört für ein Darlehen.
Jochen Baumgart verließ schnell das Zimmer und wartete im Sekretariat, bis die Chefsekretärin ihm einen verschlossenen Umschlag brachte. Er dankte, steckte ihn in die Seitentasche seines Rockes und rannte aus dem Büro.
Wovor flüchte ich, dachte er. Vor mir, vor meiner Gemeinheit? Er setzte sich in einer kleinen Parkanlage am Rhein auf eine Bank und sah über den breiten Strom.
Dann griff er in seine Rocktasche, holte den verschlossenen Umschlag hervor und zerriß die festgeklebte Lasche. Ein kurzer Brief lag in dem Kuvert, unterschrieben von Meerbach und Schleggel.
»Herr J. Baumgart ist berechtigt, auf unsere Rechnung den Kauf eines Rheinmotorlastschiffes zu tätigen.«
Weiter nichts. Zwei Zeilen, die ein Vermögen wert waren.
Am gleichen Abend noch fuhr Jochen Baumgart zu einer Werft nach Hamburg.
Nachdem der alte Baumgart das Geld nach München überwiesen hatte, fuhr die ›Guter Weg‹ wieder aus dem Duisburger Hafen hinaus, durch die Schleusen und Kanäle, hinauf nach Norden, nach Bremen.
Durch den Dortmund-Ems-Kanal und den Mittellandkanal zogen sie langsam bis Minden, bogen in die Weser ein und zogen durch das moorige Flachland dem großen Hafen zu. Es war eine traurige, stille Fahrt.
Peter Baumgart saß im Ruderhaus auf einem Klappstuhl neben dem großen Steuerrad und sah durch die Fenster hinaus auf die Schleusen und Kanäle, auf die Wasserstationen und Zollboote, und es war ihm, als sei es seine letzte Fahrt. Er winkte den Wasserschutzpolizisten zu, den Hafenmeistern, den Wasserbau-Inspektoren, die mit schnellen Motorbooten die Wasserwege abfuhren und kontrollierten, die Spundwände der Kanäle, die Schleusen und Brückendurchfahrten, die Fahrrinnen in den Flüssen, die immer wieder mit großen Baggern vom Stromsand freigeschaufelt werden mußten.
Er erkannte sie alle – Gesichter, die mit ihm alt geworden waren, Generationen, die er hatte aufwachsen sehen wie seine eigenen Kinder. Jetzt waren es Männer geworden, die ihn ›Papa Baumgart‹ genannt hatten, und sie ließen die Sirenen heulen oder die Dampfpfeifen gellen, wenn die ›Guter Weg‹ langsam, breit, behäbig wie eine Matrone durch das Wasser furchte.
Er kannte jedes Haus an den Flüssen und Kanälen. Er kannte jeden Schlot, jedes Maschinenhaus, jeden Förderturm, jede Windmühle, jeden Glaspalast am Strom. Jeder Flecken dieses Landes hatte sein eigenes Schicksal, und der alte Baumgart kannte es, hatte es miterlebt, verfolgt, bedauert, sich gefreut.
Das alles war nun vorbei. Hannes fuhr das Schiff, er, der Alte, saß daneben, rauchte seine Pfeife, las die Zeitung, die sie bei Aufenthalten kauften oder die ihnen die Lotsen oder Wasserbau-Inspektoren an Bord brachten.
Manchmal wollte er etwas sagen: Hannes, du mußt mehr in der Mitte fahren. Hannes, die Spundwand dort ist abgesackt. Halte dich mehr nach links, Hannes, die Schleuse III hat ihre Tücken. Du mußt … Aber er schwieg. Er biß auf das Mundstück seiner Pfeife und beobachtete seinen Sohn.
Ein guter Kerl, dachte er dann. Ein geborener Schiffer. Er wird wie alle Baumgarts auf dem Schiff sterben.
Wie alle Baumgarts?
Der Gedanke, einen Sohn zu haben, der nach sechsundzwanzig Jahren nicht mehr zu ihm gehörte, der einfach wegging, als sei er ein Fremder, beschäftigte ihn mehr, als er sich selbst eingestehen wollte.
Er hatte sich von Minden aus erkundigt: Das Geld, die 30.000 DM, lagen noch unberührt in München. Jochen war nicht nach München zurückgekehrt! Das machte den alten Baumgart sehr nachdenklich.
In Bremen löschten sie die Ladung Kohle für die Werften und Hüttenwerke. Eine Rückladung hatten sie noch nicht. So fuhren sie zum Binnenhafen und legten sich seitlich der anderen Schleppkähne an die Mauer.
Warten! Warten – wie dreißig oder vierzig andere Schiffe – auf Ladung, auf einen Auftrag, auf eine Fahrt zurück zum Rhein oder zur Elbe und zum Havelkanal nach Berlin.
Der alte Baumgart machte sich wieder auf den Weg.
»Bleib bei dem Schiff«, sagte er zu Hannes. »Solange ich noch gehen kann, werden wir Ladung haben. Wenn es nicht mehr geht, mußt du es machen. Dann kennst du die Wege und die Herren, von denen wir abhängig sind.«
Er ging den ganzen Tag durch Bremen. Er fuhr nicht mit einem Wagen oder mit der Straßenbahn. Er lief zu Fuß. Wenn ich fahre, sind dies bei allen Fahrten bestimmt 3 DM. Für 3 DM aber kann ich ein ganzes Brot kaufen, ein Viertelpfund Butter und eine dünne Streichwurst. 3 DM sind Leben, sind Sattsein und Fortbestehen. Es wäre sinnlos und verantwortungslos, sie aus Bequemlichkeit heraus zu verfahren …
Auf der Schifferbörse kaufte er sich die Verbandsmitteilungen. Er las die Artikel über die Not der Binnenschiffer, überflog die Statistiken über den Rückgang der Frachtaufträge aufgrund der erhöhten Frachtsätze und schüttelte den Kopf über einen Aufsatz von der sterbenden Romantik auf dem Wasser.
Er las auch etwas, was er nicht weiter beachtete, über das er hinweglas, weil es ihn nicht interessierte.
»Das neue Motorfrachtschiff ›Fidelitas‹ der Aconda-Werft wurde gestern in Dienst gestellt. Es handelt sich um eine von vier Dieselmotoren getriebene Selbstfahrzille modernster Ausstattung. Wie die Werft und der junge Reeder, der das Schiff gestern übernahm, erklärten, soll die ›Fidelitas‹ aufgrund ihrer Bauart nach den neuesten Strömungsforschungen das schnellste Motorfrachtschiff sein, das bis heute auf den europäischen Binnenwässern fährt. Die Jungfernfahrt der ›Fidelitas‹ geht von Hamburg durch den Geeste-Elbe-Kanal, die Unterweser und den Küsten-Kanal zum Dortmund-Ems-Kanal und dann den Rhein hinauf bis Basel. Das moderne und schnellste Schiff hat Fracht für alle Fahrten. Wie der Reeder J.B. mitteilte, will er auf dieser Fahrt einen neuen Schnelligkeitsrekord einer ›Fahrt quer durch Deutschland‹ aufstellen.«
Das J.B. in der Meldung machte Peter Baumgart nicht stutzig. Es war für ihn unmöglich, in diesem Zusammenhang etwas zu denken, was außerhalb seiner kühnsten Träume lag. Er steckte die Zeitung in die Tasche seines Rocks und ging weiter, bei seinen alten Kunden um Fracht bettelnd. Später wickelte er ein Stück Rindfleisch in die Zeitung. Erna sollte am Sonntag einen schönen Braten machen. Mit eingemachten Bohnen und Speckkartoffeln. Das Fleisch kostete 2,90 DM. Peter Baumgart war mit sich zufrieden. Es war das gesparte Fahrgeld. Es war ein erlaufener Braten.
Bei der Firma Wittfort & Co., mit der er seit zwanzig Jahren zusammenarbeitete, bekam er endlich eine Ladung nach Duisburg. Der alte Wittfort, mit über siebzig Jahren noch rüstig und von morgens bis abends hinter dem Schreibtisch seines Exportbetriebes, empfing Peter Baumgart – wie alle Geschäftsfreunde – mit Händeschütteln und einem Kognak.
»Der sechste«, sagte der alte Baumgart. »Wenn Sie mir Kognak geben, brauche ich mich gar nicht erst hinzusetzen. Ich habe jetzt Erfahrung darin. Kognak bedeutet: keine Ladung.«
Wilhelm Wittfort drückte Baumgart in einen der alten Ledersessel. »Seien Sie nicht so verbittert«, sagte er und goß den Kognak ein. »Ich kann verstehen, daß die Zeiten einen mißtrauisch machen. Glauben Sie, ich wüßte nicht, wie es heute da draußen im Hafen aussieht?«
»Sagen auch Sie, ich sei zu langsam?« fragte Peter Baumgart stockend.
Wilhelm Wittfort klopfte ihm auf die Schulter. »Ich habe immer Ladungen für Sie, Baumgart. Immer! Wir Alten müssen zusammenhalten. Meine Söhne denken da anders. Sie rechnen mit dem Rechenschieber aus, wieviel sie gewinnen, wenn sie die Konkurrenz um drei Minuten schlagen. Der Erfolg ist, daß mein Ältester schon dreimal in Bad Nauheim war mit Kreislaufstörungen und mein Mittlerer gerade aus dem Harz zurückkehrte. Nervöses Magenleiden. Aber es ist in den Wind gesprochen, ihnen etwas zu sagen.«
»Ich weiß. Ich habe auch so einen Sohn. – Und die Ladung?« fragte der alte Baumgart.
»Ich gebe Ihnen zwei Bunker Seesand mit und zwei Bunker mit halbfertigen Eisenteilen für die Binnenwerften in Ruhrort. Zufrieden?«
»Sehr.« Der alte Baumgart schluckte. Es ist ein Almosen, empfand er. Seesand und Eisen – Dinge, die nicht verderben können, die Zeit haben, mit dem Kahn ›Guter Weg‹ über die nassen Straßen zu schwimmen. Es war gleichgültig, ob sie zwei Tage früher oder später ankamen. Aber es war eine Ladung. Es war eine Fahrt zurück an den Rhein. Es war Geld …
Als er den alten Wittfort verließ, war er traurig und zufrieden zugleich.
»In Becken III, Kai 14, wird beladen«, sagte er zu Hannes, der mit einem langen Pinsel die Luken des Ladebunkers 2 teerte. »Wir fahren sofort ab.«
Auf eine Antwort wartete er nicht, sondern ging in die Kajüte zur Erna Baumgart.
»Mutter«, sagte er und legte das Paket mit dem Braten auf den Tisch. »Es hat mal wieder geklappt. Wir sind doch nicht das alte Eisen, wie man immer behauptet. Es gibt langsamere als wir.«
In Hamburg übernahm Jochen Baumgart sein modernes Schnellschiff ›Fidelitas‹.
Es zeigte sich, daß der kurze Brief von Generaldirektor Meerbach mehr als bares Geld war. Er war ein Schlüssel zur großen Gesellschaft und zu einer bevorzugten Behandlung.
Die ›Fidelitas‹ hatte zunächst für einen Konzern laufen sollen. Sie war nicht bestellt, sondern von der Werft für eigene Rechnung gebaut worden, um sie später zu verkaufen. Der Konzern hatte das Schiff nach dem Stapellauf besichtigt und zur Bedingung einer Übernahme gemacht, daß es nach den modernsten Gesichtspunkten ausgestattet würde. Als es fertig war, kam Jochen Baumgart zufällig zu der Werft, sah dieses Schiff und legte seinen Brief auf den Tisch der Direktion.
Generaldirektor Konsul Dr. Borsch las das Schreiben und musterte verstohlen den jungen, eleganten Mann. »Das ist eine Vollmacht.«
»Allerdings.« Jochen Baumgart sah aus dem Fenster hinaus zum Schwimmdock, wo der hohe Bug des neuen Schiffes weiß in der Sommersonne glänzte. »Ich möchte die ›Fidelitas‹ übernehmen.«
»Wir haben schon einen Interessenten.«
»Das kann ich mir vorstellen. So ein modernes Schiff erregt Aufsehen. Wer auch der Interessent sein mag – ich übernehme es! Ich zahle in bar.«
»Über Herrn Meerbach?«
»Ja.«
»Für die Stahlwerke?«
»Nein. Für mich.«
Konsul Dr. Borsch nahm das Schreiben und steckte es in die Tasche. »Sie entschuldigen mich einen Augenblick, Herr Baumgart«, sagte er verschlossen. »Ich muß über diese neue und plötzliche Lage erst mit dem Werftvorstand sprechen.«
»Bitte.«
Jochen Baumgart lächelte vor sich hin. Jetzt ruft er erst Meerbach an, dachte er. Er traut mir nicht. Wer kann heute ein Schiff in bar kaufen? Aber Meerbach wird ihm schon sagen, wer ich bin. Er wird andeuten, daß Konsul Dr. Borsch manchmal Gast bei Paul Meyer ist. Und wenn der Konsul dort ist, sieht man auch Vera Begon, die Tänzerin der Oper.
Er wartete nicht lange, bis Dr. Borsch wieder ins Zimmer trat. Sein Gesicht war etwas blasser geworden. Was Meerbach ihm am Telefon gesagt hatte, ließ sich nicht so schnell verdauen.
»Die ›Fidelitas‹ bleibt also in der Familie, wenn man so sagen darf«, sagte er zu Baumgart, der nachdenklich durch das große Fenster auf das leuchtende Schiff blickte.
»Wie soll ich das verstehen?«
»Wir stellen Ihnen das Schiff zur Verfügung. Das ist bestimmt der höchste Preis, den je ein Erpresser erhalten hat!«
»Er ist nicht höher als das, was Sie verlieren könnten. Zudem möchte ich das Wort Erpresser im Zusammenhang mit mir nicht mehr hören, Herr Dr. Borsch!«
Konsul Dr. Borsch schob die Unterlippe vor. Er warf einen schnellen Blick hinaus auf das Dock und auf die in der Sonne spiegelnde ›Fidelitas‹.
»Man sollte Sie in eine Irrenanstalt sperren! Wissen Sie, was das Schiff da draußen kostet? Es hat 1.600 Tonnen und eine Länge von 90 Metern. Es ist das schnellste und modernste Schiff der deutschen Binnenschiffahrt. Sie glauben doch nicht, daß ich Ihnen dieses Schiff gebe? Meerbach und Schleggel können es nicht bezahlen, und von mir bekommen Sie keinen roten Heller!«
Jochen Baumgart fühlte, wie sein Atem stockte. Am Ziel seiner Wünsche stand plötzlich ein Mann, der keine Angst hatte. Er sah es den Augen Dr. Borsch an, daß dieser entschlossen war, zu handeln.
