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In der Wirtsstube fand Gasperlmaier vielleicht noch zehn, fünfzehn Gäste des Leichenschmauses vor. Der Loisl stierte mit glasigen Augen auf die Tischplatte, während seine Schwester und seine Frau in ein angeregtes Gespräch vertieft waren. In einem zweiten Grüppchen sah Gasperlmaier seine Mutter, zusammen mit dem Doktor Schwaiger und einem weiteren Herren. Die Mutter hielt sich gerade, mädchenhaft kichernd, die Hand vor dem Mund. Vor ihr stand ein Glas, halb voll mit Rotwein. Die Mutter trank sonst selten, nicht einmal, wenn sie bei ihnen zu Hause eingeladen war, zum Muttertag zum Beispiel, trank sie mehr als vielleicht einen Sekt mit Orangensaft. Was war heute bloß mit ihr los?

Gasperlmaier setzte sich neben sie. „Entschuldigung, Mama. Aber es war ein Notfall, der Friedrich hat mich gebraucht.“ Die Mutter musterte ihn von der Seite her. „Ist mir eigentlich gar nicht aufgefallen, dass du weg warst.“ Gasperlmaier war gerade dabei, einen entrüsteten Kommentar vorzubereiten, was bei ihm meist etwas länger dauerte, als seine Mutter schon weitersprach: „Den Herrn Doktor Schwaiger kennst du ja schon. Und das ist der Sepp Manzenreiter, der ist auch mit uns in die Schule gegangen, ein Jahr unter uns. Er hat die Voglreiterin auch gut gekannt.“

Gasperlmaier hob seinen Hintern ein klein wenig, um dem Sepp Manzenreiter die Hand schütteln zu können. Der war, ganz im Gegensatz zum Doktor Schwaiger, klein gewachsen und äußerst beleibt. Das Gilet spannte über seinem Kugelbauch ganz gewaltig, und Gasperlmaier hatte das Gefühl, als leide er allein vom Aufstehen und Händeschütteln schon an Atemnot. Wenn er allerdings, so rechnete Gasperlmaier, ein Jahr jünger war als seine Mutter, dann war er gerade einmal siebzig. Gasperlmaier hoffte, in diesem Alter noch etwas besser beisammen zu sein. Schließlich bestand ja Aussicht, mindestens bis 65 arbeiten zu müssen, da wollte man danach auch noch etwas vom Leben haben. Gasperlmaier grollte innerlich. Die beiden Herren ihm gegenüber, die genossen sicher schon mehr als zehn Jahre fidel ihre Pension und jammerten, wenn die jährliche Erhöhung einmal ein wenig knapper ausfiel. Dafür schäkerten sie schamlos, selbst in seiner Gegenwart, weiter mit der Mutter.

„Mama, ich bin eigentlich gekommen, dass ich dich heimbringe!“ Statt der Mutter antwortete der Doktor Schwaiger. „Aber was! Wo wir uns doch gerade so gut unterhalten! Trinken S’ ein Glaserl mit uns, Herr Inspektor!“ Er nahm ein unbenutztes Weinglas, das noch umgedreht auf seinen Einsatz wartete, und füllte es aus einer Flasche, die direkt vor ihm stand. „Prost!“ Etwas gezwungen lächelte Gasperlmaier. Er musste wohl gute Miene zum bösen Spiel machen und mittrinken, er konnte ja seine Mutter schlecht am Kragen hinausschleifen.

