Das Grab ist ein gar feiner und privater Ort, Doch niemand, so dächt ich, umarmt sich dort. Andrew Marvell KAPITEL 1 Hungrig und wachsam schlüpfte der Fuchs aus dem Labyrinth alter Tunnel, das sich entlang der Fundamente des verlassenen Gebäudes erstreckte. In den tiefsten Tiefen dieser von Tieren gegrabenen Katakomben war die Luft verpestet von einem Miasma der Verwesung, das den Fuchs seltsam unruhig machte. Deswegen war er noch nie auf der untersten Ebene gewesen.

Seit kurzem war ein weiterer Grund für Unruhe hinzugekommen, über der Erde, ein neuer Geruch, der das Unterholz verschmutzte, selbst hier oben, wo die Luft frisch war. Menschen waren zu diesem verlassenen Flecken zurückgekehrt. Menschen, die wie der Fuchs ihre Zwecke in der Dunkelheit verfolgten und deren Kommen vom leisen Brummen eines Automotors angekündigt wurde. Der Fuchs hatte gelernt, das Geräusch zu erkennen und sich leise davonzustehlen.

In dieser Nacht trottete er auf seinen schlanken, schwarz gezeichneten Beinen über den frostharten Boden. Die spitze Nase am Boden, die Rute gesenkt, witterte er hungrig nach dem Duft einer Mahlzeit – Aas, von dem er fressen konnte, oder eine Kreatur, die schwächer oder dümmer war als er und sich erbeuten ließ. Dann drang erneut das ferne mechanische Brummen an sein scharfes Gehör. Der Fuchs hielt inne, warf einen Blick zurück auf das Unterholz und die beiden Türmchen, deren Spitzen die Bäume überragten und die im Mondlicht silbern glänzten.

Ein Lichtstrahl huschte plötzlich über ihn hinweg und ließ seine Augen wild leuchten. Der Mensch war gekommen, und für einen kurzen Augenblick begegneten sich die beiden Wesen der Nacht, bevor jeder wieder seiner eigenen dunklen Wege ging.

Adeline Conway stand am Fenster und starrte furchterfüllt hinaus auf das dunkle Land. Ihre dünnen weißen Finger, auf denen sich die locker sitzenden Ringe gedreht hatten, sodass die kostbaren Steine nach innen zeigten, umklammerten den Samtvorhang und zerknitterten den Stoff. Adelines Mann Matthew wusste, dass sie sich vor der Dunkelheit fürchtete. Trotzdem rief er sie nicht vom Fenster weg, denn er wusste auch, dass sie von der Dunkelheit fasziniert war. Er beobachtete, wie sie an dem schweren Vorhang zerrte und ihn vor das Fenster zog, um die Silhouetten der Bäume auszusperren, die vor dem Nachthimmel schwankend tanzten. Als sie zu ihrem Stuhl beim Kamin zurückkehrte, rieb sie sich die kalten Finger, und er sah, während sie verstohlen die Ringe wieder richtig herum drehte, dass die Nägel bläulich-weiß angelaufen waren.

»Es ist kalt.« Ihre Stimme besaß einen quäkenden, durchdringenden, wehleidigen Ton wie die eines verirrten Kätzchens. Es war unmöglich, diese Stimme zu ignorieren oder Adeline deswegen böse zu sein.

Mitleid mischte sich in Matthews Verärgerung. Er seufzte und erhob sich, um ein kleines Scheit auf das offene Feuer in dem großen Adam-Kamin zu werfen.

Funken stoben knackend und knisternd auf, sandten tanzende Schatten durch das Zimmer und schreckten einen schwarzen Perserkater auf, der auf dem Kaminvorleger geschlummert hatte. Der Kater hob den Kopf und fixierte Matthew aus feindseligen smaragdgrünen Augen. Er wusste, dass Matthew den Funkenschauer verursacht hatte – außerdem war er Adelines Schoßtier und reflektierte die Stimmungen und Gefühle, die Matthews Frau ausstrahlte. Wenn Matthew je versuchte, das Tier zu streicheln, biss es nach ihm. Jetzt sank der schwere Kopf auf die Pfoten zurück, und die Augen verengten sich zu misstrauischen grünen Schlitzen, die Matthew aufmerksam beobachteten.

Matthews Verärgerung nahm weiter zu. Er würde gleich hinaus in die kalte Winterluft gehen, und hier drin war die Hitze unerträglich. Sehr wahrscheinlich würde er sich eine Erkältung zuziehen, und alles nur, weil Adeline darauf bestand, dass dieses Zimmer jeden Abend aufgeheizt wurde wie ein Treibhaus im Kew Garden. Die Temperatur stand in bemerkenswertem Kontrast zum Hausflur und den Schlafzimmern, in denen eisige Kälte herrschte.

Matthew starrte rebellisch um sich. Die Eleganz des Salons aus dem achtzehnten Jahrhundert vermittelte noch immer eine Atmosphäre von kultiviertem Luxus, auch wenn die Farben an den Wänden verblasst und das Mobiliar inzwischen ein Mischmasch verschiedenster Stile war. Die heruntergefallenen Seiten seiner Abendzeitung verbargen kaum die ausgetretenen Flecken auf dem Teppich.

Adeline mit ihren dünnen, aristokratischen Zügen und dem leicht wirren Gehabe passte ausgezeichnet in diese Umgebung. Wie hätte es auch anders sein sollen – schließlich war sie hier aufgewachsen, in diesem alten Haus, dem Heim ihrer Familie. So unfähig Adeline in vielerlei Hinsicht auch sein mochte – das galt nicht in Angelegenheiten, die Park House betrafen, das unstrittig ihr Haus war, im wörtlichen wie im übertragenen, moralischen Sinne. Daher das irrsinnige Heizen in diesem Zimmer. Daher die Weigerung, die Maler kommen zu lassen oder andere Fremde, um neue Vorhänge oder Teppiche auszumessen. Und letztendlich war das auch der Grund, warum es unmöglich war, sie aus dem Haus zu locken, ganz gleich, wie sehr er sich bemühte …

Matthews Blick fiel auf einen kleinen Tisch in der Ecke, der übersät war mit gerahmten Fotografien, darunter ein Bild seiner Tochter als Baby auf dem Schoß seiner Mutter. Er musste nur von dort zu dem großen Porträt an der Wand sehen, um zu erkennen, wie früh die physische und mentale Degeneration seiner Frau angefangen hatte. Auf dem Ölgemälde war Adeline eine wunderschöne lächelnde junge Frau von achtzehn Jahren, mit gelocktem kastanienbraunen Haar und warmen dunklen Augen. Die junge Mutter auf dem Porträt starrte den Fotografen mit einem gehetzten Blick an und umklammerte das Baby auf ihrem Schoß. Wann immer Matthew diese beiden Bilder verglich, wie er es häufig unwillkürlich tat, kehrte die alte, quälende Frage zurück: Ist das alles meine Schuld? Habe ich sie zerstört? Und mit den Schuldgefühlen kam der Groll, der Groll darüber, dass sie diese Gefühle in ihm verursachte.

Matthew musterte seine Frau verstohlen. Sie hatte im Verlauf des letzten Jahres noch mehr an Gewicht verloren. Unter ihrer Kleidung bestand sie wahrscheinlich nur noch aus Haut und Knochen – doch es war lange Zeit her, dass er sie anders als vollständig angezogen gesehen hatte.

Laut sagte er:

»In fünf Minuten fahre ich Katie holen. Soll ich Prue Bescheid sagen?«

Adelines Gesicht zuckte.

»Sie sollte so spät nicht noch draußen sein, nach Einbruch der Dunkelheit! Es ist viel zu gefährlich! Ich wünschte, Katie würde nicht immer wieder zu diesem Jugendclub gehen. Ich wünschte, sie würde überhaupt nicht nach Bamford gehen! Sie lernt die falschen jungen Menschen kennen. Sie hat ja keine Ahnung … sie ist so unschuldig. Die anderen Jugendlichen, sie sind wie … wie junge Wilde!«

»Ich bin sicher, dass Vater Holland ein strenges Auge auf seinen Jugendclub hat.«

»In ihrem Alter hatte ich längst nicht so viele Freiheiten! Meine Eltern hätten mir niemals erlaubt, mit diesem Gesindel zu verkehren.« Fast hätte er laut aufgelacht. Adelines Eltern hatten schließlich nicht verhindern können, dass ihre Tochter jemanden heiratete, der in ihren Augen Gesindel war.

»Die Zeiten ändern sich, Addy. Gib Katie wenigstens die Chance, ein normales Leben zu führen! Nächsten Sommer bekommst du deinen Willen, wenn sie nach Frankreich zu Mireille geht.« Er gab sich alle Mühe, die Bitterkeit aus seiner Stimme zu halten, doch es gelang ihm nicht. Wäre es nach seiner Frau gegangen, dann hätte sie das Kind am liebsten in einen goldenen Käfig gesperrt, ohne die Gefahren zu sehen, die daraus erwuchsen. Soll Katie doch ausgehen und sich mit anderen Jugendlichen treffen. Soll sie doch lernen, wie die Wirklichkeit aussieht. Das war sein Wunsch gewesen. Alles war besser, als aufzuwachsen wie ihre Mutter! Es war schmerzvoll genug, dass seine Tochter überhaupt groß werden musste. Adeline war zu ihrem Sessel am Feuer zurückgekehrt. Sam, der Kater, setzte sich auf und reckte den Hals, um zu sehen, ob auf ihrem Schoß noch ein Plätzchen für ihn frei wäre, doch sie hatte ihren runden Stickrahmen aufgenommen und zupfte nervös an der halbfertigen Arbeit. Matthew fragte sich abwesend, was es werden sollte – wahrscheinlich ein Tablettdeckchen oder irgendein anderes nutzloses Ding. Doch Adeline war Expertin mit Nadel und Faden, und die malvenfarbenen Gänseblümchen und grün schattierten Blätter waren wundervoll gearbeitet. Sie durchbrach die verlegene Stille und sagte:

»Ja. Katie muss zu Mireille.« Er verspürte keine Lust zu streiten. Außerdem war nicht mehr genug Zeit.

»Du bist müde, Addy. Ich gebe Prue auf dem Weg nach draußen Bescheid.« Sie antwortete nicht, und er erhob sich und beugte sich über sie.

»Du liegst sicherlich bereits im Bett, wenn Katie und ich zurück sind, also sage ich dir lieber jetzt gute Nacht.« Er küsste sie auf die Stirn. Unter seiner Berührung zuckte sie zusammen.

»Ich möchte Katie noch sehen, wenn ihr wieder da seid! Sag ihr, sie soll in mein Schlafzimmer kommen und mir gute Nacht sagen.«

»Ja. Natürlich.« Sie hatte ihn seit Ewigkeiten nicht mehr zu sich eingeladen, doch das war ihm inzwischen egal. In dieser Hinsicht hatte er längst andere Arrangements getroffen. Er drückte ihre Hand flüchtig zum Abschied, und obwohl er schwitzte, war ihre Berührung kalt wie die einer Leiche. Matthew verließ den stickigen Salon. Im Flur war es kalt wie in einem Kühlschrank, doch er atmete erleichtert durch. Einen Augenblick lang blieb er stehen, allein, eingehüllt in die Stille und Leere des großen Hauses. In einer Ecke tickte leise eine große Standuhr und verkündete der Welt eine falsche Zeit. Die Uhr hätte als Symbol für das gesamte Haus stehen können – unzeitgemäß, fehl am Platz und ohne Aussicht auf Änderung. Jedenfalls nicht, soweit Matthew es zu beurteilen imstande war. Matthew wandte den Kopf nach links. Das Haus war heutzutage aufgeteilt – der Korridor war durch eine grüne Tür blockiert. Es hatte wochenlanger Diskussionen mit Addy bedurft, um sie einzubauen, ermüdender Diskussionen, durchbrochen von hysterischen Anfällen. Am Ende hatte Addy zugestimmt, weil dahinter die Büros lagen, von denen aus Matthew seine Geschäfte erledigte. Das ständige Klingeln der Telefone und das Geklapper der Schreibmaschine hatte sie gestört, am meisten jedoch die aufdringliche Nähe seiner Arbeits- und Geschäftswelt, dieses Eindringen von Realität in ihre Fantasiewelt. Adeline hatte der Tür zugestimmt, jedoch nur aus Furcht. Auch Matthew versteckte sich. Er versteckte sich hinter dieser Tür vor seinen häuslichen Problemen. Vertiefte sich mithilfe seiner Assistentin, Maria Lewis, in seine Arbeit. Maria lebte in einer abgeschlossenen Wohnung im zweiten Stock. Sie und Adeline begegneten sich niemals. Matthew rannte die breite Treppe hinauf und in den ersten Stock. Hinter der Tür lag eine weitere Wohnung, doch nicht so abgeschieden wie die Marias. Es war wichtig für die Familie, dass diese Räume zugänglich blieben. Hinter der Tür war das leise Geräusch eines laufenden Fernsehers zu hören, irgendeine Spielshow, Lachen, Applaus. Matthew klopfte.

»Prue? Mrs. Conway möchte gleich zu Bett gehen.« Der Fernseher verstummte augenblicklich. Matthew hörte, wie sich auf der anderen Seite der Tür jemand rührte, dann antwortete eine ernste Stimme:

»Ja, ich habe verstanden.«

»Ich muss jetzt weg nach Bamford, um meine Tochter abzuholen.« Die Tür wurde geöffnet, und Matthew trat hastig einen Schritt zurück. Eine stämmige, tüchtig aussehende Frau in einem handgestrickten Pullover und Tweedrock erschien.

