Stefanie Baronesse von Ahrenberg saß gedankenverloren am Fenster ihres Stuttgarter Hotelzimmers und starrte auf die vom Regen glänzende Königsstraße hinunter. Sie dachte an ihren Vater, dessen Herzprobleme in den letzten Wochen zugenommen hatten. Nur ihm und ihrer Großmutter zuliebe war sie nach Stuttgart gefahren, um dort an einem Talentwettbewerb teilzunehmen, der von dem bekannten Schlagerproduzenten Sebastian Molhagen ins Leben gerufen worden war. Der Wettbewerb verstand sich als Alternativveranstaltung zu 'Deutschland sucht den Superstar' und wurde nicht öffentlich ausgetragen. Erst bei der Schlussveranstaltung in zehn Tagen sollten die Siegerin oder der Sieger des Wettbewerbs zusammen mit bekannten Künstlern in der Stuttgarter Liederhalle auftreten.

Ines Miller, Stefanies Freundin, betrat das Hotelzimmer. "Du hast dich ja noch nicht einmal umgezogen, Steffi", sagte sie mit einem leichten Vorwurf in der Stimme. "In spätestens einer Stunde werden wir abgeholt." Sie öffnete die Tür des Kleiderschranks und nahm mehrere Kleidungsstücke heraus.

"Ich habe nicht die geringste Lust, mich heute erneut der Jury zu stellen." Stefanie erhob sich. "Ich hätte nicht nach Stuttgart fahren sollen. So wichtig ist es mir gar nicht, ein berühmter Schlagerstar zu werden."

"Du hast eine wundervolle Stimme, Steffi, besitzt Charisma und ein sicheres Auftreten... Es wäre einfach Verschwendung, nichts daraus zu machen." Ines nahm sie in die Arme. "Vergiss nicht, wie glücklich du deine Familie machen würdest, wenn du den Wettbewerb gewinnst. Die Musik liegt dir im Blut."

"Nur weil meine Großmutter bei ihrer Heirat ihre eigene Gesangskarriere aufgeben musste, heißt das noch lange nicht, dass es auch mir gegeben ist, die Menschen zu begeistern." Stefanie fuhr sich mit beiden Händen durch ihre dunklen Haare. "Es gab wirklich eine Zeit, da machte es mir Spaß, auf der Bühne zu stehen und zu singen. Inzwischen..." Sie seufzte auf. "Ehrlich, Ines, im Moment weiß ich nicht, was ich will."

"Mit zweiundzwanzig sollte man sich langsam darüber klar sein", scherzte ihre Freundin. Sie schob Stefanie ins Bad. "Und nun spute dich. Freu dich, gestern in die engere Auswahl gekommen zu sein." Sie blinzelte Stefanie zu, was diese im Spiegel sehen konnte. "Meiner Meinung nach hast du bei Molhagen einen Stein im Brett."

Stefanie wandte sich ihr zu. "Ich mag ihn nicht besonders", bekannte sie. "Jedes Mal, wenn er mich anschaut, habe ich das Gefühl, als würde er mich mit seinen Blicken ausziehen." Sie schüttelte sich. "Kaum zu glauben, wie ihm einige meiner Mitstreiterinnen zu Füßen liegen."

"Mir ist der Mann auch nicht sonderlich sympathisch." Ines lehnte sich gegen die Tür. "Nach allem, was ich über ihn aus den Medien weiß, hat er reihenweise Freundinnen. Dabei ist er verheiratet und hat zwei Kinder." Sie zupfte einen kleinen Faden von ihrem hellen Sommerpullover. "Habe ich dir erzählt, dass ich ihn bereits vor drei Jahren kennen gelernt habe?"

"Nein." Stefanie drehte den Wasserhahn auf.

"Seine Familie hat drei Wochen in dem Hotel verbracht, in dem ich gelernt habe", sagte Ines. "Er hat eine ganz reizende Frau. Während dieser Zeit war er höchstens zwei-, dreimal bei seiner Familie. Ich hätte mich an Stelle seiner Frau längst scheiden lassen."

"Vielleicht liebt sie ihn von ganzem Herzen und denkt, er würde eines Tages zur Besinnung kommen."

Ines stieß sich von der Tür ab und griff nach ihrer Handtasche, um zu kontrollieren, ob sie alles dabei hatte, was sie später brauchen würde. "Weil wir gerade bei Männern sind, Steffi, hast du mal wieder von Torben gehört?"

"Wir telefonieren ab und zu. Außerdem hat er uns Ostern einen langen Brief geschickt und darin angekündigt, dass er für längere Zeit nach Schleswig-Holstein kommen wird, sobald sein Engagement in London beendet ist. Der Brief klang, als hätte er großes Heimweh."

"Nach dir?"

"Unsinn, Torben und ich sind nur gute Freunde."

"Er hatte schon immer sehr viel für dich übrig."

"Hört sich an, als wolltest du mich unbedingt verkuppeln", meinte Stefanie und schlüpfte in einen kurzen, schwarzen Rock.

Ines reichte ihr das mit glitzernden Pailletten bestickte Oberteil. "Es wäre eine Verbindung wie aus dem Bilderbuch", scherzte sie. "Die Tochter des Gutsbesitzers und der Sohn des Verwalters. Aus solchen Verknüpfungen entstehen Romane."

"Du sagst es, Romane", antwortete Stefanie. "Allerdings muss ich zugeben, dass mir Torben fehlt. Seit er als Pianist durch die Welt reist, verbringen wir nur noch wenig Zeit miteinander. Das war anders, als er noch Musik studierte. Torben war für mich wie ein Fels in der Brandung. Manchmal kam es mir vor, als sei er der einzige, der mich wirklich versteht."

"Jetzt sollte ich beleidigt sein", bemerkte Ines grimmig.

Stefanie wirbelte herum und zog die Freundin flüchtig an sich. "Du weißt genau, wie ich es meine", erklärte sie und warf einen Blick auf die Uhr. "Noch rasch die Haare und dann wäre ich bereit für eine neue Runde im Karrierekarussell."

"So gefällst du mir schon besser", meinte Ines. "Ich gehe jede Wette ein, dass du heute auf einem der ersten Plätze landen wirst. Wir..."

Stefanies Handy läutete. Die junge Frau nahm es aus ihrer Tasche und meldete sich. "Wolltest du mir noch einmal Glück wünschen, Großmutter?", fragte sie. "Das ist lieb von dir."

"Du weißt, wie sehr wir dir alle die Daumen drücken, Liebes", antwortete Felicitas Baronin von Ahrenberg. "Leider ist es kein erfreulicher Anlass, aus dem ich anrufe. Ich hätte es dir auch gern verschwiegen, doch Herr von Werntal meinte, das könnte ich nicht tun. Vermutlich hat er recht."

"Was ist denn passiert, Großmutter?" Stefanie sah ihre Freundin entsetzt an.

"Dein Vater liegt mit einer Lungenembolie in der Hamburger Sankt Andreas-Klinik", sagte die Baronin. "Er ist vor einigen Stunden über seinem Schreibtisch zusammengebrochen."

"Ich fliege sofort nach Hause", erklärte Stefanie.

"Nein, das wirst du nicht tun", bestimmte ihre Großmutter. "Es ist der größte Wunsch deines Vaters, dich noch als gefeierten Schlagerstar zu erleben. Du musst bis zum Ende des Talentwettbewerbs in Stuttgart bleiben. Versprich mir das."

"Das kann ich dir nicht versprechen, Großmutter", sagte Stefanie dumpf. Sie bemerkte kaum die Tränen, die über ihre Wangen rannen.

"Wir werden in Gedanken bei dir sein, Stefanie", versprach die Baronin. "Ich rufe dich heute Abend an."

"Ist gut, Großmutter." Stefanie legte auf. Sie atmete tief durch. "Wir fliegen nach Hause, Ines. Mein Vater hat eine Lungenembolie erlitten."

"Deine Großmutter möchte nicht, dass du aufgibst. Bleibe wenigstens noch heute. Auf eine Stunde mehr oder weniger kommt es nicht an." Ines nahm ihre Freundin in die Arme. "Es wäre das größte Geschenk für deinen Vater, wenn du bei der heutigen Ausscheidung als Siegerin hervorgehen würdest."

Wahrscheinlich kam es wirklich nicht auf ein paar Stunden mehr oder weniger an! "Aber gleich nach der heutigen Ausscheidung fliegen wir zurück", sagte Stefanie. Sie ging ins Bad, um ihr Make-up zu erneuern.

Wenig später stiegen die beiden jungen Frauen in den Bus, der sie und die anderen Teilnehmer des Schlagerwettbewerbs in das Theater brachte, in dem die Vorentscheidungen stattfanden. Dort wurden sie von drei leger gekleideten Männern und zwei Frauen in Empfang genommen und zur Garderobe geleitet. Einer der Männer gab letzte Regieanweisungen.

Stefanie war es unmöglich, sich auf ihren Auftritt zu konzentrieren. Sie spürte, wie sie von Minute zu Minute nervöser wurde. Wie konnte sie hier an einem Wettbewerb teilnehmen, wenn ihr Vater in Hamburg im Krankenhaus lag? Eine Lungenembolie konnte durchaus tödlich enden.

Zusammen mit Ines stieg sie die Treppe zur Bühne hinauf. Die zweite Kandidatin hatte eben mit ihrem Beitrag begonnen. Stefanie schob den Vorhang ein wenig zur Seite. Ihr Blick fiel auf die Jury, die in der ersten Reihe vor der Bühne saß. Sebastian Molhagen sagte etwas zu seinem Assistenten. Nur noch wenige Minuten und sie musste nach draußen treten, um sich ebenfalls der Jury zu stellen.

"Nein", flüsterte sie Ines zu. "Nein, heute nicht." Sie rannte zur Treppe.

Michaela Sander, die Backstage die Teilnehmer des Wettbewerbs betreute, folgte ihr. "Wo wollen Sie denn hin, Stefanie? Verlieren Sie jetzt bitte nicht die Nerven."

"Ich kann heute nicht auftreten", erwiderte Stefanie. "Mein Vater ist sehr krank. Ich muss nach Hamburg zurück."

"Wenn Sie heute nicht auftreten, wird Ihnen Herr Molhagen keine weitere Chance geben." Michaela legte eine Hand auf ihre Schulter. "Bitte, überlegen Sie es sich gut."

"Da gibt es nichts mehr zu überlegen." Stefanie schenkte ihr ein Lächeln. "Danke für alles." Bevor ihr Michaela noch antworten konnte, eilte sie bereits die Treppe hinunter.

"Ihr Vater ist wirklich sehr krank", sagte Ines. "Bitte richten Sie Herrn Molhagen aus, dass Baron Ahrenberg eine Lungenembolie erlitten hat. Sie... Ich kann Stefanie verstehen."

"Ich werde es Herrn Molhagen ausrichten. Schade..." Michaela hob die Schultern. "Entschuldigen Sie mich." Sie trat hinter den Vorhang.

Ines eilte ihrer Freundin nach. Stefanie hatte bereits ihre Sachen aus der Garderobe geholt. Sie stand im Korridor und wirkte so verloren, dass Ines darauf verzichtete, ihr Vorwürfe zu machen und sie nur stumm in die Arme schloss.

Auf dem Weg zum Taxistand fragte sie sich, ob sie nicht genauso gehandelt hätte. Hätte sie es tatsächlich fertiggebracht, sich einem Talentwettbewerb zu stellen, während ihr Vater auf der Intensivstation eines Krankenhauses lag?

"Ich bin überzeugt, deinem Vater geht es bereits besser", versuchte sie ihre Freundin zu trösten.

"Ich wünschte, ich könnte daran glauben", meinte Stefanie niedergeschlagen. Sie spürte förmlich den dunklen Schatten, der sich über ihre Familie und sie legte. Ihr Vater war stets für sie da gewesen, hatte versucht, ihr jeden Stein aus dem Weg zu räumen. Ohne ihn würde die Welt für sie öd und leer sein.

* * *

Die dunklen Schatten, die Baronesse Stefanie bereits in Stuttgart gefühlt hatte, verflüchtigten sich nicht. Es war mitten in der Nacht, als sie und Ines auf dem Hamburger Flughafen landeten. Mit einem Taxi ließen sie sich direkt zum Krankenhaus bringen, wo sie bereits von Felicitas Baronin von Ahrenberg erwartet wurden. Noch vom Stuttgarter Flughafen aus hatten sie mit ihr telefoniert und erfahren, wie schlecht es um ihren Sohn stand.

"Du kommst keine Minuten zu früh, Steffi", sagte sie den Tränen nah. "Die Ärzte glauben nicht, dass dein Vater die Nacht überlebt. Er ist kaum noch ansprechbar."

"Kann zu ihm?"

"Ja, natürlich." Baronin Ahrenberg legte den Arm um die Schultern ihrer Enkelin. "Gott sei Dank hast du nicht auf mich gehört."

"Kann ich irgendetwas tun, Frau Baronin?", fragte Ines Miller.

"Im Moment nicht, Ines", antwortete die alte Dame. "Mein Chauffeur wird Sie nach Hause bringen. Ruhen Sie sich ein wenig aus. Die nächsten Tage werden nicht einfach sein. Steffi wird eine gute Freundin an ihrer Seite brauchen." Wie absichtslos berührte sie Ines' Wange. "Danke, dass Sie für meine Enkelin da sind."

Der Aufzug brachte Felicitas von Ahrenberg und Stefanie zur Intensivstation hinauf, wo sie von einer Schwester in Empfang genommen wurden, die sie in das Zimmer des Sterbenden führte. Stumm drückte sie die Hand ihrer Enkelin.

Der Raum, in dem Gustav Baron von Ahrenberg die letzten Stunden seines Lebens verbrachte, lag im Halbdunkel, deshalb gewahrte Stefanie all die Apparate und Monitore, an denen ihr Vater angeschlossen war, auch erst nach und nach. Aber dafür hatte sie ohnehin keinen Blick. Sie sah nur den großen, stattlichen Mann, der vor ihr auf dem schmalen Krankenhausbett lag und schon so fern wirkte, als sei bereits alles Leben aus ihm gewichen.

"Papa", flüsterte sie und griff nach seiner Hand. "Papa, was machst du denn für Sachen?"

Der Kranke schlug die Augen auf. "Steffi", flüsterte er und ein mattes Lächeln umhuschte seine Lippen. "Wie schön, dich zu sehen, mein Liebling."

"Bitte sprich nicht, Papa, das strengt dich nur an", bat die junge Frau und tupfte ihm den Schweiß von der Stirn. "Sobald es dir besser geht, können wir stundenlang miteinander reden."

"Deine Mama und ich werden bald wieder miteinander vereint sein. Sie hat schon so lange auf mich gewartet, sie und Volker." Er umklammerte ihre Hand. "Geh deinen Weg, Steffi, geh ihn unbeirrt. Wo deine Mama und ich auch sind, wir werden deine Stimme hören... Wir..." Kraftlos sank seine Hand auf die Bettdecke zurück.

"Papa!", schrie Stefanie auf. "Papa!" Er konnte sie nicht mehr hören. Wie in Trance beugte sie sich über ihn und küsste ihn ein letztes Mal auf die Stirn. Als sie sich aufrichtete, sah sie, wie ihre Großmutter, die auf der anderen Seite des Bettes stand, taumelte und mit einem halb erstickten Schluchzen zusammenbrach.

Mit wenigen Schritten war sie bei ihrer Großmutter und half der Schwester, sie in einen mit braunem Plastik bezogenen Sessel zu setzen, der an der Wand stand. "Papa wird immer bei uns sein", versuchte sie die alte Dame zu trösten. Sie durfte sich nicht ihrer Verzweiflung hingeben, so elend sie sich auch fühlte. Ihre Großmutter brauchte sie und sie musste für sie da sein, um ihr über den Tod ihres Sohnes hinwegzuhelfen.

* * *

Die ersten Tage nach dem Tod ihres Vaters fühlte sich Stefanie Baronesse von Ahrenberg wie gelähmt. Ihr Vater war schon seit Jahren krank gewesen, trotzdem hatte niemand mit seinem frühen Tod gerechnet. Noch vor vierzehn Tagen hatten sie die Einladungen zu einer Feier anlässlich seines fünfundfünfzigsten Geburtstags geschrieben. Wie hatten ihre Großmutter und sie sich darauf gefreut, diese Feier vorzubereiten. Nun war ihr Vater gestorben und es würde nie wieder eine Geburtstagsfeier für ihn geben.

Nur die Sorge um ihre Großmutter, die sich von ihrem Zusammenbruch im Krankenhaus noch nicht erholt hatte, hielt Stefanie aufrecht. Einer musste sich ja um alles kümmern und die Entscheidungen treffen, die Baronin Felicitas momentan nicht treffen konnte.

Nie zuvor war Stefanie so froh gewesen, in Hartmut von Werntal einen tüchtigen Verwalter an ihrer Seite zu haben. Die Werntals lebten seit Generationen auf dem Gut und hatten über zwei Jahrhunderte hinweg bewiesen, wie sehr man sich auf sie verlassen konnte. Baron Gustav und Hartmut von Werntal hatte eine tiefe Freundschaft verbunden, die bereits in ihrer gemeinsamen Kindheit ihren Anfang genommen hatte.

Zusammen mit dem Verwalter und seiner Frau Elke bereitete die junge Baronesse alles für die Beisetzung ihres Vaters vor. In einem langen Gespräch mit dem Pfarrer der Dorfkirche, die früher zum Gut gehört hatte, wurden die Einzelheiten des Trauergottesdienstes festgelegt. Ein Teil des Friedhofs, der sich hinter der Kirche erstreckte, war seit Jahrhunderten den Toten der Ahrenbergs vorbehalten. Der verstorbene Baron sollte zwischen seinem Sohn und seiner Gattin beigesetzt werden, deren Tod vor elf Jahren er nie verwunden hatte.

Auch ihre Freundin Ines gab ihr den Halt, dessen sie so dringend bedurfte. Ines hatte sich noch einige weitere Urlaubstage genommen, um der jungen Baronesse beizustehen. Mit keinem Wort hatte sie Stefanie gegenüber erwähnt, dass der Manager des Hotels, in dem sie arbeitete, damit keineswegs einverstanden gewesen war.

Am Tag der Beisetzung herrschte strahlender Sonnenschein. Das Haus war voller Menschen, die dem toten Baron die letzte Ehre erweisen wollten. Sie versammelten sich auf der Terrasse zu einem stummen Frühstück. Die Hausmädchen servierten ihnen mit verweinten Augen Kaffee und belegte Brote. Es gab keinen Menschen auf Ahrenberg, der nicht um den Baron trauerte. Er war bei allen beliebt gewesen.

Stefanie nahm zusammen mit ihrer Großmutter in deren Schlafzimmer das Frühstück ein. Aus dem Park schallten Kinderstimmen zu ihnen herauf. Die junge Frau musste an ihren Bruder Volker denken, der mit acht Jahren im See ertrunken war. Sie selbst war damals erst fünf gewesen, doch sie konnte sich noch sehr gut an ihn erinnern.

Ihre Großmutter hatte sich von ihrem Schock so weit erholt, dass sie an der Beisetzung ihres Sohnes teilnehmen konnte. Wortlos ließ sie sich von ihrer Enkelin beim Ankleiden helfen. Die alte Dame hatte im Laufe der letzten Jahrzehnte schon einige Schicksalsschläge hinnehmen müssen. Keiner hatte sie so getroffen wie der unerwartete Tod ihres Sohnes.

"Eine Mutter sollte ihre Kinder nicht überleben", sagte sie verzweifelt. "Warum konnte ich nicht gehen? Warum musste es mein Gustav sein?"

"Papa war krank." Stefanie umarmte ihre Großmutter. "Er hat versprochen, stets bei uns zu sein und ich fühle, er ist es auch."

"Und dennoch ist es nicht recht." Die Achtzigjährige trat ans Fenster und blickte in den Park. "Wie kann an einem Tag wie diesem die Sonne scheinen?" Sie ballte die Hände zu Fäusten. "Es ist so ungerecht, so..."

Felicitas von Ahrenberg atmete tief durch. "Gehen wir, Stefanie. Erweisen wir meinem Sohn, deinem Vater, die letzte Ehre." Sie griff nach dem Hut, der auf ihrem Bett lag und setzte ihn auf. Sein schwarzer, durchsichtiger Schleier bedeckte halb ihr Gesicht.

Ines Miller wartete in der Halle auf sie. Sie begleitete die beiden Frauen zu den schwarzen Limousinen, die vor dem Gutshaus warteten.

"Bitte bleiben Sie bei uns, Ines", bat die Baronin, als die junge Frau zum Wagen des Verwalters gehen wollte, um mit dessen Familie zur Kirche zu fahren.

"Weißt du, ob Torben gekommen ist, Ines?", fragte Stefanie, als sie in der ersten Limousine Platz genommen hatten.

"Gesehen habe ich ihn noch nicht", erwiderte die Freundin.

"Ich habe Torben heute morgen vom Flughafen abgeholt, Baronesse Stefanie", sagte der Chauffeur, "und direkt zur Kirche gebracht. Er wollte noch die Stücke, die er zu Ehren Ihres Vaters spielt, auf der Orgel üben."

"Danke, Herr Kronmüller." Stefanie schenkte ihm durch den Rückspiegel ein Lächeln. Sie hatte vor zwei Tagen selbst mit Torben telefoniert und er hatte ihr versprochen, rechtzeitig nach Hause zu kommen.

Die Wagen hielten auf dem Markplatz des Dorfes. Sie stiegen aus und gingen durch das Spalier der dunkelgekleideten Dorfbewohner, die ebenfalls am Gottesdienst und der Beisetzung teilnehmen wollten. Unter ihnen gab es nicht einen, dem der Baron nicht schon einmal im Laufe der Jahre geholfen hatte.

Der Pfarrer kam aus der Kirche und begrüßte die Baronin und ihre Enkelin. Unter Glockenklang führte er sie zu ihren Plätzen in der ersten Reihe vor dem Altar.

In der Kirche duftete es nach den Blumen, die das Gotteshaus und den Sarg des Verstorbenen schmückten. Stefanie hatte außer weißen Lilien auch rote Rosen gewählt, denn das waren die Lieblingsblumen ihres Vaters gewesen. Über dem Altar lag die Decke, die ihre Urgroßmutter nach ihrer Hochzeit bestickt hatte. Und auch die vergoldeten Leuchter, die auf dem Altar standen, waren ein Geschenk ihrer Familie.

Sie hätte sich gern umgewandt, um zur Orgel auf der Empore hinaufzusehen, aber das erschien ihr unpassend. So blickte sie starr geradeaus und hielt die Hand ihrer Großmutter, über deren Wangen hinter dem Schleier des Hutes Tränen rannen.

