12

„Mich wundert“, sagte der Friedrich, „dass uns noch niemand blöd gekommen ist, wegen der Geschichte in der Schilling-Zeitung.“ Gasperlmaier war nicht begeistert, dass die Sprache erneut darauf kam. Er hatte schon fast auf die Angelegenheit vergessen. „Die von der Internen haben mich auch angerufen“, sagte der Friedrich, „aber die Frau Doktor hat mir vorher genau erklärt, was ich sagen soll. Denn gesehen habe ich ja eigentlich nichts, als dass die Schablinger plötzlich schreiend auf dem Boden gelegen ist. Hast ihr wirklich nichts getan?“

Gasperlmaier war entrüstet. „Was glaubst denn? Hab ich mich schon jemals im Dienst an wem vergriffen?“ Der Friedrich schob sich eine Scheibe Hartwurst zwischen die Zähne und verzog den Mund zu einem Grinsen, soweit das während des Kauens möglich war. „Erinner dich doch an die Geschichte, wo wir die Buben dabei erwischt haben, wie sie im Friedhof auf die Gräber geschifft haben! Alle drei haben sie ein paar Watschen von uns gekriegt, aber beschwert hat sich keiner.“ Gasperlmaier konnte ein Lächeln nur mühsam unterdrücken. Ja, früher! Da waren kleine wie auch gröbere Ordnungswidrigkeiten ohne großes Tamtam zur beiderseitigen Zufriedenheit beigelegt worden, aber heute drohten die Leute ja schon mit dem Rechtsanwalt, wenn man sie nur anhustete. Gasperlmaier erinnerte sich an einen Kollegen, der ihm bei einer Fortbildung von einem Verfahren gegen ihn erzählt hatte. Er hatte jemanden dabei erwischt, wie er seinen Hausmüll in eine Altpapiertonne geschmissen hatte, und den Mann als Schwein bezeichnet. Der hatte ihn daraufhin gleich angezeigt. Die drei Grabsteinschiffer übrigens waren später nie mehr auffällig geworden, erinnerte sich Gasperlmaier. Einer davon saß heute sogar im Gemeinderat.

„Einen wunderschönen guten Morgen!“ Mit ei­nem Schwung ging die Tür auf, und die Frau Doktor betrat mit einem triefnassen Schirm den Polizeiposten. „Habt’s ihr keinen Schirmständer?“ Von ihrem blauen, mit roten Rosen gemusterten Schirm tropfte es munter auf den Boden. „Am Klo!“, sagte Gasperlmaier, worauf die Frau Doktor den Kopf schüttelte und den Schirm ebendort versorgte. „Der Schirmständer am Klo!“, kam sie zurück, immer noch kopfschüttelnd. „Wir haben“, sagte der Friedrich, „einmal einen Besoffenen da gehabt, der hat mit dem Schirmständer nach uns geworfen. Da haben wir ihn weggetan. Aus Sicherheitsgründen. Und sonst war nirgends Platz.“

Die Frau Doktor erwiderte nichts, setzte sich Gasperlmaier gegenüber in den freien Stuhl und entblößte ihre Knie, als sie die Beine übereinanderschlug. Lindgrün war heute dran. Kostüm, Strümpfe und Schuhe, und alles. Gasperlmaier sah es mit Wohlgefallen. „Ja, meine Herren!“ Sie entnahm ihrer Handtasche einen Schnellhefter und knallte ihn auf Gasperlmaiers Schreibtisch. „Neuigkeiten! Wir haben an beiden Opfern identische DNA- und Faserspuren entdeckt! Im Fall Schwaiger gab es Blut einer zweiten Person an den Glasscherben, wahrscheinlich hat sich der Täter geschnitten. Und die gleichen Spuren haben wir im Fall Breitwieser am Hals gefunden. Ein paar fremde Hautschuppen, einige Haare. Schlechte Nachricht: Die DNA haben wir nicht in der Datenbank, die Person dazu fehlt uns also noch.“

Gasperlmaier interessierte allerdings vorläufig noch ganz etwas anderes. „Wegen der Maggie …“. Er ließ seinen Satz unvollendet in der Luft hängen. „Ja. Also ich – und der Kollege Kahlß – wir haben ausgesagt, dass es genauso war, wie Sie behauptet haben – an der Schulter zurückgehalten, worauf sich die Maggie hat fallen lassen und gebrüllt hat. Ich hab’s nicht gesehen, der Friedrich auch nicht, und wir haben für Sie gelogen, dass sich die Balken biegen, weil wir Ihnen vertrauen. Die Maggie hat auch keinerlei Angaben über Verletzungen machen können, und es gibt keine Zeugen für ihre Behauptungen. Fall erledigt. Wenn Sie wollen, können Sie sie wegen übler Nachrede klagen – aber ich rate davon ab. Die Schilling-Zeitung leistet sich überaus teure und erfolgreiche Juristen und -innen. Das kostet Zeit, Nerven, und der Erfolg ist ungewiss.“ Gasperlmaier winkte ab. Nicht einmal im Traum hatte er daran gedacht, eine Klage einzubringen. Er war froh, dass die Geschichte ausgestanden und er mit einem blauen Auge davongekommen war.

Der Friedrich hatte noch immer, oder schon wieder, den Mund voll, als er undeutlich fragte: „Und wie ist das jetzt mit der Immobiliengeschichte? Bleiben wir da noch dran?“ Die Frau Doktor wechselte ihre Sitzhaltung, indem sie das rechte Bein vom linken nahm und dieses über das rechte schlug. „Schauen Sie mir nicht immer auf die Beine!“, ermahnte sie Gasperlmaier, obwohl er eigentlich mehr ins Leere gestarrt hatte, um besser nachdenken zu können. Aber er kam gar nicht zu einer Antwort, denn die Frau Doktor redete gleich weiter. „Bis jetzt haben wir keine Hinweise darauf, dass der Doktor Schwaiger in Immobiliengeschäfte hier im Ausseerland involviert gewesen wäre. Natürlich können wir das auch nicht definitiv ausschließen. Draußen ist jedenfalls der Avalon-Kreis. Ich bin mir sicher, dass der Doktor Schwaiger nicht das Geringste mit denen zu tun hatte, und somit fällt jedes Motiv seitens der Lichtjüngerinnen für einen Mord an ihm weg.“ Das tat Gasperlmaier leid. Die seltsamen Weißgekleideten beim Avalon-Kreis, die hätte er gern als Täter oder von ihm aus auch Täterinnen gesehen und konnte sie sich auch gut dabei vorstellen. Daraus wurde nun anscheinend nichts.

„Wahrscheinlich aber müssen wir uns völlig neu orientieren, wie ich schon am Samstag gesagt habe. Der Täter will uns vorführen, dass er beide Opfer im Zusammenhang mit ihrer sexuellen Aktivität ermordet hat. Da muss irgendwas vorgefallen sein, in das beide involviert waren. Das Schwierige daran ist: Der Doktor Schwaiger hat sich kaum in dieser Gegend aufgehalten in den letzten Jahren, der Ferdinand Breitwieser dagegen ständig. Und damit kommen wir zu Ihnen, Gasperlmaier.“ Der schrak aus seinen Gedanken jäh hoch. Wieso zu ihm? „Ihre Mutter ist der Anknüpfungspunkt, der am nächsten liegt. Sie ist eine Verbindung zwischen den beiden Mordopfern, denn sie hat alle beide gekannt. Seit ihrer Jugend. Und deswegen gehen wir heute zum Begräbnis des Ferdinand Breitwieser. Denn da treffen wir Ihre Mutter und alles, was sonst noch aus der Generation am Leben ist. Vielleicht ist unser Täter ja auch dabei, würde mich nicht wundern.“

Gasperlmaier konnte der Idee wenig abgewinnen. Draußen regnete und stürmte es, dass die Tropfen fast waagrecht gegen die Fensterscheibe klatschten. Fast genauso wie beim Begräbnis der Voglreiter Friedl. Er hatte wenig Lust, heute schon wieder am Friedhof zu stehen. Und das wahrscheinlich noch mit der Mutter am Arm, der zwar der Ferdinand Breitwieser überhaupt nicht abging, die aber trotzdem bittere Tränen um ihn vergießen würde.

Und genau so kam es. Wenigstens hatte es bis dahin zu regnen aufgehört, erbärmlich kalt war es dennoch. Der Wind pfiff, dass die Hosenbeine flatterten. Und nächsten Sonntag würde schon Ostern sein. Ihm konnte es ja egal sein, die Kinder waren längst zu groß zum Nesterlsuchen im Garten, aber die Kleinen konnten einem leidtun. Wenn es so weiterging, konnten sie ihre Osternester aus dem Schnee ausgraben. Wäre nicht das erste Mal gewesen.