»Dann mal los mit Ihnen«, sagte sie.

»Keine Sorge, ich komme zurecht.«

»Danke sehr, Prue.« Er zögerte, dann fügte er hinzu:

»Ich bin Ihnen wirklich sehr dankbar. Ich weiß gar nicht, wie ich, wie wir ohne Sie …«

»Ja, ja, gehen Sie schon!«, unterbrach sie ihn schroff. Als er die Haustür öffnete und ihm die kalte frische Nachtluft ins Gesicht wehte, hörte er Prue Wilcox hinter sich die Tür zum Salon öffnen und sagen:

»Nun, wollen wir den großen Holzhügel hinaufsteigen, Liebes?« Es klang, als spräche sie mit einem Kind. Matthew zog die Haustür hinter sich ins Schloss und ging zum Wagen, während er in den Taschen nach seinen Schlüsseln kramte. So ging es einfach nicht mehr weiter. Die Situation war unerträglich. Der Schweiß auf seiner Haut wurde rasch unangenehm kalt in der nächtlichen Brise. Er rieb sich mit den breiten Händen über das Gesicht und fühlte sich mit einem Mal sehr alt, obwohl er erst achtundvierzig war. In den besten Jahren, verdammt noch mal! Und doch, wenn die Dinge so weiter liefen wie bisher, auf ihre unerbittlich vorhersehbare Weise, dann gab es nichts mehr, was das Leben für ihn noch bereithielt. Seine vergangenen Erfolge waren nur noch eine Erinnerung an den verlorenen Optimismus, und seine Zukunft war unentrinnbar mit Adeline verknüpft. Er war in einem kleinen Reihenhaus in einem Londoner Vorort aufgewachsen und hatte seinen Weg in die Welt aus eigener Kraft geschafft, nur mit seinem Verstand und seinem Talent. Er war stolz darauf. Er hatte Adeline eher zufällig kennen gelernt, auf irgendeiner Party, einer Versammlung, auf der er als Außenseiter gewesen war, verlegen und schüchtern zugleich. Adeline war ebenfalls schüchtern gewesen, obwohl sie dazugehört und sich unter Freunden befunden hatte. Sie hatten sich zueinander hingezogen gefühlt. Vielleicht hatte sie Mitleid mit ihm gehabt. Für ihn war sie das wunderschönste Wesen gewesen, das er jemals gesehen hatte. Ihre Hochzeit war ihm wie die Erfüllung all seiner Träume erschienen. Und als Katie geboren wurde, war es das Sahnetüpfelchen auf dem Kuchen gewesen. Von diesem Tag an war es immer nur bergab gegangen. Wie bei so vielen anderen unglücklichen Paaren, so war auch bei ihnen ihr Kind seit langem das Einzige, was sie noch aneinander band. Doch selbst über Katies Erziehung gingen ihre Ansichten auseinander. Adeline wollte Katie nach dem Schulabschluss im Sommer für ein Jahr nach Paris schicken, um sie auf das Erwachsenenleben vorzubereiten. Er missbilligte diesen dummen Plan, den seine Frau und ihre französische Freundin Mireille ausgebrütet hatten, und er hasste die Vorstellung, dass seine kleine Katie in die Fänge dieser beutegierigen Französin geriet, die in seiner Tochter ohne jeden Zweifel eine angemessene Partie für ihren Tunichtgut von Sohn sah. Doch Adeline war taub für jeden seiner Einwände. Katie würde nach Frankreich verfrachtet werden, gegen ihren eigenen Willen und gegen seinen. Und er? Er würde allein mit Adeline zurückbleiben. Die Aussicht war albtraumhaft. Unerträglich. Warum verschwinde ich nicht einfach?, fragte er sich. Warum lasse ich mich nicht von ihr scheiden, oder sie sich von mir? Sie würde es nicht tun. Adeline klammerte sich an ihn wie eine Ranke, oder genauer: wie giftiger Efeu! Und in ihrem Zustand konnte er sie auch nicht verlassen. Sie schwebte nun schon seit Jahren dicht vor dem Abgrund. Es würde nicht viel erfordern, sie über die Kante zu stoßen, hinein ins mentale Chaos. Er saß in der Falle. Genau in diesem Augenblick, wie um seine zum Zerreißen angespannten Nerven noch weiter zu dehnen, ertönte hinter ihm in der Dunkelheit lautes Quieken und Kreischen. Matthew verzog das Gesicht zu einer Grimasse. Wenn er diese elenden Mistviecher doch nur irgendwie loswerden könnte! Düster raste er in seiner Limousine über den Weg und auf die Straße nach dem kleinen Städtchen Bamford hinaus, um sein einziges Kind nach Hause zu holen.

»Also schön, alles hinsetzen!«, rief Vater Holland.

Der Lärm im Kirchensaal hielt unvermindert an. Während des Diavortrags waren sie unter Kontrolle gewesen, doch jetzt, nachdem die Beleuchtung wieder angegangen war, fühlte sich das Publikum aus seiner ungewohnten Immobilität entlassen. Stühle wurden gerückt, und Stimmen stritten lauthals. Auf der anderen Seite des Tisches, wo Mrs. Pride in einer rosa karierten Kittelschürze bemüht war, Orangenlimonade in Plastikbechern halbwegs zivilisiert auszuteilen, herrschte reges Gedränge. Die Auswahl selbst gebackener Kuchen, den ihr Damenkränzchen gespendet hatte, war längst verschwunden, von gierigen Fingern innerhalb weniger Minuten weggezaubert.

»Ruhe!«, donnerte Vater Holland. Fast wurde es still. Der Mob wandte sich ihm zu, und so ein

Mob besitzt nur wenige gewinnende Züge, dachte Meredith Mitchell. Sie empfand das jugendliche Ungestüm der Anwesenden sowohl als arrogant wie auch als ignorant, eine unverschämte Herausforderung gegen jedwede Autorität. Während Merediths Vortrag hatten sie ununterbrochen gekichert, gezappelt und mit Süßigkeitenpapierchen geknistert. Möglich, dass Meredith unfair war. Sie grub ein paar vage Erinnerungen an ihre eigene Pubertät aus, mit all den Qualen, die man an Leib und Seele auszustehen hatte. Es war tatsächlich ein elendes Geschäft, das Erwachsenwerden. Die Hormone machten einem das Leben zur Hölle, und man wusste beim besten Willen nicht, was man eigentlich wollte, nur das, was man auf gar keinen Fall wollte, das aber dafür mit umso leidenschaftlicherer Bestimmtheit.

»Also schön.« Der Vikar wurde allmählich heiser.

»Ich bin sicher, wir alle sind Meredith sehr dankbar, dass sie dem Jugendclub heute Abend ihre kostbare Zeit zur Verfügung gestellt und interessante Dias von ihren Reisen gezeigt hat. Was haltet ihr von einer Runde Applaus, um eure Dankbarkeit zu zeigen?«

Pflichtergeben klatschten sie Beifall, und aus dem hinteren Teil des Saals kam der eine oder andere anerkennende Ruf – mit ironischem Unterton.

»Danke sehr!«, rief Meredith über den Tumult hinweg.

»Es … es war mir ein Vergnügen.« Insgeheim hatte sie bereits beschlossen:

»Nie wieder!«

Zwei Jugendliche näherten sich ihr, beide vielleicht sechzehn Jahre alt, womit sie ein oder zwei Jahre mehr zählten als das übrige Publikum. Einer der beiden, ein ernster, gelehrt dreinblickender Junge mit einer Stahlrandbrille, machte sich daran, gewissenhaft die Projektionsleinwand einzurollen. Als er Merediths Blick bemerkte, lächelte er schüchtern zurück und sprudelte hervor:

»Der Vortrag hat ihnen sehr gefallen!«

»Dessen bin ich mir gar nicht so sicher«, entgegnete Meredith, schob sich das dichte braune Haar aus der Stirn und fügte, weil sie wusste, wie leicht Jugendliche sich verunsichern ließen und sie nicht unhöflich erscheinen wollte, hinzu:

»Ich danke euch beiden für eure Hilfe. Ohne euch hätte ich es bestimmt nicht geschafft.«

Sein Gesicht lief zu einem unvorteilhaften Rot an, das seine Ohren leuchten ließ, und das Mädchen neben ihm plapperte los:

»O ja! Es war ein großartiger Vortrag, Meredith! Ich möchte auch einmal einen so aufregenden Beruf haben wie Sie!«

Meredith hatte in der Dunkelheit des Kirchensaals alle Hände voll zu tun gehabt, um sich die Aufmerksamkeit der Jugendlichen zu erhalten, und keine Zeit gefunden, ihre beiden Helfer zu betrachten, so dankbar sie auch für ihren Eifer war. Als sie jetzt das Mädchen ansah, das vielleicht gerade sechzehn Jahre alt war, stellte sie voll Überraschung fest, dass es eines jener Wesen war, bei dessen Geburt die Götter zweifellos gelächelt hatten. Es war mehr als gewöhnliche jugendliche Anmut, die das Versprechen einer zukünftigen wirklichen Schönheit in sich trug, es war eine Art Leuchten, das sie umgab, eine fast greifbare Frische und Spontaneität.

Meredith hörte sich sagen:

»Das Foreign Office ist genau genommen eine sehr große Behörde, und nur hin und wieder kommt man an interessante Orte. Meistens ist die Arbeit schrecklich langweilig. Ich komme heutzutage nicht mehr so häufig ins Ausland. Ich arbeite in London, an einem Schreibtisch, und alles ist Routine.«

Das Mädchen beugte sich vertraulich vor.

»Aber als Sie im Ausland waren, dann wenigstens, weil Sie es gewollt haben und weil ein Sinn dahinter gesteckt hat! Nicht wie bei meiner Mutter, die mich unbedingt zu ihrer Freundin schicken will …«

Der Junge mischte sich ein.

»Sie kann dich nicht zwingen zu gehen!«

»Doch, das kann sie! Du verstehst das nicht, Josh. Es ist nicht ihre Schuld.« Meredith vermutete irgendeinen komplizierten zugrunde liegenden Disput zwischen den beiden und wollte sich nicht in den Streit hineinziehen lassen. Sie deutete auf das restliche Publikum, das wie Quecksilber aus dem Kirchensaal in die kühle Novembernacht strömte. Draußen ging das Geschreie noch eine Weile weiter, bevor es in der Ferne verklang.

»Vielleicht haben sie sich alle zu Tode gelangweilt«, sagte sie zu den beiden und bemühte sich, einigermaßen unbeschwert zu klingen.

»Sie rennen davon, so schnell sie können.« Der Vikar trat hinzu und wischte sich über die Stirn.

»Es ist gar nicht so einfach, ihr Interesse wachzuhalten. Sie haben sich prachtvoll geschlagen, Meredith! Die Jugendlichen kommen nur ungern in den Club, wissen Sie, und in spätestens ein oder zwei Jahren haben wir sie an die Pubs verloren, wenn sie andere Gesellschaft suchen. Das Problem ist, dass es in einer kleinen Stadt wie Bamford herzlich wenig gibt, was sie sonst noch unternehmen könnten.«

»Aber die Jugendlichen, die heute Abend hier waren, sind doch wohl noch eine ganze Weile zu jung, um in Pubs zu dürfen?« Vater Hollands Barthaare richteten sich auf.

»Ich räume ein, dass die meisten Pubs in der Stadt recht genau sind, was das Alter ihrer Kundschaft anbelangt. Die einheimische Polizei tut ihr Übriges, um die Wirte bei der Stange zu halten. Aber spät am Tag, wenn das Personal schon gestresst ist, hat es häufig einfach nicht die Zeit, um sich die Kundschaft genauer anzusehen, die ihre Bestellungen aufgibt. Und die Jugendlichen machen sich einen Sport daraus, die Kellner zu überlisten. Sie halten es für schlau und erwachsen.« Er seufzte schwer.

»Außerdem gibt es eine Reihe von Wirten, denen Geld wichtiger ist als die Einhaltung von Gesetzen zum Schutz unserer Jugend.« Er richtete seine Aufmerksamkeit auf das Mädchen.

»Alles in Ordnung, Katie? Wie kommst du nach Hause?«

»Mein Vater holt mich ab.«

»Gut. Und du, Josh? Wenn du noch einen Augenblick warten möchtest, nehme ich dich auf dem Rücksitz mit.«

»Ich hätte auch noch Platz in meinem Wagen«, erbot sich Meredith. Josh schob seine Brille hoch und lächelte nervös.

»Es macht mir nichts aus, zu Fuß zu gehen. Wirklich nicht. Es ist nicht weit.«

»Nun ja, ich danke euch beiden jedenfalls recht herzlich«, sagte Meredith.

»Lasst alles einfach liegen, ich kümmere mich schon um den Rest. Nehmt euch noch etwas Saft und Kuchen, das heißt, falls noch welcher übrig ist.«

»Nette Kinder«, sagte der Vikar eine kurze Weile später, als die beiden Jugendlichen gegangen waren.

»Zu schade, dass es nicht mehr von ihrer Sorte gibt. Ich werde Katies Hilfe vermissen, wenn sie nicht mehr da ist, aber vermutlich lässt sich daran nichts ändern. Ihre Familie lebt in Park House, ein wenig außerhalb der Stadt, und Katie muss jedes Mal abgeholt werden. Joshs Eltern leben in Übersee, und er wohnt bei einer Tante. Er ist ein wenig gehemmt, wie Sie sicherlich bemerkt haben, und die Arbeit für den Jugendclub hat ihn aus seinem Schneckenhaus gelockt. Ah, Mrs. Pride!« Mrs. Pride kam herbeigestürzt, rotgesichtig und glühend vor Anstrengung. Ihre silbernen Locken waren im Getümmel um die Kuchen in Unordnung geraten, und die Vorderseite ihrer Schürze war nass von verschüttetem Orangensaft, doch ansonsten wirkte sie gelassen.