Jochen nahm alle Kraft zusammen.
»Sie wollen Meerbach und Schleggel opfern?«
»Wenn es sein muß – ja! Ich habe es eben Meerbach gesagt. Ihr Wissen ist keine Million wert!«
»Und was antwortete Meerbach?«
»Er überließ es mir, mit Ihnen zu verhandeln. Das tue ich jetzt! Und ich möchte Sie am liebsten hinauswerfen und mit meinen eigenen Füßen in den Hintern treten.«
»Und warum tun Sie es nicht?«
»Aus Rücksicht auf meine Freunde. Ich mache Ihnen deshalb auch ein Angebot, das mir schwerfällt, weil es gegen meine Auffassung ist.«
»Bitte?«
»Wir geben Ihnen das Schiff auf Miete. Wir vermieten die ›Fidelitas‹ an Sie auf Amortisationsbasis. Das bedeutet, daß Sie von Ihren Einnahmen jeweils 30 Prozent an uns abführen, bis das Schiff bezahlt ist und damit Ihnen gehört. Ein reelles Geschäft mit einem Lumpen. Das ist eine Novität im Reedereibetrieb. Sie haben damit das erreicht, was Sie eben so leidenschaftlich hinausschrien: Wir haben Ihnen die Möglichkeit gegeben, sich emporzuarbeiten! Was wollen Sie mehr?«
Jochen Baumgart trat an das Fenster. Auf dem langen Deck der ›Fidelitas‹ schrubbten junge Arbeiter die Planken. Die langgezogenen, flachen Kajütenaufbauten bekamen den letzten weißen Außenanstrich. Dort, unter dem niedrigen, kaum sichtbaren Schornstein, lagen im Leib des Schiffes die schnellsten und besten Dieselmotoren. Die Kraft, die dieses herrliche, schlanke Boot durch die Wasser der europäischen Ströme und Kanäle treiben würde …
»Ich nehme Ihr Angebot an«, sagte Jochen Baumgart.
Konsul Dr. Borsch atmete auf. Es war ihm, als könnte er freier atmen. Bluff ist alles auf dieser Welt, dachte er befreit. Wenn er wüßte, wie ängstlich wir alle sind! Wie sehr wir einen Skandal scheuen! Wie wichtig uns sein Schweigen ist …
»Das Schiff kann in drei Tagen in Dienst gestellt werden. Haben Sie Kapitän, Mannschaft, Steuermann?«
»Ich werde in drei Tagen mit ihnen hiersein.« Jochen Baumgart lächelte. Es war nicht das Lächeln des Siegers – es war eine Brücke zu einem besseren Kontakt, der Dr. Borsch abrupt auswich, indem er sich herumdrehte. »Für die erste Ladung sorgen Sie doch auch?«
»Wir sind eine Werft!«
»Aber Sie haben Verbindungen. Es wird Ihnen nicht schwerfallen, für Europas modernstes Binnenschiff eine Ladung zu bekommen. Die zweite und alle weiteren Fahrten besorge ich.«
»Zu gütig!« Dr. Borsch nickte. »Gut. Tun wir auch das noch für Sie. Aber dann kommen Sie nicht wieder! Ich trete Sie in die erste beste Körpergegend, wenn Sie es wagen, noch einmal hier hereinzukommen! Ihre 30 Prozent vom Erlös überweisen Sie auf unsere Bank. Ich möchte Sie nie wiedersehen!«
Vier Tage später marschierte in Becken 4, Werftanlage VI, eine Mannschaft ein, die Konsul Dr. Borsch mit offenem Mund betrachtete.
Am Fallreep der auf dem Wasser schaukelnden ›Fidelitas‹ standen einige Herren der Werft, um der Übernahme des Schiffes durch Herrn Jochen Baumgart als Zeugen beizuwohnen. Man war vorher durch das ganze Schiff gegangen, hatte es besichtigt, erklärt, die neuesten technischen Raffinessen bewundert und festgestellt, daß es wirklich kein moderneres und schnelleres Frachtschiff geben konnte.
Konsul Dr. Borsch schritt mit eisiger Miene neben Baumgart her. Er sprach kein Wort. Er ließ einen Angestellten der Konstruktionsabteilung erklären und kämpfte gegen die Übelkeit und die Wut an, ein solches Schiff einem Lumpen wie Baumgart geben zu müssen. Auch als Baumgart sich an ihn wandte und ihn fragte, antwortete er nur knapp, gerade so viel, daß es nicht gerade beleidigend war und den anderen Herren nicht auffiel.
Um 7 Uhr erfolgte der Einmarsch Kapitän Bunzels, eines verkommenen, versoffenen Kapitäns, den Baumgart in einer verräucherten Kneipe in St. Pauli engagiert und ihm damit eine neue Lebenschance gegeben hatte. Hinter ihm her marschierte im Gleichschritt und mit durchschlagenden Armen eine kleine Armee in Blau und Weiß, die neue Mannschaft der ›Fidelitas‹. Kapitän Bunzel hatte sich mit vorgestrecktem Geld ausstaffieren und seine Mannschaft zusammenstellen sollen.
Er hatte nicht zuviel versprochen. Was Baumgart sah, übertraf alle seine Erwartungen. Was da heranmarschierte, zackigen Schrittes, ausgerichtet und bepackt mit Seemannssäcken, war das Letzte, was ein Seeräuber alten Stils aus allen Häfen zusammenkratzen konnte.
Schon wer die Gesichter sah, wußte, was er zu erwarten hatte. Mächtige, muskelbepackte Körper stampften heran, denen zwei dünne Gestalten folgten. Karl Bunzel marschierte an der Spitze in einer neuen, blauen Kapitänsuniform mit drei goldenen Ärmelstreifen, einer weißen Sommermütze, sauberen Händen, frisch rasiert und mit geputzten, schwarzen Schuhen. Nur Strümpfe trug er nicht.
»Mannschaft halt!« kommandierte Bunzel laut.
Die Truppe stand wie ein Denkmal. Kein Seesack wackelte, kein Kopf schwankte.
»Die Augen – links!«
Konsul Dr. Borsch sah dem zur Meldung herantrabenden Bunzel entgegen. »Wer ist denn das?« fragte er Baumgart.
»Mein Kapitän.«
»Sie wollen doch damit nicht sagen, daß diese Gestalten aus den schrecklichsten Alpträumen Ihre Mannschaft darstellen?«
»Es ist meine Mannschaft.«
Dr. Borsch trat etwas zur Seite und zog Baumgart am Ärmel mit sich. Sein Gesicht war gerötet.
»Das ist unerhört!« sagte er leise. Er beherrschte sich mühsam und versuchte, bei seinen Worten freundlich auszusehen, weil die anderen Herren zu ihnen hinüberblickten. »Das beste Schiff Europas bevölkern Sie mit einer Räuberbande! Ich werde Ihnen morgen eine neue Mannschaft schicken! Diese hier jagen Sie zum Teufel, woher sie kommen!«
»Ich werde sie behalten!« Baumgart befreite sich von dem Griff Dr. Borschs und ging dem heranmarschierenden Bunzel einige Schritt entgegen.
»Mannschaft der ›Fidelitas‹ zur Stelle!« meldete Bunzel. »Wir begrüßen unseren Eigner und geloben, Sturm und Regen, Eis und Hitze nicht zu scheuen und ihm immer treu zu dienen. Unserem Eigner ein dreifaches Hipp, hipp, hurra!«
Die wie Eichen stehenden Kerle mit den Seesäcken brüllten, daß die Morgenluft erzitterte. Dr. Borsch war etwas blaß geworden, auch die übrigen Herren gingen einige Schritte vom Fallreep weg, als Bunzel mit seiner Mannschaft das neue, das herrliche Schiff betrat.
Auf Deck warfen sie ihre Säcke weg, stellten sich in einer Reihe auf, schwenkten die Mützen und brüllten noch einmal ein dreifaches Hipp, hipp, hurra!
Damit hatten sie Besitz ergriffen und verschwanden über den Mannschaftsgang im Inneren des Schiffes.
Dr. Borsch trat wieder an Jochen Baumgart heran. »Ich wünsche Ihnen kein Glück«, sagte er scharf. In seinen Augen stand Haß. Er gab sich keine Mühe mehr, ihn zu verbergen. »Ich wünschte, sie würden von Ihrer eigenen Mannschaft totgeschlagen! Das wäre die beste Lösung aller schwebenden Probleme. Ich möchte nicht wissen, wieviel Jahre Zuchthaus sich jetzt auf dem schönen Schiff tummeln.«
Er wandte sich ab und verließ grußlos das Werftgelände. Plötzlich hatten es auch die anderen Herren eilig. Sie nickten Baumgart zu, warfen noch einen Blick auf die ›Fidelitas‹ und gingen. Keiner wies die Mannschaft ein, keiner erklärte den Maschinisten die neuen Maschinen, keiner dem Steuermann die modernen Navigationseinrichtungen, keiner drückte dem Kapitän die Hand und wünschte ihm Gute Fahrt.
Es war die merkwürdigste, die entehrendste, die schäbigste Schiffsübernahme, die es je gegeben hatte.
Die ›Guter Weg‹ zog gemächlich ihre Bahn. Seit sie Bremen verlassen hatten, waren fünf Tage vergangen. Hannes war unten im Maschinenraum und reparierte eine Pumpe. Der alte Baumgart stand wieder am großen Rad und lenkte das Schiff wie in all den Jahrzehnten sicher und überlegen durch die Mitte des Kanals.
Seit drei Stunden hockte Hannes unten in der Tiefe des Schleppers und lehnte sich gegen die eiserne Bordwand. Er hörte deutlich das Rauschen des Wassers, das Klatschen der Wellen und sah, wie unmerklich, aus unbekannten Ritzen her, das Wasser in den Kiel sickerte und die Pumpe III versagte. Er hatte sie auseinandergenommen, neue Dichtungsscheiben eingelegt, sie neu geschmiert, die Elektrozuleitung überprüft und wieder zusammenmontiert. Sie lief noch immer nicht …
Wieder begann Hannes die Pumpe abzunehmen und jedes Teil einzeln durchzusehen. Er beugte sich über die schwere Pumpenscheibe und trug sie, mit beiden Händen umklammernd und gegen die Brust drückend, ein Stück zum Einstieg hin, wo das Tageslicht durch die Ladeluke hereinflutete.
»Rostiges Miststück«, keuchte er und tastete sich mit den Füßen weiter. Er konnte nicht sehen, wohin er trat … er spürte nur, daß er in Wasser watete.
Nahe der Luke stolperte er plötzlich. Er wollte die schwere Eisenscheibe wegwerfen und sich zur Seite fallen lassen, aber das Gewicht der Pumpe drückte ihn nieder, riß ihn mit und schleuderte ihn zu Boden. Er fiel mit dem Gesicht in das seichte Wasser, den linken Arm unter dem schweren Eisendeckel. Noch ehe er die Besinnung verlor, hörte er das Knirschen und Brechen seines Armes und spürte einen Schmerz, der bis in sein Gehirn jagte und ihn aufschreien ließ.
Der alte Baumgart stand am Ruder und sah hinaus auf das in der Abendsonne spiegelnde Wasser. Von seinem Stand aus kontrollierte er auf drei Druckanzeigern die Arbeit der Pumpen und schüttelte den Kopf, als er nach drei Stunden noch immer den Ausfall der Pumpe III bemerkte.
»Erna!« rief er aus dem Steuerhaus. Sie lächelte, als sie das Steuerhaus betrat.
»Früher hast du mich nie gerufen. Was ist los, Pitter?«
»Halt das Ruder, Erna!«
»Ich?« Ihre Augen wurden groß. »Du hast immer gesagt: Frauen gehören in die Kombüse. Das Ruderrad ist ein Heiligtum! Und jetzt …«
»Hannes wird mit den Pumpen nicht fertig.« Er schob sie hinter das große Rad, legte ihre Hände um die mächtigen Holme und zeigte geradeaus auf den wie mit einem Lineal gezogenen Kanal. »Immer den Kurs halten, Erna. Immer so die Hände lassen. Und wenn du siehst, daß da hinten einer entgegenkommt, dann ziehst du an der Sirene. Ich bin gleich wieder da …«
Er ließ seine Frau stehen und rannte aus dem Steuerhaus hinaus zu der Einstiegluke. Dort beugte er sich über das eiserne Treppengeländer und legte die Hände wie einen Schalltrichter vor den Mund.
»Hannes!« Er lauschte, aber es kam keine Antwort. »Hannes, was ist mit der Pumpe?«
Er lauschte wieder. Aber nur das Klatschen des Wassers an die Bordwand vernahm er und das dumpfe, den ganzen Leib des Schiffes durchzitternde Stampfen der alten Motoren.
Er kletterte ächzend die steile Eisentreppe hinab ins Innere seines Schiffes.
»Hannes!« rief er noch einmal. »Bist du am zweiten Schott? Wo steckst du denn?«
Er tappte weiter und merkte, daß er in Wasser ging. Dann sah er vor sich die gekrümmte Gestalt auf dem Boden liegen, halb verdeckt von dem schweren Eisendeckel der abmontierten Pumpe.
»Hannes!« schrie der alte Baumgart. Er stürzte zu dem Ohnmächtigen hin, kniete sich in das handhohe Wasser und stemmte, ächzend und vor Anstrengung die Augen schließend, den runden Deckel von dem Körper. Dann richtete er Hannes auf, tastete mit zitternden Händen über das Gesicht des Jungen und riß den blauen Monteuranzug über der Brust auf. Er legte sein Ohr an das Herz und hielt den Atem an.
Es klopfte. – Mit einem Ruck stand der alte Baumgart auf. Er stemmte keuchend den Körper seines Sohnes über die Schulter und biß sich auf die Lippen, als der Ohnmächtige laut aufstöhnte. Beim Empornehmen sah er auch, wie der linke Arm in einem seltsamen Winkel vom Körper abstand und der untere Teil hin und her pendelte, als hielten ihn nur wenige Sehnenfetzen mit dem oberen Teil zusammen.
Schwankend ging Peter Baumgart zur Treppe zurück. Dort umklammerte er mit der linken Hand das eiserne Geländer, mit der rechten hielt er Hannes auf seiner Schulter fest.
Er sah empor. Dort oben schien die Sonne. Dort oben waren Luft, Rettung, ein Bett, der Medizinkasten, die Notschiene. Dort oben, hinter diesem hellen Viereck, durch das die Wolken hereinsahen und der Sommerwind blies, war das Ende aller Schmerzen.
Vierunddreißig Stufen … Das waren vierunddreißig Ewigkeiten. Das waren vierunddreißig Schritte, steil empor, mit einer Zentnerlast auf den müden, schwachen Schultern.
