Das Typische an mir
Ich bin untypisch ganz
und gar
1
Manchmal dachte FALCO darüber nach, wie eigentlich alles losgegangen war. Was war das auslösende Moment, das die einzelnen Steinchen zu einem ganzen Mosaik zusammengefügt hat?
»Wenn man anfängt, ernsthaft darüber nachzudenken«, sagte FALCO, »ist man eigentlich auch schon am Ende. Ein 19-Jähriger, der ganz gut Bassgitarre spielt, kann nicht einfach hergehen und sagen, jetzt werde ich Pop-Star. Das hat zu passieren. Und eine der wunderbarsten Erfahrungen meines Lebens ist, dass, wenn man fest daran glaubt, dass etwas zu passieren hat, es auch passiert.«
Der Weg zum Ruhm als passives Erlebnis.
Hans Hölzel: »Dieses Darüber-Nachdenken, warum und wie etwas geschieht, fängt ja nicht unbegründet oder aus einer plötzlichen Neugierde heraus an, sondern man macht es, wenn einem einmal etwas schiefgeht. Dann fragt man: Was habe ich früher besser gemacht? Wieso lief es damals und jetzt nicht? Man setzt sich hin und versucht zu analysieren, was man falsch gemacht hat. Udo Jürgens sagte mir einmal, als ich mit ihm dieses Problem diskutierte, es sei wahrscheinlich ganz verkehrt, sich darüber den Schädel zu zerbrechen, was man damals gut und später schlecht gemacht hat. Er sagte mir – und das habe ich mir gut gemerkt: ›Den Respekt bei den Leuten schaffst du dir ohnedies nur durch deine Arbeit, und das nicht innerhalb von fünf Jahren, sondern von fünfzig Jahren. Unser Geschäft ist eine Schleudersitz-Handlung, aber genau genommen ist das heutzutage vermutlich in jedem Job so, wer nicht funktioniert, der wird fallen gelassen.‹«
FALCO machte schon am Anfang seiner Laufbahn wenig Hehl daraus, wie sehr er auf Erfolg aus war. 1976 kamen aus England neue, harte Musiktöne: der Punk. Sid Vicious und seine Sex Pistols, im CB/GB’s in der Bowery in Manhattan trat eine junge Frau namens Deborah Harry mit Blondie auf, plötzlich war die Disharmonie für Auge und Ohr angesagt, Amateure oftmals, jedenfalls keine professionellen Künstler wie am Anfang der Pop-Bewegung, stellten sich einfach auf die Bühne und machten Musik.
Sie versuchten gar nicht, sich anzupassen oder für ihre Auftritte besser zu kleiden. Leder, genietete Stiefel, kurz geschorene Haare, der Punk kam aus der Arbeiterklasse Englands und von der Ostküste Amerikas und versuchte nie, sich eine gängige Glasur zu verpassen.
Der Punk fegte wie eine Sturmbö heran, löste alles Sanfte, Weiche ab. »Hans war von Anfang an vom Punk fasziniert«, erinnert sich einer seiner ältesten Band-Kollegen, Stefan Weber, »aber auch dabei suchte er immer nach einem eigenen Stil.«
Mit 19 Jahren geht Hans Hölzel ans Musikkonservatorium. Er macht es recht lustlos, weniger aus eigenem Antrieb, als vielmehr, um seiner Mutter einen Gefallen zu tun.
Im November 1985 erinnert sich FALCO in einem Interview für das Magazin Penthouse an die frühen Jahre: »Ich war auf der Schiene, ein stuhllangweiliger Mittelbürger zu werden. Von dieser Schiene bin ich abgesprungen. Aufstiegsdroge für mich war die Musik, weil da ein gewisses Talent und ein Inte-resse war; außerdem konnte man bei den Mädeln prima angeben – mit Gitarrenkoffer und so. Ist eigentlich auch ganz gut gelaufen.«
Berlin war Ende der 70er-Jahre die Stadt des David Bowie, die Stadt, in der die Lichter der Neuen Deutschen Welle, des deutschen Punk, des Rap, erst ganz entfernt am Horizont aufflackerten. Hans entschloss sich, für eine Weile nach Berlin zu ziehen. »Ich hatte nie Geld in Berlin. Ich habe anfangs Jazz gemacht, ich habe 150 Mark pro Abendauftritt bekommen, das war schon eine ganze Menge, aber es war auch immer weniger, als ich ausgegeben habe.«
Er wird nicht ansässig in Berlin, dazu ist die Verbindung nach Wien noch viel zu stark, doch er fährt immer wieder hin, kommt bei Freunden unter und »am Ende werde ich wohl alles in allem eineinhalb Jahre in Berlin zugebracht haben«.