»Ich habe den Wasserkessel aufgesetzt, in der Kochecke. Ich bin sicher, Sie beide können eine anständige Tasse Tee vertragen.«

»Sie gute Seele«, sagte der Vikar.

»Mögen Sie vielleicht noch ein paar Makronen? Ich habe extra welche für Sie aufgehoben. Diese Kinder sind wie die Heuschrecken. Sie futtern einfach alles, was ihnen in die Finger kommt! Deswegen habe ich ein paar Kleinigkeiten für uns beiseite geschafft. Sie mögen sicherlich auch eine Makrone, Meredith, nicht wahr?«

»Danke für Ihre Mitarbeit heute Abend, gute Frau«, sagte Vater Holland einige Minuten später, nachdem der Tee fertig war.

»Wissen Sie, ich denke oft, es wäre besser, bei derartigen Gelegenheiten zwei Helfer dabeizuhaben, statt immer nur einen. Die Kinder haben nicht gerade das, was man Partymanieren nennt.«

»Mavis Farthing wäre normalerweise mitgekommen, aber sie hat sich eine Erkältung eingefangen«, sagte Mrs. Pride, während sie einen Makronenkrümel von ihrer üppigen Brust streifte.

»Ich muss morgen unbedingt bei ihr vorbeischauen. Und Miss Rissington muss mit dem kalten Wetter aufpassen, wegen ihrer Bronchien. Natürlich hätte ich auch Cissy fragen können, aber sie ist so spät abends nicht gerne unterwegs, nicht in der dunklen Jahreszeit jedenfalls. Ich komme schon zurecht, machen Sie sich bloß keine Gedanken! Die kleine Katie hat mir prima geholfen.« Sie tranken ihren Tee aus, und Meredith half Mrs. Pride beim Abspülen der Tassen und Teller und beim Aufräumen der kleine Kochküche, während Vater Holland durch den Saal ging, die Fenster schloss und die Toiletten abspülte.

»Alles in Ordnung«, sagte er und klimperte mit dem großen Schlüsselbund, als er zu den beiden Frauen zurückgekehrt war.

»Ich muss nur noch abschließen, dann können wir nach Hause. Ich möchte Ihnen noch einmal meinen Dank aussprechen, Meredith! Nehmen Sie Mrs. P. mit?«

»Natürlich, wir sind schließlich Nachbarn.« Meredith lächelte.

»Nett von Ihnen, mich mitzunehmen«, sagte Mrs. Pride und verstaute Teller in einer Kiste.

»Normalerweise muss ich mit meinem alten Fahrrad fahren. So kann ich diese Kiste mitnehmen und muss nicht morgen noch einmal vorbeikommen, um sie aufzusammeln. Hm, wessen Teller ist denn das? Das Etikett hat sich gelöst. Wahrscheinlich gehört er Mavis. Sie hat ihn ausgeliehen. Ich bringe ihn morgen bei ihr vorbei, wenn ich sie besuche.«

»O ja, Mrs. Farthing«, murmelte Vater Holland.

»Wenn sie wirklich krank ist, komme ich morgen und besuche sie ebenfalls.« Draußen vor dem Saal standen Katie und Josh dicht beieinander und führten offensichtlich ein hitziges Streitgespräch. Sie brachen ab, als Meredith im hell erleuchteten Ausgang sichtbar wurde, und beobachteten schweigend, wie sie zum Wagen ging. Vater Holland und Mrs. Pride folgten. Der Vikar schaltete die Lichter aus und verschloss die Tür hinter sich.

»Und du bist sicher, dass dein Vater auf dem Weg ist, Katie?«

»Ja. Es dauert bestimmt nur noch ein paar Minuten. Außerdem leistet Josh mir beim Warten Gesellschaft.« Katie hatte weiße Ohrenschützer auf und die Arme unter die Achselhöhlen geschoben. Jetzt hüpfte sie auf der Stelle, um sich aufzuwärmen. Sie sah aus wie ein plötzlich zum Leben erwachtes Plüschkaninchen. Die Erwachsenen trennten sich. Vater Holland zog seinen Schutzhelm an und donnerte auf seiner mächtigen Yamaha davon. Mrs. Pride quetschte ihre Kiste auf den Rücksitz von Merediths Wagen und stieg schnaufend vor Anstrengung ein. Sie fuhren los.

»Schmuser«, sagte Mrs. Pride überraschend.

»Verzeihung?« Meredith benötigte eine Sekunde, um den altmodischen Ausdruck zu verarbeiten und ihn auf gegenwärtige Verhältnisse zu übertragen.

»Der junge Josh und die kleine Katie.«

»Tatsächlich? Ich dachte eigentlich eher, sie streiten sich?«

»O nein«, widersprach Mrs. Pride entschieden.

»Er steht jeden Donnerstagabend bei ihr, bis ihr Vater sie abholt. Aber er ist viel zu schüchtern, um den entscheidenden Schritt zu machen. Ich hab ihm gesagt, dass ein verzagtes Herz nie eine Märchenfee gewinnt, aber er ist nur bis unter die Haarwurzeln rot geworden.« Sie durchquerten das Stadtzentrum und passierten hell erleuchtete Schaufenster. Die Läden des indischen Restaurants waren geschlossen, doch dahinter schimmerte gelbes Licht. Sie passierten den Imbisswagen und eine Frittenbude und kamen in die schlechter beleuchteten Außenbezirke.

»Ich kann mir denken, dass Mr. und Mrs. Conway, Katies Eltern, sich jemand Besseren für ihre Tochter vorstellen«, fuhr Mrs. Pride nachdenklich fort.

»Jemand Besseren?«, fragte Meredith verblüfft.

»Sie wissen schon, was ich meine, Liebes. Er ist ein netter Bursche, der junge Josh, und ich weiß sehr wohl, dass sich die Zeiten geändert haben, seit ich ein junges Mädchen war. Aber nicht alles ist anders geworden. Mrs. Conway ist eine geborene Devaux. Das war früher einmal die bedeutendste Familie hier in der Gegend. Ihnen gehört Park House. Es war nett von Ihnen, diesen Vortrag zu halten«, wechselte sie entschlossen das Thema.

»Schön zu sehen, dass Zugezogene sich in das Leben in der Stadt integrieren und hier und da aushelfen, und das, obwohl Sie eine vielbeschäftigte Karrierefrau sind! Ich muss gestehen, ich habe Ihren Vortrag sehr genossen! Ich hatte ja keine Ahnung, dass Sie schon so weit herumgekommen sind! Werden Sie wieder ins Ausland gehen?«

»Das bezweifle ich«, antwortete Meredith und verlangsamte vor einer Kreuzung ihre Fahrt.

»Es gibt meistens mehr Leute, die ins Ausland wollen, als es im Ausland Posten gibt. Die einzigen Reisen, die ich heutzutage unternehme, sind meine täglichen Fahrten im Zug nach London und zurück. Ich wollte Katie nicht entmutigen; sie schien sich sehr für einen Beruf wie den meinen zu interessieren … aber so sind die Dinge nun einmal, fürchte ich. Und was meine Aushilfe in der Gemeinde angeht, so fürchte ich, dass ich nicht viel tun kann. Im Gegensatz zu Ihrer Damengesellschaft. Sie scheinen wirklich überall dabei zu sein.«

»Was sollte ich wohl sonst mit meiner Zeit anfangen?«, entgegnete Mrs. Pride einfach. Sie waren vor den kleinen Reihenhäusern angekommen, in denen beide wohnten, Meredith ganz am Ende und Mrs. Pride direkt daneben, als Nachbarin. Mrs. Pride spähte durch die Scheibe.

»Außerdem, junge Leute wie Sie haben immer so viel andere Dinge zu tun! Vermutlich werden Sie dieses Wochenende wieder mit Arbeiten an Ihrem Haus verbringen?«

»Ich wollte die Küche in Angriff nehmen, ja. Ich habe nach einem walisischen Küchenschrank Ausschau gehalten, einem hübschen alten Stück, nach Möglichkeit antik. Auf jeden Fall alt. Aber im Augenblick gibt es keine Haushaltsauflösungen in der Gegend, und die Antiquitätengeschäfte haben nichts annähernd Passendes zu bieten.« Ihre Begleiterin schüttelte ungläubig den Kopf.

»Ich werde niemals verstehen, warum die Leute von heute all den alten Plunder kaufen wollen, den wir vor Jahren weggeworfen haben! Es gibt doch so wunderschöne moderne Küchen mit Arbeitsplatten aus Resopal und alles! Wenn Sie schon etwas Antikes haben müssen, warum gehen Sie dann nicht in den Hobbymarkt? Dort gibt es antike Möbel, die in flache Pakete zerlegt sind, mit Schrauben und allem drum und dran. Man muss sie nur noch zusammenstecken. Ich bin sicher«, und an dieser Stelle bedachte Mrs. Pride Meredith mit einem frivolen Blick,

»dieser nette Polizist, mit dem Sie befreundet sind, würde Ihnen gerne beim Zusammenbauen helfen.«

»Er hat ebenfalls ziemlich viel zu tun«, sagte Meredith und wollte damit jede weitere Anspielung im Keim ersticken.

»Oooh!«, beharrte Mrs. Pride ungerührt und mit dem Taktgefühl eines Elefanten im Porzellanladen.

»Dann lassen Sie uns hoffen, dass es nichts Ernstes ist! Wir wollen schließlich keine hässlichen Dinge wie Mord und dergleichen in unserem schönen Bamford!« KAPITEL 2

»Wo ist denn deine Freundin heute Abend?«, fragte der Mann mit dem Schnurrbart. Er stützte einen Ellbogen auf die Theke und straffte mit der freien Hand unmerklich die Revers seiner grünen Tweedjacke. Zu seiner sichtlichen Verärgerung wählte ein anderer Gast – offensichtlich in der Angst, dass die Sperrstunde kommen und er seine letzte Runde nicht rechtzeitig bestellen könnte – genau diesen Augenblick, um sich zwischen sie zu drängen und eine Bestellung aufzugeben. Ihm wurde die Sicht auf das Mädchen versperrt, und er bekam ihre Antwort nicht mit. Unbekümmert wiederholte sie ihre Worte.

»Sie hatte etwas anderes vor.«

»Hat wohl einen Freund, wie? Ich dachte, ihr beide wärt ständig zusammen?« Das Mädchen warf die langen krausen Haare zurück und lächelte ihn an.

»Kann schon sein. Ich weiß nicht. Wir sind schließlich keine siamesischen Zwillinge, wir beide.«

»Ihr könntet auch gar keine Zwillinge sein. Du bist viel hübscher als sie!«, sagte er galant.

»Darf ich dich zu einem Drink einladen?« Sie blickte sich prüfend um, doch ein jüngerer Mann, den sie vorher beobachtet hatte, redete inzwischen mit einem anderen Mädchen.

»Also schön«, sagte sie.

»Ich nehme ein Lager mit Lime.« Er winkte dem Barmann.

»Hierher!« Als Terry Reeves, der Wirt des Silver Bells, sich hinter der Theke zu seinem Gast bewegte, hörte er seine Frau zischen:

»Frag das Mädchen, wie alt es ist!« Reeves, der eine Vorliebe für dralle Frauen besaß, warf einen prüfenden Blick auf die fragliche Jugendliche und tat sie mit

»kein Arsch und keine Titten« ab. Ihr kurzer schwarzer Rock spannte sich über einem Bauch, der so flach war wie ein Waschbrett, und die tief ausgeschnittene Bluse enthüllte einen kaum entwickelten Busen, über dem ein Goldkettchen baumelte. Dagegen besaß sie beinahe kindliche Pausbacken und einen ausgeprägten Schmollmund. Der Gesamteindruck war der eines Kindes, das sich in Kleider geworfen hatte, die von der älteren Schwester ausgeliehen waren. Reeves unterdrückte einen Anflug von Unbehagen und sah hinauf zur Uhr über dem Tresen. In fünf Minuten würde er die Sperrstunde ausrufen, und es hatte wenig Sinn, jetzt noch Wirbel zu veranstalten. Das Mädchen war seit wenigstens einer Stunde im Pub. Er servierte also die Drinks und nahm die Fünf-Pfund-Note, die der Mann mit dem Schnurrbart ihm gab.

»Bitte sehr, der Herr«, sagte er und gab das Wechselgeld heraus.

»Nun?«, fragte die Frau des Wirts, als er wieder zu ihr zurückgekehrt war.

»Gib auf, Daph. Wir machen gleich zu. Sie ist bestimmt schon achtzehn.«

»Vor ein paar Tagen war ein Polizist hier und hat mir einen Vortrag über minderjährige Alkoholiker gehalten! Er hat ein Plakat dagelassen, dass wir aufhängen sollen. Ich wünschte, ich hätte es schon getan. Morgen werde ich es aufhängen!«

»Hör endlich auf, ja?« Der Wirt sah ein weiteres Mal zur Uhr hinauf und rief dann:

»Letzte Runde, Ladys und Gentlemen! Letzte Runde!« An der Bar entstand kurzzeitig hektisches Gedränge. Der Mann mit dem Schnurrbart und das Mädchen mit dem Kraushaar zogen sich in eine ferne Ecke zurück, weg vom Getümmel. Sie waren nicht ganz allein. Ein älterer Mann, unauffällig in seiner Erscheinung, saß scheinbar schlafend auf seinem Hocker in der Ecke. Er war unrasiert, das graue Haar zu lang und die Kleidung zerknittert und ungepflegt, obwohl früher einmal von erkennbar guter Qualität. Als sich ihm die beiden näherten, flackerten seine Augendeckel. Er gab ein Schnauben von sich, das wie ein Schnarchen klang, und rutschte ein wenig beiseite. Irgendjemand erhob streitlustig die Stimme. Seine Tischnachbarn bemühten sich, ihn zum Schweigen zu bringen. Reeves warf einen dritten Blick hinauf zur Uhr. Vielleicht war es keine schlechte Idee, den Laden an diesem Abend ein oder zwei Minuten früher dicht zu machen.

