Ja, das möcht' ich noch erleben
Eigentlich ist mir alles gleich,
Der eine wird arm, der andre wird reich,
Aber mit Bismarck – was wird das noch geben?
Das mit Bismarck, das möcht' ich noch erleben.
Eigentlich ist alles soso,
Heute traurig, morgen froh,
Frühling, Sommer, Herbst und Winter,
Ach, es ist nicht viel dahinter.
Aber mein Enkel, so viel ist richtig,
Wird mit nächstem vorschulpflichtig,
Und in etwa vierzehn Tagen
Wird er eine Mappe tragen,
Löschblätter will ich ins Heft ihm kleben –
Ja, das möcht' ich noch erleben.
Eigentlich ist alles nichts,
Heute hält's, und morgen bricht's,
Hin stirbt alles, ganz geringe
Wird der Wert der ird'schen Dinge;
Doch wie tief herabgestimmt
Auch das Wünschen Abschied nimmt,
Immer klingt es noch daneben:
Ja, das möcht' ich noch erleben.
Man hat es oder hat es nicht
Nur als Furioso nichts erstreben
Und fechten, bis der Säbel bricht,
Es muß sich dir von selber geben –
Man hat es oder hat es nicht.
Der Weg zu jedem höchsten Glücke,
Wär' das Gedräng auch noch so dicht,
Ist keine Beresina-Brücke –
Man hat es oder hat es nicht.
Glaub nicht, du könnt'st es doch erklimmen
Und Woll'n sei höchste Kraft und Pflicht,
Was ist, ist durch Vorherbestimmen –
Man hat es oder hat es nicht.
Dreihundertmal
Dreihundertmal hab' ich gedacht:
Heute hast du's gut gemacht,
Dreihundertmal durchfuhr mich das Hoffen:
Heute hast du ins Schwarze getroffen,
Und dreihundertmal vernahm ich den Schrei
Des Scheibenwärters: »Es ging vorbei.«
Schmerzlich war mir's dreihundertmal –
Heute ist es mir egal.
Fritz Katzfuß
Fritz Katzfuß war ein siebzehnjähr'ger Junge,
Rothaarig, sommersprossig, etwas faul,
Und stand in Lehre bei der Witwe Marzahn,
Die geizig war und einen Laden hatte,
Drin Hering, Schlackwurst, Datteln, Schweizerkäse,
Samt Pumpernickel, Lachs und Apfelsinen
Ein friedlich Dasein miteinander führten.
Und auf der hohen, etwas schmalen Leiter,
Mit ihren halb schon weggetretnen Sprossen,
Sprang unser Katzfuß, wenn die Mädchen kamen
Und Soda, Waschblau, Grieß, Korinthen wollten,
Geschäftig hin und her.
Ja, sprang er wirklich?
Die Wahrheit zu gestehn, das war die Frage.
Die Mädchen, deren Schatz oft draußen paßte,
Vermeinten ganz im Gegenteil, er »nöle«,
Sei wie verbiestert und durchaus kein »Katzfuß«.
Im Laden, wenn Frau Marzahn auf ihn passe,
Da ging' es noch, wenn auch nicht grad' aufs beste,
Das Schlimme käm' erst, wenn er wegen Selter-
Und Sodawasser in den Keller müsse,
Das sei dann manchmal gradzu zum Verzweifeln,
Und wär' er nicht solch herzensguter Junge,
Der nie was sage, nie zu wenig gebe,
Ja, meistens, daß die Waagschal' überklappe,
So wär's nicht zu beleben.
Und nicht besser
Klang, was die Herrin selber von ihm sagte,
Die Witwe Marzahn. »Wo der dumme Junge
Nur immer steckt? Hier vorne muß er flink sein,
Doch soll er übern Hof und auf den Boden,
So dauert's ewig, und ist gar Geburtstag
Von Kaiser Wilhelm oder Sedanfeier
Und soll der Stock' raus mit der preuß'schen Fahne
(Mein sel'ger Marzahn war nicht für die deutsche),
Fritz darf nicht 'rauf – denn bis Dreiviertelstunden
Ist ihm das Mind'ste.«
So sprach Witwe Marzahn.