Gasperlmaier war in Zivil und trug wieder seinen Schladminger, den er normalerweise im März nur noch selten auspackte. Für heute aber war er gerade richtig. Und genau, wie er vermutet hatte, hing die Mutter an seinem Arm und schnäuzte sich fast ununterbrochen. Obwohl der Ferdinand Breitwieser ja wirklich nicht zu ihrer näheren Bekanntschaft gehört hatte. Die Frau Doktor hatte gemeint, es wäre vernünftiger, wenn er als Zivilist mit seiner Mutter unterwegs war, da würde er vielleicht mehr Interessantes mitbekommen, vor allem beim Leichenschmaus, als wenn er als Beamter in Uniform aufgetreten wäre.

Gasperlmaier warf einen vorsichtigen Blick auf die Trauergemeinde ihm gegenüber. Die Frau Doktor konnte er nicht erkennen, aber der Friedrich, der ebenfalls mitkommen hatte müssen, war nicht zu übersehen. Obwohl er erst in der dritten Reihe der Trauernden stand. Nach rechts hatte er einen guten Blick auf den Pfarrer und die nächsten Angehörigen. Die Frau Schnabel hielt, wie seine Mutter, ein Taschentuch unter die Nase und schluchzte von Zeit zu Zeit. Ihre Mutter stand regungslos neben ihr und starrte in die Ferne. Gasperlmaier hatte den Eindruck, als interessiere sie das Begräbnis überhaupt nicht. Der Herr Schnabel schaute seine Schuhspitzen an, sodass Gasperlmaier keinerlei Gefühlregung erkennen konnte.

Der Pfarrer redete von unersetzlichem Verlust und von einer großen Lücke, immer das Gleiche, dachte Gasperlmaier bei sich. Das sah er selber ganz anders. Nach zwei, drei Wochen lief das Leben für alle Betroffenen fast genauso weiter wie vorher, nur dass sie halt hie und da einmal eine Kerze oder einen Blumenstrauß auf den Friedhof trugen. Und es fand sich immer einer, der sich in die Lücke drängte, die man hinterlassen hatte, ob im Beruf oder in der Familie. Da gab sich Gasperlmaier keinen Illusionen hin. Er hoffte nur, dass sich die Christine nicht mit so einem wie dem Beda aus Salzburg trösten würde, wenn er einmal vorzeitig dahinscheiden sollte. Dann sollte es schon ein Altausseer sein, fand er. Das hatte seine Frau verdient.

Schon war es Zeit, ans Grab heranzutreten und Erde und Blumen auf den Sarg zu werfen. Die Mutter und Gasperlmaier ließen den Verwandten und näheren Bekannten den Vortritt, denn zu denen gehörten sie diesmal nicht. So lange wurde die Wartezeit, dass Gasperlmaier meinte, bereits das Quatschen nasser Socken an den Zehen zu spüren. Erbärmlich kalt waren sie ohnehin. Im Wirtshaus würde er sich zuerst einmal einen Lupitscher bestellen. Als sie endlich am offenen Grab standen, schluchzte die Mutter so, als ob er selber, Gasperlmaier, da unten in der Grube liegen würde. Besänftigend tätschelte er ihr den Handrücken.

„Welcher ist denn der Manzenreiter? Der, von dem Ihre Mutter gesprochen hat? Den kenn ich noch nicht!“ Die Frau Doktor hatte sich an ihn he­rangedrängt, nachdem sie vom Grab weggetreten waren. Gasperlmaier hatte den Manzenreiter Sepp noch gar nicht gesehen. Unschlüssig sah er sich um. Da waren zahlreiche Männer im passenden Alter und von ähnlicher Statur, in grünen Trachtenröcken, Wetterflecken und Schladmingern. Da bei allen die Gesichter durch die Hüte fast verborgen waren, konnte Gasperlmaier den Gesuchten nicht entdecken.

„Der da drüben, Frau Doktor, mit dem grauen Wetterfleck. Der Kleinere, Dicke. Der mit dem Gamsbart.“ Die Mutter hatte den Sepp natürlich gleich erkannt. „Guten Tag, Frau Gasperlmaier“, sagte die Frau Doktor und schüttelte der Mutter die Hand. „Sie haben ja ganz kalte Hände! Schauen Sie, dass Sie in die Wärme kommen!“, fügte sie noch hinzu. Gasperlmaier nickte und zog die Mutter in Richtung Friedhofsausgang. Bis zum Schneiderwirt würden sie zu Fuß gehen, denn Parkplätze waren ohnehin rar, und Gasperlmaier wollte das Auto gern bei der Kirche stehen lassen, wo er vorhin zu seinem Glück noch einen Platz gefunden hatte.

„Warum sagt die denn ‚Guten Tag‘, Franzl, und nicht ‚Grüß Gott‘?“, wollte die Mutter wissen. Darüber hatte sich Gasperlmaier noch keine Gedanken gemacht. „Vielleicht, weil’s besser klingt. Oder weil sie halt nicht an Gott glaubt.“ „Bei uns herinnen hat man immer ‚Grüß Gott‘ gesagt!“, wiedersprach die Mutter ein wenig entrüstet. „Da muss man ja nicht religiös sein. Die soll bloß nicht so tun, das ist so eine Art bei den eingebildeten Stadtleuten. Und hast die Schuhe gesehen? Solche Absätze, die tragt man doch nicht zu einem Begräbnis. Höchstens in der Disco, oder so!“

Gasperlmaier konnte sich nicht erklären, warum sich die Mutter plötzlich so über die Frau Doktor aufregte. Er versuchte sie zu verteidigen. „Mama, die ist halt aus der Stadt, da rennt man nicht die ganze Zeit in der Lederhose und im Dirndl umeinander. Sie schaut doch eh sehr gepflegt aus, finde ich!“ Die Mutter war weiterhin verschnupft. „So genau brauchst du sie dir gar nicht anschauen, hast eh selber eine fesche Frau daheim!“ Fast, so fand Gasperlmaier, konnte man das jetzt schon als Keifen bezeichnen, was die Mutter tat. Widerspruch war jetzt nicht sinnvoll. Er würde den Mund halten, bis sie im Wirtshaus saßen, dann würde sich die Mutter schon wieder beruhigen.

Beim Wirt tat Gasperlmaier, was er sich vorgenommen hatte, und bestellte sich einen Lupitscher. Die Mutter begnügte sich mit abschätzigen Blicken und einem Tee, sagte aber nichts. Der Manzenreiter Sepp kam mit einem Mann zu ihnen an den Tisch, der gleich groß, aber nur halb so breit war wie er. „Schad, dass wir uns schon wieder bei einer Leich treffen müssen, Gretl!“, schnaufte er, denn er war, vermutlich seiner Leibesfülle wegen, ein wenig kurzatmig. Eigentlich war er so dick, dass er überhaupt nicht mehr am Leben hätte sein dürfen. Zumindest, wenn das zutraf, was seine Christine immer behauptete. Übergewicht, Diabetes, Herzinfarkt, Beinamputation, und aus. Vor siebzig. Deswegen schaute die Christine immer darauf, dass sich Gasperlmaier halbwegs gesund ernährte. Zum Glück hatte sie gegen Bier nichts einzuwenden, das enthalte wenigstens kein Fett, dafür aber Mineralstoffe, die der Körper dringend brauche. Gasperlmaier fand das in Ordnung.

„Grüß dich, Pauli!“, sagte die Mutter zu dem Dünneren der beiden. Den kannte sogar Gasperlmaier. Jeder im Ort kannte den Lukas Pauli, der fast jeden Tag auf den Loser hinaufstieg. Und zwar vom Ort herunten, von Altaussee, nicht etwa vom Ende der Straße, die auf den Berg hinaufführte. Mehr als tausend Mal war der Pauli schon auf dem Gipfel gewesen, sagte man. Und obwohl er schon über siebzig war, hieß es, dass er nicht auf den Loser stieg, sondern rannte. Und das nicht nur im Sommer und im Herbst, sondern auch im Winter und im Frühjahr, wenn oft meterhoch der Schnee lag. Der Pauli erinnerte Gasperlmaier an die ostafrikanischen Langstreckenläufer, die man oft im Fernsehen sah. Genauso ausgezehrt war er, aber geschadet hatte ihm die Bergsteigerei offenbar bisher nicht. „Bist heute schon auf dem Loser gewesen?“, fragte Gasperlmaier. „Freilich!“, antwortete der und rieb sich die Hände. „Um sechse bin ich hinauf, und um halb elfe war ich wieder herunten! Der Skiabfahrt nach geht’s ja schnell! Ein Bier, bitte!“ Der Pauli, so dachte Gasperlmaier bei sich, hatte sich sein Bier wenigstens verdient. Der würde wahrscheinlich hundert Jahre alt werden, wenn er nicht einmal vom Loser herunterfiel.

