Inhalt
„Verfluchtes Qualmluder!“
Die Stimme des wütenden Droschkenkutschers war so laut, dass sie sogar das Wiehern seiner erschrockenen Pferde und den Maschinenlärm von Kates Dampfkutter übertönte.
Doch die junge Frau am Ruder des eisernen Drehflüglers lachte nur. Während der massige Mann auf dem Kutschbock seine beiden unruhigen Gäule zu beruhigen versuchte, senkte Katherine Fenton mit viel weiblichem Feingefühl ihren eisernen Flugapparat hinunter auf die Marylebone Road im Herzen Londons. Sie drosselte den Motor, und die mächtigen eisernen Drehflügel ihres Dampfkutters kamen allmählich zur Ruhe.
Katherine Fenton pflegte ihr Fluggerät aus Prinzip selbst zu reparieren, was ihr den Spitznamen Tinker-Kate, also Kesselflicker-Kate, eingebracht hatte.
Kate sprang geschickt vom Führerstand ihres Lufttaxis hinunter auf das Kopfsteinpflaster unmittelbar vor dem Luxushotel The Landmark. Hier war ein guter Platz, um reiche Passagiere aufzunehmen. Das wussten die Droschkenkutscher – aber es war eben auch den Dampfkutter-Piloten bekannt.
Obwohl im Jahr 1851 die Dampfkutter und andere mechanische Flugapparate bereits seit einem Jahrzehnt den Himmel über London und dem britischen Empire bevölkerten, hatten sich die Fahrer der Pferdedroschken noch immer nicht an die Konkurrenz aus der Luft gewöhnt. London war die größte Stadt der Welt, und es gab genug Arbeit für die vielen tausend Droschkenkutscher und die wenigen hundert Dampfkutter-Piloten. Trotzdem herrschte offene Feindschaft zwischen beiden Gruppen, die teilweise mit brutaler Gewalt ausgetragen wurde.
London galt in jenen Jahren ohnehin in vielen Belangen als heißes Pflaster. Nachts war es auf den Straßen alles andere als sicher. Zwar besaß die Hauptstadt seit einigen Jahren eine Polizeitruppe, aber die Uniformierten konnten nicht überall gleichzeitig sein.
Viele Glücksritter strömten nach London. Die Metropole galt als ein Ort, an dem man im Handumdrehen reich werden konnte. Und wenn das mit legalen Mitteln nicht möglich war, dann probierte man es auf der illegalen Schiene.
Die Zeitungen der Hauptstadt schlachteten jede Bluttat genüsslich aus. Die Straßen wurden von Heerscharen schmutziger kleiner Jungen bevölkert, die ihre neuesten Nachrichten an den Mann zu bringen versuchten. Mit hellen Stimmen schrien sie die Sensationsmeldungen über Eifersuchtsdramen, Racheakte und politische Anschläge von Anarchisten. Je mehr Krach sie machten, desto besser schienen sie ihre Zeitungen zu verkaufen. Man wurde an jeder Straßenecke daran erinnert, in was für einer gefährlichen Welt man lebte. Die Schurken lauerten überall.
Von all dem ließ sich Kate nicht einschüchtern. Und schon gar nicht von rabiaten Droschkenkutschern und anderen üblen Kerlen. Sie war eine der wenigen Frauen, die am Ruder eines Flugapparates saßen. Kate fuhr sich mit der behandschuhten Rechten durch ihre langen roten Korkenzieherlocken, die sie jeden Morgen mit einer Brennschere in Fasson bringen musste. Mit wiegenden Hüften stolzierte sie lächelnd auf den immer noch zornigen Kutscher zu, der den obligaten Zylinderhut und einen Knebelbart trug.
William Connors kannte Kate schon. Aufgebracht starrte er vom Kutschbock seines schicken Hansom-Cabs auf Kate hinunter. Er musste sich widerwillig eingestehen, dass Tinker-Kate eine verdammt hübsche Frauensperson war. Sie konnte nicht viel älter als zwanzig Jahre sein. Ihr Gesicht mit den leuchtenden grünen Augen und dem kirschroten Mund kam bei vielen Gentlemen gut an. Gleiches galt für ihre schlanke Figur, die durch eine Korsage noch betont wurde. Über ihrem bodenlangen schlichten Krinolinenkleid trug Kate eine Lederschürze – neben der Schutzbrille war das die typische Berufskleidung der Dampfkutter-Piloten. Ihre männlichen Kollegen hatten unter der Schürze natürlich kein Kleid, sondern Hosen und Schaftstiefel. Die Lederschürze war jedenfalls für männliche und weibliche Piloten gleichermaßen Vorschrift und Standessymbol. Doch noch nicht einmal dieses unförmige Kleidungsstück konnte Kates Attraktivität mindern.
Nach Connors’ Meinung war es ungerecht, dass Kate wegen ihrer Schönheit so viele Fuhren bekam. Und das ließ er sie spüren.
„Eines Tages werden meine Gäule noch am Herzschlag sterben, wenn du mit deiner Höllenmaschine landest, Kate. Aber dann verklage ich dich vor dem höchsten Gericht und ziehe dir noch den letzten Penny aus der Tasche.“
„Connors, wieso hast du an diesem schönen Frühlingstag so schlechte Laune? In einer Woche wird unsere geliebte Monarchin Queen Victoria die Weltausstellung eröffnen. Die Bauarbeiten am Crystal Palace laufen wie geschmiert. Die Arbeiter bevölkern den Hyde Park wie ein Ameisenheer, und der Luftraum über der Grünanlage ist schwarz vom Rauch der vielen Kranschuten und Transport-Drehflügler. Und auch die Gerüstbau-Roboter leisten ganze Arbeit.“
Tinker-Kate musste diese modernen Transportmittel und Apparate nur erwähnen, um die schlechte Laune des Droschkenkutschers erneut zu befeuern.
„Ja, dieses Teufelswerk ist einfach überall! Bist du eigentlich schon wahnsinnig, Kate? Ich habe neulich in der Times gelesen, dass kein Mensch eine Geschwindigkeit von mehr als vierzig Meilen pro Stunde aushalten kann. Dann verliert er nämlich endgültig seinen Verstand.“
Kate schüttelte den Kopf, dass ihre langen roten Locken flogen.
„So schnell bewegt sich mein Dampfkutter gar nicht fort. Außerdem gewöhnt man sich an alles, sage ich immer. – Du bist ein Spießer, Connors. Den Fortschritt kannst du nicht aufhalten. Außerdem ist es ja noch gar nicht so schlimm, wie du meinst. Wer kann sich denn überhaupt eine Fahrt mit dem Dampfkutter oder der Pferdedroschke leisten? Wir reden doch hier nur über die Reichen. Und von denen gibt es nur sehr wenige in London, das weißt du so gut wie ich. Die normalen Arbeiter haben noch nicht einmal Geld für ein eigenes Hochrad, sondern müssen zu Fuß gehen. Deren Hungerlöhne reichen gerade für Miete und Essen.“
„Das wird ja immer schlimmer“, stöhnte der Kutscher. „Du bist nicht nur ein technikversessenes Qualmluder, sondern auch noch eine gottlose Sozialistin!“
„Ich muss keine Sozialistin sein, um das Elend im East End zu sehen. Ich fliege oft genug dort entlang, wenn ich Passagiere vom Victoria Flugfeld abhole.“
Diese Bemerkung war ein rotes Tuch für Connors. Das Flugfeld für die interkontinentalen Luftschiffe befand sich weit vor den Toren Londons. Es gab noch keine Eisenbahnanbindung. Und weil den meisten Reisenden eine Droschkenfahrt in die City zu lange dauerte, brachten meist nur Dampfkutter die Touristen von dort aus in die Innenstadt.
„Auch ich werde bald der städtischen Fürsorge auf der Tasche liegen, wenn es immer mehr Drehflügel-Taxis gibt“, knurrte Connors. „Und wie soll ich dann meine sechs Kinder ernähren? – Was ist überhaupt mit dir, Kate? Du siehst doch ganz adrett aus. Warum verkaufst du nicht deinen rußigen Dampfkutter? Dann hättest du eine Mitgift und könntest endlich heiraten und Kinder zur Welt bringen, wie es deine Bestimmung ist.“
Kate lachte lauthals.
„Wir schreiben das Jahr 1851, nicht etwa 1751. Manche Frauen können selbst für ihren Lebensunterhalt sorgen, stell dir vor. Aber wenn die Regierung Ernst macht mit ihren Plänen einer Untergrundbahn für die Hauptstadt, dann sind wir beide arbeitslos, du und ich.“
Der Droschkenkutscher schüttelte grimmig den Kopf. Es war für ihn unvorstellbar, dass sich Menschen durch unterirdische Tunnel wühlen sollten. London war doch schließlich kein Ameisenhaufen! Niemals würden Eisenbahnzüge unter der Erdoberfläche fahren, das konnte sich Connors nicht vorstellen.
Er wechselte das Thema: „Dieses Vorhaben ist verrückt, ebenso irrsinnig wie dieser Killer, der noch immer frei herumläuft. Ich hoffe, dass die Polizei ihn bald fängt. Die Menschen haben Angst, und das ist schlecht für das Geschäft.“
„In diesem Punkt sind wir uns ausnahmsweise einmal einig, Connors. Ich will auch Neuigkeiten über den Mörder erfahren, deshalb wollte ich mir im Hotel kurz eine Zeitung holen. Falls in der Zwischenzeit ein Passagier für mich kommt, kannst du mir ja Bescheid geben.“
Dem Droschkenkutscher quollen angesichts von Kates Dreistigkeit beinahe die Augen aus dem Kopf. „Ich soll die gnädige Frau holen, wenn ein Tourist in ihre Höllenmaschine klettern will? Warum macht das nicht dein fauler irischer Kartoffelfresser?“
Connors deutete mit seinem Peitschenstiel auf Mick O’Leary, der den Wortwechsel zwischen seiner Chefin und dem Kutscher wortlos angehört hatte. Der grauhaarige Ire war der Heizer des Dampfkutters und hockte auf einem Drahtsitz zwischen dem Kohlebunker und dem Maschinenkessel. Der kleine Ire war vom Ruß so schwarz, dass man ihn für einen Afrikaner hätte halten können. Sein Gesicht sah unheimlich und insektenartig aus, da es größtenteils von der Schutzbrille mit Gummifassung verdeckt wurde. Ansonsten trug er eine Lederkappe und einen zerschlissenen Overall.
Kate hatte im Gegensatz zu ihm ihre Brille abgelegt, und so konnte man sehen, wie ihre Augen zornig blitzten. Connors hatte bei ihr einen wunden Punkt berührt. Auf ihren treuen Heizer ließ sie nämlich nichts kommen.
„Lass O’Leary in Ruhe, er muss das Kesselfeuer schüren. Der muss beim Kutter bleiben. Warum trinkst du nicht einen Schluck aus deinem Flachmann und hältst endlich die Klappe?“
Und bevor Connors ihr eine Antwort geben konnte, rauschte Kate mit hocherhobenem Kopf Richtung Hoteleingang davon. Ihre bissige Bemerkung bezog sich darauf, dass Droschkenkutscher auch unter Alkoholeinfluss ihre Wagen lenken durften. Nach Meinung der Londoner Polizei waren die Pferde vernünftig genug, um trotz eines betrunkenen Kutschers keinen Unfall zu verursachen. Ein Dampfkutter-Pilot musste hingegen stets stocknüchtern sein, sonst konnte er seine Lizenz verlieren. Die Behörden trauten einer Flugmaschine nämlich weniger über den Weg als den Tieren.
Für einen Moment musste Kate an ihren Vater denken, von dem sie die Bedienung eines Drehflüglers von der Pike auf gelernt hatte. Sie konnte ein solches Gefährt nicht nur bedienen, sondern auch selbst reparieren. Dieser Tatsache verdankte sie ihren Spitznamen Tinker-Kate.
Die junge Pilotin verdrängte nun die trübe Erinnerung an ihren verstorbenen Dad. Sie ließ sich stattdessen lieber von der Atmosphäre in dem Hotel verzaubern. Obwohl sie schon oft dort gewesen war, zog es sie immer wieder in seinen Bann.
The Landmark verfügte über eine repräsentative Eingangshalle, die einer Königin und ihres Hofstaats würdig gewesen wäre. Durch kunstvoll geschwungene Glaskuppeln fiel das Tageslicht herein und unterstrich den Luxus der Innenausstattung. Obwohl der Dampf unzähliger Fabrikschlote, Öfen, Lokomotiven und außerdem dampfbetriebene Flugapparate den Himmel über London verdunkelten, brach sich an diesem Frühlingstag die Sonne immer wieder Bahn zwischen den schwarzen Qualm.
Die Weltausstellung, die in wenigen Tagen von Queen Victoria eröffnet werden sollte, hatte noch mehr Menschen aus aller Welt in die britische Hauptstadt gezogen. Es waren großteils betuchte Leute, die sich die Interkontinentalflüge leisten konnten. Da gab es Inderinnen in farbigen Saris und Maharadschas mit juwelenbesetzten Turbanen zu sehen, afrikanische Edelmänner in Stammestracht sowie arabische Scheichs mit ihren verschleierten Gattinnen. Viele dieser Touristen hatten noch nie zuvor eine Dampfkutter-Pilotin erblickt und warfen Kate neugierige und scheue Blicke zu.
Einmal hatte ein arabischer Scheich sogar darum gebeten, dass Kate gemeinsam mit ihm auf einer photographischen Aufnahme zu sehen war. Kate hatte eingewilligt, obwohl es elend lange dauerte, bis der Photograph seine seltsamen Platten belichtet hatte. Und die ganze Zeit musste sie stocksteif dastehen und durfte noch nicht einmal atmen. Immerhin hatte der Scheich ein gutes Trinkgeld gezahlt.
Die junge Frau mit den langen roten Locken machte sich nichts daraus, dass alle Leute sie anstarrten. Sie wusste, dass sie in diesem Luxushotel wie ein Fremdkörper wirkte. Allein schon ihre rußbefleckte Lederschürze und ihre Schutzbrille deuteten darauf hin, dass sie sich mit ihrer Hände Arbeit ihr Brot verdiente. Kates Meinung nach wussten die Geldsäcke nichts von den arbeitenden Klassen, sie kannten nur ihre Diener und allenfalls noch mal einen Droschkenkutscher oder einen Gepäckträger.
Kate bewegte sich jedenfalls zwischen den Reichen und Schönen mit dem Selbstbewusstsein einer Frau, die weiß, was sie kann. Nach Kates Ansicht konnten diese Gänse in ihren französischen Krinolinen-Seidenkleidchen gern bei ihrem Anblick die Nase rümpfen. Sie ging auf den Zeitungsstand in der Hotelhalle zu, ohne allzu sehr auf ihre Umgebung zu achten.