Er biß die Zähne zusammen und zog sich die erste Stufe hoch. Den schweren Körper seines Sohnes drückte er etwas nach hinten. Er verteilte das Gewicht und umklammerte dann wieder das eiserne Geländer der Treppe.
Noch drei Stufen – drei endlose Schritte – er spürte, wie sein altes Herz hämmerte, wie das Blut in seinen Kopf schoß und fast dröhnend durch die morschen Adern jagte.
Vier Stufen von vierunddreißig. – Und dort oben, im Licht, in diesem kleinen Viereck, durch das er den Himmel sah und die ziehenden Wolken, war die Rettung. Greifbar nahe und doch so weit entfernt für einen alten, verarbeiteten, schwachen Körper.
»Erna!« schrie der alte Baumgart in seiner höchsten Not.
Er zog sich noch drei Stufen empor und hielt dann wieder ein. Noch siebenundzwanzig eiserne Podeste – siebenundzwanzig Schritte mit diesem schweren Körper auf den Schultern. – Es war unmöglich.
Er ließ den Körper von der Schulter gleiten und setzte den Bewußtlosen auf die Stufe vor sich. Dann rieb er die blassen Wangen, riß das nasse Hemd auf und massierte die Brust; er schlug sogar mit der flachen Hand mehrmals in das Gesicht und schüttelte den Körper. »Hannes!« rief er dabei. »Hannes, wach doch auf!«
Es half nichts. Der Körper sackte ihm unter den Händen weg. Er hatte Mühe, ihn zu umklammern und gegen das Geländer der Treppe zu drücken. Das Schiff schlingerte stark, ein großer Schlepper mußte es überholt haben.
Der alte Baumgart biß die Zähne zusammen. Er war nahe daran, zu heulen, aber er preßte die Lippen aufeinander und bezwang ein Zittern, das durch seinen Leib jagte. Mit dem Gürtel, den Hannes um die Hose trug, band er den schlaffen Körper an dem Treppengeländer fest.
Er stieß aus der Dunkelheit des Laderaumes in das helle Sonnenlicht und wollte nach seiner Frau schreien, als neben ihm ein neues, langes, glänzendes Schiff vorbeirauschte. Ein niedriger, kaum sichtbarer Schornstein, weiße Deckaufbauten, wimpelgeschmückt, lange, breite, tief im Wasser liegende Laderäume, deren Fülle die Geschwindigkeit anscheinend nicht hemmen konnte. Ein prachtvolles Schiff, wie der alte Baumgart es noch nie auf den Flüssen und Kanälen gesehen hatte. Eine Demonstration des Fortschritts und modernster Schiffbaukunst.
Am Bug und am Heck leuchteten in Goldbuchstaben dick die Namen: Fidelitas – Hamburg.
Einen kleinen Augenblick blinzelte der alte Baumgart in die grelle Sommersonne auf den weißen, schlanken Leib des Schiffes, dann rannte er, so schnell ihn seine alten Beine trugen, in das Ruderhaus, stieß die verblüffte Erna zur Seite und riß an der Signalleine der Sirene.
Kurz-kurz-kurz-lang-lang-lang-kurz-kurz-kurz.
Ein schauriges, nicht zu überhörendes, das Blau des Himmels durchschneidendes Heulen.
SOS! SOS!
»Mach weiter, bis sie halten!« schrie er Erna zu, preßte ihr die Reißleine in die Hand und rannte wieder aus dem Ruderhaus über die Planken, hinab zur Treppe.
Erna Baumgart umklammerte die Reißleine der Sirene. Sie wußte nicht, was geschehen war, aber der Anblick ihres Mannes sagte ihr, daß es etwas Schreckliches sein mußte. Mein Gott, dachte sie. Mein lieber, lieber Gott –, laß bloß nichts mit dem Hannes sein. Nur das nicht! Laß das Schiff zerbrechen, laß die Ladung absinken, laß alles geschehen, aber behüte Hannes. Er ist ja das letzte, was ich noch habe.
Mit leeren Augen zog sie an der Leine.
SOS! SOS!
Jochen Baumgart stand auf der Kommandobrücke, als die ›Fidelitas‹ in Sichtweite der ›Guter Weg‹ kam. An der Schleuse hatte er erfahren, daß sein Vater vor ein paar Stunden die Kammer passiert hatte und auf dem Wege nach Duisburg war.
Ein wilder Triumph zog durch den verblendeten Sohn. Er malte sich den Augenblick aus, da sein stolzes, modernes Schiff an dem alten Kahn vorbeirauschte … Er würde dann oben auf der Brücke stehen und hinabwinken auf den Bruder, der in seinem alten blauen Pullover bestimmt am Steuerrad stand und auf das Stampfen der alten, verrosteten Maschinen lauschte. Sogar hupen wollte er, eine Fahne hissen und dann mit aller Kraft an ›Guter Weg‹ vorbeijagen … Seht, so läuft ein Schiff, sollte es heißen. So etwas erreicht man, wenn man die Augen offenhält und einige Zeit vergißt, was Charakter bedeutet.
Am Kommandogerät und Radarschirm stand Kapitän Karl Bunzel. Er hatte seit dem Betreten der ›Fidelitas‹ noch keine Schnapsflasche wieder angesehen, geschweige denn berührt. Als Jochen ihm am ersten Abend einen Whisky anbot, lehnte er ab.
»Ich will ein anderer Mensch werden, Mister«, hatte Bunzel gesagt. »Sie haben mir wieder ein Kommando gegeben – das sollen Sie nicht bereuen müssen.«
»Volle Kraft!« sagte Jochen Baumgart.
»Nee, Mister!«
Jochen fuhr herum. »Ich sagte: Volle Kraft! Und ich dulde keine Widerrede!«
Bunzel lehnte sich an den Maschinentelegrafen. »Auf dem Wasser bin ich der Kapitän! Und wenn ich sage: Nee – dann ist es nee!«
»Sie sollen volle Kraft durchgeben!« brüllte Jochen.
»Wir befinden uns auf einem Kanal. Für Kanäle gibt es bestimmte Geschwindigkeiten – wie auf den Straßen. Ich darf sie nicht überschreiten, um andere Schiffe und vor allem kleine Kähne nicht zu gefährden und die Spundwände des Kanals nicht durch erhöhten Wasserdruck zu belasten. Ich fahre die höchste Geschwindigkeit, die zulässig ist!«
»Sie sind ein Trottel! Ich gebe Ihnen drei Flaschen Whisky, wenn Sie volle Kraft laufen! Nur drei Kilometer, Bunzel! Ein kurzes Stück. Nur zum Überholen! Fünf Flaschen! Ich will an der ›Guter Weg‹ vorbeifliegen! Ich will wie ein Adler einen Spatz überholen. Zehn Flaschen, Bunzel!«
Karl Bunzel schloß die Augen. Zehn Flaschen Whisky! Zehn Flaschen Seligkeit. Er spürte den Geschmack des Whiskys auf der Zunge, er fühlte, wie ihm das Wasser im Munde zusammenlief, wie sein Kehlkopf juckte.
»Ich lasse mich bestechen«, sagte er laut. Dabei drückte er mit den auf den Rücken gelegten Händen den Maschinentelegrafen auf volle Kraft. Es klingelte im Schiff. Ein Zittern lief durch den schlanken weißen Leib.
»Sie haben es doch getan!« Jochen Baumgart atmete auf. »Sie sind mein Mann, Bunzel!«
Wie ein Schnellboot, mit dem spitzen Kiel das Wasser durchschneidend und Wellen gegen die Spundwand schleudernd, daß sie weit hinaus auf die Wiesen sprangen, jagte die ›Fidelitas‹ an der ›Guter Weg‹ vorbei.
Jochen Baumgart starrte durch sein Glas. In der Ruderkajüte regte sich nichts. Er trat hinaus auf den Brückenvorsprung und beugte sich vor. Da – ein Schatten, ein Gesicht hinter dem Glas – graue, lockige Haare – Mutter …
Jochen setzte das Glas ab. Mutter am Ruder? Das war doch unmöglich! Das hatte es noch nie gegeben, solange er denken konnte. War etwas auf der ›Guter Weg‹ passiert? Wo waren der Vater und Hannes …
Sie rauschten an der ›Guter Weg‹ vorbei. Deutlich sah er die Mutter am Ruder stehen – mit beiden Händen umklammerte sie die Holme des großen Steuerrades und hatte Mühe, das Schiff im Sog der schnellen ›Fidelitas‹ auf Kurs zu halten.
»Mutter …«, sagte Jochen leise. Er lehnte an der weißlackierten Reling und sah zu ihr hinüber. Dann fuhr er herum und brüllte Karl Bunzel an:
»Halbe Kraft! Sofort halbe Kraft! Wir drücken den anderen Kahn ja weg! Gehen Sie sofort herunter!«
»Idiot«, zischte Bunzel leise. Er schob den Telegrafenhebel auf halbe Kraft.
Die ›Fidelitas‹ war an Baumgarts Zille vorbeigerauscht. Noch einmal blickte Jochen zurück und sah jetzt den Vater aus dem Einstieg des Laderaumes III rennen. Er sah, wie der Alte die Tür des Steuerhauses aufriß, und zuckte empor, als der erste SOS-Ruf in den blauen Sommerhimmel gellte.
Karl Bunzel trat hinaus auf die Brücke und lehnte sich über die Reling.
»Heute ist wohl alles verrückt, was? SOS? Wo brennt's denn? Der Kahn ist doch noch flott!«
»Alle Maschinen stopp!« schrie Jochen. Er rannte die Treppe herunter und riß das Fernglas wieder an die Augen. Über die schmalen Laufplanken der ›Guter Weg‹ rannte wieder der Vater und verschwand im Laderaum III. Noch immer gellte die Sirene – SOS – SOS – SOS – Mutter mußte sie jetzt ziehen, es war sonst keiner im Ruderhaus.
Mit Hannes ist etwas geschehen, durchfuhr es Jochen. Sein Gesicht wurde hart und kantig. Du Schwein, hat er zu mir gesagt, dachte er. Mein Bruder hat mich einen Satan genannt, ein Aas, einen Lumpen. Ersäufen wollte er mich wie einen jungen Hund. Er wollte mich töten. Und jetzt soll ich Mitleid haben?
Karl Bunzel blieb unten an der Reling stehen. Vier Matrosen hatten das Beiboot des Schiffes klar gemacht und ließen es jetzt zu Wasser. Die ›Guter Weg‹ war längsseits der ›Fidelitas‹ gekommen, und der alte Baumgart tauchte wieder aus dem Laderaum auf, rannte zum Ruderhaus und stellte den Motor aus. Dann lief er zur Mitte seines Kahnes und legte die Hände wie einen Trichter vor den Mund.
»Ich brauche Hilfe!« schrie er. »Mein Sohn ist schwer verletzt. Haben Sie einen Arzt oder einen Sanitäter an Bord?«
Jochen Baumgart stand hinter der Tür der Kommandobrücke. Sie verdeckte ihn vor den Blicken des Vaters.
»Nennen Sie nicht meinen Namen«, sagte er zu Karl Bunzel. »Und helfen Sie!«
»Ich komme selbst rüber!« rief Bunzel zu dem alten Baumgart hinüber. »Ich bin ausgebildet! Was hat er denn?«
»Unfall! Armbruch und innere Verletzungen.«
»Ich komme!«
Er sprang in das Beiboot und ließ sich mit ein paar Ruderschlägen hinüber zu der ›Guter Weg‹ gleiten. Jochen Baumgart lugte durch das Fenster der Kommandobrückentür. Er kam sich wie ein Aussätziger vor, der sich allen Blicken verbirgt, nicht wie ein Sieger, als der er an dem elterlichen Schiff vorbeirauschen wollte.
Kurz nach dem Einsteigen in das Innere der ›Guter Weg‹ erschien Bunzel wieder, über der Schulter den schlaffen Körper von Hannes. Er trug ihn zum Boot der ›Fidelitas‹, wo die vier Matrosen ihn in Empfang nahmen. Der alte Baumgart legte wieder die Hände trichterförmig vor seinen Mund.
»Ich danke Ihnen, Reeder!« rief er zu der Kommandobrücke hinüber. »Schreiben Sie mir nach Duisburg-Ruhrort, wohin Sie meinen Sohn gebracht haben.«
In die Hölle, dachte Jochen grimmig. In die Hölle mit ihm! Ich werde keinen Finger krümmen, um ihm zu helfen.
»Gott vergelt's Ihnen!« hörte er die Stimme des Vaters. »Er ist mein einziger Sohn!«
Es fuhr wie ein heißer Schlag durch seinen Körper. Er umklammerte den Türgriff und lehnte die Stirn an das kühle Glas. Mein einziger Sohn. – Es gab für die Baumgarts keinen Jochen mehr. Er war für sie gestorben …
Als Hannes auf die ›Fidelitas‹ gehoben wurde, stand Jochen Baumgart am Maschinentelegrafen und drehte auf halbe Fahrt. Er schloß die Augen, als man unten Hannes vorbeitrug. Durch seinen Körper lief ein Zittern. Der einzige Sohn … Er kam sich vor wie ein Gespenst, das über das Wasser irrt, wie ein Toter auf einem Totenschiff …
»Wir müssen beim nächsten Kanal-Kontrollpunkt halten und dem Wasserbau-Inspektor den Verletzten übergeben«, sagte Karl Bunzel, als er wieder auf der Brücke erschien. »Er muß sofort ins Krankenhaus.«
»Ich weiß. Veranlassen Sie alles, Bunzel. Ich gehe in meine Räume und möchte nicht gestört werden!«
»Gut, Mister.« Bunzel sah auf der Flußkarte nach, wo die nächste Kontrollstelle lag. Achmer hieß der kleine Ort. Von dort konnte ein Krankenwagen den Verletzten in knapp fünfzehn Minuten nach Osnabrück in eine große Klinik bringen.
»Wissen Sie übrigens, Mister«, sagte Bunzel, »daß der Alte genauso hieß wie Sie? Baumgart …«
»Ich weiß.« Jochen wandte sich ab und verließ den Kommandoraum. »Er ist mein Vater …«
Mit großen, verständnislosen Augen sah Bunzel ihm nach.
Jochen Baumgart brauchte neue Aufträge. Da er sein Gewissen betäubt hatte, fiel ihm die Verwirklichung seines Planes nicht schwer. Auf dem Rückweg fuhr er alle alten Geschäftspartner seines Vaters ab.
Als Sohn des alten Baumgart bekam er sofort überall Einlaß. Mit gewinnendem Lächeln, einem Charme, der überzeugte, verhandelte er über neue Frachtaufträge und brachte für die Rückfahrt immer neue Beiladungen heran.
In Ludwigshafen besuchte er die Firma Strecker & Co. Der Seniorchef, Emil Strecker, empfing Jochen mit ausgestreckten Händen und drückte ihn fast an seine Brust.