Während der Suppe kam das Gespräch auf die drei so kürzlich und knapp hintereinander Verstorbenen. „Wie die Fliegen sterben sie!“, sagte der Pauli. „Weil sie so ungesund leben!“ Die Mutter schüttelte den Kopf. „Red doch nicht so einen Unsinn, Pauli. Die Friedl, die ist vielleicht nur an ihrem Kummer gestorben. Und bei den beiden anderen, da hat jemand kräftig nachgeholfen, das weißt doch sogar du. Die hätten noch ein paar schöne Jahre vor sich gehabt.“ Gasperlmaier warf einen Blick zum nächsten Tisch, wo die Frau Doktor einen Platz gefunden hatte, der ihr einen Blick auf die Gruppe um Gasperlmaier erlaubte. Der Friedrich saß neben ihr und war gerade dabei, die riesige Konduktsemmel in Stücke zu reißen und in die Suppe einzutunken. Sein Schlürfen hörte man sogar noch an Gasperlmaiers Tisch.

„Ich hoff nur“, schnaufte der Sepp, „dass ihr den Hundling bald erwischt, der die beiden umgebracht hat. So eine Sauerei, auf alte Menschen loszugehen, die niemandem was getan haben!“ „Wer weiß“, sagte Gasperlmaier, „vielleicht ist es ein Serienmörder, der es auf alte Männer abgesehen hat. Vielleicht ist einer von euch beiden schon der nächste!“ Die Mutter versetzte ihm einen Stoß in die Rippen, während der Pauli nur hinter seinem Bierglas kicherte. Der Sepp hingegen lief rot an, fast meinte man, die Augen würden ihm aus dem Kopf herausquellen. Heftig würgte er an dem Bissen, den er gerade im Mund hatte. „Wie kommst denn darauf?“, stieß er atemlos hervor. „Wer sollte uns denn umbringen wollen? Und warum?“ „Ich weiß nicht“, sagte die Mutter, „manchmal redest du so einen Blödsinn, da schämt man sich direkt mit dir.“ Gasperlmaier aber nahm gut gelaunt einen großen Schluck Bier. Immerhin war die Reaktion der beiden Männer interessant gewesen. Während der Pauli völlig ungerührt geblieben war, hatte seine Bemerkung den Sepp ordentlich aus der Fassung gebracht. Darüber würde er der Frau Doktor danach jedenfalls Bericht erstatten. „Bringst mir einen Schnaps!“, keuchte der Sepp zur Bedienung, „aber einen großen!“ Er schaufelte trotz der Aufregung das Rindfleisch in atemberaubendem Tempo in sich hinein. Gasperlmaier fragte sich, wie er so viel in so kurzer Zeit in seinem Magen unterbringen konnte. Nervös schaute der Sepp zwischendurch immer wieder auf die Uhr. Irgendwas, so sagte sich Gasperlmaier, stimmte mit dem nicht.

Nach dem zweiten Bier breitete sich wohlige Wärme bis in Gasperlmaiers Zehen aus, und seine Aufmerksamkeit ließ nach. Der Sepp hatte sich auch wieder beruhigt, und der Pauli erzählte gerade, wie viel Schnee noch auf dem Loser oben lag. „Warum rennst denn eigentlich jeden Tag hinauf?“, fragte die Mutter. „Du kennst ja eh schon jeden Stein da oben!“ „Weil ich auffi muss!“, antwortete der Pauli. „Ich brauch die frische Luft! Und die Freiheit! Und für die Gesundheit! Ich renn dem Tod davon!“ Ein seltsamer Kerl war das schon, dachte Gasperlmaier bei sich. Ein jeder Satz war bei ihm ein Ausruf. Dass er ein wenig Freiheit brauchte, wollte Gasperlmaier allerdings gern glauben. Die Frau vom Pauli genoss den Ruf, recht streng und unnachgiebig mit ihm zu sein, und so floh er halt beinahe jeden Tag auf den Berg. Gasperlmaier machte sich Gedanken, was er selbst in der Pension tun würde. Eigentlich hatte er nichts, womit er sich den ganzen Tag beschäftigen wollte. Aber bis dahin war es ohnehin noch lang.

Gasperlmaier trank sein Bier aus. „Ich muss wieder in den Dienst, Mama! Kommst du eh allein nach Haus?“ Die Mutter sah ihn strafend an. „Seit dein Vater tot ist, Franz, komm ich überall allein hin!“ Gasperlmaier nickte nur ergeben und schüttelte auch den anderen beiden die Hände. Als er seinen Platz verließ, sah er, dass der Friedrich und die Frau Doktor schon gegangen waren.

Die Frau Doktor kam gerade aus dem Klo, als Gasperlmaier auf dem Posten eintraf. „Schirm!“, sagte sie nur, auf die Klotür deutend. „Überlegen Sie sich einmal, ob man für den Schirmständer nicht doch noch ein besseres Plätzchen finden könnte. Schließlich kann sich ja ein Besoffener auch einen Sessel schnappen, um ihn nach euch zu werfen. Und da werdet ihr ja auch nicht gleich die Sessel in den Abort stellen, oder?“ Gott sei Dank lächelte sie dabei, sodass Gasperlmaier von der Mühe einer Antwort absehen konnte. Stattdessen lächelte er verlegen zurück.

„Wer war denn der schlanke Herr, der Ihnen und Ihrer Mutter gegenüber gesessen ist? Der neben dem Manzenreiter?“, wollte die Frau Doktor wissen, nachdem sie sich an Gasperlmaiers Schreibtisch niedergelassen hatten. „Das war der Lukas Pauli“, erklärte Gasperlmaier. Da er keine Anstalten machte weiterzusprechen, sprang der Friedrich ein, um der Frau Doktor zu erklären, dass der Pauli in Altaussee wegen seiner zahlreichen Loserbesteigungen einen legendären Ruf genoss. „Heute war er auch schon oben!“, warf Gasperlmaier ein. „Bei diesem Sauwetter?“, fragte die Frau Doktor. „Und da oben liegt ja sicher noch haufenweise Schnee!“ „Das macht dem Pauli nichts, der ist das gewöhnt“, antwortete der Friedrich. „Und was genau hat der jetzt mit Ihrer Mutter zu tun?“, wandte sie sich an Gasperlmaier. „Anscheinend ist der auch mit denen allen in die Schule gegangen, vielleicht ein oder zwei Jahre drüber oder drunter“, antwortete der, „da müssten wir die Mutter fragen.“ „Und der Manzen­reiter, was wissen wir über den?“ Wieder schaltete sich der Friedrich ein, der ja, was die Vorgänge in Altaussee, Bad Aussee, Grundlsee und darüber hinaus betraf, ein wandelndes Lexikon war. „Der Manzenreiter“, sagte er, „der hilft noch seinem Sohn, der ist praktisch noch berufstätig, obwohl er auch schon über siebzig ist.“ „Und was macht der Sohn?“, fragte die Frau Doktor.

Der Friedrich öffnete seine unterste Schreibtischschublade und zuckte enttäuscht mit den Schultern, als er anscheinend nichts Essbares darin vorfand. „Du hast doch eh gerade ein Rindfleisch gegessen“, ermahnte ihn Gasperlmaier, „du wirst doch nicht jetzt schon wieder eine Jause brauchen?“ „Zwei, wenn man’s genau nimmt“, mischte sich die Frau Doktor ein. „Ihr Kollege Kahlß hat meine Portion auch noch großteils gegessen, ich habe nach der Suppe schon genug gehabt.“ Gasperlmaier warf zweifelnde Blicke sowohl auf den Friedrich als auch auf die Frau Doktor. Beim Friedrich machte er sich Gedanken darüber, ob der seine Pension auch noch genießen würde können, wenn er so weiterfraß. Schließlich hatte er gerade erst einen neuen Uniformrock bekommen, und auch der schien ihm schon wieder ein wenig über dem Wanst zu spannen. Bei der Frau Doktor machte er sich eher Sorgen, dass sie auch anfangen könnte, magersüchtig zu werden. Von seiner Katharina her hatte er ja da einige unangenehme Erfahrungen. Er mochte es gar nicht, wenn die Frauen sich so herunterhungerten, das schadete der Figur mehr als ein paar Fettpolster. Und ganz runzlige Gesichter und einen Hängebusen bekamen sie auch vom Hungern, fand er. Darauf konnte er verzichten.

„Was mustern Sie mich denn schon wieder von oben bis unten? Gefällt Ihnen was nicht?“, fragte die Frau Doktor, der Gasperlmaiers Sinnieren und Starren anscheinend nicht verborgen geblieben war. Gasperlmaier fuchtelte nur ziellos in der Luft herum und brachte keinen vernünftigen Satz zustande. Allerdings fiel ihm zu seinem Glück plötzlich das seltsame Verhalten des Manzenreiter Sepp ein: „Mit dem Manzenreiter, da stimmt irgendwas nicht. Ich hab nur so eine Bemerkung gemacht, dass jetzt schon der Zweite aus ihrer Runde umgebracht worden ist, und dass vielleicht einer von den beiden der Nächste ist, und da hat er sich furchtbar aufgeregt und ist ganz rot geworden.“ Die Frau Doktor maß Gasperlmaier mit skeptischen Blicken. „Besonders taktvoll war das ja nicht gerade. Ich hätte mich in seiner Situation auch aufgeregt.“ Gasperlmaier versuchte, seinen Standpunkt zu verteidigen: „Also ich denke mir, dass der Angst gehabt hat. Vielleicht weiß er irgendwas, vielleicht haben die drei in ihrer Jugend irgendwas angestellt, für das sich jetzt jemand fürchterlich rächt!“ „Na, na!“, schüttelte die Frau Doktor den Kopf. „Da geht jetzt aber die Phantasie mit Ihnen durch, Gasperlmaier. Nach vierzig, fünfzig Jahren! Da müsste ja der Täter auch schon so alt sein! Und warum sollte er mit seiner Rache so lang gewartet haben?“ Gasperlmaier zuckte mit den Schultern, denn darauf hatte er keine Antwort. Anscheinend war seine Beobachtung doch nichts wert gewesen.