Und kurz und gut, Fritz Katzfuß war ein Rätsel,
Und nur das Eine war noch rätselvoller,
Daß, wie's auch drohn und donnerwettern mochte,
Ja, selbst wenn Blitz und Schlag zusammenfielen,
Daß Fritz nie maulte, greinte, wütend wurde;
Nein, unverändert blieb sein stilles Lächeln
Und schien zu sagen: »Arme Kreaturen,
Ihr glaubt mich dumm, ich bin der Überlegne.
Kramladenlehrling! Eure Welt ist Kram,
Und wenn ihr Waschblau fordert oder Stärke,
Blaut zu, so viel ihr wollt. Mein Blau der Himmel.«
So ging die Zeit, und Fritz war wohl schon siebzehn;
Ein Oxhoft Apfelwein war angekommen
Und lag im Hof. Von da sollt's in den Keller.
Fritz schlang ein Tau herum, und weil die Hitze
Groß war und drückend, was er wenig liebte,
So warf er seinen Shirting-Rock beiseite,
Nicht recht geschickt, so daß der Kragenhängsel
Nach unten hing. Und aus der Vordertasche
Glitt was heraus und fiel zur Erde. Lautlos.
Fritz merkt' es nicht. Die Witwe Marzahn aber
Schlich sich heran und nahm ein Buch (das war es)
Vom Boden auf und sah hinein: »Gedichte.
Gedichte, erster Teil, von Wolfgang Goethe.«
Zerlesen war's und schlecht und abgestoßen
Und Zeichen eingelegt: ein Endchen Strippe,
Briefmarkenränder, und als dritt' und letztes
(Zu glauben kaum) ein Streifen Schlackwurstpelle,
Die Seiten links und rechts befleckt, befettet,
Und oben stand, nun was? stand »Mignonlieder«,
Und Witwe Marzahn las: »Dahin, dahin
Möcht' ich mit dir, o mein Geliebter, ziehn.«
Nun war es klar. Um so was träg und langsam,
Um Goethe, Verse, Mignon.
Armer Lehrling,
Ich weiß dein Schicksal nicht, nur eines weiß ich:
Wie dir die Lehrzeit hinging bei Frau Marzahn,
Ging mir das Leben hin. Ein Band von Goethe
Blieb mir bis heut mein bestes Wehr und Waffen,
Und wenn die Witwe Marzahns mich gepeinigt
Und dumme Dinger, die nach Waschblau kamen,
Mich langsam fanden, kicherten und lachten,
Ich lächelte, grad' so wie du gelächelt,
Fritz Katzfuß, du mein Ideal, mein Vorbild.
Der Band von Goethe gab mir Kraft und Leben,
Vielleicht auch Dünkel ... All genau dasselbe,
Nur andres Haar und – keine Sommersprossen.
Die Geschichte vom kleinen Ei
(Märkisches)
Die Gräfin und ihr fünfzehnjähriger Sohn,
Auch zwei Komtessen halb erwachsen schon,
Sie sollen fort, bis Capri, bis Sorrent,
Und wenn zu heiß es dann vom Himmel brennt,
Dann rasch zurück nach Schweiz und Interlaken,
Denn mit poor Alfred hat es einen Haken:
Er hustet – und so viel hängt an dem Jungen,
Und wenn's das Herz nicht ist, so sind's die Lungen.
An fährt die Kutsche. Vor dem Erdgeschoß
Stehn sieben Koffer, einer ein Koloß,
Und was von Hausgesind' das Schloß umfängt,
Es hat voll Eifer sich herangedrängt.
Ein alter Diener (Erbstück) in Gamaschen
Bringt immer neue Plaids und Reisetaschen,
Die Kammerjungfer schluchzt, der Kandidat
Gibt für Verona seinen Reiserat
Und mahnt ein wenig schelmisch die Komtessen,
Das »Grab der Julia« ja nicht zu vergessen;
Ernst aber steht am Schlag der alte Graf –
Ob ihn der Abschied allzu schmerzlich traf?
Er hält nicht viel von Bahn- und Gasthofstreiben,
Ich glaube fast, ihm paßt's, zu Haus zu bleiben;
Daneben aber tut er, was er muß:
Er spart nicht Händedruck, nicht Abschiedskuß,
Klappt in die Höh der Kutsche Lederdach,
»A rivederci!« ruft er ihnen nach, –
Er hatte sich sprachlustig mitbeschäftigt,
Als sich die Damen für Sorrent gekräftigt.