»Zeit!«, rief er in das allgemeine Chaos hinein.

»Zeit nach Hause zu gehen, Leute!« Es gab einige Proteste angesichts seiner plötzlichen Eile, doch die Bar leerte sich, und Menschen trieben rufend und lachend auf den Ausgang zu. Daphne Reeves trat zu ihrem Ehemann.

»Du hättest dieses Mädchen wirklich fragen sollen, wie alt sie ist!«

»Schon gut! Sie hat doch gar nichts gekauft. Er hat bezahlt. Ich kann ihn doch nicht daran hindern, ihr Drinks zu kaufen!«

»Er war mindestens doppelt so alt wie sie und hat sie angebaggert! Du weißt genau, dass ich so etwas überhaupt nicht mag!«

»Das ist doch der Grund, aus dem Leute in Pubs gehen, oder nicht? Die meisten kommen nur, um jemanden kennen zu lernen!«

»Als wir dieses Geschäft übernommen haben, wollten wir etwas Besseres aus dem Pub machen, Terry!«

»Und das werden wir auch! Aber zuerst müssen wir ein wenig Kapital herbeischaffen. Ich werfe jeden raus, der sich daneben benimmt, doch ansonsten ist alles Geld gleich gut.«

»Selbst seines?«, entgegnete Daphne. Die Bar hatte sich geleert, bis auf eine Ecke.

»Barney Crouch!«, seufzte Terry resigniert.

»Wie immer der Letzte!«

»Ist wohl eingeschlafen, eh?« Daphne nahm ein Tablett mit Gläsern und verschwand in der Küche. Schweren Schrittes ging Terry zur Ecke und beugte sich über die ruhende Gestalt.

»Kannst du mich hören, Barney?« Er legte Barney die Hand auf die Schulter; der Stoff der Jacke war abgetragen.

»Heh, kannst du mich hören, du verrückter alter Kerl? Wach auf! Du musst nach Hause!« Die Gestalt regte sich und öffnete ein Auge.

»Ich höre dich sehr gut, Terence. Du musst mir nicht ins Ohr brüllen. Ich habe nicht geschlafen, ich habe über die menschliche Dummheit nachgedacht. Über die Schwächen von Männern und Frauen, wenn du es genau wissen willst.«

»Nun, dann geh jetzt, und denk irgendwo anders nach! Das Pub ist leer. Alle anderen sind schon weg! Daphne und ich wollen Feierabend machen. Wir brauchen unseren Schönheitsschlaf.«

»Sprich nur für dich selbst!«, rief eine weibliche Stimme aus unsichtbaren Regionen. Barney schien zu sich zu kommen und richtete sich auf.

»Dann werde ich jetzt wohl auch gehen, Terence, mein Freund. Ich gehe … nach Hause.« Er verzog das Gesicht.

»Du erinnerst dich noch, wo das ist?«, erkundigte sich Terry sarkastisch.

»Selbstverständlich! Versuch nicht, dich über mich lustig zu machen!« Barney mühte sich auf die Füße und stand schwankend da. Dann setzte er seine abgetragene alte Mütze auf den wirren grauen Lockenschopf und schlurfte in Richtung Tür. Daphne erschien aus den Tiefen des Pubs.

»Terry? Bist du sicher, dass alles in Ordnung ist mit dem armen alten Burschen? Vielleicht solltest du den Wagen aus der Garage holen und ihn nach Hause bringen. Er wohnt meilenweit draußen, und es ist bitter kalt heute Nacht.«

»Keine Chance«, erwiderte ihr Ehemann brüsk.

»Ich wurde heute Abend ein paar Mal zu einem Drink eingeladen. Angenommen, ich werde angehalten und muss pusten? Wahrscheinlich wäre ich über der Grenze, und wie würde das aussehen? Fahr du ihn doch, wenn du unbedingt willst!« Sie sträubte sich.

»Ich? So weit käme es noch! Ich soll mit diesem lüsternen alten Teufel auf dem Beifahrersitz durch die Gegend fahren? Ich weiß nicht, ob er seine Hände bei sich behalten würde, selbst in seinem Zustand! Außerdem ist es schon spät, und ich müsste allein nach Hause zurückfahren. Ich bin nachts nicht gerne mit dem Wagen unterwegs. Wir könnten ihm ein Taxi rufen.«

»Und wer soll das bezahlen? Er wird schon irgendwie nach Hause kommen«, sagte ihr Mann.

»Er geht seit Jahren zu Fuß nach Hause, und bisher ist ihm noch nie etwas passiert.«

Langsam und unsicher wanderte Barney Crouch über die offene Landstraße. Die Lichter der Stadt lagen inzwischen ein gutes Stück hinter ihm, und seine einzige Begleitung war das Geräusch seiner Schritte und das Rauschen des Windes in den Kronen der Rosskastanien entlang der Straße.

Das Silver Bells lag ganz am östlichen Rand des Marktfleckens Bamford und war seit vielen Jahren Barneys Stammlokal. Er lebte zwei Meilen außerhalb der Stadt, ein weiter Marsch, selbst für einen Mann in den besten Jahren, und in seinem Alter und zu dieser nachtschlafenden Stunde – ganz zu schweigen von der Jahreszeit – eine beträchtliche Herausforderung. Das hohe Alter und der alkoholbedingte Verfall brachten es mit sich, dass er heutzutage länger für die Strecke benötigte als früher, und in der Tat hatte Barney häufig das Gefühl, dass es jedes Mal ein wenig länger dauerte. Doch er war noch nicht bereit, aufzugeben, was er als den geselligen Teil seines Tages betrachtete: den Besuch im Pub.

Die letzte Viertelmeile führte die schmale Straße einen steilen Berg hinunter. Barneys Haus war ein edwardianisches Ziegelsteinbauwerk unten am Fuß des Berges. Es war von einem Farmer für dessen verheirateten Sohn gebaut worden, weil dieser seine Ehefrau nicht mit unter das elterliche Dach hatte bringen wollen. Barney war vor über zwanzig Jahren dort eingezogen. Damals waren sowohl er als auch das Haus recht respektabel gewesen. Das Trinken war noch nicht zu einem Problem geworden, und er hatte seinen Lebensunterhalt mit dem Schreiben von Partituren verdient. Er hatte sich als Gentleman und Bohémien betrachtet (und war von anderen so gesehen worden), ein Mann von Talent und Bildung mit zwei akzeptablen Exzentrizitäten. Diese waren zugleich seine Schwächen: alter Whisky und junge Schauspielerinnen. Verständlich, wenngleich durchaus anrüchig.

Bevor der Whisky wichtiger geworden war als der Sex, hatte er regelmäßig junge Frauen zu sich nach Hause gebracht. Keine war lange geblieben. Damals hatte das Haus noch einsamer gelegen als heute; die Neubaugebiete, die wie Pilze rings um Bamford aus dem Boden geschossen waren, hatten zu jener Zeit noch nicht existiert, und das Pub, eine ehemalige Raststelle der Wollkarawanen, hatte ganz allein an der Straße gestanden. Die Mädchen – einige von ihnen sehr hübsch, auch wenn Barney sich nicht an einen einzigen Namen erinnern konnte – hatten sich ein malerisches altes Landhaus vorgestellt. Doch das rote Gemäuer war weder malerisch noch antik. Es war nichts außer einsam und abgelegen, und nach ein paar Tagen hatten sie alle genug gehabt. Was Barney betraf, so machte der Whisky ihren Verlust mehr als wett.

Scheinwerfer durchschnitten die Dunkelheit, und ein Wagen raste an ihm vorbei. Barney musste zur Seite springen und wäre fast in den Graben gefallen. Er fluchte heftig. Eines Tages würde man ihn tot auf der Straße finden, über den Haufen gefahren! Es war stockdunkle Nacht, aber niemand fuhr deswegen vorsichtiger.

Er ging wieder los, und als seine Entrüstung ein wenig abgeklungen war, kreisten seine Gedanken erneut um das Mädchen im Pub und die halb vergessenen Erinnerungen, die es geweckt hatte. Im Gegensatz zu dem Wirt hatte Barney sich keinen Augenblick über ihr wirkliches Alter hinwegtäuschen lassen. Sechzehn Jahre und keinen Tag mehr. Um die Wahrheit zu sagen, vielleicht war sie sogar erst fünfzehn oder noch jünger gewesen. Heutzutage machten sich doch alle Dauerwellen, färbten sich die Haare und malten ihre Gesichter an. Schon die Schulmädchen liefen in Kleidern herum, die man zu seiner Zeit höchstens in Soho zu sehen bekommen hätte.

Wie kommt es nur, fragte sich Barney nicht wenig verwundert, dass Mädchen von zehn oder zwölf Jahren sich mit einem Schlag in Frauen verwandeln, einfach so, über Nacht? Damals, als er jung gewesen war, hatte es noch ein Zwischenstadium gegeben, wo sie staksig und ungeschickt und albern gewesen waren. Wo sie noch heimlich mit pinkfarbenem Lippenstift experimentiert hatten, den sie sich vor dem Nachhausegehen wieder abgewischt hatten, und wo sie tiefrot angelaufen waren, wenn ein Junge sie angesehen hatte. Heutzutage legten sie mit einem Schlag ihre kindliche Unschuld ab und zeigten eine erstaunliche Reife, und die Jungen, wenigstens soweit Barney es beurteilen konnte, flüchteten voller Entsetzen vor ihnen!

Er setzte sich auf einen Zauntritt, um ein wenig auszuruhen, bis er wieder zu Atem gekommen war. Neben der ärgerlichen Atemnot verspürte er manchmal stechende Schmerzen in der Brust, die er auf zu viel Kohlensäure im Bier zurückführte. Es würde wirklich nicht mehr lange dauern, und er war nicht mehr imstande, den weiten Marsch zu unternehmen. Er weigerte sich, über die Konsequenzen nachzudenken. Es war kalt hier draußen, und sein Blut war vom Alkohol verdünnt. Barney zitterte und rieb sich die Hände. Und während er dies tat, hörte er in der Ferne einen quiekenden Schrei wie von einem Schwein. Er verzog das Gesicht.

Auf der anderen Straßenseite, genau gegenüber der Stelle, wo er saß, befand sich eine Bresche in der Baumreihe, und er konnte auf das freie Land dahinter sehen. Die Sterne glitzerten wie Kristalltropfen in der frostigen Novembernacht, und ein voller Mond tauchte alles in helles silbernes Licht. Barney sah Hecken, Tore und Bäume, scharf umrissen wie ein Papierfries.

All das gehörte zum Besitz von Park House. Ein Stück weiter rechts konnte er sogar das Haus selbst sehen, eine palladianische Miniatur mit einem Säulenvorbau, der im silbernen Licht aussah wie Reihen blasser Spargelstangen. Das gesamte Haus wirkte wie von einer anderen Welt, als sei es von magischer Hand entführt und hier in dieser ländlichen Umgebung abgesetzt worden. Der Mond spielte son et lumière. Er spiegelte sich in den oberen Fenstern und erweckte den Anschein, als brenne dahinter Licht – doch falls dort tatsächlich Licht brannte, dann war es hinter schweren Vorhängen verborgen.

Damals, als Barney in diese Gegend gekommen war, hatte er sich für die einheimische Geschichte interessiert. Er hatte sich mit dem Gedanken getragen, ein Hörspiel über die Devaux zu schreiben, die das Haus gebaut hatten, daher wusste er ein wenig über sie Bescheid. Sie waren wie viele andere auch vom Handel mit Wolle reich geworden, und im achtzehnten Jahrhundert hatten sie sich sicher genug gefühlt, um den Lebensstil des Adels zu kopieren. Nachdem sie Park House erbaut hatten, waren sie zur obligatorischen großen Bildungsreise aufgebrochen, um das Anwesen mit römischen Vasen und abgebrochenen Stücken griechischer Statuen zu füllen. Sie hatten den Park mit längst verfallenem, verwahrlostem Schnickschnack überhäuft und eine kleine Kapelle gebaut, die noch immer stand. Die Kapelle besaß einen praktischen Zweck – sie war das Familienmausoleum, ein passendes Heim für einen Devaux nach seinem Tod. Sie stand ganz am Rand des Parks, hinter jenen Bäumen dort, keine hundert Meter von der Straße entfernt und von dort aus zugänglich, nachdem im Zweiten Weltkrieg die schmiedeeisernen Tore als Altmetall abgenommen und später nie wieder ersetzt worden waren. Doch seit vielen Jahren war kein Devaux mehr in der Kapelle begraben worden.

Eine kleine dunkle Gestalt kam in Barneys Sichtfeld und trottete über die freie Fläche vor dem Haus. Halb trug, halb zerrte sie etwas im Maul hinter sich her; ein Fuchs mit seiner Abendmahlzeit.

»Die Natur kennt kein Erbarmen«, sagte Barney laut in die Nachtluft hinein.