Es war ein sehr ergreifender Gottesdienst, in dem nicht nur der Pfarrer, sondern auch Hartmut von Werntal und der Bürgermeister des Dorfes die Verdienste des Toten würdigten. Stefanie dachte an all die schönen Stunden, die sie mit ihrem Vater erlebt hatte. Er hatte für sie stets nur das Beste gewollt. Sie nahm sich vor, ihn nicht zu enttäuschen.

Torben von Werntal spielte auf der Empore 'Time to say goodbey'. Nie zuvor war dieses Lied Stefanie so nahe gegangen. Sie vergrub ihr Gesicht in den Händen. "Ich vermisse dich so, Papa", flüsterte sie lautlos. "So sehr."

Der Friedhof war schwarz von Menschen, als Gustav Baron von Ahrenberg zu Grabe getragen wurde. Stefanie hörte kaum die Worte, die am Grab ihres Vaters gesprochen wurden. Mit zitternder Stimme wünschte sie ihm Lebwohl und warf einen Strauß leuchtend roter Rosen auf den Sarg hinunter.

"Es tut mir so leid, Steffi."

Die junge Frau blickte auf. Torben von Werntal, ihr Freund aus Kindertagen, stand vor ihr. Sein schmales Gesicht mit den dunklen Haaren wirkte unnatürlich blass. In seinen Augen stand Schmerz. "Danke, Torben", antwortete sie. "Ich bin so froh, dass du kommen konntest."

"Nichts hätte mich davon abhalten können, Steffi." Der junge Pianist wandte sich der alten Baronin zu. "Ich habe Ihrem Sohn unendlich viel zu verdanken", sagte er. "Ich werde nie vergessen, mit welcher Hartnäckigkeit er mich gedrängt hat, Musik zu studieren."

"Du bist für ihn wie ein Sohn gewesen", meinte die Baronin und schloss ihn in die Arme. "Danke, Torben."

Nach der Beerdigung fand im ehemaligen Bullenstall des Gutes, der seit Jahren für Festlichkeiten genutzt wurde, ein Empfang statt, zu dem auch alle Dorfbewohner erschienen.

Stefanie hasste diese Zusammenkünfte nach einer Beerdigung. Sie hätte diesen Tag gern allein verbracht, um in Ruhe ihres Vaters zu gedenken. Am liebsten hätte sie sich heimlich davongeschlichen. Es ging nicht! Sie kannte das Testament ihres Vaters. Sie war nun die Gutsherrin und nicht nur für den Besitz, sondern auch für die Leute verantwortlich, die auf ihm arbeiten.

Felicitas Baronin von Ahrenberg saß in einem bequemen Sessel inmitten ihrer Verwandten und Freunde. Nachdem die Beisetzung ihres Sohnes hinter ihr lag, tat es ihr wohl, mit anderen Menschen zu sprechen. Stefanie hörte, wie sie von der Kindheit ihres Sohnes erzählte und wie er schon mit drei Jahren auf dem Rücken eines Ponys gesessen hatte.

"Du solltest etwas essen, Steffi", mahnte Ines und drückte ihr einen Teller mit einem belegten Brot in die Hand. "Die nächsten Tage werden nicht leichter als die vergangenen sein. Du kannst es dir nicht leisten, zusammenzubrechen."

"Das werde ich schon nicht", erwiderte die junge Baronesse. "Es bleibt mir nichts anderes übrig, als den Tod meines Vaters zu akzeptieren." Sie strich sich über die Augen. "Es gibt noch so vieles, was ich ihm gern gesagt hätte."

"Du musst ihm nichts mehr sagen." Ines zog sie an sich. "Dein Vater hatte keinen Grund, an deiner Liebe zu ihm zu zweifeln." Sie wies zur Familie des Verwalters hinüber, die sich mit dem Bürgermeister unterhielt. "So geschäftig wie unser Bürgermeister wirkt, verpflichtet er gerade Torben zu einem Konzert in der Gemeindehalle."

"Er hat wundervoll gespielt."

"Und ich bin überzeugt, nur für dich und deinen Vater."

Stefanie schüttelte den Kopf. "Ines, hör auf, Torben und mich zu verkuppeln. So glücklich ich über sein Kommen bin und so gern ich ihn habe, uns verbindet nichts als Freundschaft."

"Fragt sich, ob er das auch so sieht", meinte Ines Miller. "Ich habe Augen im Kopf und sehe, wie er dich anschaut. So schaut man niemanden an, mit dem einen nur eine Sandkastenfreundschaft verbindet."

"Wir haben heute noch nicht mehr als ein paar Worte gewechselt." Stefanie ärgerte sich über ihr Erröten. Dafür bestand nicht der geringste Grund, zumal an einem Tag wie diesen. Sie dachte daran, wie ausgelassen ihr Bruder, Torben und sie durch den Park getobt waren. Volker und sie hatten zu Torben aufgeblickt. Bis zum Tod ihres Bruders war niemals auch nur der geringste Schatten auf ihre Kindheit gefallen.

Die junge Frau atmete tief durch. Der Tod ihres Vaters hatte alte Wunden aufgerissen. Torben hatte an einem Musikwettbewerb teilgenommen und war in Begleitung seiner Eltern nach Hamburg gefahren. Sie hatte mit Windpocken im Bett gelegen. So hatte Volker allein im Park gespielt. Es war ihre Großmutter gewesen, die ihn am späten Nachmittag tot im See hatte treiben sehen.

Ines stieß sie an. "Torben kommt zu uns hinüber", raunte sie ihr zu. "Entschuldige mich, ich würde gern ein paar Worte mit Doktor Sanwald sprechen." Sie steuerte auf den Arzt zu, der wenige Meter von ihnen entfernt mit seiner Frau stand.

Torben von Werntal nahm Stefanie den leeren Teller aus der Hand und reichte ihn einer Kellnerin. "Hast du Lust, ein paar Schritte mit mir zu gehen?", fragte er. "Hier drinnen ist es trotz der offenen Fenster und Türen ziemlich stickig."

"Gern." Stefanie wurde bewusst, wie sehr sie seine Nähe genoss. So war es schon immer gewesen. Sie fühlte sich in seiner Gegenwart sicher und geborgen. "Wie lange kannst du in Deutschland bleiben, Torben?", erkundigte sie sich, während sie den Bullenstall verließen und den Weg zu dem Kastanienhain einschlugen, in dem sie während ihrer Kindheit so oft Verstecken gespielt hatten.

"Eine Woche, dann muss ich nach London zurück", erwiderte der junge Mann und legte freundschaftlich den Arm um sie, so wie er es schon hundert Mal zuvor getan hatte. "Ich bin gern in London, dennoch freue ich mich darauf, in ein paar Wochen für längere Zeit nach Deutschland zurückzukehren."

"Und was kommt nach Deutschland?" Stefanie blickte zu ihm auf.

"Amerika", antwortete er, "allerdings werde ich dieses Jahr auch noch einige Wochen in Italien verbringen."

"Ich bin so froh, dass mein Vater noch erleben durfte, wie aus dir ein in der ganzen Welt gefeierter Pianist geworden ist."

"Ich hätte ihm gern noch einmal für seine Hilfe gedankt." Torben blieb stehen. "Wie geht es dir, Steffi? Du... Verzeih, das ist eine dumme Frage. Ich wünschte, ich könnte dir helfen."

"Du bist hier", sagte Stefanie. "Erinnerst du dich, wie oft ich als Kind zu dir gekommen bin, wenn mich etwas bedrückte? Ich konnte mit dir über alles sprechen."

"Daran hat sich nichts geändert." Er schaute ihr in die Augen. "Ich werde jederzeit für dich da sein, Steffi." Für einen flüchtigen Augenblick berührte er ihre Wange.

Seine Berührung erfüllte sie mit einer ungeheuren Wärme. Es fiel ihr schwer, sich nicht an ihn zu schmiegen. Er ist nur ein Freund, dachte sie, ein guter Freund, mehr ist da nicht. – Und wenn doch? Ines hatte sie schon früher mit Torben aufgezogen. Konnte es sein, dass sie sich längst in ihn verliebt hatte?

"Danke", sagte sie.

"Du musst mir nicht danken. Es ist selbstverständlich, dass ich für dich da bin." Er drehte sich um und wies zum Bullenstall, dessen rotes Mauerwerk durch die Kastanienbäume schimmerte. "Und nicht nur ich werde für dich da sein. Es gibt eine ganze Menge Leute, die sich deiner Familie seit Generationen verbunden fühlen und alles tun werden, um dir beizustehen."

Von ihnen bist du mir der Wichtigste, dachte Stefanie. "Lass uns zurückgehen", schlug sie vor, "sonst wundert man sich noch, wo wir sind."

"Würde dir das so viel ausmachen?", fragte Torben von Werntal und blickte ihr erneut in die Augen.

"Nein, das würde es nicht." Nun schmiegte sie sich doch an ihn. Liebevoll nahm er sie in die Arme und küsste sie auf die Stirn. Für wenige Sekunden vergaß Stefanie, weshalb er aus London zurückgekehrt war und gab sich ganz dem Glückgefühl hin, das sie durchströmte.

* * *

Die Testamentseröffnung erbrachte keine Überraschung. Da Felicitas Baronin von Ahrenberg schon nach dem Tod ihres Gatten zugunsten ihres Sohnes auf Gut Ahrenberg verzichtet hatte, ging der Besitz auf Stefanie über. Nun trug die junge Frau auch offiziell nicht nur die Verantwortung für den Fortbestand des Gutes, sondern auch für die Menschen, die auf ihm arbeiteten und von ihm abhängig waren.

Baronesse Stefanie war froh, mit Hartmut von Werntal einen guten, zuverlässigen Verwalter zur Seite zu haben. Sie hatte schon als Kind einen väterlichen Freund in ihm gesehen und wusste, sie konnte sich hundertprozentig auf ihn verlassen.

Jeden Vormittag saß sie mit Herrn von Werntal im Gutsbüro und ließ sich von ihm die einzelnen Vorgänge und den Gutsbetrieb erklären. Sie bereute, dass ihr Vater sie von den meisten Arbeiten fern gehalten hatte, damit sie sich auf ihre Gesangskarriere konzentrieren konnte. Er war der Meinung gewesen, es würde ausreichen, wenn sie alles in die Hände des Verwalters legte. Stefanie dachte anders. Wenn die Angestellten des Gutes sie als neue Herrin über Ahrenberg akzeptieren sollten, musste sie mit allem vertraut sein und auch mitarbeiten.

Baronin Felicitas erholte sich langsam vom Tod ihres Sohnes. Sie nahm wieder mehr am Leben teil und ritt sogar, wenn das Wetter es zuließ, jeden Nachmittag aus. Oft begleitete sie Stefanie dabei und sie führten lange Gespräche über ihre Eltern und ihren verstorbenen Bruder.

"Sollte ich jemals einen Sohn haben, werde ich ihn Volker nennen, Großmutter", versprach sie.

"Das macht mich froh, Liebes", antwortete die alte Dame. Ein trauriges Lächeln umhuschte ihre Lippen. "Das heißt, vermutlich ist das kein so guter Gedanke. Der Name Volker hat unserer Familie bisher nicht viel Glück gebracht. Mein Vater, der diesen Namen trug, starb im Krieg. Der Bruder deines Vaters, auch ein Volker, überlebte den Scharlach nicht und dein eigener Bruder... Nenn ihn Felix, Steffi, mit diesem Namen verbindet sich ein gutes Omen."

"Felix, der Glückliche", sagte Stefanie. "Warum nicht?"

"Wann kümmerst du dich wieder um deine Karriere?"

"Mir steht momentan nicht der Sinn nach Musik." Stefanie tätschelte den Kopf ihres Wallachs. "Mir reicht es völlig, für das Gut da zu sein. Ich habe so viel zu lernen. Leider habe ich nicht beizeiten darauf bestanden, mehr über den Gutsbetrieb zu lernen. Jede Magd, jeder Knecht ist mir darin über. Ich bin fest entschlossen, sämtliche diesbezügliche Wissenslücken zu schließen."

"Es war der größte Wunsch deines Vaters, dich als gefeierten Schlagerstar auf der Bühne zu sehen." Die Stimme ihrer Großmutter klang mahnend. "Konzentrier dich auf deine Musik, Stefanie."

"Irgendwann werde ich das auch wieder tun, Großmutter", versprach die junge Frau.

Baronin Felicitas brachte ihre Stute zum Stehen. "Stefanie, so ein Talent, wie du es besitzt, sollte nicht vergeudet werden. Du musst dich nicht persönlich um die Belange des Gutes kümmern. Zu was haben wir einen tüchtigen Verwalter? Die Werntals arbeiten seit Generationen auf Ahrenberg. Hartmut von Werntal wird das Gut so weiterführen, wie es unter deinem Vater, meinem Sohn, gelaufen ist."

"Bitte gib mir noch bisschen Zeit, Großmutter", bat Stefanie. "Dräng mich nicht."

Die alte Dame stieß heftig den Atem aus. "Wie du meinst, mein Kind", bemerkte sie spitz und ritt einfach weiter. Stefanie blieb nichts anderes übrig, als ihr zu folgen.

Gegen Abend kam Ines. Baronin Felicitas hatte sich hingelegt, so saßen die jungen Frauen allein auf der Terrasse beim Tee. Die Köchin hatte am Morgen Eclairs gebacken. Ines bekam glänzende Augen, als eines der beiden Hausmädchen sie servierte.

"Eure Köchin kann hellsehen", stellte sie fest, "wie hätte sie sonst wissen können, dass ich heute Nachmittag komme." Sie stieß die Kuchengabel in das Gebäck.

"Nein, sie kann nicht hellsehen. Ich habe ihr gesagt, dass ich dich erwarte", antwortete Baronesse Stefanie. "Es ist schön, hier zu sitzen und mit dir zu sprechen. Kannst du dir vorstellen, wie sehr ich meinen Vater vermisse? Wie oft am Tag denke ich, ich muss ihm das und das erzählen, dann fällt mir ein, dass er tot ist." In ihren Augen schimmerten Tränen.

"Das wird noch lange so sein, Steffi." Ines umfasste die Hand ihrer Freundin. "Du hattest einen wundervollen Vater. Wenn du an ihn denkst, kannst du es in Liebe tun. Es gibt nichts, was zwischen euch steht. Glaube mir, so etwas ist sehr viel Wert."

Die junge Frau nickte. "Du hast deinen Vater nie kennen gelernt."

"Ich weiß nicht einmal, wer er ist", bemerkte Ines bitter. "Meine Mutter hat darüber geschwiegen, wie du weißt. Wie oft habe ich sie gefragt und sie hat stets geantwortet, ich würde es bei meiner Volljährigkeit erfahren." Sie presste für einen Augenblick die Lippen zusammen. "Leider hat sie ihr Geheimnis mit ins Grab genommen, als sie vor fünf Jahren überfahren wurde." Mit einer trotzigen Handbewegung fügte sie hinzu: "Sprechen wir nicht mehr davon. Ich kann nicht ändern. Aber das meinte ich. Wenn ich an meine Mutter denke, kann ich es nicht unbelastet tun, so sehr mich diese Tatsache auch schmerzt."

Stefanie schenkte für sie und sich eine zweite Tasse Tee ein. Sie sprach davon, wie sehr sie von ihrer Großmutter wegen ihrer Schlagerkarriere bedrängt wurde. "Es ist, als wäre es das einzige, was sie aufrecht hält."

"Deine Großmutter braucht etwas, an dass sie sich klammern kann", sagte Ines. "Du hast deinen Vater verloren, sie ihren Sohn. Sie wollten dich beide auf der Bühne sehen. Vermutlich ist es für deine Großmutter, als würde sie das Vermächtnis deines Vaters erfüllen, wenn sie dich zu einer Schlagerkarriere drängt."

"Ich wünschte, ich wüsste, was ich wirklich will", gestand ihre Freundin. "Nie zuvor habe ich mich so zerrissen gefühlt. Es ist noch viel zu früh, um schon Entscheidungen zu treffen. Mein Vater liegt noch nicht einmal drei Wochen unter der Erde. Wenn ich in seinem Arbeitszimmer sitze, kommt es mir vor, als müsste er jeden Moment hereinkommen und mich fragen, was ich an seinem Schreibtisch tue."

"Warst du seit seinem Tod schon wieder einmal in deinem Studio?"

Stefanie schüttelte den Kopf. Ihr Vater hatte ihr das Studio im vergangenen Jahr zu Weihnachten geschenkt. Es lag in einem Anbau des Gutshauses. Durch seine schalldichten Wände drang kein Ton. Überall im Studio hingen Bilder ihrer Großmutter als junges Mädchen und junge Frau, die sie auf der Bühne zeigten. Die Bilder sollten ein Ansporn für sie sein.

"Wann hast du das letzte Mal mit Torben gesprochen?", wechselte Ines das Thema. Es amüsierte sie, wie ihre Freundin sofort errötete.

"Gestern Abend", sagte Stefanie. "Er hat mich nach seinem Konzert angerufen." Gedankenverloren nahm sie ihre Kuchengabel und zeichnete damit Kreise auf den Dessertteller. "Ich glaube, ich bin dabei, mich in Torben zu verlieben. Jedes Mal, wenn wir miteinander sprechen, fühle ich Schmetterlinge im Bauch. Es fällt mir schwer, mich von ihm zu verabschieden. Ich suche hundert Gründe, um unsere Gespräche auszudehnen."

"Und er?"

Stefanie hob die Schultern. "Ich weiß es nicht. Ich weiß nicht einmal, ob er in England eine Freundin hat."

"Und warum fragst du ihn nicht?"

"Das kann ich nicht."

"Frag seine Eltern", scherzte Ines. "Oder soll ich es tun?"

"Wenn du dir meine lebenslange Feindschaft zuziehen möchtest, nur zu", ging die junge Baronesse auf ihren Scherz ein. "Nein, im Ernst, Ines, es hat mich ziemlich erwischt. Ich hätte es nie für möglich gehalten, denn Torben ist für mich immer nur mein Freund aus Kindertagen gewesen..."

"Man sagt, manche Ehen werden im Himmel geschlossen. Vielleicht seit ihr einander bestimmt."

"Unsinn!" Stefanie winkte ab. "Noch bin ich mir meiner Gehle für Torben ja nicht einmal sicher. In mir herrscht ein völliges Durcheinander. Ich sollte jemanden kommen lassen, der da ein wenig Ordnung schafft."

"Diese Aufgabe musst du schon allein erledigen, sonst ist das Durcheinander größer als zuvor." Ines nahm sich ein zweites Eclair. "Man sollte eurer Köchin verbieten, so gut zu backen. Wenn ich mich morgen auf die Waage stelle, werde ich jedes einzelne Eclair bereuen."

Ein Hausmädchen kam auf die Terrasse. "Ein Telefongespräch für Sie, Baronesse Stefanie", sagte es. "Ein Herr Molhagen."

Stefanie sah ihre Freundin überrascht an. An den Schlagerproduzenten und Initiator des Wettbewerbs hatte sie kaum noch einen Gedanken verschwendet. Sie stand auf und ging in das Arbeitszimmer ihres Vaters, wohin das Gespräch gelegt worden war.

Ines folgte ihr. Stumm setzte sie sich in einen Sessel, während Stefanie zum Hörer griff, die Mithöranlage einschaltete und sich meldete.

"Zuerst möchte ich Ihnen mein herzliches Beileid zum Tod Ihres Vaters aussprechen, Stefanie", sagte Sebastian Molhagen. "Inzwischen weiß ich, weshalb Sie Stuttgart so abrupt verlassen haben."

"Ich konnte an diesem Nachmittag nicht singen", erwiderte die junge Frau. "Ich musste zu meinem Vater nach Hamburg und ich bin froh, mich so entschieden zu haben. So konnte ich noch von ihm Abschied nehmen."

"Wie gesagt, ich kann Sie gut verstehen und aus diesem Grund, möchte ich Ihnen eine zweite Chance geben. Sie besitzen eine ausgezeichnete Stimme. Sie gehören auf die Bühne, Stefanie. Ein Talent wie Ihres darf man nicht verkommen lassen."

"Also planen Sie einen zweiten Schlagerwettbewerb?" Stefanie hielt unwillkürlich den Atem an.

"Das weiß ich noch nicht so genau." Molhagen wartete zwei, drei Sekunden, bevor er hinzufügte: "Ich würde gern mit Ihnen drei Titel aufnehmen und sie der Öffentlichkeit vorstellen. Meine Verbindungen zu den Rundfunkanstalten sind so ausgezeichnet, dass man sich auf mein Urteil verlässt und bereit ist, auch unbekannten Sängern eine Chance zu geben."

Stefanie dachte darüber nach. Es überraschte sie selbst, dass sie sich nicht sicher war, ob sie dieses überaus großzügige Angebot annehmen sollte.

"Hat es Ihnen die Sprache verschlagen?" Die Stimme des Produzenten klang gereizt.

"Darf ich darüber nachdenken?"

"Sie wollen darüber nachdenken, Stefanie?" Molhagen lachte auf. "Mit so einer Antwort habe ich nicht gerechnet. Wenn ich nicht von Ihrem zukünftigen Erfolg überzeugt wäre, würde ich mein Angebot sofort zurückziehen. – Nun gut, denken Sie darüber nach, Stefanie. Wenn ich Sie bitten darf, nicht zu lange. Es gibt Tausende von jungen Sängern, die nicht eine Sekunde zögern würden."

"Danke, Herr Molhagen." Stefanie griff sich mit eiskalten Fingern an die Kehle. War sie wirklich dabei, einem Mann wie Molhagen eine Abfuhr zu erteilen? Nicht nur ihre Großmutter und ihr Vater, alle Leute die sie kannten, würden sie für verrückt erklären.

"Wir hören voneinander." Sebastian Molhagen legte auf.

Ines sprang auf. Sie umfasste die Schultern ihrer Freundin. "Bist du des Wahnsinns, Steffi?", fragte sie fassungslos. "Molhagen rollt dir einen roten Teppich aus und du stößt ihn derart vor den Kopf?"

"Du hast selbst gesagt, dass du ihn nicht magst", erinnerte sie die junge Baronesse. "Und ich mag ihn auch nicht."

"Das eine hat nichts mit dem anderen zu tun", meinte Ines Miller. "Ich kann verstehen, wie elend du dich noch fühlst, trotzdem solltest du versuchen, dir darüber klar zu werden, was du von deiner Zukunft erwartest. Wenn dir wirklich nichts mehr an einer Schlagerkarriere liegt, ist es okay und du solltest Molhagen vergessen. Wenn du allerdings nicht ganz ausschließen kannst, eines Tages doch wieder zu singen, ruf ihn an und geh auf sein Angebot ein."