„Wir haben vorhin den Faden verloren“, warf die Frau Doktor ein. „Kahlß, sie wollten mir gerade erzählen, was der Herr Manzenreiter so treibt.“ „Der hilft seinem Sohn, dem Keuschner. Der hat einen Grillhendlwagen, mit dem er auf die Wochenmärkte fährt. Und der Sepp, der ist eigentlich der, der auf dem Markt steht und die Hendln grillt, und der Sohn kümmert sich um alles drum herum.“ „Wieso heißt der Keuschner und der Vater Manzenreiter?“, fragte die Frau Doktor. „Unehelich halt. Mein Bruder heißt ja auch Kitzer“, er­klärte der Friedrich mit einem Achselzucken. Auch er war nämlich ein uneheliches Kind gewesen und hatte den Mädchennamen der Mutter behalten, während sein Bruder den Nachnamen des späteren Ehemanns der alten Kitzerin trug.

Die Frau Doktor stand auf. „Glauben Sie, Gasperlmaier, dass Ihre Mutter schon daheim ist? Ich möchte gern noch einmal mit ihr reden.“ Gasperlmaier musste daran denken, wie abfällig die Mutter von der Frau Doktor gesprochen hatte, und fürchtete, dass das Gespräch wenig ergiebig werden würde, nickte aber dennoch mit dem Kopf. Es hatte sowieso keinen Sinn zu widersprechen, wenn sich die Frau Doktor einmal etwas vorgenommen hatte. Genauso, übrigens, wie bei seiner Christine und bei seiner Mutter. Die Katharina konnte man da auch gleich dazuzählen. Wenn sie erst einmal einen Entschluss gefasst hatten, brauchte man gar nicht erst dagegenzureden, da handelte man sich nur Ärger ein.

„Können Sie sich nicht vielleicht doch an irgendein Ereignis erinnern, das zumindest die drei Herren, die beiden Opfer und den Manzenreiter Sepp, verbindet?“ Eine ganze Weile zog sich das Gespräch jetzt schon dahin, und die Mutter gab sich reserviert bis ausweichend. Immer wieder hatte sie Blicke auf die Stöckelschuhe der Frau Doktor geworfen und dann zu Gasperlmaier hingeschaut, irgendwie vorwurfsvoll, wie er fand. So, als ob er etwas dafür konnte, dass die Schuhe der Frau Doktor der Mutter nicht gefielen. Wieder schüttelte diese den Kopf. „Ich hab Ihnen ja eh schon gesagt, dass die drei sich zwar gekannt haben. Ich und die Voglreiter Friedl haben sie auch gekannt, und die Mali auch. Natürlich sind wir uns beim Fortgehen manchmal begegnet, natürlich ist man das eine oder andere Mal am gleichen Tisch gesessen. Aber ob die drei dicke Freunde waren, das kann ich Ihnen wirklich nicht beantworten.“

„Und Sie selber, würden Sie sagen, dass Sie mit einem oder mehreren von diesen Leuten befreundet waren?“ Die Mutter seufzte. Gasperlmaier fiel auf, dass sie weder ihm noch der Frau Doktor etwas zu trinken angeboten hatte. „Was heißt schon befreundet! Mit der Voglreiter Friedl, da war ich eigentlich ein Leben lang befreundet. Obwohl die nie viel aus sich herausgelassen hat, privat, mein ich.“

„Und wer ist eigentlich diese Mali?“, hakte die Frau Doktor nach. „Da fragen Sie am besten den da!“ Sie zeigte auf Gasperlmaier, der zusammenzuckte. „Die Mali war nämlich seine Lehrerin in der Volksschule.“ Gasperlmaier erinnerte sich noch mit Schrecken daran. Die Mali war für ihn die Frau Schreckeneder gewesen, und ihrem Namen entsprechend hatte sie in der Volksschule auch Schrecken verbreitet. Gasperlmaier dachte nur ungern an ihre schrille, kreissägenartige Stimme, die immer im Turnsaal zu ihrer Hochform aufgelaufen war. Wenn sie es denn bis in den Turnsaal geschafft hatten. Denn die „schreckliche Schreckeneder“, wie sie sie damals genannt hatten, hatte ja auch auf dem Weg zum Turnsaal noch mitsamt der ganzen Klasse wieder umgedreht, wenn sich irgendwer auf dem Gang gemuckst hatte. Gasperlmaier erinnerte sich auch an das Donnerwetter, das über ihn niedergegangen war, als die Blaskapelle an der Volksschule vorbeimarschiert war und er, einem Impuls folgend, dem er nicht widerstehen hatte können, ans Fenster gelaufen war, um den Aufmarsch der Salinenmusik nicht zu versäumen. Die Schreckeneder hatte so laut geschrien, dass von der Blaskapelle nichts mehr zu hören gewesen war. Eine aus seiner Sicht völlig ungerechtfertigte Betragensnote war die Folge gewesen. Der Vater war fast eine halbe Stunde lang kopfschüttelnd mit dem Zeugnis in der Hand dagesessen und hatte immer wieder gemurmelt: „Was soll nur werden aus dem Buben?“ Und wenn er einmal drei Seiten Strafaufgabe bekommen hatte, war es ihr nicht zu blöd gewesen, ihre alte Schulfreundin Gasperlmaier anzurufen, um sie zu fragen, ob der Franz die Strafaufgabe eh schon geschrieben hatte.

„Na, dann werden wir diese Mali auch einmal aufsuchen!“ Gasperlmaier dachte, er hätte nicht richtig gehört. Er sollte zu der schrecklichen Schreckeneder hin, um einer Einvernahme beizuwohnen? Die würde die Frau Doktor auffressen, und ihn als Nachspeise gleich dazu. Gasperlmaier begann, unzusammenhängend vor sich hin zu stottern. „Das, die, wir …“ „Was ist denn mit Ihnen, Gasperlmaier?“, fragte die Frau Doktor. „Zur schrecklichen Schreckeneder?“, brachte er schließlich doch heraus und merkte, wie er am ganzen Oberkörper zu schwitzen begann. Die Frau Doktor lächelte. „Schleppen wir da am Ende ein Trauma mit uns herum, Gasperlmaier? Hat Ihnen die Frau Volksschullehrerin etwa was angetan?“ „Pah!“, mit einer wegwerfenden Handbewegung mischte sich Gretl Gasperlmaier ins Gespräch ein. „Die Wadln fürig’richt hat’s ihnen, den Rotzpippn!“ Gasperlmaier schüttelte energisch den Kopf. Schon damals hatte er seine Mutter dafür verflucht, dass sie die Unterrichtsmethoden der Schreckeneder gutgeheißen und ihn in keiner Weise unterstützt hatte. So sehr sie selbst Gasperlmaier oft verwöhnt hatte, so sehr hatte sie immer eine harte Gangart bei anderen unterstützt – wohl, um sich dafür schadlos zu halten, dass sie selbst viel zu sanft mit Gasperlmaier umgegangen war.

„Könnte nicht der Friedrich …“, wagte Gasperlmaier noch einmal einen Versuch. „Papperlapapp!“, schnitt ihm die Frau Doktor das Wort ab. „Sie werden sich doch nicht vor einer pensionierten Lehrerin fürchten!“ Die Frau Doktor, so dachte Gasperlmaier bei sich, würde bei der Mali noch ihr blaues Wunder erleben. „Ja, auf Wiedersehen dann, Frau Gasperlmaier!“, sagte die Frau Doktor. „Auf Wiedersehen!“, antwortete die Mutter ein wenig steif. „Sag, Franzl!“, rief sie ihm noch nach, als er schon in der Tür stand. „Haben die Kinder nicht schon Osterferien? Schick sie doch einmal herüber zu mir! Ich mach ihnen ein Gulasch!“ Gasperlmaier nickte, ohne sich die Mühe zu machen, der Mutter zu erklären, dass der Christoph keine Ferien mehr hatte, weil er seinen Zivildienst leistete. Das war auch so ein Thema – jahrelang hatte die Mutter die Kinder mit üppigen Fleischgerichten geködert, während die Christine größten Wert auf ausgewogene Ernährung mit viel Gemüse und Obst legte. Die Christine, klug wie sie war, hatte keinen Krieg daraus gemacht. „Ein-, zweimal im Monat wird ihnen die Küche deiner Mutter schon nicht schaden“, hatte sie meist gesagt. Und Gasperlmaier hatte an diesen Abenden Salat essen müssen.