»Auf jetzt, du verrückter alter Kerl! Zeit, dass du nach Hause kommst.«

Nach dieser Ermahnung mühte er sich auf die Beine und traf Anstalten, weiterzugehen, doch in diesem Augenblick meinte er, unter den Bäumen auf der anderen Straßenseite ein Licht zu sehen. Genau dort, auf dem Pfad, der zum Mausoleum führte.

Zuerst glaubte er, es sei der Mond, der wieder eines seiner Spielchen spielte und sich in den Scheiben des Mausoleums spiegelte wie in den Fenstern von Park House, doch als er genauer hinsah, flackerte es erneut. Das Licht bewegte sich – es war keine bleiche, starre Reflexion.

»Oho«, sagte er.

»Da stimmt doch etwas nicht, oder?«

Rasch überquerte Barney die verlassene Straße und hielt am Anfang des Weges, der zum Mausoleum führte, erneut inne. Es war kalt und sehr spät, und die Wärme vom Whisky und dem überhitzten Pub war aus seinem Körper gewichen, während er auf dem Zauntritt in der eisigen Nachtluft gesessen hatte. Stechende Schmerzen rasten durch seine Beine. Er sollte wirklich lieber gehen; es war noch immer ein weiter Weg bis nach Hause. Er konnte sich einen Tee machen, sobald er angekommen war.

Wider besseres Wissen blieb er, wo er war, und lauschte in die Nacht. Irgendjemand war dort unten bei der Kapelle und hatte ein Licht angezündet. Es schimmerte durch die Bleifenster. Ein Landstreicher vielleicht?

Barney marschierte entschlossen den Pfad entlang. Als er näher kam, lösten sich die Umrisse des Gebäudes aus den umstehenden Bäumen. Er konnte die beiden kleinen spitzen Türmchen sehen, die über dem Eingang in den Nachthimmel ragten.

Plötzlich erlosch das Licht, das durch die Gitterfenster geschimmert hatte. Barney fand sich unter den Bäumen in absoluter Dunkelheit wieder. Er verlangsamte seinen Schritt und schlich mit äußerster Vorsicht in Richtung Tür.

Dann hörte er es: ein leises, kratzendes Geräusch und das Klirren einer Kette. Barney erstarrte voller Schrecken. Er drückte sich mit dem Rücken an die Wand der Kapelle, und seine frühere Neugier wich augenblicklich einer weit älteren, urtümlichen Angst.

Er kämpfte dagegen an und sagte sich, dass er nicht abergläubisch sei. Er glaubte nicht an Gespenster. Der Whisky hatte sein Gehirn noch nicht bis zu jenem Punkt zerfressen, an dem er Dinge sah oder hörte, die gar nicht da waren! Der Wind war die Ursache für diese Geräusche, Wind, der durch einen Ritz im Mauerwerk ging oder an Ziegeln auf dem alten Dach rüttelte. So einfach ließ sich das erklären.

Er hatte sich kaum beruhigt, als ein weiteres lautes Knarren, gefolgt von anhaltendem Scharren, ertönte. Als würde etwas über Stein geschleift. Zu seinem Entsetzen stellte er fest, dass sich die Tür der Kapelle öffnete. Vernunft wich dem Instinkt. Er wollte nur noch weglaufen. Doch seine Füße schienen wie angewurzelt, und er konnte nur mit erschrockener Faszination beobachten, wie sich die Tür weiter öffnete. Aus dem Dunkel dahinter ertönten ein schrecklich heiseres Atmen und ein schlurfendes Geräusch, als würde sich irgendetwas mühsam in Richtung der frischen Luft schleppen. Feuchte, muffige Luft drang an seine Nüstern, der Geruch nach Verwesung und alten Gräbern und dem Staub von Jahren.

Der Friedhofsgeruch half, die Betäubung aus Barneys Füßen zu vertreiben. Am ganzen Leib zitternd und trotz der eisigen Kälte schwitzend, wandte er sich ab und floh. Die Schmerzen in der Brust kehrten zurück, während er rannte, was er seit über zwanzig Jahren nicht mehr getan hatte, doch Barney lief weiter. Er rannte den gesamten Hügel hinunter, bis zu seinem Haus, wo er außer Atem und fast besinnungslos vor Schmerz durch die Tür stolperte.

Barney sperrte hinter sich zu. Dann eilte er durch das ganze Haus, überprüfte mit zitternden Fingern sämtliche Fenster, spähte durch staubige Scheiben nach draußen in die Nacht, meinte Dinge zu sehen und redete sich immer wieder ein, dass es nicht so war, nicht so gewesen sein konnte, und dass er sich alles nur eingebildet hatte! Nachdem er sich überzeugt hatte, dass alle Fenster und Türen verschlossen waren, ging er zum Küchenschrank und nahm eine Flasche hervor. Es war keine Nacht für Tee. Es war eine Nacht für einen guten starken Drink! KAPITEL 3 Katie Conway schob die

Tür zum Schlafzimmer ihrer Mutter mit der Schulter auf und trug ein Frühstückstablett hinein.

»Morgen, Mum! Wie geht es dir heute? Alles okay? Soll ich das Fenster öffnen?«

Sie stellte das Tablett ab und ging, ohne eine Antwort abzuwarten, zum Fenster, um die schweren Vorhänge beiseite zu ziehen. Eine bleiche, grelle Wintersonne durchflutete das Zimmer. Sie entblößte die dicke Staubschicht auf den viktorianischen Möbeln und den vergilbten Lack auf den Ölbildern von Kindern, deren ausgewachsene Knochen längst im Familienmausoleum am Rand des Parks vermoderten.

Adeline Conway mühte sich in eine sitzende Haltung und brachte dabei das Kissen aus schwarzem Fell am Fußende des Bettes durcheinander: Sam der Kater setzte sich auf und gähnte, wobei er scharfe weiße Zähne und eine gerollte rosafarbene Zunge zur Schau stellte. Er streckte sich, zuerst die vordere Körperhälfte, dann die hintere, und senkte nadelspitze Krallen in die gemusterte Tagesdecke. Schließlich sprang er mit einem dumpfen Geräusch zu Boden und trottete in Richtung Küche davon.

»Wirklich, Liebling, du weißt doch, dass ich keinen Zug vertrage!«

»Okay.« Katie verzichtete darauf, die Fenster zu öffnen, schüttelte die Kissen im Rücken ihrer Mutter auf, stellte ihr das Tablett auf den Schoß und küsste sie schließlich auf die bleiche Wange. Die Haut fühlte sich an wie feines Papier.

»Hast du gut geschlafen? Alles okay?«

»Ich wünschte, du würdest nicht immer okay sagen«, entgegnete Adeline gereizt.

»Okay, äh, ich meine, in Ordnung.«

»Setz dich.« Adeline klopfte auf die Tagesdecke.

»Ich möchte mit dir reden.« Gehorsam setzte Katie sich auf die Bettkante und fuhr mit der Fingerspitze über das gewebte Muster der Decke.

»Sam richtet die schöne Decke ganz zugrunde! Können wir nicht nach dem Frühstück reden? Ich hab noch nichts gegessen, und ich muss bald weg!«

»Du kannst meinen Toast haben. Und nein, es kann nicht bis nachher warten! Ich habe bereits zu lange gewartet. Ich habe gestern Abend nichts gesagt, als du aus diesem schrecklichen Jugendclub nach Hause gekommen bist!«

»Er ist überhaupt nicht schrecklich! Dir hätte der Abend gestern auch Spaß gemacht! Eine Meredith Mitchell war da und hat einen Diavortrag über ihre Reisen gehalten! Sie war sehr nett, und es war großartig!«

»Reisen, ja!« Adeline nahm das Stichwort auf, und ihre Tochter bedachte sie mit einem gehetzten Blick, während sie sich reumütig auf die Lippe biss, als wäre ihr bewusst, dass sie das falsche Stichwort gegeben hatte.

»Wegen Paris …«

»Wir haben das doch schon hundert Mal durchgekaut! Ich will nicht nach Paris!«, unterbrach Katie ihre Mutter.

»Ich hab’s dir gesagt! Warum hörst du mir nicht zu? Daddy will auch nicht, dass ich nach Paris gehe!«

»Was dein Vater will, spielt keine Rolle! Was weiß er schon darüber?« Adelines Stimme steigerte sich zum gewohnten Kreischen. Ihre Hand zitterte, und die Kaffeetasse klapperte auf dem Untersatz.

»Das alles ist nur dein Vater schuld!«

»Was ist er schuld, Mum? Was hat der arme Daddy jetzt schon wieder angestellt?«

»Sei nicht schnippisch!« Adeline seufzte und stieß ärgerlich das Tablett von sich.

»Nimm dieses Ding weg! Ich will es nicht!«

»Du solltest etwas essen.« Katies Gesicht umwölkte sich sorgenvoll.

»Du wirst immer weniger.«

»Mir geht es ausgezeichnet! Gib mir nur meine Pillen.«

»Ich wünschte, du würdest aufhören, diese Tabletten zu nehmen. Sie machen süchtig!«

»Unsinn! Ich brauche etwas für meine Nerven, bei all dem Ärger, mit dem ich mich herumschlagen muss!« Unvermittelt beugte sie sich vor und packte mit überraschender Kraft die Hand ihrer Tochter. In ihren Augen stand ein fiebriger Glanz, und auf den vorspringenden Wangenknochen leuchteten zwei rote Flecken.

»Liebling, ich will selbstverständlich auch nicht, dass du weggehst! Deine Gegenwart ist das Einzige, das mein Leben halbwegs erträglich macht! Aber es ist zu deinem Besten! Du musst nach Paris! Ich hätte darauf bestehen sollen, dass du ein Internat besuchst! Aber dein Vater wollte nicht. Ich weiß, ich war auch nicht in einem Internat, aber damals waren die Dinge noch nicht so wie heute, und meine Eltern hatten andere Pläne mit mir.« Sie zupfte untröstlich an ihrer Tagesdecke, als erinnerte sie sich an eine andere Welt.

»Ich denke, St. Faiths ist auf gewisse Weise ganz akzeptabel, und du warst dort glücklich. Aber wenn du weggegangen wärst, hättest du ganz andere Leute kennen gelernt! Das ist der Grund, aus dem ich möchte, dass du nach Paris gehst. Es ist sehr nett von Mireille, dass sie dich ein ganzes Jahr lang bei sich aufnehmen will. Sie lebt in einem hübschen Haus in Neuilly, und du kannst im Bois de Boulogne reiten gehen!« Adelines Griff um die Hand ihrer Tochter entspannte sich, sie lehnte sich zurück, und ihr Blick schweifte zum Fenster und wurde sehnsüchtig.

»Als ich in deinem Alter war, wurde ich für einen Sommer nach Paris geschickt. Dort habe ich Mireille kennen gelernt. Ich glaube, es waren die glücklichsten Monate meines Lebens. Wir waren siebzehn Jahre alt und hatten eine wundervolle Zeit! Ich weiß, dass es dir auch gefallen wird. Und dein Französisch wird fantastische Fortschritte machen.«

»Sieh mal, Mum!« Katie beugte sich vor, und Adelines geistesabwesender Blick kehrte fast furchtsam zu ihrer Tochter zurück.

»Ich weiß, du willst nichts darüber hören, aber ich denke nun einmal so, und hier geht es schließlich um mich. Ich habe überhaupt keine Lust auf Mireille! Ich weiß, dass sie eine alte Freundin von dir ist, aber jedes Mal, wenn sie bei uns zu Besuch war, hat sie sich grässlich benommen, nicht mir gegenüber, aber gegenüber Daddy und Prue! Mäkelig und hochnäsig! Das gefällt mir überhaupt nicht. Mir gegenüber hat sie sich auch so benommen, in anderer Hinsicht. ›Diese Kleidung ist ganz schrecklich für disch!‹« Katie imitierte den nasalen französischen Akzent.

»›Wir suchen etwas très chic für disch aus, mit Messingknöpfen und militärischem Look!‹«

»Wie kannst du es wagen, so ungehörig über Mireille zu sprechen, Katie!« Adeline stieß fast das Tablett um.

»Ich habe dich ganz gewiss nicht so erzogen! Ich weiß, was das ist! Das kommt nur daher, dass du in diesen Jugendclub gehst und mit diesem ungehobelten Pöbel verkehrst! Schön, junge Dame! Das beweist nur, wie Recht ich damit habe, dich von diesem schlechten Einfluss fernzuhalten. Mireille ist genau die richtige Person, um dich wieder auf den rechten Weg zurückzubringen. Und außerdem hat sie Recht! Es wird allerhöchste Zeit, dass du aufhörst, dich anzuziehen und herumzulaufen wie … wie einer von diesen Obdachlosen, die man im Fernsehen sieht! Wenn ich stark genug wäre, würde ich mit dir einkaufen …«

»Nein! Bitte hör zu!« Katie starrte ihre Mutter entsetzt an.

»Ich brauche niemanden, der mir meine Kleidung aussucht! Ich würde nicht im Traum daran denken, mit Mireille einkaufen zu gehen! Ich ziehe mich genauso an wie alle anderen! Wenn du je aus dem Haus gehen würdest, könntest du es selbst sehen!« Sie geriet ins Stocken.

»Ich hätte ja nichts dagegen, für ein paar Wochen nach Paris zu gehen, oder vielleicht sogar für einen Monat, wenn es sein muss, aber ein ganzes Jahr bei Mireille? Es wäre wie Gefängnis und Gehirnwäsche zur gleichen Zeit! Und was diesen kriecherischen Sohn von ihr angeht …«

»Jean-Louis ist ein sehr netter Junge! Sensibel und wohlerzogen. Und außerdem hat er einen Titel – lach nicht, Katie! Das ist nicht lustig!« Adelines Stimme schnappte über.