So kam es, dass Gasperlmaier nach drei oder vier weiteren Achterln auch schon über die Witze der Herren Schwaiger und Manzenreiter hellauf mitlachte, als sein Handy läutete. Gasperlmaier wühlte in seiner Hosentasche danach, doch als er es endlich daraus befreit hatte, glitt es ihm aus den Händen, fiel zu Boden und verstummte. Gasperlmaier klaubte es auf und stellte fest, dass er den Namen auf dem Display nur verschwommen sah, wie durch Milchglas. War das Handy kaputt, oder war er schon zu betrunken, um scharf zu sehen? Gasperlmaier eilte nach draußen und drückte die Rückruftaste. „Grüß Sie, Gasperlmaier. Kohlross hier.“

Gasperlmaier traf fast der Schlag. Auf ein Gespräch mit der Frau Doktor war er jetzt nicht vorbereitet gewesen. Er nahm all seine Konzentration zusammen, um mit fester Stimme antworten zu können. Gleichzeitig fiel ihm ein, wie ihn die Frau Doktor beim Abschied nach dem letzten Fall auf beide Wangen geküsst hatte, was seine Sprechhemmung noch verstärkte. „Gasperlmaier, sind Sie noch dran?“, meldete sich die Frau Doktor deshalb nochmals. „Ja, ja!“, beeilte er sich nun zu antworten und nickte dazu ins Telefon. „Dann hören Sie mir jetzt bitte genau zu. Ich komme heute noch nach Altaussee, wegen Ihres ungeklärten Todesfalls. Ferdinand Breitwieser, lese ich da. Sie haben den Toten schon gesehen? Was ist Ihr Eindruck?“ Gasperlmaier setzte die Frau Doktor ein wenig umständlich ins Bild, sodass sie ihn mehrmals daran erinnern musste, ihr nicht von Engeln und energetisiertem Wasser, sondern von dem Toten zu erzählen. „Ja, Gasperlmaier“, sagte sie schließlich. „Gibt Überstunden heute. In einer Stunde auf dem Posten, okay?“ Gasperlmaier bestätigte, worauf die Frau Doktor auflegte.

Wie er in einer Stunde wieder halbwegs diensttauglich und nüchtern sein sollte, war ihm ein Rätsel. Er musste sofort heim, die Christine konnte ihm vielleicht helfen. Davor aber hieß es noch, sich um die Mutter zu kümmern. Er kehrte in die Gaststube zurück und stellte fest, dass die Mutter und die beiden Herren gar keine Anstalten machten, auszutrinken und nach Hause zu gehen, während die Familie Voglreiter sich bereits im Aufbruch befand. Der Loisl, so stellte Gasperlmaier fest, schwankte beträchtlich, als er sich zu den Kleider­haken begab, um dort seine Jacke abzuholen.

„Mama, ich muss noch einmal in den Dienst. Wir haben einen Todesfall. Soll ich dich vorher noch heimbringen?“ „Einen Todesfall habt ihr? Und was hat da die Polizei damit zu tun? Wer ist denn gestorben?“ Das konnte Gasperlmaier jetzt gar nicht brauchen, dass ihn die Mutter mit zahlreichen Gegenfragen nervte, anstatt ihm einfach zu sagen, ob sie mit ihm mitkommen wollte oder nicht. „Mama, gehst du jetzt mit mir heim, oder bleibst du da? Ich hab’s eilig!“, wurde er deshalb ein wenig deutlicher. Die Mutter winkte ab. „Ich bin noch nicht im Altersheim, Franzl. Ich find schon alleine heim. Wenn mich nicht einer der Herren begleiten möchte.“ Wieder kicherte die Mutter so kindisch. Was war nur mit ihr los? „Also, pfüat di, Mama! Ich geh dann!“ Er konnte sich jetzt wirklich nicht mehr länger bei der Mutter aufhalten, die Zeit wurde knapp.