"Ich möchte wenigstens eine Nacht darüber nachdenken", entgegnete Stefanie. "Immerhin handelt es sich um eine Entscheidung, die mein restliches Leben beeinflussen wird." Sie stieß Ines sanft gegen die Schulter. "Gib zu, du möchtest nur die Freundin eines international berühmten Schlagerstars sein."

Ines sah sie ernst an. "Ich bin deine Freundin und werde es immer bleiben. Wie du dich entscheidest, hat nichts damit zu tun." Spontan schloss sie Stefanie in die Arme.

* * *

Über eine Woche später fuhr die junge Gutsherrin mit Hartmut von Werntal, seiner Frau Elke und seiner Tochter Marion nach Hamburg. Torben war vor drei Tagen aus London zurückgekehrt. Er war noch nicht auf dem Gut gewesen, weil er sich auf ein Konzert vorbereitete, das er an diesem Abend geben wurde. So gern auch Ines sie begleitet hätte, sie hatte keinen Urlaub bekommen.

Sie stiegen in einem Hotel gegenüber des Hauptbahnhofs ab. Auch Torben wohnte hier. Wie sie an der Rezeption erfuhren, war er bereits ins Theater gefahren.

Bis zur Vorstellung hatten sie noch Zeit. Baronesse Stefanie zog sich in ihr Zimmer zurück, um sich auszuruhen. Am vergangenen Abend hatte sie bis spät in die Nacht hinein im Arbeitszimmer ihres Vaters gesessen und die Bücher studiert, die ihr der Verwalter vorgelegt hatte.

Sie verschränkte die Hände hinter dem Kopf und blickte zur Zimmerdecke hinauf. Mit den Gedanken war sie bei dem Angebot, dass ihr Sebastian Molhagen gemacht hatte. Noch hatte sie keine Entscheidung getroffen, obwohl die Zeit drängte. Molhagen würde nicht wochenlang auf sie warten.

Ihre Großmutter wusste nichts von diesem Angebot. Sie hatte ihr gegenüber absichtlich darüber geschwiegen, weil sie nicht von ihr noch mehr bedrängt werden wollte, als es ohnehin schon geschah. Für ihre Großmutter war ihre Schlagerkarriere zu einer fixen Idee geworden. Ihr ganzes Sein schien nur noch darum zu kreisen.

Ob ihre Großmutter es bereute, ihre eigene Karriere für ihre Ehe aufgegeben zu haben? Stefanie konnte es sich nicht vorstellen, denn noch heute sprach die alte Dame nur mit Liebe von ihrem verstorbenen Gatten. Schade, dass es damals nicht möglich gewesen war, Gutsherrin zu sein und gleichzeitig ein gefeierter Bühnenstar.

Die Werntals kehrten von dem Einkaufsbummel, den sie gemacht hatten, zurück. Stefanie traf sich mit ihnen im Speisesaal zu einem frühen Abendessen. Es gab gegrillten Zander mit Gemüse und Olivenpesto und zum Nachtisch Vanilleeis.

"Dein Kleid ist wunderschön, Steffi", meinte Marion von Werntal, als sie nach dem Essen in die Tiefgarage hinunterfuhren. Da es ein warmer Sommerabend war, hatte Stefanie keinen Mantel angezogen, sondern um ihre Schultern nur einen weichen Kaschmirschal gelegt. Sie berührte sekundenlang den Rücken der jungen Frau. "Sein Stoff fühlt sich so weich und fließend an, als würde man die Hand in warmes Wasser tauchen."

Ihre Mutter lachte auf. "Typisch Marion", bemerkte sie zu Stefanie. "Sie muss für alles einen Vergleich finden."

"Er passt", sagte Stefanie. "Ich habe mir das Kleid im Frühling gekauft. Als ich den Stoff berührte, war ich wie verzaubert. Mein Vater war gleich begeistert, als ich es ihm vorführte. Er meinte, dieses dunkle Blau würde zur Farbe meiner Augen passen."

"Womit der Herr Baron recht hatte, Baronesse Stefanie", bestätigte Elke von Werntal. "Sie sehen bezaubernd aus."

"Torben wird das Kleid auch gefallen", meinte Marion.

"Torben wird sich heute Abend für nichts anderes interessieren als sein Konzert", beeilte sich Stefanie zu sagen und hoffte, dass die anderen nicht ihr Erröten bemerkten.

"Wenn wir uns nicht verspäten wollen, sollten wir einsteigen." Hartmut von Werntal öffnete die Fondtür. "Bitte Baronesse Stefanie."

"Danke, Herr von Werntal." Stefanie setzte sich auf den Rücksitz und glättete den Rock ihres Kleides, bevor sie sich anschnallte. Sie konnte es kaum noch erwarten, Torben wiederzusehen. Allein der Gedanke an ihn ließ ihr Herz schon schneller schlagen.

Sie verzichteten darauf, Torben in seiner Garderobe zu besuchen. Er musste sich auf seinen Auftritt konzentrieren und durfte sich nicht von seiner Familie und Stefanie ablenken lassen. Aufgeregt nahmen sie ihre Plätze im Theater ein.

Nach und nach verlöschten die Lichter und nur noch die Bühne mit dem großen Konzertflügel und den Stühlen für das Orchester lag im Scheinwerferlicht.

Brausender Beifall klang auf, als die Musiker die Bühne betraten, sich verneigten und ihre Plätze einnahmen. Nur zwei, drei Minuten später kam Torben von Werntal auf die Bühne. Er trug einen eleganten Smoking und wirkte ernst und feierlich. Gekonnt verbeugte er sich nach drei Seiten, dann setzte er sich an den Flügel und spielte mit Orchesterbegleitung das erste Stück, die Ouvertüre aus der Zauberflöte.

Stefanie konnte ihren Blick kaum von Torben lassen. Sie hatte ihm auch früher schon gern beim Spielen zugehört, doch an diesem Abend war es anders. Mit seiner Musik entführte er sie in eine andere Welt. Gemeinsam schritten sie über Blumenteppiche und Wolken, flog auf einem bunten Teppich durch ein Märchenreich der Phantasie.

Der Beifall riss sie aus ihren Gedanken. Sie stimmte so heftig in den Beifall ein, dass ihr die Hände schmerzten.

Bei dem nächsten Stück handelte es sich um Ausschnitte aus dem Lied der Erde von Gustav Mahler. Nie zuvor war Stefanie von diesem Stück so ergriffen gewesen, wie an diesem Abend. Ihr Vater hatte die Musik von Mahler geliebt. Sie war quasi mit dem Lied der Erde aufgewachsen. Nur mit Mühe hielt sie ihre Tränen zurück.

Nach Ende des Konzerts wurde der junge Pianist begeistert von den Zuhörern gefeiert. Dreimal musste er eine Zugabe geben, bevor es ihm gelang, für diesen Abend die Bühne endgültig zu verlassen, um zu der Party zu gehen, die ihm zu Ehren in einem nahen Hotel stattfand.

Erst bei dieser Party fanden die Werntals und Stefanie Zeit, Torben zu Hause willkommen zu heißen. "Du hast wundervoll gespielt", sagte die junge Baronesse. "Ich habe dich nie zuvor so spielen hören."

"Ich habe nur für meine Familie und für dich gespielt, Steffi", antwortete er und hielt ihren Blick gefangen. "Ich freue mich so, dich wiederzusehen." Er nahm ihre Hand. "Wie geht es dir?" Seine Stimme klang weich und gleichzeitig selbstbewusst. "Ich habe während der letzten Wochen oft an dich gedacht."

"Durchwachsen." Sie verzog das Gesicht. "Mein Vater fehlt mir. Ich vermisse unsere langen Gespräche, unsere Spaziergänge..." Sie lachte kurz auf. "Sogar seine Ermahnungen vermisse ich. Wie konnte er poltern, wenn es jemand wagte, ihm zu widersprechen. Er hat es nie böse gemeint, sondern auch eingesehen, wenn er im Unrecht gewesen ist."

"Das Lied der Erde habe ich in Erinnerung an ihn gespielt."

"Das war mir bewusst."

"Darf ich Ihnen unseren Starpianisten für einen Augenblick entführen?"

Stefanie wandte sich zur Seite. Neben ihnen stand eine ältere Dame in einem roten Abendkleid, das mehr von ihrem Dekolletee sehen ließ, als es ihrem Alter entsprach. Es handelte sich um Hannelore Krausmann, die Intendantin des Theaters. Sie hatte bereits mehrmals ein Foto von ihr in der Zeitung gesehen. "Selbstverständlich", sagte sie.

Torben machte sie miteinander bekannt. Er stellte sie als eine besonders gute Freundin vor, die er bereits seit den Kindertagen kannte. "Vermutlich werden wir in Zukunft viel Zeit miteinander verbringen", fügte er hinzu und schenkte ihr einen liebevollen Blick.

Stefanie schaute ihm und Frau Krausmann nach. Minutenlang fühlte sie sich wie von Wolken getragen. Obwohl Torben längst mit der Intendantin zwischen den anderen Leuten verschwunden war, blickte sie noch immer in seine Richtung.

Torbens Eltern und seine Schwester standen am Büfett. Stefanie gesellte sich zu ihnen. Sie griff nach einem Teller und füllte ihn mit Salaten und hauchdünnen Rindfleischscheiben. Während des Essens sprachen sie über das Konzert und Torbens Charisma, das ihm die Herzen der Menschen öffnete. Nicht nur sein Spiel, sondern auch sein Wesen zog alle in den Bann.

Es wurde halb zwei, bis sie zusammen ins Hotel zurückkehrten. Gemeinsam fuhren sie mit dem Aufzug in den dritten Stock. Das Zimmer des jungen Pianisten lag hinter Stefanies. Seine Eltern und seine Schwester wohnten links von ihr.

"Ich warte in der Hotelhalle auf dich", raunte er ihr zu.

Stefanie glaubte zuerst, sich verhört zu haben und sah ihn erstaunt an. Er zwinkerte ihr zu.

In aller Eile kleidete sich die junge Baronesse um. Sie schlüpfte in einen Jeansrock, eine blaue Bluse und Sandalen. Gegen den kühlen Nachtwind nahm sie noch eine Jacke mit. Nach einem letzten Blick in den Spiegel verließ sie das Zimmer.

Auf dem Weg zum Aufzug befürchtete sie halb und halb, ihrem Verwalter zu begegnen, aber der Gang war menschenleer.

Torben von Werntal saß in einer Nische nahe des Portals und blätterte in einer Zeitschrift. Als er Stefanie bemerkte, stand er auf und ging ihr entgegen. "Schön, dass du gekommen bist", sagte er herzlich. "Was hältst du von einem nächtlichen Spaziergang? Ich würde gern noch etwas an die Alster gehen."

"Ich bin zu jeder Schandtat bereit."

"Wie in alten Zeiten."

Sie verließen das Hotel und gingen durch die stillen Straßen der Stadt in Richtung Alster. Schon nach wenigen Schritten nahm Torben den Arm seiner Freundin. "Ich liebe nächtliche Spaziergänge", bekannte er. "Es ist einfach schön, die Hektik des Tages hinter sich zu lassen."

"Wie lange wirst du noch in Hamburg bleiben?"

"Mein letztes Konzert in Hamburg ist am Freitagabend. Samstag fahre ich nach Ahrenberg und habe vor, dort bis zu meiner Italientournee zu bleiben." Er blieb für einen Moment stehen. "Keine Lust, mich nach Italien zu begleiten?"

"Ich bin dabei, alles über den Gutsbetrieb zu lernen, was mir dein Vater beibringen kann", erwiderte Stefanie bedauernd. "Längere Ferien kann ich mir da nicht erlauben." Sie entzog ihm ihren Arm und schlüpfte in die Jacke, die sie nur lose um die Taille geschlungen hatte. "Gegen eine kurze Stippvisite, um eines deiner Konzerte in Italien zu besuchen, ist natürlich nichts einzuwenden."

"Ich werde dich beim Wort nehmen", sagte er. "Du bist also fest entschlossen, nicht nur dem Namen nach Gutsherrin zu sein. Das imponiert mir."

"Ich möchte mit allem vertraut sein, was auf dem Gut geschieht", sagte Stefanie, "was nicht bedeuten muss, dass ich darüber alles andere vergesse." Sie erzählte ihm von Molhagens Anruf. "Er will mir eine zweite Chance geben."

"Und?"

"Ich weiß nicht, ob ich sie ergreifen soll."

"Du könntest mit deiner Stimme viel erreichen, Steffi", meinte Torben von Werntal. "Mit der richtigen Ausbildung könntest du sogar Opernarien singen. An und für sich ist es schade, dass dein Vater und deine Großmutter dich nur als Schlagersängerin sehen wollten."

"Ich sollte dort weitermachen, wo meine Großmutter aufgehört hat."

"Denkst du noch manchmal daran, wie wir als Kinder bei Festlichkeiten zusammen aufgetreten sind?" Torben griff sich ins Jackett und nahm seine Brieftasche heraus. Er reichte Stefanie ein Foto.

Gerührt trat sie mit dem Foto unter die nächste Straßenlaterne. Es zeigte Torben und sie auf der Bühne des Bullenstalls. Er saß am Klavier, sie stand am Mikrophon. An jenem Nachmittag hatte sie 'Over the Rainbow' gesungen. "Du trägst es die ganze Zeit bei dir?", fragte sie ungläubig.

"Es erinnert mich an unsere Kindheit, auch wenn man bei mir eigentlich nicht mehr von Kindheit sprechen kann. Immerhin war ich damals bereits sechzehn, du dagegen erst elf."

Torben steckte das Foto ein und legte den Arm um sie. Langsam gingen sie weiter. "Wenn du das Angebot von Herrn Molhagen annimmst, wird es dein ganzes Leben verändern, Steffi, darüber musst du dir klar sein. Damals, als du zu diesem Talentwettbewerb geflogen bist, hast du vermutlich auch schon darüber nachgedacht, doch da waren die Umstände noch andere."

"Ja, da lebte mein Vater noch."

"Wie ernst ist es dir mit der Musik?"

Stefanie schmiegte sich an ihn. "Das kann ich mir selbst momentan nicht beantworten. Oft befürchte ich, dass ich nur diesen Weg gehen will, weil es der Traum meiner Großmutter und meines Vaters ist."

"Das ist keine gute Voraussetzung, Steffi", erwiderte Torben eindringlich. "Es kommt nur auf dich an, einzig und allein auf dich."

Sie überquerten die Straße und setzten sich auf eine der Bänke, die am Ufer der Alster standen. Torben legte den Arm um ihre Schultern. Gemeinsam schauten sie zum Himmel hinauf. Klar und deutlich konnten sie jeden einzelnen Stern erkennen.

"Es ist schön, mit dir zusammen zu sein", sagte Torben. "Du hast mir gefehlt." Er nahm ihre Hand und hielt sie sanft fest.

"Du mir auch."

Der junge Mann beugte sich ihr zu. Seine Lippen berührten zart ihre Augenlider, ihre Wangen und schließlich ihren Mund. Überrascht und freudig zugleich erwiderte sie seinen Kuss. Es kann nur Liebe sein, dachte sie, ja, es kann nur Liebe sein. Impulsiv schlang sie die Arme um ihn.

* * *

"Warum hast du mir nichts davon gesagt, dass dir Sebastian Molhagen eine zweite Chance geben will?", wurde Baronesse Stefanie von ihrer Großmutter empfangen, als sie am Sonntagnachmittag nach Hause zurückkehrte.

"Es war mir nicht so wichtig, Großmutter", erwiderte die junge Frau.

"Nicht so wichtig?" Baronin Felicitas schnappte nach Luft. "Stefanie, was soll das? Meinst du, so eine Chance wird dir jeden Tag geboten?"

"Woher weißt du überhaupt davon, Großmutter?"

"Herr Molhagen hat gestern Abend nochmals angerufen. Zum Glück habe ich dieses Mal mit ihm gesprochen. Ich habe mich für dich entschuldigt und ihm gesagt, wie schwer dich der Tod deines Vaters getroffen hat und dass du noch völlig durcheinander bist."

"Ich brauche noch Zeit, Großmutter." Stefanie setzte sich ihr gegenüber an den Terrassentisch. "Torben lässt dir tausend Grüße ausrichten. Er kommt in einer Woche nach Ahrenberg."

"Danke." Die Baronin nickte. "Ich habe sehr viel für diesen jungen Mann übrig."

"Sein Konzert war wundervoll. In Erinnerung an Papa hat er Szenen aus dem Lied der Erde gespielt. Torben..."

"Du solltest Herrn Molhagen noch heute anrufen, Stefanie", fiel ihr die alte Dame ins Wort. "Einen Mann wie ihn lässt man nicht warten. Denk an deinen Vater. Es war sein größter Wunsch..."

"Ich muss in Ruhe darüber nachdenken."

"Herr Molhagen kommt in zwei Wochen nach Hamburg."

Eines der Hausmädchen trat auf die Terrasse. "Darf ich Ihnen etwas bringen, Baronesse Stefanie?", fragte es. "Frau Wieland hat heute morgen köstliche Ananastörtchen gebacken."

"Ich werde später eines essen", sagte Stefanie. "Bringen Sie mir bitte einen Capuccino ins Arbeitszimmer." Sie hätte fast 'mein Arbeitszimmer' gesagt, doch das erschien ihr wie ein Sakrileg gegenüber ihrem verstorbenen Vater. "Großmutter, bitte entschuldige mich, ich habe noch zu arbeiten."

"Ja, lauf nur ruhig davon", meinte die alte Baronin spitz. "Eines Tages wirst du es bereuen, die falsche Entscheidung getroffen zu haben."

Ihre bitteren Worte senkten sich wie ein Pfeil in Stefanies Herz. "Bereust du, deine Karriere für deinen Gatten aufgegeben zu haben, Großmutter?", fragte sie mit belegter Stimme. Sie konnte es sich nicht vorstellen.

"Nein, ich bereue es nicht", antwortete Baronin Felicitas bedächtig, "trotzdem habe ich mich oft auf die Bühne zurückgesehnt. Ich liebte es, das Licht der Scheinwerfer zu spüren, im Beifall des Publikums regelrecht zu baden. Wenn ich auf der Bühne stand, tauchte ich in eine andere Welt ein, vergaß für die Zeit meines Auftritts alles um mich herum." Sie griff nach der Hand ihrer Enkelin und hielt sie fest: "Gib nicht etwas auf, von dem du noch nicht einmal erahnen kannst, was es dir einmal bedeuten wird."

Stefanie setzte sich an ihren Schreibtisch im Arbeitszimmer. Das Hausmädchen hatte bereits den Cappuccino gebracht. Die Tasse in der Hand blätterte sie in den Papieren, die vor ihr lagen. Die Worte ihrer Großmutter gingen ihr nicht aus dem Sinn. Schon als kleines Mädchen hatte sie bei verschiedenen Gelegenheiten auf den Brettern gestanden, die angeblich die Welt bedeuteten, und Kinderlieder gesungen. Es hatte ihr Freude gemacht.

Sollte sie Molhagen anrufen und sich mit den Studioaufnahmen einverstanden erklären? 'Es kommt nur auf dich an, einzig und allein auf dich', hatte Torben gesagt, und auch, dass sich ihr Leben völlig verändern würde, wenn sie erst einmal eine Single-CD herausgebracht hatte.

Die Gedanken der jungen Frau bewegten sich im Kreis. Nach wie vor wusste sie nicht, wie sie sich entscheiden sollte.

Sie griff nach dem Foto ihrer Eltern, das in einem silbernen Rahmen vor ihr auf dem Schreibtisch stand. "Warum muss das Leben so schwer sein?", fragte sie das Foto. "Warum ist man ständig gezwungen, irgendeine Entscheidung zu treffen?"

Stefanie hielt es nicht länger im Arbeitszimmer aus. Sie nahm ihren Wagenschlüssel und verließ das Haus, um ins Dorf zu fahren. Auf dem Weg dorthin hielt sie vor einem Feld an, auf dem Blumen selbst gepflückt werden konnten. Es gehörte einem der Pächter.

Fünfzehn Minuten später parkte die junge Frau in der Nähe der Kirche. Auf einer Bank bei der Treppe, die zu ihrem Eingang hinauf führte, saßen mehrere alte Leute. Mit einem Gruß ging sie an ihnen vorbei und betrat den Friedhof.

Nachdem sie die Blumen in die einzelnen Vasen verteilt hatte, ordnete sie die Schleifen an den Kränzen, die auf dem Grabhügel ihres Vaters lagen. Wind und Wetter hatten ihnen ziemlich zugesetzt.

"Was soll ich nur tun, Papa?", fragte sie. "Kannst du mir einen Rat geben?" Sie strich eines der weißen Seidenbänder glatt. "Ich kann nicht einmal genau sagen, weshalb ich zögere, Molhagens Angebot anzunehmen. Ist es, weil er mir unsympathisch ist?" Stefanie hob die Schultern. "Irgendwie traue ich ihm nicht. Andererseits ist er ein guter Produzent und mehrere der heute bekannten Stars haben ihm ihre Karriere zu verdanken."

Die junge Frau setzte sich auf eine Bank, die den Gräbern gegenüberstand. Sie dachte an Torben. Sie konnte es noch immer nicht fassen, dass es wirklich Liebe war, was sie für ihn empfand. Was für eine Beziehung würden sie führen, wenn sie sich für ein Leben auf der Bühne entschied? Sie würden nicht viel Zeit miteinander verbringen können.

Die Worte ihrer Großmutter fielen ihr ein. Würde sie es wirklich bereuen, wenn sie die Chance, die sich ihr bot, nicht ergriff? – Sie liebte Torben und sie war überzeugt, dass auch er sich ehrlich in sie verliebt hatte, dennoch konnte sie nicht voraussehen, wie sich ihre Beziehung entwickeln würde. Es konnte auch ein Strohfeuer sein, das kurz aufflackerte, um danach zu erlöschen.

Es gab einige Sängerinnen, die ihre Karriere zugunsten einer Familie aufgegeben hatten und nach einigen Jahren ein Comeback versuchten, weil sie ohne Bühne nicht leben konnten. Brauchte auch sie das Scheinwerferlicht und den Beifall des Publikums, um glücklich zu sein?

"Ruf Molhagen an", glaubte sie die Stimme ihres Vaters zu hören. "Wenn du diese Chance nicht ergreifst, wirst du ihr eines Tages nachtrauern."

Felicitas Baronin von Ahrenberg saß mit einem Buch im Salon, als ihre Enkelin nach Hause kam. Stefanie rief ihr durch die offene Tür einen Gruß zu und ging ins Arbeitszimmer, um Sebastian Molhagen anzurufen. Sehr wohl war ihr nicht dabei, aber sie hatte sich entschlossen, das Schicksal entscheiden zu lassen. Falls ihre Single Erfolg haben würde, sollte es so sein, wenn nicht, wollte sie sich nicht mehr um eine Schlagerkarriere kümmern.