»Ich habe Sie als Kind auf den Knien geschaukelt«, rief er und goß in einen Schwenker goldgelben französischen Kognak ein. »Ihr Vater war so stolz auf Sie. Das erste Kind – und dann ein Sohn! Der Erbe des Betriebes!«
Jochen Baumgart sah auf den echten Buchara-Teppich. Er vermied es, Emil Strecker anzusehen. In seinen Augen brannte es.
»Wir haben jetzt ein modernes Schiff«, sagte er rauh. »Das schnellste und modernste auf dem Rhein. Überhaupt in Europa! Die ›Fidelitas‹.«
»Man hört ja Wunderdinge von ihr.« Emil Strecker stieß mit dem Glas bei Jochen Baumgart an. »Sie brauchen die Hälfte der sonstigen Transportzeit, stimmt das? Und auch das Be- und Entladen geht schneller durch neuartige Verladeeinrichtungen?«
»Es stimmt!«
»Alle Achtung! Ich freue mich, daß der alte Baumgart das noch geschafft hat. In diesen schweren Zeiten.«
»Man muß mit der Zeit gehen. Das hat auch Vater begriffen.« Jochen stockte, aber dann sprach er weiter. »Es ist auch ein Vorteil für Sie, wenn Sie Ihre Kunden früher beliefern können als die Konkurrenz.« Jochen beugte sich vor. »Bedenken Sie eins, Herr Strecker: Die Konkurrenz fährt noch mit den alten Schiffen! Schließen wir einen Exklusivvertrag miteinander, fahre nur ich Ihre Warengruppen. Das bedeutet für Sie einen Vorsprung, den die Konkurrenz nie herausholen kann. Wir könnten uns zusammenschließen zu einer Arbeitsgemeinschaft. Sie produzieren, ich transportiere. Das ist ein glattes und einträgliches Geschäft.«
Emil Strecker sah es ein. Es gehörte nicht viel Geschäftssinn dazu, diese Logik anzuerkennen.
»Wir können es einmal probieren«, sagte er. »Auf ein Jahr. Sie halten den bisherigen Frachtpreis?«
»Ich würde vorschlagen, zehn Prozent als Zuschlag für die Zeitersparnis einzukalkulieren.«
Emil Strecker stellte wieder das Kognakglas hin, das er gerade zum Munde führen wollte.
»Zehn Prozent? Sie sind des Teufels, Jochen!«
»Denken Sie an die Runden, die Sie gewinnen.«
»Die wiegen keine zehnprozentige Erhöhung der Frachtkosten auf! Wie soll ich diese zehn Prozent im Preis kalkulieren? Wir arbeiten mit den rationellsten Methoden und der schärfsten Kalkulation und liegen trotzdem etwa vierzehn Prozent über dem Weltmarktpreis. Nur die Güte der Waren ›Made in Germany‹ läßt die Auslandskäufer diesen Preis schlucken. Ich kann nicht höher gehen!«
»Schade!« Jochen Baumgart erhob sich. »Es hätte mich so gefreut, Herr Strecker.«
Strecker hob die Hand. »Wo wollen Sie hin, Jochen?«
»Zu Bierbaum und Cie.«
Emil Strecker wurde ernst. Das Lächeln auf seinem runzeligen Gesicht erstarb. »Das ist Erpressung! Sie wissen genau, daß ich seit Generationen im Kampf mit Bierbaum stehe. Schon mein Großvater …«
»Es geht hier nicht um genealogische Untersuchungen, sondern um ein Geschäft. Wenn Sie die zehn Prozent scheuen, wird sie Bierbaum und Cie. übernehmen. Der Juniorchef von Bierbaum wird mich sofort verstehen, wenn ich sage: ›Bevor Strecker seine Waren verladen hat, sind die von Bierbaum schon verkauft.‹ – Man kann die Namen allerdings auch herumdrehen.«
»Setzen Sie sich bitte wieder!« Emil Strecker trank das Glas in einem Zug leer. »Sie sind ein harter Bursche, Jochen. Ihre Methoden haben mit dem guten, alten Kaufmannsgeist nichts mehr gemeinsam …«
»Er ist auch seit Gustav Freytag gestorben. Er ist Romanfigur geworden. Anschauungsmaterial!«
Der alte Strecker sah vor sich hin.
»Machen wir einen Vertrag«, sagte er langsam. »Und dann möchte ich Ihren Vater sprechen und ihm gratulieren zu einem so dickfelligen und raffinierten Sohn.«
Der Vertrag wurde unterzeichnet. Jochen Baumgart hatte ihn gleich ausgearbeitet in der Aktentasche mitgebracht. Es blieb dem alten Strecker nichts anderes übrig, als zu unterschreiben.
»Sie waren Ihrer Sache aber sicher«, sagte er aufatmend, als die Unterschrift unter dem kurzen Vertrag dreimal gesetzt war. »Sie bringen gleich alles mit, als ob Sie vorher wüßten, wie man reagiert.«
»Ich weiß es, Herr Strecker. Nicht nur bei Ihnen – bei allen Kunden, die ich aufsuche.«
»Dann sind Sie bald der einzige Binnenschiffer, der voll beschäftigt ist.« Der alte Strecker goß noch einen Kognak ein. »Sie sind fähig, den Kampf gegen die Konzerne aufzunehmen.«
»Ich stehe bereits mitten in ihm.«
»Und was sagt Ihr Vater dazu?«
»Nichts. Er versteht die neue Zeit nicht ganz.«
»Ich kann es ihm nachfühlen. Es war noch eine gute Zeit, als der Handel abhängig war von der Persönlichkeit des Kaufherrn und nicht von der Schnelligkeit und der Preisunterbietung der Konkurrenz.«
»Diese Zeit wird nie wiederkommen. In unserer neuen Welt frißt man, oder man wird gefressen. Ich möchte nicht der sein, der gefressen wird.«
Jochen Baumgart war mit diesem Besuch sehr zufrieden. So wie bei dem alten Strecker ging er alle alten Kunden seines Vaters ab …
Es machte Jochen Baumgart nichts aus, daß er auch die Konkurrenz des alten Strecker besuchte und auch mit ihr einen Frachtvertrag abschloß … Bei der nächsten Fahrt würde die Ware von Strecker freilich neben der seiner Konkurrenz in einem Laderaum liegen, und beide Fabriken würden sich wundern, wieso die Teile der Konkurrenz genauso früh am Zielort waren wie die eigenen. Da sie beide über den Vertrag mit Baumgart schweigen würden, blieb dies ein immerwährendes Rätsel.
Hannes' Verletzung hatte sich als nicht so schwer herausgestellt, wie es zuerst aussah. Neben dem komplizierten Armbruch hatte er drei Rippen gebrochen, aber innere Verletzungen zeigten sich nicht auf den Röntgenbildern, die man sofort in Osnabrück gemacht hatte. Irene Ballin, die in Duisburg in einem Café als Serviererin arbeitete, um die Aussteuer zu verdienen, nahm sich sofort Urlaub und reiste an das Krankenbett ihres Verlobten. Während sie bei ihm saß und von der gemeinsamen Zukunft sprach, während sie ihn pflegte und in den Krisentagen auf einem Sofa im Aufenthaltsraum schlief, um immer zur Stelle zu sein, wenn Hannes sie brauchte, ging der alte Baumgart, um die Krankenhauskosten für seinen Sohn bezahlen zu können, einen schweren und ihn von Fall zu Fall immer mehr zu Boden drückenden Gang. Er begann in Duisburg und endete in Ludwigshafen. Weiter fuhr Peter Baumgart nicht mehr … Was er auf dieser Rheinstrecke erlebte, zeigte ihm, daß er einem Überlegenen, einem Skruppellosen, einem Mann ohne Herz und Moral unterlegen war.
In Duisburg war es die Firma Gebrüder Nolte, die ihn verwundert empfing. Karl Nolte, der älteste der drei Brüder und Leiter des Versandes, schüttelte den Kopf, als der alte Baumart zu ihm hintrat und fragte: »Haben Sie Fracht für mich? Und wenn es eine Beiladung ist – ich verschweige nicht – ich bin sonst am Ende!«
»Soll das ein schlechter Witz sein?« Karl Nolte versuchte ein Lachen. »Haben Sie immer noch nicht genug, Sie alter Gauner? Genügt ein Zwei-Jahres-Vertrag nicht?!«
»Zwei-Jahres-Vertrag?« Der alte Baumgart angelte nach einem Stuhl und setzte sich. Er drehte seine alte blaue Schiffermütze hilflos zwischen den Händen. »Sie bieten mir einen Zwei-Jahres-Vertrag?«
»Nun hören Sie aber auf!« Karl Nolte klopfte Baumgart auf die Schulter. »Was wollen Sie, Peter?«
»Eine Ladung.«
»Können Sie haben!« Nolte ging zu seinem Schreibtisch und holte aus einem Fach eine Flasche Hennessy hervor. »Sie sollen geladen werden.«
»Ich brauche Geld!«
»Das haben Sie durch Ihre verdammten zehn Prozent!«
Peter Baumgart schüttelte den Kopf, als habe er im Regen gestanden und werfe mit einem jähen Kopfschwung die Wassertropfen von sich.
»Welche zehn Prozent?«
Karl Nolte stellte das Glas, das er gerade füllen wollte, auf den Tisch zurück. Er sah den alten Baumgart aus verwunderten Augen an. Der Alte wird kindisch, dachte er plötzlich. Ein Glück, daß er einen solch smarten Sohn hat.
»Die zehn Prozent Mehrfracht, die Ihre ›Fidelitas‹ durch die Fahrtverkürzung wieder herausholt.«
»Meine ›Fidelitas‹?« stotterte Peter Baumgart. »Meine …« Er ließ die alte Schiffermütze aus den Fingern auf den Teppich fallen.
»Nun spielen Sie nicht den Doofen!« sagte Karl Nolte ungewollt etwas grob. »Ich habe doch mit Ihrem Sohn einen Zwei-Jahres-Vertrag für die ›Fidelitas‹ abgeschlossen.«
»Mein Sohn liegt in Osnabrück in der Klinik.«
»Er war vor drei Tagen doch noch hier!«
Im Gehirn des alten Baumgart dämmerte es.
»Jochen –«, sagte er leise. Seine Stimme brach nach diesem Wort.
»Ihr Ältester. Richtig! Er kam in Ihrem Auftrag und kassierte die gesamten Frachtaufträge unserer Werke. Ein verdammt harter Bursche, den Sie da großgezogen haben! Er hat mich so fertiggemacht, daß ich zwei Schlaftabletten nehmen mußte, um den Schock zu überwinden. Ihnen kann ich es sagen: Ihr Jochen hat das Zeug, alle zu überrunden.«
»Er hat es bereits!«
»Gratuliere!«
»Danke!« Der alte Baumgart erhob sich. »Entschuldigen Sie, Herr Nolte …«
»Bitte, bitte. Nun sagen Sie mir nur noch, was Sie hier wollten.«
»Vieles, sehr viel … Ich habe heute durch Sie erfahren, daß ich auf dieser Welt nur noch für einen Sarg tauge.«
»Was reden Sie da für einen Unsinn? Sie mit Ihrer ›Fidelitas‹! Überhaupt, alle Achtung! Wie haben Sie das bloß geschafft? Das Schiff kostet doch ein Vermögen! Ist Ihr alter Kasten abgebrannt, und die Versicherung hat gut bezahlt?«
Ohne Antwort verließ Peter Baumgart das Büro Karl Noltes.
Jochen hat die ›Fidelitas‹, dachte er. Jochen fährt das schnellste Schiff Europas! Und er nimmt mir meine Kunden weg. Alle meine alten, guten Kunden nimmt er mir weg. In meinem Namen schließt er Verträge. Er macht mich brotlos, er hungert seinen Vater aus – seine Mutter, seinen Bruder – Er vernichtet uns – mit meinem Namen …
Er ballte die Fäuste und blieb mitten auf der Straße stehen. Die Leute, die an ihm vorbeigingen, sahen ihn verwundert an.
Er lehnte sich gegen eine Hauswand und starrte in das Verkehrsgewühl. Autos und Menschen, Lichtreklamen und Schaufensterauslagen verschwammen vor ihm in einem sich drehenden Nebel.
Er hat Hannes gerettet, durchfuhr es den alten Baumgart. Er hat ihn mit seiner ›Fidelitas‹ nach Osnabrück gebracht. Und ich habe es nicht gewußt … Keiner hat es gewußt. Auch Hannes nicht? Er hat mir nie darüber geschrieben.
Peter Baumgart lief zum Hauptpostamt und meldete ein Gespräch nach Osnabrück an. Hannes sprach selbst. An seinem Bett stand ein Telefon, und die Zentrale der Klinik verband ihn mit dem Vater.
»Es ist alles in Ordnung, Vater«, rief Hannes Baumgart. Seine Stimme klang freudig und frisch. »Irene pflegt mich rührend. Willst du sie auch sprechen?«
»Später, Hannes, später. Ich wollte dich nur etwas fragen.«
»Bitte, Vater.«
»Hast du den Kapitän der ›Fidelitas‹ gesehen?«
»Aber ja. Natürlich. Er war immer bei mir. Warum?«
»Wer war es?«
»Ein Karl Bunzel. Ein versoffener Kerl, aber sein Geschäft versteht er.«
»Und der Eigner des Schiffes?«
»Den kenne ich nicht. Nur der Kapitän war bei mir. Warum fragst du, Vater?«
»Och, nur so. Ich wollte mich noch bei dem Eigner bedanken.«
Der alte Baumgart hängte auf. Auch Hannes hatte Jochen auf der ›Fidelitas‹ nicht gesehen. Dieser hatte sich ja verborgen. Aus Scham? Aus Berechnung? Sollte niemand wissen, daß er der Besitzer des schnellsten Schiffes war; wollte er erst die Aufträge kassieren, bevor das Geheimnis gelüftet wurde?
Peter Baumgart verließ das Hauptpostamt als ein gebrochener Mann. Er raffte sich noch einmal auf und besuchte die Exportfirma Berthold und Cie. Auch hier war es das gleiche Spiel wie bei Nolte … Jochen hatte einen Vertrag fest abgeschlossen, und die Herren von Berthold und Cie. sahen juristisch keine Möglichkeit, diesen Vertrag wieder zu annullieren. Die Unterschrift lautete auf Jochen Baumgart, ebenfalls wurde Jochen Baumgart als Besitzer der ›Fidelitas‹ genannt. Man merkte es erst jetzt, als man den Vertrag auf diesen Punkt hin genau durchlas.