Erst als Gasperlmaier sein Auto in der Einfahrt seines Hauses anhielt, wurde ihm klar, dass er keinesfalls mehr hätte fahren dürfen. Wie viele Achterl waren es gewesen? Und wie viele Seidel und Schnäpse davor? Im Vorhaus rief er nach der Christine. „Was ist, Gasperlmaier? Ich bin gerade beim Kochen, ich versteh dich nicht! Ist so laut in der Küche!“ Er steckte seinen Kopf in die Küche. „Ich muss noch einmal zum Dienst! Wir haben einen Toten, und die Frau Doktor kommt heute noch zu uns herein. Ich muss schauen, dass ich wieder einen klaren Kopf bekomme.“ Die Christine drehte sich um. „Bist beim Leichenschmaus versumpert, was? Ich hab mich eh schon gewundert, dass du so lange nicht gekommen bist. Hätt ich nicht geglaubt, wo du doch mit deiner Mama unterwegs warst.“

Gasperlmaier winkte ab. Er hatte jetzt wirklich keine Nerven für so ein Geplänkel. „Ich geh schnell duschen!“ In der Dusche ließ Gasperlmaier das Wasser zuerst heiß, dann so kalt laufen, dass er es gerade noch aushielt. Nicht ohne lautstark zu stöhnen, sodass die Christine nachschauen kam. „Ist dir schlecht?“ Heute bemühte sie sich aber schon sehr, dachte Gasperlmaier bei sich, ihm auf die Nerven zu gehen. Wieso sollte ihm denn von ein paar Seideln Bier und einigen Achterln Wein schlecht geworden sein? So viel vertrug ja die Christine sogar selber, ohne dass sie sich übergeben musste.

Als er aus der Dusche stieg, fühlte er sich schon wesentlich besser und erfrischt. Es würde schon gehen – allerdings sollte er darauf achten, dass nicht gerade er selbst den Chauffeur machte, es musste halt jemand anderer fahren. Als er seine geliebte Uniform wieder trug, fühlte er sich vollends wiederhergestellt. Bis auf das Ziehen im Nacken. Vielleicht würde er sich doch so einen Chakra-Stein beschaffen. Nicht, dass er daran glaubte – aber schaden konnte es ja auch nicht. Er musste ihn ja nicht gerade der Witwe des Mordopfers abkaufen.

Etwas skeptisch musterte ihn die Christine, als er sich vor dem Spiegel im Vorhaus das Hemd zuknöpfte und die Krawatte um den Hals schlang. „Putzt du dich jetzt noch ein bisschen heraus? Wegen der Frau Doktor?“ Plötzlich, fiel Gasperlmaier auf, hatte sie es gar nicht mehr so eilig mit dem Kochen. „Was du nur immer hast!“, konterte er und bemühte sich, die etwas widerspenstige Krawatte in einem halbwegs ansehnlichen Knoten zu bändigen. „Ich weiß ja nicht, was ihr da draußen vor der Hütte gemacht habt, nach der letzten Ermittlung, aber wie du wieder hereingekommen bist, hast du so verzückt und geistesabwesend dreingeschaut, dass ich mich schon gewundert hab!“

Das war es also! Nach dem letzten Fall hatte ihn die Frau Doktor auf der Terrasse der Loserhütte ganz freundschaftlich auf beide Wangen geküsst, als sie sich verabschiedet hatte. Er selbst war wieder in die Hütte zurückgekehrt, wo auch die Christine gesessen war. Er war sich sicher gewesen, sich bestens unter Kontrolle gehabt zu haben – aber die Christine hatte doch was gemerkt und es bis heute nicht vergessen! Aber wie dem auch war, er konnte sich jetzt mit solchen Kleinigkeiten des Gefühlslebens seiner Frau nicht aufhalten. Er zog sie an sich heran, drückte ihr einen Kuss auf die Lippen, den sie auch, schelmisch lächelnd, erwiderte. War also doch nicht so schlimm. Dann stürmte Gasperlmaier zur Haustür hinaus und machte sich zu Fuß auf den Weg zum Posten. Ein Blick auf die Uhr zeigte ihm, dass die eine Stunde, die ihm die Frau Doktor genehmigt hatte, gerade ausreichen würde.