Das mulmige Gefühl, das Gasperlmaier schon die ganze Zeit einen flauen Magen beschert hatte, wurde heftiger, als sie vor dem Haus der Mali Schreckeneder anhielten. Es war ein kleines Häusl, ganz aus Holz, aber alles daran und drumherum war so geputzt, gestrichen und blankgescheuert, dass Gasperlmaier sich fragte, wie eine so alte Frau noch so viel Energie haben konnte. Im Garten standen die Büsche und Bäume in Reih und Glied wie beim Militär, exakt auf die gleiche Höhe gestutzt. Die Apfelbäume sahen fast symmetrisch aus, am Ende beschnitt sie die Mali ganz exakt einer bestimmten Regel folgend. Auf den Stufen zur Eingangstür kein Stäubchen. Gasperlmaier ertappte sich dabei, wie er seine Schuhsohlen musterte, bevor er vom gekiesten Weg auf die betonierte Fläche vor den Eingangsstufen trat. Er ließ die Frau Doktor vorgehen, deren Absätze deutliche Schmutzspuren auf den Stufen hinterließen. Vor der Tür hingen links an der Mauer, gerade ausgerichtet, eine Mistschaufel und ein Bartwisch.

Die Mali hatte so eine altertümliche Klingel, die in der Tür montiert war. Man musste fest und ausdauernd an einem Knopf drehen, damit sie ein schepperndes Geräusch von sich gab. Die Mali riss die Tür auf, nur wenige Sekunden nachdem die Frau Doktor mehrmals energisch gedreht hatte. „Was machen S’ denn so einen Lärm?“, herrschte sie die Frau Doktor an, die zum ersten Mal, seit Gasperlmaier sie kennengelernt hatte, ein wenig zurückwich. „Und du, Franzl, was willst denn du? Ich brauch keine Polizei im Haus! Schaut’s, dass ihr weiterkommt!“ Schon wollte sie ihnen die Tür vor der Nase zuschlagen, doch die Frau Doktor hatte sich schnell wieder gefangen und hielt ihr mit der einen Hand den Dienstausweis unter die Nase. Mit der anderen stoppte sie den Schwung der zufliegenden Haustür. „Kriminalpolizei, Frau Schreckeneder. Wir möchten Sie als Zeugin befragen. Es wäre nett, wenn Sie uns ein paar Fragen beantworten würden. Wird auch nicht lange dauern.“

Die Mali zögerte kurz, ließ aber Gasperlmaier keine Sekunde aus den Augen. Mit missbilligenden Blicken maß sie die Schuhe der Frau Doktor. Dann ließ sie die Tür los. „Kommt’s halt herein. Aber Schuhe aus! Mit den Stöckelschuhen, da kommt mir schon gar keine herein! Die ruinieren mir das Linoleum!“ Die Mali, so dachte Gasperlmaier bei sich, war nicht die Einzige, die Vorbehalte gegen Stöckelschuhe hatte. Seine Tante Theres vermietete seit den sechziger Jahren in ihrem Haus Zimmer an Sommerfrischler, und noch vor wenigen Jahren hatte sie ein selbstgemaltes Verbotsschild im Windfang hängen gehabt, auf dem ein Stöckelschuh mit einem dicken roten Balken durchgestrichen war. Der Tourismusverband hatte ihr das Schild mühsam ausreden müssen. Man hatte ihr gedroht, niemanden mehr an sie zu vermitteln. Das Stöckelschuhverbot sei nicht gastfreundlich, zudem unscharf definiert und nicht zu überwachen. Außerdem sei es illegal.

Die Frau Doktor warf Gasperlmaier einen fragenden Blick zu. Der antwortete, indem er mit einem Schuh auf die Ferse des anderen trat und ihn so vom Fuß zog, ohne die Schuhbänder zu öffnen. Er sah zu Boden und hoffte, dass er heute Früh keine löchrigen Socken angezogen hatte. Kurz danach stand die Frau Doktor in Strümpfen neben ihm im Wohnzimmer der Mali. Die machte keine Anstalten, ihnen eine Sitzgelegenheit anzubieten. „Wir dürfen uns doch setzen?“, fragte die Frau Doktor, wartete aber keine Antwort ab und zog einen der Sessel, die unter dem Esstisch standen, an sich heran und setzte sich. Sie ermutigte Gasperlmaier mit einer Geste, es ihr gleichzutun. Unsicher griff der nach dem zweiten Sessel, als ihn die Mali anherrschte: „Den nicht! Das ist dem Josef seiner!“ Er zuckte zurück. Gott sei Dank setzte sich die Mali, so blieb nur mehr ein Sessel, der Frau Doktor gegenüber, übrig. Der Josef, der Mann von der Mali, war schon vor mehr als zehn Jahren gestorben, erinnerte sich Gasperlmaier. Sein Stammplatz, so schien es, wurde dennoch für ihn frei gehalten.

Endlich saß auch er, wenn auch unruhig und jederzeit auf dem Sprung. „Was wollt’s denn wissen?“, schnauzte die Mali sie an. „Und dass ihr’s gleich wisst: Viel Zeit hab ich nicht. Osterputz!“ Gasperlmaier fragte sich, was es hier zu putzen gab. Selbst bei genauerer Betrachtung war keine Spinnwebe unter der Decke, kein Fleck an den Fenstern, kein Stäubchen am Boden wahrzunehmen. Wahrscheinlich war die Mali vom Putzfimmel besessen. Eine Neurose, wie ihm die Katharina einmal erklärt hatte, als er darauf bestanden hatte, dass das Zimmer aufgeräumt und gesaugt zu werden hatte, bevor das Christkind kam.

„Frau Schreckeneder“, begann die Frau Doktor. „Wir ermitteln in den Mordfällen Breitwieser und Schwaiger. Im Zusammenhang damit würden wir auch gern hören, was Sie über die Beziehung der beiden zur verstorbenen Frau Voglreiter und zu Sepp Manzenreiter und Paul Lukas sagen können.“

„Gfraster!“, schimpfte die Mali. „Alles Gfraster! Die Friedl Voglreiter natürlich ausgenommen. Die haben’s ja alle wild getrieben! Für mich war da keiner dabei. Da lob ich mir meinen Josef!“ „Wo ist denn Ihr Josef?“, fragte die Frau Doktor nach. Gasperlmaier zuckte zusammen, denn er wusste ja, dass der Josef der seit langem verstorbene Ehemann der Mali gewesen war. Ein verschüchtertes Mandl, das neben dem Terror seiner Frau auch noch den Spott der männlichen Altersgenossen erdulden musste. Er müsse immer mit einer Schürze herumlaufen, hatte es geheißen, und fragen, bevor er ins Gasthaus dürfe. „Oben!“, beantwortete die Mali die Frage der Frau Doktor. Dabei zeigte sie mit ausgestrecktem Finger zur Decke. „Hoff ich zumindest. Ein schlechter Mann war er ja nicht.“ „Das tut mir leid“, lenkte die Frau Doktor ein. Die Mali winkte ab und stützte ihre Ellenbogen auf die Tischplatte.

„Zuerst einmal zur Frau Voglreiter“, versuchte die Frau Doktor gleich am Wort zu bleiben, damit die Mali nicht wieder in Fahrt kam. „Können Sie sich erinnern, dass sie irgendwann einmal ein schlimmes Erlebnis hatte, irgendwas, was ihr Vertrauen zu Menschen, zu Männern im Besonderen, gestört hat?“ „Die Friedl!“ Man merkte, wie sich der Blick der Mali nach innen wandte und ein wenig Spannung von ihr abfiel. Sie sprach auch viel weniger heftig. „Die war immer so ein bisschen eine Geschreckte. Schüchtern, und wenig geredet hat sie. In der Schule schon gar nicht, die hat sich vor der Lehrerin so gefürchtet, dass sie nicht einmal dann geantwortet hat, wenn sie die Antwort gewusst hat. Und mit den Buben, da hat sie’s schon gar nicht können. Die Gretl, seine Mutter“, sie zeigte dabei auf Gasperlmaier, „und ich, wir haben sie immer ein bisschen mitgeschleppt, weil sie uns leidgetan hat. Damit sie halt auch unter die Leut kommt.“ „Aber ein konkretes, einschneidendes Erlebnis?“, hakte die Frau Doktor nach. Die Mali nickte wissend. „Es muss gewesen sein, wie ich schon in der Lehrerbildungsanstalt gewesen bin. Da hat es Gerüchte gegeben. Und sie ist plötzlich verschwunden. Wie sie wiedergekommen ist, nach ein paar Wochen, hat sie nicht einmal uns verraten, der Gretl und mir, was los war. Aber von da an ist sie praktisch überhaupt nicht mehr mit uns fortgegangen. Natürlich, sie war in der Lehre, in einer Schneiderei, glaub ich, und ich nur am Wochenende daheim. Da müsste euch die Gretl eigentlich mehr sagen können.“ Ihr letzter Satz hatte, mit einem Blick auf Gasperlmaier, fast fragend geendet. Gasperlmaier allerdings fragte sich nun auch, warum ihnen die Mutter das alles nicht gleich erzählt hatte. Seine Theorie, dass da in der Vergangenheit was passiert war, musste doch etwas für sich haben, wenn auch die Frau Doktor plötzlich so genau nach diesen Dingen fragte.