Vor allem zeigen ihm die Reisen nach Berlin eines: Auch dort wird – musikalisch – nur mit Wasser gekocht. Vieles, was er sich von der Fremde erträumt hat, lässt sich nicht verwirklichen. »Und ich habe eingesehen, dass wir damals in Wien gar nicht so sehr hinterherhinkten, wie wir selber dachten. Da war eine neue Szene, da waren Ideen, und da war vor allem Kraft. Am Ende war ich mir darüber im Klaren, dass sich gerade in Wien viel verwirklichen lassen würde.«
Aber er war noch zu jung, um Berge zu versetzen.
2
Als Hans Hölzel intensiv daran denkt, seinen Lebensunterhalt mit Musikmachen zu verdienen, beschließt er, auch offiziell einen Künstlernamen anzunehmen. »Er hat«, erinnern sich Freunde von damals, »Jahre davor alle möglichen Pseudonyme in Erwägung gezogen.« Eines schien ihm damals allerdings unmöglich: Eine internationale Karriere mit seinem richtigen Namen – Johann Hölzel – zu beginnen.
Hölzel, das war einfach zu wienerisch. Zu allem Überfluss gilt »Hölzeln« in Wien noch als dialektisches Synonym für einen Sprachfehler. Diese Doppelbedeutung im Slang machte sich viele Jahre später der steirische Sänger Wilfried zunutze, als er in einem Song-Text, »Mein Haustier ist ein Falke, der hölzelt vor sich hin« FALCO verulkte. FALCO war ziemlich sauer, als er das Lied zum ersten Mal hörte, und er fand es erbärmlich, dass ein anderer Sänger der Austro-Pop-Szene versuchte, sich mit solch einem Wortspiel an seinen Erfolg anzuhängen.
Der Streit der beiden nahm immer gewaltigere Formen an, am Ende weigerte sich FALCO sogar, mit Wilfried gemeinsam auf der Bühne zu stehen, ja, überhaupt in einem gemeinsamen Gig aufzutreten. An dieser Auseinandersetzung scheiterte auch die Teilnahme von FALCO am Benefiz-Projekt »Austria für Africa«. Es gab einen Riesenstreit um die Goodwill-Platte nach dem Vorbild von Bob Geldof, und FALCO wurde besonders angegriffen, weil er sich auch nicht einmal für einen guten Zweck dazu hatte breitschlagen lassen, bei den Studioaufnahmen mitzuwirken. Man warf ihm vor, er sei überheblich und hätte sich selbst ins Abseits gestellt. Er verteidigte sich so: »Es wäre taktisch sicherlich klüger gewesen, das Ding zu machen. Zu sagen, okay, Hansi, du bist so weit drüber, dass es dir eigentlich wurscht sein kann, ob der Herr Wilfried einen Streit hat mit dir oder nicht, der gar kein Streit war. Eine hungernde Mutter in Äthiopien wird es sehr nebensächlich finden, dass ich mit ihm einen Streit habe. Für mich war es aber nicht nebensächlich, weil es mich sehr verletzt hat, wenn da einer auf meinem Rücken seine Promotion macht. Er hat einen sehr billigen Schmäh gegen die sogenannte Schickeria geführt. Das hätte er dem Rainhard Fendrich überlassen sollen, der kann das nämlich viel besser.«
Es gab dann noch eine Textzeile, wo es sinngemäß heißt, dieser Falke hätte nur heiße Luft als Lebenssinn, und das ärgerte Hans Hölzel besonders. »Wie’s mit der heißen Luft aussieht, merkte man ja kurz darauf. Von seiner Single weiß man nicht einmal mehr, dass sie erschienen ist, von meinen Platten schon.«
Tatsächlich warf man später FALCO wiederholt vor, er hätte seine Auseinandersetzung auf Kosten der ärmsten, hungernden Menschen geführt. Was nur wenige erfuhren: FALCO ging selbst zu Karlheinz Böhm, der der Sachverwalter des eingespielten Geldes werden sollte, und entschuldigte sich dafür, nicht bei der Platte mitgemacht zu haben. »Ich sagte ihm, das Entscheidende sei aber, dass genug Geld zusammenkommt.« Und FALCO zahlte das aus eigener Tasche, was die anderen mit ihrem Gesang einspielten.