* * *

Torben von Werntal kehrte am Samstag nach Ahrenberg zurück. Nachdem er mit seinen Eltern und zu Mittag gegessen hatte, ging er ins Gutshaus hinüber. Felicitas Baronin von Ahrenberg hatte den jungen Mann seit der Beerdigung ihres Sohnes nicht mehr gesehen. Sie hatte Torben stets gerngehabt und freute sich über seine Erfolge.

"Trinken Sie heute Nachmittag mit uns Tee", lud sie ihn ein. "Ich bin schon seit Jahren nicht mehr in London gewesen und an allem interessiert, was Sie zu berichten haben. Ab und zu habe ich von Ihren Konzerten in der Albert Hall gelesen. Und wie ich hörte, haben Sie auch im Buckingham-Palast vor der Königlichen Familie ein Konzert gegeben."

"Dieses Konzert werde ich wohl nie vergessen", sagte Torben. "Ich war so aufgeregt, dass ich befürchtete, nicht spielen zu können."

"Das wäre ich auch gewesen", meinte die Baronin. "Ah, da kommt ja Stefanie." Sie wies zu der jungen Frau, die anmutig die Treppe hinunterstieg. Ihrem kritischen Blick entging nicht das Strahlen in den Augen ihrer Enkelin. "Torben wird uns nachher beim Tee von London erzählen", wandte sie sich an Stefanie. "Bitte entschuldigt mich. Ich bin sehr müde und werde mich für ein, zwei Stunden in mein Schlafzimmer zurückziehen."

"Wir gönnen dir dein Mittagsschläfchen, Großmutter." Stefanie zwinkerte Torben zu. "Erhol dich gut."

"Und was habt ihr vor?"

"Ich werde Torben die Songs zeigen, die mir Molhagen geschickt hat", sagte die junge Baronesse. "Später reiten wir miteinander aus." Torben und sie hatten am Morgen miteinander telefoniert und ausgemacht, miteinander zu der alten Mühle zu reiten, in der sie als Kinder gespielt hatten.

Baronin Felicitas stieg die Treppe hinauf. Kaum war sie ihren Blicken entschwunden, nahm Stefanie die Hand ihres Freundes. Sie durchquerten die Halle und gingen ins Studio.

Torben war noch nie zuvor in diesem Raum gewesen. Er hatte das letzte Weihnachtsfest in London verbracht. Seine Eltern und Marion hatten ihn dort besucht.

"Wie sehr muss dich dein Vater geliebt haben", meinte er beeindruckt, als er sich im Studio umschaute. "Es hat ein Vermögen gekostet, diesen Raum zu gestalten und einzurichten."

"Er hat das Studio von Experten bauen und einrichten lassen", erwiderte Stefanie. Sie strich sanft über das große Foto ihres Vaters, das sie gegenüber der Tür aufgehängt hatte. "Ich habe die vergangene Woche einen Großteil meiner Zeit hier verbracht, um die Songs zu üben, die mir Sebastian Molhagen geschickt hat. Ines und meine Großmutter sind mit dem Ergebnis zufrieden, ich noch nicht."

"Bis du nach Hamburg fährst, haben wir noch genügend Zeit, um an den Songs und deiner Stimme zu arbeiten", meinte Torben. "Am besten, wir fangen gleich damit an."

"Wollten wir nicht ausreiten?"

"In einer Stunde ist auch noch Zeit dazu." Torben nahm sie für einen Augenblick in die Arme. "Du hast dich entschlossen, die Chance zu ergreifen, die dir Molhagen bietet, also muss alles andere dahinter zurückstecken." Er strich ihr eine widerspenstige Locke aus der Stirn. "Und ich weiß, du kannst es."

Wie sollte sie Torben erklären, dass sie trotz ihrer Zusagen an Molhagen sich nach wie vor nicht klar darüber geworden war, ob sie tatsächlich eine Schlagerkarriere anstrebte. Noch immer fühlte sie sich innerlich völlig zerrissen. Wollte sie wirklich ein Leben in der Öffentlichkeit führen? Sie fühlte sich auf Ahrenberg ausgesprochen wohl und es machte ihr Freude, sich in den Gutsbetrieb einzuarbeiten.

Die jungen Leute probten über eine Stunde miteinander. Torben von Werntal erwies sich als überaus strenger Lehrer. Ihm fiel jeder unsaubere Ton, jede Unreinheit in ihrer Stimme auf. Die Songs, die der Produzent Stefanie geschickt hatte, schienen für sie geschrieben worden zu sein, obwohl das nicht zutraf. Sie waren bereits von Interpreten aus dem englischsprachigen Raum gesungen worden.

"So, das reicht für heute, Steffi", meinte Torben schließlich. "Man sollte nicht übertreiben. Du hast dir ein wenig Freizeit redlich verdient."

"Das sagst du nur, weil du heute noch ausreiten möchtest." Stefanie strich mit den Fingerspitzen über ihren Hals. "Einen Song wieder und wieder zu proben, ist reichlich anstrengend. Vor allen Dingen mit einem so gewissenhaften Lehrer wie du es bist." Sie tippte mit dem Zeigefinger gegen seine Nasenspitze.

Torben reichte ihr ein Glas Wasser. "Möchtest du den Lehrer wechseln?", fragte er vergnügt.

"Nein, keinesfalls." Sie leerte das Glas in einem Zug. "Ich muss mich noch rasch umziehen. Wartest du auf der Terrasse auf mich?"

"Lieber in eurem Musikzimmer. Ich habe schon ewig nicht mehr auf dem alten Flügel deines Großvaters gespielt."

"Nur zu", meinte die junge Gutsherrin. "Er ist erst letztes Jahr gestimmt worden." Über ihr Gesicht legte sich ein Schatten. "Mein Vater und ich haben oft vierhändig auf dem Flügel gespielt. Natürlich konnte man unser Spiel nicht mit deinem vergleichen. Wir..." Sie schluckte. "Komm, gehen wir." Mit dem leeren Glas in der Hand öffnete sie die Studiotür.

Baronesse Stefanie brauchte keine fünfzehn Minuten, um sich umzukleiden. Als sie die Treppe zur Halle hinunterstieg, hörte sie aus dem Musikzimmer einen Satz der 9. Sinfonie von Dvorak. Auf Zehenspitzen schlich sie näher.

Torben saß völlig vertieft in sein Spiel am Flügel. Sie dachte daran, wie er bereits als Zwölfjähriger an diesem Flügel gesessen hatte. Schon damals hatte sie seinem Spiel stundenlang zuhören können. Meistens hatte sie neben ihm gesessen und die Notenblätter umgeschlagen. Inzwischen bedurfte er keiner Noten mehr. Er spielte die meisten Stücke aus dem Gedächtnis heraus.

Es dauerte eine Weile, bis der junge Pianist bemerkte, dass er nicht mehr allein war. Er beendete den Satz und erhob sich. "Fast wie in alten Zeiten", meinte er, als er auf sie zuging.

"Daran habe ich eben auch gedacht", meinte sie.

Sie verließen das Haus durch die Terrassentür und gingen quer durch den hinteren Teil des Parks zu den Stallungen. Der Stallmeister hatte bereits zwei Pferde für sie gesattelt. Stefanies Wallach Arthus und einen weiteren Wallach namens Henry, den Torben auch bereits bei seinen früheren Besuchen auf dem Gut geritten hatte. Sie hatten ein paar Zuckerstückchen für die Pferde mitgebracht und fütterten sie ihnen, bevor sie aufsaßen.

Die jungen Leute genossen es, die Feldwege entlang zu reiten. An diesem Nachmittag wirkte die Gegend wie ausgestorben. Ihnen begegnete nicht einmal ein Traktor.

Schon bald verließen sie die Feldwege und ritten ein Stück durch den Wald. Die alte, verfallene Mühle lag an einem schmalen, ausgetrockneten Bach. Vor über fünfzig Jahren war sein Wasser umgeleitet worden. Mit Schlingpflanzen überwucherte Steine bedeckten den Boden des Bachbettes. Als sie von den Pferden stiegen, sah Stefanie gerade noch, wie ein Salamander zwischen den Steinen verschwand.

Sie banden die Pferde an zwei alten Birken und gingen durch den völlig verwilderten Garten der Mühle. Fast wären sie über die Teile eines zerbrochenen Mühlsteins gestolpert, die zwischen Gras und Lavendelbüschen lagen.

"Hier haben wir früher mit den anderen Kindern Räuber und Gendarm gespielt." Torben strich über die Reste des Mühlsteins, die wie die Steine im Bach von Schlingpflanzen überwuchert wurde. "Wollte dein Vater die Mühle nicht abreißen lassen? Er hatte einmal davon gesprochen."

"Großmutter und ich konnten ihn überreden, es nicht zu tun." Stefanie öffnete die verwitterte Tür, die ins Innere der Mühle führte. Das Sonnenlicht, das durch die leeren Fensterhöhlen fiel, zauberte ein bizarres Muster auf die verschmutzten, mit verrotteten Blättern bedeckten Fliesen. Sie bückte sich nach einer verwelkten Aster, die unter einem der Fenster lag.

"Ohne die Mühle würde Ahrenberg etwas fehlen." Der junge Pianist wollte die Treppe zum ersten Stock hinaufsteigen, bemerkte jedoch noch rechtzeitig, dass sie nicht mehr benutzt werden konnte, weil Teile ihrer Verankerung fehlten. "Es ist hier ziemlich gefährlich", sagte er. "Du solltest dafür sorgen, dass hier niemand mehr eindringen kann. Ein Unfall hat sich schnell."

"Ja, wir hätten uns längst darum kümmern müssen." Stefanie nickte. "Ich werde die Mühle renovieren lassen. Man könnte sie als Gästehaus benutzen, oder vermieten." Sie schob die Tür auf, die in den Wohnraum der Mühle führte. Eine schmierige Matratze und mehrere leere Dosen und eine Pizzaschachtel zeugten davon, dass hier jemand übernachtet hatte.

"Es gibt genügend Leute, die sich freuen würden, in einer alten Mühle zu wohnen", meinte Torben. "So ein altes Gemäuer bietet sich geradezu für Künstler an."

"Mal sehen, was meine Großmutter dazu sagt", erwiderte Stefanie. "Auf jeden Fall werde ich noch heute deinen Vater bitten, einen Handwerker zu schicken, um sicherzustellen, dass niemand mehr unbefugt die Mühle betreten kann. Es ist wirklich zu gefährlich."

Torben beobachtete fasziniert, wie die Sonne, die durch das Fenster fiel, Stefanies blauen Augen einen leichten Goldschimmer verlieh. An diesem Nachmittag erschien sie ihm fremd und vertraut zugleich. Seit sie sich auf der Bank an der Alster geküsst hatten, ging sie ihm nicht mehr aus dem Sinn. Sie waren ihr Leben lang Freunde gewesen, hatten während seiner Abwesenheit oft lange Telefongespräche miteinander geführt, dennoch war ihm nie bewusst geworden, wie sehr er sie liebte. Er hatte noch nie eine feste Freundin gehabt. Frauen hatten bisher in seinem Leben kaum eine Rolle gespielt. Nun war das anders! Jene Nacht in Hamburg hatte alles verändert.

"Warum sagst du nichts?", fragte sie irritiert und griff sich ins Gesicht. "Habe ich mich schmutzig gemacht?"

"Nein", antwortete er voller Liebe und nahm ihre Hand. "Weißt du, wie wichtig du mir bist?" Er strich sanft mit dem Zeigefinger über ihr Gesicht.

Stefanie glaubte, den Boden unter den Füßen zu verlieren. Sie hob die Hand, berührte seinen Nacken. "Du warst nur ein Freund für mich und plötzlich... Wie kann es sein, dass wir mit einem Mal mehr sind?" Sie blickte ihm in die Augen und erkannte in ihnen dieselbe Liebe, die auch sie für ihn empfand.

"Ist das wirklich wichtig?" Er nahm ihr Gesicht in beide Hände. "Wir lieben einander, nur das zählt, Steffi." Seine Lippen glitten weich und fordernd zugleich über ihre Augen zu ihrem Mund. Zärtlich küsste er sie.

Ich träume, dachte Stefanie, es kann nur ein Traum sein. Gleich würde sie erwachen und... Nein, es war kein Traum! Torben hielt sie in seinen Armen, sie spürte das Schlagen seines Herzens... "Ich liebe dich", sagte sie leise und schmiegte sich noch fester an ihn. "Ich liebe dich."

Pünktlich zum Tee kehrten sie ins Herrenhaus zurück. Baronin Felicitas saß bereits auf der Terrasse. Sie stickte an einem Kissenbezug. Als die jungen Leute sich zu ihr setzten, legte sie ihre Arbeit zur Seite und klingelte nach dem Hausmädchen, damit es den Tee servierte.

Torben erzählte von seinen Jahren in London und seinen Reisen nach Cornwall und Schottland. Die alte Baronin hörte ihm interessiert zu, beobachtete dabei aber sehr genau ihre Enkelin und den jungen Mann. Das stumme Einvernehmen zwischen den jungen Leuten entging ihr nicht. Wie absichtslos berührten sich ihre Hände, ihre Augen glänzten und wenn sie einander ansahen, so schienen sie alles um sich herum zu vergessen.

"Was ist zwischen dir und Torben?", erkundigte sie sich, nachdem sich der junge Mann von ihnen verabschiedet hatte. "Gibt es da etwas, was du mir sagen solltest?"

Stefanie ärgerte sich über ihr Erröten. "Wir haben uns ineinander verliebt, Großmutter", antwortete sie. "Wenn ich an ihn denke, fühle ich so eine tiefe Sehnsucht in mir, dass es direkt schmerzt. Ich möchte vierundzwanzig Stunden am Tag mit ihm zusammen sein, mich nie von ihm trennen."

"Ich mag Torben sehr", sagte die alte Dame. "Er ist ein netter junger Mann, ein hervorragender Pianist. Dein Vater hat ihn nicht umsonst gefördert und dafür gesorgt, dass er Musik studieren kann." Sie sah ihre Enkelin nachdenklich an. "Trotzdem frage ich mich, ob es sehr klug von dir ist, dich ausgerechnet jetzt zu verlieben. Du stehst am Anfang einer glänzenden Karriere. Eine Liebe belastet da nur."

"Großmutter, hast du deine eigene Jugend vergessen?" Stefanie drückte ihre Hand. "So etwas lässt sich nicht steuern. Ich liebe Torben und er liebt mich, gleichwohl ist es noch viel zu früh, um Zukunftspläne zu schmieden." Sie seufzte auf. "Davon abgesehen kann ich mir durchaus eine gemeinsame Zukunft mit Torben vorstellen."

"Nein, ich habe meine eigene Jugend nicht vergessen", erwiderte die alte Dame und schloss sie in die Arme, "dennoch habe ich Angst, dass du einen Fehler machst."

* * *

Sebastian Molhagen blickte erwartungsvoll der jungen Frau entgegen, die quer durch die Hotelhalle auf ihn zukam. "Wie schön, Sie zu sehen, Stefanie", sagte er und ergriff mit beiden Händen ihre rechte Hand. "Ich freue mich auf unsere Zusammenarbeit."

"Danke, dass Sie mir eine zweite Chance geben, Herr Molhagen", erwiderte Stefanie und ließ sich ihr Unbehangen nicht anmerken. Sie fand Molhagen an diesem Vormittag genauso unsympathisch wie damals in Stuttgart. Angewidert entzog sie ihm die Hand. "Hoffentlich mussten Sie nicht zu lange auf mich warten."

"Keineswegs, Stefanie, Sie sind sehr pünktlich." Der Produzent legte den Arm um ihre Taille. "Am besten, wir fahren sofort ins Tonstudio. Ich kann es kaum noch erwarten, die Arbeit mit Ihnen zu beginnen."

"Ich habe die drei Songs mit meinem Freund, Torben von Werntal einstudiert", sagte Baronesse Stefanie. "Er ist vor kurzem aus London zurückgekehrt."

"Sie kennen Torben von Werntal?" Sebastian Molhagen sah sie ungläubig an. "Darf ich fragen, woher?"

"Wir sind zusammen aufgewachsen. Torbens Vater arbeitet als Verwalter auf Gut Ahrenberg."

"Das nenne ich eine Überraschung", bemerkte Sebastian Molhagen. "Ihr Freund gilt als einer der größten Pianisten unserer Zeit. Ich würde ihn gern einmal kennen lernen."

"Das lässt sich bestimmt machen."

"Fein." Er verstärkte den Druck seines Arms. "Mein Wagen steht in der Tiefgarage."

Stefanie gelang es, sich von seinem Arm zu befreien. Sie ging in Richtung Aufzug.

Eilig folgte er ihr. "Das Tonstudio liegt in einer Villa außerhalb Hamburgs", sagte Molhagen. "Es gehört einem Freund. Er produziert hauptsächlich Trailer für Filme und Videoclips, macht jedoch auch Aufnahmen mit jungen, erfolgsversprechenden Künstlern." Bevor Stefanie es verhindern konnte, tätschelte er ihre Schulter. "Ich verspreche mir sehr viel von unserer Zusammenarbeit."

Keine zwanzig Minuten später steuerte Sebastian Molhagen seinen roten Porsche die Auffahrt zu einer pompösen, cremefarbenen Villa hinauf, die inmitten eines parkähnlichen Gartens lag. In einem Anbau mit bodenlangen Fenstern befand sich der Wellness-Bereich mit einem Sportstudio und einem Schwimmbecken von gewaltigen Ausmaßen.

Sie wurden von einem älteren Hausmädchen empfangen und in das Tonstudio gebracht, das im Souterrain der Villa lag und von mehreren Büroräumen umgeben wurde. Stefanie freute sich über die Geschäftigkeit, die hier herrschte. Sie hatte bereits befürchtet, mit Sebastian Molhagen und seinem Freund allein zu sein.

"Tobias, das ist Stefanie", stellte der Produzent die junge Frau seinem Freund vor. "Wie ich dir schon sagte, ich setze große Hoffnungen in sie."

"Freut mich, Sie kennen zu lernen, Stefanie." Tobias Steiner bot ihr die Hand. "In meinem Studio hat schon manch eine Karriere ihren Anfang genommen."

"Hoffentlich enttäusche ich Sie nicht, Herr Steiner."

"Nennen Sie mich Tobias", bot er an.

"Gern." Sie fand Tobias Steiner bedeutend sympathischer als dessen Freund.

"So werden wir Ihnen erst einmal das Studio und seine Nebenräume zeigen, bevor wir mit der Arbeit beginnen", sagte Tobias Steiner, "dabei können Sie sich auch gleich mit den einzelnen Abläufen der Aufnahmen vertraut machen."

In Laufe der nächsten Stunde lernte Stefanie was alles dazugehörte, bis eine Aufnahme so weit war, um eine Master-CD zu erstellen. So erfuhr sie auch, dass die Musik zu ihren Songs nicht von einem Band kam, sondern life aufgenommen wurde. Die Musiker sollte sie am nächsten Tag kennen lernen.

Nach einer Erfrischung machten sie sich an die Arbeit. Es dauerte Stunden bis Steiner und Molhagen mit Stefanies Interpretation der Songs so weit zufrieden waren, dass sie meinten, am nächsten Tag mit der richtigen Arbeit beginnen zu können.

Die junge Baronesse fühlte sich trotz mehrerer Erholungspausen völlig ausgelaugt. Ihr Hals schmerzte und sie wollte nur noch in ihr Hotel zurück. Die Arbeit in diesem Tonstudio hatte nichts mehr mit den Schallplattenaufnahmen zu tun, die vor sechzig Jahren von ihrer Großmutter gemacht worden waren und an die sie sich so gern zurückerinnerte.

Von einem Traumjob würde ich nicht sprechen, Großmutter, dachte Stefanie, als sie im Ruheraum saß und langsam einen Becher Tee trank. Sie hatte erwartet, dass die Aufnahmen höchstens drei Tage in Anspruch nehmen würden, inzwischen war bereits abzusehen, wie sehr sie sich da geirrt hatte. Zum Glück nahm Sebastian Molhagen seine Arbeit ernst. Seit sie die Villa betreten hatten, hatte er sich ihr gegenüber äußerst korrekt verhalten.

Kurz vor sechs verabschiedeten sie sich von Tobias Steiner. Die Arbeit sollte am nächsten Vormittag um zehn Uhr fortgesetzt werden. "Sie sehen erschöpft aus, Stefanie", bemerkte der Produzent, als sie nach Hamburg zurückkehrten. Bevor sie es verhindern konnte, lag seine rechte Hand auf ihrem Knie.

Energisch schob sie seine Hand zur Seite. "Ich bin sehr müde", sagte sie.

"Und sind Sie zufrieden?"

"Ja." Sie nickte. "Allerdings habe ich es mir nicht so anstrengend vorgestellt."

"Ohne Fleiß kein Preis", scherzte Molhagen. "Davon abgesehen, können Sie mit sich auch zufrieden sein. Sie verfügen über großes Talent, Stefanie. Auch wenn ich nicht zu viel versprechen möchte, ich bin überzeugt, dass ich Sie ganz groß herausbringen kann. Schon bald werden sich die Medien um Sie reißen."

Wollte sie das überhaupt? – Da waren wieder diese Zweifel! Stefanie seufzte innerlich auf. Das waren weder der Ort noch die Zeit, um über ihre Zweifel zu sprechen.

"Warum sagen Sie nichts?" Er strich erneut sanft über ihr Knie. "Tobias und ich haben bereits über den Videoclip gesprochen, den wir vom Titelsong der Single CD drehen wollen."

"Als Schauspielerin bin ich partout nicht geeignet", wehrte die junge Baronesse auf.

"Sie werden lernen müssen, sich vor der Kamera zu bewegen." Er wandte für einen Augenblick das Gesicht von der Straße ab und sah sie beinahe spöttisch an. "Sie werden noch viel lernen müssen, Stefanie."

Die junge Frau hatte erwartet, den Rest des Tages frei zu haben, doch Sebastian Molhagen lud sie zum Abendessen ein. Es blieb ihr nichts anderes übrig, als zuzusagen. Immerhin hatte er ihr eine zweite Chance gegeben.

Die Zeit reichte noch zu einigen Runden im Hotelswimmingpool, danach musste sie sich zum Abendessen fertig machen. Sie wählte absichtlich einen knielangen Rock und eine Bluse, die kaum etwas von ihrem Dekolleté zeigte. Wenn es nicht ein so warmer Abend gewesen wäre, hätte sie auch noch einen Seidenschal umgebunden.