„Und die beiden Mordopfer? Was können Sie uns über die sagen?“ Die Mali haute so unvermittelt auf den Tisch, dass es Gasperlmaier fast von seinem Sessel riss. „Gfraster!“, wiederholte sie. „Nichts als Saufen und Raufen und Rauchen im Kopf! Wissen Sie, die Männer da herinnen, die waren schon immer so! Die Frauen arbeiten, und die Männer rennen vom Schützen­verein zur Feuerwehr und von der Feuerwehr zum Kameradschaftsbund, und da sitzen sie jeden Tag im Wirtshaus beisammen und versaufen das Geld, das die Frauen gebraucht hätten, damit sie die Familie durchbringen. Und was sie nicht versaufen, das verlieren sie beim Kartenspielen!“ Die Frau Doktor zeigte bei der Tirade der Mali schon leichte Anzeichen von Ungeduld. So wechselte sie mehrmals kurz hintereinander die Stellung ihrer Füße. Die sahen übrigens, fand Gasperlmaier, recht nett aus. Er hatte die Zehen der Frau Doktor zuvor noch nie gesehen, und es stellte sich he­raus, dass sie wohlgeformt und sauber lackiert waren. In Grün.

„Der Herr Doktor Schwaiger?“, bemühte sie sich, noch einmal Einzelheiten über wenigstens eines der Mordopfer herauszufinden. „Ja!“, keifte die Mali. „Den hab ich einmal gefunden, im Straßengraben, wo er mit seinem Postmoped gelegen ist. Da ist er wohl schon ins Gymnasium gegangen und hat den Sommer über als Briefträger gearbeitet. Und wahrscheinlich bei jedem Bauern den Schnaps getrunken, den sie ihm hingestellt haben. Der war fürchterlich besoffen, und angespieben hat er sich auch. Den hab ich einfach liegen lassen. Mit so einem geb ich mich ja nicht ab. Ich bin nur auf der Post vorbei und hab ihnen gesagt, wo sie ihr Moped wiederfinden können.“

Die Frau Doktor, so stellte Gasperlmaier fest, zog die Augenbrauen hoch. Bei einem kurzen Seitenblick zu Gasperlmaier rollte sie die Augen. „Der Breitwieser Ferdinand?“, versuchte sie es noch einmal. „Der? Pfui! Das war einer von den Schlimmsten. Dem durfte man nicht allein im Finstern begegnen! Da hast du gleich seine schmutzigen Griffel unterm Rock oder in der Bluse gehabt. Bei mir natürlich nicht. Bei mir hat er gewusst, da holt er sich eine blutige Nase.“ So hässlich, dachte Gasperlmaier gehässig, wie die Mali damals war, hatte es wahrscheinlich nicht einmal des bösen Blicks bedurft, dass sich der anlassige Ferdinand Breitwieser andere Opfer für seine Geilheit gesucht hatte.

Die Frau Doktor erhob sich. „Dann danke ich Ihnen für Ihre Zeit, Frau Schreckeneder. Und wenn Ihnen noch was Konkretes einfällt, rufen Sie mich an.“ Sie streckte der Mali eine Visitenkarte entgegen, die sie nahm, aber achtlos auf den Tisch hinwarf. „Und noch viel Spaß beim Putzen!“ Gasperlmaier erhob sich ebenfalls. „Spaß! Was glauben Sie denn! Das ist kein Spaß, die ganze Rackerei ständig! Dass man alles in Ordnung hält! Ihr jungen Leute, ja, ihr lasst alles verlottern und verludern! Die Frauen gehen, hollodero, ins Kaffeehaus und ins Büro, die Männer zu ihrem Stammtisch, und daheim wächst der Lurch unter den Betten! Bei mir aber nicht!“

Während sie so dahinkeppelte, zogen sich Gasperlmaier und die Frau Doktor ihre Schuhe wieder an. Gasperlmaier hätte es nicht gewundert, wenn die Mali den Teppichklopfer genommen und sie bei der Tür hinausgeprügelt hätte, so in Fahrt war sie gekommen. Selbst als sich die Haustür schon geschlossen hatte, hörte man sie immer noch schimpfen.

„Puh!“, sagte die Frau Doktor und strich sich eine Haarsträhne hinter das Ohr. „Die hat aber gewaltig Haare auf den Zähnen!“ „Ich hab’s Ihnen ja gleich gesagt“, antwortete Gasperlmaier. „Ich hab sie vier Jahre in der Schule aushalten müssen. Sie hat mich sogar bei den Ohren gezogen.“ Die Frau Doktor grinste. „Anscheinend an beiden gleich fest, denn sie sind immer noch gleich groß. Waren Sie auch so ein Hallodri wie die Freunde Ihrer Mutter?“ Gasperlmaier zuckte mit den Schultern. Er hatte keine große Lust, sich in dieses Thema zu vertiefen. „Aber komisch ist es schon, dass uns die Mali was erzählt, was Ihre Mutter verschwiegen hat. Haben Sie eine Erklärung dafür?“ Gasperlmaier zuckte wiederum mit den Schultern. Er glaubte das ganze Gefasel der Mali nicht recht, schließlich hatte sie überhaupt nichts Konkretes zu sagen gehabt. Und auf seine Mutter wollte er auch nichts kommen lassen. „Vielleicht phantasiert sie sich da was zusammen“, sagte er deshalb. Die Frau Doktor stieg ins Auto und wartete, bis er neben ihr saß. „Glaub ich nicht. Das Verschwinden der Friedl Voglreiter hat sie ja doch sehr konkret geschildert. Das andere waren wohl nur pauschale Rundumschläge. Da haben Sie recht. Fahren wir noch einmal zu Ihrer Mutter.“

Gasperlmaier war das gar nicht recht. Er hatte ge­hofft, seine Mutter aus den Ermittlungen heraushalten zu können, und jetzt gingen sie quasi ständig bei ihr ein und aus. Und schon gar nicht passte es ihm, dass die Frau Doktor der Meinung war, seine Mutter habe ihnen etwas Wichtiges verschwiegen. Dicke Tropfen klatschten an die Windschutzscheibe, und es begann, der dunklen Wolken wegen, die den Himmel verdüsterten, schon zu dämmern. Gasperlmaier sah auf die Uhr. Es ging schon auf sechs zu. Er hatte Hunger und fragte sich, wie lang ihn die Frau Doktor heute noch von Befragung zu Befragung schleppen wollte.

Als sie vor Gretl Gasperlmaiers Haus anhielten, blieb er im Hintergrund. Schließlich war es nicht seine Idee gewesen, noch einmal hierherzufahren. Als die Mutter die Tür öffnete, konnte man ihr ansehen, dass sie keine rechte Freude mit dem späten Besuch hatte. „Schon wieder?“, fragte sie. „Ich hab mir gerade eine Jause hergerichtet.“ „Nur ganz kurz, Frau Gasperlmaier. Dürfen wir eintreten?“ Die Mutter ging voraus in die Stube, wo auf dem Tisch ein Teller mit Quargelbutter stand. Schon als Gasperlmaier noch ein Kind gewesen war, hatten seine Eltern gerne Quargel- und Butterwürfel gemischt und zur Jause gegessen. Es roch auch dementsprechend, Quargel zählte ja nicht gerade zu den Käsesorten, die sich durch dezenten Geruch auszeichneten. Neben dem Teller stand ein Schneidbrett mit einem Stück Bauerngeselchtem, daneben im Brotkorb lag ein Viertellaib.

Die Mutter setzte sich. „Wollt’s was mitjausnen?“ Gasperlmaier nickte begeistert, zog den Korb zu sich her und schnitt sich ein nicht zu dünnes Stück vom frischen Brot ab. Die Frau Doktor maß ihn mit zurückhaltenden Blicken. „Ich möcht Sie nicht ärgern, Frau Gasperlmaier, aber ich bin nicht gerade ein Fan von diesem Käse, und auch Geräuchertes ess ich nicht so gern.“

Gretl Gasperlmaier stand auf und verschwand. Gasperlmaier hörte ihre Schritte auf der Kellerstiege. Wahrscheinlich, so dachte er, holte sie jetzt ein Bier für ihn. Er schnitt sich eine Scheibe Geselchtes ab und legte sie aufs Brot. Als er mit vollem Mund kauend dasaß, merkte er, dass die Frau Doktor bereits ärgerlich mit dem Fuß wippte. „Das war jetzt nicht so geplant, dass wir uns da häuslich niederlassen. Es geht ja nur um ein paar konkrete Fragen.“ Gasperlmaier bemühte sich, das Geselchte gut durchzukauen, um nach dem Hinunterschlucken zu antworten. „Ich wollt nur die Mutter nicht beleidigen“, verteidigte er sich. „Wenn sie schon was hinstellt …“ Die Frau Doktor zog die Augenbrauen hoch. „Mutterkomplex?“ Fast hätte sich Gasperlmaier verschluckt, doch wurde ihre Unterhaltung unterbrochen, als Gretl Gasperlmaier wieder in die Stube trat. Mit zwei Bierflaschen.