Zu Hause, auf dem Schlepper ›Guter Weg‹, setzte sich Peter Baumgart hinter seinen kleinen, wackeligen Schreibtisch und rechnete noch einmal durch, was er an Geld aufbringen konnte, wenn alle Frachtaufträge ausblieben und er sein Schiff festtäuen mußte wie die über hundert Binnenschiffer, die in Ruhrort oder in anderen Häfen am Kai lagen und auf Ladung warteten.
»Wir werden es nie bezahlen können, Erna«, sagte er am Abend. »Wir werden immer Schuldner bleiben … Oder wir müssen hungern.«
»Dann hungern wir, Peter!«
Noch einmal versuchte es Peter Baumgart. Es war der Mut der Verzweiflung, das Aufbäumen eines sterbenden Bären gegen die Unerbittlichkeit des Todes. Leer, mit hoch aus dem Wasser ragenden Laderäumen, fuhr er den Rhein hinauf und besuchte seine alten Kunden. Er fuhr von Ort zu Ort, von Firma zu Firma, mit denen er schon seit Jahrzehnten zusammenarbeitete. Es war eine Wahnsinnsfahrt, er wußte es. Denn überall, wo er vorsprach, war es wie bei Nolte und Bierbaum & Cie …
Jochen Baumgart war schneller gewesen, er hatte die Firmen durch Verträge an sich gekettet.
»Das ist Lumperei!« schrie der alte Baumgart verzweifelt. »Er nimmt meinen Namen und richtet mich zugrunde.«
In diesen Tagen geschah etwas, was niemand erwartet hatte und was so völlig außerhalb des Charakterbildes lag, das man sich von Jochen Baumgart gemacht hatte.
Der alte Baumgart erhielt nach Ludwigshafen einen Brief der Osnabrücker Klinik nachgesandt, den er mehrmals las, ehe er begriff, was der Inhalt bedeutete.
»Sehr geehrter Herr
Baumgart!
Ihr
Schreiben vom 14. ds. Mts. haben wir dankend erhalten. Leider
können wir Ihrer Bitte, die aufgelaufenen
Rechnungen unseres Hauses und unserer Ärzte
zu stunden bzw. in Raten abzuzahlen, nicht entsprechen, weil sämtliche Rechnungen einschl. der noch kommenden
Auslagen durch einen Blankoscheck bereits gedeckt sind.
Verwaltung der Kliniken Osnabrück.«
Peter Baumgart reichte diesen Brief seiner Frau. Er sagte nichts dazu, sondern verließ die enge Wohnkajüte, setzte sich draußen auf dem Deck auf eine Kabelrolle und blickte über den nächtlichen Rhein und den langsam einschlafenden Hafen.
Jochen, dachte er. Was ist er nur für ein Kerl? Er nimmt uns die Arbeit weg, er läßt seinen alten Vater verhungern, er betrügt mich mit meinem eigenen Namen … und dann bezahlt er die Rechnung der Klinik mit einem Blankoscheck. Er hat eine verworrene Seele, er ist wie unausgegorener Wein, von dem man nicht weiß, ob er süß wird oder sauer, gut oder schlecht.
Es dauerte nicht einen Monat, da merkte Jochen Baumgart, daß er den Bogen überspannt hatte.
Nicht nur die alten Auftraggeber seines Vaters kündeten an, daß sie die Verträge mit der ›Fidelitas‹ als Verstoß gegen Anstand und Sitte betrachteten und sogar juristisch in die Sparte des ›unlauteren Wettbewerbs‹ reihen würden, sondern auch die neuen Kunden, die Jochen sich gesucht hatte, teilten mit, sie würden auf keinen Fall die Verträge verlängern. Es war an den Fingern abzuzählen, wann auch die ›Fidelitas‹ still und ohne Ladung an den Kais lag, ein Schiff, das bis zu diesem Tage nicht seinesgleichen hatte und das doch gemieden wurde, weil ein Jochen Baumgart sein Eigner war.
So etwas wie eine Binnenschifferehre stieß ihn aus der Gemeinschaft der anderen aus. Er spürte es nicht nur aus Briefen, sondern auch an den Schleusen und bei den Hafenbehörden, die ihn zwar korrekt, aber mit einer merkbaren Verachtung behandelten. Von Hafen zu Hafen nahmen die anderen Zillen die Geschichte vom Kampf zwischen Vater und Sohn mit und erzählten sie weiter. Sie flog der ›Fidelitas‹ voraus wie ein Pesthauch.
Auch die Quelle in Duisburg begann zu versiegen.
Als Jochen Baumgart in der Villa Paul Meyers erschien, erwarteten ihn dort Generaldirektor Meerbach und Direktor Vogel. Sie saßen sehr zufrieden und siegessicher in den dicken Klubsesseln und erhoben sich nicht, als Jochen Baumgart den Raum betrat.
Jochen zog die Augenbrauen hoch. Er spürte die Gefahr und stellte sich darauf ein.
»Guten Abend, die Herren«, sagte er salopp. »Muskelkater?«
»Warum?« fragte Paul Meyer und bereute es, kaum daß er es gesprochen hatte.
»Weil Sie die Knie krumm behalten und nicht aufstehen.«
Generaldirektor Meerbach lächelte breit. Er trommelte mit seinen Fingern auf die Polsterlehne des Sessels und nickte Baumgart mehrmals zu.
»Sie dürften mit Ihrer Frechheit am Ende sein, mein Bester. Denken Sie einmal an: Ich lasse mich scheiden! Oder besser: Ich habe in die Scheidung eingewilligt. Sie wissen, was das für Sie bedeutet?«
»Nichts!«
Jochen Baumgart sah Meerbach erstaunt an. Mein Gott, dachte er dabei. Das ist ein Schlag, den ich nicht einkalkuliert habe. An alles habe ich gedacht, nur nicht daran.
Meerbach wiegte den Kopf. »Sind Sie wirklich solch ein Blödian, Baumgart? Ihre goldene Eier legenden Hennen werden zu Kampfhähnen. Wenn ich mich scheiden lasse, kann meine Frau ruhig erfahren, was hier im Hause vorgeht. Scheidungsgründe liegen genug vor, da kommt es auf einen mehr oder weniger nicht mehr an! Unterhaltspflichtig bin ich sowieso. Was soll also noch Ihre dummdreiste Erpressung? Ich werde Sie – das sage ich Ihnen vor allen hier – öffentlich in den Hintern treten, wenn Sie noch einmal kommen. Und eine Möglichkeit, Ihnen das Schiff wieder abzunehmen, werden wir auch noch ausknobeln. Vielleicht über den Staatsanwalt.«
»Interessant!« Jochen Baumgart setzte sich und griff ungeniert in die silberne Dose, in der die englischen Zigaretten lagen.
»Meine Herren! Warum diese ganzen Tiraden? Erpressung, Scheidung, Teilbeichte, Beschimpfung, das sind doch alles Dinge, die hier nicht interessieren. Wer sagt Ihnen überhaupt, daß ich Geld von Ihnen will? Habe ich jemals Geld verlangt? Ich habe Sie um den Gefallen gebeten, mir ein Schiff zu geben.«
»Gebeten! Gefallen! Ein Schiff! Was ist das schon … Ein nettes, kleines, modernes Schiffchen!« Meerbachs Stimme wurde rauh und klang gar nicht mehr fein. »Das ist die größte Erpressung, die jemals Erfolg hatte!«
»Ich habe mir dieses Schiff nur von Ihnen geliehen.«
»Ach! Das ist ja eine ganz neue Version! Davon steht aber nichts im Vertrag!«
»Es steht darin ein Passus, daß ich das Schiff durch laufende Raten amortisiere! Wenn ich etwas abzahle, ist es nicht geschenkt oder erpreßt, sondern ordnungsgemäß auf Raten geliefert. Sie und die anderen Herren waren lediglich so freundlich, mir ein so langes und kulantes Zahlungsziel einzuräumen. Es handelt sich zwischen uns um ein Geschäft, um gar nichts anderes. Oder sind Sie anderer Meinung?«
Generaldirektor Meerbach schwieg. Direktor Vogel sah auf seine beringten Hände. Er trug gerne Schmuck, was ihm in Freundeskreisen den Spitznamen ›Paradiesvogel‹ eingebracht hatte.
»Das haben Sie herrlich hingebogen«, sagte er. »Wir sind Idioten.«
»Sie waren gehandicapt durch die Tatsache, die ich weiß. Das verdunkelt öfter den realen Blick. Wenn ich heute wieder zu Ihnen komme, so nur, um meine geschäftlichen Beziehungen zu Ihnen auszubauen.«
Meerbach winkte ab. »Lassen Sie diese schleimigen Reden, Baumgart. Ich habe, wenn ich das höre, immer das Gefühl, ich würde angespuckt. Sie wollen also wieder Geld oder wie Sie es nennen?«
»Ich will einen Liefervertrag. Weiter nichts. Ich brauche eine Ladesicherheit von zehn Jahren für mein Schiff. Dann habe ich es abgezahlt! Für zwei Jahre bin ich gedeckt. Aber dann müssen Sie einsetzen, Herr Meerbach.«
Meerbach dehnte den großen Körper. Seine Stimme dröhnte. »Ich denke nicht daran! Ich lehne es ab!«
»Ihr letztes Wort?«
»Mein allerletztes!«
»Sie sind sehr unklug.«
»Es ist das Klügste, was ich tun kann! Sie gehen pleite!«
»Und Sie mit!«
»Glauben Sie? Sie verkennen die Macht des Kapitals!«
»Vor allem in einer Demokratie – da haben Sie recht.«
Baumgart nahm seinen Mantel, den er über eine Sessellehne geworfen hatte. »Sie werden Ihre Ablehnung bereuen, Meerbach. Es sollte ein reelles Geschäft werden, weiter nichts. Jetzt wird es eine Tragödie, zu der Sie mich zwingen. Es geht bei mir um meinen Lebensunterhalt, wie es vorher um den Aufbau einer Existenz ging.«
Jochen Baumgart zog seinen Staubmantel an. Paul Meyer half ihm sogar hinein. Er konnte sich das leisten, denn er war der einzige des Clubs, der nicht erpreßt wurde und der nur die Funktion hatte, sein Haus für die Abende zur Verfügung zu stellen und davon sorgenfrei zu leben und die Hypotheken abzuzahlen. In gewisser Weise war er mit Baumgart seelenverwandt: Er schmarotzte und nutzte die Schwächen der Großen aus, indem er ihnen Gelegenheit gab, sie ungestört zu pflegen. Auf der Straße nahm er kein Taxi, sondern ging zu Fuß durch die spätherbstlichen Straßen. Es war schon fühlbar kalt. Das Laub wurde vom Nachtwind vor ihm hergetrieben. Die Schritte knisterten über den trockenen Blättern.
In der Nähe des Hafens überholte ihn ein schwarzer, großer Wagen. Er glaubte, das Gesicht Vogels hinter dem Fenster der Rücksitze gesehen zu haben. Aber da der Wagen weiterfuhr, mußte er sich geirrt haben.
Beim Übergang über die Hauptstraße, die sich um diese Zeit still und verlassen wie eine dunkle Schlucht zwischen den Häusern herzog, schleuderte plötzlich der schwarze Wagen wieder um die Ecke. Mit heulendem Motor kam er auf Baumgart zugeschossen, genau auf ihn zu, obwohl er auf der rechten Seite zu fahren hatte. Er jagte über die Straße hinweg, die Gummireifen quietschten und gellten über den Asphalt. Mit einem weiten Sprung schnellte Baumgart auf den Gehsteig, rutschte auf dem Rücken weiter und brachte sich in Sicherheit. Er drückte sich eng an die Hauswand, während die Räder des schwarzen Wagens wenige Zentimeter an ihm vorbeirauschten.
Dann entfernte sich der Wagen wie ein schwarzer Pfeil durch die Straßenschlucht in die Dunkelheit.
Zitternd lehnte Baumgart an der Hauswand, als der schwarze Wagen durch die stille Straße davonschoß. Er umklammerte die Eisenstange einer eingerollten Markise. Ein Ehepaar, das gerade um die Ecke bog, als der Wagen an ihm vorbeiraste, kam auf ihn zugelaufen.
»Ist Ihnen etwas passiert?« schrie der Mann. Er stützte Baumgart und setzte ihn auf den Fenstervorbau des Hauses. »Der Kerl muß ja besoffen gewesen sein wie tausend Mann! Mit dem Wagen in dieser Fahrt quer über die Straße und über den Bürgersteig! Haben Sie sich die Nummer gemerkt? Es war eine Zwölf darin. Das habe ich noch gesehen, ehe er das Licht ausdrehte. Das sind ja Gangstermethoden!«
Jochen Baumgart strich sich die Haare zurück. Er erhob sich, als die junge Frau verstört an ihn herantrat und ihm schüchtern ihr Parfümfläschchen anbot.
»Danke, es geht schon wieder, gnädige Frau. Ich war einen Augenblick geschockt von diesem Erlebnis. Darf ich Ihren Namen wissen, wenn es zu einer Zeugenvernehmung kommen sollte?«
»Aber selbstverständlich. Blumel, Hans Blumel ist mein Name. Ich wohne hier, Andreastraße 21. Am besten machen Sie sofort eine Anzeige bei der Polizei!«
»Das werde ich tun. Haben Sie besten Dank!«
Er nahm seinen Hut vom Boden und ging weiter, noch ein wenig schwankend, aber mit einer Freude, die ihm schier den Atem nahm.
Sie wollten mich umbringen! Soviel bin ich ihnen wert. Direktor Vogel hatte es übernommen, mich zu liquidieren. Und ich habe zwei Zeugen. Wißt ihr Galgenvögel, was das bedeutet? Ein Zehn-Jahres-Vertrag ist sicher … Ich werde ein Pflaster verlangen, wie es noch kein Verletzter bekommen hat!
Noch in dieser Nacht setzte er sich in seinem Hotel an den Apparat und rief solange die Wohnung von Meerbach an, bis der sich meldete.
