Vorrede zum zweiten Band
Mit dieser weitern Sammlung von Haus-Märchen ist es der treibenden, starken Zeit unerachtet schneller und leichter gegangen, als mit der ersten. Teils hat sie sich selbst Freunde verschafft, welche sie unterstützten, teils, wer es früher gern getan hätte, sah jetzt erst bestimmt, was und wie es gemeint wäre; endlich hat uns auch das Glück begünstigt, das Zufall scheint, aber gewöhnlich beharrlichen und fleißigen Sammlern beisteht. Ist man erst gewohnt auf dergleichen zu achten, so begegnet es doch häufiger, als man sonst glaubt, ja das ist überhaupt mit Sitten, Eigentümlichkeiten, Sprüchen und Scherzen des Volkes der Fall.
Die schönen plattdeutschen Märchen aus dem Fürstentum Paderborn und Münster verdanken wir besonderer Güte und Freundschaft; das Zutrauliche der Mundart ist ihnen bei der innern Vollständigkeit besonders günstig. Dort, in altberühmten Gegenden deutscher Freiheit, haben sich an manchen Orten die Sagen als eine fast regelmäßige Vergnügung der Sonntage erhalten: auf den Bergen erzählten die Hirten jene, am Harz auch bekannte und vielleicht jedem großen Gebirge eigene, vom Kaiser Rotbart, der mit seinen Schätzen darin wohne; dann von den Hühnen, wie sie ihre Hämmer stundenweit von den Gipfeln sich zugeworfen; manches, was wir an einem andern Orte mitzuteilen denken. Das Land ist noch reich an ererbten Gebräuchen und Liedern.
Einer jener guten Zufälle aber war die Bekanntschaft mit einer Bäuerin aus dem nah bei Cassel gelegenen Dorfe Zwehrn, durch welche wir einen ansehnlichen Teil der hier mitgeteilten, darum ächt hessischen, Märchen, so wie mancherlei Nachträge zum erster Band erhalten haben. Diese Frau, noch rüstig und nicht viel über fünfzig Jahr alt, heißt Viehmännin, hat ein festes und angenehmes Gesicht, blickt hell und scharf aus den Augen, und ist wahrscheinlich in ihrer Jugend schön gewesen. Sie bewahrt diese alten Sagen fest in dem Gedächtnis, welche Gabe, wie sie sagt, nicht jedem verliehen sei und mancher gar nichts behalten könne; dabei erzählt sie bedächtig, sicher und ungemein lebendig mit eigenem Wohlgefallen daran, erst ganz frei, dann, wenn man will, noch einmal langsam, so daß man ihr mit einiger Übung nachschreiben kann. Manches ist auf diese Weise wörtlich beibehalten, und wird in seiner Wahrheit nicht zu verkennen sein. Wer an leichte Verfälschung der Überlieferung, Nachlässigkeit bei Aufbewahrung, und daher an Unmöglichkeit langer Dauer, als Regel glaubt, der müßte hören, wie genau sie immer bei derselben Erzählung bleibt und auf ihre Richtigkeit eifrig ist; niemals ändert sie bei einer Wiederholung etwas in der Sache ab, und bessert ein Versehen, sobald sie es bemerkt, mitten in der Rede gleich selber. Die Anhänglichkeit an das Überlieferte ist bei Menschen, die in gleicher Lebensart unabänderlich fortfahren, stärker, als wir, zur Veränderung geneigt, begreifen. Eben darum hat es auch, so vielfach erprobt, eine gewisse eindringliche Nähe und innere Tüchtigkeit, zu der anderes nicht so leicht gelangt, das äußerlich viel glänzender erscheinen kann. Der epische Grund der Volksdichtung gleicht dem durch die ganze Natur in mannichfachen Abstufungen verbreiteten Grün, das sättigt und sänftigt ohne je zu ermüden.
Der innere gehaltige Wert dieser Märchen ist in der Tat hoch zu schätzen, sie geben auf unsere uralte Heldendichtung ein neues und solches Licht, wie man sich nirgendsher sonst könnte zu Wege bringen. Das von der Spindel zum Schlaf gestochene Dornröschen ist die vom Dorn entschlafene Brunhilde, nämlich nicht einmal die nibelungische, sondern die altnordische selber. Schneewitchen schlummert in rotblühender Lebensfarbe wie Snäfridr, die schönste ob allen Weibern, an deren Sarg Haraldur, der haarschöne, drei Jahre sitzt, gleich den treuen Zwergen, bewachend und hütend die totlebendige Jungfrau; der Apfelknorz in ihrem Munde aber ist ein Schlafkunz oder Schlafapfel. Die Sage von der goldnen Feder, die der Vogel fallen läßt, und weshalb der König in alle Welt aussendet, ist keine andere, als die vom König Mark im Tristan, dem der Vogel das goldne Haar der Königstochter bringt, nach welcher er nun eine Sehnsucht empfindet. Daß Loki am Riesen-Adler hängen bleibt, verstehen wir besser durch das Märchen von der Goldgans, an der Jungfrauen und Männer festhangen, die sie berühren; in dem bösen Goldschmied, dem redenden Vogel und dem Herz-Essen, wer erkennt nicht Sigurds leibhafte Fabel? Von ihm und seiner Jugend teilt vorliegender Band andere riesenmäßige, zum Teil das, was die Lieder noch wissen, überragende Sagen mit, welche namentlich bei der schwierigen Deutung des zu teilenden Horts willkomene Hilfe leisten. Nichts ist bewährender und zugleich sicherer, als was aus zweien Quellen wieder zusammenfließt, die früh von einander getrennt, in eignem Bette gegangen sind; in diesen Volks-Märchen liegt lauter urdeutscher Mythos, den man für verloren gehalten, und wir sind fest überzeugt, will man noch jetzt in allen gesegneten Teilen unseres Vaterlandes suchen, es werden auf diesem Wege ungeachtete Schätze sich in ungeglaubte verwandeln und die Wissenschaft von dem Ursprung unserer Poesie gründen helfen. Gerade so ist es mit den vielen Mundarten unserer Sprache, in welchen der größte Teil der Worte und Eigentümlichkeiten, die man längst für ausgestorben hält, noch unerkannt fortlebt.