„Aber ein Bier trinken S’ schon mit uns!“ Ein wenig heftig, wie Gasperlmaier fand, stellte sie die Flasche vor die Frau Doktor hin. „Mögen S’ vielleicht ein Butterbrot?“ Fast ein wenig eingeschüchtert klang die Frau Doktor, als sie nun doch „Bitte, gern!“ sagte. Die Mutter verschwand wieder, kehrte aber nach ein paar Sekunden schon wieder mit Teller, Messer und Butter zurück. Sogar einen Salzstreuer hatte sie mitgebracht. „Weil’s ja sonst doch ein wenig fad schmeckt!“, lächelte sie. Gasperlmaier staunte. Das schien ihm so etwas wie ein Friedensangebot zu sein.

Während die Frau Doktor ihr Brot schmierte, schoss sie gleich ihre erste Frage ab. „Frau Gasperlmaier, die Mali Schreckeneder hat uns da was erzählt, dass die Friedl Voglreiter damals, als Sie beide Jugendliche waren, einmal für ein paar Wochen verschwunden ist. Und dass sie dann sehr verschlossen war, als sie zurückgekommen ist, und nicht mehr mit den anderen fortgehen wollte.“ Die Mutter zögerte kurz, Gasperlmaier konnte spüren, wie sich ihre Haltung versteifte. Sie legte Messer und Gabel beiseite. „Da muss sich die Mali irren!“, sagte sie scharf, mit dennoch etwas zittriger Stimme. „An so was kann ich mich überhaupt nicht erinnern.“ Sie strich sich eine Gabel voll Quargelbutter auf ihr Brot und biss ein großes Stück ab, wie zum Zeichen, dass sie nichts mehr zu sagen hatte.

„Wie erklären Sie sich dann, dass die Frau Schreckeneder so etwas behauptet?“, bohrte die Frau Doktor nach. Die Mutter ließ sich Zeit mit der Antwort. Gasperlmaier schnitt sich noch ein Stück Geselchtes herunter. Als die Mutter hinuntergeschluckt hatte, blickte sie starr an der Frau Doktor vorbei zum Fenster hinaus. Draußen gab es nicht viel zu sehen, denn die Dunkelheit hatte bereits alle Konturen im Garten verschluckt. „Ich habe keine Ahnung, wie die Mali auf so was kommt. Sie ist wahrscheinlich schon ein bissl senil. Und außerdem war sie doch zu der Zeit auf der Lehrerbildungsanstalt. Wahrscheinlich hat sie da was verwechselt. Ist ja mehr als fünfzig Jahre her.“

Gasperlmaier lief ein Schauer über den Rücken. Hoffentlich hatte die Frau Doktor nicht gemerkt, dass sich die Mutter jetzt verraten hatte. Wieso hätte sie denn sonst von „der Zeit“ reden können, wenn sie keine Ahnung davon hatte, dass die Friedl einmal verschwunden war? Woher konnte sie wissen, dass es um einen Zeitpunkt ging, zu dem die Mali schon auf der Lehrerbildungsanstalt gewesen war? Gasperlmaier riskierte einen Seitenblick zur Frau Doktor hinüber. An ihrem Gesicht konnte er nichts erkennen, das ihm verriet, ob sie den kleinen Lapsus der Mutter auch bemerkt hatte.

Die Frau Doktor war mit ihrem sehr dünnen Butterbrot fertig und erhob sich. „Gasperlmaier, wir machen für heute Schluss. Bemühen Sie sich nicht, bleiben Sie ruhig noch ein wenig da und jausnen Sie zu Ende. Auf Wiedersehen, Frau Gasperlmaier!“ Sie nahm noch einen Schluck aus dem Bierglas, schnappte ihre Handtasche und war schon draußen. Sekunden später hörte man die Haustür ins Schloss fallen.

Eine Weile herrschte Stille am Tisch. Die Mutter aß und sah zum Fenster hinaus. Gasperlmaier machte sich über das restliche Geselchte her und schwieg ebenfalls, versuchte aber, den Blickkontakt mit der Mutter zu vermeiden. „Ist vielleicht nicht fein genug, der Quargel und das Geselchte, für die Frau Doktor aus der Stadt“, murmelte die Mutter düster. „Mein Gott, Mama“, bemühte sich Gasperlmaier, sie zu verteidigen. „Das mag halt nicht jede. Das sind Sachen, weißt du, die eher die älteren Leute essen. Die Christine …“ Die Mutter schnitt ihm das Wort ab. „Ja, ja, ich weiß schon. Unser Essen ist ja euch auch nicht gut genug. Italienisches Zeug muss es sein, ein Rohschinken, und ein Mozzarella. Die Herrschaften sind sich ja zu fein für das, was bei uns wächst.“ Gasperlmaier fand die Mutter höchst ungerecht. Gerade die Christine legte Wert darauf, dass Produkte aus der Region gegessen wurden, die kurze Transportwege hinter sich hatten. In der Schule veranstaltete sie sogar jedes Jahr ein Kurzstreckenfrühstück, bei dem für jedes Lebensmittel der Transportweg genau dokumentiert war. Die Kinder lieferten dazu Zeichnungen und Wegberechnungen.

Ein wenig wortkarg beendeten sie ihre Jause. „Soll ich dir noch beim Geschirrabwaschen helfen, Mama?“, bot Gasperlmaier an, um das Eis zu brechen. Ohne großen Erfolg. „Glaubst leicht, ich kann die paar Teller und Gläser nicht mehr allein abwaschen?“, fuhr sie ihn schnippisch an. Mit der Mutter, fand Gasperlmaier, war heute schlecht zu reden. Dabei hatte er gehofft, sie werde vielleicht gesprächiger werden, sobald die Frau Doktor weg war. Aber er hatte keine Ahnung, wie er das anpacken konnte. Vielleicht war es gescheiter, er ging nach Hause. „Ja, dann …“, verabschiedete er sich, „gute Nacht, Mama. Und wennst was brauchst …“ „Ja, ja“, antwortete die nur, „gute Nacht!“ Schon hatte sie das Wasser bei der Abwasch aufgedreht und achtete gar nicht mehr auf Gasperlmaier, der sich leise davonstahl.

Draußen hatte sich das Wetter verschlechtert. Es regnete nun nicht mehr, es schneite dicke, nasse Flocken. Gasperlmaier hatte es befürchtet. Auf dem Heimweg trieben ihn ein paar so heftige Windböen an, dass er sein Kapperl festhalten musste, damit es ihm nicht vom Kopf geweht wurde. Die Quargelbutter und das Geselchte drückten ihm auf den Magen. Er hätte nicht so gierig sein sollen.

„Hättest schon anrufen können, dass du später kommst!“ Die Christine war ein wenig verschnupft. Tatsächlich hatte Gasperlmaier während des ganzen Nachmittags nicht daran gedacht, einmal zu Hause anzurufen. „Seit einer halben Stunde warte ich schon mit dem Essen auf dich!“ Jetzt, das wusste Gasperlmaier, hieß es, vorsichtig zu sein. Er durfte der Christine keinesfalls von der üppigen Jause bei der Mutter erzählen und musste beim gemeinsamen Abendessen gesunden Appetit zeigen, sonst würde sich die Christine nur noch mehr ärgern. Eigentlich hatte sie ja recht. Er hätte schon daran denken können, dass zu Hause ein Essen auf ihn wartete, statt sich bei der Mutter den Bauch mit ungesundem Zeug vollzustopfen. Aber wenn der Hunger einmal zuschlug, dann war es bei ihm mit dem Denken oft nicht so weit her, musste er sich selber eingestehen.

„Weil die Kinder nicht da sind“, rief die Christine aus der Küche, „gibt’s einen guten Salat! Dafür trinken wir dann ein Bier dazu!“ Sie brachte die Teller herein, und Gasperlmaier stand nochmals auf, um das Bier aus dem Kühlschrank zu holen. Als er sich bei Tisch niederließ, stellte er fest, dass die Christine genau das gekauft hatte, worüber sich die Mutter so aufregen hatte müssen. Auf dem Salat thronten Rohschinken, ein paar Scheiben Mozzarella und Pinienkerne. Gasperlmaier nahm sich vor, den Salat ohne Brot zu essen, damit er seinem vollen Magen nicht zu viel zumutete.

Ohne allzu große Lust nahm er das Grünzeug in Angriff. „Magst du kein Brot dazu?“ Die Christine hielt ihm das mit Salzstangerln und Semmeln gefüllte Körbchen hin. „Schon!“, beeilte sich Gasperlmaier zuzu­stimmen. Er wollte ja nicht auffallen, und er musste sich eingestehen, dass es für ihn höchst ungewöhnlich gewesen wäre, einen Salat ohne ein oder zwei Salzstangerln als Unterstützung hinunterzuschlingen. Er bemühte sich, einfach nicht an den vollen Magen zu denken.