Im Grunde ist FALCO nicht nachtragend, und als er am 29. Juli 1985 Wilfried in Graz trifft, geben die beiden einander versöhnlich die Hand. Sie wurden zwar später nie dicke Freunde, aber es herrschte Frieden.
Jedenfalls war Hans Hölzel schon viel früher klar, dass er für eine internationale Karriere einen guten Künstlernamen brauchte.
Eines Tages – um genau zu sein, es war am 1. Januar 1977 – sitzt er vor dem Fernsehapparat und sieht sich die Übertragung des Skispringens aus Garmisch-Partenkirchen an. Er hat eigentlich nicht sonderlich viel für den Skisport übrig und schon gar nicht fürs Skispringen, aber ein Typ imponiert ihm. Es ist der Star der damaligen Springerelite, der Deutsche Falko Weißpflog, ein schmächtiger, blonder Junge, der seiner Konkurrenz turmhoch überlegen ist.
An diesem Tag geht ihm der Name Falko nicht mehr aus dem Kopf. Der Falke ist ein Vogel, ganz nach Hans Hölzels Geschmack, ein gewandter Flieger, scharfäugig und clever. Und der Name lässt sich international gut vermarkten. Falcon ist der englische Name des Falken, wenn er statt dem K ein C nimmt, gibt es in Amerika keine Verständigungsprobleme.
Anfangs fügt er dem Namen FALCO noch erfundene Namen hinzu. In den Berliner Szenelokalen, wie dem Jungle oder dem Quartier Latin, tritt er als FALCO Stürmer und dann als FALCO Gottehrer auf. »Dann habe ich mir gedacht, eigentlich reicht FALCO, und offenbar hatte ich recht. Den Nachnamen habe ich einfach vergessen.«
In Wien organisiert er gemeinsam mit Wolfgang Staribacher, dem Sohn des damaligen österreichischen Handelsministers Josef Staribacher, und Peter Vieweger eine eigene Band, die er Spinning Wheel nennt.
»Der Wolfi Staribacher war natürlich von daheim gut betucht«, sagt Maria Hölzel, »aber Hans musste damals sehen, wo er finanziell blieb. Er hat sein Konto kräftig überzogen, und ich musste ihm immer wieder aus der Patsche helfen. Er versuchte auch hin und wieder, seinen Vater um Geld anzugehen.« Der erinnert sich: »Ich sagte ihm damals, dass das nicht so weiterginge. Ich sagte ihm, er könne von mir aus nur Musik machen und brauche sonst keinen Beruf ergreifen, doch müsse er wenigstens so viel Geld verdienen, wie er zum Leben brauche.«
FALCOS Freund Wolfgang Staribacher wohnte in Hütteldorf, einem westlichen Randbezirk von Wien, und FALCO hielt sich oft im Hause des Freundes auf, wo man auch häufig probte.
3
Die Zeit, die nun folgte, prägte FALCO. Die Fantasiegebilde der aufrührerischen 60er-Jahre waren vorbei. Nach dem Schock, als der Club of Rome ein Ende des Wachstums prophezeite, wurde das Klima in unseren Breitengraden sichtlich kühler und berechnender.
Von immer mehr klugen Leuten wurde das Wunder der allumfassenden Technik immer öfter angezweifelt, nach Jahrzehnten der Vollbeschäftigung kriselte es in vielen Branchen, eine gefährliche Rezession setzte ein, plötzlich gab es ein neues Schlagwort – Jugendarbeitslosigkeit.
FALCO führte Jahre später rückblickend einmal über diese Zeit aus: »Ich habe damals mehr oder weniger mitleidig auf meine Kollegen herabgeblickt, die ziellos vor sich hinstudiert haben und mit der Musik nur Lücken in ihrem Leben auffüllen wollten. Ich dachte mir, du lieber Gott, das kann doch nicht das Leben sein! Und ich wusste eines sicher – mein Leben war es jedenfalls nicht. Ich wusste schon früh zwei Dinge: Mein Leben würde eng mit der Musik zu tun haben, und ich würde ein erfolgreiches Leben führen. Alles war zwar noch etwas verschwommen, ohne Ziele und ohne eine Priorität, aber ich war mir sicher, dass es irgendwie vielversprechend weitergehen würde.«
Die Spinning Wheel waren keine besonders ambitionierte Band der Subkultur, sondern versuchten, eine griffige Kommerzmusik zu machen und sich mit Auftritten in Hotelbars und Diskotheken das Geld zu verdienen. Anfangs war der Erfolg recht dünn, aber mit der Zeit mauserte sich die Gruppe zu einer der am meisten gesuchten Bands in ganz Österreich.