Trotzdem war sie schon da, als er eintraf. Gasperlmaier sah es an dem weißen Audi mit Liezener Kennzeichen, der vor dem Posten geparkt war. Ein wenig, so musste er sich eingestehen, klopfte sein Herz. Nicht, dass er sich etwa in die Frau Doktor verliebt hätte, seine Christine reichte ihm voll und ganz, aber ein bisschen näher ging ihm die Anwesenheit der Frau Doktor schon immer. Gasperlmaier hoffte nur, dass es nicht zu einer unangenehmen Begrüßungsküsserei kommen würde, das wäre ihm vor dem Friedrich peinlich gewesen. Überhaupt war ihm dieses Abgebussel zuwider, das in den letzten Jahren immer mehr in Mode gekommen war. Warum sollte er zum Beispiel seine Cousine Flora, die er schon seit vierzig Jahren kannte und noch nie geküsst hatte, warum sollte er die jetzt bei einer Familienfeier plötzlich abbusseln?

„Hallo, Gasperlmaier!“ Die Frau Doktor schien sich ehrlich zu freuen, ihn wiederzusehen, ließ es aber bei einem kräftigen Händedruck bewenden. Sie war einen Kopf kleiner als Gasperlmaier, der selbst kein Riese war, und trug ihr langes, dunkles Haar offen. Die orange­roten Strähnen darin, so stellte Gasperlmaier fest, leuchteten immer noch kräftig heraus. Was Gasperlmaier aber am besten an ihr gefiel, waren ihre vollen, sinnlichen Lippen. Und natürlich ihre zupackende Persönlichkeit und ihre Fähigkeit, innerhalb von Sekundenbruchteilen in jeder Situation die richtigen Worte in ausreichender Zahl zu finden. Eine Fähigkeit, die Gasperlmaier völlig fehlte. Er dachte zwar viel nach, bis aber seine Gedanken zu einem grammatikalisch einigermaßen brauchbaren Satz zusammenfanden, hatte sein Gegenüber meist schon weitergesprochen, ohne dass er zu Wort kam. Versuchte er, schlagfertig zu formulieren, kam es oft vor, dass seine Sätze unvollständig blieben.

Die Frau Doktor wurde ihrer Rolle auch gleich ge­recht. Sie ging zur Pinnwand, die, wie Gasperlmaier erstaunt feststellte, gänzlich freigeräumt worden war. Gestern waren dort noch Einladungen zu Polizeisportveranstaltungen von vor zwei Jahren gehängt, weil niemand Ursache gefunden hatte, sie wegzuräumen. Sie hielt ein Foto gegen die Pinnwand und knallte mit Wucht eine Stecknadel hinein, um es festzumachen. „Ferdinand Breitwieser. Zweiundsiebzig Jahre alt, geboren in Bad Aussee, wohnhaft in Altaussee. Immobilienmakler, der zwar seiner Tochter die Firma schon übergeben hat und offiziell in Pension ist, jedoch immer noch mitarbeitet. Das Büro der Firma ist in einer Villa in Grundlsee, wo auch die Tochter mit ihrem Mann wohnt. Keine Vorstrafen, keine nennenswerten Schulden, beträchtliches Vermögen. Getötet heute zwischen vierzehn und fünfzehn Uhr, Todesursache Ertrinken. Es hat vor seinem Tod einen Kampf gegeben, die Leiche weist Schürfwunden und Hämatome auf. Letztendlich hat der Täter den Kopf in die Klomuschel gedrückt und wahrscheinlich so lange die Spülung betätigt, bis Herr Breitwieser ertrunken ist.“

Gasperlmaier grauste es. Gab es etwas Schrecklicheres, als im Klomuschelwasser zu ertrinken? Andererseits, so dachte er, war es wenigstens sauberes Gebirgswasser. So gesehen hätte es den Herrn Breitwieser schlimmer erwischen können.