Nun sind sie fort. Im Vorflur ist es warm,
Der Graf ergreift des Kandidaten Arm
Und sagt, in heitrem Auf- und Niederschreiten:
»Ja, lieber Porst, nun kommen schlimme Zeiten,
Der Doktor hat von Ende Herbst gesprochen,
Das gibt für Sie sehr lange Ferienwochen,
Vielleicht zu lang'; ich muß im Reichstag sein,
Dann sitzen Sie hier mutterwindallein;
Ich weiß nicht, ob Stillsitzen Ihnen paßt,
Dreivierteljahr, die Länge hat die Last;
Ich für mein Teil, ich hätte nichts dagegen,
Wenn Sie sich ausruhn woll'n und etwas pflegen,
Vielleicht zu Haus, in Vaters Försterei
Mit Stadt- und Kloster-Lindow dicht dabei.«
»Verzeihn, Herr Graf, indessen steht's bei mir,
Trotz Elternhaus, ich bleib' am liebsten hier;
Ich hab' hier meine Bücher, meine Sachen,
Will, wenn es sein kann, meinen Doktor machen;
Hab' auch Verkehr hier, alt' und junge Leute,
Den Pastor morgen und den Lehrer heute,
Kann mit dem Gärtner pflanzen und begießen,
Kann mit dem Jäger einen Hasen schießen,
Und kommt's zum Schlimmsten, geh' ich in den Krug,
Bestell' ein Seidel mir und rede klug,
Wie man's so tut, von Rüben und von Raps, –
Der Krüger freilich ist halb Taps, halb Flaps,
Allein die Frau, die geht, die kann ich leiden,
Ist jedenfalls die Klügre von den beiden,
Ein bißchen nach sich, sparsam und genau,
Doch immerhin 'ne nette märk'sche Frau.«
»Nun, lieber Porst, mir recht. Und 's wird schon gehn –
Nur immer 'n bißchen nach dem Rechten sehn;
Und wenn im Reichstag mal ein Ruhtag ist,
So komm' ich, und wir haben unsern Whist;
Man muß sich schließlich auch einmal was gönnen,
Und unser Dritter – nu, der wird schon können.«
Und so kam Mai. Der Fink im Walde schlug,
Porst ging spazieren oder saß im Krug,
Meist plaudernd mit des Krügers muntrer Frau
Von Margarine, Butter, Mastviehschau,
Von Wollmarkt und wie gut der Roggen stünde, –
Das ew'ge Klagen sei doch fast 'ne Sünde.
»Das find' ich auch und sag' es jeden Morgen;
Die Wirtschaft, ach, ich hab' ganz andre Sorgen,
Die Jungen wachsen 'ran, die richt'gen Rangen,
Mit unserm Willem is nichts anzufangen:
Der Jung' is faul, für gar nichts hat er Sinn,
Ganz wie sein Vater dröhmt er bloß so hin,
Und 's Rechnen wird ihm alle Tage schwerer –
Ich habe schon gedacht ... vielleicht der Lehrer?«
»Wohl möglich, Frau; doch wie's damit auch sei,
Da hilft sich's schon ohn' große Hexerei,
Latein, Geschichte werd' ich mit ihm treiben, –
Kann er denn schon 'nen deutschen Aufsatz schreiben?
Und wenn auch nicht, so viel versprech' ich Ihnen,
Er soll, zum mind'sten, nicht drei Jahre dienen.«
Und wie versprochen, gleich am andern Tag
Tritt Porst ins Zimmer, mit dem Glockenschlag;
Und weiter so, – nie läßt er lange warten –
Er kommt mit Zumpt, mit Lexikon und Karten,
Und was das Best' (im Busen wird es helle),
Der Junge kommt auch wirklich von der Stelle!
Lernt »Tabakspfeife«, »Bürgschaft«, Gellerts Fabeln,
Unregelmäß'ge Verben und Vokabeln,
Lernt piper und papaver und auf is
Was masculini generis.