FALCO litt vor allem darunter, dass er nun zwar viel Geld verdiente – im Schnitt kassieren die Musiker 30.000 Schilling pro Monat, was für sie damals eine beinahe unvorstellbare Menge Geld bedeutete –, aber er durfte nicht das spielen, was ihn berührte, sondern machte mehr oder minder einfache Unterhaltungsmusik.
Er ließ sich die Haare wachsen und band sie im Nacken zu einem Pferdeschwanz zusammen. Maria Hölzel war in jenen Monaten natürlich sehr interessiert, wie es mit ihrem Sohn beruflich weiterging. Die Proben, die Auftritte mit den Spinning Wheel und das Studium am Musikkonservatorium nahmen seine Zeit voll in Anspruch, er wurde ziemlich wortkarg und erzählte daheim wenig von seiner Arbeit.
»Ich wusste beispielsweise nicht, dass Hans bei all seinen Freunden bereits FALCO genannt wurde. Das verschwieg er mir«, sagt sie.
Maria Hölzel nahm die hochtrabenden Pläne ihres Sohnes ohnedies nicht sonderlich ernst. Für sie war es eher eine Übergangsphase zum Erwachsenwerden, die Hans mit der Musik überbrückte.
In Berlin hatte er »ein starkes Frontgefühl erlebt, heftiger zumindest, als in jeder anderen Stadt, die ich bis zu diesem Zeitpunkt kennengelernt hatte«, und bei den Touren mit den Spinning Wheel konnte er nun wieder Freiraum tanken. Zwar behagte ihm die Musik nicht sonderlich, aber die Reisen von Engagement zu Engagement gefielen ihm natürlich, und mit der Zeit wurde Spinning Wheel zur erfolgreichsten Kommerzband Österreichs. Sie spielen in Kärnten und in Salzburg, in Wien und in Tirol. Einmal lädt FALCO seine Mutter ein, sich einen Auftritt anzusehen und ihn zu besuchen.
Maria Hölzel: »Ich fuhr mit einer Freundin im Auto nach Mayrhofen. Ich wusste, dass Hans dort beim Brückenwirt zum Fünf-Uhr-Tee spielte, und auf dem Weg sahen wir auch schon eine ganze Menge von Plakaten, die den Auftritt der Spinning Wheel ankündigten. Aber das Merkwürdige daran war, dass auf den Plakaten nirgendwo der Name meines Sohnes erschien. Wir hielten also dann beim Brückenwirt, und ich ging in das Restaurant, um nach Hans zu fragen. Keiner kannte ihn. ›Hören Sie‹, sagte ich, ›Herr Hölzel ist einer der Musiker, der bei Ihnen ein Engagement hat. Ich sah doch bereits die vielen Plakate, die seinen Auftritt mit den Spinning Wheel ankündigen. Wieso kennen Sie ihn nicht?‹ Aber der Restaurantbesitzer blieb dabei, dass kein Hans Hölzel bei ihm abgestiegen sei und schon gar kein Hans Hölzel am Abend auftreten würde. Zufällig kam der Wolfgang Staribacher dann vorbei und begrüßte mich, und erst er klärte mich darüber auf, dass Hans seinen Namen gewechselt hätte und jetzt FALCO hieß. Tatsächlich war überall auf den Plakaten FALCO als Solist erwähnt.«
In dieser Zeit verliebte sich FALCO zum ersten Mal heftiger. Seine Auserwählte war die Tochter des Brückenwirts. »Er hat sie mir damals vorgestellt, und irgendwie gewann ich den Eindruck«, sagte Maria Hölzel, »dass er ihr noch weniger gleichgültig war als sie ihm. Von seiner Seite kühlte die Verbindung recht rasch ab, aber ich denke, das Mädchen fand sich später nicht so schnell mit der Trennung ab.«
Im Penthouse-Interview gestand Hans Hölzel: »Meine Persönlichkeit ist ambivalent strukturiert. Auf der einen Seite kaltschnäuzig und goschert, auf der anderen Seite der gutgläubigste Mensch auf der Welt überhaupt. Besonders bei Frauen bin ich sehr gutgläubig. Ich hab mir die Philosophie zurechtgelegt, Libero bleibt Libero.« Und: »Ich genieße es, mit Frauen zusammen zu sein, aber in Beziehungen stürze ich mich nicht mehr; da bin ich schon ziemlich reingefallen, auf Grund meiner eigenen Schuld und der bereits erwähnten Gutgläubigkeit.« Das sagte er im Frühsommer 1985. Er war bereits ein Star und musste mehrmals schmerzhaft erfahren, wie viele Mädchen ihm Gefühle vorspielten, wo im Grunde nur Gier nach Popularität an der Seite eines Prominenten oder nach Geschenken war. Im Juli 1985 schrieb das österreichische Wirtschaftsmagazin trend in einer Vier-Seiten-Story über FALCO zu diesem Thema: »Leicht verdrossen denkt er heute noch an die Cartier-Uhren, Pelze und Steine, die er für totale Bewunderung und ›echt guten Sex‹ unter etliche Girls verteilte. Die Weiber waren echte Profis, sagte er, aber ich war immer zu faul, sie rechtzeitig rauszuschmeißen. Ein Vermögen – sagen wir zwischen ein und zwei Mille – ging für falsche Bräute drauf.