»Hier ist der Himmel«, sagte Jochen Baumgart. »Ich soll Ihnen einen schönen Gruß von einem neuen Mieter bestellen. Engelchen Jochen, Wolke 17, dritte Etage, dort, wo der Regen entsteht.«
»Lassen Sie diesen Blödsinn mitten in der Nacht.« Die Stimme Meerbachs war verschlafen und unwillig. »Es reicht mir, wenn ich Sie am Tage anhören muß. In der Nacht lassen Sie mich bitte in Ruhe!«
»Gern. In wessen Auftrag handelte eigentlich der liebe Vogel?«
»Vogel? Auftrag? Ich weiß nicht, wovon Sie sprechen.«
»Von dem Mordanschlag, der vor einer Stunde auf mich verübt wurde.«
»Sie fantasieren, Baumgart!«
»Ich habe zwei Zeugen! Vogel versuchte, mich mit seinem Wagen auf dem Bürgersteig einer leeren Straße zu überfahren. Ich konnte mich nur retten, indem ich mich flach an die Hauswand legte. Es ging um wenige Zentimeter, lieber Meerbach.«
»Was reden Sie da für ein Räubermärchen.« Die Stimme Generaldirektor Meerbachs wurde unsicher. Wußte er wirklich nichts davon? War es ein Alleingang von Direktor Vogel gewesen? »Sie wollen behaupten, Vogel wollte Sie …«
»Ich habe die Zeugen und die Autonummer! Es war Vogel. Ohne Zweifel! Spielen Sie bitte nicht den Pilatus, der seine Hände in Unschuld wäscht.«
»Es ist also wirklich wahr?«
»Riefe ich Sie sonst mitten in der Nacht an?«
»Sauerei!«
Es war das erste Mal, daß Jochen Baumgart ein solches Wort aus dem Munde des immer distinguierten Meerbach hörte. »Das kann man wohl sagen. Das bedeutet einen Zehn-Jahres-Vertrag.«
»Darüber können wir am Tage sprechen«, wich Meerbach aus.
»Nein. Jetzt! Auf der Stelle! Ich wäre sonst gezwungen, die Polizei von dem Mordanschlag zu benachrichtigen und den Namen Vogels zu nennen. Sie wissen, was das für Ihre Werke bedeutet. Ihr Stellvertreter versucht nachts mit seinem Wagen einen Menschen umzubringen. Die Journalisten werden sich über dieses herrliche Fressen stürzen.«
Meerbach schwieg eine Weile. Er überlegte. Die Öffentlichkeit ist ein gefährlicher Gegner. Man kann kompromittiert werden. Und die Öffentlichkeit, die Presse – wenn sie einmal ein Wild gewittert haben, werden sie es so lange jagen, bis es zusammenbricht.
»Ich werde mit Vogel sprechen«, sagte Meerbach. »Mehr kann ich Ihnen um diese Zeit nicht zusichern. Es ist immerhin fast zwei Uhr morgens.«
»Wer um diese frühe Stunde morden kann, ist nach meiner Ansicht auch wach genug, um Geschäfte abzuschließen.«
»Ich versichere, daß ich mit dieser ganzen Angelegenheit nichts zu tun habe.« Meerbach räusperte sich. Schade, daß es mißlang, dachte er. Wir wären aller Sorgen ledig gewesen. Jetzt hat uns der Kerl noch fester in der Hand als vorher. Jetzt kann er wirklich mit kriminellen Argumenten gegen uns auftreten. Jetzt kann er uns den Hahn zudrehen. »Vogel hat die Nerven verloren.«
»Das fällt nicht schwer, wenn die Moral schon weg ist.«
»Sie haben es nötig, über Moral zu sprechen.«
»Ich komme morgen zu Ihnen und unterschreibe den Zehn-Jahres-Frachtvertrag.«
»Ich habe morgen eine Konferenz.«
»Mit mir, stimmt!«
»Ich –«
Jochen Baumgart hörte den Satz nicht zu Ende. Er legte auf.
Am nächsten Morgen empfing ihn Generaldirektor Meerbach nicht. Aber die Sekretärin legte ihm einen unterschriebenen Vertrag vor, den er nur gegenzeichnen mußte.
Einen Fünf-Jahres-Vertrag.
Baumgart unterschrieb.
Der Winter kam. Die Flüsse führten Treibeis.
Hannes Baumgart war aus der Osnabrücker Klinik entlassen worden. Seine Wiederkehr auf das Schiff vollzog sich still und ohne große Regungen, wie es eben die Art der Baumgarts war.
Der Vater stand vor dem Ruderhaus, als Hannes die ›Guter Weg‹ betrat, klopfte ihm auf die Schulter, gab ihm die Hand und sagte: »Gut, daß du wieder da bist, Junge.« Dann wandte er sich an Irene Ballin, die mit Hannes aus Osnabrück gekommen war, umarmte sie und sagte: »Guten Tag, Tochter.«
Und das war schon viel. Irene wußte es. Sie senkte den Kopf und war glücklich.
Die Mutter hatte einen Kuchen gebacken.
»Wir werden zu Weihnachten heiraten, Mutter«, sagte Hannes glücklich. Er hielt Irenes Hand umfaßt und saß an dem schmalen Tisch wie ein kleiner, überreich beschenkter Junge, der noch gar nicht sein Glück ganz erfassen kann.
»Tut das, Kinder.« Erna Baumgart legte ihre Hand über die verschlungenen Hände von Irene und Hannes. Es war wie ein stiller Segen.
»Und dann werden wir den Kahn modernisieren.«
Der alte Baumgart schaute auf seine qualmende Pfeife. »Wovon?«
»Wollen wir schon wieder davon sprechen, kaum, daß Hannes hier ist?« fragte die Mutter. Sie hatte Angst, daß die heitere Stimmung der Wiedersehensfreude wieder abglitt in den Ernst der Zukunft, die dunkel war, dunkler als je zuvor in allen Jahren.
»Wir müssen neue Maschinen haben, Vater. Das Schiff selbst ist noch gut, aber die Maschinen tun es nicht mehr. Wir brauchen Dieselmotoren.«
»Nehmen wir den Vorschlag von Jochen an – leihen wir es uns.«
»Kein Wort über Jochen! Ich kenne keinen Jochen mehr.«
Betreten sahen Hannes und Erna Baumgart auf das weiße Tischtuch. Nur Irene Ballin schob mit der Hand eine blonde Locke aus der Stirn.
»Man kann einen Menschen nicht einfach wegwerfen, Vater. Immerhin ist er Hannes' Bruder und mein Schwager – und dein Sohn.«
»Er hat sich nicht danach benommen.«
»Ist das ein Grund, ihn wegzustoßen?«
»Er hat uns arbeitslos gemacht! Er will uns aushungern! Er ist ein Lump!«
»Er ist vielleicht verbittert.«
»Worüber? Ich habe ihn weggeschickt, damit er etwas lernt und später das Schiff weiterführt. Und wie kommt er zurück: als feiner Herr, der alles besser weiß, seinen Vater verspottet, angefüllt mit Ideen, die Verbrechen sind! Ich will meinen Namen und mein Schiff sauberhalten!« Er sah Irene Ballin mit zusammengekniffenen Augen an. »Hast du vergessen, was er über dich gesagt hat?«
»Er kannte mich ja noch gar nicht.«
»Um so schlimmer, einen Menschen niederzutreten, den man nicht kennt!«
Hannes Baumgart legte Irene die Hand auf den Arm. Schweig, hieß das. Sprich nicht weiter. Es ist unmöglich, mit Vater über diese Dinge zu sprechen. Jochen hat dich erniedrigt, er hat dich fast eine Dirne genannt, die nur das Schiff heiratet. Aber dann hat er mich gerettet. Der Karl Bunzel hat den Mund doch nicht halten können. Wir werden alle nicht klug aus Jochen … Er muß zwei Seelen haben, die miteinander ringen. Warten wir ab, welche siegt.
»Wir werden im Frühjahr mit neuen Motoren fahren«, sagte Hannes. Der alte Baumgart fuhr herum.
»Das möchte ich sehen! Ich nehme keine Darlehen mehr auf! Ich mache keine Bankschulden mehr!«
»Ich werde es auch so schaffen, Vater.«
»Wo wir kaum zu essen haben?!«
»Auch das wird vorbeigehen.«
»Aber wir bleiben ehrlich!«
»Hast du wirklich etwas anderes von mir geglaubt, Vater?«
»Nein«, sagte Erna Baumgart. »Aber jetzt redet von etwas anderem. Weihnachten ist bald. Wo wollt ihr heiraten, Kinder?«
»Wo ihr getraut worden seid.«
»Das war in Duisburg-Ruhrort.« Der alte Baumgart sah seine Frau an. Dreißig Jahre, dachte er. Wie lang sind dreißig Jahre!
»Dort werden wir heiraten.« Irene Ballin senkte den Kopf. »Darf ich mir etwas wünschen, Vater?«
»Alles, mein Mädchen.«
»Alles?«
»Wenn ich es erfüllen kann.«
»Du kannst es! – Darf ich Jochen einladen?«
Der alte Baumgart erhob sich und verließ wortlos die Wohnkajüte. Erna Baumgart nickte Irene mit einem schwachen Lächeln zu. »Lade ihn ein. Irene. Er wird nicht kommen. Aber es ist schön von dir, daß du an Jochen denkst.«
Als Hannes wenig später an Deck ging, stand der alte Baumgart neben der Ankerwinde und sah in den schwarzen, nächtlichen Rhein. Es war kalt – von Osten wehte es heran und ließ die Verspannungen singen.
»Du erkältest dich, Vater«, sagte Hannes stockend. »Komm herunter.«
»Es wird Eis geben. Noch drei Tage – diese Nacht wird es frieren.«
»Der Frost draußen ist nicht so schrecklich wie der Frost im Herzen.«
»Hör auf mit diesen Sprüchen. Sie klingen schlecht aus deinem Mund. Jochen ist ein Lump – es wäre sinnlos, es abzustreiten.«
»Aber er hat mir das Leben gerettet und hat alle Rechnungen des Krankenhauses bezahlt.«
»Du weißt es also?«
»Irene hat es mir erzählt.«
»Und diese ›edle Tat‹ regt dich an, alles zu vergessen, was er uns angetan hat! Er hat uns innerhalb weniger Monate zu Bettlern gemacht, mich und Mutter und dich und Irene …«
Der alte Baumgart stapfte hinüber zu den Laderäumen, die leer und hoch aus dem Wasser ragten.
Hannes folgte ihm. Er verstand den Vater, er selbst hatte seinen Bruder gehaßt – aber seit dem Unfall hatte sich das Bild etwas verschoben. Nicht, daß es den Bruder sympathischer machte – das konnte es nicht –, nur machte es ihn rätselhafter, und auch Hannes hatte im geheimen die zwiespältigen Gedanken, die den alten Baumgart quälten: Was geht in diesem Kopf vor, der seiner Familie das letzte Brot nimmt und gleichzeitig heimlich alle Rechnungen bezahlt?
War Jochen ein Wahnsinniger? Gab es zwei Jochen Baumgart – den kalten, über Leichen gehenden Lumpen und den ab und zu durchbrechenden anständigen Menschen? Zwei Seelen, die miteinander rangen und von denen bis jetzt die böse die Oberhand gewann?
Der alte Baumgart kontrollierte die Lukendeckel der Laderäume.
»Vater«, sagte Hannes. »Wenn du einen Augenblick einmal nicht deinen Dickkopf haben könntest …«
»Ich habe keinen Dickkopf!« brummte der alte Baumgart.
»Was ist es dann?«
»Noch ein Funken Ehrbewußtsein.«
»Vielleicht wartet er darauf, daß wir ihm die Hand reichen.«
»Wir — ihm?«
»Einer muß nachgeben, Vater.«
»Und gerade ich? Ich, der Vater? Ich soll zu meinem Sohn kommen wie ein Schuldiger …? Weißt du, was du verlangst? – Was soll ich ihm denn sagen?« fragte er nach einer Weile des Schweigens.
Hannes atmete auf. Über sein kälterotes Gesicht zog ein freudiger Schimmer.
»Sag ihm einfach: Komm zurück!«
»Verrücktheit! – Er wird nicht kommen!«
»Ich werde ihm schreiben.«
»Und dann?«
»Dann warten wir ab. Entweder kommt er …«
»… oder?«
»Er kommt nicht. Aber wir wissen dann, woran wir sind. Die Ungewißheit ist weg, die Qual bei dem Gedanken, einen Bruder zu haben, der mich rettete und den keiner mehr will. Wenn er ablehnt, gut, dann gehen wir unseren Weg allein weiter …«
Zu Weihnachten heirateten sie.
Die Ankündigung dieses Festes und die Einladung dazu verband Hannes gleichzeitig mit einer ausgestreckten Hand an Jochen. Er schrieb, daß doch alles Dummheit gewesen sei. Sie alle erwarteten ihn – vor allem Mutter. Das wird ihn am meisten ansprechen, dachte Hannes, als er es schrieb. Und Erna Baumgart setzte mit ungelenker, schwerer, steiler Schrift hinzu:
»Ich erwarte dich, Jochen, zum Essen am Heiligen Abend …«
Als der Heilige Abend sich über den Hafen, die Schiffe, den Rhein, die Stadt und das Land gesenkt hatte, als die Glocken mit dem Weihnachtsläuten begannen und der Klang der Orgeln durch die kalte Nacht schwebte, saßen Erna Baumgart, der alte Baumgart, Hannes und Irene Ballin allein in der kleinen Wohnkajüte und tranken ein Glas. Auf einem kleinen Tisch in der Ecke brannten die Kerzen knisternd an einem winzigen Tannenbaum. Draußen vor dem Ruderhaus stand eine große Tanne auf dem Vorschiff, besteckt mit ein paar elektrischen Kerzen.
Jochen Baumgart aber kam nicht.
Jochen Baumgart hockte in einer Bar in St. Pauli.
Er war der einzige Gast. Zu keiner Zeit ist St. Pauli stiller als am Heiligen Abend. Nur die Entwurzelten sitzen auf den hohen Hockern oder hängen trübsinnig an den Tischen. Nur die Einsamen flüchten in dieser Nacht zum Alkohol. Nur die Ausgestoßenen sind in dieser Nacht blind, taub und gefühllos.
Jochen Baumgart sah in das hohe Glas mit dem Flip, das vor ihm stand. Er war allein auf dieser Welt – nie hatte er es deutlicher und erschreckender empfunden als in dieser Heiligen Nacht.
Jochen Baumgart bezahlte schnell und ging. Er irrte durch die weißen, menschenleeren Straßen.
Mutter … Alle haben sie eine Mutter oder einen Vater oder sonst einen Menschen, den sie lieben. Nur ich, ich habe niemanden. Ich bin ganz allein auf der Welt! Ich habe nur mein Geld, mein ergaunertes, mit Gemeinheit erkämpftes Geld.
Jochen Baumgart, wie armselig bist du doch!
Am Ende der Reeperbahn sah er noch Licht. Er stieß die Tür zu dem Lokal auf und betrat den großen Raum. Das Orchesterpodium war leer. An den Tischen saßen einige Seemänner, deren Schiffe in Hamburg ankerten und die wie Jochen Baumgart den heiligen Abend in einer Bar verbrachten. So kommt man am besten über trübe Gedanken hinweg – mit Alkohol, mit Mädchen, mit Witzen –, auch wenn es einem in der Kehle würgt.
Hinter der langen Bar, vor den riesigen Spiegelregalen mit den glitzernden Gläsern und Flaschen, stand ein Animiermädchen mit langen, schwarzen, über die nackten Schultern fallenden Haaren. Das enge, blutrote Abendkleid umschloß, paillettenbesetzt wie der Schuppenleib eines exotischen Fisches, den wundervoll gewachsenen Körper. Grüne Augen, flimmernd und den neuen Gast abtaxierend, empfingen Jochen.