Die Frau Doktor pappte ein weiteres Foto an die Pinnwand. „Gerlinde Breitwieser. Siebenundfünfzig Jahre alt, nicht berufstätig, also Hausfrau. Keine Vorstrafen, keine aktenkundigen Geisteskrankheiten, außer, dass sie vor mehr als zehn Jahren wegen Depressionen behandelt worden ist. Hat wohl der Lebensinhalt gefehlt, nachdem die Tochter selbstständig geworden ist.“

Gasperlmaier nahm seine Mütze ab und legte sie auf den Schreibtisch neben sich. „Mit der Frau“, meinte er, „ist aber trotzdem nicht alles in Ordnung. Die hat dauernd von Engeln geredet, und von Chakra und energetisiertem Wasser. Und dass ihr Mann fortgegangen ist, oder heimgegangen. Also mir war die unheimlich.“ Die Frau Doktor nickte. „Herr Kahlß hat mir schon von dem Eindruck erzählt, den sie bei Ihnen hinterlassen hat. Wir werden sie natürlich genau unter die Lupe nehmen. Meistens sind solche Leute in Kreisen, sozusagen losen Gruppierungen organisiert, sie beziehen ihr Wissen in der Regel über Kurse, Seminare, oder halt irgendwelche Gurus, die ihnen das dann vermitteln. Da müssen wir sicher genauer hinschauen. Sie war also“, die Frau Doktor wandte sich um und klopfte mit dem Zeigefinger auf das Foto, „einkaufen. Ist bereits überprüft, stimmt. Muss allerdings nicht zwingend heißen, dass sie genau zur Tatzeit außer Haus war. Laut Gerichtsmediziner könnte er auch schon getötet worden sein, bevor sie weggegangen ist.“

Gasperlmaier stand auf und füllte sich beim Waschbecken ein Glas mit Wasser. Er hatte plötzlich fürchterlichen Durst. Ob energetisiert oder nicht, er stürzte das Glas in einem Zug hinunter. „Geht’s Ihnen nicht gut?“ Die Frau Doktor hielt in ihren Erklärungen inne. Was die Frauen heute nur alle hatten? Warum sollte es ihm nicht gut gehen? Durfte man nicht einmal mehr ein Glas Wasser trinken, ohne zum Pflegefall erklärt zu werden?

Gasperlmaier behielt seine Gedanken, wie üblich, für sich, murmelte Unverständliches und ließ sich wieder nieder. „Der Gasperlmaier hat einen anstrengenden Nachmittag hinter sich!“, grinste der Friedrich. „Er war nämlich mit seiner Mutter auf einer Beerdigung. Die Voglreiter Friedl ist gestorben. Eine Freundin von der Gasperlmaierin.“ „Wegen den paar Seideln!“, verteidigte sich Gasperlmaier, doch die Frau Doktor schien gar nicht richtig hingehört zu haben und fuhr in ihrem Vortrag fort, indem sie ein drittes Foto an die Pinnwand heftete. „Roswitha Schnabel. Tochter der beiden.“ Wieder stieß der Zeigefinger energisch gegen die Fotos der beiden Eltern. „Führt jetzt das Immobilienbüro. Wie schon erwähnt, Villa in Grundl­see. Teuer, erworben von Ferdinand Breitwieser vor etwa zwanzig Jahren. Nachweislich war die Frau Schnabel zum Zeitpunkt des Mordes in ihrem Büro in Grundlsee, zumindest nach der Aussage einer Mitarbeiterin. Ihr Mann, von dem habe ich noch kein Foto.“

„Da gibt es doch einen Schnabel, da im Supermarkt in Bad Aussee, da heißt der Filialleiter Schnabel“, fiel Gasperlmaier ein. „Richtig“, fügte die Frau Doktor hinzu. „Gerfried Schnabel, besitzt selbst kein nennenswertes Vermögen, Einzelhandelskaufmann. Wurde Filialleiter, nachdem er Roswitha Breitwieser geheiratet hat.“ Gasperlmaier begann sich langsam zu wundern. Während er bloß nach seiner Mutter gesehen und geduscht hatte, hatten die in Liezen all das herausgefunden? Entweder hatten sie dort ein ganzes Heer von Beamten für die Recherche, oder die waren wirklich schneller und cleverer als der Friedrich und er hier in Altaussee. „Das ist allerdings alles, was ich derzeit zum Stand der Ermittlungen sagen kann.“ Direkt froh war Gasperlmaier, dass sie ihnen nun nicht gleich auch noch den Mörder auf dem Tablett servierte und sie nur noch bat, hinzufahren und ihn abzuholen.