Und eines Tages, nicht mehr allzu früh,
( ... »er bleibt zu lange, gibt sich zu viel Müh«)
Erscheint beim Unterricht die Krügerin
Und stellt vor Porst 'nen Eierbecher hin,
'nen Eierbecher, drin ein kleines Ei,
Ganz klein, die dünne Schale schon entzwei.
Porst lächelt, nimmt's und ißt's in guter Ruh;
Die Krüg'rin lächelt auch, und sieht ihm zu.
Vergangen sind an zweiundzwanzig Jahr.
Der Kandidat Konsistorialrat war,
Hofprediger, Generalsup'rintendent,
Ein großer Stern am preuß'schen Firmament.
Und heut vom Königsschloß her, klar und munter
Kommt er den breiten Opernplatz herunter,
Und an der Neuen Wache, glau und schlau,
Wer will an ihm vorbei? – die Krügersfrau.
Die Schritte hemmt er. »Ei, Frau Krüg'rin ei,
Hübsch stillgestanden, nicht so stolz vorbei!
Was macht der Mann? Was ist im Schlosse los?
Der Graf, ich weiß, war letzthin in Davos;
Und Willem; wenn nicht avanciert er ist,
Der ist nun wohl schon lange Reservist?«
»Gott, Gott! mir zittern ordentlich die Knie,
Herr Kandidat, jetzt erst erkenn' ich Sie,
Sonst war Ihr Rock so weit und so bequem,
Sie sind nicht mehr so spillrig wie vordem.
Und was mein Mann, mit dem wird's immer schlimmer
Er sitzt so rum und raucht und schläft noch immer;
Uns' Willem aber, dem geht's gut genug,
Wir sind im Altenteil, er hat den Krug;
Vorm Haus die Linde hat er eingeschient,
Und hat auch wirklich nur ein Jahr gedient.
Gott, manchmal denk' ich noch an all die Sachen,
's mußt' Ihnen doch 'ne rechte Freude machen;
Die Gräfin kam ja Neujahr erst zurück,
Da war das mit dem Willem doch ein Glück,
Und gab ein bißchen doch für Sie zu tun,
Statt so den ganzen Tag sich auszuruhn.
Und einmal, als die Stunde schon vorbei ...
Sie nicken ... ach, Sie wissen schon ... das Ei«
Luren-Konzert
In Kopenhagen, groß und gesperrt,
Am Saal-Eingange stand: Luren-Konzert.
Und an meinen Gastfreund jener Tage
Richte voll Neugier ich die Frage:
»Sage, was meint das? Bis Fausts Lemuren
Reicht es gerade. Doch was sind Luren?«
»Luren, in Tagen der Goten und Geten,
Hießen unsre Nordlands-Trompeten,
Hörner waren's, von sieben Fuß Länge,
Schlachtruf waren ihre Klänge,
Die Luren, lange vor Gorm dem Alten,
Übers Moor und über die Heide schallten ...
Wo der Steindamm sich hinzieht, stieben die Funken,
In den Sumpf ist Roß und Troß versunken,
Und versunken unter die Binsen und Gräser
Waren zuletzt auch die Lurenbläser.
Da lagen sie. Bis zu zweitausend Jahren
Sind Nebel und Wind drüber hingefahren,
Eines Tages aber grub man, und Schwert und Knauf
Und die Luren auch stiegen wieder herauf,
Herauf aus dem Moorgrund unterm Rasen,
Und auf diesen Luren wird heute geblasen.«
Ein tret' ich. Im Saal, an Estrad' und Wand,
Sitzen schöne Frauen, die Fächer in Hand;
Luftig die Kleider, kokett die Hüte,
Vorn an der Brust eine Heidekrautblüte,
So sitzen sie da; Lorgnon und Gläser
Richten sich auf die Lurenbläser.
Das sind ihrer drei. Blond-nordisch ihr Haar,
Keiner über dreißig Jahr,
An die Brüstung jetzt sind sie herangetreten,
Hoch heben sie langsam ihre Trompeten,
Und die Luren, so lang' in Tod gebunden,
Haben aufs neue Leben gefunden.
Es fallen die Schwerter, es klappen die Schilde,
Walküren jagen, es jagt Brunhilde,
Von der Toten hochaufgetürmtem Wall
Aufwärts geht es nach Walhall.