Die mollige Verkäuferin Sally Whitcombe begrüßte sie mit einem freundlichen Lächeln. Sie war ungefähr im gleichen Alter wie die Dampfkutter-Pilotin.
„Hallo, Kate. Was kann ich heute für dich tun?“
„Gib mir bitte jeweils ein Exemplar der Times und des Telegraph. Ich möchte doch zu gerne wissen, ob es wieder ein paar neue blutleere Leichen gibt.“
Sally nickte und legte die Zeitungen auf den Tresen. Ihr rundes Gesicht nahm einen besorgten Ausdruck an.
„Ja, abgesehen von der Weltausstellung scheint es in London kein anderes Gesprächsthema mehr zu geben. Es ist aber auch zu unheimlich, was da seit einigen Wochen passiert.“
Kate nickte düster. Sie wusste etwas mehr über die Mordserie als der normale Londoner Zeitungsleser, aber das musste sie Sally Whitcombe ja nicht auf die Nase binden. Gewiss, die sommersprossige Verkäuferin war beinahe so etwas wie eine Freundin für Kate. Aber trotzdem hatte die Dampfkutter-Pilotin ein Geheimnis, das sie nur mit wenigen Menschen teilte.
Die Zeitungsmeldungen konnten ihre Kenntnisse über die Morde trotzdem noch ergänzen. Immerhin war es ja möglich, dass ein Journalist unerwartet etwas Wichtiges herausfand. Bisher hatte die Londoner Presse allerdings nur mit wilden Spekulationen geglänzt. Den Beamten von Scotland Yard wurde Unfähigkeit vorgeworfen, und manche Schreiberlinge machten sogar Vampire für die mysteriösen Todesfälle verantwortlich.
Kate legte ein Sixpence-Stück für die Zeitungen auf den Tresen.
„Hier, Sally. Nach den Morden in Ealing und Camden Town schien es ja so, als ob dieser stumme Hausierer der Täter wäre. Aber als er dann im Zuchthaus saß und die Bluttaten von Kensington und Hammersmith begangen wurden, musste man ihn wieder laufenlassen. Es ist, als ob ganz London hinter einem Phantom herjagen würde. Es scheint auch keine Gründe für die Taten zu geben – außer Blutgier.“
Die Zeitungsverkäuferin nickte eifrig. „Ja, das habe ich auch gelesen.“ Sally senkte die Stimme. „Allerdings gibt es auch einige Leute, die trotzdem an die Schuld des Hausierers glauben.“
„Und wie soll er das gemacht haben, wenn er in Warping hinter Schloss und Riegel war?“
„Wenn er ein Blutsauger ist, dann kann er vielleicht durch Wände gehen oder sich in eine Fledermaus verwandeln.“
Kate wusste nicht, was sie davon halten sollte. Vor einigen Jahren war an den Bühnen des Westends ein Stück über Vampire aufgeführt worden. Seitdem waren die Londoner ganz verrückt nach diesen untoten Wesen aus der Märchen- und Sagenwelt. Ganze Romane und Schauergeschichten waren schon über die unheimlichen Gesellen geschrieben worden, und ein betrunkener alter Seebär in einer Soho-Kaschemme wollte sogar einmal in Rumänien einem echten Blutsauger-Grafen begegnet sein.
Kate selbst war erst bereit, an Vampire zu glauben, wenn sie höchstpersönlich einer dieser Kreaturen gegenüber stand. Und dann würde der Blutsauger feststellen, dass er sich mit der Falschen angelegt hatte. Kate trug nämlich unter ihrem rechten Handschuh gelegentlich einen Schlagring. Mit diesem eisernen Gegenstand hatten nicht nur zudringliche Passagiere, sondern auch einige rauflustige Droschkenkutscher bereits Bekanntschaft gemacht. Kate war eine Frau, die sich ihrer Haut wehrte. Und das würde sie auch gegen Vampire tun.
Plötzlich riss sie eine Bewegung im Hotelfoyer aus ihren Überlegungen.
Kate stieß Sally an und deutete unauffällig auf eine Polstergruppe im westlichen Teil des weiträumigen Hotelfoyers.
„Siehst du den Gentleman mit dem violetten Einstecktuch? Ich wette mit dir, dass er ein Privatdetektiv oder ein Kriminalbeamter ist. Er sitzt lässig in seinem Sessel und liest scheinbar völlig vertieft die Times. Aber in Wirklichkeit beobachtet er das Treiben um ihn herum ganz genau.“
Sally, die eine Handbreit kleiner war als Kate, stellte sich auf die Zehenspitzen. Mehr oder weniger unauffällig spähte sie hinüber. „Ja, damit könntest du recht haben, Kate. Und dieser Mann sieht auch noch richtig gut aus, wie ein persischer Prinz!“
Tinker-Kate kannte keine persischen Prinzen, außer aus herzzerreißenden Liebesromanen. Aber sie stimmte mit Sally überein: Der Herr in dem dunklen Gehrock und den gestreiften Hosen war ein schöner Mann. Sein Gesicht wurde von einem gepflegten Backenbart geziert. Und selbst auf die Entfernung konnte Kate erkennen, wie ausdrucksvoll und lebendig seine nussbraunen Augen waren.
Ja, er widmete sich nur scheinbar der Zeitungslektüre. Kate war eine gute Beobachterin. Für sie gab es keinen Zweifel daran, dass der Gentleman mit dem violetten Einstecktuch die Menschen in der Hotelhalle observierte. Nun hatte er auch bemerkt, dass er die Aufmerksamkeit der beiden jungen Frauen auf sich gezogen hatte.
Der Herr senkte seinen Kopf nur um einen Fingerbreit, und dabei lächelte er Kate kurz zu. Dann blickte er sofort wieder auf die Zeitung hinunter.
Der Dampfkutter-Pilotin lief ein wohliger Schauer über den Rücken. Kate glaubte, in seinem Blick so etwas wie stillschweigendes Einverständnis gelesen zu haben. Kannte dieser Fremde ihr Geheimnis? Stand er vielleicht sogar auf derselben Seite wie sie selbst?
Doch bevor sich Kate über diese Fragen den Kopf zerbrechen konnte, trat ein rundlicher Lockenkopf auf sie zu. Er wurde von einer blond gefärbten Lady mit runden roten Wangen begleitet.
„Sie sind frei, junge Frau? Ich habe soeben ein Telegramm bekommen. Meine Gattin und ich müssen dringend nach St. Petersburg zurück.“
Kaum hatte der Mann den Mund geöffnet, wusste Kate, dass sie es mit einem Russen zu tun hatte. Als Dampfkutter-Pilotin hatte sie gelernt, die Akzente der meisten Menschen auf der Welt voneinander zu unterscheiden. Und gerade die reichen Russen benutzten oft Dampfkutter als Transportmittel, seit es die Luftschiff-Verbindung zwischen St. Petersburg und London gab.
Kate nickte und warf einen Blick auf die große Schweizer Uhr, die mitten in der Hotellobby hing.
„Ich verstehe, Sir. Das nächste reguläre Linien-Luftschiff nach St. Petersburg startet in einer knappen Stunde vom Victoria Flugfeld. Das werden wir schaffen.“
„Sascha, ich will nicht in eine dieser rußigen Blechbüchsen steigen“, jammerte die Frau. Ihr Akzent war noch stärker als der ihres Gatten.
„Dann bleibst du eben hier, du dumme Pute. Ich habe wichtige Geschäfte zu erledigen“, knurrte der Russe.
Aber Kate wandte sich an die aufgeregte Russin. „Sie müssen sich nicht fürchten, Madam. Mein Dampfkutter ist technisch auf dem neuesten Stand und hatte noch niemals einen Unfall.“
Das war nur zum Teil richtig, wie Kate schmerzhaft bewusst war. Ihr eigener Vater war durch zurückschlagende Flammen aus dem Kessel getötet worden. Doch danach hatte man das Zuleitungssystem komplett ausgetauscht und auch einen neuen Überdruckkompensator eingebaut. Der Dampfkutter war durch diese Verbesserungen wie neu, jedenfalls Kates Meinung nach.
Außerdem kollidierten fast jeden Tag Pferdedroschken miteinander, und darüber regte sich niemand auf. Und ein Fußgänger, der unter die Hufe von durchgehenden Droschkengäulen geriet, hatte so gut wie keine Überlebenschance mehr.
Der untersetzte Russe machte eine ungeduldige Handbewegung. „Halten Sie keine Volksreden, lassen Sie uns starten!“
Er winkte einen Gepäckträger heran, der sich bereits des großen Schrankkoffers angenommen hatte. Kate raffte ihre Röcke und eilte dem Russen nach, der durch die Hoteltür nach draußen ging und bereits auf ihr Luftfahrzeug zusteuerte. Die reiche Russin folgte so zögernd, als ob sie auf dem Weg zum Schafott sei.
Unter den missmutigen und neidischen Blicken von Connors und den anderen Droschkenkutschern verlud der Gepäckträger den schweren Koffer in das kleine Frachtabteil des Dampfkutters. Die überdachte Passagierbank befand sich unmittelbar hinter dem Führerstand, während der Kessel und der Sitz des Heizers weiter unten angebracht waren. Nachdem das russische Ehepaar es sich auf seinen Plätzen bequem gemacht hatte, stieg auch Kate in den Drehflügler. Sie schob die Schutzbrille über ihre Augen, was ihr das Aussehen eines riesigen Insekts verlieh.
„Sie werden sehen, eine Dampfkutter-Fahrt ist ein unvergessliches Erlebnis!“, rief sie der zitternden Russin zu. Dann legte Kate mit routinierten Bewegungen die Starthebel um. O’Leary hatte bereits reichlich Kohle ins Feuer geschaufelt. Der Schornstein spuckte Funken, als sich die breiten Drehflügel in Bewegung setzten und sich schließlich mit einem irrsinnigen Tempo um die eigene Achse drehten.
Rumpelnd und knatternd hob sich der Dampfkutter von der Straßenoberfläche ab. Eine Schar schmutziger Gassenjungen applaudierte grölend. Obwohl die Drehflügler inzwischen zum Londoner Stadtbild gehörten, war so ein Start für viele beschäftigungslose Gaffer immer wieder eine Sensation.
Kate warf einen prüfenden Blick nach hinten. Das Gesicht der Russin zeigte nun keine Furcht mehr, sondern nur noch grenzenloses Erstaunen. Vermutlich war sie auf der Hinreise vom Victoria-Flugfeld mit einer Droschke zum Hotel gefahren. Und die Reise mit dem Fern-Luftschiff zählte ebenfalls nicht, man konnte sie nicht mit einer Dampfkutter-Fahrt vergleichen. Diese Apparate flogen nämlich in so großen Höhen, dass man von den Städten kaum etwas erkennen konnte.
Aber ein Dampfkutter bewegte sich nur wenige Yards oberhalb der Dächer. Und es war ein Erlebnis für sich, in einer so niedrigen Höhe über das Häusermeer zu gleiten. Die Themse wand sich wie eine graublaue Riesenschlange durch die Stadt. Ein Schaufelraddampfer lief gerade aus und schickte Unmengen von schwarzem Rauch in die Luft. London Bridge, das Parlament, Trafalgar Square, der Buckingham Palace – es war eine ganz besondere Erfahrung, diese berühmten Gebäude aus der Vogelperspektive zu sehen.
Obwohl Kate schon seit einigen Jahren ihren Dampfkutter durch den Äther lenkte, war sie von diesem Anblick immer wieder fasziniert. Deshalb liebte sie ihren Beruf und hätte keinen anderen ausüben mögen – und ein Dasein als Hausfrau und Mutter, wie es der neidische Droschkenkutscher vorgeschlagen hatte, kam für sie auf keinen Fall infrage. Abgesehen davon, dass wohl kein Mann eine mittellose Waise wie Kate vor den Traualtar geführt hätte.
Abgesehen davon, dass dieses Thema müßig war, hatte Kate ihre Gedanken momentan bei den geheimnisvollen Morden. Der Bürgermeister hatte eine Belohnung von hundert Pfund Sterling für Hinweise ausgesetzt, die zur Ergreifung des Täters führten. Das war für Kate eine unvorstellbar hohe Summe. Meistens herrschte in ihrer Kasse nämlich Ebbe. Zwar zahlten die Passagiere gut und gaben manchmal hohe Trinkgelder, doch der Dampfkutter verschlang im täglichen Unterhalt Unsummen. Der Kessel musste ja auch befeuert werden, wenn gerade kein Fahrgast in Sicht war. Und der Heizer O’Leary wollte regelmäßig seinen Lohn bekommen.
Ja, Kate hätte sich diese hundert Pfund gerne verdient. Aber sie hatte nicht die geringste Ahnung, wie sie das anstellen sollte. Wenn schon die Beamten von Scotland Yard im Dunkeln tappten – wie sollte sie dann den Täter fangen? Sie wusste, dass man bei den Leichen keine verwertbaren Spuren gefunden hatte. Die Halswunden deuteten auf ein Messer als Tatwaffe hin, aber die Polizei suchte immer noch vergeblich nach der Stichwaffe. Außerdem waren in der Nähe der Tatorte keine brauchbaren Fußspuren gefunden worden.
Und dafür gab es eigentlich nur zwei Erklärungen: Entweder war der Mörder in einem Dampfkutter entkommen. Oder er hatte sich in eine Fledermaus verwandelt und war ein Vampir.
Allzu viele Drehflügler gab es nicht in London, Kate kannte alle Piloten persönlich. Es gab keinen von ihren Kollegen, dem sie die Komplizenschaft mit einem Mörder zugetraut hätte. Es war auch nicht möglich, einen Dampfkutter einfach zu stehlen. Man musste die Maschine ja auch fliegen können, und dafür bedurfte es langer Erfahrung. Also – war der Täter doch ein Blutsauger?
Kate konnte sich weder mit der einen noch mit der anderen Variante anfreunden. Während ihr diese Gedankenfetzen durch den Kopf schwirrten, war sie trotzdem völlig in ihre Aufgabe vertieft. Kate drückte den Drehflügler tiefer, so dass er mit den Kufen im Vorbeifliegen beinahe die Dächer der Houses of Parliament streifte. Sie flog meistens auf Sicht und machte sich gar nicht die Mühe, mit dem Kreiselkompass und der Landkarte zu hantieren. Die Strecke zum Victoria Flugfeld beherrschte Kate ohnehin fast im Schlaf. Es war schließlich die Route, die sie am häufigsten flog.