"Sie sehen bezaubernd aus", bemerkte der Produzent, als sie sich zum Essen im Hotelrestaurant trafen. Zuvorkommend rückte er für sie den Stuhl. "Möchten Sie zum Aperitif einen Sherry?"

"Nein, ich trinke nur selten, Sebastian", antwortete Stefanie. Wie Tobias hatte auch er sie gebeten, ihn beim Vornamen zu nennen. Sie wusste, dass das üblich war, deshalb hatte sie zugestimmt, wenngleich sie es lieber bei Herr Molhagen belassen hätte.

"Ein Glas Wein werden Sie nachher doch trinken?" Sebastian Molhagen bestellte einen 2006-er Gamla Sauvignon Blanc, der fast zu jedem Essen passte.

Stefanie vertiefte sich in die Speisekarte. Sie entschied sich für ein Steak mit einem bunten Salatteller.

"Eine gute Wahl", bemerkte Molhagen. "Ich werde dasselbe nehmen."

Der Ober brachte den Wein und schenkte ein. Molhagen prostete ihr zu. Leise stießen ihre Gläser aneinander. Stefanie nippte an ihrem Wein. Er schmeckte ausgezeichnet. Erwartungsvoll sah der Produzent sie an. "Ein sehr guter Wein", lobte sie und nahm einen weiteren Schluck.

"Haben Sie an meiner Wahl gezweifelt?"

"Nein." Sie stellte ihr Glas auf den Tisch.

"Sie sind mir seit unserer ersten Begegnung nicht mehr aus dem Kopf gegangen, Stefanie." Sebastian Molhagen beugte sich ihr leicht zu. "Schon in Stuttgart haben Sie mich zutiefst beeindruckt. Es ist nicht nur Ihre zauberhafte Stimme, sondern auch Ihre Ausstrahlung. Wenn Sie auf der Bühne stehen, werden die Leute alles andere um sich herum vergessen." Er griff über den Tisch und legte seine Hand auf ihre. "Ich kann sehr viel für Sie tun, Stefanie, Sie müssen mir nur die Chance dazu geben."

"Bin ich nicht nach Hamburg gekommen, Sebastian", sagte Stefanie, obwohl sie ahnte, dass er auf etwas anderes herauswollte.

Er lachte rau auf. "Die Welt, in der wir leben, beruht auf geben und nehmen, Stefanie. Mutter Natur hat Ihnen viele Talente mit in die Wiege gelegt, aber Sie brauchen Hilfe, um sie zur Entfaltung zu bringen."

Zwei Kellner servierten die Steaks. Sie wünschen ihnen einen guten Appetit und zogen sich zurück.

Stefanie griff nach ihrem Besteck. "Wie Sie wissen, hat meine Großmutter vor ihrer Heirat auf der Bühne gestanden. Musik liegt mir also in Blut. Auch mein Vater hatte eine sehr gute Stimme."

"Ich habe mir Aufnahmen ihrer Großmutter angehört, Stefanie. Es ist schade, dass sie alles hingeworfen hat, um ihre Karriere gegen ein bürgerliches Leben einzutauschen." Sebastian Molhagen sah sie eindringlich an. "Sie werden hoffentlich niemals so unüberlegt handeln."

"Wer von uns weiß, was die Zukunft bringt", antwortete die junge Frau diplomatisch. "Mein Vater hatte noch so viele Pläne..."

"Ja, es kommt meistens anders als man denkt", gab Molhagen zu. "Was halten Sie davon, nach dem Essen noch einen Drink in der Hotelbar zu nehmen?" Er zwinkerte ihr zu. "Es gibt dort auch alkoholfreie Cocktails. Nicht, dass Sie morgen behaupten, ich hätte Sie zum Trinken verführt."

"So müde wie ich bin, wäre ich keine gute Gesellschafterin, Sebastian", lehnte Stefanie ab. "Außerdem möchte ich morgen ausgeschlafen sein. Immerhin haben wir einiges vor."

"Sieh an, es gibt noch vernünftige Frauen", lobte er widerwillig, was ihn nicht daran hinderte, ihr noch einen Schlummertrunk auf seinem Zimmer vorzuschlagen, als sie nach dem Essen zum Aufzug gingen.

"Wie gesagt, ich bin sehr müde, Sebastian", erklärte Stefanie erneut. "Bitte seien auch Sie vernünftig und bedrängen Sie mich nicht." Sie trat in den Aufzug und drückte auf die Köpfe zum zweiten und zum dritten Stockwerk.

"Sie sind wie eine Festung, die erstürmt werden will", meinte er und drängte sich an sie.

"Ich lasse mich nicht erstürmen." Stefanie wehrte ihn mit den Händen ab.

Der Aufzug hielt im zweiten Stock. Sebastian Molhagen hinderte die junge Frau daran auszusteigen. "Da ist das letzte Wort noch nicht gesprochen", sagte er. "Bisher habe ich noch jede Festung nehmen können." Blitzschnell küsste er sie auf die Wange.

Stefanie stieß ihn zurück und trat in den Gang. Die Aufzugtür schloss sich, bevor Molhagen ebenfalls aussteigen konnte. Angewiderte rieb sie sich die Wange. Ich hätte nicht nach Hamburg kommen dürfen, dachte sie und überlegte, ob sie ihre Sachen packen und nach Ahrenberg zurückfahren sollte.

Wollte sie das wirklich? So hart die Arbeit im Tonstudio gewesen war, sie hatte ihr gefallen. Sollte sie ihre Karriere aufgeben, bevor sie noch richtig begonnen hatte?

Was will ich eigentlich?, fragte sich Stefanie nicht zum ersten Mal. Sie konnte nicht alles haben, ein ruhiges und beschauliches Leben auf Ahrenberg und gleichzeitig eine Karriere als Schlagersängerin. Und außerdem war da noch Torben...

* * *

Bei ihrer nächsten Begegnung benahm sich Sebastian Molhagen, als hätte es jene Szene im Aufzug nie gegeben. Stefanie war froh, dass dieser Vorfall keinen Einfluss auf ihre gemeinsame Arbeit hatte. Sie vermied es, mit Molhagen allein zu sein. Zu ihrem Bedauern hinderte ihn auch nicht die Anwesenheit von anderen Leuten, sie zu berühren und anzügliche Bemerkungen zu machen.

Im Laufe der nächsten Tage gab die junge Frau einer Jugendzeitschrift das erste Interview ihres Lebens und verbrachte einige Stunden bei einem Fotoshooting. Molhagen und Steiner machten sie mit einigen Leuten bekannt, die wichtig für sie werden konnten. Schon bald stellte Stefanie fest, wie anstrengend es war, neben der Arbeit an ihrer Single CD auch noch alle möglichen Termine wahrzunehmen und alle Zeit ein lächelndes, freundliches Gesicht zu zeigen.

An diesem Tag kam sie erst am späten Nachmittag aus dem Tonstudio. Da Sebastian Molhagen noch einen anderen Termin hatte, kehrte sie im Taxi ins Hotel zurück. Sie sehnte sich nach einem Bad und einigen Stunden Ruhe. Daraus konnte allerdings nichts werden, denn am Abend musste sie ihren Produzenten zu einer wichtigen Party begleiten.

War das wirklich das Leben, das sie erträumte? So sehr Stefanie einerseits die Tage in Hamburg genoss, die ständige Hektik zerrte an ihren Nerven. Manchmal wachte sie nachts auf und konnte nicht mehr einschlafen. Dazu kam ihre Sehnsucht nach Torben. Nicht einmal das längste Telefongespräch konnte ein Zusammensein mit ihm ersetzen. Je länger sie in Hamburg blieb, umso mehr vermisste sie ihn.

Das Taxi hielt vor dem Hotel. Die Baronesse entlohnte den Fahrer und stieg aus. Mit einem freundlichen Gruß ging sie an dem Portier vorbei, der ihr das Eingangsportal des Hotels aufhielt.

"Stefanie!"

Stefanie zuckte heftig zusammen. War ihre Sehnsucht nach Torben bereits so groß, dass sie sich einbildete, seine Stimme zu hören? Langsam wandte sie sich nach rechts. Über ihr Gesicht glitt ein Strahlen. "Torben, wo kommst du denn her?", fragte sie kaum hörbar und rannte ungeachtet der anderen Leute, die sich im Foyer aufhielten, auf ihn zu.

Der junge Pianist fing seine Freundin mit beiden Armen auf und küsste sie zärtlich auf den Mund. "Ich habe es ohne dich nicht mehr ausgehalten", gestand er. "Du hast mir so gefehlt." Er strich liebevoll mit dem Zeigefinger über ihre Stirn. "Statt für meine Italientournee zu üben, habe ich immerzu an dich gedacht." Er lachte auf. "Es wäre besser gewesen, ich hätte dich gleich nach Hamburg begleitet."

Was Molhagen wohl dazu sagt hätte, ging es Stefanie durch den Kopf. Laut meinte sie: "Es wäre wunderbar gewesen, Torben. Wie lange kannst du bleiben?"

"Leider nur bis morgen Nachmittag. Am Abend treffe ich mich mit meinem Agenten in Kiel. Es gibt noch einiges wegen der Tournee zu besprechen." Er legte den Arm um sie. "Ich habe mir auch hier ein Zimmer genommen. Es liegt ein Stockwerk über deinem. Am besten, du ziehst dich gleich um und dann unternehmen wir noch etwas. Oder bist du zu müde? Wenn es dir lieber ist, machen wir uns hier einen gemütlichen Abend."

Stefanie fiel die Party ein, zu der sie mit Sebastian Molhagen gehen musste. "Gegen einen gemütlichen Abend zu zweit hätte ich gewiss nichts einzuwenden", sagte sie, "leider muss ich heute Abend noch auf eine Party." Sie bemerkte den Schatten, der sich über Torbens Gesicht legte. "Ohne dich gehe ich natürlich nicht zu dieser Party."

"Ist die Party wichtig für dich?"

"Herr Molhagen behauptet es jedenfalls."

Der junge Pianist kämpfte mit sich. So gern er Stefanie gebeten hätte, diesen Abend allein mit ihm zu verbringen, er wusste aus eigener Erfahrung, wie wichtig die richtigen Verbindungen im Showbusiness waren. Manche Verbindungen ließen sich nicht mit Gold aufwiegen.

"Gut, Liebling, ich werde dich begleiten", versprach Torben. "Herr Molhagen wird hoffentlich nichts dagegen haben." Sein Blick wurde ernst. "Wie benimmt er sich dir gegenüber? Dieser Mann steht immerhin in keinem besonders guten Ruf was Frauen betrifft."

"Seit ich ihn gleich am ersten Abend in seine Schranken gewiesen habe, hält er sich zurück", erwiderte Stefanie. "Mach dir deshalb keine Sorgen, Torben." Sie zwinkerte ihm zu. "Es gibt nur einen Mann, der mir gefährlich werden kann."

In gespieltem Entsetzen runzelte er die Stirn. "Darf man auch den Namen dieses Mannes erfahren?"

"Torben von Werntal", sagte sie kichernd.

So erschöpft und müde die junge Gutsherrin auch gewesen war, Torbens Besucht hatte ihre Erschöpfung wie durch Zauberhand weggewischt. Sie freute sich jetzt sogar auf die Party. Torben und sie würden einen fantastischen Abend miteinander verbringen.

Sebastian Molhagen war eineinhalb Stunden nach Stefanie ins Hotels zurückgekehrt. Er hatte geduscht und sich umgezogen. Nun wartete er im Foyer auf die junge Frau. Für diesen Abend hatte er sich einiges vorgenommen. So leicht wollte er sich nicht noch einmal von ihr abweisen lassen. Bisher war es ihm stets gelungen, jede Frau, die er wollte, zu erobern.

Als Stefanie aus dem Aufzug trat, stand er auf, um ihr entgegenzugehen. Er hatte sie schon fast erreicht, als er den jungen, gutaussehenden Mann bemerkte, der ihr folgte und ihren Arm nahm. Auch ohne ihm vorgestellt zu werden, wusste er, um wen es sich handelte. Das Gesicht des Pianisten ging oft genug durch die Presse.

Verdammt! Er ballte für einen Moment die Hände. Stefanie hatte nichts davon gesagt, dass sie Herrn von Werntal erwartete.

Stefanie bedurfte ihrer ganzen Beherrschung, um nicht aufzulachen. Sebastian Molhagen versuchte vergeblich, seine Gefühle hinter einem leutseligen Lächeln zu verbergen. Dass sie mit Torben kam, musste ein gewaltiger Schock für ihn sein.

"Ich habe überraschend Besuch bekommen, Sebastian", sagte sie. "Torben von Werntal, mein Freund – Torben, Herr Molhagen, mein Produzent", machte sie die beiden Männer miteinander bekannt. "Ich habe Torben gebeten, uns auf die Party zu begleiten. Sie haben sicher nichts dagegen?"

Molhagen atmete tief durch. "Was sollte ich dagegen haben, Stefanie?" Er wandte sich direkt an Torben: "Es ist mir eine Ehre, den Abend in Ihrer Gesellschaft verbringen zu dürfen. Unser Gastgeber wird begeistert sein und Sie vermutlich bitten, für ihn und seine Gäste ein, zwei Stücke zu spielen."

"Das werde ich sehr gern tun, Herr Molhagen." Torben legte den Arm um Stefanie. "Ich habe es ohne meine Freundin einfach nicht mehr auf Ahrenberg ausgehalten."

"Was ich nur zu gut verstehen kann", versicherte der Produzent zähneknirschend.

Ihr Gastgeber, Bernhard Frontheimer, ein Geschäftsmann von internationalem Ruf, der gern Größen aus dem Showbusiness zu rauschenden Festen in seine Villa einlud, empfing Torben von Werntal mit offenen Armen. Es war ihm anzumerken, wie sehr er sich freute, Torben mit einem Großteil der anderen Gäste bekannt zu machen. Es gab kaum jemanden unter ihnen, der noch nicht von dem jungen Pianisten gehört hatte.

Bernhard Frontheimer hatte an diesem Abend rund hundertfünfzig Leute aus dem Showbusiness und der Gesellschaft eingeladen. Hunderte von bunten Lämpchen erhellten den Garten der riesigen Villa, die außerhalb der Stadt an der Elbe lag. Eigens für diesen Abend hatte der Geschäftsmann eine Band engagiert. Ein langes Büfett, unter der Regie eines Sternekochs, ließ kaum einen Wunsch offen. Gegessen wurde an kleinen, runden Tischen, die lose verteilt auf der Terrasse und im Garten standen.

Nach dem Essen bat Bernhard Frontheimer seine Gäste in den Musiksalon. "Herr von Werntal hat sich freundlicherweise bereiterklärt, für uns zu spielen", sagte er. "Es freut mich außerordentlich, meine Party mit einem Konzert eines Pianisten von Weltklasse krönen zu können."

Torben hatte sich mit ihrem Gastgeber abgesprochen. Er wollte nichts Klassisches spielen, weil das nicht in den Rahmen der Party gepasst hätte, sondern ein paar Stücke, aus bekannten Musicals. Er begann mit 'Can you feel the love tonight' aus dem König der Löwen.

"Sebastian hat uns so viel von Ihrer wunderbaren Stimme vorgeschwärmt, Stefanie" meinte Gisela Frontheimer, die Gattin ihres Gastgebers. "Es wäre schön, wenn Sie etwas für uns singen würden."

"Eine gute Idee, sich Ihrem zukünftigen Publikum vorzustellen", bemerkte Sebastian Molhagen. "Wie wäre es mit dem Titelsong Ihrer Single CD?"

Stefanie kämpfte ihr Lampenfieber nieder. "Ich würde gern ein Lied singen, das ich schon früher in Begleitung von Torben gesungen habe", erwiderte sie.

"Warum nicht!" Mit einer großartigen Geste wies Molhagen zum Flügel.

Jetzt nur nicht die Nerven verlieren, dachte Stefanie. Wenn sie Karriere machen wollte, durfte sie sich nicht von ihrem Lampenfieber beherrschen lassen. Sie trat an den Flügel und flüsterte mit Torben. Er nickte und begann die ersten Takte von 'Over the Rainbow' zu spielen.

Stefanie dachte an den Nachmittag vor vielen Jahren, als sie elf Jahre alt gewesen war. Für einen Moment schloss sie die Augen, dann begann sie zu singen. Sie vergaß die Leute um sich herum, hörte nur noch die Musik und sah durch das Panoramafenster des Musiksalons die Sterne und den Mond am nachtdunklen Himmel.

Durch die offenen Terrassentüren wurde ihr Lied in den Garten getragen und von dort weit über die Elbe hinweg.

Als die letzte Note verklungen war, blieb es für Sekunden so ruhig im Musiksalon, dass man das Fallen einer Stecknadel hätte hören können. Der brausende Beifall, der plötzlich einsetzte, überfiel Stefanie wie ein Orkan. Unsicher schaute sie sich um.

"Du hast wunderbar gesungen, Liebling." Torben nahm sie in die Arme. "Einfach wunderbar." Er küsste sie auf beide Wangen.

Seinen Platz am Flügel hatte einer der anderen Gäste eingenommen. Unsicher spielte er ein paar Takte von 'Moon River'. Lachend erhob er sich. "Es ist Jahre her, seit ich Klavierunterricht hatte", meinte er, "ich wollte nur mal sehen, ob ich es noch kann."

"Es ist eben nicht jeder zum Pianisten geboren", flüsterte Stefanie ihrem Freund amüsiert zu.

"Habe ich nicht gesagt, dass Stefanie eine Jahrhundertentdeckung ist", prahlte Molhagen. "Ich habe eine Nase für Talente." Er führte die junge Frau zu einem etwa dreißigjährigen, dunkelblonden Mann. "Das ist Simon Stein, Stefanie. Er würde gern als Ihr Agent arbeiten."

"Alles Geschäftliche regeln wir morgen, Stefanie", sagte Simon Willenbrink. "Ich freue mich, mit Ihnen zu arbeiten. Sie haben eine ganze große Karriere vor sich."

Nun hatte sie also auch einen Agenten! Es sah aus, als wären die Würfel gefallen und ihre Karriere tatsächlich nicht mehr aufzuhalten. Irgendwie machte das Stefanie Angst. "Lass uns tanzen, Torben", bat sie, sobald sie ein paar Minuten für sich hatten.

"Was ist mit dir?" Torben nahm ihr Gesicht in seine Hände. "Was bedrückt dich, Liebling?" Er spürte ihre innere Unruhe. "Ich kann nur wiederholen, was auch Herr Willenbrink gesagt hat: Du hast eine ganz große Karriere vor dir."

"Und ich sollte mich darüber freuen." Sie schmiegte sich an ihn. "Vermutlich bin ich nur einfach müde."

"Und trotzdem möchtest du tanzen? – Wir könnten uns auch auf eine der Bänke unten an der Elbe setzen und beobachten, wie der Mond am Himmel entlang zieht."

"Das würde ich noch viel lieber", gestand sie.

"Komm." Er nahm ihre Hand. "Lassen wir den Trubel für ein paar Minuten hinter uns."

Molhagen stieß heftig den Atem aus, als er die jungen Leute durch den Garten zur Elbe gehen sah. Es hätte sein Abend sein sollen, nicht der des Pianisten. Er nahm sich ein Glas Sekt von einem Tablett, das herumgereicht wurde. "So schnell gebe ich mich nicht geschlagen", murmelte er vor sich hin und stürzte den Sekt in einem Zug hinunter. Je länger sich ihm Stefanie entzog, umso entschlossener wurde er, sie wenigstens für eine Nacht zu besitzen.

* * *

Torben von Werntal packte seine Koffer für die Italientournee. Ihm war gar nicht wohl bei dem Gedanken, Stefanie für vier Wochen allein zu lassen. Am liebsten hätte er sie nach Italien mitgenommen. Er traute Sebastian Molhagen nicht über den Weg. Für seinen Geschmack verbrachte die junge Frau viel zu viel Zeit in seiner Gesellschaft. Leider ließ sich das nicht verhindern, immerhin arbeiteten sie zusammen und Molhagen setzte sich voll und ganz für ihre Karriere ein.

An und für sich hatte Stefanie vorgehabt, zu einem seiner Konzerte nach Italien zu kommen. So wie es im Moment aussah, würde es wahrscheinlich nicht möglich sein. Ihr Agent hatte dafür gesorgt, dass ihr Terminkalender fast überquoll. Dazu kam die Arbeit auf dem Gut, die sie trotz ihrer Karriere nicht aufgeben wollte.

"Steffi reibt sich völlig auf", meinte er besorgt zu seinen Eltern, als er mit ihnen beim Abendessen saß. "Wenn sie so weitermacht, ist sie über kurz oder lang ausgebrannt."

"Sie wird sich für das Gut oder ihre Karriere entscheiden müssen." Elke von Werntal schenkte für ihren Sohn Tee ein. "Der alten Baronin ist damals auch nichts anderes übrig geblieben. Man kann nur selten zwei Herren dienen."

"Ich bewundere, wie sich unsere Baronesse trotz allem ihrer Arbeit auf dem Gut widmet", bemerkte ihr Mann. "Gleich wie müde und erschöpft sie ist, sie lässt es nicht an unseren Leuten aus."

"Richtig dünn ist sie in den letzten Wochen geworden", klagte Elke von Werntal. "Wenn sie so weitermacht..."

"Ich wünschte, ich hätte Stefanies Figur", kam es von Marion. "Übrigens ist vorhin der Titelsong ihrer CD im Radio gespielt worden." Sie sah ihre Mutter vorwurfsvoll an. "Warum kann ich nicht so eine Stimme haben? Sie klingt wie Katie Meloha. Mit ihr ist sie ja auch schon neulich im Fernsehen verglichen worden."

"Du hast dafür andere Talente, Marion", meinte Hartmut von Werntal. "Aus dir wird mal eine tüchtige Lehrerin." Er zwinkerte seiner Frau und seinem Sohn zu. "Das heißt, falls du dich nicht inzwischen entschieden hast, ebenfalls Schlagersängerin zu werden."

"Wie ich schon sagte, ich habe leider nicht Stefanies tolle Stimme." Marion nahm sich eine zweite Portion Salat. "Wie hältst du das überhaupt die nächsten Wochen ohne Steffi aus, Torben? Wirst du nicht vor Sehnsucht nach ihr vergehen?"

"Sei nicht so naseweis, Marion", tadelte ihre Mutter.

"Wieso naseweis, Mutti? Jeder auf dem Gut weiß, dass sich Torben und Stefanie ineinander verliebt haben."

"Das geht nur Steffi und mich etwas an, Marion."

"Ich habe es nicht böse gemeint, Torben." Marion schenkte ihrem Bruder ein versöhnliches Lächeln. "Es wäre einfach fantastisch, wenn ihr heiraten würdet, dann hätte ich nicht nur einen berühmten Pianisten zum Bruder, sondern auch noch eine Schlagersängerin zur Schwägerin."