Und nun verklingt es; die Köpfe geneigt,
Lauscht noch alles, als alles schon schweigt.
Draußen am Eingang, groß und gesperrt,
Las ich noch einmal: Luren-Konzert.
Fire, but don't hurt the flag!
Konsul Cunningham, an die dreißig Jahr
Ist er im Amt schon in Tulcahuar.
Ein chilenischer Tag heut; stahlblau die Luft,
Von Westen her weht es wie Meeresduft,
Und auf Cunninghams Hause, leis und lind,
Englands Flagge spielt im Wind.
Jetzt aber, ein Windstoß setzt eben ein,
Klingt's die Straße herauf wie von Lärmen und Schrei'n,
Soldaten und Volk (»ist der Teufel los?«)
Und inmitten des Haufens ein brit'scher Matros.
An schwillt das Gelärm, und als näher es kam,
Auf die Straße hinaus tritt Cunningham,
Engländer der Alte, von Kopf zu Zeh,
Glatt, rosig, sein spärliches Haar wie Schnee,
Dazu, nach britischem Brauch und Geschmack,
In weißem Gilet und schwarzem Frack.
Trommeln wirbeln, die Pfeife gellt,
Und als der Zug vor dem Hause jetzt hält,
Der Matrose tritt vor: »Herr, bin in Not,
Erbarmt Euch, sie schleppen mich in den Tod,
Chilenisch Volk, es klagt mich an,
Ich sei der Mörder, ich hätt' es getan;
Ein andrer führte Stoß und Stich,
Unschuldig bin ich, rettet mich!«
Ein Murmeln, ein Murren. Noch hält der Hauf,
Konsul Cunnigham steigt auf das Flachdach hinauf,
Auf dem Flachdach oben, leis und lind,
Englands Flagge spielt im Wind;
Die läßt er herab jetzt – um Schulter und Frack
Schlingt er ruhig-bedächtig den Union-Jack,
Dann wieder treppabwärts: »Nun laßt uns gehn.
Ich will dich begleiten. Wir wollen sehn.«
Und draußen, auf dem Hügel von Sand,
In des Todes Aug' der Matrose stand,
Peloton tritt vor, schon schlagen sie an,
Da, über den verlorenen Mann
Wirft der Konsul das Flaggtuch: »Nun schieße, wer mag;
Fire, but don't hurt the flag!«
Da senken die Gewehre sich still,
Keiner, der es wagen will.
Wann kommt auch für uns der goldne Tag:
Fire, but don't hurt the flag!
Die Balinesenfrauen auf Lombok
Unerhört,
Auf Lombok hat man sich empört,
Auf der Insel Lombok die Balinesen
Sind mit Mynheer unzufrieden gewesen.
Und die Mynheers faßt ein Zürnen und Schaudern,
»Aus mit dem Brand, ohne Zögern und Zaudern,«
Und allerlei Volk, verkracht, verdorben,
Wird von Mynheer angeworben,
Allerlei Leute mit Mausergewehren
Sollen die Balinesen bekehren.
Vorwärts, ohne Sinn und Plan,
Aber auch planlos wird es getan,
Hinterlader arbeitete gut,
Und die Männer liegen in ihrem Blut.
Die Männer. Aber groß anzuschaun
Sind da noch sechzig stolze Fraun,
All eingeschlossen zu Wehr und Trutz
In eines Buddha-Tempels Schutz.
Reichgekleidet, goldgeschmückt,
Ihr jüngstes Kind an die Brust gedrückt,
Hochaufgericht't eine jede stand,
Den Feind im Auge, den Dolch in der Hand.
Die Kugeln durchschlagen Trepp' und Dach,
»Wozu hier noch warten, feig und schwach?«
Und die Türen auf und hinab ins Tal,
Hoch ihr Kind und hoch den Stahl
(Am Griffe funkelt der Edelstein),
So stürzen sie sich in des Feindes Reihn.
Die Hälfte fällt tot, die Hälfte fällt wund,
Aber jede will sterben zu dieser Stund,
Und die Letzten, in stolzer Todeslust,
Stoßen den Dolch sich in die Brust.
Mynheer derweilen, in seinem Kontor,
Malt sich christlich Kulturelles vor.