« Und er mochte es später auch gern, sich im zwielichtigen Umfeld des Wiener Gürtels herumzutreiben und Gast in den Amüsierlokalen rund um den Westbahnhof, gar nicht weit von seiner Wohnung entfernt, zu sein. Horst Bork sagte viel später: »Es war eine Art Manie von ihm, in den schrecklichen Etablissements herumzuhängen. Aber er hat sich wohlgefühlt und nahm die eine oder andere Frau dort auch mit nach Hause. Aber andrerseits verspürte er gleichzeitig eine tiefe Sehnsucht nach Bürgerlichkeit, nach Familie und Kindern. In manchen Momenten hat er gesagt, wie sehr er sich vorstellen kann, wenn er alt ist, mit seiner Familie gemeinsam irgendwo zu sein, in einem Häuschen mit Garten, möglichst so gelegen, dass man aufs Meer schauen kann. Aber diese Impulse waren nach spätestens zehn Minuten wieder vorbei, weil er selber gespürt hat, dass das eine nie erfüllbare Illusion für ihn ist.«
In Mayrhofen im Zillertal konnte davon allerdings noch keine Rede sein. Das schlanke, lebhafte Mädchen mit dem kastanienbraunen Haar fühlte sich vor allem durch eine Eigenschaft zu FALCO hingezogen, die es gut nachempfinden konnte: Er war sorglos und er wollte sein Leben genießen. Maria Hölzel war an jenem Abend, als sie beim Brückenwirt in Mayrhofen FALCO endlich leibhaftig auf der Bühne bewundern sollte, sehr aufgeregt. »Ich konnte ihn mir vor dem Publikum nicht vorstellen. Die erste Zeit, als ich von seinen Konzerten und Livedarbietungen hörte, dachte ich noch: Mein Gott, was soll denn das werden?«
Als sie ihren Sohn dann auf der Bühne sah, war sie sprachlos. Sie entsinnt sich noch genau, wie glücklich er auf sie gewirkt hatte, er hat richtiggehend gestrahlt. Die Spinning Wheel spielten alle die Erfolgsnummern, die sie damals drauf hatten, und Maria Hölzel wurde von Minute zu Minute stolzer auf ihren Sohn.
»Damals«, hielt FALCO später fest, »habe ich gar nicht registriert, dass ich bei den Leuten besonders auffiel, ich habe die Solokarriere noch nicht forciert. Ich wollte einer in einer Band sein, das genügte mir. Erst viel später dämmerte mir dann, dass ich kein großartiger Gitarrist werden würde, dass ich dazu viel zu faul war und dass mein Instrument immer nur das Mittel zum Zweck blieb. Es war meine Krücke zum Entertainer.«
Hans sah, wie seine Mutter immer als Erste zu applaudieren begann. Natürlich waren das Stolz und Mutterliebe, die sie für den ersten Auftritt, den sie miterlebte, besonders empfänglich machten, aber »es hat mir wirklich auch sehr, sehr gut gefallen«.
Nach der Show bat Hans seine Mutter, noch zu bleiben, weil die Spinning Wheel um Mitternacht immer einen besonderen Auftritt hatten, der dem Entertainer FALCOS auch besser gefiel als die reine Tanzmusik. »Er sagte mir, ich solle einfach dableiben, und ich würde meine Überraschung erleben, denn er würde auch singen«, erzählt Maria Hölzel. »Ich war einigermaßen konsterniert, denn ich habe ihn davor noch nie singen gehört. Ich wusste zwar, dass er sehr musikalisch war, und er spielte ja schon seit fünfzehn oder sechzehn Jahren Klavier, aber ich ahnte nicht, dass er auch singen konnte.«
Maria Hölzel vertrieb sich bei einem Glas Wein mit einer Freundin, die sie begleitet hatte, die Zeit bis Mitternacht. »Als Hans dann mit seiner Band kam, war er verändert. Er hatte eine Gummipuppe in der Hand, als wäre es ein Mädchen. Und er sah die Puppe immer ganz verliebt an und sang dazu ›Püppchen, du bist mein Augenstern. Püppchen, hab dich zum Fressen gern.‹ Ich war wirklich verblüfft. Ich dachte, mein Gott, der Kerl hat ja eigentlich eine ganz gute Stimme!« Am Ende trampelten die Zuschauer vor Vergnügen und Maria Hölzel klatschte stolz heftig mit.