»Es tut mir Leid. Ich weiß, dass es nicht lustig ist, aber es ist albern und versnobt! Ich will nicht Comtesse irgendwas sein!«

»Dann bist du ein sehr dummes Mädchen!« Katie hatte ihre Mutter noch niemals so wütend und entschieden erlebt. Sie verstummte und starrte Adeline erstaunt an, als ihre schrille Stimme durch den Raum hallte. Adeline nutzte ihren Vorteil.

»Du glaubst, diese Dinge würden nichts zählen, weil du jung bist. Aber sie zählen eine Menge, wie du bald herausfinden wirst. Wenn ich sterbe, wird dieses Haus einmal dir gehören …«

»Rede nicht davon! Das macht mir Angst! Du bist nicht krank, jedenfalls nicht so …« Katie brach ab und lief dunkelrot an. Doch Adeline war zu sehr von ihrem eigenen Vortrag gefangen, um auf die Worte ihrer Tochter zu achten.

»Sei still und hör zu! Es steht alles in meinem Testament. Ich habe dir das Haus mitsamt allem Mobiliar vermacht, alles, was mir gehört, und das bedeutet das meiste hier.«

»Was ist mit Daddy?«, flüsterte Katie.

»Was soll schon mit ihm sein? Wenn ich vor ihm sterbe, dann weiß ich genau, was dein Vater tun wird! Er wird jemand anderes heiraten! Nun ja, soll er! Doch er wird sie nicht als seine Mätresse nach Park House bringen! Dieses Haus gehört den Devaux! Ich bin eine Devaux, und das gleiche gilt für dich!«

»Ich bin aber eigentlich eine Conway.« Verwirrung zeigte sich auf dem dünnen Gesicht ihrer Mutter, bevor Verständnis aufkeimte und Zorn in ihren Augen brannte.

»Du redest Unsinn! Du bist meine Tochter, du bist eine Devaux! Wenn dein Vater nach meinem Tod wieder heiraten und ich dir nicht das Haus vermachen würde, könnte seine neue Frau einen Sohn gebären, und die Familie würde das Haus verlieren, einfach so! Derartige Dinge habe ich schon erlebt! Anderen zu vertrauen funktioniert nicht immer. Clevere Rechtsanwälte finden für alles Auswege! Oder das Geld wird schlecht investiert, und dann stellt sich heraus, dass nichts mehr übrig ist! Deswegen ist es auch so wichtig, wen du heiratest! Mach nicht den gleichen Fehler wie ich!« Ihre Tochter war bleich geworden.

»Ich glaube nicht, dass du so über Daddy reden solltest. Er ist kein Betrüger! Ich liebe euch beide, kannst du das denn nicht verstehen? Warum können wir nicht … warum können wir nicht sein wie andere Familien auch?«

»Weil«, entgegnete ihre Mutter wütend,

»weil wir nicht irgendeine andere Familie sind! Wir sind die Devaux! Würdest du mich so lieben, wie du es sagst, dann würdest du nicht ununterbrochen mit deinem Vater zusammenarbeiten, um meine Pläne zu vereiteln! Dein Vater hat dich gegen Paris aufgewiegelt!« Ihre Augen glitzerten, und sie hatte angefangen zu schwitzen. Katie wusste, dass der Zeitpunkt gekommen war, den Streit zu beenden, oder ihre Mutter würde einen ihrer Nervenzusammenbrüche erleiden. Doch in ihr regte sich die jugendliche Rebellin.

»Das ist die reinste Erpressung! Emotionale Erpressung nenne ich das! Und ich finde es abscheulich! Alles in mir sträubt sich, wenn du so redest! Ich will nicht nach Paris! Mir gefällt es hier! Ich will mit meinen Freundinnen ausgehen und mich hier amüsieren! Und ich werde hier bleiben! Ich gehe nicht nach Paris!« Sie sprang auf und rannte aus dem Zimmer.

»Katie, komm zurück!«, kreischte Adeline, und ihre Stimme hallte durch das Obergeschoss hinter ihrer flüchtenden Tochter her.

»Nun beruhigen Sie sich, Liebes!«, sagte eine feste und entschlossene Stimme. Prue Wilcox schob sich ins Zimmer, gekleidet in eine lockere Strickjacke.

»Wir wollen uns doch nicht aufregen, oder?«

»Und ob ich mich aufrege!«, kreischte Adeline.

»Habe ich nicht allen Grund dazu?« Sie warf die Decke zurück und wollte ihre ausgemergelten Gliedmaßen aus dem Bett hieven.

»Na, na, bleiben Sie noch ein wenig liegen!« Sanft schob Prue sie auf das Bett zurück.

»Ich lasse Ihnen ein Bad einlaufen und helfe Ihnen gleich beim Aufstehen, wenn Sie sich ein wenig beruhigt haben.«

»Aber ich muss mit Katie reden! Sie muss doch einsehen …«

»Später. Katie muss jetzt los, wenn sie den Schulbus noch erreichen will. Wenn Sie sich noch weiter aufregen, muss ich Dr. Barnes rufen.« Adeline schien in sich zusammenzufallen.

»Ich will keinen Doktor!«, flüsterte sie.

»Dann müssen wir tun, was ich sage, nicht wahr, Liebes? Kommen Sie, entspannen Sie sich einfach. Sie werden sich schon bald viel besser fühlen.« Zitternd und von Groll erfüllt, sank Adeline in ihre Kissen zurück.

Adelines Tochter hatte ihre überstürzte Flucht die Treppe hinunter und in die große Halle fortgesetzt und blieb erst atemlos stehen, als eine Stimme rief:

»Hey, aufgepasst, Kind!«

Katies ohnehin rotes Gesicht wurde noch röter.

»Ich bin kein Kind!«

»Tut mir Leid …«, sagte Maria Lewis trocken. Sie klimperte mit einem Schlüsselbund.

»Ich habe nach dir gesucht, weißt du? Dein Vater hat mich gebeten, dich nach Bamford zu bringen, damit du den Schulbus noch erwischst.« Katie starrte die schlanke Gestalt vor sich mit zunehmendem Groll an.

»Warum kann Daddy mich nicht fahren?«, fragte sie streitlustig.

»Er muss ein paar wichtige Anrufe erledigen. Er hat einen arbeitsreichen Tag vor sich. Was das betrifft, ich auch! Warum schnappst du dir jetzt nicht deine Schulsachen und beeilst dich ein wenig, hm?« Katies Augen funkelten, und sie warf das kastanienbraune Haar herausfordernd in den Nacken. Sehr langsam und deutlich sagte sie:

»Ich mag dich nicht, Maria.« Die persönliche Assistentin ihres Vaters seufzte.

»Wenn du erst ein wenig älter bist, Sweetheart, dann wirst du herausfinden, dass die eine Hälfte dieser Welt die andere hasst. Wir müssen trotzdem irgendwie miteinander zurechtkommen.«

»Ich muss überhaupt nicht mit dir zurechtkommen!« Maria schwieg mit zusammengepressten Lippen. Dann schüttelte sie den Kopf.

»Du bist eine verzogene Göre, weißt du das? Ich kann es kaum abwarten, dass du für ein Jahr nach Paris gehst. Ich glaube nicht, dass ich es noch viel länger mit dir und diesem Wrack aushalten würde, das sich deine Mutter nennt!«

»Dann verschwinde doch!«, rief Katie herausfordernd.

»Und du hast nicht das geringste Recht, so über meine Mutter zu reden.«

»Es mag dir vielleicht nicht gefallen, und ich schätze, deiner heiligen Mama gefällt es ebenfalls nicht – aber dein Vater braucht mich!« Der Stahl in Marias Stimme brachte Katie zum Schweigen. Maria nutzte ihren momentanen Vorteil aus und fuhr fort:

»Können wir dann jetzt fahren? Auf mich wartet Arbeit, und du musst noch bis zum Sommer in die Schule.« Katie wandte sich um und marschierte hoch erhobenen Hauptes durch die Halle davon. Hinter Maria sagte eine Stimme leise:

»Das war überhaupt nicht nett von Ihnen, Mrs. Lewis. Katie ist ein unglückliches junges Mädchen.« Maria drehte sich um und sah Prue Wilcox oben am Treppenabsatz stehen.

»Denken Sie, ich bin gemein zu ihr? Dort draußen wartet eine ganze Welt, die eines Tages noch viel gemeiner sein wird! Es wird Zeit, dass sie damit umzugehen lernt und einsieht, dass sich nicht alles nur um sie dreht wie hier zu Hause!« Brüsk marschierte sie hinter Katie her zur Haustür. Hinter ihr murmelte Prue:

»Hätte ich Zeit, mir wegen dir Gedanken zu machen, würde ich das tun.« Von oben erklang Adelines Stimme. Prue wandte sich um und stieg wieder die Treppe hinauf.

»Aber ich habe keine …«

Alan Markby, Detective Chief Inspector und Leiter des Bamford Criminal Investigation Department, saß in seinem Wagen und starrte missmutig durch die Windschutzscheibe auf die entlaubte Hecke, die die niedrige Mauer entlang des Polizeiparkplatzes überragte. Fingerkrautbüsche. In jedem Frühling schnitt er persönlich die Hecke mit aller Sorgfalt zurück. Im Lauf der Zeit hatte er ihre Länge verdoppelt, indem er immer wieder Setzlinge herausgeschnitten und entlang der Mauer angepflanzt hatte, bis sich die Hecke fast um den gesamten Platz herum zog. Im Sommer wurde er durch die gelblichen Blüten belohnt, die ihn anzulächeln schienen.

Und wie sah sie jetzt aus! Nur ein paar vereinzelte Blätter bedeckten die wintrig nackten Zweige! Statt Blüten schmückten leere Zigarettenschachteln und Pommes frites-Tüten die schmalen Zwischenräume zwischen den Ästen. Nächtliche Zecher hatten sogar ihre leeren Bierdosen in die Hecke geworfen!

Die kleine Quelle stetigen Ärgers wich noch tieferem Brüten, hervorgerufen durch die letzte entmutigende Unterhaltung mit Markbys neuem direkten Vorgesetzten, Superintendent Norris. Superintendent McVeigh, mit dem Alan stets sehr gut zurechtgekommen war, hatte seinen wohlverdienten Ruhestand angetreten und saß nun in Bournemouth, wo er das Meer sehen und Mrs. McVeigh in den Wahnsinn treiben konnte.

Norris, McVeighs Nachfolger, war ein grauhaariger, kompetenter Mann. Man konnte keine Abneigung gegen ihn hegen. Man wurde allerdings auch nicht warm mit ihm. Er erinnerte Markby an einen stählernen Aktenschrank, zäh, praktisch, unliebenswürdig und nützlich, der sich wunderbar in den Hintergrund einfügte. Doch ein Aktenschrank, wenn man ihn nicht mit der notwendigen Umsicht behandelte, konnte einem gemein die Finger einklemmen, oder man konnte sich übel daran stoßen. Markby vermutete insgeheim, dass für Norris genau das Gleiche galt.

Eine von Norris’ ersten Amtshandlungen war es gewesen, sämtliches Mobiliar in McVeighs altem Büro umzustellen. Es war irritierend, erinnerte sich Markby mit einem Stirnrunzeln. Jedes Mal, wenn er das Büro des neuen Superintendents betrat, starrte er auf Stellen, wo früher bestimmte Dinge gestanden hatten und heute nicht mehr standen. Er fühlte sich unsicher und hoffte wirklich sehr, dass das Umstellen nicht mit eben dieser Absicht geschehen war. Doch bei Norris war das schwer zu sagen.

Eine weitere Störung in der täglichen Routine wurde durch Pearce verursacht, Markbys unermüdlichen Assistenten. Pearce war zu einem Fortbildungslehrgang abgeordnet und bis zu diesem Zeitpunkt noch nicht ersetzt worden. Norris hatte Markby einen Beamten als Vertretung versprochen, den er von irgendwo im Bezirk abziehen wollte, und Markby hoffte sehr, dass es nicht zu irgendeiner Katastrophe kam, bevor der neue Mann aufgetaucht war.

Markby seufzte. Wann immer die Dinge zu deprimierend wurden, richtete er seine Gedanken auf Meredith Mitchell, um wieder in bessere Stimmung zu kommen. Das war der einzige Umstand, der sich tatsächlich verbessert hatte. Meredith lebte nun in Bamford und pendelte tagtäglich nach London. Es war zeitraubend und anstrengend für sie, doch Markby sah es mit ganz und gar selbstsüchtiger Freude. Vielleicht würde sich ihre Beziehung, die bisher eher von Zufällen bestimmt worden war, jetzt, da Meredith ständig in Bamford lebte und beide ein wenig mehr voneinander hatten, auf eine solidere Basis stellen lassen. Markby begann zu überlegen, ob Meredith vielleicht Lust hatte, an diesem Wochenende irgendwohin ins Grüne zu fahren – vorausgesetzt, das Wetter spielte mit –, oder ob sie darauf bestehen würde, ihre Küche zu streichen.

Seit sie dieses heruntergekommene alte Reihen-Endhaus gekauft hatte, war bei ihr eine richtiggehende Do-it-yourselfManie ausgebrochen. Wann immer er sie besuchte, stand sie entweder auf einer Leiter oder kroch mit einem Hammer und Nägeln bewaffnet auf dem Fußboden herum. Und bevor Markby sich’s versah, kratzte er alte Tapeten von den Wänden oder zog alte Dielen aus dem Boden.

Markby riss sich zusammen, stieg aus dem Wagen und verschloss die Tür. Als er sich der Station zuwandte, hörte er jemanden rufen.