Auf der Kuppe der Müggelberge
(Semnonen-Vision)
Über den Müggelsee setzt mich der Ferge.
Nun erklettr' ich die Müggelberge,
Mir zu Häupten rauschen die Kronen
Wie zu Zeiten der Semnonen,
Unsrer Urahnen, die hier im Eichwaldsschatten
Ihre Gottheitsstätten hatten.
Und die Spree hinauf, an Buchten und Seen,
Seh' ich wieder ihre Lager stehn,
Wie damals beim Aufbruch. Tausende ziehn
Hin über die Dahme ... Der Vollmond schien.
Am Eierhäuschen hebt es an:
Eine Vorhut, etliche dreißig Mann,
Ein Bardentrupp folgt von Friedrichshagen,
Wo noch jetzt Nachkommen die Harfe schlagen,
Bei Kiekemal und bei Kiekebusch
Blasen Hörner den Abschiedstusch;
Auf Flößen kommen andre geschwommen,
Haben den Weg bis Schmöckwitz genommen,
Bis Schmöckwitz, wo, Wandel der Epochen,
Jetzt Familien Kaffee kochen.
Aus der »Wuhlheide« treten, wirr und verwundert,
Geschwindschritts immer neue Hundert,
Und bei Woltersdorf und am Dämeritz-See
Sammelt sich schon das Corps d'armée.
Jetzt aber – der Dämeritz ist überschritten –
An des Zuges Ausgang und inmitten
Erblick' ich Mädchen, erblick' ich Fraun,
Alle thusneldisch anzuschaun,
Alle mit Butten, alle mit Hucken,
Draus blond die kleinen Germanen kucken –
So ziehen sie südwärts mit Kiepen und Kobern,
Von der Müggel aus die Welt zu erobern.
Neueste Väterweisheit
Zieh nun also in die Welt,
Tue beharrlich, was dir gefällt,
Werde keiner Gefühle Beute,
Meide sorglich arme Leute,
Werde kein gelehrter Klauber,
Wissenschaft ist fauler Zauber,
Sei für Rothschild statt für Ranke,
Nimm den Main und laß die Panke,
Nimm den Butt und laß die Flunder,
Geld ist Glück, und Kunst ist Plunder,
Vorwärts auf der schlechtsten Kragge,
Wenn nur unter großer Flagge.
Pred'ge Tugend, pred'ge Sitte,
Millionär ist dann das dritte,
Quäl dich nicht mit »wohlerzogen«.
Vorwärts mit den Ellenbogen,
Und zeig jedem jeden Falles:
»Du bist nichts, und ich bin alles.«
Land Gosen
Oft hör' ich: »Unsre gute Stadt
Augenscheinlich eine Verheißung hat,
Der Himmel, der uns so hegt und pflegt,
Hat uns alles wie vor die Türe gelegt.
Ja, ja, wir haben es leicht und bequem:
Im Brieselang Eichen, in Glindow Lehm,
In Rauen Kohlen, in Linum Torf,
Kalkgeschiebe bei Rüdersdorf,
Im Grunewald Schwarzwild, Hirsch und Reh,
Spargel en masse bei Halensee,
Dill und Morcheln und Teltower Rüben,
Oderkrebse hüben und drüben,
Auf dem Hohen Barnim Fetthammel-Herden
(Werden mit nächstem Southdowns werden),
Königshorster Butter, in Sperenberg Salz,
Im Warthebruch Gerste, Graupen und Malz,
In Kienbaum Honig, im Havelland Milch,
In Luckenwalde Tuch und Drillch,
Bei den Werderschen Kirschen und Aprikosen
Und bei Potsdam ganze Felder von Rosen.
Nichts entlehnt und nichts geborgt,
Für Großes und Kleines ringsum gesorgt,
Und gesorgt vor allem auch (und nicht schlecht)
Schon für unser kommendes Geschlecht, –
Des sind uns Gewähr unsre lieben, strammen
Und fast unmöglichen Spreewaldsammen.«
Spätes Ehestandsglück
Neben mir an, ein Mann im Staat,
Wohnt ein alter Geheimerat.