Mit einer Frage nach ihrem Wochenende, so fiel ihm ein, konnte er womöglich ablenken. „Du hast mir noch gar nicht viel über Salzburg erzählt!“, ermutigte er die Christine. „Da gibt’s gar nicht so viel zu erzählen. Es war zwar lustig, aber ich hab halt doch gemerkt, dass wir uns schon sehr voneinander entfernt haben. Die meisten verstehen das nicht, dass ich ein ganz normales bürgerliches Leben führe und mir das auch so gefällt.“ Gasperlmaier waren die Freunde der Christine aus der Studienzeit sowieso nicht geheuer. Zwei davon hatte er ja schon kennenlernen dürfen. Der Beda, ein ehemaliger Lehrer, der jetzt mittelalterliche Gesänge zum Besten gab, hatte sich fast schon bei ihnen eingenistet gehabt. Und diese Brigitte war auch schon einmal da gewesen. Viel zu stark geschminkt, und die hatte noch dazu den Nerv gehabt, sich darüber lustig zu machen, dass die Christine ein Dirndl und er eine Lederhose getragen hatte, als sie einen Abend zusammen beim Sommerfest verbracht hatten. Das käme für sie nie in Frage, hatte sie gemeint. Das sei ja ein politisches Statement, die Tracht, und wo sie daheim sei, würde man da gleich an den rechten Rand gerückt. Die Christine hatte ihr zwar geduldig erklärt, dass man die Tracht keinesfalls irgendwelchen politischen Spinnern überlassen durfte, und dass das im Ausseerland schon gar nicht der Fall sei, weil selbst in der Nazizeit sowohl die Widerstandskämpfer als auch – leider – die Nazis die Tracht ge­tragen hatten. Gasperlmaier hatte der ausufernden politischen Debatte, die darauf gefolgt war, nicht in allen Einzelheiten zugehört, aber sympathisch war ihm die Brigitte auf jeden Fall nicht gewesen.

„Viele“, sagte die Christine, „wollen einfach nicht verstehen, dass Tradition nichts mit Rückständigkeit zu tun hat. Gerade heute, wo jeder von Nachhaltigkeit schwafelt – was, bitte, ist nachhaltiger als ein Trachten­gwand? Das kann man über Generationen weitervererben. Und die Katharina, zum Beispiel, die hat zur Erstkommunion und zur Firmung die Dirndln getragen, die ich selber damals angehabt habe. Das sollte doch eigentlich zeitgemäß sein, wo eh jeder über die Wegwerfgesellschaft jammert.“ Zur Untermalung ihrer Ausführungen fuchtelte die Christine mit ihrer Gabel in der Luft herum, dass sich Gasperlmaier vorsorglich ein wenig duckte. Bei der Christine passierte es gelegentlich, dass sie im Eifer einer Debatte, zu der er selbst meist nur wenig beitrug, sogar aufs Essen vergaß.

Gasperlmaier war zufrieden mit sich, dass er den Salat samt einem Salzstangerl hinuntergebracht hatte. Restlos übersättigt lehnte er sich zurück. „Magst noch einen Käse?“, fragte die Christine. „War vielleicht ein bisschen wenig für einen, der den ganzen Tag geschuftet hat.“ Gasperlmaier winkte ab. „Nein, danke! War wirklich genug! Ich muss ja auch ein wenig auf meine Linie schauen.“ Zur Untermalung griff er sich an den durch das viele Essen wohlgerundeten Bauch. Die Christine aber maß ihn mit argwöhnischen Blicken. „Ich weiß nicht, Gasperlmaier“, sagte sie. „Entweder du wirst mir krank, oder du bist wieder irgendwo eingekehrt und willst es mir verheimlichen. Sonst rennst du ja nach so einem Salat gleich zum Kühlschrank und schaust nach, was es da noch gibt.“ Ohne weiter in ihn zu dringen, trug sie das Geschirr zur Abwasch.

„Wo sind denn eigentlich die Kinder?“, fragte Gasperlmaier, um von sich abzulenken. „Die Katharina ist ins Kino nach Ischl gefahren, und der Christoph hat Dienst.“ „Wie, ins Kino gefahren? Da geht ja kein Bus mehr, und kein Zug!“ Die Christine setzte sich mit besorgtem Gesichtsausdruck wieder neben Gasperlmaier hin. „Sie ist mit der Frau Zettel gefahren. Es gibt da so einen Arthouse-Film, jeden Montag. Sei froh, dass sie sich für Kultur interessiert! Und außerdem hat sie heute sehr brav gegessen!“ Gasperlmaier war das gar nicht recht. Was würden die Altausseer sagen, wenn er irgendwann einmal eine lesbische Tochter mit ihrer Partnerin aufs Standesamt begleiten würde? Ihm selbst war das ja mittlerweile eh fast egal, aber die höhnischen Bemerkungen der Feuerwehrler und der Schützen, auf die konnte er gerne verzichten.

„Schau, Franz!“ Es wurde also ernst. „Man muss sie jetzt ganz behutsam anfassen. Wenn wir ihr zu viel dreinreden, wird das mit dem Essen nicht besser. Du musst sie ernst nehmen, ihr zuhören, sie wie eine Erwachsene behandeln.“ Gasperlmaier regte sich auf. „Ernst nehmen und zuhören! Dazu muss ich sie ja auch einmal länger als fünf Sekunden sehen!“ Die Christine blieb ruhig. „Sie weicht dir halt aus, weil sie Angst vor deiner Ablehnung hat. Du musst auf sie zugehen!“ Das, so fand Gasperlmaier, war eine schwierige Aufgabe. Wie sollte man auf jemanden zugehen, der einem ständig auswich? Das war ja, als wollte man einen Saibling im Altausseer See mit der Hand fangen. „Schau“, sagte die Christine, „der Beda, der ist ja auch schwul, und der hat mir erzählt …“

Es kam nicht oft vor, dass Gasperlmaier seine Christine unterbrach, aber das musste jetzt gleich aus ihm heraus. „Der schwul? Warum hast du mir denn das nicht gleich erzählt?“ Die Christine musste doch gemerkt haben, dass da Eifersucht mit im Spiel gewesen war, als er den Beda so grob angefasst und schließlich hinausgeschmissen hatte, damals. Und dass er sich wegen dem Wochenende solche Sorgen gemacht hatte, das war ja nicht zuletzt auch wegen dem Beda gewesen! Nicht, dass er dem besondere Verführungskünste zugetraut hätte, aber man wusste ja nie. „Ich hab dir deswegen nichts davon erzählt, weil ich doch weiß, dass du ein bisschen Vorurteile gegen Menschen hast, die da“, sie zögerte, „ein bisschen anders sind.“ Tatsächlich hatte Gasperlmaier außer dem Beda noch keinen Schwulen kennengelernt. Zwar gab es gegen den einen oder anderen Verdachtsmomente, aber einer, der offen und bekennend als Schwuler in Altaussee lebte, so einer war Gasperlmaier noch nicht untergekommen.

Die Christine schwieg, ohne ihren Satz zu vollenden. Sie hatte wohl gemerkt, dass Gasperlmaier auf die Erzählungen des nun, seit Neuestem, schwulen Beda dankend verzichten konnte. Ratlos sahen sie einander an. Gasperlmaier fand es schwierig, die Welt zu verstehen. Er hatte sie immer für einfach gehalten: Man sucht einen Partner, findet ihn, gründet eine Familie, und immer so weiter. Schließlich wurde man Großvater, ging in Pension, hörte auf, miteinander zu schlafen, saß vor dem Haus in der Sonne oder im Schatten, oder auch hinter dem Ofen, je nach Jahreszeit, trank friedlich sein Bier, und irgendwann, dann starb man halt. So einfach, musste er sich nun eingestehen, wie er sich die Welt zurechtgelegt hatte, war sie anscheinend nicht. Und es bereitete ihm Mühe, sich damit anzufreunden. Und die ganzen Mordgeschichten, die halfen ihm dabei auch nicht wirklich, denn auch sie waren ja schließlich eine Abweichung von der einfachen, sinnvollen Ordnung, die er sich herbeiwünschte. Und was da alles im Hintergrund noch auftauchte, wenn erst ein Mord geklärt war, was für Abgründe an Hass und Missgunst sich da Bahn gebrochen hatten, da war er erst gar nicht neugierig darauf.

Gasperlmaier nahm sich vor, auf die Katharina zu­zugehen, wenn sie vom Kino heimkam. Leider schlief er aber vor dem Fernseher ein und wachte erst davon auf, dass sie lautstark die Stiege hinaufpolterte und ihre Zimmertür zuschmiss. Gasperlmaier trank den letzten Schluck seines lauwarm und schal gewordenen Biers und dachte bei sich, dass es momentan vielleicht nicht der günstigste Zeitpunkt war, einen Schritt auf seine Tochter zuzumachen.