»Entschuldigung! Ja, Sie dort! Verzeihung!«

Eine Gestalt eilte über den Parkplatz auf ihn zu. Er schätzte sie als weiblich ein, doch es war schwierig zu sagen. Sie trug einen Filzhut, der bis auf die Augenbrauen hinuntergezogen war, und hatte einen wollenen Schal um den Hals und die untere Gesichtshälfte geschlungen. Darunter befand sich ein dick gefütterter Mantel, dicke Baumwoll-Jogginghosen und pelzbesetzte Stiefel. Die Hände steckten in Fäustlingen, und einer davon umklammerte eine Leine, an deren Ende ein kleiner langhaariger Hund hüpfte, der wie seine Besitzerin in einem warmen Mantel steckte. Mit dem anderen Fäustling winkte die Gestalt Markby drängend, auf sie zu warten.

Atemlos blieb sie schließlich vor Markby stehen.

»Sind Sie Polizeibeamter?« Die Stimme klang durch die dicken Wollschichten dumpf und undeutlich, ein Kontraalt, eindeutig weiblich.

»Ja, Ma’am«, antwortete Markby höflich.

Sie zog den Schal vom Mund. Ihr Gesicht war rot angelaufen, und auf ihrer Oberlippe zeigte sich ein schwacher Damenbart. Es war schwierig, ihr Alter abzuschätzen; vielleicht um die Sechzig.

»Ich bin Miss Rissington«, stellte sie sich vor und nahm den kleinen Hund auf den Arm. Er hechelte, und seine Zunge hing heraus.

»Das hier ist Tiger.«

Der Hund mit den hellen Knopfaugen und seine Besitzerin mit den vorquellenden blauen Augen musterten Markby erwartungsvoll. Er lächelte zurück. In jeder Stadt gab es eine Miss Rissington. Sie waren im Allgemeinen Töchter eines längst verstorbenen Vikars, eines einheimischen Arztes oder pensionierten Colonels. Niemand wäre auf den Gedanken gekommen, sie vertraulich beim Vornamen anzusprechen. Sie blieben

»Miss« bis zum Ende ihrer Tage. Es war ein Symbol, nicht für ihren jungfräulichen Status, sondern für ihre altmodische Mittelklasse-Erziehung.

Welche Antwort auch immer sie von Markby erwartet hatte, offensichtlich hatte er sie nicht gegeben. Also begann sie, seinen weiteren Tagesablauf zu organisieren:

»Hören Sie, Sie müssen auf der Stelle kommen! Tiger hat eine schreckliche Entdeckung gemacht!« Markby hatte eine Schwäche für Exzentrizität, doch sie konnte auch zu einem Ärgernis werden. Wie auch immer, er erkannte, dass der Versuch scheitern würde, sie mit in das Gebäude einzuladen und an jemand anderen zu verweisen. Resigniert wartete er auf Einzelheiten über Tigers schauerliche Abenteuer.

»Ich muss vorsichtig sein; ich habe mit der Brust zu tun«, informierte sie ihn auf eine Weise, die keinerlei Widerspruch duldete.

»Tiger erkältet sich ebenfalls leicht. Bei diesem Wetter unternehmen wir nur einen längeren Spaziergang täglich, gleich in der Frühe, bevor zu viele Menschen unterwegs sind. Heute waren wir hinter dem Fußballplatz. Als ich Tiger von der Leine gelassen habe, ist er gleich davongerannt. Er kann sehr unartig sein. Ich musste ihm hinterherlaufen. Er verschwand in einer abgelegenen Ecke hinter ein paar Nesseln und Abfall und fing an zu bellen. Er weigerte sich zu kommen, als ich nach ihm rief! Also musste ich selbst hin und ihn holen.« Sie zögerte.

»Und da war es!«

»Was war dort, Miss Rissington?«

»Ein Toter! Ich bin hergekommen, um es zu melden!« In Markby regte sich der Verdacht, dass sie ein wenig mehr als nur exzentrisch war und möglicherweise fantasierte. Er überlegte, wie er am besten reagieren sollte.

»Haben Sie tatsächlich einen Leichnam gesehen? Einen richtigen menschlichen Leichnam?«

»Nein, nicht alles. Nur die Beine.« Makabre Bilder stiegen in Markby auf.

»Nur die Beine? Allein? Abgeschnitten? Ein verstümmelter Körper?«

»Das weiß ich doch nicht! Der größte Teil ist unter Kartons und Kisten versteckt! Ich konnte nur die Beine sehen, sie haben nach draußen geragt. Soweit ich es beurteilen kann, war der Rest unter der Pappe!«

»Ah, Pappe. Könnte es sein, dass es sich um einen schlafenden Landstreicher gehandelt hat?«

»Nein! Absolut nicht! Es waren dünne nackte Beine!«, sagte sie indigniert.

»Keine Hosen und keine Stiefel! Jedenfalls, ich rief, aber die Person hat nicht geantwortet und sich auch nicht bewegt. Auch Tigers Bellen hat nichts bewirkt! Es ist ein Toter, glauben Sie mir!«

»Also schön, Miss Rissington. Hören Sie, wir hatten erst vor zwei Wochen Guy-Fawkes-Day, und mehrere einheimische Schulen haben Wettbewerbe für die schönste Puppe veranstaltet. Sie sind ganz sicher, dass es sich nicht um eine Strohpuppe handelt, die jemand achtlos weggeworfen hat?«

»Lieber Mann!«, rief Miss Rissington herablassend.

»Tiger und ich hätten doch wohl eine Kleiderpuppe erkannt!«

»Also gut.« Angesichts dieser eisernen Beharrlichkeit lenkte Markby ein.

»Dann wollen wir hinfahren und einen Blick darauf werfen, ja?«

Es dauerte eine ganze Weile, Miss Rissington und ihren Hund in den Wagen zu verfrachten.

»Wenn er ein Auto sieht, meint er immer, wir würden zum Tierarzt fahren«, erklärte sie über Tigers protestierendes Gejaule hinweg.

Glücklicherweise dauerte die Fahrt zum Sportplatz nur kurz. Die Sonne hatte den Reif an der von drei Seiten durch Bäume geschützten Stelle noch nicht zum Tauen gebracht. Ganz am Rand verliefen dunkle Fußspuren, die die glitzernde Reifschicht zerstört hatten.

Tiger sprang aus Markbys Wagen, als wäre er von einer Kanone abgeschossen, und seine Besitzerin folgte ihm beinahe genauso schnell.

»Hier entlang!«, drängte sie Markby.

»Nicht so schnell!« Markby war unterdessen zu der Überzeugung gelangt, dass Miss Rissington übergeschnappt war – trotzdem schien es ratsam, elementare Vorsichtsmaßnahmen zu treffen.

»Halt! Treten Sie nicht auf diese Spuren! Kommen Sie bitte hier entlang, hinter mir her.«

»Ah, Fußspuren! Richtig!«, sagte Miss Rissington anerkennend.

»Ich fürchte nur, Tiger und ich haben die Spuren vorhin schon ein wenig verdorben. Wir konnten ja nicht wissen, was dort hinten liegt, oder?«

Sie gingen los. Tiger mit dem Hundemäntelchen hüpfte munter an der Leine neben seinem Frauchen her. Sie hielten auf eine abgelegene Stelle zu, wo frostgeschwärzte Nesseln und Unkräuter über einem Haufen Abfall wucherten.

»Dahinter!« Sie blieb stehen und zeigte Markby den Platz, um mit plötzlicher und verspäteter Scheu hinzuzufügen:

»Wenn Sie nichts dagegen haben, bleiben Tiger und ich hier stehen, während Sie nachsehen.«

Markby ging alleine weiter. Er umrundete den Müllhaufen und teilte vorsichtig langes nasses Gras und Disteln. Es roch unangenehm nach nasser Erde, tierischen Exkrementen und Verwesung. Dort lag die zusammengefallene Pappe, die Miss Rissington erwähnt hatte. Eine große Kiste war auseinander gerissen worden und lag verstreut auf dem Boden. Die Sonne schien in diesen Winkel, und der Reif war einer alles durchdringenden Nässe gewichen. Die Pappe lag nicht flach, sondern aufgewölbt. Die aufgedruckte Schrift

»Diese Seite oben« war noch lesbar, doch eine Schnecke war darübergeglitten und hatte eine silberne Spur hinterlassen.

Zum ersten Mal verspürte Markby Unruhe in sich aufsteigen. Miss Rissington hatte sich ganz sicher getäuscht, oder doch nicht?

»Haben Sie’s?«, rief sie unsichtbar von der anderen Seite des

Müllhaufens. Tiger bellte schrill dazu.

»Noch nicht, aber ich habe den Karton.«

»Soll ich kommen und …«

»Nein, nein! Sie bleiben, wo Sie sind!« Er schob sich vor, und dann entfuhr ihm vor Überraschung

ein Keuchen, dem gleich darauf ein scharfer Atemzug folgte.

Mitten im rauen Gras zwischen nassen Ampferblättern ragten zwei menschliche Beine unter dem großen Karton hervor. Sie sahen jung aus, ungelenk, kindlich, und sie waren ohne jeden Zweifel weiblich. Die Zehennägel waren in einem grellen Blutrot lackiert. Billige hochhackige Schuhe hatten sich von den Füßen gelöst und lagen auf einer Seite im Gras.

Markby beugte sich hinunter und hob vorsichtig mit einer Fingerspitze den nassen Karton an. Gegen alle Wahrscheinlichkeit hatte Miss Rissington Recht: Tiger hatte einen Leichnam gefunden. KAPITEL 4

»Augenblick bitte!«, brüllte Dr. Fuller.

»Ich komme gleich zu Ihnen!«

»Gut«, murmelte Markby und starrte düster auf die glänzenden Fliesen und den glitzernden Stahl ringsum. Trotz seiner bewussten Anstrengung, etwas anderes anzusehen – oder vielleicht auch wegen des Mangels von etwas anderem, das sich anzusehen gelohnt hätte –, wurde sein Blick immer wieder von dem weißen Laken und den verräterischen Umrissen darunter angezogen. Zögernd streckte Markby die Hand aus und schlug das Laken zurück. Fuller hatte lediglich eine vorläufige Untersuchung durchgeführt, und die eigentliche makabre Arbeit stand ihm noch bevor. Sie war sehr jung. Vielleicht hatte sie am Abend vorher, vor ihrem Tod, etwas älter ausgesehen, in den hochhackigen Schuhen, mit Schminke auf den Wangen, Lippenstift und Maskara. Doch jetzt sah sie aus wie ein Kind. Ein halb erwachsener Leichnam auf halbem Weg vom Schulmädchen zur Frau. Ein hübsches kleines Gesicht mit den rundlichen Konturen der Jugend. Die Farbe darauf schien irgendwie unpassend, als hätte ein kleines Mädchen die Schminkkommode seiner Mutter geplündert. Jeder Charme, den sie im Leben vielleicht ausgestrahlt hatte, war von einem großen schwarzen Loch in der linken Schläfe zerstört, gefüllt mit geronnenem Blut, gesplittertem Knochen und Gewebe. Irgendetwas war mit der gleichen Effizienz in ihren Schädel eingedrungen wie ein Löffel, der ein weichgekochtes Ei aufschlägt. Rings um die Wunde und im dunklen Dreck klebten lockige Haarsträhnen. Blut war über die Seite ihres Gesichts und in das Ohr gelaufen. Gras haftete daran. Der Fotograf hatte ein Tuch über all das gelegt, als er Aufnahmen von der Toten geschossen hatte, um sie zu identifizieren – für den Fall, dass niemand auf der Wache erscheinen und sie als vermisst melden würde. Doch selbst diese entsetzliche Verstümmelung würde zur Bedeutungslosigkeit verblassen angesichts des Gemetzels, das die Pathologie bald mit ihren sterblichen Überresten veranstalten würde. Leichen in den verschiedensten Stadien der Zersetzung waren Teil von Markbys Alltagsgeschäft. Schrecklich zugerichtete, zerschmetterte, verstümmelte Körper, Körperteile. Menschen, die in ihren Wohnungen eines natürlichen Todes gestorben und wochenlang nicht gefunden worden waren. Nichts von alledem, wie schrecklich auch immer, erfüllte ihn mit dem gleichen Maß an Widerwillen wie ein sauber sezierter Kadaver auf einem Marmortisch. Mord hatte wenigstens etwas mit Leidenschaft zu tun. Das akribische Herumstochern im Zuge der Autopsie war etwas anderes. Ein Akt offizieller Neugier, umsichtig und unmenschlich zugleich. Er erniedrigte die tote Person zu einem Gegenstand anatomischen und pathologischen Interesses, einer bloßen Probe. Fuller war unterdessen zurückgekehrt, mit seiner Brille in der einen und einem Blatt Papier in der anderen Hand.