Er hat, nachdem er durch Stürme gesteuert,
Mit sechzig noch eine Witwe geheuert,
Wirtin und Plättfrau war sie gewesen,
Die hat er klug sich auserlesen;
Es geht nun schon ins dritte Jahr, –
Nie zuvor er so glücklich war.
Briefe zu Neujahr will heut er schreiben.
Eisblumen blühen ihm an den Scheiben,
Draußen ein helles Silvesterwetter,
Und er schreibt in Kursivschrift: »Lieber Vetter,
Du hast dich, gleich mir, aus Wellen und Wogen
Der ›höh'ren Justiz‹ zurückgezogen,
Von deinem Königsstuhle zu Rhense
Zogst du nach Treptow an der Tollense,
Hinter dir liegt die Welt des Scheins,
Und so fehlt deinem Glücke nur noch eins:
Nimm auch ein Weib (aber von den gelinden,
In Treptow wirst du dergleichen finden).
Ich bin dir in solchem Unterfangen
Mit gutem Beispiel vorangegangen.
Und glaube mir – kann ich doch jetzt vergleichen –,
Man siegt nur noch in diesem Zeichen.
Gestatte mir, dir ein Bild zu geben
Von meinem früh'ren und jetzigen Leben.
Ich hielt es aufrichtig mit Schelling und Hegel,
Jetzt bin ich für Pankow, Schönhausen, Tegel,
Ich hielt es früher mit Wieland und Herder,
Jetzt bin ich für Sacrow und Pichelswerder,
Sonst macht' ich vor Goethe die tiefsten Diener,
Jetzt bin ich für Putlitz, Moser, Lubliner.
O lern' auch du hinter derlei Sachen
Ein großes Fragezeichen machen
Und empfang am Tage der Grogs und Pünsche
Zunächst meine herzlichsten Neujahrswünsche,
Dazu den Zuruf, der immer frommt:
›Isolan, Ihr kommt spät, jedoch Ihr kommt.‹«
Wurzels
(Berliner Ehedialoge)
»Wurzel, wir wollen nun an die See,
Heute (als letztes noch) koch' ich Gelee,
Friederike bleibt und sorgt für Torf, –
Ich denke: wir gehen nach Heringsdorf.«
Ahlbeck.
»Wurzel, mit Hermann wird es nun Zeit,
Alles hier draußen ist freilich so weit,
's Gymnasium auch (und täglich zweimal),
Aber mit Pferdebahn ist es egal,
Ich denke mir also: Joachimstal.«
Steglitz.
»Wurzel, der Winter ist nun bald da,
Mir graut schon vor dem Gesellschaftstrara,
Aber was hilft es (sie reden schon),
Also Scherzers, Kopisch, Liliencron
Und vielleicht die Familie Levysohn ...«
Meyers.
»Wurzel, du bleibst doch wie du bist,
Ein Igel an dir verloren ist,
In der Tanzstund', als Bräutigam und nun ehlich
Immer gleich aufbäumsch und unausstehlich;
Mag man sich noch so den Kopf zerbrechen,
Du widersprichst, um zu widersprechen,
'ne Scheidung gibt es schließlich doch!«
»Ich denke mir, du besinnst dich noch.«
Wahl
Du hast die Wahl nur zwischen zwei'n:
Du mußt frère-cochon oder – einsam sein.
Beim Lesen einer Spruchsammlung
Wie wohl mir's tut,
Daß nicht alles gut;
Ist alles nett,
So stickt man im Fett.
Britannia an ihren Sohn John Bull
»Sohn, hier hast du meinen Speer,
Nimm dir viel und dann noch mehr;
Daß die Meere dir gehören,
Brauch' ich dir nicht erst zu schwören,
Aber auch die Terrafirmen
Mußt du Christi will'n beschirmen,
Christi will'n und cottons wegen,
Our Navy gibt den Segen.
Denk' und woll' es nie vergessen:
Wo sie jetzt noch Menschen fressen
Und in ihren nackten Leibern
Tanzen mit noch nacktern Weibern,
Auch an solchen schlimmsten Stellen
Braucht man nächstens sieben Ellen.
