11. Kapitel

 

 

Lily zuckte zusammen. Ihr erster Gedanke war, sofort von hier zu verschwinden. Doch hatte sie es jetzt schon so weit geschafft, nun musste sie auch sehen, was Alex in dieser Lagerhalle machte. Wieder vernahm sie einen Schrei. Dieser musste von einem Mann kommen, der unter starken Schmerzen litt.

Lily blieb hinter einem Stapel Kartons in Deckung und sah von dort aus den Mann, von dem die Schreie kamen. Dieser befand sich in einem leeren Büroraum, der links von ihr lag. Der Mann, ein Brasilianer Ende Zwanzig, war an einen Metallstuhl gefesselt. Seine Beine an die Stuhlfüße, die Hände hinter dem Rücken. Der Brasilianer trug nur eine verdreckte Jeans, sein Oberkörper war frei. Er war barfuß. Vor dem Brasilianer stand ein breitschultriger Muskelmann. Lily dachte, den Mann schon einmal gesehen zu haben. Als dieser einen Schritt zur Seite machte, konnte sie sein bärtiges Gesicht zur Hälfte sehen. Sie erkannte sofort dass es Al war. Der Mann, mit dem Alex auf der Lady Charlotte telefoniert und den er auf den Bahamas getroffen hatte. Und der sie dort im Wald so bedrängt hatte. Al war wohl Alex’ Mann für die Drecksarbeit.

Am Eingang zu dem heruntergekommen Büroraum stand Alex. Er sah auf das Schauspiel, dass Al ihnen bot. Al schlug den Brasilianer ins Gesicht. Dieser hatte bereits eine blutige Nase und ein Auge war zugeschwollen. Al schlug erneut zu. Der Brasilianer stöhnte.

Alex drehte sich bei jedem der Schläge weg. Es sah so aus, als ob er das nicht gutheißen würde, was sein Mitarbeiter da machte. Aber warum unternahm er dann nichts? Er war doch der Boss!

»Sag jetzt verdammt noch mal die Wahrheit, sonst werden dir die bisherigen Schläge wie Streicheleinheiten vorkommen«, brüllte Al den Brasilianer an.

Lily musste an die Satzfetzen denken, die sie auf der Lady Charlotte gehört hatte. »… du musst das erledigen … musst alles Nötige erfahren … ist wichtig für den Deal … wenn er lügt … mit allen Mitteln …« Mit allen Mitteln hieß wohl dann … Sie durfte gar nicht daran denken.

»Ich weiß nicht mehr«, sagte der Brasilianer unter Schmerzen.

»Al«, sagte Alex und machte ihm ein Handzeichen, er solle zu ihm herkommen.

Alex und Al steckten die Köpfe zusammen. Al nickte immer wieder. Dann klopfte Alex Al auf die Schulter und drehte sich in Richtung Lily. Sie duckte sich sofort hinter dem Kartonstapel. Hatte er sie gesehen? Lily hörte Schritte, die sich von ihr entfernten. Er hatte sie nicht gesehen. Lily atmete durch. Ihr Herz pochte wie wild. Was hatte sie sich nur dabei gedacht, hierher zu kommen? Dann hörte Lily das Eingangstor klappern und einige Sekunden darauf ein Auto wegfahren. Es musste wohl Alex mit dem Mercedes gewesen sein.

Jetzt war Lily alleine hier. Alex hätte sie wohl nicht umgebracht, wenn er sie entdeckt hätte. Bei Al war sie sich da nicht sicher. Der Mann schien keine Skrupel zu haben. Sie lugte wieder über die Kartons hinweg und sah, wie Al den Brasilianer erneut ins Gesicht schlug. Dieser ließ immer mehr seinen Kopf hängen.

»Wer hat dich engagiert, um uns auszuspionieren, schrie Al den Brasilianer an.

Der Brasilianer schüttelte nur den Kopf.

»Weißt du, wie wir mit Spionen verfahren, fragte Al. »Wir –«

Lily hatte sich zu sehr an einen Karton gelehnt, dieser fiel jetzt nach vorne um. Ihre Deckung war passé und viel schlimmer noch, durch den Lärm war Al auf sie aufmerksam geworden. Er sah zu ihr herüber. Sie meinte, dass ihr in einer Sekunde einhundert Gedanken gleichzeitig durch den Kopf gingen, aber nach dieser Sekunde entschied sich ihr Körper zu rennen. Schnell wegzurennen.