Jochen Baumgart schwang sich auf den chromblitzenden Barstuhl.
»Sekt?« fragte das Mädchen. Ihre Stimme war dunkel. Wenn sie spricht, klingt es wie eine Melodie in Moll, dachte er und mußte über diesen Vergleich lächeln. Das Mädchen lächelte sofort zurück. Sie schob die grell bemalten Lippen auseinander und zeigte ihre kleinen, weißen Zähne.
»Wenn Sie unbedingt wollen – also Sekt.«
»Er ist für Sie am besten.«
»Gerade für mich? Wieso?«
»Weil Sekt fröhlich macht.«
»Und Sie glauben, ich will fröhlich sein?«
Das Mädchen zog die abrasierten und wieder mit schwarzem Stift nachgezogenen Augenbrauen hoch. »Es heißt doch heute: O du fröhliche, o du selige …«
Jochen Baumgart biß sich auf die Unterlippe. Sein Gesicht wurde dunkel.
»Ihr Humor ist gallenbitter, mein Fräulein.«
»Ich heiße Betty. Betty Kahrmayr. Aus Obersitzenhausen bei Reit im Winkl.«
»Eine Bayerin in St. Pauli? Ein guter neuer Filmtitel. Würde ich mir schützen lassen.«
»Es wäre ein trauriger Film. Darum sollten wir Sekt trinken.«
»Wir?«
»Sie werfen doch eine Flasche aus?«
»Für dich, Betty, immer.«
Sie lächelte wieder. Unergründlich, mit grünen Augen und kleinen weißen Zähnen.
»Sie haben einen schnellen Verstand. Wie heißen Sie?«
»Jochen.«
»Ein ernster Name. Ein seriöser Name.«
»Das bin ich, Betty.«
»Kaufmann?«
»Reeder.«
»Was?« Ihre grünen Augen wurden groß, rund und ungläubig. Ihr grell bemalter Mund verzog sich wie bei einem weinenden Kind. »Wirklich Reeder? Mit eigenen Schiffen?«
»Nur mit einem Schiff. Einem Binnenschiff. Das schönste und modernste und schnellste Schiff, das quer durch Europa fährt. Die ›Fidelitas‹.«
»Das ist Latein?«
»Ja.« Er nahm das Glas mit Sekt und stieß es gegen das Glas Bettys. »Prost! Auf die Stille Nacht …«
»Du hast keine Angehörigen?«
»Nein.« Jochen Baumgart würgte es heraus. Er stürzte das Glas Sekt mit einem Zug hinunter. Er hielt es Betty wieder hin.
Sie goß das Glas noch einmal voll.
»Ich habe um drei Uhr Feierabend.« Sie schob den Sekt zu ihm hin und beobachtete, wie er das Glas wieder mit einem Zug leerte. »Solange mußt du warten.«
Jochen Baumgart grinste.
»Das ist doch Dummheit, Betty. Du kennst mich nicht – ich bin ein rauher Geselle.«
Doch das Radio strafte ihn Lügen. Als helle Kinderstimmen zu singen begannen, riß er die Hände empor und legte sie gegen seine Ohren. Sein Gesicht verzerrte sich.
»Stell die Musik ab!« sagte er grob.
Über ihren grellrot bemalten Mund flog ein leichtes Lächeln. »So rauh bist du wieder nicht, um deine Kindheit zu vergessen.«
»Das kann keiner – auch die nicht, die da hinten grölen.«
Sie nickte.
Dann warteten sie auf drei Uhr morgens. Sie sprachen wenig …
Gegen zwei Uhr verließen die letzten Gäste die Bar – schwankend, Weihnachtslieder pfeifend, eine Hafendirne am Arm.
Weihnachten der Ausgestoßenen.
»Ich gehe noch etwas an die Luft.« Jochen kletterte von seinem hohen Barstuhl herunter. »Um drei Uhr hole ich dich ab.«
»Bestimmt?«
»Bestimmt!«
Während Jochen Baumgart durch St. Pauli ging, erschienen in der Bar zwei Herren.
Wer sie unbefangen und ohne Kenntnis ihres wahren Metiers auf der Straße sah, mochte zu dem Schluß kommen, daß diese Herren aus der besten Gesellschaft stammten. Ihre schwarzen Homburg-Hüte waren vollkommen wie die der Bonner Diplomaten, ihre Paletots zeigten den modernen und dezenten Schnitt erstklassiger Schneider, ihre Anzüge, ihre italienischen Schuhe, ihre Nappalederhandschuhe, alles an ihnen war vollkommen und beste Arbeit. Nur die Gesichter waren bei dieser Maßarbeit der Vornehmheit etwas benachteiligt worden – es waren Physiognomien von Galgenvögeln reinster Sorte. Die eckigen Kinnladen, die niedrigen Stirnen, die lauernden Augen unter den sorgfältig geschnittenen Haaren wurden nur gemildert durch die Kleidung. Zweimal zwei Zentner Gaunerei, verpackt in Gentlemen, betraten die Bar und begrüßten Betty Kahrmayr mit einem lauten Hallo und einem herzhaften Klaps auf die Schulter.
»Bon soir«, sagte der eine. »Einen Whisky.«
»Bei dir ist ja wirklich Stille Nacht!« lachte der andere. »Komm, räum den Laden auf und geh mit zu Eddy. Da ist noch was los! Ein amerikanisches Kanonenboot hat dort Ausgang!«
Herbert Willke und Pierre Domaine ließen sich in der Nähe der Bartheke nieder und sahen Betty zu, wie sie den Whisky mit Eis mischte und Sodawasser zu dem Glas auf ein silbernes Tablett stellte.
»So einsilbig, ma chérie?« fragte Pierre Domaine. Er holte aus der Tasche seines Paletots eine Zigarette mit schwarzem Tabak.
»Ich gehe nach Hause«, sagte Betty.
»Ach nee!«
»Ihr könnt euch den Rummel bei Eddy allein ansehen …«
»Weihnachtsstimmung, ma petite?!«
»Vielleicht.«
»Oder ein Mann, Pierre!«
»Auch das!«
»Kinder, Betty entdeckt die Liebe!« Herbert Willke bog sich über den Tisch und lachte. »Ist wohl diesmal ein Kapitän, was? Goldlitzen um'n Ärmel! Aber beruhige dich, mein Kind – Goldlitzen hat er nur da – nicht um die Unterhose! Da ist er wie wir!« Er lachte wieder dröhnend und trank seinen Kognak in einigen kleinen Zügen. Betty räumte die Bar auf.
»Er ist kein Kapitän. Er ist Reeder.«
»Vielleicht der Thyssen selbst? Oder der Haniel? Oder gar der Howaldt? Du Schaf glaubst auch alles! Als wenn ein Reeder sich an eine Betty Kahrmayr verirrt …!«
»Er ist wirklich ein Reeder. Er besitzt das schnellste und modernste Binnenschiff Europas. Die ›Fidelitas‹!«
»Was du nicht schon alles weißt!« Herbert Willke kaute am Mundstück seiner Zigarre. »Es wird ein alter Äppelkahn sein, auf dem die Ratten Rock'n Roll tanzen.«
Betty Kahrmayr hatte die Bar aufgeräumt, die Gläser gespült und die Flaschen in die Spiegelschränke einsortiert. Nun machte sie die Kasse und verschloß die Bündel Geldscheine in einer stählernen Kassette.
»Sicherlich holt er dich ab, dein Goldfasan?«
»Das geht euch einen Dreck an!«
»Spricht so eine Reedersfreundin?« Willke erhob sich.
»Was wollt ihr eigentlich hier?«
»Dir mitteilen, mein Engelchen, daß du deinen Kokain- und Evipan-Kunden sagen kannst, sie könnten auf ihre Ware lange warten! Unser Mittelsmann in Aachen ist hops gegangen! Mit zehn Kilogramm Kokain! Die haben an der Grenze gestaunt! Soviel Schnee haben die noch nie auf einem Haufen gesehen! Und nun ist uns der Weg über Belgien und Frankreich gesperrt – und in die Schweiz kommen wir nicht rein.«
»Merde!« bestätigte Domaine diese Feststellung.
»Der Laden geht zurück, Puppe. Wir haben einen dicken Kopf und wissen nicht weiter.«
Die Uhr über der Bartheke rückte auf drei Uhr. Die beiden Kellner drehten die Lichter aus – auf Domaine und Willke nahmen sie keine Rücksicht. Es waren keine Gäste, sondern Ungeziefer.
Betty nahm die Geldkassette unter den Arm. Der Besitzer der Bar wohnte ein Stockwerk höher. Dort waren auch die heimlichen Glücksspielzimmer. Herbert Willke setzte seinen Diplomaten-Homburg auf.
»Hast du keine Verbindungen zur Schweiz, Betty?«
»Nein! Laßt mich in Ruhe mit euren Kokaingeschäften!«
»Bisher haste gut daran verdient. Und auf einmal … Aber als Frau Reeder geziemt es sich wohl nicht, he? Was denkst du, was dein Süßer sagt, wenn wir ihm erzählen, daß du …«
Betty wandte Willke den Rücken zu und verließ wortlos die Bar. Pierre Domaine schüttelte den Kopf.
»Idiot!« sagte er laut.
Willke zuckte zusammen. »Wieso?«
Pierre Domaine nahm seinen Hut und drängte Willke auf die Straße. Die kalte Nachtluft schlug ihnen entgegen wie eine Faust. Herbert Willke klappte den Mantelkragen hoch.
»Was soll das alles? Ich habe keine Lust, durch die Kälte zu laufen. Du hast ein Benehmen, Pierre …«
»Silence!« Domaine verhielt den Schritt und musterte seinen Partner. »Ist dir kein Gedanke gekommen? Keine Idee?«
»Wobei?!«
»Bei dem Reeder von Betty? Sie sagte: Er ist Binnenschiffer! Attention! Binnenschiffe fahren auch über den Rhein. Wie weit ist der Rhein schiffbar?«
»Bis Basel.«
»Und wo liegt Basel?«
»In der Schweiz«, stöhnte Willke. Er wollte noch etwas sagen, aber plötzlich zündete der Gedanke auch bei ihm. Er sah Domaine mit großen Augen an. Ein Leuchten zog über seine mißmutigen Züge. »Pierre! In der Schweiz! Da wollen wir ja hin! Da suchen wir ja …«
Am zweiten Weihnachtsfeiertag kehrte Karl Bunzel auf die ›Fidelitas‹ zurück.
Schon am Fallreep, an dem der Erste Steuermann stand, erfuhr er die große Neuigkeit: Der ›Alte‹ hat eine Flamme an Bord!
»Kinder, wir gehen anderen Zeiten entgegen!« stellte Karl Bunzel darauf fest. »Wenn erst eine Frau an Bord ist, wird es gemütlicher!«
Diese Meinung änderte er, als er Betty Kahrmayr sah. Sie stand in einem weiten Pelzmantel oben auf der Brücke und betrachtete den Hamburger Binnenhafen.
»Das is se!« flüsterte der Erste Steuermann Bunzel ins Ohr.
»'ne Nutte!«
»Wenn das der Alte hört, schlägt er dich von Bord.«
»Er wird doch wissen, wo er se hergeholt hat!« Karl Bunzel rieb sich die kalte Nase. »Wenn das mal gutgeht, Leute!«
Der Erste Steuermann stieß den ›Kapitän‹ an. »Sieh dir das an!«
Betty hatte den Mantel aufgeknöpft, als sei es ihr zu warm unter dem dichten Fell. Ihre schlanke Figur steckte in einem engen Wollkleid wie in einem Futteral. Es war hellblau, schmucklos und konzentrierte gerade in dieser Einfachheit die Blicke auf den Körper. Jetzt breitete sie die Arme aus und ließ den kalten Schneewind auf sie eindringen. Karl Bunzel schnaubte durch die Nase.
»Das macht einen Menschenfresser zum Vegetarier!« sagte er leise. »Wenn die an Bord bleibt, wird die Mannschaft verrückt!«
Betty Kahrmayr blieb an Bord.
Sie kündigte ihre Stellung in der St.-Pauli-Bar und fuhr mit der ›Fidelitas‹ kurz vor Silvester aus Hamburg hinaus. Vorher aber hatte sie noch ein unfreiwilliges Zusammentreffen mit Herbert Willke und Pierre Domaine.
Als sie auf dem Jungfernstieg einkaufte, bremste plötzlich ein Wagen an ihrer Seite, und Domaine winkte ihr zu.
»Bonjour, ma fillette«, sagte er mit breitem Grinsen. »Kennst du uns alte Gauner nicht mehr?!«
Betty trat an den Wagen heran. Ihre Augen waren hart.
»Was wollt ihr?« fragte sie scharf.
»Dir ein Geschäft vorschlagen«, sagte Willke. Er öffnete die Wagentür und zerrte Betty auf den Sitz an seine Seite. »In Basel liegt eine Sendung Marihuana! Wir haben Pervitin im Koffer! Ein glattes Geschäft, wenn wir nur wissen, wie mit der Sore hinein und hinaus! Das alles ist nun kein Problem mehr, wenn wir uns auf dem Wasserwege fortbewegen …«
»Unmöglich!« Betty begriff sofort. Sie lehnte sich in den Polstern zurück und spreizte abwehrend die Hände. »Nie wird Jochen dies mitmachen!«
»Dein Jockeli wird davon gar nichts erfahren!« Willke rieb sich lächelnd die Hände. »Die neue Masche ist die, daß dein Süßer für uns Baumstämme hin und her fährt. Weiter nichts. Alles andere ist unsere Sache! Stämmchen von Amsterdam nach Basel – von Basel nach Amsterdam. Und dafür wird er fürstlich honoriert! Er wird eine Dauerstellung bei uns haben!«
Betty griff nach der Türklinke. »Ich mache da nicht mit!« rief sie laut. »Haltet an und laßt mich hinaus.«
Pierre Domaine nahm die Zigarette aus dem Mundwinkel und drückte sie in dem Aschenbecher am Armaturenbrett aus.
»Du lebst doch gern?!« fragte er hart.
Durch Bettys Körper rann ein Zittern.
»Was soll das, Pierre?«
»Überleg es dir. Du kennst uns. Es geht um ein Millionengeschäft. Es sind schon Menschen wegen kleinerer Beträge getötet worden.«
Pierre Domaine hielt den Wagen an der gleichen Stelle, an der sie Betty aufgenommen hatten.