"Kindskopf!" Torben stieß seine Schwester spielerisch in die Seite. "Steffi tritt in vier Wochen bei einem Wohltätigkeitskonzert am Tegernsee auf. Es ist der Abend nach meinem letzten Konzert in Italien."

"Und wie ich dich kenne, wirst du versuchen, an diesem Abend auch am Tegernsee zu sein", sagte seine Mutter.

"Das habe ich jedenfalls vor."

"Oh je!" Marion blickte zur Uhr. "Ich habe mich ja mit Sandra und Ute fürs Kino verabredet." Sie sprang auf. "Bis um halb elf bin ich zurück."

"Das möchte ich auch hoffen", erklärte ihr Vater.

"Tschüss!" Das junge Mädchen winkte ihnen zu und verschwand im Korridor des Verwalterhauses. Durch das Küchenfenster sahen sie, wie es sich auf sein Fahrrad schwang und davon fuhr.

"Würde mich ja interessieren, ob es wirklich nur Sandra und Ute sind, mit denen sich Marion trifft." Elke von Werntal seufzte auf. "Marion ist sechzehn. Ich sollte mich langsam daran gewöhnen, in ihr kein Kind mehr zu sehen." Sie wandte sich ihrem Sohn zu: "Wie sicher bist du dich deiner Gefühle für Stefanie, Torben?"

"Ich liebe sie von ganzem Herzen", antwortete Torben. "Es fällt mir unendlich schwer, die nächsten Wochen außer Landes zu sein. Außerdem mache ich mir Sorgen um sie."

"Wegen ihrer Schlagerkarriere?", fragte sein Vater. "Um ehrlich zu sein, die macht mir auch Sorgen. Ich bin mir nicht sicher, ob diese Karriere für Stefanie wirklich das Richtige ist. Sie hat von klein auf gehört, es sei ihr bestimmt, einmal Schlagersängerin zu werden. Wieweit hat das ihren Wunsch beeinflusst, tatsächlich eine Schlagerkarriere anzustreben?"

"Ich bin sogar überzeugt, dass der Wunsch ihres verstorbenen Vaters und ihrer Großmutter den Ausschlag gegeben haben." Torben stand auf. "Ich gehe ins Herrenhaus hinüber. Stefanie und ich sind verabredet. Wir wollen den letzten Abend vor meiner Abreise gemeinsam verbringen."

"Grüße sie von uns", bat seine Mutter.

Der Verwalter begleitete seinen Sohn nach draußen. "Ich sehe Stefanies Platz mehr auf dem Gut als auf der Bühne." Er hob die Schultern. "Nun, darüber muss sie selbst entscheiden. Unsere Familie lebt seit Generationen eng mit den Ahrenbergs zusammen. Stefanie wäre mir als Schwiegertochter willkommen. Sie..." Hartmut von Werntal winkte ab. "Bestimmt nicht, wegen des Gutes, sondern weil ich sie von Herzen gern habe. Dennoch solltest du dir gut überlegen, was du tust, Torben."

"Wie meinst du das, Vater?"

"Zwei unterschiedliche Karrieren, eine Arbeit, die euch oft monatelang voneinander trennen wird, so etwas kann nicht gut gehen."

"Stefanie und ich lieben uns, Vater, über mehr möchte ich noch nicht nachdenken", sagte Torben. "Zum Glück ist es uns verwehrt, in die Zukunft zu sehen."

Baronesse Stefanie hatte den größten Teil des Tages in Hamburg verbracht und war erst am späten Nachmittag nach Hause gekommen. Sie hatte sich gleich in ihr Büro zurückgezogen, um wenigstens einigermaßen mit den Vorgängen auf dem Gut auf dem Laufenden zu sein. Nun freute sie sich darauf, wenigstens noch ein paar Stunden mit Torben verbringen zu können. Sie wollten es sich mit einem Glas Wein und Leckereien, die ihre Köchin gebacken hatte, auf der Terrasse gemütlich machen.

Ihre Großmutter hatte sich in den Salon zurückgezogen, um sich im Fernsehen einen Krimi von Agatha Christi anzusehen. Sie hatte sämtliche Romane der Autorin gelesen und bedauerte, dass nur ein Bruchteil von ihnen verfilmt worden war.

Stefanie hatte sich bereits vor dem Abendessen umgezogen. Sie trug ein weinrotes, ärmelloses Sommerkleid, dessen Ausschnitt mit Blüten bestickt war, und um die Schultern eine weiche, weiße Seidenstola. Ihre dunklen Haare fielen offen auf ihre Schultern. Absichtlich hatte sie auf Make up verzichtet. In den letzten Wochen war sie viel oft gezwungen gewesen, sich mehr zu schminken, als es ihrer Natur entsprach.

Leichtfüßig eilte sie ihrem Freund entgegen, als sie ihn durch den Park auf die Terrasse zukommen sah. "Tut mir leid, dass ich den Tag über keine Zeit für dich hatte", entschuldigte sie sich. "Ich könnte verstehen, wenn du wütend bist."

"Wie kann ich auf dich wütend sein?" Torben blickte ihr zärtlich in die Augen. Der Duft ihrer Haut und ihrer Haare berauschte ihn. Stürmisch zog er sie an sich. Die Stola glitt von ihren Schultern. Sie bemerkten es nicht. Leidenschaftlich küssten sie sich.

Arm in Arm stiegen die jungen Leute Minuten später die Terrassenstufen hinauf und setzten sich nebeneinander in die weißen Rohrsessel. Wie von selbst fanden sich ihre Hände. Torben fragte sich, wie er die nächsten Wochen überstehen sollte, ohne Stefanie zu sehen.

"Wie war es in Hamburg?", erkundigte er sich.

"Hektisch", erwiderte sie. "Außerdem habe ich erfahren, dass ich morgen Abend am Weissenhäuser Strand auftreten soll. Ich muss für Jasmin Sanwald einspringen. Sie hat sich gestern das Bein gebrochen und liegt im Krankenhaus."

"Wer ist Jasmin Sanwald?"

"Eine junge Sängerin, die seit einigen Wochen dabei ist, sich einen Namen zu machen." Stefanie lachte. "So wie ich."

Es fiel Torben schwer, sich seine Enttäuschung nicht anmerken zu lassen. "Also wirst du mich vermutlich nicht zum Flughafen bringen", sagte er.

"Das kann ich leider nicht", bekannte sie niedergeschlagen. "Ich muss bereits am frühen Nachmittag wegen der Proben am Weissenhäuser Strand eintreffen." Sie drückte seine Hand. "Ich habe versucht, mich gegen diesen Auftritt zu wehren, aber mein Agent meinte, das sei nicht klug. Ich müsste jede Gelegenheit wahrnehmen, die mich bekannt macht."

Torben atmete tief durch. "Womit er völlig recht hat, Liebling", meinte er. "Es wäre wirklich nicht klug gewesen, den Auftritt abzulehnen." Er legte den Arm um ihre Schultern. "Wenn ich aus Italien zurück bin, werden wir versuchen, mehr Zeit miteinander zu verbringen."

"Wir müssen es einfach schaffen, unsere Termine zu koordinieren." Stefanie erschrak über ihre eigenen Worte. Es ging um Torben und sie, nicht um irgendwelche Termine. "Ich habe es nicht so gemeint wie es klingt", sagte sie. "Ich..."

"Du musst mir nichts erklären."

Wirklich nicht? Stefanie lehnte sich an seine Schulter. "Ich liebe dich über alles, Torben", sagte sie. "Ohne dich wäre ich nach dem Tod meines Vaters verzweifelt. Wenn du mich nicht jeden Tag angerufen hättest... Ines hat mir auch sehr geholfen und sie hilft mir nach wie vor. Wenn ich glaube, dass alles zu viel für mich wird, spricht sie mir Mut zu."

Er richtete sich auf und hob mit dem Zeigefinger leicht ihr Kinn an. "Wovor hast du Angst, Steffi? Gibt es da etwas, von dem ich nichts weiß?"

"Ich bin voller Zweifel und frage mich oft, ob es richtig gewesen ist, die zweite Chance zu ergreifen, die mir Molhagen gegeben hat", gestand die junge Baronesse. "Andererseits hätte ich jetzt wahrscheinlich das Gefühl, meine Karriere einfach weggeworfen zu haben."

Er umfasste sanft ihre Schultern. "Steffi, Liebling, du kannst noch immer zurück, falls du dir nicht sicher bist, den richtigen Weg zu gehen. Trotz unterschriebener Verträge gibt es Mittel und Wege, sich gütlich zu einigen."

"Gut zu wissen, falls es wirklich einmal dazu kommen sollte." Sie lächelte ihm zu. "Mach dir keine Sorgen um mich, Torben. Ich werde es schon schaffen. Außerdem habe ich ja dich. Du wirst dich vor meinen Anrufen kaum retten können."

"Das erwarte ich auch", sagte er, "und spätestens am Tegernsee werden wir uns wiedersehen. Ich bin gern am Tegernsee und dieses Mal erwartet mich dort auch noch die Frau, die ich liebe..."

"Und die dich liebt", fiel ihm Stefanie ins Wort. "Ich werde nur für dich singen." Sie lachte. "Vermutlich wird es auch so sein, denn ich trete ja am Tegernsee im Windschatten großer Künstler auf."

Er legte den Finger auf ihre Lippen. "So etwas möchte ich nicht hören, Liebling. Die Leute kommen auch deinetwegen zu dieser Show. Du darfst dich von niemanden und nichts einschüchtern lassen." Er griff zu den Weingläsern, die auf dem Tisch standen, und reichte ihr eines. "Trinken wir auf unser Wiedersehen und darauf, dass nichts uns trennen kann."

Stefanie stieß leicht mit ihrem Glas gegen seines. Uns wird niemals etwas trennen, dachte sie, wir gehören für alle Zeiten zusammen. Ohne ihr Glas abzusetzen, beugte sie sich ihm zu und küsste ihn.

* * *

Felicitas Baronin von Ahrenberg und ihre Enkelin fuhren mit dem Aufzug zu ihren Zimmern im Strandhotel hinauf. Es lag unmittelbar vor der mit Büschen bewachsenen Düne, hinter der sich die Ostsee erstreckte. Seit dem Tod ihres Sohnes hatte sich die alte Dame nicht mehr so beschwingt gefühlt, wie an diesem Tag.

"Du könntest ruhig ein bisschen fröhlicher aussehen, Steffi", meinte sie. "Freust du dich denn nicht auf deinen Auftritt? – Ich kann ihn kaum noch erwarten."

"Ich habe Kopfschmerzen, Großmutter", antwortete die junge Frau. Mit den Gedanken weilte sie bei ihrem Freund, der auf dem Weg zum Hamburger Flughafen war. Wie gern wäre sie bei ihm gewesen. Gut, sie hatten am Morgen vor ihrer Abreise voneinander Abschied genommen, dennoch hätte sie ihn gern zum Flughafen gebracht.

"Du solltest gleich eine Tablette nehmen, Liebes. Kopfschmerzen kannst du dir heute nicht leisten."

Der Aufzug hielt im zweiten Stock. Stefanie nahm den Arm ihrer Großmutter. "Ich werde nachher einen langen Spaziergang machen. Möchtest du auf deinem Zimmer essen?"

"Ja, ich bin ziemlich müde und werde mich gleich nach dem Essen hinlegen." Baronin Felicitas ließ den Arm ihrer Enkelin los. "Du solltest auch eine Kleinigkeit essen?"

"Nach dem Spaziergang."

"Du isst zu wenig, das tut deiner Stimme nicht gut."

Stefanie schluckte die scharfe Bemerkung hinunter, die ihr auf der Zunge lag. Ihre Großmutter meinte es ja nicht böse, auch wenn bei ihr in den letzten Wochen der Wunsch, aus ihr einen Schlagerstar zu machen, zur regelrechten Manie geworden war.

Die junge Frau schloss das Zimmer ihrer Großmutter auf. Der Übernachtungskoffer der alten Dame war von einem Pagen nach oben gebracht worden. Sie half ihr aus den Schuhen und packte den Koffer aus.

"Was möchtest du denn essen, Großmutter?", fragte sie und griff zum Telefon, um die Bestellung aufzugeben.

"Nur Salat und überbackenen Toast", erwiderte die Baronin. Sie verschwand im Bad.

Nachdem sich Baronesse Stefanie überzeugt hatte, dass es ihrer Großmutter an nichts fehlte, suchte sie ihr eigenes Zimmer auf. Auch ihren Koffer hatte man bereits nach oben gebracht. Sie schlüpfte aus ihren Schuhen und öffnete die Balkontür. Die hohe Düne versperrte den Blick auf das Meer, doch sie hörte sein Rauschen. Tief sog sie den Geruch nach frischem Tang und Salz ein.

Gleich darauf wählte sie auf ihrem Handy Torbens Nummer. Nur seine Mailbox meldete. Enttäuscht hinterließ sie ihm eine Nachricht und legte auf. Sie hätte so gern vor seinem Abflug noch einmal mit ihm gesprochen.

Stefanie schlüpfte in Jeans, T-Shirt und Sandalen und verließ das Zimmer. Durch den Hintereingang des Hotels betrat sie den Garten. Sie folgte einem schmalen Weg, der zu einer ausgetretenen Treppe führte.

Leichtfüßig stieg die junge Frau die Treppe zum Dünenkamm hinauf. Der Wind, der vom Wasser her über die Düne strich, grub sich in ihre Haare. Sie griff in die Tasche ihrer Jeans und steckte sie mit einer Spange zusammen.

Es war nicht nur die Sehnsucht nach Torben, die Stefanie erfüllte, sondern auch schweres Lampenfieber. Es erschien ihr seltsam, dass sie bis zum Tod ihres Vaters niemals Angst gehabt hatte, vor einem größeren Publikum aufzutreten.

"Wenn du wüsstest, wie sehr du mir fehlst, Papa", sagte sie leise vor sich hin und beschattete die Augen mit der Hand, weil die Sonne sie blendete.

Vom Strand her schallten die Stimmen der Kinder zu ihr herauf, die im flachen Wasser spielten. Ein kleiner, schwarzer Hund jagte den Dünenkamm entlang. Er verfolgte ein Strandkaninchen. Noch bevor er es erreichen konnte, verschwand es in seinem Bau.

"Pech gehabt, mein Lieber", sagte Stefanie erleichtert und tätschelte den Rücken es enttäuschten Jägers.

Der Hund warf ihr einen vorwurfsvollen Blick zu, als würde er sie für sein Pech verantwortlich machen, und trottete davon.

Stefanie ging weiter. Schon bald erreichte sie die Dünenpassage, die den Mittelpunkt des gesellschaftlichen Lebens der Ferienanlage bildete. Auf der Terrasse des Restaurants, in dem die Veranstaltung stattfinden sollte, saßen noch die Leute beim Mittagessen.

Hatte sie es wirklich nötig, sich ständig der Öffentlichkeit zu präsentieren? Statt sich auf ihren Auftritt vorzubereiten, könnte sie jetzt in ihrem Arbeitszimmer auf dem Gut sitzen, oder mit ihrem Pferd ausreiten.

Sie dachte an den Artikel über die amerikanische Sängerin, den sie am Morgen in der Zeitung gelesen hatte. Die junge Frau hatte sich das Leben genommen, weil sie den Druck, der auf ihr lastete, nicht mehr ertragen konnte.

So weit darf es nicht mit mir kommen, dachte sie, und wird es auch nicht. Immerhin hatte sie Torben, der rechtzeitig die Reißleine ziehen würde.

In ihrem Hotelzimmer stand ein Strauß roter Rosen. Stefanies Herz begann schneller zu schlagen. Wer anders als Torben konnte ihr die Rosen geschickt haben? Sie griff nach dem Kärtchen, das an der Vase lehnte, und schlug es auf.

Nein, der Strauß war nicht von Torben, sondern von Sebastian Molhagen! Der Produzent hielt sich momentan in München auf. 'Ich wäre gern bei Ihrem Auftritt dabei. Leider geht das nicht. Toi... toi... toi... Ich denke an Sie. Ihr Sebastian.'

Baronesse Stefanie griff erneut nach ihrem Handy. Noch bevor sie Torbens Nummer wählte, wurde ihr bewusst, dass ihr Freund längst auf dem Flug nach Italien war. Sie legte das Handy auf den Nachttisch zurück.

Das Telefon klingelte. Die junge Frau hob den Hörer ab und meldete sich. Sie erfuhr, dass die Probe für ihren Auftritt in einer halben Stunde beginnen würde. Sie sollte sich in zwanzig Minuten im Vortragssaal des Ferienzentrums einfinden.

Auf dem Weg zum Vortragssaal lernte Stefanie die drei anderen Sänger kennen, die am Abend im Restaurant auftreten sollten. Es handelte sich um ein Geschwisterpaar aus Lüneburg und einen jungen Mann aus Köln. Auch sie standen noch am Anfang ihrer Karriere und ihr Lampenfieber stand dem ihren nicht nach. Das beruhige sie etwas.

Nach der dreistündigen Probe kehrte die junge Gutsherrin ins Hotel zurück. Ihre Großmutter war währenddessen aufgestanden und hatte sogar einen kurzen Spaziergang gemacht. Sie saß auf der Terrasse bei Kaffee und Kuchen.

Stefanie beugte sich über sie und küsste sie auf die Stirn. "Ich leg mich noch ein wenig hin", sagte sie. "Die Veranstaltung beginnt um acht Uhr. Kannst du mich um sechs wecken?"

"Ja." Die alte Dame nickte. "Wie war die Probe?"

"Überraschend gut."

"Fein! Und deine Kopfschmerzen?"

"Sind besser." Das war gelogen, weil sie ihre Großmutter nicht beunruhigen wollte. Sie winkte ihr zu und betrat das Hotel. Vielleicht hatte Torben angerufen und sie würde seine Nachricht auf der Mailbox vorfinden.

Er hatte angerufen! Stefanie wurde es leichter ums Herz. Sie bedauerte zwar, nicht persönlich mit ihm gesprochen zu haben, doch er hatte sich gemeldet. "Ich liebe dich", hörte sie seine Stimme wieder und wieder. "Du fehlst mir. Alles Gute für deinen Auftritt. Du wirst großartig sein. Ich werde dich gegen Mitternacht anrufen." Mit dem Handy in der Hand legte sie sich aufs Bett.

Wider Erwarten schlief die junge Frau ein. Ausgeruht und ohne Kopfschmerzen erwachte sie zwei Stunden später, noch bevor ihre Großmutter sie wecken konnte. Überrascht stellte sie fest, dass sie kaum noch Lampenfieber spürte. Nachdem sie noch einmal Torbens Nachricht abgehört hatte, ging sie ins Bad, um sich für ihren Auftritt umzukleiden.

Stefanie aß eine Kleinigkeit in ihrem Zimmer, bevor sie sich mit ihrer Großmutter auf den Weg zur Dünenpassage machte. Kaum hatten sich vor ihnen die automatischen Glastüren in den Eingangsbereich geöffnet, befanden sie sich in einer anderen Welt. Sie wurden von Musik, Vogelgezwitscher und dem bunten Treiben eines Gauklers empfangen, der seine Zuschauer mit waghalsigen Kunststücken in den Bann zog.

Zum Restaurant führten einige Stufen hinauf. Alle Tische waren besetzt. Stefanie war froh, für ihre Großmutter zuvor reserviert zu haben. Ein Kellner führte die alte Dame zu ihrem Platz, während Stefanie in einem der Nebenräume verschwand.

Langsam brach die Dämmerung herein. Im Restaurant und auf seiner Terrasse wurden die bunten Lampen eingeschaltet, die an fast unsichtbaren Kabeln unterhalb des Daches hingen. Kellner in dunklen Anzügen entzündeten die auf den Tischen stehenden Kerzen. Eine Radiosprecherin, eigens für diesen Abend engagiert, stimmte die Gäste mit launigen Sprüchen auf die Show ein.

Der Abend stand unter dem Motto 'Musik aus großen Filmen'. Zur Einstimmung spielte die Band 'Saharatraum' aus dem Film 'Das Geheimnis der Sahara'. Gleich danach sang das Geschwisterpaar den Titelsong aus 'Das letzte Einhorn'.

Stefanies Herz schlug bis zum Hals. Jetzt so kurz vor ihrem Auftritt, kehrte das Lampenfieber zurück. Sie hätte sich bedeutend sicherer gefühlt, wenn sie die Songs ihrer Single CD hätte singen dürfen. Leider hatte das Motto des Abends bereits festgestanden, als sie sich bereit erklärt hatte, für Jasmin Sanwald einzuspringen.

Der letzte Ton des Liedes verklang. Die Leute klatschten.

"Und nun hören Sie Stefanie mit dem Lied 'Wer lebt schon gern für immer", wurde sie von der Moderatorin angekündigt.

Stefanie atmete tief durch. Indem sie ihre Daumen hochhielten, zeigten ihr ihre Kollegen, dass sie ihr Glück wünschten. Ihre Kehle fühlte sich so trocken an, als hätte sie seit Wochen nichts getrunken. Mit einem Lächeln trat sie auf die Bühne. Blitzlichter flammten auf. Jemand klatschte.

Die Moderatorin reichte ihr das Mikrophon. Stefanie griff nach ihm. Die Band begann zu spielen und plötzlich fühlte sie die Sicherheit, die sie bei früheren Auftritten empfunden hatte. Rein und klar sang sie den Titelsong aus 'Der Highlander'.

Als Torben von Werntal kurz nach Mitternacht anrief, sprach Stefanie von dem Erfolg, den sie an diesem Abend gehabt hatte. Zum ersten Mal seit Wochen zweifelte sie nicht daran, ob sie den richtigen Weg gewählt hatte. Sie sprach von dem brausenden Beifall des Publikums, den Autogrammen, die sie gegeben hatte, und dem Glück in den Augen ihrer Großmutter.

"Sie meinte, meine Karriere sei nicht mehr aufzuhalten", erzählte die junge Frau freudig. "Ich hatte nicht an den Erfolg dieses Abends geglaubt. Noch am Nachmittag wäre ich am liebsten bis ans Ende der Welt geflohen."

"Es hätte nicht das Ende der Welt sein müssen, Steffi, zu mir nach Italien hätte schon ausgereicht", scherzte Torben. "Ich hätte dich behütet und beschützt."

"Ich bin so froh, dass es dich gibt, Torben." Stefanie lehnte sich gegen die Rückwand ihres Bettes. "Ich könnte rundherum glücklich sein, leider fehlt mir dazu noch etwas."

"Und darf man fragen, was es ist?"