»Junger weiblicher Leichnam, Alter zwischen vierzehn und sechzehn Jahren. Wahrscheinlich näher an vierzehn. Wissen Sie bereits, wer es ist?«

»Noch nicht. Wann ist sie gestorben?«

»Nach den äußeren Anzeichen zu urteilen, irgendwann zwischen zweiundzwanzig und ein Uhr letzte Nacht. Sagen wir zwischen dreiundzwanzig Uhr und Mitternacht. Sie wissen, dass ich nichts Genaueres dazu sagen kann. Man sollte wirklich meinen«, fügte Fuller hinzu, der selbst Töchter besaß,

»dass jemand ein Kind in diesem Alter vermisst, wenn es nachts nicht nach Hause kommt oder nicht anruft. Mir jedenfalls würde es so gehen.«

»Sie wären überrascht, Doktor. Manche Eltern fragen ihre Kinder nie, wo sie gewesen sind.« Noch während er sprach, spürte Markby einen vertrauten dumpfen Zorn in sich aufsteigen. Das war ein Dschungel dort draußen, erkannte das denn niemals jemand? Weder die Jungen noch ihre Eltern? Wer auch immer sie gewesen war und welche Umstände auch immer zu ihrem Tod geführt hatten, sie hatte nicht den Hauch einer Chance gehabt, dieses junge Mädchen auf dem Tisch. Doch dann warf der nüchterne Menschenverstand ein, dass Bamford schließlich ein kleines Städtchen auf dem Land war, kein übervölkertes Großstadtghetto. Die meisten hier lebenden Familien besaßen noch immer einheimische Wurzeln. Warum sollten sie in dieser, ihrer vertrauten Umgebung Gefahr sehen? Warum sollten ihre Kinder nicht aufwachsen wie sie selbst, in relativer Sicherheit? Hatte sich die Stadt, hatte sich das Land so sehr verändert? Fuller war offensichtlich begierig, seine Arbeit fortzusetzen.

»Tatsächlich? Sie werden bemerkt haben«, fuhr er fort,

»dass die Tote einen Schlag gegen die Schläfe bekommen hat. Es war ein sehr heftiger Schlag, der die Haut platzen ließ und ein großes Loch im Schädel verursacht hat. So viel steht auch nach der vorläufigen Untersuchung bereits fest.« Er deutete leidenschaftslos mit einem Stift auf den zerschmetterten Knochen.

»Irgendein ziemlich großes Objekt hat diese Wunde verursacht, würde ich sagen.«

»Ja, das habe ich bemerkt!«, murmelte Markby verdrießlich.

»Sieht ganz danach aus, als wäre übermäßige Gewalt eingesetzt worden. Die Hälfte der Kraft hätte wahrscheinlich ausgereicht, um sie umzubringen.« Er beugte sich vor.

»Was ist das?« Fuller beugte sich über den Leichnam und setzte seine Brille auf, um die rote Linie am Hals des Mädchens zu untersuchen.

»Es ist jedenfalls keine Ligatur, falls Sie das denken. Es ist eine Schramme, verursacht durch ein Halskettchen oder etwas in der Art.«

»Aber wir haben nichts dergleichen an ihr oder in ihrer Kleidung gefunden.« Fuller schlug das Laken am anderen Ende zurück und entblößte die nackten Füße des Mädchens. Er hob zuerst einen davon an, sodass Markby die Ferse sehen konnte, dann den anderen. Die Haut war an beiden Hacken abgeschürft. Schweigend deckte er die Füße wieder zu.

»O verdammt!«, entfuhr es Markby.

»Das macht die Sache ein gutes Stück komplizierter!« Die Verletzungen legten die Vermutung nahe, dass der Körper über den Boden geschleift worden war. Und daraus folgte, dass die Tote an einer anderen Stelle umgebracht worden und erst anschließend dort versteckt worden war, wo Miss Rissington sie gefunden hatte. Eine Schande, dass sie und Tiger so viele Spuren im Gras hinterlassen und andere Hinweise dadurch zerstört hatten. Was die beiden nicht vernichtet hatten, war inzwischen sicher längst im warmen Sonnenschein geschmolzen. Gab es überhaupt noch etwas, womit die Fotografen etwas anfangen konnten?

»Wollen wir in mein Büro gehen?«, erkundigte sich Fuller freundlich. Auch nachdem Markby eine Tasse grässlich schmeckenden Instantkaffees bekommen hatte, fühlte er sich um keinen Deut besser. Er hasste den durchdringenden süßlichen Geruch, der hier herrschte, durchmischt mit dem beißenden Gestank nach Desinfektionsmitteln und Antiseptika, hasste das Glänzen der weißen Fliesen und des sauberen Stahls, die unnatürliche Sauberkeit der Umgebung, ganz zu schweigen von der ständig lauernden Gefahr, über irgendetwas Grässliches in einem Einmachglas zu stolpern.

»Ich denke«, fuhr Fuller feinfühlig fort,

»dass es vorher zu sexuellen Aktivitäten gekommen ist. In den letzten vierundzwanzig Stunden.«

»Vergewaltigung?«

»Bisher habe ich keine Anzeichen unnötiger Gewaltanwendung entdecken können, doch die Obduktion wird sicher Näheres zutage fördern.«

»Nur interessehalber«, sagte Markby.

»Sind Sie eigentlich nie wegen Ihrer Arbeit deprimiert?«

»Das ist doch bei jeder Arbeit so«, erwiderte Fuller.

»Oder sind Sie immer fröhlich?«

»Ich versuche, mich an unseren Erfolgen zu erfreuen statt über unsere Niederlagen zu brüten.«

»Mir geht es genauso. Sehen Sie es doch einmal so«, Fuller strahlte ihn an.

»Niemand erwartet von mir, dass ich irgendeinen meiner Patienten heile. Sie sind alle schon tot.« Markby gab den erkaltenden Kaffee und die Unterhaltung auf.

»In Ordnung. Ich bin zurück, sobald Sie die Tote aufgemacht haben. Ich muss in zehn Minuten im Bezirkspräsidium sein.«

»Wir bringen den Leichnam ins Kühlhaus«, fügte Fuller unerwartet hinzu. Er schien noch immer guter Laune.

»Ich bin nur froh, dass meine Töchter …« Er brach ab.

»Froh, dass Ihre Töchter was?« Markby musterte den Pathologen neugierig. Fuller zeigte in Verbindung mit einem Leichnam nur selten Emotionen, noch schien er einen Toten je als Individuum zu betrachten. Doch der Tod dieses jungen Mädchens hier ging auch ihm unter die Haut.

»Froh, dass sie vernünftige Mädchen sind«, gestand er verlegen.

»Keine kleinen Herumtreiberinnen, wie diese hier es offensichtlich war.«

»Man kann Menschen nicht immer so leicht in Kategorien einordnen«, entgegnete Markby düster. Er hätte Fuller darauf hinweisen können, dass nur allzu oft Unschuldige die Opfer waren und nicht die, von denen man es vielleicht erwartete. Manchmal half es, wenn man wusste, was auf dem Spiel stand. Manchmal führte es jedoch nur zu einem überzogenen Selbstvertrauen, das sich als fatal erweisen konnte. Doch Markby hatte Fullers Töchter kennen gelernt; sie waren bestürzend intellektuell und wohlerzogen und ihm stets als für ihr Alter unglaublich weit entwickelt vorgekommen. Markby wäre nicht weiter überrascht, wenn eine von ihnen eines Tages das Land regierte. Fuller begleitete ihn zum Ausgang der gerichtsmedizinischen Abteilung, und sie kamen erneut an dem Untersuchungstisch und der Toten vorbei. In diesem Augenblick ertönte ein leises, raschelndes Geräusch. Markby wandte den Kopf gerade noch rechtzeitig, um zu sehen, wie die Füße, die Fuller wieder zugedeckt hatte, von ganz alleine zuckten.

»Das ist die einsetzende Leichenstarre«, erklärte Fuller.

»Muskuläre Spasmen. Sie dreht, wie es der Volksmund so schön sagt, die Füße nach oben. Nun werden Sie nicht gleich grün im Gesicht, Chief Inspector! Sie steht bestimmt nicht mehr auf.«

Die beiläufige, aber nichtsdestotrotz gruselige Erfahrung hatte Markby zutiefst erschüttert. Er betrat das nüchterne Gebäude des Präsidiums mit der dunklen Vorahnung, dass die Dinge anfingen, gewaltig schief zu laufen.

Ein Leichnam war natürlich nie ein günstiges Omen, doch dieser hier schien ihm eine ausgewachsene Pechsträhne einzuläuten. Nicht, dass er an die

»Sterne« oder Weissagungen oder irgendein System glaubte, das die Zukunft zu deuten vermochte. Er hatte eine Tante gehabt, die auf die Teetassenmethode schwor. Doch er hatte bereits in früher Jugend jegliches Vertrauen zu derartigen Methoden verloren, als besagte Tante ihn informierte, dass es nur funktionierte, wenn man

»die großen Teeblätter« benutzte. Ein System, das lediglich innerhalb derart eng gesetzter Grenzen funktionierte, war überhaupt kein System, sondern höchstenfalls eine besondere Fügung äußerer Umstände.

Nichtsdestotrotz beschlich Markby zuweilen das Gefühl, dass ihm ein unruhiger Ritt bevorstand. Und in diesen Situationen war er jedes Mal fast versucht, seine Ansicht über die Sterne zu revidieren. Er spürte dann so etwas wie das Fehlen von Harmonie in der Atmosphäre. Die falsche Sorte Teeblätter. Und so war es auch in diesem Fall. Er stieg die Treppe hinauf, doch bevor er das Büro des Superintendents erreichte, hörte er seinen Namen rufen. Er blickte auf und sah Norris über sich auf dem Treppenabsatz. Hinter ihm stand eine junge Frau mit sehr kurz geschnittenen Haaren und angespanntem Gesichtsausdruck.

»Irgendwelche Neuigkeiten?«, erkundigte sich Norris knapp, nachdem Markby den Gruß erwidert hatte und bei seinem Vorgesetzten angekommen war. Norris’ Mund bewegte sich, doch in seinem restlichen Gesicht zuckte nicht ein Muskel. Ein wenig, dachte Markby unbehaglich, wie die Zehen der Toten auf dem Tisch Fullers.

»Ich komme soeben aus der Pathologie. An ihrem Hals ist ein Mal, das ich nicht genau zuordnen kann, und die Haut an beiden Hacken ist abgeschürft, was darauf schließen lässt, dass der Leichnam über eine harte Fläche geschleppt worden ist, wahrscheinlich von jemandem, der die Tote an den Schultern oder den Oberarmen hinter sich hergezogen hat.«

Norris’ Augen glitzerten.

»Daraus folgt, dass der Tatort nicht gleich dem Fundort ist.«

»So gut wie sicher, ja. Als sie gefunden wurde, lagen die Schuhe achtzehn Zoll von den Füßen entfernt. Möglicherweise hat der Mörder sie neben ihr hingeworfen, weil er sie loswerden wollte und nicht wusste, wohin damit … oder er wollte die Tatsache verschleiern, dass sie die Schuhe bereits vorher nicht mehr getragen hat. Irgendwo muss sie sie verloren haben. Vielleicht im Kofferraum seines Wagens? Doch das sind selbstverständlich nur Spekulationen. Die Männer suchen gegenwärtig den gesamten Sportplatz ab, und vielleicht findet sich ein Hinweis.« Norris blickte unzufrieden drein.

»Hören Sie, Markby, wir müssen schnell Fortschritte erzielen! Ein junges Mädchen … die Leute von der Presse werden sich wie Geier darauf stürzen, und sämtliche Eltern in der Gemeinde werden es mit der Angst zu tun bekommen.«

»Dessen bin ich mir durchaus bewusst!«, entgegnete Markby ungehalten.

»Sonst hat Fuller im Augenblick nichts zum Fall beizutragen?«

»Nicht vor der Obduktion. Oh, sie hatte kurz vor ihrem Tod Geschlechtsverkehr, doch es gibt keine äußerlichen Anzeichen einer Vergewaltigung.« Markby hatte die Anwesenheit der jungen Frau vergessen, doch jetzt fiel sie ihm wieder ein – zu spät. Er musterte sie verstohlen. Sie wirkte immer noch angespannt, auch wenn sein Bericht sie anscheinend nicht aus der Fassung hatte bringen können. Sie trug einen schwarzen Rock und ein schwarz-weißgrau kariertes Jackett über einem roten Pullover mit PoloKragen. Er fragte sich, ob sie eine Zivilistin war oder vielleicht sogar die Frau von Superintendent Norris? Falls ja – kein Wunder, dass sie angespannt wirkte. Rasch fuhr Markby fort:

»Wie Sie wissen, habe ich im Augenblick keinen Assistenten, und jetzt, mit diesem Fall in den Händen, brauche ich …«

»Darum habe ich mich bereits gekümmert«, unterbrach ihn Norris. Er deutete auf die Frau neben sich.

»Das ist Detective Sergeant Helen Turner. Sie ist Ihnen vorübergehend zugeteilt, bis Sergeant Pearce wieder zurück ist.«

»Gut …« Markby wurde sich bewusst, dass seine Stimme geistesabwesend geklungen hatte. Er riss sich zusammen.

»Willkommen an Bord …« Halt, das geht auch netter!

»Ich freue mich, Sie bei uns zu haben, Sergeant Turner.«

»Danke sehr, Sir!« Alarmierend heftiger Eifer schwang in ihrer Stimme mit. Sie ist offensichtlich Norris’ Protegé!, dachte Markby. Die falschen Teeblätter, wieder einmal.

»Ich lasse Sie dann mal weitermachen, aber vergessen Sie nicht, Markby, wir brauchen Resultate! Es handelt sich um einen ganz besonders widerlichen und brutalen Übergriff auf ein junges Mädchen! Unsere Straßen müssen sicher sein für junge Menschen! Ich will, dass Sie jeden Stein umdrehen, bis Sie dieses hässliche Verbrechen aufgeklärt haben!« Die Leichtigkeit, mit der Norris jedes verfügbare Klischee aufgriff, und die napoleonische Geste seines linken Arms verrieten die Begierde, vor das Mikrofon der abschließenden Pressekonferenz zu treten, was in Markbys Augen alles andere als hilfreich war.

»Was die jungen Menschen angeht, so müssen wir vorsichtig sein, um keine potenziellen Informanten zu verschrecken«, entgegnete Markby beschwichtigend.

»Schließlich wollen wir Resultate.«