4
Im Mai 1979 hat FALCO 12.000 Schilling zusammengespart. Er lebt sehr bescheiden, fährt einen klapprigen, grau lackierten VW Käfer (den er später seiner Stiefschwester Guggi, der Tochter aus der zweiten Ehe von FALCOS Vater, schenkte), und der einzige Luxus, den er sich schon sehr früh leistet, ist ein Videorekorder. Er kommt kaum zum Fernsehen, weil er abends meist auf Tour ist, und wenn er dennoch interessante Filme sehen möchte, muss er sie aufzeichnen.
Er findet es an der Zeit, endlich selbst eine Platte zu produzieren. Mit den 12.000 Schilling in der Tasche geht er in das Plattenstudio Cloude one von Renée Reitz in der Grünangergasse in Wien und spielt zwei Nummern ein. Auf der einen Seite soll »Chance To Dance« sein, eine Eigenkomposition, ein recht unausgegorenes Jugendwerk mit südamerikanischem Einschlag, und dann noch »Summer«. Bei den Aufnahmen begleiten ihn die Spinning Wheel.
Die beiden Songs kamen jedoch nie auf den Markt, sie schlummern immer noch in irgendeiner Schublade. Auch der Platte, die FALCO mit seiner Band produzierte, bleibt der erhoffte Erfolg versagt.
Immer mehr stößt es ihn jetzt ab, dass er sein Geld damit verdient, kommerzielle Discomusik wie »Grease« zu spielen und nicht das machen zu können, wozu er Lust hat. Er weiß längst – »die Punks waren am Anfang eine rein intellektuelle Strömung, aber die Quintessenz war dann schließlich nur No Future«. Damit bewegten sie sich selbst in eine Sackgasse. Es musste Leute geben, die sich etwas Neues einfallen ließen, und er fühlte sich stark genug, ein paar neue Intentionen mitzubringen.
Zur gleichen Zeit entsteht in Wien eine atemberaubend progressive Art, griffige Unterhaltungsmusik mit Schauspiel und Pantomime zu präsentieren: das 1. Wiener Musiktheater, aus dem sich später die Hallucination Company entwickelt. Eine pittoreske, aber über alle Maßen talentierte Gruppe von jungen Leuten, die perfektes Entertainment präsentieren und nicht nur in Österreich, sondern beinahe gleichzeitig auch in Deutschland, besonders in München, Aufsehen erregen.
FALCO bekommt ein Angebot und spielt bei der Hallucination Company die Bassgitarre. Er hatte sich inzwischen sein langes Haar abschneiden lassen. Die Company trat immer in ausgefallenen Kostümen an, teils verkleideten sich die Männer als Mädchen. Das tat FALCO zwar nicht, aber er trat häufig in grell gestreiften Hosen mit Hosenträgern auf und trug eine große, dunkle Sonnenbrille.
Doch trotz aller Erfolge fühlte sich FALCO mit der Zeit bei der Hallucination Company nicht sonderlich wohl. Einmal sagte er über seine Band-Kollegen: »Das war im Grunde eine Hippie-Renaissance-Band. Es ging da in der Band oft um Gruppenideologien, die ich einfach nicht verstand, weil sie ihren Ursprung lange vor meiner Erwachsenenzeit hatten.« Gemeinsam mit einem anderen Company-Mitglied, Hansi Lang, verließ FALCO schließlich die Gruppe. Zuerst wollte er mit Hansi Lang eine neue Band gründen, doch aus irgendeinem Grund zögerte sich die Gründung immer wieder hinaus. So wurde FALCO Mitglied von Drahdiwaberl.