Ihr Dampfkutter war zwar ein älteres Modell aus den Bromwell-Werken in Manchester, doch den nichtrostenden Eisenmotor hatte sie erst vor einem Jahr ausgetauscht. Kate hatte ihre gesamten Ersparnisse für die Sechs-Zylinder-Maschine mit automatischem Frischwasseraustausch opfern müssen. Doch nun besaß sie eine der schnellsten und wendigsten Flugmaschinen Londons.
Daher gelangte Kate auch an diesem Tag trotz des kräftigen Westwinds in Rekordzeit zum Victoria Flugfeld. Dort dockte gerade ein riesiges Luftschiff aus den afrikanischen Kolonien an. Die Kabine wies zahlreiche Einschusslöcher von Pfeilen auf, weil abergläubische Einheimische die Luftschiffe immer wieder mit Pfeil und Bogen angriffen. Doch mit solchen altertümlichen Waffen konnte man den modernen Maschinen nichts anhaben.
Die Linienmaschine nach Moskau wurde bereits von vier Dampftraktoren aus dem Hangar zum Flugfeld gezogen. Weitere drei interkontinentale Luft-Passagierschiffe verharrten an Ankerleinen hoch über dem Erdboden, bis ihnen die Landeerlaubnis erteilt wurde. Die Verständigung zwischen den Luftschiffen und dem Bodenpersonal funktionierte mit Hilfe von Signalfahnen, wie bei Marinefahrzeugen auf hoher See. Über Morsetelegraphen verfügten die Luftschiffe nicht, denn dafür wären ja Drähte notwendig gewesen.
Kate drosselte den Motor, und ihr Dampfkutter landete rumpelnd und knatternd auf der für Taxifahrzeuge reservierten Wiese. Der Russe gab Kate ein großzügiges Trinkgeld und ließ seinen Schrankkoffer vom Servicepersonal zum Luftschiff transportieren. Die Augen seiner Frau leuchteten, ihre Angst hatte sie offenbar unterwegs vergessen.
„Es war herrlich, Miss! Die Fahrt ging viel zu schnell vorbei. Von den Bullaugen der Luftschiffe aus kann man doch nur die Wolken sehen, das ist langweilig. Aber Ihr Dampfkutter hat mir gut gefallen. Ich schäme mich ein wenig, weil ich so schüchtern war.“
Kate lächelte der Passagierin zu. Sie selbst wäre auch gerne einmal mit einem Interkontinentalflug nach Afrika, Amerika oder China gereist. Aber davon konnte sie nur träumen. Momentan lebte sie buchstäblich von der Hand in den Mund.
Doch es war, als ob das eilige russische Ehepaar Kate an diesem Tag Glück gebracht hätte. Sie und ihr Heizer O’Leary hatten kaum eine halbe Stunde gewartet, als sie auch schon eine Fuhre zurück in die Londoner City bekamen.
„Solche Tage lasse ich mir gefallen, Chefin“, meinte O’Leary grinsend und spuckte in hohem Bogen braunen Tabaksaft über Bord. Für ihn hieß das erfreulicherweise, dass er pünktlich seinen Lohn bekam. Schon oft hatte Kate ihn tagelang vertrösten müssen, weil die Kohlerechnung wichtiger gewesen war. Wenn der Kessel nicht befeuert werden konnte, musste der Dampfkutter nämlich am Boden bleiben und konnte gar kein Geld verdienen.
Doch in den nächsten Stunden lief es wie geschmiert. Kate und O’Leary kamen kaum dazu, ein Roastbeef-Sandwich zu verdrücken und es mit heißem Tee herunter zu spülen. Nahtlos hintereinander konnten sie mehrere Fahrten ergattern, eine davon sogar weit über die Londoner Stadtgrenze hinaus in die Grafschaft Lincolnshire. Es war schon dunkel, als sie in die Hauptstadt zurückkehrten. Kate zündete die Petroleum-Positionslaternen an.
„Wir fliegen noch einmal zum Hotel Landmark“, rief Kate ihrem Heizer zu. „Wenn wir dort noch einen Passagier auflesen, dann soll das unsere letzte Tour für heute gewesen sein.“
„Was immer Sie sagen, Chefin.“
Kate schmunzelte und zog den Steuerhebel zu sich. O’Leary war ein knorriger alter Kauz, der nicht viel redete. Aber sie konnte sich auf ihn verlassen. Der Heizer hatte schon für Kates Vater gearbeitet, von dem sie ihren Dampfkutter geerbt hatte. Kate verstand sich gut mit O’Leary, auch wenn er nicht viele Worte machte.
Erneut landete sie vor dem Nobelhotel in der Marylebone Road. Hotchkiss, der Türwächter der Nachtschicht, warf ihr einen blasierten Blick zu. Kate beachtete ihn gar nicht. Sie durchquerte erneut die Halle. Ihr fiel auf, dass der gutaussehende dunkelhaarige Gentleman immer noch auf seinem Platz saß. Oder war er schon wieder dort? Er lächelte Kate zu. Glaubte dieser Kerl etwa, sie ganz einfach verführen zu können? Gehörte er zu jenen Herren der Oberschicht, die sich aufgrund von Geld und Macht für unwiderstehlich hielten? Kate hatte eigentlich geglaubt, dass er nett sei. Aber das war wohl ein Irrtum gewesen. Sie warf dem Wartenden nur einen hochnäsigen Seitenblick zu und ging direkt zur Rezeption. Von dort aus gab der Nachtportier unauffällige Handzeichen.
„Miss Fenton, Sie kommen wie gerufen! Ich habe da nämlich eine etwas heikle Fuhre für Sie.“
Kate grinste frech.
„Spezialaufgaben übernehme ich besonders gern. Worum geht es denn?“
„Ein Hotelgast wünscht in den Reformclub gefahren zu werden. Ich fürchte nur, er ist nicht mehr ganz Herr seiner Sinne.“
„Sie meinen, er ist blau wie ein Veilchen?“
Der Nachtportier zog unwillig seine buschigen Augenbrauen zusammen. Aber er wusste ja, dass diese Katherine Fenton kein Blatt vor den Mund nahm. Doch in dieser Situation war er auf sie angewiesen.
„Ja, der Gast fühlt sich nicht ganz wohl. Ich wäre Ihnen deshalb sehr verbunden, wenn Sie ihn über die Hintertreppe in Ihren Dampfkutter schaffen und zum Reformclub fahren könnten.“
„Kein Problem. Geben Sie mir nur einen Ihrer Pagen aufs Zimmer mit. Es ist schwer, ganz allein einen Betrunkenen zu schleppen.“
„Selbstverständlich.“
Der Nachtportier gab einem jungen Burschen in einer Piccolo-Uniform ein Zeichen. Kate eilte inzwischen hinaus und parkte ihren Dampfkutter um. Die Hintertreppe führte logischerweise zum Hinterausgang. Dort konnte man einen beschwipsten Gast in den Drehflügler verladen, ohne einen Skandal zu verursachen. Bei ihrem Weg durch die Hotelhalle bemerkte Kate, dass der dunkelhaarige Gentleman nun fort war. Aber sie verschwendete keinen weiteren Gedanken daran, sondern konzentrierte sich nun ganz auf ihre bevorstehende Aufgabe.
Wenig später war sie wieder im Hotel und fuhr gemeinsam mit dem Pagen im Lift nach oben.
„Hast du die Zimmernummer?“
„Ja, Miss. Nummer 134, Miss. Wie ist es eigentlich so, mit einem Dampfkutter zu fliegen?“
„Rußig“, gab Kate knapp zurück. Sie wollte sich nicht wie eine arrogante Zicke aufführen, denn der Page hatte ihr ja auch gar nichts getan. Aber sie wurde plötzlich von einer mulmigen Empfindung in der Magengegend übermannt. Kate hatte sich schon öfter in gefährlichen Situationen befunden, und fast immer war sie zuvor durch ihr Bauchgefühl gewarnt worden.
Hier stimmte etwas nicht. Aber was? Im Aufzug selbst konnte Kate nichts Verdächtiges bemerken. Außer ihr selbst und dem Pagen war nur der Liftboy in der mit Spiegeln und Schnitzereien verzierten Kabine. Und keiner der beiden Jungen machte einen gefährlichen Eindruck. Es waren Milchgesichter, die gleich nach dem Abschluss der Volksschule einen guten Job gefunden hatten. Gleichaltrige mussten im Kohlebergbau schuften oder sich als Schiffsjungen im Nordatlantik die Zehen abfrieren. So gesehen war eine Stellung in dem Luxushotel wie ein Lotteriegewinn.
Der Lift hielt im ersten Stockwerk. Und Kate spürte, dass hier etwas Erschreckendes auf sie warten würde. Sie trat aus der Liftkabine, spürte den weichen Teppich des Hotelkorridors unter den Sohlen ihrer Knopfstiefeletten. Und dann erkannte Kate, dass ihr Instinkt sie nicht getäuscht hatte.
Es roch nach Blut.
Während ihrer Kindheit hatte Kate mit ihren Eltern in der Nähe eines Schlachthofs gewohnt. Daher war ihr der Odem von warmem rotem Lebenssaft nur allzu bekannt. Nachdem Kates Mutter am Fleckfieber gestorben war, war ihr Vater mit ihr in ein anderes Haus gezogen. Doch die Erinnerung an den Blutgeruch hatte Kate im Gedächtnis behalten.
Kate schaffte es in diesem Moment, nicht die Nerven zu verlieren. Sie beglückwünschte sich selbst dazu, dass sie bereits vor dem Betreten des Hotels ihren eisernen Schlagring unter den rechten Handschuh geschoben hatte. So bewaffnete sie sich meist, wenn sie nach Einbruch der Dunkelheit noch unterwegs war. Wer Kate ans Leder wollte, würde eine böse Überraschung erleben.
Kate dachte kurz daran, einfach aus dem Hotel zu verschwinden. Aber dann siegte ihre Neugier über ihre Furcht. Sie wollte unbedingt herausfinden, woher der Blutgeruch stammte. Kate wandte sich an den Pagen.
„Fällt dir hier gar nichts auf?“
„Ich weiß nicht, was Sie meinen, Miss. – Doch, die Zimmertür da vorn steht halb offen.“
Der Page deutete auf das Ende des Korridors. Kate hob ihre Augenbrauen. Wieso war ihr selbst das noch nicht aufgefallen? Sie wusste es nicht.
Der Blutgeruch zog durch die offenstehende Tür auf den Gang.
Kate und der junge uniformierte Hoteldiener näherten sich dem Raum mit der Nummer 134, in dem sich angeblich der betrunkene Gast befinden sollte. Und genau diese Zimmertür stand offen. Nun bemerkte endlich auch der Page, dass hier etwas faul war.
„Verflixt, was ist da los?“
Seine Stimme klang in diesem Augenblick sehr kindlich. Der Junge war noch im Stimmbruch, gehörte gewiss zu den jüngsten Angestellten des Luxushotels.
Kate antwortete ihm nicht. Sie musste sich Gewissheit verschaffen, was geschehen war. Wenn sie sich jetzt einfach auf dem Absatz umdrehte und verschwand, würde sie in dieser Nacht garantiert keinen Schlaf finden. Kate wollte die Wahrheit erfahren, auch wenn sie noch so schrecklich war. Deshalb tat sie, was sie tun musste.
Der Page blieb ängstlich ein paar Schritte hinter ihr, aber das war Kate egal. Sie betrat das Hotelzimmer, in dem eine von der Decke hängende Petroleumlampe mildes gelbliches Licht verbreitete. Der Anblick ließ an Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig.
Der Mann in dem taubengrauen Reiseanzug auf dem Fußboden benötigte jedenfalls keinen Dampfkutter mehr, nur einen von zwei Rappen gezogenen schwarzen Leichenwagen. Seine erstarrten Gesichtszüge zeigten blankes Entsetzen, die klaffende Halswunde erstreckte sich vom Kehlkopf bis zum Nacken. Der Teppich unter dem Leichnam war rot gefärbt.
Und in dem erkaltenden Körper des Toten befand sich offenbar kein Tropfen Blut mehr.
Kates Schockstarre dauerte nur kurz. Während der Page wie Espenlaub zu zittern begann, behielt sie die Nerven. Kate warf einen Blick in das angrenzende Badezimmer. Sie musste sich vergewissern, dass der Mörder sich nicht noch dort verborgen hielt.
Doch in dem Raum gab es nur eine emaillierte Badewanne mit stilisierten Löwenfüßen, viel Marmor und venezianisches Glas zu sehen – aber keinen Killer. Auch im Kleiderschrank oder unter dem großen französischen Bett hielt sich niemand versteckt.
Kate raffte ihren Rocksaum und rannte über die Treppe zurück zur Rezeption. Sie wollte nicht erst auf den Lift warten. Der Portier reagierte auf die Todesnachricht so gefasst, wie man es von einem Mann in seiner Position erwarten konnte. Kate wusste, dass sich in den Zimmern des Luxushotels die unglaublichsten Dinge abspielten. Da war auch der Fund einer blutigen Leiche nichts, was einen Portier in helle Panik versetzen konnte.
„Ich werde sofort die Polizei anmorsen“, verkündete der Mann hinter dem Empfangstresen. „Bitte halten Sie sich für die Kriminalbeamten zur Verfügung, Miss Fenton.“
Kate nickte. Seit der Erfindung des Schreibtelegraphen durch Samuel Finley Breese Morse im Jahr 1837 hatte sich diese Technologie im britischen Königreich schnell verbreitet. Alle wichtigen Firmen und Behörden verfügten über Morse-Telegraphen, durch die sie miteinander kommunizieren konnten.
Dennoch musste Kate noch eine Viertelstunde warten, bis endlich das Überfallkommando von Scotland Yard eintraf. Die Regierung dachte nicht daran, die Polizei mit Dampfkuttern auszustatten. Und so kam es, dass die Einsatzkräfte in Pferdekutschen anrücken mussten.
Lange dauerte es nicht, bis Kate ihre Aussage zu Protokoll gegeben hatte. Sie hatte den Toten ja nicht gekannt, wusste noch nicht einmal seinen Namen. Und auch der Page gab mit piepsender Stimme kaum etwas Brauchbares von sich.
Als Kate gehen durfte, war sie innerlich völlig durcheinander. Morgens hatte sie noch Zeitungen gekauft, weil sie möglichst viel über die geheimnisvollen Blutmorde von London erfahren wollte. Und nun hatte sie selbst ein Opfer dieser unheimlichen Verbrechensserie entdeckt. Für Kate gab es nämlich keinen Zweifel daran, dass hier derselbe Täter am Werk gewesen war. Sie wusste, dass alle bisherigen Toten eine Halswunde aufwiesen und keinen Tropfen Blut mehr im Körper hatten. Und in genau diesem Zustand hatte sie den Hotelgast gefunden.