»Wir treffen uns in Köln«, sagte er. Seine Stimme duldete keine Widerrede. »Sobald die ›Fidelitas‹ im Kölner Hafen liegt, rufst du uns an. Die Nummer kennst du. Alles andere geschieht von selbst. Und nun steig aus!«
Auf dem Schiff erwartete Jochen Baumgart sie mit einer Überraschung.
»Für die kalten Abende in der Kajüte«, sagte er, als er ihr die Stola um die Schulter legte.
»Warum tust du das?« Sie verbarg ihr Gesicht an seiner Brust und dachte an Pierre Domaine und Herbert Willke. Wie gemein das alles ist, dachte sie. Wie widerlich.
»Laß mich nie mehr allein«, sagte sie mit fliegendem Atem. »Hörst du – halt mich ganz, fest, ganz, ganz fest. Ich habe solche Angst …«
»Wer sollte dir etwas tun?« Jochen Baumgart legte seine Arme um ihren zitternden Körper. »Für uns beide soll jetzt ein neues Leben beginnen.«
»Du lebst es schon. Du hattest nichts zu vergessen.«
»Weißt du das?« Er löste ihre Arme von seinen Schultern und sah ihr in die flackernden, angstweiten Augen. »Was wissen wir von uns? Nur, daß wir uns lieben …«
»Ist das nicht genug?« Die Angst vor Domaine und Willke verschloß Betty wieder den Mund. Sie wischte sich über die Augen, und als sie die Hand zurückzog, lächelte sie sogar wieder. Ein wenig verzerrt, gespielt, krampfhaft. Aber sie lächelte. »Welch einen Unsinn reden wir. Anstatt uns zu freuen, benehmen wir uns wie erschrockene Kinder!«
Jochen Baumgart zog die Stola fester um ihre Schulter.
»Hast du Angst, daß alles einmal aufhört – zwischen uns?«
»Vielleicht …«
»Und wenn ich dir sage, daß ich dich liebe …«
»Wie kannst du das? Du: ein Reeder! Ich: eine Bardame, ein Mädchen, das man sich kaufen konnte.« Betty schüttelte den Kopf. »Ich habe nicht vor dem Abschied Angst, Jochen. Er wird einmal kommen, ich weiß es ja … Ich habe es oft genug erlebt. Einmal sind wir satt, Jochen, dann können wir uns nicht mehr sehen. Und dann sind wir froh, wenn wir schnell weggehen können, jeder wieder zu der Welt, aus der er kam. Wo wird dann die Liebe sein, von der du jetzt sprichst?«
»Du bist ein Pessimist. Warum glaubst du nicht daran, daß wir zusammenbleiben?«
»Weil ich das Leben kenne. Es gibt kein optimistisches Leben!«
»An meiner Seite wirst du lernen, anders zu denken.«
Um einen Tag zu spät trafen Hannes Baumgart und seine junge Frau Irene auf der Hochzeitsreise in Hamburg ein.
Als sie ankamen, war die ›Fidelitas‹ gerade sechzehn Stunden weiter im Binnenland; dort, wo sie festgemacht hatte, lag jetzt ein älterer Schlepper und lud Juteballen ein.
»Vielleicht sollte es nicht sein«, sagte Hannes, als sie im Hafenrestaurant saßen und hinaus auf die Unterelbe blickten. Durch die von den Eisbrechern freigemachte Fahrrinne zogen langsam, von den erfahrenen Lotsen gesteuert, die Ozeanriesen und die großen Überseefrachter in die Hafenbecken hinein. Zollboote jagten mit schäumendem Kiel durch die einzelnen Fahrstraßen …
Irene rührte in ihrer Tasse Kaffee herum. »Sollten wir ihm nicht nachfahren, Hannes? Du kennst doch die Schleusen, wo wir ihn treffen müssen.«
»Ich renne ihm nicht nach.«
»Aber wenn wir schon in Hamburg sind. Was bedeuten sechs Stunden Vorsprung?«
Hannes Baumgart schüttelte den Kopf und legte seine großen, verarbeiteten Schifferhände auf die zarten Finger seiner Frau.
»Er wußte, daß wir kommen … Und er ist trotzdem abgefahren!«
»Er – wußte es?«
»Ich habe es ihm geschrieben, heimlich.« Hannes sah hinaus auf den Fährbetrieb. Seine Backenknochen stachen durch die Haut. »Ich habe ihm den genauen Tag angegeben …«
»Vielleicht hatte er einen festen Termin. Du weißt doch selbst, daß bei verderblicher Ladung …«
»Jochen fährt keine verderbliche Ladung. Das hat er nicht nötig. Er hat Maschinen geladen. Halbfertige Maschinen für eine Kölner Fabrik! Die hatten einen Tag Zeit.«
»Dann hat er deinen Brief nicht erhalten.«
»Er wurde an Bord gebracht. Ich habe mich auch danach erkundigt. Er hat den Brief! Aber er will uns nicht sehen.« Er nestelte seine Geldbörse aus der Tasche, legte zwei Markstücke auf den Tisch und erhob sich. »Komm, Irene. Wir fahren zurück nach Duisburg. Unser Schiff heißt ›Guter Weg‹. Wir wollen diesen guten Weg wirklich gehen – ohne Ärger, ohne Sorgen, ohne Streit. Ein guter Weg – für uns!«
»Und Jochen?«
»Er wird seinen Weg machen. Vielleicht kreuzen sich unsere Wege. Es wird sich dann zeigen, ob wir noch Brüder sind oder Todfeinde. Oft liegt dies eng beieinander.«
Der Brief war nicht verlorengegangen. Jochen Baumgart hatte ihn empfangen, aber er steckte ungelesen und ungeöffnet noch in seiner Jackentasche.
Als der Hafenpostbote das Schreiben brachte, war er gleichzeitig mit Betty Kahrmayr an Bord der ›Fidelitas‹ gekommen. Im Überschwang seines Glückes hatte Jochen den Brief achtlos in die Tasche geschoben.
Der Steward – so nannte sich hochtrabend einer der kleinen, krummen Galgenvögel, die Bunzel angeheuert hatte – fand den Brief beim Ausbürsten des Anzuges und zögerte einen Augenblick, ob er ihn in der Tasche lassen oder ob er ihn zum Chef hinauftragen sollte. Er entschied sich für das letztere.
»Ein Brief, Chef«, sagte der Steward und grüßte militärisch. Jochen Baumgart sah von seinem Journal auf.
»Einen Brief? Wohl besoffen, was? Vom Himmel gefallen als modernste Luftpost?«
»Er ruhte in Ihrer Jacke, Chef«, sagte der Steward vornehm.
»In meiner … Ach ja.« Jochen nahm das Kuvert. Er drehte es herum. Kein Absender. Poststempel Duisburg.
Ein heißer Stich durchzog sein Herz. Duisburg … Er erhob sich, klappte das Journal zu und steckte den Brief in seinen Rock. »Ich möchte nicht gestört werden!«
In seiner Kajüte trank er ein großes Glas Kognak. Dann schloß er die Tür zu, setzte sich in den Sessel und rollte mit seinem Kugelschreiber das Kuvert auf.
Er faltete das Blatt auseinander und las zuerst die Unterschrift. Hannes …
Dann las er Zeile nach Zeile, langsam, ergriffen, mitfühlend, was der Bruder dabei gedacht haben mochte, als er diese Worte niederschrieb.
»Mein lieber Bruder.
Ich nenne Dich so, weil Du es bist. Und es spricht sich leichter
so, als wenn ich schreiben würde: Lieber
Jochen. So kann man einen Freund anreden …
Mit einem Bruder kann man anders sprechen.
Ich habe geheiratet … Du weißt es. Ich habe die liebste und süßeste Frau dieser Welt – es sei denn. Du heiratest einmal. Dann will ich sagen, daß Du auch damit mich übertroffen hast! Wir haben nun eingesehen, Irene und ich, daß alles, was hinter uns liegt in den vergangenen Monaten, Dummheit war. Warum sollen wir nicht – wie es sich gehört – Seite an Seite leben, eine glückliche Familie? Und sie wird noch glücklicher sein, wenn Irene ihr Kind bekommen hat – dann sollst Du Pate sein, und ist es ein Junge, wird er Jochen heißen, nicht anders. Und darum, lieber Jochen, laßt uns die Hand reichen und uns sagen: Wir waren Idioten! Laßt uns wieder Brüder sein – Mutter wäre überglücklich darüber, und Vater … Nun, Du kennst ihn ja … Er macht keine Worte, er zeigt keine Gefühle, er ist wie ein Bär. Aber kannst Du Dir einen Vater denken, der nicht glücklich ist, wenn sein Sohn zurückkommt? Darum werden wir in drei Tagen, genau am Donnerstag, zu Dir nach Hamburg kommen. Irene und ich. Es grüßt Dich, mein Bruder, Dein Bruder Hannes.«
Jochen Baumgart ließ den Brief sinken. Er starrte vor sich hin. Sie waren in Hamburg – und ich habe den Brief nicht gelesen und bin abgefahren. Sie müssen denken, daß ich sie wegstoße. Sie müssen denken, daß es jetzt kein Zurück mehr gibt! Jetzt, wo ich am Ziel bin – mit einem Schiff, mit einer Frau, die ich heiraten werde, ganz gleich, woher sie kommt, weil ich sie liebe – jetzt ist doch alles so leicht geworden. Jetzt kann man die Hand reichen, als Sieger!
»Bunzel!« schrie er durch die kalte Luft hinauf zur Brücke. »Bunzel, halten Sie sofort an!«
»Jetzt dreht der Alte durch«, dachte Bunzel und fuhr weiter.
Jochen Baumgart kletterte die Stufen zur Brücke hinauf und riß die Tür zum Kommandoraum fast aus den Angeln.
»Halten Sie sofort, Bunzel! Oder noch besser: Drehen Sie zurück nach Hamburg!«
»Wir haben Fracht, Mister!«
»Zum Teufel mit der Fracht! Wir müssen zurück.«
»Wegen des Briefes?«
»Das geht Sie einen Schmarren an! Ich befehle hier das Schiff!«
»Das haben Sie schon einmal gesagt, damals, als Sie Ihrem verletzten Bruder nicht helfen wollten! Und ich habe damals auch getan, was ich wollte und habe Ihren Bruder gerettet. Nicht Sie! Von Ihnen aus hätte der Junge krepieren können! Wir fahren weiter.«
Jochen Baumgart preßte die Lippen zusammen. »Wir reden noch darüber«, zischte er Bunzel zu.
Und die ›Fidelitas‹ fuhr den alten Kurs weiter.
Für Hannes und Irene begann mit der Rückkehr zur ›Guter Weg‹ der harte und erbarmungslose Alltag. Er erschöpfte sich nicht so sehr in der körperlichen Arbeit, die auch ein stilliegendes Schiff mit sich bringt, als vielmehr in der nervenzermürbenden Jagd nach Aufträgen und Ladungen.
Der alte Baumgart hatte es aufgegeben, weiterhin bei den alten Kunden nachzufragen. Überall, wo er hingekommen war, hatte er Verträge vorgezeigt bekommen, die mit Jochens Unterschrift versehen waren und ihm die alten Kunden für zwei oder gar drei Jahre wegnahmen.
Nach sieben Tagen endlich bekam Hannes eine Fracht.
Fischmehl nach Ludwigshafen.
Nicht viel – die Fracht füllte gerade den kleinsten, vorderen Bunker. Aber der Frachtgewinn reichte aus, um in Ludwigshafen vielleicht wieder sechs Wochen zu warten, ohne zu verhungern.
Der alte Baumgart saß am Vorschiff und teerte den Prellblanken, den man auswarf, wenn man an einer Landungsbrücke hielt, um den Zusammenprall zwischen Eisen und Holz zu mindern, als Hannes glücklich aus der Stadt zurückkam.
»Vater! Ablegen zu Becken II! Wir fahren nach Ludwigshafen!«
Durch den alten Baumgart zuckte es wie bei einem elektrischen Schlag. Aber das war nur kurz. Er drehte sich daraufhin langsam um und nahm die Pfeife aus dem Mund.
»Ladung?«
»Fischmehl!«
»Soso, Fischmehl! Naja, besser als nichts.«
Von den Wohnkajüten kam Irene gelaufen. Sie winkte Hannes zu, ihre blonden Haare flatterten beim Laufen.
»Du hast Fracht?« rief sie. Fast weinte sie vor Freude. »Du hast wirklich Fracht?« Sie wandte sich dem alten Baumgart zu. »Na, was sagst du zu deinem Sohn?«
Der Alte hob die Schultern. »Die Jugend scheut sich nicht vorm Betteln.«
»Es kommt darauf an, ob man etwas zu essen hat! Mit Stolz verhungern ist auch keine Lebensauffassung.«
Hannes wollte etwas sagen, aber der alte Baumgart enthob ihn der Worte. Er sah seine Schwiegertochter mit großen Augen an, legte dann den Eimer auf Deck und wandte sich ab.
»Dann bin ich wohl ganz überflüssig geworden …«
Mit langsamen, schweren Schritten ging er über das Deck und verschwand in den Wohnkajüten. Hannes trat an Irene heran und legte ihr den Arm um die Schulter. Sie schmiegte sich an ihn. In ihren blonden Locken riß der kalte Wind, der vom Rhein herüber in den Hafen wehte.
»Das hättest du nicht sagen dürfen«, sagte er. Aber es war kein Vorwurf in seiner Stimme.
In Köln bereiteten unterdessen Herbert Willke und Pierre Domaine das Geschäft ihres Lebens vor.
Sie kauften Langstämme.
Zweitausend Kubikmeter.
Auf riesigen Tieflastern wurden sie herangefahren und am Kölner Hafen gestapelt. Ein weiter Platz wurde mit dem Holz bedeckt. Tannen, Fichten, Birken, Eichen, Buchen, Ulmen. Es war ein Gemisch aller Holzarten, über das jeder Holzhändler den Kopf geschüttelt hätte. Nicht aber Willke und Domaine.
Nachdem das Holz herangefahren war, begannen sie in nächtlicher Arbeit, die Stämme anzubohren und mit Pfropfen zu versehen. In die Hohlräume legten sie kleine metallene Kapseln – Kapseln mit Pervitin, Evipan, Dolantin – Kapseln mit Kokain und Morphium. Damit sie das Rauschgift jenseits der deutschen Grenze wiederfanden, malten sie mit blauer Farbe Nummern über die Stellen, Bezeichnungen, Stärkegrad und Gütezeichen.
»Det is ne Wucht!« sagte Herbert Willke, als sie die Mehrzahl der Kapseln in die Stämme versenkt hatten. »Darauf kommt keiner von den Zollhammeln! Det is die letzte Weisheit! Rauschgiftschmuggel im Baumstamm! Als ob die in Basel alle Stämme kontrollieren könnten!«
»Ein Stamm genügt, um die ganze Ladung zu beschlagnahmen.«