"Du bist es, Liebling", gestand sie zärtlich. "Ohne dich ist meine Welt nicht vollkommen." Sie schickte ihm durch das Telefon einen Kuss, den er sofort erwiderte. Was nützte ihr der Erfolg, wenn sie und der Mann, den sie liebte, Hunderte von Kilometern trennten. Wie gern hätte sie den Erfolg dieses Abends, für Torbens Gegenwart eingetauscht. 

* * *

Während der nächsten Wochen kam Baronesse Stefanie kaum zum Atemholen. Ein Termin jagte den nächsten. Trotzdem bemühte sie sich, auch ihrer Arbeit auf dem Gut nachzukommen. Sie sah nicht ein, weshalb sie sich mehr Ruhe gönnen sollte. Zudem war sie der Meinung, dass die viele Arbeit ihr über die Trennung von Torben hinweg half.

So vergingen die nächsten Wochen und ehe sie sich versah, saß sie mit Ines Miller im Flugzeug nach München. Sie hatte Ines eingeladen, sie an den Tegernsee zu begleiten, um wieder mehr Zeit mit ihr zu verbringen. Schamvoll musste sie sich eingestehen, dass sie ihre Freundin der letzten Zeit ziemlich vernachlässig hatte. Früher hatten sie fast jede freie Minute miteinander verbracht. Inzwischen gab es kaum noch freie Minuten für sie.

So gern Felicitas Baronin von Ahrenberg die beiden jungen Damen an den Tegernsee begleitet hätte, sie musste das Bett hüten, nachdem sie sich einige Tage zuvor bei einem Sturz die Rippen gebrochen hatte. Es war nur ein geringer Trost für sie, dass die Veranstaltung im Fernsehen übertragen wurde.

"Zeig es all den Showgrößen, mit denen du auftreten wirst", hatte sie ihrer Enkelin mit auf den Weg gegeben.

Simon Willenbrink, der nicht nur Stefanie vertrat, sondern auch noch einige der anderen Künstler, holte sie vom Flughafen ab. "Und wen haben wir da?", fragte er, als Stefanie in Ines' Begleitung in die Ankunftshalle kam. "Machen Sie mich bitte bekannt, Stefanie." Er ließ keinen Blick von Ines.

Stefanie stellte die beiden einander vor und bemerkte zu ihrer Überraschung, dass auch ihre Freundin Feuer gefangen hatte. Seit sich Ines vor zweieinhalb Jahren von ihrem damaligen Freund getrennt hatte, hatte es keinen Mann mehr in ihrem Leben gegeben.

Simons Wagen stand im Parkhaus. "Wer von Ihnen möchte vorne sitzen?", fragte er, nachdem er seinen Wagen aufgeschlossen hatte. Er öffnete den Kofferraum, um das Gepäck zu verladen.

"Ines wird neben Ihnen sitzen, Simon", bestimmte Stefanie. "Ich sitze lieber hinten." Sie warf ihrer Freundin ein verschwörerisches Lächeln zu.

Ines zwinkerte ihr zu und setzte sich auf den Beifahrersitz. Sie griff nach dem Gurt. "Könnten Sie mir helfen, Herr Willenbrink?", fragte sie. "Bei fremden Wagen habe ich immer Mühe, mich anzuschnallen."

"Jederzeit bereit", erklärte er lachend, beugte sich über sie und befestigte den Gurt in der Halterung. Wie absichtslos streifte er dabei mit seinem Gesicht ihre Wange. "Verzeihung", murmelte er, ohne es auch so zu meinen. "Kommen Sie allein zurecht, Stefanie?"

"Ich bin bereits angeschnallt", erwiderte die junge Frau.

Der Agent schlug die Beifahrertür zu und ging um den Wagen herum. "Waren Sie schon einmal am Tegernsee, Frau Miller?", erkundigte er sich, als er sich neben Ines setzte. "Es gibt dort viele Plätze, die ich Ihnen gern zeigen würde."

"Nein, ich war noch nie am Tegernsee", sagte sie.

Simon warf einen Blick in den Rückspiegel. "Würden Sie mir heute Nachmittag Ihre Freundin anvertrauen, Stefanie?", fragte er. "Sie sind ja leider mit den Proben beschäftigt." Es klang nicht, als würde er das wirklich bedauern.

"Ich vertraue Sie Ihnen an", sagte Stefanie amüsiert.

Sie bezogen ihre Suite im Hotel Bachmaier, das nur von einer Straße getrennt am See lag. Von einem der Fenster aus konnten sie über den Tegernsee hinwegblicken, von dem anderen zum Wallberg, der sich hinter Rottach-Egern erhob.

"Willst du mich mit Herrn Willenbrink verkuppeln?", fragte Ines, nachdem sie sich umgezogen hatte.

Stefanie bemerkte, wie sorgfältig sich ihre Freundin im Bad zurechtgemacht hatte. "Dir gefällt Simon." Sie lachte. "Als würdest du dich nicht selbst anschnallen können, Ines... Man müsste schon blind und taub sein, um dein Manöver nicht zu durchschauen."

"Ja, er gefällt mir." Ines warf einen Blick in den bodenlangen Spiegel, vor dem sie stand. "Macht es dir wirklich nichts aus, wenn ich nicht bei den Proben dabei bin?"

Ihre Freundin schüttelte den Kopf. "Simon ist ein netter Kerl, ganz das Gegenteil von Sebastian Molhagen." Ihr Gesicht verdüsterte sich. "So dankbar ich ihm für alles sein muss, Molhagen gehört nicht zu den Menschen, mit denen ich gern zusammen bin."

"Mir ist er von Anfang an nicht sehr sympathisch gewesen." Ines trat auf den Balkon hinaus und blickte zum Kultur- und Kongress-Saal hinüber, in dem am nächsten Abend die Wohltätigkeitsveranstaltung stattfinden würde. "Ich freue mich schon darauf, dich morgen inmitten all der Showgrößen zu sehen und zu wissen, bald wirst du auch eine der ganz Großen sein."

"Danke für deine Zuversicht."

"Das ist keine Zuversicht, sondern Gewissheit." Ines drehte sich ihrer Freundin zu. "Und es macht dir wirklich nichts aus, wenn..."

"Verschwinde." Stefanie schob die junge Frau in Richtung Tür.

Kaum hatte Ines die Tür der Suite hinter sich geschlossen, legte sich Stefanie aufs Bett und rief Torben an, um ihm zu sagen, dass sie bereits am Tegernsee eingetroffen war. Sie hatten erst am Morgen miteinander telefoniert und dennoch war ihr die Zeit bis zu diesem Gespräch endlos erschienen. Keine vierundzwanzig Stunden mehr und sie würden sich wiedersehen. Torben hatte an diesem Abend sein letztes Konzert in Mailand...

Leider konnten sie nur ein paar Worte miteinander wechseln, da der junge Pianist zu einer Probe musste. Er versprach, sie nach seinem Konzert anzurufen. "Ich habe nicht vor, dich auch nur noch eine Minute allein zu lassen, wenn ich erst wieder in Deutschland bin", versprach er.

"Ich werde wie eine Klette an dir hängen", versicherte sie glücklich. "Die Wochen ohne dich sind schrecklich gewesen. Ich vermisse dich so."

"Darüber müssen wir uns nach meiner Rückkehr länger unterhalten", scherzte er. "Diese Aussage bedarf einer eingehenden Erläuterung."

"Ich stehe dir zu Verfügung", meinte sie lachend. "Bis heute Abend!"

"Bis heute Abend, Liebling." Er legte auf.

Nur noch ein paar Stunden, dachte Stefanie, nur noch ein paar Stunden und Torben ist bei mir.

Sie träumte mit offenen Augen von ihrem Wiedersehen und hätte dabei fast die Proben vergessen. Ihr Blick fiel zufällig auf die Uhr. Erschrocken sprang sie auf. In zehn Minuten musste sie im Kur- und Kongress-Saal sein.

* * *

Am nächsten Morgen erwachte Stefanie Baronesse von Ahrenberg mit dem Gedanken an ihren Freund. In wenigen Stunden würde Torben in Rottach-Egern eintreffen. Er hatte von Italien aus ein Zimmer in diesem Hotel gebucht. Wie sie herausgefunden hatte, lag es in der Nähe ihrer Suite.

Ines und Stefanie hatten sich gerade angezogen, um zum Frühstück hinunterzugehen, als das Telefon auf dem Nachttisch der jungen Sängerin läutete. Sie eilte zum Bett zurück und hob den Hörer ab. "Torben, wo bist du?", fragte sie freudig, als sich ihr Freund meldete.

"Noch in Mailand", gab er geknickt zu. "So leid es mir tut, Steffi, ich kann nicht an den Tegernsee kommen. Ich muss drei Konzerte für einen Kollegen übernehmen. Er hatte vergangene Nacht einen Autounfall."

"Du kommst nicht?" Stefanie fühlte, wie Tränen über ihre Wangen rannen. "Ich habe mich so auf dich gefreut und..." Sie schluckte schwer an ihren Tränen. "Natürlich kann ich das verstehen, Torben. Wie geht es deinem Kollegen?"

"Er hat eine leichte Gehirnerschütterung. Nächste Woche wird er wieder spielen können."

Nächste Woche, dachte Stefanie niedergeschlagen. Sie atmete tief durch. "Werden wir uns noch ein paar Tage gedulden müssen", meinte sie darum bemüht, tapfer zu sein.

"Danke, Liebling", sagte er. "In Gedanken bin ich heute Abend bei dir. Ich drücke dich ganz fest." Torben spürte die tiefe Traurigkeit, die Stefanie ergriffen hatte. Es fiel ihm schwer, ihr nicht zu versprechen, dass nächste Flugzeug zu nehmen. Immerhin hatte er bereits zugesagt, drei Konzerte für seinen Kollegen zu übernehmen.

Nach dem Gespräch mit Torben blieb Stefanie wie erstarrt auf ihrem Bett sitzen. Auch wenn sie ihren Freund verstehen konnte, sie fragte sich, wie sie mit ihrer Enttäuschung fertig werden sollte. Wie sollte sie die Generalprobe und den kommenden Abend durchstehen. Sie hatte so fest mit ihm gerechnet.

"Du schaffst es, Steffi." Ines nahm die Freundin in die Arme. "Du wirst heute so gut singen, wie du noch nie gesungen hast."

"Im Moment kann ich mir nicht vorstellen, heute überhaupt aufzutreten", erwiderte Stefanie mutlos. Sie legte eine Hand auf ihren Brustansatz. "Es tut so weh."

"Das geht vorüber", tröstete Ines. "Soll ich uns das Frühstück aufs Zimmer bringen lassen? Etwas essen musst du, sonst stehst du den heutigen Tag nicht durch."

"Ja, lass uns etwas bringen", bat Stefanie. "Ich werde versuchen, vernünftig zu sein."

Die Arbeit half der jungen Frau, ihre Traurigkeit zu überwinden. Je weiter der Tag fortschritt und sich der Abend näherte, umso mehr gelang es Stefanie, sich auf ihre Songs zu konzentrieren. Dazu kam, das sie zwei Interviews geben musste und Sebastian Molhagen sie mit dem Produzenten einer Fernsehserie bekannt machte, die im Vorabendprogramm lief. Er lud sie ein, als Gaststar in einer Folge der Sendung aufzutreten.

Von Ines und Simon sah sie im Laufe des Tages nur wenig. Es war ihr recht. Auch wenn sie es ihrer Freundin gönnte, sich in Simon Willenbrink verliebt zu haben, es tat weh zuzuschauen, wie sich zwischen den beiden jungen Leuten etwas anbannte.

"Wie fühlen Sie sich, Stefanie?", fragte Sebastian Molhagen nach der Generalprobe. "Es ist alles wie am Schnürchen gelaufen. Ich bin sehr, sehr zufrieden."

"Gut", antwortete sie, obwohl das keineswegs der Wahrheit entsprach. So gut die Generalprobe auch gelaufen war, noch lag die Show vor ihr. Wie schön wäre es gewesen, Torben im Zuschauerraum zu wissen. Er hätte ihr den Halt gegeben, dessen sie bedurfte. Nun musste sie es ohne ihn schaffen.

"Fein." Er nahm ihren Arm. "Ich bringe Sie ins Hotel. Sie sollten sich vor der Show noch etwas ausruhen." Seine Lippen verzogen sich spöttisch. "Ihre Freundin ist ja anderweitig beschäftigt. So kenne ich Herrn Willenbrink gar nicht. Gewöhnlich bemüht er sich mehr um seine Stars."

"Die Show werden er und meine Freundin sich bestimmt nicht entgehen lassen."

"Wollen wir es hoffen." Molhagen lachte hart auf. "Zum Glück können Sie sich auf mich verlassen. Ich begleite meine Stars durch dick und dünn."

Ich komme auch ganz gut allein zurecht, dachte Stefanie. Sie wollte Sebastian Molhagen ihren Arm entziehen. Er hielt ihn unerbittlich fest.

Zum Glück bestand der Produzent nicht darauf, mit ihr zu Abend zu essen, nachdem sie ihm gesagt hatte, dass sie sich nur eine Kleinigkeit aufs Zimmer kommen lassen würde. Er gab sich damit zufrieden, sie bis zu ihrer Suite zu bringen, dann verabschiedete er sich von ihr und versprach, um neunzehn Uhr in der Halle auf sie zu warten.

Zu ihrer Überraschung fand sie in der Suite ihre Freundin vor. Ines wirkte reichlich geknickt. "Hoffentlich kannst du mir verzeihen", meinte sie. "Ich hätte dir beistehen sollen, statt den Tag mit Simon zu verbringen."

"Ich hätte ohnehin kaum Zeit für dich gehabt", sagte Stefanie herzlich. "Nein, ich bin dir nicht böse." Sie blickte ihrer Freundin ins Gesicht. "Du scheinst bis über beide Ohren in Simon verliebt zu sein."

"Ich habe so etwas noch nie erlebt", gestand Ines. "Es kann nur Liebe sein. Bereits bei unserer ersten Begegnung auf dem Flughafen habe ich weiche Knie bekommen. Als seine Hand mich berührte... Verrückt nicht wahr?"

"Ich freue mich für dich." Stefanie nahm sie in die Arme. "Und wie es aussieht, ist er genauso verrückt nach dir wie du nach ihm."

"Wir können nicht voneinander lassen."

"Also ist es etwas Ernstes?"

"Ich hoffe es." Ines trat ans Fenster und blickte über den Tegernsee hinweg nach Bad Wildmoos.

Um sieben Uhr dreißig trafen die ersten Gäste im Kur- und Kongress-Saal ein. Die Eintrittskarten zu dieser Veranstaltung waren bereits seit Wochen ausverkauft. Alles was Rang und Namen in Bayern hatte, legte Wert darauf, an diesem Abend dabei zu sein. Sogar der bayrische Ministerpräsident und seine Gattin gaben sich die Ehre.

Stefanie hatte drei Auftritte. Als sie das erste Mal auf die Bühne musste, konnte sie ihr innerliches Zittern kaum beherrschen. Sie befürchtete, keinen klaren Ton herauszubekommen. Doch kaum hielt sie das Mikrophon in der Hand, spürte sie von ihrem Lampenfieber nichts mehr. Sie schaute zu dem Segelschiff hinauf, das aus der Höhe hinab schwebte. "Sailing ships from heaven", sang sie den Titelsong ihrer Single CD.

Ines, die mit Simon Willenbrink in der dritten Reihe des Zuschauerraumes saß, fasste nach seiner Hand und drückte sie. "Ist Steffi nicht fantastisch?", raunte sie ihm zu.

"Ja, das ist sie", bestätigte der junge Mann, "du übrigens auch." Verliebt schaute er ihr in die Augen.

Vor dem Empfang, der nach der Show stattfand, drückten sich Ines und Simon Willenbrink. Sie wollten den Rest des Abends allein verbringen. Stefanie nahm es ihnen nicht übel. Auch sie wäre gern vor dem Empfang geflüchtet. Es lag ihr nichts daran, allen möglichen Leuten die Hände zu schütteln. Viel lieber hätte sie sich in ihr Hotelzimmer zurückgezogen, um von dort aus mit Torben zu telefonieren.

"Dieser Abend ist ihr Durchbruch, Stefanie", meinte Sebastian Molhagen. "Ein klein wenig haben Sie das auch mir zu verdanken."

"Nicht nur ein klein wenig", sagte Ines. "Ohne Sie wäre ich nicht so weit gekommen." Sie befanden sich in einem der Nebenräume des Kur- und Kongress-Saals. Stefanie hatte sich für ein paar Minuten zurückziehen wollen. Molhagen war ihr gefolgt.

Er hob die Hand und berührte ihr Gesicht, bevor sie zurückweichen konnte. "Wäre es da nicht an der Zeit, sich etwas erkenntlich zu zeigen, Stefanie?" Er schaute ihr in die Augen.

"Wie meinen Sie das?", fragte sie und stellte sich dumm.

"Als wenn du das nicht wüsstest", antwortete er und ging ganz einfach zum Du über. Blitzschnell riss er sie an sich und küsste sie auf den Mund. Im selben Moment flammte von der Tür her ein Blitzlicht auf.

Stefanie nahm es nur im Unterbewusstsein wahr. Heftig stieß sie Molhagen von sich und wischte sich über den Mund.

"Lassen Sie das!" Ihre Augen blitzten vor Wut.

Ihre Wut stachelte Sebastian Molhagen nur an. "Du siehst reizend aus, wenn du mir am liebsten die Augen auskratzten würdest, mein Kätzchen", lockte er.

Stefanie wollte gehen. Er hielt sie am Arm fest. "Ich schreie, wenn Sie mich nicht loslassen", drohte sie.

"Schrei ruhig, Steffi", sagte er gefährlich leise, "aber an deiner Stelle würde ich mir das gut überlegen. Was bist du ohne mich? Ich mache Stars und genauso liegt es in meiner Macht, sie wieder ins Nichts zu treten. Also, benimm dich nicht wie ein kleines Kind." Erneut riss er sie an sich.

Dieses Mal war die junge Frau darauf vorbereitet. Sie drehte sich zur Seite, holte aus und schlug ihm hart ins Gesicht, bevor er sie küssen konnte.

Molhagen starrte sie entgeistert an. Er griff mit der Hand an seine Wange. "Das wirst du noch bereuen", zischte er. "Das bleibt nicht ohne Folgen." Außer sich vor Zorn streckte er den Arm nach ihr aus.

Stefanie rannte zur offenen Tür. Aus dem Veranstaltungssaal drangen Musik, Stimmen und Lachen. Sie rannte zum Eingangsbereich des Kur- und Kongress-Saals. Einige Leute, die sich dort aufhielten, schauten ihr verwundert nach, als sie wie von tausend Teufeln gejagt ins Freie stürzte und in Richtung See lief.

Erst als die Baronesse den See erreicht hatte, blieb sie schweratmend stehen. Vorsichtig schaute sie sich um. Nein, Molhagen folgte ihr nicht. Aufschluchzend vergrub sie ihr Gesicht in den Händen.

* * *

Ines Miller kehrte erst spät in der Nacht ins Hotel zurück. Leise betrat sie die Suite. Auf Zehenspitzen schlich sie zu Stefanies Bett. Ihre Freundin schlief. Sie griff nach ihrem Pyjama und huschte fast lautlos ins Bad.

Stefanie schlief nicht! Vergeblich versuchte sie, die hässliche Szene mit Sebastian Molhagen zu vergessen. Noch immer glaubte sie, seinen Kuss auf ihren Lippen zu spüren. Sie fühlte sich beschmutzt und erniedrigt. Wie hatte er annehmen können, sie würde sich aus Dankbarkeit für die zweite Chance, die er ihr gegeben hatte, mit ihm einlassen? – Wie kam er auf so eine Idee? Hatte sie ihm nicht mehrmals sehr deutlich zu verstehen gegeben, dass sie nicht bereit war, um jeden Preis Karriere zu machen?

Ines schlief längst, als Stefanie immer noch wach lag. Als die junge Baronesse es nicht länger im Bett aushalten konnte, stand sie auf, schlüpfte in ihren Morgenrock und trat auf den Balkon hinaus. Im See spiegelte sich das Mondlicht. Irgendwo bellte ein Hund. Sie dachte an Torben. Nach ihrer Rückkehr ins Hotel hatten sie noch miteinander telefoniert. Hätte sie ihm erzählen müssen, dass Molhagen sie gegen ihren Willen geküsst hatte?

Erst gegen Morgen schlief Stefanie ein. Als sie erwachte, schien die Sonne bereits hell ins Zimmer. Ines hatte schon das Frühstück bestellt. "Du warst gestern einfach Klasse, Steffi", sagte sie und setzte sich zu ihr aufs Bett.

"Ich habe Molhagen geohrfeigt." Stefanie setzte sich auf.

Ihre Freundin starrte sie fassungslos an. "Du machst Witze", meinte sie, "oder?"

"Nein." Sie erzählte ihr, was vorgefallen war.

"So ein ..." Ines schluckte hinunter, was sie hatte sagen wollen. "Hast du Torben davon erzählt?"

Stefanie schüttelte den Kopf. "Er muss davon nichts wissen." Sie stand auf und ging ins Bad, um zu duschen und sich anzuziehen.

Es dauerte eine Weile, bis die junge Frau im Morgenmantel aus dem Bad kam. Sie trug Jeans und einen leichten Sommerpullover. "Was ist mit dir und Simon?" Sie fuhr sich mit den Fingern durch die noch feuchten Haare.

Von ihrer Freundin kam keine Antwort. Das Zimmermädchen hatte inzwischen das Frühstück und die Morgenzeitung gebracht. Ines starrte auf ein Foto im Innenteil der Zeitung. Mit einem großen Artikel wurde über die Wohltätigkeitsveranstaltung berichtet. Eines der Fotos zeigte Stefanie und Sebastian Molhagen wie sie sich küssten.

Stefanie beugte sich über ihre Freundin. Ihre Augen weiteten sich vor Entsetzen. "Wer tut denn so etwas?", stammelte sie. "Wer hat uns denn fotografiert?" Der Text, der unter dem Foto stand, trieb ihr die Schamröte in die Wangen. "Sebastian Molhagen, verheiratet und Vater von zwei Kindern, mit Stefanie von Ahrenberg, seiner neuesten Entdeckung."

"Ich würde verlangen, dass Molhagen das richtig stellt", sagte Ines, "sonst hängt dir das noch in zehn Jahren nach. Unter Umständen könnte es sogar deine Karriere ruinieren."

"Wenn Torben dieses Foto sieht..." Stefanie griff nach ihrem Handy. "Auch in Italien gibt es deutsche Zeitungen. Ich muss ihm davon erzählen, bevor es ein anderer tut." Mit zitternden Fingern wählte sie die Nummer ihres Freundes, aber er meldete sich nicht. Ihr blieb nichts anderes übrig, als auf seiner Mailbox zu hinterlassen, dass er sie anrufen sollte.