„Sind Sie frei?“
Die dunkle Männerstimme riss sie aus ihren Überlegungen.
Kate war gerade durch den Dienstbotentrakt des Hotels zum Hinterausgang gelangt, wo noch immer O’Leary in dem Dampfkutter auf sie wartete. Doch nicht ihr Heizer war es, der sie angesprochen hatte.
Im Halbdunkel trat der gutaussehende Gentleman aus der Hotelhalle auf sie zu. Nun bemerkte Kate, dass er nicht viel älter sein konnte als sie selbst. Aus der Nähe wirkte sein Gesicht mit dem gepflegten Backenbart viel jünger, er war höchstens Mitte zwanzig. Kate war unruhig, denn der Anblick der blutigen Leiche hatte sie natürlich nicht kalt gelassen. Außerdem musste man damit rechnen, dass sich der Mörder immer noch im Hotel aufhielt. Der Mann schaute Kate erwartungsvoll an. Da wurde ihr bewusst, dass sie seine Frage immer noch nicht beantwortet hatte. Es musste fast eine Minute verstrichen sein, seit sie von ihm angesprochen wurde. Normalerweise war Kate sehr schlagfertig, aber in dieser Nacht war irgendwie alles anders als sonst.
„Äh, ja, Sir. Ich hatte eine andere Fuhre, aber … das hat nicht geklappt. Mein Dampfkutter steht Ihnen also zur Verfügung.“
„Das ist gut, Miss. Gehen wir, ich muss dringend von hier fort.“
Gemeinsam mit dem Gentleman bewegte sich Kate auf den Hinterausgang zu. Dort hielt ein uniformierter Bobby mit seinem typischen dunkelblauen Helm Wache. Kate kannte ihn und nickte ihm zu.
„Guten Abend, Konstabler Barnes.“
„Guten Abend, Miss Fenton. Ich hoffe, dass wir diesen Schweinehund endlich erwischen. Der Inspektor hat mich angewiesen, keine zwielichtigen Gestalten aus dem Hotel zu lassen.“
Aber offenbar zählte der Uniformierte weder Kate noch ihren Fahrgast zu den Verdächtigen, denn er ließ sie ohne Kontrolle passieren. Der Konstabler kannte die junge Frau seit Jahren. Vermutlich erschien ihm der Gentleman schon deshalb unverdächtig, weil er sich in Kates Gesellschaft befand. In der Gasse hinter dem Hotel war es ziemlich düster, doch die Positionslaternen von Kates Dampfkutter waren gut zu erkennen. Nebel zog auf. London verwandelte sich in ein graues trübes Nirgendwo.
„Nehmen Sie bitte Platz, Sir. Wo soll es hingehen?“
„Fliegen Sie mich nach East Barnet. Wenn wir dort sind, werde ich Sie zu der genauen Adresse lotsen.“
Kate nickte. Das war nicht ungewöhnlich. Die Stadt London wuchs so schnell, dass manche Straßen in den Außenbezirken noch gar keinen Namen hatten. Und East Barnet gehörte zu den Vierteln, die erst vor kurzer Zeit ein Teil des sich immer weiter ausbreitenden Hauptstadt-Molochs geworden waren. Irgendwo mussten die vielen Menschen, die es nach London zog, schließlich leben.
Der junge Gentleman ließ sich auf der Passagier-Bank nieder und schlug seine langen Beine übereinander. Er trug blank polierte schwarze Stiefel mit Gamaschen. Kate stieg in ihren Führerstand, schob sich ihre Schutzbrille über die Augen und lächelte dem Mann zu. Doch im nächsten Moment gefror das Lächeln auf ihren Lippen. Sie musste sich beherrschen, um nicht laut aufzuschreien.
Trotz der Nebelschwaden war nämlich soeben ein heller Lichtschein von der nächstgelegenen Gaslaterne auf den linken Ärmel des Fahrgastes gefallen. Deutlich konnte Kate die Blutflecken erkennen. Der dunkle Stoff des Gehrocks war förmlich in roten Lebenssaft getränkt.
Warum war ihr das vorher nicht aufgefallen?
Im Hotel war die Beleuchtung teilweise sehr schlecht gewesen. Aber jetzt war es ohnehin zu spät, um sich darüber Gedanken zu machen. Noch befand sich der Polizist Barnes in Hörweite. Kate musste einfach nur wieder aus ihrem Drehflügler springen und Alarm schlagen. Aber sie tat es nicht.
Kate führte sich vor Augen, dass der Passagier wahrscheinlich brandgefährlich war. Er hatte nichts zu verlieren, denn für die zahlreichen Morde drohte ihm der Tod durch den Strang. Gewiss, Kate konnte sich noch schnell in Sicherheit bringen. Aber was würde dann mit O’Leary geschehen, der von der Gefahr nichts ahnte?
Wenn sich der Killer in die Enge getrieben fühlte, würde er vielleicht auch den alten Heizer abstechen. Und das war mehr, als Kate hätte ertragen können. O’Leary war nach dem Tod ihres Vaters für sie beinahe so etwas wie ein Familienmitglied geworden. Nein, sie durfte sein Leben nicht riskieren.
Also schob Kate mit routinierten Bewegungen die Antriebshebel nach vorn. Fauchend wie ein Höllenhund hob sich ihr Dampfkutter langsam von der Straße und stieg bis zu dem von Nebel umgebenen Hoteldach. Bei der schlechten Sicht musste Kate nun doch ihren Kompass zu Hilfe nehmen. Ihr Führerstand war nur spärlich beleuchtet, aber sie hätte sich dort auch in stockfinsterer Nacht nur mit ihrem Tastsinn orientieren können. Zum Glück wurden Kates Augen durch die Schutzbrille verdeckt. Sie war sicher, dass man in ihren Pupillen die Furcht lesen konnte.
Eigentlich war Kate eine tapfere junge Frau. Sie hatte sich schon mit Droschkenkutschern geprügelt, die größer und stärker waren als sie selbst. Aber es gab doch einen himmelweiten Unterschied zwischen einem angetrunkenen Kutschbock-Krawallbruder und einem eiskalten Serienmörder.
Kate traute sich nicht zu, mit diesem Kerl fertigzuwerden, obwohl sie immer noch ihren Schlagring unter dem Handschuh hatte. Es gab nur eine Sache, die sie jetzt tun konnte: den unheimlichen Passagier ohne Aufsehen zu seinem Reiseziel bringen und danach so schnell wie möglich die Polizei verständigen.
Der Dampfkutter wurde von den Nebelbänken eingehüllt wie von einem Kokon. Bald konnte man sogar die von dampfgetriebenen Hochleistungsscheinwerfern angestrahlte Kuppel der St. Paul’s Cathedral sowie die Türme der Westminster Abbey nur noch als verschwommene Schemen erahnen. Diese beklemmende Atmosphäre passte perfekt zu der Tatsache, dass Kate einen mehrfachen Mörder an Bord ihres Dampfkutters hatte.
„Werden Sie den Weg nach East Barnet in dieser undurchdringlichen Brühe finden, Miss?“
Kate zuckte zusammen, als sie die Stimme des Passagiers hörte. Er hatte laut gesprochen, damit er trotz des Lärms der Maschine und der Drehflügel verstanden wurde. Eigentlich klang seine Stimme sehr angenehm, sie passte zu seinem gefälligen Äußeren. Aber Kate führte sich vor Augen, dass dieser Mann schon im Hotel gewesen war, als sie The Landmark betreten hatte. Während Kate ihren Dampfkutter umgeparkt hatte, war für ihn mehr als genügend Zeit gewesen, um den Hotelgast aus Zimmer 134 zu ermorden und sich danach im Dienstbotentrakt zu verstecken.
Aber warum war der Killer nicht schon fortgelaufen, bevor die Polizei eintraf? Dafür gab es nur eine logische Erklärung: Er brauchte dringend einen Dampfkutter, der ihn nach East Barnet bringen würde! Und der Mörder hatte Kate ja in der Hotelhalle gesehen. Also musste er wissen, dass sie sich noch im Gebäude befand. Und ein anderer Dampfkutter wartete nicht vor oder hinter dem Hotel, sonst hätte Kate ihn ja bemerkt. Also konnte er nur Kates Flugmaschine für seine Flucht benutzen.
Schnell beantwortete sie seine Frage, bevor sie ihn noch verärgerte. Er durfte auf keinen Fall merken, dass sie Verdacht geschöpft hatte.
„Selbstverständlich, Sir. Ich fliege momentan mit Hilfe eines Kreiselkompasses. Und in den Außenbezirken wird sich der Nebel erfahrungsgemäß lichten.“
„Wenn Sie das sagen, Miss … Ich bin noch nicht so oft mit einem Drehflügler geflogen. Was war das vorhin eigentlich für eine Aufregung im Hotel?“
Kates Herz krampfte sich zusammen. Wollte der Verbrecher jetzt erfahren, wie viel sie von seiner Bluttat wusste? Und wenn sie nun die Wahrheit sagte und erzählte, dass sie die Leiche gefunden hatte? Ob er sie dann ebenfalls töten würde?
„Ich weiß nicht.“ Kate lachte nervös. „Wahrscheinlich ist irgendein Hotelgast aus der Rolle gefallen und hat sich in der Bar daneben benommen. So etwas passiert öfter, sogar in den besten Häusern von London. Deshalb ist wohl auch die Polizei gekommen.“
„Ja, wahrscheinlich.“
Kate war sich nicht sicher, ob der junge Gentleman ihr ihre Unwissenheit abkaufte. Wer konnte schon sagen, was im Kopf eines Mörders vor sich ging? Und – wenn er nun gar kein Mensch war? Kate wusste immer noch nicht, ob Vampire wirklich existierten. Die Hälse der Todesopfer waren jedenfalls aufgerissen worden, aber das konnte auch mit Hilfe eines Messers geschehen sein.
Sie wollte ihrem Instinkt folgen, und ihren Passagier im Auge behalten. Doch sie konnte sich nicht dauernd nach ihm umdrehen. Er saß auf der Bank hinter ihrem Führerstand. Der Mann musste nur zwei oder drei Schritte vorwärts machen, um Kate von hinten umklammern und seine Reißzähne in ihre Kehle versenken zu können.
Kates Hände begannen zu zittern, während sie weiterhin die Steuerhebel bediente. Sie verachtete sich selbst dafür, dass sie jetzt schon beinahe hysterisch war. Aber Kate konnte nicht aus ihrer Haut. Gegen einen gewalttätigen Mann wirkte ihr Schlagring wahre Wunder, selbst mit einem Mörder aus Fleisch und Blut hätte sie es notfalls vielleicht noch aufnehmen können. Aber was sollte sie gegen eine unheimliche Bestie ausrichten, die vielleicht schon seit vielen Jahren tot war? Kate hatte von verschiedenen Möglichkeiten gehört, einen Vampir auszuschalten. Aber ein normaler eiserner Schlagring war dafür gewiss nicht die passende Waffe.
Kates Magen krampfte sich zusammen, als der Fahrgast wieder das Wort an sie richtete.
„Sie hatten recht, Miss. Dort vorne lichtet sich der Nebel, man kann schon wieder das Mondlicht sehen.“
Kate nickte. Sie war in einer seltsamen Gefühlslage. Einerseits fürchtete sie sich vor ihrem geheimnisvollen Passagier, aber andererseits fand sie ihn auch ungeheuer anziehend. Seine dunkle und samtweiche Stimme, seine schlanke athletische Gestalt, die nussbraunen Augen – er war ein Mann ganz nach ihrem Geschmack. Zum Glück musste sie ihm den Rücken zudrehen, solange sie im Führerstand war und den Dampfkutter durch die Nebelnacht navigierte.
Denn wenn Kate ihm die ganze Zeit ins Gesicht geschaut hätte, wäre sie gewiss durch ihn behext worden. Diese Gefahr bestand zumindest – oder?
Leider stammten Kates Informationen über Vampire nur aus Schauerromanen. In diesen dickleibigen Büchern, die sie oft nachts verschlang, wurden unschuldige Jungfrauen von gutaussehenden Blutsaugern verführt und schließlich gebissen. Ob der Fremde dort hinter Kate ähnlich finstere Pläne schmiedete?
Doch wenn er ihr Blut hätte trinken wollen – warum war er dann nicht schon im Hotel über sie hergefallen? Dort war er zumindest kurzzeitig mit ihr allein gewesen. Nein, der Unheimliche brauchte sie als Dampfkutter-Pilotin. Aus irgendwelchen Gründen wollte er unbedingt nach East Barnet. Solange sie dort noch nicht angekommen waren, konnte Kate sich sicher fühlen.
Jedenfalls hoffte sie das.
Je weiter sich die Dampf und Funken ausstoßende Flugmaschine von der Londoner City entfernte, desto klarer wurde die Sicht. Kate konnte inzwischen auf den Kreiselkompass verzichten. Sie flog jetzt wieder auf Sicht, orientierte sich an den Spitzen der Kirchtürme und an unübersehbaren Landmarken wie der Nelson Säule am Trafalgar Square. Kate konzentrierte sich auf ihre Arbeit. Dadurch bekam sie sowohl ihre Furcht als auch ihre romantischen Gefühle für den Mann besser in den Griff.
„Wir haben East Barnet schon fast erreicht, Sir. Wohin genau möchten Sie?“
Der Fremde stand auf und überwand die wenigen Yards Distanz zwischen sich und Kate mit zwei federnden Schritten. Er stand nun genau hinter ihr. Kates Atem stockte. Sie erwartete, dass sich seine Reißzähne gleich in ihren Hals versenken würden. Bisher hatte sie sich stets gewehrt, wenn sie angegriffen wurde. Aber eine übersinnliche Kreatur war ein völlig neuer Gegner für sie. Würde er es überhaupt spüren, wenn sie ihm mit dem Schlagring einen Kinnhaken verpasste?
Doch der Mann attackierte Kate nicht, er berührte sie noch nicht einmal. Stattdessen streckte er seinen Arm nach vorn und deutete Richtung Osten.
„Sehen Sie die vom Blitz getroffene Eiche, Miss? Der Mond spendet genug Licht, dass man sie einigermaßen erkennen kann.“
„Ja, ich sehe den Baum. Ich habe gute Augen.“
„Fliegen Sie bitte an der Eiche links vorbei. Nicht weit von dort befindet sich ein einzeln stehendes Haus. Das ist unser Ziel.“
„Soll ich direkt davor landen, Sir?“
„Ja.“
Kates Herz hämmerte so stark, dass sie glaubte, ihre Rippen würden vibrieren. Womit musste sie rechnen, sobald der Dampfkutter auf dem Erdboden aufgesetzt hatte? Sie glaubte nicht, dass die Gefahr schon vorbei war. Was würde der Unheimliche jetzt tun?