Lily spurtete auf das Eingangstor zu. Sie hörte hinter sich, wie Al aus dem Büro stürmte und hinter ihr her. Lily drückte sich durch einen Spalt des Eingangstors nach draußen. Auf sie wartete ja ihr Taxi. Sie sah auf die andere Straßenseite. Es war weg!

Verdammt! Wohin jetzt?

Sie hatte keine Zeit zu überlegen. Gut, dass sie sich heute die Sneakers angezogen hatte, sonst hätte sie jetzt schon verloren. Sie spurtete über die Straße und versteckte sich im nächstbesten Hauseingang. Die Tür war offen, was in den Favelas nicht selten vorkam. Ihr Glück. Das würde aber nicht reichen. Al würde sicher alle Häuser, die sich in der Nähe der Lagerhalle befanden, absuchen. Sie musste weiter.

Sie sah sich in dem türkis gestrichen, engen Hauseingang um. Ein paar Meter weiter führte eine Treppe nach oben. Diese nahm sie mit großen Schritten. Aus einer Wohnung lugte ein älterer Mann mit zerfurchtem Gesicht hervor und sagte irgendetwas auf Portugiesisch. Lily verstand es nicht und lief einfach weiter. Sie blieb mit ihrem Shirt an einem Nagel hängen, der im Treppenaufgang aus der Wand ragte. Ihr pinkfarbenes Shirt riss seitlich auf. Egal, sie musste weiter. Sie versuchte, jede Wohnungstür zu öffnen, bei der dritten hatte sie tatsächlich Erfolg. Nicht abgeschlossen. Die Wohnung war spärlich eingerichtet, wie viele in den Favelas. Sie rannte einfach durch auf den Balkon zu. Sie schob die leichte Tür, die zum Balkon führte, auf, und sah sich kurz um.

Da die Häuser in den Favelas so nah zusammengebaut waren, konnte sie schon mit einem kleinen Sprung von diesem Balkon auf den des angebauten Hauses kommen. Das hätte sie einige Häuser so fortführen können, wie ihr der Blick die Häuser entlang verriet. Wenn sie nach vorne sah, konnte sie den Atlantik sehen. Von den Favelas aus waren es nur ein paar Minuten zum Stadtteil Copacabana. Dort musste sie versuchen hinzukommen. Sie würde dann unter den Tausenden am dortigen langen Sandstrand einfach verschwinden können. Kein Al konnte ihr mehr etwas tun.

Lily hörte im Hausgang eine laute Männerstimme und Getrampel. Sie konnte nicht sagen, ob das Al war, aber sie musste weiterrennen. Verschwinden, so schnell es ging.

Lily hüpfte von ihrem Balkon zum nächsten. Das machte sie bei fünf Häusern so. Dann blieb sie auf dem Balkon stehen und sah, dass dort die Balkontür offen stand. Ein junger Mann saß im Wohnraum an seinem Notebook. Sie war total verschwitzt und ihr pinkfarbenes Shirt und ihre Jeansshorts waren verdreckt. So betrat sie die Wohnung des jungen Mannes.

»Entschuldigung, mein Exfreund verfolgt mich. Er will mich schlagen«, sagte sie mit entsetzter Stimme.

Der junge Mann sah sie mit offenem Mund an.

»Kann ich durch deine Wohnungstür verschwinden

Der junge Mann nickte.

»Danke. Und sag ihm nicht, dass du mich gesehen hast

Der junge Mann schüttelte den Kopf.

Lily rannte zur Wohnungstür. Sie machte diese langsam auf und sah in den orange gestrichenen Hausflur. Nichts. Sie schlich sich aus der Wohnung und schloss die Tür ganz leise. Sie rannte die Treppen nach unten zur Haustür. Sie machte diese erneut langsam auf und sah auf die Straße hinaus. Nichts von Al zu sehen. Im Gegenteil, sie sah eine Polizeistreife, die den Berg heraufging. Ihre Rettung. Sie trat auf die Straße und ging langsam an den Hauswänden entlang, den steilen Hang nach unten. Sie sah sich immer wieder um. Sie konnte keinen Al sehen. Dann kam ihre nächste Rettung. Ein gelbes Taxi, das viele Lackschäden hatte. Sie rannte auf die Straße und stellte sich vor das Taxi und streckte die Arme nach vorne aus.

»Bitte anhalten, schrie sie.

Der Taxifahrer bremste und gestikulierte wild in seinem Auto.

Lily trat an das Fahrerfenster heran. »Ich habe es eilig. Bitte fahren Sie mich zum Strand. Copacabana.«

Der Taxifahrer brummte und machte ihr ein Zeichen einzusteigen.

Sie hatte es geschafft.