Genauso verrückt und ungewöhnlich wie der Name ist die Band an und für sich. Drahdiwaberl ist ein Wiener Dialektausdruck, ins Hochdeutsche« übersetzt bedeutet er Kreisel. Aber es ist noch mehr – eine Art Perpetuum mobile, ein Mensch, der sich unermüdlich bewegt und trotzdem immer im Kreis geht. Ein Drahdiwaberl ist etwas, was man nicht ganz ernst nimmt. Die Band ist aus der Philosophie der 68er-Bewegung entsprungen, eine höchst merkwürdige Combo, die 1969 von Stefan Weber gegründet wurde. Im Ausklang des Aktionismus und mit bunten, teils obszön anmutenden Stilmitteln stach Drahdiwaberl bald aus den uniformen Pop- oder Rockgruppen heraus und wurde Kult. Mit wechselnden Besetzungen gibt es Drahdiwaberl auch noch bis heute. Es gab immer wieder Skandale, bei einem Auftritt in der Wiener Stadthalle wurde ein Politiker mit einem Suppenhuhn beworfen, Kopien eines Videobandes vom New Yorker Konzert der Band im legendären Palladium werden inzwischen in Deutschland für ein Heidengeld gehandelt, weil die Veröffentlichung des Konzertmitschnitts verboten wurde, und der Bandleader Stefan Weber stand vor drei Jahren vor Gericht, weil er Schreckschussrevolver mit auf die Bühne genommen hatte. Er wurde freigesprochen und erhielt sogar das Silberne Ehrenzeichen der Stadt Wien verliehen.
FALCOS unterschwellige Rebellion gegen die gängige, kommerzielle Musik, die er fünf Saisonen lang mit den Spinning Wheel gemacht hatte, trifft bei Drahdiwaberl auf kongeniale Widerparts. Die Band war alles andere als – wie es FALCO später spöttisch nennt – familienfreundlich und pflegeleicht. Es war eine verrufene, anarchische Gruppe, aber gleichzeitig auch eine gefeierte »Untergrund-Kultband«, so die Zeitschrift Wochenpresse. Stefan Weber, der Bandleader, erinnert sich später an seine ersten Auftritte mit FALCO: »Er war ganz normal und locker, ein lustiger Bursch.«
»Ich dachte«, so FALCO, »zu der Zeit auch noch nicht ernsthaft an eine Solokarriere. Aber irgendwie hatte ich den Eindruck, dass ich als Entertainer gut ankam. Vom Publikum her bekam ich die Bestätigung, dass ich als Verkäufer besser ankam denn als Musiker. Mein Instrument wurde immer mehr nur das Mittel zum Zweck. Wenn ich zum Beispiel ›Ganz Wien‹ sang, ging ich mit der Baßgitarre nach vorn auf die Bühne, und Stefan Weber trat in den Hintergrund, es war immer eine Riesenshow!«
5
1980 kam für FALCO der ganz große Umschwung. Der Zug, der Erfolg hieß, dampfte damals mit ihm los. Unmerklich für ihn zuerst, aber mit den Wochen immer rascher. »Ganz Wien«, erinnerte sich FALCO Jahre später noch genau, »war eine der ersten Nummern, die ich selbst geschrieben habe. Und es wurde gleich ein großer Hit.«
Der Song kursierte im Untergrund, er wurde, mehr oder weniger, zum Synonym der Wiener Szene. Kokain und bewusstseinsverändernde Stoffe gehörten bei der Schickeria dazu. Wer etwas auf sich hielt, steckte seine Nase hinein. FALCO textete damals: »Ganz Wien – ist heut auf Heroin« – die beängstigende Zahl der Drogenkonsumenten war zwar ein offenes Geheimnis, aber dennoch hatte es bis zum damaligen Zeitpunkt niemand gewagt, in der Szene offen über diese Problematik zu reden oder gar zu singen. Noch dazu einer, der nicht im Ruf stand, ein Weltverbesserer zu sein, sondern ein Freak, dem selbst nichts fremd war, der aber dennoch damals eine gehörige Abscheu vor »all dem Dreck« – Heroin, LSD und Kokain – hatte.
Ein paar Jahre darauf, 1985, bebte die Wiener Musikszene ziemlich, nachdem der Bruder des Sängers Rainhard Fend-rich wegen Drogenhandels in Haft genommen worden war und auch einige namhafte Künstler von der Polizei verdächtigt wurden, Kokain und andere Drogen konsumiert zu haben. FALCO bemühte sich immer wieder, seine Abneigung gegenüber den Drogen zu artikulieren: »Ich hab damit einfach nichts am Hut. Ich trinke wie jeder gute Österreicher hin und wieder etwas zu viel. Jedoch nur, wenn’s sehr spät wird. Im Übrigen rauche ich 40 Zigaretten pro Tag, und damit ist mein Suchtpotenzial auch schon erschöpft.« FALCO war auch schwach, er gab immer wieder Versuchungen nach. Anlässlich seiner Tour 1985 sagte er, er achte darauf, dass die Jungens in seiner Band »sauber« blieben. Er sagt: »Ich fahr wirklich mit dem Brenn-eisen hinein, wenn ich so etwas bemerke. Wir wissen doch alle aus Hunderten von Berichten, dass man – wenn man sich solche Drogen reinzieht – über kurz oder lang erledigt ist.« Leider hielt er diese Ablehnung gegenüber Drogen nicht sein Leben lang durch.