Ob sie und ihr Heizer O’Leary nun dem Tode geweiht waren?
Doch der Passagier schien noch keine feindlichen Absichten zu haben. Er zwinkerte ihr sogar zu. Kate musste sich eingestehen, dass seine körperliche Nähe sie sehr unruhig machte. Sie sehnte sich beinahe nach seiner Berührung. War diese Tatsache nicht der beste Beweis dafür, dass diese Kreatur ihr den Kopf verdrehte? Normalerweise entwickelte Kate nicht so schnell Gefühle für einen völlig fremden Mann. Sie wusste absolut nichts von ihm – außer, dass er ein Vampir und mehrfacher Mörder war.
Kate brachte die Steuerhebel in die Landestellung.
Ihr Dampfkutter gab ein schepperndes und hustendes Geräusch von sich, dann berührten die Kufen die Grasnarbe. Das Haus war jetzt nur noch einen Steinwurf weit entfernt. Im blassen Mondlicht sah das heruntergekommene Gebäude unheimlich aus – sehr passend für einen Vampir-Unterschlupf. Dort brannte kein Licht. Ob noch weitere Blutsauger im Inneren lauerten?
Der Fahrgast griff in seine Hosentasche. Kate rechnete mit dem Schlimmsten, aber er zog nur einige Shilling-Münzen hervor. Der Passagier zahlte den Fahrpreis und gab ein großzügiges Trinkgeld.
„Gute Nacht, Miss. Ich hoffe, dass wir uns noch einmal wiedersehen werden.“
Mit diesen Worten sprang der junge Gentleman von Bord, flankte über den kniehohen Zaun und eilte durch den verwilderten Garten auf das stille Gebäude zu. Kates Pulsschlag normalisierte sich allmählich. Sie konnte immer noch nicht glauben, dass die Gefahr nun vorbei war.
Kate zuckte zusammen, als sie O’Learys Stimme mit dem unverkennbaren irischen Akzent hörte. „Wo soll es nun hingehen, Miss Kate?“
„Wir fliegen zurück in die Stadt. Ich habe noch etwas zu erledigen.“
Der Heizer antwortete nicht. Stattdessen vernahm Kate das unverkennbare Geräusch seiner Schaufel, die in den Kohlevorrat stieß und das Brennmaterial in den Dampfkessel beförderte. Es war gut, diese vertrauten Töne zu hören. Sie gaben Kate ein Gefühl von Normalität, das sie eben so schmerzlich vermisst hatte.
Je weiter sich der Drehflügler von dem mysteriösen Haus entfernte, desto stärker wurde Kates Grimm und ihre Entschlossenheit. Sie schämte sich dafür, dass sie romantische Empfindungen für den Unheimlichen gehegt hatte. Gewiss hatte dieses Wesen sie in seinen Bann gezogen, aber das hätte einfach nicht geschehen dürfen. Aber noch war es nicht zu spät, um diese Scharte wieder auszuwetzen.
Der Vampir hatte den Fehler begangen, Kate laufenzulassen. Und das würde ihm jetzt zum Verhängnis werden. Kate war vermutlich die Einzige in London, die den Aufenthaltsort des unheimlichen Serienmörders kannte. Also lenkte sie ihren Dampfkutter direkt in die Bow Street, zum Polizei-Hauptquartier.
Kate landete mit ihrem Fluggerät geschickt in einer schmalen Seitengasse neben dem Gebäude.
„Ich bin gleich wieder da“, sagte sie zu O’Leary und sprang auf das Kopfsteinpflaster. Der Heizer nickte gleichmütig und biss sich ein Stück Kautabak von seinem Strang ab. Ob er ahnte, dass seine Chefin ein nebenberuflicher Polizeispitzel war? Kate wusste es nicht, sie hatte ihr Geheimnis nie mit O’Leary geteilt. Aber der Ire hätte schon blind und taub sein müssen, um nicht zu bemerken, dass Kate ziemlich oft das Amtsgebäude in der Bow Street aufsuchte.
Die beiden vor dem Haupteingang stehenden Konstabler kannten die junge Frau jedenfalls gut. Sie salutierten, und einer von ihnen hielt für Kate die schwere eisenbeschlagene Eichentür auf. Sie grinste ihn dankbar an und eilte über die breite Freitreppe im Inneren des Gebäudes hinauf in das zweite Stockwerk. Zwar war es inzwischen weit nach Mitternacht, aber in der Behörde herrschte trotzdem hektische Betriebsamkeit. Junge und ältere Männer in Uniform oder Zivil hasteten hin und her, man hörte das rhythmische Klackern von Schreibmaschinen und das sonore Tackern von Morsegeräten. Hier drin war es nicht Nebel, sondern Tabakqualm, der die Luft verschleierte.
Auch Inspektor Henry Williams, an dessen Tür Kate klopfte, hatte eine Zigarre im Mund. Er legte seine Havanna allerdings in den Aschenbecher, nachdem die junge Frau eingetreten war.
„Miss Fenton! Seien Sie mir gegrüßt, nehmen Sie bitte Platz.“
Der kleine Kriminalbeamte mit den großen Tränensäcken unter den Augen und dem Zwicker auf der Nase deutete auf seinen Besucherstuhl. Er saß vor einem Aktenregal, das förmlich von Papierstößen überquoll. Williams lächelte Kate freundlich zu. Die Dampfkutter-Pilotin gehörte zu seinen zuverlässigsten Informantinnen. Ihr hatte der Inspektor es zu verdanken, dass der Hurenschlitzer Rodney verhaftet werden konnte und der heimtückische Giftmörder Orbison sein Ende am Galgen gefunden hatte. Außerdem gab es noch viele andere Fälle, bei denen Tinker-Kate in der Vergangenheit gute Tipps gegeben hatte. Daher blickte der Kriminalbeamte sie erwartungsvoll an.
„Sie sehen so blass aus, Miss Fenton. Ich wette, Sie könnten einen Tee vertragen.“
Kate nickte dankbar. Der Inspektor trat mit dem Stiefel dreimal gegen die Wand. Gleich darauf kam der junge Kriminalassistent Benson hereingestürzt.
„Sie wünschen, Sir?“
„Einen verflixt starken Darjeeling für diese reizende Lady und für mich.“
Bensons abstehende Ohren glühten. Er war ein heimlicher Verehrer dieser frechen rothaarigen Dampfkutter-Pilotin, die der Polizei schon so viele brauchbare Hinweise gegeben hatte. Doch er war zu schüchtern, um ihr seine Gefühle zu offenbaren. Also versuchte er wenigstens, den besten Tee der Welt für sie zu brauen.
Wenig später servierte Benson das heiße aromatische Getränk. Nachdem der junge Beamte die Tür wieder von außen geschlossen hatte, wandte sich der Inspektor an Kate.
„Nun erzählen Sie mir bitte, was Sie auf dem Herzen haben, mein Kind. Ich kenne Sie jetzt schon drei Jahre. Aber ich habe Sie noch niemals so aufgewühlt gesehen wie heute Nacht. Noch nicht einmal, als Sie den Straßenmädchen-Schlächter Rodney im East End entdeckt hatten.“
Kate zuckte zusammen. Sah sie wirklich so derangiert aus? Am liebsten hätte sie ihre Puderdose gezückt, um einen Blick in den kleinen Kosmetikspiegel zu werfen. Aber das konnte warten. Jetzt musste sie die unglaubliche Neuigkeit endlich loswerden.
„Ich weiß, wo sich der Blutsauger-Serienkiller verkriecht, Sir!“, platzte sie heraus.
Henry Williams war ein Gentleman der alten Schule. Daher ließ er sich von dieser Nachricht nicht aus der Ruhe bringen, obwohl sie für ihn und alle seine Kollegen von großer Bedeutung sein konnte. Der Innenminister persönlich war vor wenigen Stunden noch im Hauptquartier erschienen und hatte gesagt, dass er die Londoner Polizei für einen Haufen von unfähigen Stümpern hielt. Kein Zweifel, die Regierung erwartete eine baldige Verhaftung des Unheimlichen, der London in Angst und Schrecken versetzte. Auf die Karriere von Inspektor Williams konnte sich ein solcher Fang äußerst positiv auswirken.
„Sie sprechen von dem unbekannten Täter, der nun bereits neun Menschen auf dem Gewissen hat? Ich habe Ihnen alle Informationen gegeben, die uns über den Verbrecher vorliegen. Leider ist es nicht viel mehr als das, was in den Zeitungen zu lesen ist.“
„Ich weiß, Sir. Der Mann hat bisher keine brauchbaren Spuren hinterlassen, nicht wahr? Aber heute Nacht hat er einen Fehler begangen. Er ließ sich vom Tatort im Landmark-Hotel direkt zu seinem Versteck fliegen – und zwar in meinem Dampfkutter.“
Kate erzählte, was sich in den vergangenen Stunden ereignet hatte. Der Inspektor nickte bedächtig und zog an seiner Zigarre.
„Sie haben sehr überlegt und kaltblütig gehandelt, Miss Fenton. Andere Menschen wären gewiss in Panik verfallen, wenn sie einem solchen Unhold so nahe hätten kommen müssen.“
Kate nickte. Sie wollte Williams nicht auf die Nase binden, in was für ein Gefühlswirrwarr sie durch diesen Blutsauger gestürzt worden war. Ihr reichte es vollkommen aus, wenn er endlich hinter Schloss und Riegel gesperrt wurde.
„Ihre Konstabler müssen aber bei der Verhaftung vorsichtig sein, Sir. Ich glaube, dass dieser Kriminelle ein echter Vampir ist.“
Kate hätte es selbst niemals für möglich gehalten, dass ihr diese Worte so einfach über die Lippen kommen würden. Ob der Kriminalbeamte sie nun für verrückt hielt? Doch der Inspektor hob nur leicht die Augenbrauen. Er machte sich jedenfalls nicht über sie lustig.
„Vielen Dank für die Warnung, Miss Fenton. Aber Sie können sicher sein, dass die Metropolitan Police für alle Herausforderungen gewappnet ist. Ich werde sofort ein Überfallkommando in Marsch setzen. Meine Männer sollen das Haus in East Barnet umstellen und durchsuchen.“
Kate trank ihren Tee aus. Sie fühlte sich nun schon viel besser. Nur eine Sache wollte sie noch loswerden. Aber es war, als ob Henry Williams ihre Gedanken gelesen hätte.
„Wegen der Belohnung müssen Sie sich keine Sorgen machen, Miss Fenton. Wenn wir den Serienmörder dank Ihres Hinweises wirklich fangen, werde ich mich persönlich dafür einsetzen, dass Sie die gesamte Summe von hundert Pfund Sterling erhalten. Scotland Yard lässt sich nicht lumpen, wenn es um die Sicherheit der Bürger geht.“
Kate lächelte dankbar und gab dem Inspektor zum Abschied die Hand. Als sie die Treppen hinunter stieg, machte sich allmählich die Müdigkeit bei ihr bemerkbar. Kate konnte eine Finanzspritze wirklich dringend gebrauchen. Die Einnahmen des vergangenen Tages reichten gerade dafür aus, den Kohlebunker ihres Dampfkutters wieder aufzufüllen.
Als Kate auf die Straße hinaus trat, fuhr gerade der Pferdewagen des Überfallkommandos mit acht Konstablern an Bord klappernd und rasselnd vom Hof. Kate zog ihre Taschenuhr unter der Lederschürze hervor und trat unter eine Gaslaterne, um das Zifferblatt ablesen zu können. Es war kurz nach vier Uhr morgens. Bis die Polizisten in East Barnet eingetroffen waren, würde die Sonne aufgegangen sein. Dann lag der Vampir vermutlich in seinem Sarg und konnte widerstandslos verhaftet werden. Der Zufall kam der Gerechtigkeit also ausnahmsweise zu Hilfe.
Kate war sehr stolz auf sich. Nur in einem Winkel ihres Herzens bedauerte sie es, dass dieser beeindruckende Gentleman so ein böses Wesen war. Er hatte sie nicht kalt gelassen, aber sie hätte sich niemals in einen brutalen Mörder verlieben können.
In einer Villa am Eaton Place herrschte Grabesstille. Merrick Grim saß in einem Lehnstuhl neben dem kalten Kamin. Es wäre ohnehin nicht möglich gewesen, die Eisknochen des Hausherrn mit einem lodernden Feuer zu wärmen. Merrick Grim war nämlich seit 500 Jahren tot. Er fuhr sich nachdenklich über seine breite wachsbleiche Stirn und schaute durch das Fenster auf den dunklen Platz hinaus, ohne etwas wahrzunehmen.
„So nachdenklich, Meister?“
Vespasias glockenhelle Stimme riss Grim aus seinen Grübeleien. Die hochgewachsene schlanke Dienerin war beinahe lautlos in den holzgetäfelten Wohnraum getreten. Die meisten Gentlemen, die der rassigen Vespasia begegneten, waren von ihrer madonnenhaften Schönheit beeindruckt. Keiner von ihnen ahnte, dass Merrick Grim diese junge Grazie bereits vor 388 Jahren zu einer Vampirin gemacht hatte. Und seitdem folgte sie ihm treu und ergeben wie ein Schoßhündchen.
„Vespasia, ich versuche, in die Gedankenwelt unserer Feinde einzudringen. Aber es gelingt mir nicht, und das ist nicht gut.“
„Unsere Feinde, Meister?“ Vespasia lachte geringschätzig. Ihr bodenlanges Abendkleid aus Satin knisterte, als sie sich auf die linke Armlehne des Sessels setzte und ihre schmale Hand vertraulich auf die Schulter des Sippenanführers legte. Dann fuhr sie fort: „Wann hätten unsere Gegner uns jemals widerstehen können? Sie sind nur schwache Menschen, deren erbärmliche Leben nach höchstens siebzig oder achtzig Jahren vorbei sind. Aber wem sage ich das, Sie haben mich schließlich vor einem solchen Schicksal bewahrt. Allein schon die Vorstellung, dass ich alt und schrumpelig werden könnte, lässt mich schaudern. Aber ich bleibe bis in alle Ewigkeit jung und schön, und dafür werde ich Ihnen immer dankbar sein.“
Merrick Grim machte eine ungeduldige Handbewegung. Er schätzte Vespasias Loyalität, aber Lobhudeleien brachten ihn jetzt nicht weiter. Das Oberhaupt der Vampirsippe von Albion hatte große Pläne, die immer noch durchkreuzt werden konnten.