Wir wollten indes durch unsere Sammlung nicht bloß der Geschichte der Poesie einen Dienst erweisen, es war zugleich Absicht, daß die Poesie selbst, die darin lebendig ist, wirke: erfreue, wen sie erfreuen kann, und darum auch, daß ein eigentliches Erziehungsbuch daraus werde. Gegen das letztere ist eingewendet worden, daß doch eins und das andere in Verlegenheit setze und für Kinder unpassend oder anstößig sei (wie die Berührung mancher Zustände und Verhältnisse, auch vom Teufel ließ man sie nicht gern etwas böses hören) und Eltern es ihnen geradezu nicht in die Hände geben wollten. Für einzelne Fälle mag die Sorge recht sein und da leicht ausgewählt werden; im Ganzen ist sie gewiß unnötig. Nichts besser kann uns verteidigen, als die Natur selber, welche gerad diese Blumen und Blätter in dieser Farbe und Gestalt hat wachsen lassen; wem sie nicht zuträglich sind, nach besonderen Bedürfnissen, wovon jene nichts weiß, kann leicht daran vorbeigehen, aber er kann nicht fordern, daß sie darnach anders gefärbt und geschnitten werden sollen. Oder auch: Regen und Tau fällt als eine Wohltat für alles herab, was auf der Erde steht, wer seine Pflanzen nicht hineinzustellen getraut, weil sie zu empfindlich dagegen sind und Schaden nehmen könnten, sondern lieber in der Stube begießt, wird doch nicht verlangen, daß jene darum ausbleiben sollen. Gedeihlich aber kann alles werden, was natürlich ist, und darnach sollen wir trachten. Übrigens wissen wir kein gesundes und kräftiges Buch, welches das Volk erbaut hat, wenn wir die Bibel obenan stellen, wo solche Bedenklichkeiten nicht in ungleich größerm Maaß einträten; der rechte Gebrauch aber findet nicht Böses heraus, sondern nur wie ein schönes Wort sagt: ein Zeugnis unseres Herzens. Kinder deuten ohne Furcht in die Sterne, während andere nach dem Volksglauben Engel damit beleidigen.
Abweichungen, so wie allerlei hierher gehörige Anmerkungen haben wir wieder im Anhang mitgeteilt; wem diese Dinge gleichgültig sind, wird das Überschlagen leichter werden, als uns gerade das Übergehen wäre; sie gehören zum Buch insofern es ein Beitrag zur Geschichte der deutschen Volksdichtung ist. Alle Abweichungen namentlich erscheinen uns merkwürdiger als denen, welche darin bloß Abänderungen oder Entstellungen eines wirklich einmal da gewesenen Urbildes sehen, da es im Gegenteil vielleicht nur Versuche sind, einem im Geist bloß vorhandenen, unerschöpflichen, auf mannichfachen Wegen sich zu nähern. Wiederholungen einzelner Sätze, Züge, und Einleitungen sind wie epische Zeilen zu betrachten, die, sobald der Ton sich rührt, der sie anschlägt, immer wiederkehren und eigentlich in einem andern Sinne nicht zu verstehen. Alles aber, was aus mündlicher Überlieferung hier gesammelt worden, ist sowohl nach seiner Entstehung als Ausbildung (vielleicht darin den gestiefelten Kater allein ausgenommen) rein deutsch und nirgends her erborgt, wie sich, wo man es in einzelnen Fällen bestreiten wollte, leicht auch äußerlich beweisen ließe. Gründe, die man für das Erborgen aus italienischen, französischen oder orientalischen Büchern, die vom Volk, zumal auf dem Land, ungelesen bleiben, vorzubringen pflegt, gleichen denjenigen vollkommen, welche aus Soldaten, Handwerksburschen, oder aus Kanonen, Tabakspfeifen und andern neuen Dingen in den Märchen, auch ihre neue Erdichtung ableiten wollen, da doch gerade diese Sachen, wie Wörter der heutigen Sprache, nach dem Munde der Erzählenden sich umgestalten und man sicher darauf zählen kann, daß sie im sechszehnten Jahrhundert statt der Soldaten und Kanonen, Landsknechte und Büchsen gesetzt haben, und der unsichtbar machende Hut zur Ritterzeit ein Tarnhelm gewesen ist.
Die für diesen zweiten Band anfänglich versprochene Übersetzung des Pentamerone steht den ein heimischen Märchen notwendig nach, so wie die Zusammenstellung derjenigen, welche die Gesta Romanorum enthalten.
Cassel, am 30. September 1814.