Endlich muß die Stunde schlagen,
Wo auch diese Hosen tragen,
Und auf hundert Hosenpaare
Kommen fünfzig Missionare,
Nebenher wird Gold gegraben –
Andre mögen andres haben,
Andre mögen andres nehmen,
Und du darfst es nicht verfemen,
Wenn am Nordpol sie versaufen
Oder auch bloß Schlittschuh laufen.«
Die Alten und die Jungen
»Unverständlich sind uns die Jungen«
Wird von den Alten beständig gesungen;
Meinerseits möcht ich's damit halten:
»Unverständlich sind mir die Alten.«
Dieses am Ruderbleibenwollen
In allen Stücken und allen Rollen,
Dieses sich Unentbehrlichvermeinen
Samt ihrer »Augen stillem Weinen«,
Als wäre der Welt ein Weh getan –
Ach ich kann es nicht verstahn.
Ob unsre Jungen, in ihrem Erdreisten,
Wirklich was Besseres schaffen und leisten,
Ob dem Parnasse sie näher gekommen
Oder bloß einen Maulwurfshügel erklommen,
Ob sie, mit andern Neusittenverfechtern,
Die Menschheit bessern oder verschlechtern,
Ob sie Frieden sä'n oder Sturm entfachen,
Ob sie Himmel oder Hölle machen –
Eins läßt sie stehn auf siegreichem Grunde:
Sie haben den Tag, sie haben die Stunde;
Der Mohr kann gehn, neu Spiel hebt an,
Sie beherrschen die Szene, sie sind dran.
Arm oder reich
»Sagen Sie, sind Sie dem lieben Gold
In der Tat so wenig hold,
Blicken Sie wirklich, fast stolz, auf die Hüter,
Aller möglichen irdischen Güter,
Ist der Kohinoor, dieser ›Berg des Lichts‹,
Ihnen allen Ernstes nichts?«
So stellen zuzeiten die Fragen sich ein,
Und ich sage dann »ja« und sag' auch »nein«.
Wie meistens hierlandes die Dinge liegen,
Bei dem Spatzenflug, den unsre Adler fliegen
(Nicht viel höher als ein Scheunentor),
Zieh' ich das Armsein entschieden vor.
Dies Armsein ist mir schon deshalb genehmer,
Weil für den Alltag um vieles bequemer.
Von Vettern und Verwandtenhaufen
Werd' ich nie und nimmer belaufen,
Es gibt – und dafür will Dank ich zollen –
Keine Menschen, die irgend was von mir wollen,
Ich höre nur selten der Glocke Ton,
Keiner ruft mich ans Telefon,
Ich kenne kein Hasten und kenne kein Streben
Und kann jeden Tag mir selber leben.
Und doch, wenn ich irgend etwas geschrieben,
Das, weil niemand es will, mir liegen geblieben,
Oder wenn ich Druckfehler ausgereutet,
Da weiß ich recht wohl, was Geld bedeutet,
Und wenn man trotzdem, zu dieser Frist,
Den Respekt vor dem Gelde bei mir vermißt,
So liegt das daran ganz allein:
Ich finde die Summen hier immer zu klein.
Was, um mich herum hier, mit Golde sich ziert,
Ist meistens derartig, daß mich's geniert;
Der Grünkramhändler, der Weißbierbudiker,
Der Tantenbecourer, der Erbschaftsschlieker,
Der Züchter von Southdownhammelherden,
Hoppegartenbarone mit Rennstallpferden,
Wuchrer, hochfahrend und untertänig –
Sie haben mir alle viel viel zu wenig.
Mein Intresse für Gold und derlei Stoff
Beginnt erst beim Fürsten Demidoff,
Bei Yussupoff und bei Dolgorucky,
Bei Sklavenhaltern aus Süd-Kentucky,
Bei Mackay und Gould, bei Bennet und Astor,
– Hierlandes schmeckt alles nach Hungerpastor –
Erst in der Höhe von Van der Bilt
Seh' ich mein Ideal gestillt:
Der Nil müßte durch ein Nil-Reich laufen,
China würd' ich meistbietend verkaufen,
Einen Groß-Admiral würd' ich morgen ernennen,
Der müßte die englische Flotte verbrennen,
Auf daß, Gott segne seine Hände,
Das Kattun-Christentum aus der Welt verschwände.
So reich sein, das könnte mich verlocken –
Sonst bin ich für Brot in die Suppe brocken.