„Dankbarkeit allein reicht mir nicht. Du wirst unseren Knecht Neville dort auftreiben, wo er sich verkrochen hat. Er hätte sich von unseren Widersachern beinahe erwischen lassen, und das ist nicht gut. Neville ist eine Last geworden. Er hat es nicht verdient, länger ein Teil unserer ehrwürdigen Gemeinschaft zu sein.“
Vespasia nickte und reckte stolz ihr Kinn vor. Sie liebte es, wenn sie von ihrem Meister mit wichtigen Aufgaben betraut wurde. Sie war fest entschlossen, diesen kleinen Wurm Neville für immer verschwinden zu lassen. Die Vampirin hatte keine Hemmungen, einen Menschen zu töten. Und es gab auch bei den Kreaturen der Nacht Mittel und Wege, um deren Existenz endgültig zu beenden.
Die schöne dunkelhaarige Frau verließ den Raum so leise, wie sie ihn betreten hatte. Der Meister sollte sie an ihren Taten messen, nicht an ihren Worten. Der Meister brauchte jetzt Ruhe, er konnte sich nicht persönlich um solche Nebensächlichkeiten wie diesen Wicht Neville kümmern. Der Meister musste wichtige Entscheidungen treffen.
Merrick Grim wollte schließlich immerhin das britische Weltreich vernichten.
Kate fand nur wenige Stunden Schlaf, bevor ihr mechanischer Wecker unbarmherzig klingelte. Mit einem wenig damenhaften Fluch schwang sie ihre langen Beine aus dem Bett und streifte ihre Nachthaube ab.
Während sie sich Tee kochte und mit der Brennschere ihre widerspenstigen Locken in Form brachte, gingen ihr die Ereignisse der vorigen Nacht noch einmal durch den Kopf.
Durch die geschlossenen Fenster ihrer kleinen Wohnung hörte Kate die lauten hellen Stimmen der kleinen Zeitungsjungen, die ihre Sensationsblätter anpriesen. „Grausiger Mord im Luxushotel! Der Blut-Killer schlägt wieder zu!“
Natürlich, die Londoner Morgenblätter hatten noch knapp vor dem Redaktionsschluss von der Bluttat im Hotel The Landmark erfahren. Aber die spätere Verhaftung des Mörders war gewiss schon geschehen, während die Druckmaschinen bereits liefen. Kate lächelte selbstbewusst ihrem Spiegelbild zu. Die Nachricht vom großen Erfolg der Londoner Polizei würde erst in den Abendausgaben zu lesen sein. Und darin stand dann gewiss keine Zeile über Kates Anteil an der spektakulären Verhaftung. Aber das machte ihr nichts aus. Wenn bekannt würde, dass sie nebenbei für die Polizei arbeitete, wäre sie ja kein brauchbarer Spitzel mehr.
Es bereitete Kate große Freude, in aller Heimlichkeit eine so wichtige Aufgabe wahrzunehmen. Gerade sie als Dampfkutter-Pilotin schnappte viele Informationen auf, an die Beamte von Scotland Yard niemals herangekommen wären. Es machte sie stolz, wenn dank ihrer Hilfe ein schweres Verbrechen aufgeklärt werden konnte. Dass sie auf Ruhm und öffentliches Lob verzichten musste, fand sie nicht so schlimm.
Viel wichtiger war ihr die Belohnung für ihren Hinweis. Kate malte sich aus, was sie mit den hundert Pfund Sterling anfangen wollte. Sie konnte endlich einmal ihrem Heizer pünktlich seinen Lohn zahlen. Und dann war da noch dieses herrliche Kleid in einer Boutique im West End, auf das sie schon lange ein Auge geworfen hatte …
Kate verdrückte schnell ihren Tee und etwas Marmeladen-Toast und eilte dann zu dem Schuppen, in dem ihr Dampfkutter eingeschlossen war. O’Leary wartete bereits vor der Tür, die Hände tief in die Taschen seines zerschlissenen Overalls vergraben. Der Alte wohnte in einem Verschlag ein paar Straßen weiter.
Der Stadtteil Tower Hamlets lag im East End und war alles andere als eine gute Wohngegend. Aber Kate lebte trotzdem gerne hier, denn es war niemals langweilig. Außerdem beschwerten sich die Nachbarn nicht wegen dem Lärm und dem Gestank, der durch die startende und landende Flugmaschine verursacht wurde. Im West End hätte Kate niemals eine Unterstellmöglichkeit für ihren Dampfkutter gefunden. Die hohen Herrschaften wollten zwar gerne durch die Luft kutschiert werden, aber ohne Krach und Geruchsbelästigung direkt vor ihrer eigenen Haustür. Diese negativen Seiten des Fortschritts überließen sie lieber den Armen.
Mit vereinten Kräften holten Kate und O’Leary den Dampfkutter aus dem Schuppen und heizten das Kesselfeuer an. Knarrend und bebend setzten sich die Drehflügel langsam und dann immer schneller in Bewegung.
Kates Unruhe wuchs von Minute zu Minute. Sie konnte es kaum abwarten, wieder mit Inspektor Williams zu reden. Sie musste jetzt unbedingt erfahren, wie die Verhaftung über die Bühne gegangen war, sonst würde sie noch platzen. Ungeduldig lenkte sie ihren Drehflügler durch den morgendlichen Londoner Verkehr. Um diese Uhrzeit waren viele Dampfkutter unterwegs, um Reisende zum Victoria Flugfeld zu bringen. Kate musste sich konzentrieren, damit es keine Kollision gab. Sie landete wieder am selben Platz wie in der Nacht zuvor und betrat erneut das Polizei-Hauptquartier.
Auf dem Weg zu Inspektor Williams’ Büro fiel ihr auf, dass die Stimmung der meisten Polizisten immer noch angespannt und gereizt war. Eigentlich hatte sie große Freude und Gelöstheit erwartet, weil der gefährliche Killer endlich gefasst war. Ob es Probleme bei der Festnahme gegeben hatte?
Kate klopfte an die Tür des Inspektors, dann trat sie ein. Eigentlich wunderte sie sich nicht, dass er noch immer oder schon wieder auf seinem Posten saß. Es kam ihr so vor, als ob er niemals schlafen würde.
„Guten Morgen, Miss Fenton. Haben Sie neue Informationen für mich?“
Kate kniff die Augen zusammen. Sie versuchte, den Gesichtsausdruck des Inspektors einzuschätzen. Aber er wirkte neutral und professionell auf sie, wie immer.
„Neue Informationen, Sir? Nein, ich hatte gehofft, Sie würden mir von dem Zugriff in der vorigen Nacht berichten.“
Der Kriminalbeamte schüttelte den Kopf.
„Diese Aktion war leider ein völliger Schlag ins Wasser. Sie hatten mir ja das einzeln stehende Haus in East Barnet genau beschrieben. Die Kollegen vom Überfallkommando haben es auch auf Anhieb gefunden. Aber es war leer.“
Kate blieb vor Erstaunen der Mund offen stehen.
„Leer, Sir? Das ist unmöglich. Ich habe genau gesehen, wie der Blutsauger auf das Haus zugelaufen ist. Vielleicht haben die Konstabler ja nicht richtig nachgeschaut?“
Inspektor Williams schüttelte den Kopf. „Es handelt sich um erfahrene Beamte, Miss Fenton. Das Gebäude wurde gründlich durchsucht, vom Keller bis zum Dachboden. Meine Kollegen hatten nicht den Eindruck, das Haus wäre bewohnt. Sie haben dort keine Menschenseele angetroffen.“
Kunststück, dachte Kate bockig. Ein Vampir ist ja schließlich auch kein Mensch.
Sie ließ sich nicht beirren. Schließlich hatte sie ihre aufregenden Erlebnisse ja nicht geträumt.
„Haben die Polizisten auch keinen Sarg gefunden, Inspektor? Sie wissen ja vielleicht auch, dass Vampire tagsüber in einer Totenkiste schlafen müssen, und …“
Der Kriminalbeamte brachte mit einer abrupten Handbewegung Kates Redefluss zum Versiegen. Und sein Tonfall klang nun auch entschieden ungeduldiger.
„Nein, es konnte auch kein Sarg sichergestellt werden. Ich weiß Ihren Eifer durchaus zu schätzen, Miss Fenton. Bisher sind Sie stets eine sehr zuverlässige Informantin der Londoner Polizei gewesen. Daher finde ich es überhaupt nicht schlimm, dass Sie sich dieses eine Mal offenbar getäuscht haben.“
Kate rollte ungeduldig mit den Augen.
„Aber ich habe mich nicht geirrt, Sir! Der Verdächtige ist in dem Gebäude verschwunden. Allerdings wird das Überfallkommando wieder einmal nur im Schneckentempo vorwärts gekommen sein. Es dauert doch ewig, bis man mit einem Pferdewagen die Außenbezirke erreicht. Er hatte das Gebäude vielleicht schon wieder verlassen, als die Polizisten endlich dort waren. Wenn die Metropolitan Police mit Dampfkuttern ausgerüstet wäre, hätten Ihre Leute ihn erwischt.“
Williams seufzte. „Sagen Sie das dem Innenminister. Die Regierung bewilligt uns keine Gelder für moderne Ausrüstung, das Ministerium denkt da sehr altmodisch. – Wie auch immer, ich nehme Ihnen diesen Fehlgriff nicht krumm. Ich bin sicher, dass Ihr nächster Hinweis wieder sehr brauchbar sein wird.“
Der Inspektor schlug eine Akte auf, das Gespräch war für ihn offenbar beendet. Kate kochte vor Wut. Am liebsten hätte sie ihn an den Revers seines schwarzen Gehrocks gepackt und geschüttelt, damit er zur Besinnung kam.
Aber irgendwie schaffte sie es, ihr ungestümes Temperament ausnahmsweise im Zaum zu halten. Wenn Kate auch weiterhin heimlich als Polizeispitzel arbeiten wollte, durfte sie es sich mit dem Kriminalbeamten nicht verscherzen. Williams war schließlich ihr Betreuer, an den sie sich bisher immer gewandt hatte. Wenn der Inspektor nicht mehr mit ihr zusammenarbeiten wollte, würde sie bei Scotland Yard nirgends mehr einen Fuß in die Türe bekommen.
Auf dem Weg nach draußen begann sie an sich selbst zu zweifeln. Hatte sie vielleicht die ganze Episode doch nur geträumt? Die Fahrt mit dem faszinierenden und gefährlichen Serienmörder-Vampir an Bord ihres Dampfkutters kam ihr rückblickend fast unwirklich vor.
Doch nein, sie hatte sich nicht getäuscht. Der Blutsauger war von ihr nach East Barnet gebracht worden, das stand fest. Und wenn die Polizei die Beweise dafür nicht finden konnte, dann musste sie das eben selbst tun!
Entschlossen sprang Kate in den Führerstand ihres Dampfkutters. Das funkensprühende Eisenungetüm setzte sich mit schnell drehenden Rotoren in Bewegung. Kate flog erneut zu dem einsamen Haus am Stadtrand, diesmal allerdings ohne Passagier. Falls ihr Heizer sich über diese Tour wunderte, ließ er es sich jedenfalls nicht anmerken. In diesem Moment war sie O’Leary besonders dankbar für seine Schweigsamkeit. Er verlangte keine Erklärung von ihr, die sie ihm sowieso nicht hätte geben können. Aber O’Leary sagte ohnehin nichts und widmete sich nur seinem Kautabak.
Während Kate ihren Drehflügler Richtung Norden lenkte, kreisten ihre Gedanken um den geheimnisvollen dunkelhaarigen Fremden. Obwohl sie eine Polizeiinformantin war, wusste Kate kaum mehr über die Mordserie als jeder Londoner Zeitungsleser. Fest stand nur, dass es bisher niemals Fußspuren oder andere Hinweise auf den Täter gegeben hatte. Diese Information wurde von den Behörden nicht an die Presse gegeben, weil man eine Panik in der Bevölkerung vermeiden wollte. Es gab sowieso schon genug Gerüchte darüber, dass Vampire für die Morde verantwortlich seien.
Kate wusste nicht mehr, was sie glauben sollte. Wenn der mysteriöse Mann wirklich ein Vampir war – wieso benötigte er dann überhaupt einen Dampfkutter? Konnte er sich nicht einfach in eine Fledermaus verwandeln und auf diese Weise selbst nach East Barnet fliegen?
Sie schüttelte ihre roten Korkenzieherlocken. Kate musste dringend Beweise sammeln. Wenn sie sich noch länger in wilden Spekulationen verlor, würde sie sich nur schlimme Kopfschmerzen einhandeln. Für die Polizei zählten jedenfalls nur Tatsachen. Inspektor Williams war kein Unmensch. Wenn Kate ihm Fakten präsentieren konnte, würde er seinen Irrtum erkennen – und ihr die Belohnung zukommen lassen.
Tagsüber wirkte das alte Gemäuer unweit der Eiche nicht halb so furchteinflößend wie im nächtlichen Mondschein. Trotzdem näherte sich Kate sehr vorsichtig zu Fuß dem Haus, nachdem sie ihren Drehflügler zur Landung gebracht hatte.
Mit der linken Hand hob sie ihren Rocksaum, damit der bodenlange Stoff nicht durch die Disteln und das andere Unkraut im verwilderten Garten beschädigt wurde. Ihre rechte Hand mit dem Schlagring war zur Faust geballt. Kate wusste nicht, ob dieses Stück Eisen gegen einen Blutsauger helfen würde. Aber eine andere Waffe besaß sie nicht. Kate wusste, dass einige andere Dampfkutter-Piloten stets einen Revolver in der Tasche hatten. Doch Kate konnte nicht schießen, und sie wollte es auch nicht lernen.
Die hohe Kassettentür knarrte laut, als die junge Frau sie vorsichtig aufdrückte. Kates Herz raste. Sie erkannte im Halbdunkel nur einige Möbelstücke, die mit weißen Leintüchern zugedeckt worden waren. Die Gegenstände wirkten auf Kate wie erstarrte Gespenster. Witternd hob sie ihren Kopf, erinnerte sich schaudernd an den Blutgestank in dem Hotelzimmer. Aber in diesem einsamen Haus am Stadtrand von London roch es nur nach altem Staub und feuchter Gartenerde. Die Fußabdrücke auf dem Boden stammten offensichtlich von den Beamten des Überfallkommandos. Kate kannte die genagelten Schuhe, mit denen die Londoner Polizisten ausgerüstet waren.
Während Kate das Haus durchsuchte, musste sie im Stillen dem Inspektor Recht geben. Nichts deutete darauf hin, dass außer den acht Konstablern irgendjemand in letzter Zeit das Gebäude betreten hatte oder sich gar hier verkroch.
Kates Laune war auf dem Tiefpunkt, als sie zu ihrem Fluggerät zurückkehrte. Konnte sie ihrer eigenen Sinneswahrnehmung nicht mehr trauen? Sie knöpfte sich nun ihren wortkargen Heizer vor.