„Was heute unbedingt noch sein muss: Tatortbegehung, Einvernahme der Frau Breitwieser, Einvernahme der Ehegatten Schnabel. Vorläufig alle natürlich nur als Zeugen, wir sind keinesfalls so weit, einen oder mehrere von ihnen als Beschuldigte zu betrachten. Bitte, meine Herren!“ Die Frau Doktor schnappte nach ihrer Handtasche und war schon bei der Tür. Gasperlmaier fiel auf, dass sie heute ganz in Lindgrün auftrat: vom Kostüm über die Handtasche bis zu den Schuhen, alles in derselben Farbe. Von ihrer Vorliebe für Kostüme wusste Gasperlmaier schon von den vergangenen Ermittlungen, allerdings hatte sich die Frau Doktor vor nicht allzu langer Zeit ein Paar ihrer Stöckelschuhe, die sie offenbar in allen Farben besaß, gründlich ruiniert, als sie über einen schotterigen Abhang hatte klettern müssen, um eine Leiche in Augenschein zu nehmen. Das Ausseerland war halt nicht überall leicht mit Stöckelschuhen begehbar, da war es schon vernünftig, wenn man festes Schuhwerk zumindest im Kofferraum hatte. Allerdings, so erinnerte sich Gasperlmaier, gingen die Ansichten über „festes Schuhwerk“ je nach Ge­schlecht und Alter oft weit auseinander. Seine Tochter, die Katharina, war voriges Jahr von ihrer Sportlehrerin angewiesen worden, für die Projektwoche „feste Schuhe“ einzupacken. Als Gasperlmaier darauf bestanden hatte, dass damit solide Wanderschuhe gemeint seien, hatte es eine tränenreiche Szene gegeben. Die Katharina hatte ihnen heulend leuchtorange Leinenpatschen hingehalten, gemeint, alle trügen die, und wenn man sie zu Wanderschuhen zwänge, dann zerstöre man ihr Leben, weil sie sich für alle Zeiten lächerlich mache. Geendet hatte das Ganze mit einer bitterbösen Beschwerde der Turnlehrerin, die den Eltern schriftlich mitteilte, dass die halbe Klasse mangels fester Schuhe stundenlang mit Leinenpatschen durch Eis, Schnee und Matsch habe laufen müssen. Die Eltern sollten doch bitte dafür sorgen, dass die Ausrüstungslisten auch ernst genommen wurden. So viel, dachte Gasperlmaier bei sich, zum Thema Frauen und Schuhe.

Der Audi der Frau Doktor, der bei einem der letzten Einsätze mehr als nur ein paar Schrammen davongetragen hatte, war wieder wie neu. „Das haben sie aber in der Werkstatt prima hingekriegt!“, lobte Gasperlmaier und strich fast zärtlich über den Lack des vorderen rechten Kotflügels, der offenbar völlig erneuert worden war. „Wo denken Sie hin, Gasperlmaier, ich fahr doch nicht mit so einer verzogenen Unfallkutsche herum! Der ist natürlich neu!“ Gasperlmaier kam sich wie ein Trottel vor, als er auf dem Rücksitz Platz nahm, während sich der Friedrich mühsam und stöhnend in den Beifahrersitz zwängte. „Man will ja schließlich wissen, wofür man arbeiten geht. Ist doch viel schicker als der alte, finden Sie nicht, Gasperlmaier?“ Der einzige Unterschied zu ihrem alten Audi, den er feststellen konnte, war der, dass es ihn noch gewaltsamer in die Polster drückte, als die Frau Doktor Gas gab.