Sie stürzte hastig eine Tasse Kaffee hinunter und griff nach ihrer Handtasche.

"Was hast du vor?"

"Ich suche sofort Molhagen auf. Um diese Zeit ist er vermutlich unten im Fitness-Raum."

"Soll ich mitkommen?" Ines stand auf.

Stefanie schüttelte den Kopf. "Nein, das muss ich allein erledigen." Sie nahm die Zeitung an sich. "Vielleicht hat er den Artikel noch gar nicht gelesen."

"Das glaube ich nicht. Männer wie er lesen die Zeitung, kaum, dass sie herausgekommen ist", meinte Ines. Besorgt blickte sie ihrer Freundin nach. Als sich hinter Stefanie die Tür geschlossen hatte, rief sie Simon Willenbrink an. Er hatte gerade erst die Zeitung bekommen.

Wie Stefanie richtig vermutet hatte, hielt sich Sebastian Molhagen im Fitness-Raum auf. Er war dabei, seine Sachen zusammenzupacken, um zum Duschen zu gehen. Das Unterhemd, das er über roten Sporthosen trug, war schweißgetränkt. Um den Hals hatte er lose ein Handtuch geschlungen.

"Willst du dich entschuldigen?", fragte er, kaum, dass Stefanie den Raum betreten hatte. "Nur zu, ich bin bereit, dir noch einmal zu verzeihen." Er streckte ihr die Hand entgegen.

"Ich wüsste nicht, für was ich mich entschuldigen sollte." Sie bedauerte, dass sich außer ihnen niemand im Fitness-Raum aufhielt. "Haben Sie den Artikel über den gestrigen Abend gelesen."

"Habe ich." Er lachte höhnisch auf. "Sind wir nicht ein schönes Paar?"

"Sie müssen das bei Zeitung richtig stellen, Herr Molhagen." Stefanie dachte nicht daran, ihn weiter mit dem Vornamen anzureden. Sie blieb außerhalb seiner Reichweite stehen. "Man muss eine Gegendarstellung bringen."

"Ich denke nicht daran, irgendetwas richtig zu stellen", erklärte er. "An und für sich solltest du froh über das Foto sein. Eine schlechte Presse ist immer noch besser als gar keine Presse. Und was deinen Auftritt von gestern Abend betrifft, so berauschend ist er ja leider nicht gewesen."

"Mein Auftritt interessiert mich nicht, Herr Molhagen!" Stefanie warf die Zeitung auf die Bank, neben der er stand. "Bringen Sie das in Ordnung!" Sie senkte die Stimme. "Ich könnte auch zur Zeitung gehen und meine Version der Geschichte erzählen."

"Soll ich jetzt vor Furcht erstarren?" Erneut lachte er. "Mir ist es völlig egal, was man über mich schreibt. Ja, geh nur zur Zeitung. Wirf dich den Journalisten zum Fraß vor. Betroffene Hunde bellen bekanntlich." Molhagen stieß die Zeitung mit einer einzigen Handbewegung von der Bank. "Ich muss verrückt gewesen sein, jemanden wie dir aus Mitleid eine zweite Chance zu geben. Kaum Talent, aber mich erpressen wollen."

Stefanie sah ein, dass er unter keinen Umständen zu einer Gegendarstellung bereit sein würde. "Sie sind wirklich das Letzte!", stieß sie hervor. "Ich will nie wieder mit Ihnen zu tun haben."

"Da gibt es Verträge", bemerkte er ruhig. "Und eines darfst du mir glauben, Stefanie, ich kenne keine Skrupel. Also, leg dich nicht mit mir an." Er drehte sich um und ging pfeifend in Richtung Duschen.

Stefanie lehnte sich gegen die kühle Wand. Ihr war schwindlig. Erschöpft schloss sie für einen Moment die Augen. Wie hatte sie nur jemals einem Mann wie diesem Molhagen vertrauen können?

Als sie ins Foyer kam, wurde sie dort schon von Ines und Simon Willenbrink erwartet. Die beiden stellten keine Fragen, sie ahnten, dass Molhagen sich weigerte, eine Gegendarstellung zu verlangen. Es hätte sie sehr gewundert, wenn es anders gewesen wäre.

"Sollen wir schon heute nach Schleswig-Holstein zurückkehren?", fragte Ines. "Unter diesen Umständen habe ich auch keine Lust, noch länger am Tegernsee zu bleiben."

"Ich könnte euren Flug umbuchen", bot Simon an. "Ich selbst muss ohnehin noch heute nach Hamburg." Er legte den Arm um Ines. "Spätestens am nächsten Wochenende werde ich dich besuchen."

"Mich hält hier nichts mehr", sagte Stefanie dumpf. "Ich werde noch einmal versuchen, Torben zu erreichen. Ich muss mit ihm sprechen, bevor er dieses Foto sieht. Es ist ja bestimmt nicht nur im Mantel der hiesigen Zeitung abgedruckt worden."

"Gut, packen wir unsere Koffer." Ines lächelte ihr ermutigend zu. "Simon wird dir helfen, aus dem Vertrag mit Molhagen herauszukommen, oder möchtest du weiter mit ihm zusammenarbeiten?"

"Ich will ihn niemals wiedersehen", antwortete Stefanie. "Wäre ich ihm nur nie begegnet." Blind vor Tränen hastete sie die Treppe hinauf. Sie war nicht nur wütend auf den Produzenten und den Reporter, der sie fotografiert hatte, sondern vor allen Dingen auf sich selbst. Sebastian Molhagen war ihr noch nie sympathisch gewesen. Weshalb hatte sie nicht auf ihre innere Stimme gehört und einen großen Bogen um ihn gemacht?

* * *

Bernd Kronmüller, der die beiden jungen Damen vom Flughafen abgeholt hatte, hielt vor dem Hotel, in dem Stefanies Freundin arbeitete und wohnte. Er stieg aus und öffnete für Ines den Wagenschlag. "Bitte."

"Soll ich nicht lieber bei dir bleiben, Steffi?", fragte Ines besorgt, bevor sie ausstieg. "Ich habe ja noch Urlaub?"

"Nein, ich möchte jetzt lieber alleine bleiben", erwiderte Baronesse Stefanie niedergeschlagen. "Ich bin nicht in der Stimmung... Wir telefonieren morgen, Ines. Grüß Simon von mir, wenn er dich nachher anruft."

"Werde ich", versprach Ines. Sie dankte dem Chauffeur, der ihr Gepäck ausgeladen hatte. Es fiel ihr nicht leicht, Stefanie allein zu lassen, aber sie wollte sich auch nicht aufdrängen. Seit sie in München ins Flugzeug gestiegen waren, hatte Stefanie kaum ein Wort gesprochen. Wenn Steffi wenigstens Torben erreichen könnte, dachte sie. Warum meldete sich Torben nicht!

Stefanie lehnte sich zurück und schloss die Augen. Sie spürte, wie die Limousine anfuhr. Den ganzen Tag über hatte sie versucht, Torben anzurufen. Er ging einfach nicht an sein Handy. In seinem Hotel konnte sie ihn auch nicht erreichen. Hatte er womöglich schon das Foto von Molhagen und ihr gesehen? Wollte er nichts mehr von ihr wissen?

Sie bemühte sich, nicht zu weinen. Sie wollte nicht, dass Bernd Kronmüller im Rückspiegel ihre Tränen sah. Vermutlich bildete sie es sich nur ein, aber er hatte sie ganz seltsam angesehen, als er sie auf dem Flughafen begrüßt hatte.

Mit ihrer Großmutter hatte sie noch nicht gesprochen. Sie hatte nicht gewagt, sie anzurufen. Sie konnte sich vorstellen, wie entsetzt die alte Dame über das Foto war. Ihre Großmutter legte großen Wert auf einen guten Ruf. Dieses Foto musste für sie wie ein Schlag ins Gesicht sein.

"So, da wären wir, Baronesse Stefanie", sagte Bernd Kronmüller. Er stieg aus und öffnete die Fondtür. "Willkommen zu Hause."

"Danke, Bernd." Die junge Gutsherrin lächelte ihm zu. "Grüßen Sie Ihre Frau von mir." Sie wartete nicht auf seine Antwort, sondern eilte die Stufen zum Portal hinauf. Flüchtig rief sie der Mamsell, die ihr entgegenkam, einen Gruß zu, und betrat die Halle.

Um diese Zeit saß ihre Großmutter wahrscheinlich im Salon oder auf der Terrasse. Sie musste mit ihr sprechen, musste ihr erklären, was vorgefallen war... Stattdessen ging Stefanie in die Bibliothek, stellte ihre Handtasche auf den Tisch am Kamin und suchte in ihr nach ihrem Handy, um noch einmal Torbens Nummer zu wählen.

Wieder meldete sich nur seine Mailbox!

Die junge Baronesse hockte sich auf eine Sessellehne und wählte die Nummer seines Mailänder Hotels. Unter der Durchwahl seines Zimmers meldete sich eine Frau, die weder deutsch noch englisch sprach. Stefanie wählte erneut, diesmal die Rezeption.

"Herr von Werntal ist heute Nachmittag abgereist", sagte die Angestellte an der Rezeption. "Wir haben für ihn ein Zimmer in unserem Partnerhotel in Turin reservieren lassen. Möchten Sie die Telefonnummer des Hotels?"

"Nein, danke." Stefanie legte auf.

Minuten lang vergrub sie das Gesicht in den Händen, dann stand sie auf, griff nach ihrer Handtasche und verließ die Bibliothek. Sie war unfähig, einen klaren Gedanken zu fassen. Für sie stand fest, dass Torben nichts mehr von ihr wissen wollte. Nur aus diesem Grund ging er nicht an sein Handy und rief sie nicht an. Und aus diesem Grund hatte er auch Mailand verlassen und war nach Turin gefahren. Wie hätte die junge Frau ahnen sollen, dass sie eine falsche Auskunft bekommen hatte? Nicht Torben, sondern ein anderer Gast war nach Turin gefahren.

In der Halle begegnete ihr wieder die Mamsell. "Die Frau Baronin hat bereits nach Ihnen gefragt, Baronesse Stefanie", sagte sie. "Könnten Sie gleich zu ihr gehen. Sie..." Stirnrunzelnd sah sie Stefanie an. "Ist es Ihnen nicht gut? Kann ich etwas für Sie tun."

"Mit mir ist alles in Ordnung", antwortete Stefanie mutlos und verließ das Haus. Sie konnte jetzt nicht mit ihrer Großmutter sprechen. Erst einmal musste sie mit sich selbst ins Reine kommen. Direkt vor ihr hatte sich ein breiter Graben aufgetan und sie wusste nicht, wie sie auf die andere Seite gelangen sollte. Ihr war schwindlig und sie hatte Kopfschmerzen. Die eisigen Schauer, die durch ihren Körper jagten, konnte nicht einmal die Wärme dieses Spätsommertags vertreiben.

Die junge Frau ging zu den Garagen. Bernd Kronmüller war dabei, die Limousine zu putzen. Sie beachtete ihn nicht, sondern nahm einen der Wagenschlüssel von den Haken, an denen sie hingen, setzte sich in ihren BMW und fuhr rückwärts aus der Garage. Sie hatte kein Ziel. Sie wollte nur weg. Weg von Ahrenberg, weg von den Menschen, die sie kannte, weg von allem, was sie mit ihrem bisherigen Leben verband.

* * *

Elke von Werntal schloss auf dem Hamburger Flughafen ihren Sohn stumm in die Arme. "Ich bin so froh, dich zu sehen, Torben", sagte sie auf dem Weg zu ihrem Wagen. "Auf Ahrenberg ist alles in höchster Aufregung. Wir wissen noch immer nicht, wohin Stefanie gefahren ist."

Der junge Pianist griff nach dem Wagenschlüssel, den ihn seine Mutter reichte. Er machte sich große Sorgen um seine Freundin. Als er am frühen Nachmittag im Hotel Bachmair angerufen hatte, hatte er erfahren, dass Stefanie bereits abgereist war, auf ihrem Handy hatte er sie jedoch nicht erreichen können. Es war ihm nicht einmal möglich gewesen, auf ihre Mailbox zu sprechen.

"Warum muss immer alles zusammenkommen?", fragte er verbittert, als er den Wagen seiner Mutter aus dem Parkhaus hinaussteuerte. "Hätte ich nicht heute morgen mein Handy verloren, wäre es Stefanie möglich gewesen, mit mir zu sprechen. Vermutlich denkt sie, ich würde diesem Schwindel glauben, der in der Zeitung steht."

"Im ersten Moment..." Elke von Werntal seufzte auf. "Dein Vater und kennen Baronesse Stefanie seit ihrer Geburt, dennoch hatten wir beide das Gefühl, man hätte uns ein Brett vor den Kopf geschlagen, als wir das Foto sahen. Wir brauchten ein paar Minuten, bis uns klar war, dass da etwas nicht stimmen kann. Stefanie gehört nicht zu den Frauen, die für ihre Karriere alles tun würden. Außerdem liebt sie dich." Liebevoll berührte sie die Schulter ihres Sohnes.

Torben musste sich zwingen, nicht schneller als erlaubt zu fahren. Ununterbrochen fragte er sich, an wen sich Stefanie gewandt haben konnte. Hatte sie sich überhaupt an jemanden gewandt? Vielleicht fuhr sie ziellos durch die Gegend, wusste nicht mehr ein noch aus.

Nachdem es ihm nicht möglich gewesen war, Stefanie zu erreichen, hatte er beschlossen, sofort nach Deutschland zurückzukehren. Um nichts auf der Welt hätte er an diesem Abend auftreten können. Zum Glück war es ihm gelungen, eine englische Pianistin, die er kannte und die zurzeit einige Wochen in Mailand verbrachte, zu überreden, seine beiden Konzerte zu übernehmen. Einen Flug nach Hamburg zu bekommen, hatte sich als unmöglich erwiesen, so war er über Frankfurt geflogen. Er hatte erst seine Eltern und danach Baronin Felicitas angerufen. Als er vom Frankfurter Flughafen aus noch einmal mit seinen Eltern telefoniert hatte, hatte er erfahren, dass Stefanie ohne mit ihrer Großmutter zu reden weggefahren war und sie sich große Sorgen um sie machten.

"Wenn sie wenigstens ihr Handy mitgenommen hätte", sagte seine Mutter neben ihm. "Es liegt in der Bibliothek."

"Wer weiß, ob sie mit diesem Handy überhaupt Gespräche empfangen kann", meinte Torben. "Ich habe ja immer wieder versucht, sie anzurufen."

Er fuhr die Auffahrt entlang und hielt vor dem hellerleuchteten Gutshaus. Felicitas Baronin von Ahrenberg ging ihnen entgegen. "Man hat Steffis Wagen in der Nähe von Lütjenburg gefunden", sagte sie. "Der Wagen ist einem Polizisten aufgefallen, weil er mit laufendem Motor am Straßenrand stand. Von Steffi selbst gibt es noch keine Spur."

"Über kurz oder lang werden wir Steffi finden, Frau Baronin", versprach Torben. "Ich beteilige mich natürlich an der Suche."

"Dein Vater, Ines und ein Großteil unserer Leute sind vor fünfzehn Minuten nach Lütjenburg gefahren. Inzwischen beteiligt sich auch die Polizei an der Suche nach Steffi." Felicitas von Ahrenberg presste die Lippen zusammen, dann sagte sie: "Es ist meine Schuld. Ich habe Stefanie gedrängt, das Angebot dieses Mannes anzunehmen. Torben, Sie ahnen nicht, welche Vorwürfe ich mir mache. Von sich aus hätte meine Enkelin nie eine Schlagerkarriere angestrebt. Sie fühlt sich auf Ahrenberg bedeutend wohler als auf einer Bühne."

"Das sollten Sie ihr sagen, wenn wir sie gefunden haben, Frau Baronin", meinte Torben. Spontan schloss er die alte Dame für ein paar Sekunden in die Arme. "Und wir werden Steffi finden."

Die Suche nach Stefanie von Ahrenberg wurde den ganzen Abend und bis in die frühen Morgenstunden des nächsten Tages fortgesetzt. Während die meisten der Helfer ab und zu eine Pause einlegten, gönnten sich Hartmut von Werntal, sein Sohn und Ines Miller keine Ruhe. Ines machte sich große Vorwürfe, nicht darauf bestanden zu haben, die Freundin nach Ahrenberg zu begleiten.

"Steffi muss noch viel verzweifelter gewesen sein als ich dachte", sagte sie zu Torben. "Hätte sie wenigstens mit ihrer Großmutter gesprochen, dann hätte sie gewusst, dass du der Zeitung nicht glaubst."

"Manche Tage sollte man aus dem Kalender streichen", antwortete Torben. "Eine solche Kette unglückseliger Umstände habe ich auch noch nicht erlebt." Er wandte sich seinem Vater zu, der zwei Meter hinter ihnen ging. Es war ein sehr unübersichtliches Gebiet, in dem sie nach Stefanie suchen mussten. Bewaldete Hügel, Wiesen und Weiden wechselten hier miteinander ab. Nicht umsonst nannte man es die Holsteinische Schweiz. "Vielleicht sollten wir..."

Das Handy des Verwalters läutete. Er zog es aus seiner Hemdtasche und meldete sich. "Gott sei Dank!", stieß er hervor. "Wir kehren sofort zurück. Danke."

"Hat man Steffi gefunden, Vater?" Torben wurde schwindlig vor Erleichterung.

"Ja, in der entgegengesetzten Richtung. Ein junger Bursche, Udo Seeger, aus der Nähe von Helmstorf hat Stefanie gefunden, als er im Morgengrauen von einem Besuch bei seiner Liebsten zurückkam. Er hat sie in sein Elternhaus gebracht. Sein Vater hat den Hausarzt und die Polizei benachrichtigt."

"Geht es Steffi gut, Vater?"

"Den Umständen entsprechend, sagte man mir. Laut Aussage des Arztes hat sie einen Nervenzusammenbruch erlitten. Er hielt es für besser, sie nicht ins Krankenhaus einzuweisen, sondern vorerst bei diesen Leuten zu lassen, die sie aufgenommen haben."

"Und wann können wir zu ihr?", fragte Ines.

"Ich würde sagen, wir gehen zum Sammelpunkt zurück und fahren nach Helmstorf." Hartmut von Werntal schlug kameradschaftlich auf die Schulter seines Sohnes. "Du wirst es bestimmt kaum erwarten können, Stefanie zu versichern, wie sehr du sie liebst."

"Wenn ich Flügel hätte, wäre ich bereits bei ihr", sagte Torben. "Leider müssen wir den Wagen nehmen."

* * *

Baronesse Stefanie hatte nach der Spitze, die ihr der Hausarzt der Seegers gegeben hatte, stundenlang geschlafen. Sie konnte sich nicht erinnern, etwas geträumt zu haben. Das Foto in der Zeitung fiel ihr ein und dass es ihr nicht möglich gewesen war, Torben zu erreichen. Was musste er von ihr denken?

Sie drehte sich zur Seite und schlug die Augen auf. Geblendet durch die Sonne, die durch das Fenster fiel, blinzelte sie. Wo war sie? Sie kannte dieses Zimmer nicht. Ihre Hand tastete über die Bettdecke.

"Wie schön, du bist wach, Liebling."

Torben!

Die junge Frau hielt den Atem an. Langsam drehte sie sich erneut herum. "Torben, wo kommst du denn her?", fragte sie ungläubig.

Er nahm ihr Hand. "Ich sitze schon seit einigen Stunden an deinem Bett", sagte er. "Wie fühlst du dich?"

"Etwas benommen." Sie richtete sich auf. "Wo bin ich?"

"Im Ehebett der Seegers. Sie besitzen einen Bauernhof bei Helmstorf", erwiderte der junge Pianist. "Ihr Sohn hat dich im Morgengrauen gefunden. Du hast einen Nervenzusammenbruch erlitten."

"Das Foto", flüsterte Stefanie. "Torben hast du dieses Foto gesehen? Molhagen hat mich einfach geküsst und..."

Er legte einen Finger auf ihre Lippen. "Nicht einen Moment habe ich geglaubt, dass du ihn geküsst hast. Ich kenne den Ruf dieses Mannes. Ich habe versucht, dich anzurufen, aber dein Handy ist nicht in Ordnung. Es gehen keine Anrufe ein. Mein eigenes Handy habe ich gestern Morgen verloren. An manchen Tagen, vor allen Dingen, wenn es darauf ankommt, geht alles schief." Er strich ihr sanft über die Stirn. "Deine Großmutter wusste, wie verzweifelt ich versuchte, dich zu erreichen. Hättest du mit ihr gesprochen... Nun ja, es ist ja alles noch einmal gut gegangen."

"Ich habe mich so geschämt und ich hatte solche Angst." In Stefanies Augen schimmerten Tränen. "Ich bin nur gefahren und gefahren und dann einfach ausgestiegen und gelaufen und gelaufen... Ich hatte kein Ziel, ich wusste nur, ich muss fort."

"Wie gesagt, du hattest einen Nervenzusammenbruch. Es wird noch einige Tage dauern, bis du wieder völlig auf dem Posten bist." Liebevoll nahm er sie in die Arme. "Unten im Wohnzimmer der Seegers warten deine Großmutter, meine Eltern und Ines auf dich. Du ahnst nicht, wie sehr wir dich alle lieben."

"Ich habe ihnen nichts als Schande gemacht."

"Unsinn." Er zog sie an sich.

Stefanie blickte zu ihm auf. "Ich möchte nie wieder mit dem Musikgeschäft zu tun haben", sagte sie. "Ich brauche die Bühne nicht, um glücklich zu sein."

"Als meine Gattin warten auch bedeutend wichtigere Aufgaben auf dich", sagte Torben von Werntal. "Das heißt, wenn du mich überhaupt heiraten möchtest."

"Ist das ein Heiratsantrag?" Noch gestern glaube sie, ihre große Liebe verloren zu haben, nun sprach Torben von ihrer Heirat.

"Ja, das ist ein Heiratsantrag", bestätigte er. "Der erste Heiratsantrag meines Lebens."

"Untersteh dich, je einer anderen Frau einen zu machen", drohte Stefanie selig. "Ja, ich möchte dich heiraten. Ich liebe dich mehr, als ich je in Worte fassen kann. Ohne dich ist mein Leben eine öde Wüste."

"Genauso wie das meine ohne dich, Liebling." Torben beugte sich über die Frau, mit der er den Rest seines Lebens verbringen wollte, und küsste ihr all den Schmerz und die Tränen der letzten vierundzwanzig Stunden fort.