„O’Leary?“
„Ja, Chefin?“
„Erinnerst du dich an den letzten Flug in der vorigen Nacht?“
„Ja.“
„Da sind wir doch auch genau hierher nach East Barnet geflogen, oder?“
„Ja.“
„Und ich habe einen Passagier hier abgesetzt?“
„Ja.“
Nach seiner letzten Antwort schob sich O’Leary ein frisches Stück Kautabak in den Mund. Für seine Verhältnisse war er beinahe geschwätzig gewesen. Kate wusste nun immerhin, dass sie sich nicht getäuscht hatte. Aber das nützte ihr trotzdem nichts. Sie war felsenfest davon überzeugt gewesen, den Serienmörder an Bord ihres Dampfkutters gehabt zu haben. Aber nun war er wie vom Erdboden verschluckt. Die Zeugenaussage von O’Leary war gegenüber der Kriminalpolizei nicht viel wert. Man würde annehmen, dass er seiner Chefin nur nach dem Mund redete. Immerhin war er ja wirtschaftlich von ihr abhängig.
Kate stürzte sich in die Arbeit, um sich abzulenken. Was blieb ihr auch anderes übrig? Sie war immer sehr stolz darauf gewesen, dass sie der Londoner Polizei bei der Verhaftung von gefährlichen Kriminellen tatkräftig hatte helfen können. Und da Kate stets knapp bei Kasse war, konnte sie die Belohnungen aus Inspektor Williams’ Spitzelkasse gut gebrauchen. Nun wollte sie an diesem Tag wenigstens versuchen, mit ihrem Dampfkutter genug Geld zu verdienen.
Doch es war wie verhext. Als Kate und O’Leary eine Stunde später das Victoria Flugfeld erreichten, war das Linien-Luftschiff aus Madrid ausnahmsweise einmal pünktlich gewesen. Einige andere Piloten hatten sich schon Passagiere gesichert, und die geizigen Touristen kletterten gerade in die wartenden Pferdedroschken. Eine Fahrt mit der Kutsche in die Londoner Innenstadt war immer noch wesentlich billiger als ein Dampfkutter-Flug.
Auch während des restlichen Arbeitstages schien Kate vom Pech verfolgt zu werden. Obwohl wegen der bevorstehenden Eröffnung der Weltausstellung Menschen aus allen Erdteilen in die britische Hauptstadt strömten, bekam Kate nur sehr wenige Passagiere. Sie las Zeitung, um sich die Stunden des Wartens zu verkürzen. Doch dadurch verbesserte sich ihre Stimmung auch nicht. Die Blätter berichteten in aller Ausführlichkeit über den Mord, der sich in der vergangenen Nacht im Hotel The Landmark ereignet hatte. Das Opfer war offenbar ein Handelsvertreter aus Glasgow namens Tobias Bannister gewesen. Angeblich hatte Mr Bannister keine Feinde gehabt und war nur wegen seiner Geschäfte nach London gekommen.
„Die Bestie mordet wahllos, sie will nur Blut trinken“, murmelte Kate vor sich hin. Sie stand an die Karosserie ihres Drehflüglers gelehnt und blätterte in der Zeitung, während O’Leary auf seinem Drahtsitz hockte und in einen Wälzer von einem Schauerroman vertieft war. Der Alte interessierte sich nicht für das, was in der Welt passierte. Er las lieber seine blutrünstigen Horrorgeschichten.
Nach Einbruch der Dunkelheit kutschierte Kate noch zwei vergnügungssüchtige Gentlemen zu den Tanzpalästen des West Ends, dann hatte sie endgültig die Nase voll. Sie lenkte ihren Dampfkutter in den Schuppen zurück.
„Morgen wird bestimmt ein besserer Tag. Gute Nacht, O’Leary.“
„Gute Nacht, Chefin.“
Kaum hatte Kate ihre Wohnung aufgeschlossen, da erkannte sie, dass etwas nicht stimmte. Es roch nach einem teuren Herrenparfüm. Und es war schon länger her, dass sie Besuch von einem männlichen Wesen bekommen hatte. Kate lernte zwar in ihrem Beruf viele Herren kennen, aber die meisten waren nur an einer flüchtigen Affäre interessiert. Und für so etwas war Kate viel zu romantisch. Sie überlegte es sich sehr genau, ob und wann sie einen Gentleman mit in ihre Wohnung nahm.
Jedenfalls konnte dieser Duft nur eines zu bedeuten haben – ein Unbekannter war in ihr Zuhause eingedrungen. Und er befand sich vielleicht noch immer hier! Kaum war Kate dieser Gedanke gekommen, als sie auch schon am Handgelenk gepackt wurde. Der Griff war nicht brutal, aber fest. Kate wurde in die Mitte des Raums gezerrt. Sie strauchelte in der Dunkelheit, musste sich an der Tischkante festhalten. Ein Streichholz flammte auf.
Jemand hielt die kleine Flamme an den Docht von Kates großer Petroleumlampe. Kates Kehle wurde schlagartig staubtrocken. Sie kannte den Mann, der bei ihr eingebrochen war und nun soeben Licht gemacht hatte.
Es war der schöne Fremde aus der Hotelhalle, der Vampir und Serienmörder.
„W…was tun Sie hier?“ Kate verachtete sich selbst dafür, dass ihre Stimme sich plötzlich so dünn und zitternd anhörte. Gewiss, sie fürchtete sich vor dem Eindringling. Aber gleichzeitig war sie auch wütend, weil er sie so einfach überrumpelt hatte. Sie war nun seine Gefangene, und zwar in ihren eigenen vier Wänden.
„Ich will mit Ihnen reden, Tinker-Kate.“
Kate versuchte, im gelblichen Licht der Petroleumlampe die Gefühle des Mannes auf seinem Gesicht abzulesen. Sie glaubte, so etwas wie Enttäuschung oder Grimm zu entdecken. Aber warum sollte der Kerl sauer auf sie sein? Hatte er herausgefunden, dass sie zur Polizei gegangen war? Kate musste sich dringend etwas einfallen lassen, aber noch hatte sie keine Idee. Sie versuchte es zunächst mit Reden. Wer sprach, würde nicht sofort töten. Sie musste einfach Zeit gewinnen, bis ihr etwas Gutes einfiel.
„Woher wissen Sie, wo ich wohne? Wie sind Sie in meine Wohnung gekommen?“
„Oh, das war nicht besonders schwer. Es gibt offenbar nicht viele Dampfkutter-Pilotinnen mit langen roten Locken. Ich musste nur mit ein paar Droschkenkutschern reden und ihnen ein gutes Trinkgeld geben. So erfuhr ich, dass Sie Tinker-Kate genannt werden und wo Sie wohnen. Und wenn man geschickte Finger hat, kann man Ihr Türschloss sehr leicht öffnen.“
„Die Droschkenkutscher haben mich also verpfiffen? Diese verflixten Pferdeapfel-Jongleure! Mit diesen missgünstigen Faulpelzen werde ich höchstpersönlich abrechnen.“
Der Mann zog unwillig seine Augenbrauen zusammen. „Faulpelze nennen Sie diese hart arbeitenden Männer? Das, was Sie getan haben, ist doch noch viel schlimmer.“
Wovon redete dieser unverschämte Kerl? Kate wollte es gar nicht wissen, sie musste jetzt handeln. Ihr Handgelenk hatte der Eindringling inzwischen wieder losgelassen. Aber sie konnte nicht darauf bauen, dass er weiterhin so zimperlich mit ihr umging. Sie musste ihn angreifen, bevor er damit rechnete. Doch leider trug sie momentan den schweren Schlagring nicht unter ihrem Handschuh. Aber ihr war ein anderer Einfall gekommen.
„Hören Sie, wir können über alles reden. Aber dürfte ich erst einen Schluck Wein zu mir nehmen? Ich sterbe vor Durst. Ich war den ganzen Tag unterwegs und hatte kaum Zeit zum Trinken.“
„Meinetwegen“, knurrte der Fremde.
Kates Plan war einfach. Sie musste sich nur auf ihre eigene Kraft und Schnelligkeit verlassen. Ihr war nämlich aufgefallen, dass der Mann auf dem abgetretenen Teppich stand, den sie über ihre Parkettbohlen gelegt hatte. Kate wandte sich der Kommode zu, auf der die angebrochene Weinflasche stand. Und dann ging alles ganz fix.
Kate bückte sich blitzartig und zog so stark wie möglich am anderen Ende des länglichen Teppichs. Damit hatte ihr Widersacher nicht gerechnet. Er strauchelte, ruderte mit den Armen. Und er fiel in ihre Richtung. Genau das hatte Kate gehofft. Sie holte mit der anderen Hand aus und schlug ihm die Weinflasche über den Schädel.
Der Mann gab einen leisen Schmerzlaut von sich und fiel auf den Boden. Kate behielt die Flasche in der Hand, um nötigenfalls noch einmal angreifen zu können. Aber das war nicht nötig, der bleiche Gentleman bewegte sich nicht mehr. Nun erschrak Kate selbst über das, was sie soeben getan hatte. Ob sie ihn totgeschlagen hatte? Sie war doch keine Mörderin!
Beunruhigt kniete sie sich neben den leblosen Körper. Kate legte ihre flache Hand auf die Brust des Mannes. Deutlich konnte sie spüren, dass sein Herz weiterhin schlug. Und sie war verblüfft über sich selbst, weil ihr diese Berührung so gut gefiel. Wie konnte sie Gefühle für einen Fremden entwickeln, der in ihre Wohnung eingedrungen war und irgendwelche finsteren Absichten im Schilde führte? Für einen Untoten, der …
Kate schüttelte resolut den Kopf. Nein, der Dunkelhaarige konnte unmöglich ein Vampir sein. Sie erinnerte sich an das, was sie über Blutsauger schon gehört hatte. Vampire konnten nicht in eine Wohnung eindringen, wenn sie nicht dazu eingeladen wurden. Außerdem ist ihr Spiegelbild nicht zu sehen. Kate holte schnell ihre Puderdose hervor und hielt den kleinen Kosmetikspiegel vor das bleiche Gesicht des Mannes. Aber sein attraktives Antlitz war in dem Spiegel deutlich zu erkennen.
Kate durchsuchte seine Kleidung und fand einen fast unterarmlangen Dolch aus Silber. Stirnrunzelnd betrachtete sie die Stichwaffe. Ein solches Instrument würde man wohl kaum bei einem Vampir vermuten. Nein, dieser Kerl war offensichtlich ein Mensch aus Fleisch und Blut. Aber was wollte er von ihr?
Diese Frage konnte er gewiss selbst beantworten, denn er fasste sich nun an die Stirn und kam laut stöhnend wieder zu sich. Kate war erleichtert, weil sie ihn nicht totgeschlagen hatte. Außerdem fühlte sie sich besser, weil sie nun den Silberdolch in der Hand hielt und ihr ungebetener Besucher unbewaffnet war.
Der Mann richtete sich in eine sitzende Position auf. Kate hielt ihm die Dolchspitze vor die Nase. Sie würde niemals einen Unbewaffneten stechen, aber das musste sie ihn ja nicht wissen lassen.
„Schön auf dem Teppich bleiben, Mister. Sonst werde ich ungemütlich.“
Auf seinem Gesicht erschien ein schmerzverzerrtes süßsaures Lächeln.
„Ich hätte wissen müssen, dass mit Ihnen nicht gut Kirschen essen ist, Tinker-Kate. Die Droschkenkutscher haben mich gewarnt und gesagt, dass Sie ein rabiates Flintenweib seien. Sie verfügen nicht nur über eine scharfe Zunge, sondern auch über eine harte Rechte, heißt es.“
Kate schnaubte ironisch. „Ja, diese Peitschenschwinger werfen mit Komplimenten nur so um sich. – Aber jetzt haben wir genug über mich geredet. Was ist mit Ihnen, Mister? Wie heißen Sie überhaupt?“
„James Barwick.“
„Okay, Mr Barwick. Ich wäre Ihnen dankbar, wenn Sie mich Miss Fenton nennen würden. Tinker-Kate werde ich nämlich nur von meinen Freunden gerufen. Und Sie sind nicht mein Freund, sonst würden Sie wohl nicht in meine Wohnung einbrechen.“
„Sie haben Recht, das war nicht nett von mir. Aber wenn Sie mit den Blutsaugern gemeinsame Sache machen, dann müssen Sie sich nicht wundern, dass Sie Ärger mit mir und mit einigen anderen Menschen bekommen.“
Kate blieb vor Empörung der Mund offen stehen. Wollte dieser James Barwick den Spieß umdrehen? Dafür hatte er sich die Falsche ausgesucht.
„Sie glauben, ich wäre eine Komplizin von irgendwelchen Vampiren? Habe ich Ihnen zu stark auf den Schädel geschlagen? Sind Sie noch ganz bei Trost?“
James Barwick schüttelte den Kopf. „Leugnen Sie es nicht, Miss Fenton. Zugegeben, ich hielt sie zunächst für eine sehr attraktive und beherzte junge Lady. Deshalb war es mir ein Vergnügen, mit Ihnen nach East Barnet zu fliegen. Aber da konnte ich noch nicht ahnen, dass Sie Neville vor mir warnen würden.“
Kate verstand die Welt nicht mehr. Aber sie hatte nicht das Gefühl, als ob James Barwick ihr eine Schmierenkomödie vorspielen würde.
„Wer soll denn dieser Neville sein, den ich angeblich gewarnt habe?“
„Der Vampir, der im Hotel den Mord begangen hat“, erklärte James Barwick schlicht. „Warum schauen Sie denn so ungläubig? Denken Sie vielleicht, ich hätte das Mordopfer auf dem Gewissen?“
„Jedenfalls hatten Sie Blut am Ärmel, Mr Barwick.“
„Ja, zugegeben. Das muss passiert sein, als ich den Toten untersucht habe. Ich musste mich ja vergewissern, dass er von einem Vampir getötet worden war. Und ich bin mir hundertprozentig sicher, dass Neville sich in das Haus in East Barnet zurückgezogen hat. Dort hätte ich den Vampir vernichten können, aber Sie mussten ihn ja unbedingt warnen.“
Kate Empörung wuchs, obwohl dieser unverschämte Kerl ihr kurz zuvor noch ein Kompliment gemacht hatte. Doch dadurch wurde alles nur noch schlimmer. Sie war gekränkt, weil James Barwick in ihr eine Helferin des Vampirs sah. Eigentlich hätte es ihr ja egal sein können, was dieser Kerl von ihr dachte. Aber das war es nicht.