Mit seinem aufrührerischen Text von »Ganz Wien« kommt er den Kulturverantwortlichen gerade recht: Das Lied wird auf die schwarze Liste gesetzt, ähnlich wie sechs Jahre später »Jeanny« in Deutschland, darf »Ganz Wien« 1980 im Rundfunk nicht gespielt werden. Aber bei den Liveauftritten von Drahdiwaberl wird das Lied natürlich heftig beklatscht. Und FALCO fühlt zum ersten Mal ganz deutlich, welch berauschendes Gefühl es sein kann, umjubelt im Rampenlicht zu stehen. »Wenn man irgendeinen meiner berühmten Kollegen fragt, ob er im Mittelpunkt stehen wolle, und er sagt nein, dann lügt er. Natürlich geht es um ein gesundes Maß an Egozentrik, wenn man Entertainer wird. Nur muss ich dazu sagen, ich habe mit vier Jahren begonnen, Klavier zu spielen, und damals habe ich natürlich von all der Egozentrik oder dem Wunsch, einmal den Mädchen imponieren zu wollen, nicht viel mitgekriegt.«
Der Penthouse-Reporter fragte ihn einmal, wie wichtig es für ihn sei, im Rampenlicht zu stehen, und FALCO antwortete ganz unverblümt: »Sehr wichtig.«
Daraufhin der Reporter: »Du geilst dich daran auf?«
FALCO: »Selbstverständlich.«
Der Reporter: »Bist du ein Narziss?«
FALCO: »Sicherlich.«
Der Reporter: »Und du liebst dich selber?«
Dann FALCO: »Unendlich!«
Der Reporter: »Und was liebst du mehr als dich?«
FALCO: »Meine Fähigkeit, mich selbst zu inszenieren.«
Damals bei Drahdiwaberl im Jahr 1980 fängt er langsam an zu erkennen, dass er nicht nur mit einer Musikgruppe, sondern durchaus auch allein als Entertainer bestehen kann. Er sagt später, er sei der anarchisch gestimmten Drahdiwaberl-Gruppe »ideologisch nie nahegestanden«, und auch die Band selber betrachtete FALCO mehr oder minder als Außenseiter: »Vielleicht waren wir ihm zu politisch oder zu anarchistisch«, zieht Stefan Weber, der Drahdiwaberl-Leader, später Resümee, »vielleicht hat es ihn auch gewurmt, dass die Drahdiwaberl-Partie sein selbst gestricktes Lied ›Ganz Wien‹ immer nur zum Pausenfüller degradierte, weil’s halt nicht zum Image der Band gepasst hat.«
Trotz der eher abwertenden Worte war »Ganz Wien« damals ein Hit. »Bei der Nummer«, schrieb die Musikzeitschrift Rennbahn express, »flippen alle Leute aus.«
Stefan Weber und seine Band haben zwar auf die Weltanschauung von Hans Hölzel keine nachhaltige Wirkung, aber er gerät aus dem Häuschen, als er erfährt, dass Drahdiwaberl einen Plattenvertrag bekommen soll, mit zwar wenig Geld, aber immerhin doch gegen ein Honorar, das die erste LP »Psychoterror« einspielen soll.
Die Wiener Journalistin Marga Swoboda schrieb einmal über FALCO: »FALCO ist ein arg glattes Pokerface, aber er setzt nicht auf Karo oder Zero, nur auf Hansi. Andere haben ihn so lange geschmäht, bis er sich hemmungslos zu lieben begann. Seither duldet seine Liebe keinen Widerspruch: Ein kumpelhaft gemeintes ›du Arschloch, du‹ erträgt er nicht und auch nicht die armselig neidische Bosheit des Musikkollegen Wilfried. Seit dem Aufstieg muss FALCO leben wie ein Lotto-könig: Alles passiert in Überdosis.«
Dieser Aufstieg begann just damals während der Plattenaufnahmen für die erste Drahdiwaberl-Langspielplatte.