„Glauben Sie, ich hätte ein Morsegerät an Bord meines Dampfkutters?“, höhnte Kate. „Wie hätte ich diesen sogenannten Neville denn warnen sollen? Sie waren die ganze Zeit bei mir, erinnern Sie sich?“
„Ja, das stimmt. Aber wenn Sie wirklich eine Dämonendienerin sind, dann können Sie auf geistigem Weg Kontakt mit den Blutsaugern aufnehmen.“
„Falls ich das wirklich könnte, dann würde ich in diesem Moment meine blutsaugenden Kumpane rufen, damit sie Ihnen Saures geben.“
James Barwick nickte ernsthaft. „Ja, ich werde diese Nacht nicht überleben. Ich habe mich sowieso schon gefragt, warum Sie mich noch nicht getötet haben. Wollen Sie mich erst noch darüber ausquetschen, wie viel die Bruderschaft über die finsteren Pläne Ihrer vampirischen Herren weiß?“
„Was für eine Bruderschaft, zum Kuckuck?“
„Die Bruderschaft vom Reinen Herzen, der ich angehöre. Wir kämpfen seit biblischen Zeiten gegen die Mächte der Finsternis. Ihr Erstaunen wirkt sehr glaubwürdig auf mich, das muss ich schon sagen. Aber die Vampire werden Ihnen vermutlich nur das Allernotwendigste erzählt haben.“
Im ersten Moment glaubte Kate, ihr Gegenüber wollte sie auf den Arm nehmen. Aber er wirkte nicht so, als ob er sich einen Scherz erlauben würde. Ihr wurde bewusst, dass sie noch immer den Silberdolch auf ihn gerichtet hielt.
Kate ließ die Waffe sinken. Sie beschloss, James Barwick zu vertrauen. Bisher hatte sie sich meistens auf ihre Menschenkenntnis verlassen können.
„Mr Barwick, ich stehe nicht im Dienst von Blutsaugern. Wenn Sie mir das nicht glauben wollen, dann kann ich daran nichts ändern. Ehrlich gesagt habe ich Sie für einen Vampir gehalten. Deshalb ging ich zur Polizei, sobald ich wieder in der Londoner City war. Ein Überfallkommando hat im Morgengrauen das Haus in East Barnet gestürmt, aber dort niemanden angetroffen. Weder Sie noch diesen Neville, wer immer das sein mag.“
„Neville ist ein Vampir. Vermutlich hat er alle Menschen auf dem Gewissen, deren blutleere Leichen in den vergangenen Wochen in London aufgefunden wurden. Er gehört zur gefährlichen Vampirsippe von Albion, die von einem gewissen Merrick Grim angeführt wird.“
„Woher wissen Sie das alles?“
„Man muss seinen Feind kennen. Gestern, als wir uns begegneten, sollte ich das Hotel The Landmark im Auge behalten. Meine Bruderschaft hatte den Tipp bekommen, dass dort eine weitere Bluttat geplant war. Leider konnte Neville mir kurzzeitig entwischen. Er saugte sein armes Opfer leer, verwandelte sich in eine Fledermaus und floh. Aber er konnte nicht ahnen, dass wir sein Versteck ausfindig gemacht hatten. Wenn ein Vampir sich vollgetrunken hat, wird er träge und nachlässig. Das ist eine gute Chance für einen Dämonenjäger. Also sprach ich Sie an, damit Sie mich nach East Barnet fliegen. Ich wollte der Bestie meinen Silberdolch ins Herz jagen. Aber dazu ist es leider nicht gekommen, weil mich jemand verraten hat. Eine andere Möglichkeit sehe ich nicht.“
„Ich bin es jedenfalls nicht gewesen“, erklärte Kate mit fester Stimme. „Ich stehe zu dem, was ich tue. Wenn ich mich wirklich den Vampiren versklavt hätte, dann würde ich Ihnen das ins Gesicht sagen.“
„Ja, das glaube ich Ihnen, Miss Fenton. Sie sind eine Frau, die zu dem steht, was sie tut. So habe ich Sie sofort eingeschätzt.“
Täuschte sich Kate, oder lag nun plötzlich wieder so etwas wie Wärme und Sympathie im Blick seiner dunklen Augen? Ihr lief ein wohliger Schauer über den Rücken. Doch wenn James Barwick glaubte, sie so schnell umgarnen zu können, dann sollte er sich getäuscht haben. Kate hörte sich sehr schnippisch an, als sie nun wieder den Mund öffnete.
„Wirklich, Mr Barwick? Ein besonders guter Menschenkenner scheinen Sie mir aber nicht zu sein. Sonst hätten Sie mich ja gar nicht verdächtigt.“
Der Mann mit den schönen dunklen Augen hob bedauernd die Schultern. „Leider kenne ich Sie noch zu wenig, um Sie richtig einschätzen zu können.“
Kate warf James Barwick einen arroganten Blick zu. „War das der Grund, aus dem Sie in meine Wohnung eingedrungen sind? Wollten Sie in meinen privatesten Dingen stöbern, um mehr über mich zu erfahren?“
James Barwick schüttelte den Kopf und erhob sich vom Boden.
„Sie wollen mich nicht verstehen, Miss Fenton. Es war nicht meine Absicht, Ihnen zu nahe zu treten. Aber die Bedrohung durch die Blutsauger ist real vorhanden; denken Sie nur an die unschuldigen Mordopfer. Ich bedaure es, Ihnen Unannehmlichkeiten bereitet zu haben. – Könnte ich bitte meinen Dolch wiederhaben? Ich möchte mich jetzt verabschieden.“
Mürrisch gab Kate ihrem ungebetenen Besucher die Stichwaffe. Sie hatte keine Angst mehr davor, dass er sie angreifen würde. Zwar wusste sie nicht, was sie von seinen Erzählungen über eine Vampirsippe und diese geheimnisvolle Bruderschaft halten sollte. Aber James wirkte auf sie auch nicht wie ein Wahnsinniger.
Vielleicht hätte Kate weniger ruppig zu ihm sein sollen. Aber ein Einbrecher konnte nicht erwarten, von ihr mit Samthandschuhen angefasst zu werden! Möglicherweise hätte sie einen Schritt auf ihn zugehen sollen, aber das ließ ihr Stolz nicht zu. Sie war in diesem Moment zu durcheinander, um ihre eigenen Gefühle wirklich gut durchschauen zu können.
Trotzig wie ein Kind verschränkte Kate die Arme vor der Brust und richtete ihre Nasenspitze Richtung Zimmerdecke. James Barwick steckte seinen Silberdolch ein. Er atmete tief durch und öffnete den Mund. Einen Moment lang schien es so, als ob er noch etwas sagen wollte. Doch dann wandte er Kate den Rücken zu und schloss die Wohnungstür von außen.
Kate lauschte auf seine Schritte, die sich langsam entfernten. Die Treppenstufen knarrten, dann herrschte absolute Stille im Haus. Nur durch die geschlossenen Fenster hörte man das Räderrollen der Kutschen und das Hufgetrappel auf der Brick Lane. Aus weiterer Entfernung erklang das vertraute Geräusch von Rotoren fremder Dampfkutter.
Kate fühlte eine innere Leere in sich aufsteigen. Sie schaute sich in ihrer Wohnung um. Aber nichts deutete darauf hin, dass James in ihrer Kleidung oder ihren persönlichen Sachen gewühlt hatte. Sie musste an den Moment zurückdenken, als sie ihn zum ersten Mal gesehen hatte.
Er hatte ihr auf Anhieb gefallen, obwohl er sehr von sich selbst überzeugt gewesen war. Und sie fand es völlig unverschämt von ihm, einfach so in ihre Wohnung einzudringen. Das war kein Beweis dafür, dass James ihr auch nur eine Winzigkeit an Respekt entgegenbrachte. So gesehen empfand sie seine Komplimente und interessierten Blicke eher als eine Demütigung. Hielt er sie am Ende für eine junge Frau, die leicht zu haben war?
Kate griff zu ihrem modernen Flötenkessel und bereitete sich einen Tee zu. Sie nahm sich fest vor, diesen Mann mit den nussbraunen schönen Augen so schnell wie möglich zu vergessen. Wahrscheinlich würde sie ihn ohnehin niemals wiedersehen. Zum Glück lebte sie ja nicht in einem winzigen Dorf, sondern in der größten Stadt der Welt.
Neville sprang von einem Fabrikdach. Der Vampir hatte einem einsam durch das East End streifenden Menschen aufgelauert. Doch bevor Neville seine Fangzähne in die Halsschlagader seines Opfers treiben konnte, war er durch einen Windstoß gestoppt worden.
Der Mann, auf dessen Blut es der Vampir abgesehen hatte, war nämlich sturzbetrunken. Die Bö von der Themse her schmeckte nicht nur nach Salzwasser und Fisch, sondern auch nach Unmengen von billigem Gin.
Neville schüttelte sich vor Ekel. Die Erinnerung an den Hotelgast aus The Landmark kam wieder hoch. Auch dieses Opfer war alkoholisiert gewesen. Neville hatte es gar nicht gut vertragen, ihn leerzutrinken. Im Notfall mochte es für einen erfahrenen Vampir wie ihn in Ordnung sein, sich gelegentlich mit Whisky oder Gin versetzten Lebenssaft einzuverleiben. Aber Neville wollte sich das nicht zur Gewohnheit werden lassen, denn solche Blutmahlzeiten bekamen ihm gar nicht gut.
Unschlüssig schaute sich das Nachtwesen um, nachdem es auf dem schmutzigen Kopfsteinpflaster der stillen Gasse gelandet war. Der Trunkenbold hatte nichts von der nahen Vampir-Gefahr hinter ihm bemerkt. Er ging seiner Wege, vermutlich suchte er den nächsten Ginpalast. Wieso torkelte dieser Kerl eigentlich gar nicht?
Diese Frage schoss Neville durch den Kopf. Sie würde sich wohl niemals beantworten lassen. Aber es gab sowieso viele Dinge, die der Vampir nicht verstand. Vor allem beunruhigte ihn das vage Gefühl, bei seinem Meister in Ungnade gefallen zu sein. Neville hätte nicht sagen können, wodurch diese Empfindung ausgelöst wurde. Ihn hatte keine Nachricht von Merrick Grim erreicht. Aber als Vampir nahm er seine Umgebung viel intensiver war als diese grobschlächtigen Menschen, die wie eine Hammelherde durch den Nebel stapften und völlig abgestumpft waren.
Und sein Instinkt betrog ihn nicht: Eine Bewegung am anderen Ende der Gasse ließ Neville erstarren. Er presste sich enger an die schieferfarbene Fabrikmauer. Seine vampirischen Sinne witterten frisches Blut. Neville wusste, dass viele junge Frauen in den Gassen und Hinterhöfen des East Ends ihren Körper verkauften. Ob er es mit einem Straßenmädchen zu tun hatte? Der Blutsauger benutzte den Nebel wie einen Tarnumhang. Er pirschte sich an seine Beute heran. Die Frau sollte ihn erst bemerken, wenn sie nicht mehr fliehen oder schreien konnte.
„Suchst du etwas, Neville?“
Die helle kühle Stimme von Vespasia ließ den Vampir zusammenzucken. Er war nun wirklich beunruhigt. Normalerweise konnte es nicht vorkommen, dass er seinesgleichen mit einem sterblichen Menschen verwechselte. Doch nun war es ihm passiert, und dafür gab es nur eine Erklärung: Vespasia hatte Neville gegenüber ihre vampirische Existenz verschleiert, um ihn anzulocken.
So etwas konnte die persönliche Dienerin von Merrick Grim tun, denn Vespasia besaß viel mehr magische Fähigkeiten als Neville selbst. Aber warum hatte sie das getan? Neville spürte, dass ihr Verhalten für ihn nichts Gutes zu bedeuten hatte.
Dennoch zwang er sich zu einem aufgesetzten Grinsen, als nun die schlanke schöne Gestalt von Vespasia zwischen den Nebelschwaden hervortrat. Sie sollte denken, dass er sich als der Herr der Lage fühlte. Obwohl er innerlich bereits tausend Tode starb – denn Neville wusste nur allzu gut, wozu diese Blutsaugerin in der Lage war.
„Edle Vespasia! Was für eine Überraschung, dich hier zu treffen.“
Die schöne Vampirin schnaubte ironisch, bevor sie wieder ihre blutroten Lippen öffnete. „Überraschung? Ja, es ist zweifellos leicht, dich aufs Kreuz zu legen. Du übst eine unwiderstehliche Anziehungskraft auf unsere Feinde aus, Neville. Wenn wir nicht von einem unserer Zuträger gewarnt worden wären, dann hättest du in deinem Versteck in East Barnet eine Silberklinge zu schmecken bekommen. Wir konnten dich gerade noch in Sicherheit bringen, bevor dieser verfluchte Sterbliche von der Bruderschaft anrückte.“
Neville Gesicht verzog sich vor Ekel. Allein die Erwähnung des Edelmetalls Silber verursachte ihm beinahe körperliche Pein.
„Das war aber nicht meine Schuld, Vespasia. Ich habe diese elende Bruderschaft nicht absichtlich auf meine Fährte gelockt. Ich weiß nicht, wie die Sterblichen auf mich aufmerksam geworden sind.“
Die attraktive Blutsaugerin schnitt ihrem Gegenüber mit einer ungeduldigen Handbewegung das Wort ab. „Deine Ausreden interessieren weder unseren Meister noch mich. Tatsache ist, dass wir wegen dir den ruhigen Rückzugsort in East Barnet aufgeben mussten. Wenn du so weitermachst, werden unsere großen Pläne noch an dir scheitern.“
„Nein, ich werde keinen Fehler mehr begehen!“, beteuerte der Vampir unterwürfig. Er schaffte es nun nicht mehr, seine Furcht zu verstecken. Das ging über seine Kräfte. Eigentlich hätte er stark sein müssen, weil er in letzter Zeit so viel Blut getrunken hatte. Aber Neville war schwach, und dafür konnte er unter seinesgleichen auf kein Verständnis hoffen.
„Damit hast du zweifellos Recht.“
Bevor Neville sich noch fragen konnte, wie Vespasias Worte gemeint waren, hatte sie sich auf ihn gestürzt. Sie war so schnell, dass kein Mensch gegen sie eine Chance gehabt hätte. Und obwohl Neville ein Vampir war und sich in letzter Zeit gut ernährt hatte, kam auch seine Gegenwehr viel zu spät.
Für wenige Augenblicke konnte er sich in seine hilflosen Opfer hineinversetzen. Es war ein entsetzliches Gefühl, einem überlegenen Wesen völlig ausgeliefert zu sein.
Als der untote Körper Nevilles in der finsteren Gasse zu Boden sank, war er nur noch eine wertlose leere Hülle.
Und er sollte nicht das einzige Opfer der Londoner Vampirsippe bleiben …
Fortsetzung folgt am 22.4.2013 …