Sooft mein Blick in der letzten Zeit auf meinen langbeinigen, rothaarigen Sohn Amir fällt, überkommt mich die Sorge, welchen Beruf er ergreifen soll. Die Entscheidung läßt sich nicht mehr lange aufschieben. Er wird bald dreizehn, und obwohl die hoffentlich zahlreichen Schecks, die er zur Feier seiner Bar-Mizwah einheimsen wird, ihm und seinen geplagten Eltern eine freundliche Zukunft sichern müßten, läßt es sich auf die Dauer nicht umgehen, einen passenden Beruf für ihn auszusuchen. Aber welcher Beruf paßt für ihn?
Amirs undurchdringliche Wesensart läßt nicht die leiseste Vorliebe für eine bestimmte Art des Broterwerbs erkennen. Andere Kinder kommen zu ihren Eltern und teilen ihnen rechtzeitig mit, daß sie Autobusfahrer werden wollen oder Zuckerbäcker, Ministerpräsidenten, Löwenbändiger, Generäle – was immer. Nicht so Amir. Als sein Lehrer ihn neulich fragte: »Was willst du einmal werden, Amir?« antwortete er ohne nachzudenken:
»Tourist.«
»Das ist kein Beruf«, unterrichtete ihn der Lehrer.
»Nicht? Dann bleibe ich ein Kind.«
Dieser Vorsatz verriet zweifellos eine philosophische Einstellung zum Leben und schien ihn somit für die Philosophenlaufbahn zu prädestinieren. Aber wieviel verdient so ein Philosoph? Wo rangiert er in der Einkommensskala unserer Gesellschaft? Und vor allem: Muß er Empfangsbestätigungen ausstellen? Eines steht fest: Unser Sohn soll keinen Beruf ergreifen, der ihn zur Ausstellung von Empfangsbestätigungen nötigt, denn das könnte ihn in Schwierigkeiten mit der mörderisch hohen israelischen Einkommenssteuer bringen. Oder wie seine Mutter es formulierte:
»Der ideale Beruf ist, wenn man die Einnahmen als Spesen absetzen kann.«
Aus dieser Erwägung sowie im Hinblick auf Amirs manuelle Geschicklichkeit beschlossen wir, entweder einen Maurer oder einen Gynäkologen aus ihm zu machen. Wir kamen jedoch bald wieder davon ab, weil der erste dieser beiden Berufe gefährlich ist – man muß auf Leitern steigen, und das sieht Mutti nicht gerne –, der zweite hingegen könnte ihn langweilen oder aufregen; weder das eine noch das andere erschien uns wünschenswert.
Amirs einzig konstruktiver Gegenvorschlag lautete:
»Billetteur im Kino.«
Und damit ließ sich nicht viel anfangen.
Wenn er wenigstens musikalisch wäre! Dann könnte er Klavierstimmer werden und 150 Pfund für die halbe Stunde kassieren, bitte in bar, danke, auf Wiedersehen.
Oder wenn er eine andere künstlerische Neigung hätte, beispielsweise zum Malen! Wir würden ihn als Kraftwagenkennzeichentafelmaler ausbilden lassen und hätten ausgesorgt. Die Prozedur ist denkbar einfach. Man muß nur an der einschlägigen Stelle – dort, wo die Führerscheine ausgestellt oder erneuert werden – einen guten Freund finden, der dem Antragsteller zu verstehen gibt, daß seine etwas undeutlich gewordene Nummerntafel dringend der Auffrischung bedarf – und schon saust dieser, von wilder Panik erfaßt, in die Arme des zufällig draußen stehenden Auffrischers. Ein paar kräftige Pinselstriche – 25 Pfund in bar – besten Dank. Man hört von israelischen Nummernmalern, die auf eine Tageseinnahme von tausend Pfund kommen. Und der Beruf verlangt keine akademische Schulung.
»Lieber Gott, bitte, laß unseren Sohn nicht studieren wollen!« pflegt seine gute Mutter zu beten. »Sonst wird er am Ende noch ein Universitätsprofessor.«
Nein, wenn er schon ein Lehramt ausüben soll, dann das eines Fahrlehrers. Noch besser täte er, sich in Safed einen Laden mit Auto-Ersatzteilen einzurichten. In dieser mittelalterlichen Stadt, dem Juwel Galiläas, werden im Zuge der Sanierungsarbeiten allnächtlich Dutzende geparkter Autos von rücksichtslosen Straßenarbeitertrupps beschädigt, weshalb Dinge wie Rückspiegel, Scheinwerfer, Scheibenwischer und dergleichen ständig gefragt sind. Ein aussichtsreicher Beruf.
Was gäbe es sonst noch?
Amir ist leider nicht religiös und kommt infolgedessen als Überwacher einer koscheren Konservenfabrik nicht in Betracht. Schade. Er hätte nichts weiter zu tun, als sich einen langen Bart wachsen zu lassen, gravitätisch die Herstellungsräume zu durchschreiten und im gegebenen Augenblick wegzuschauen. Leckere Kostproben und knisternde Banknoten unterm Teller vervollständigen den Reiz dieses Erwerbszweiges.
Schließlich kann man noch den Sport ins Auge fassen, genauer – schon um die Gefahr körperlicher Überanstrengung auszuschließen – das Amt eines Trainers. Es ist zwar gegen Empfangsbestätigungen nicht gefeit, bringt aber allerlei Auslandsreisen, Siegesprämien und andere Vergünstigungen mit sich. Und vor allem: es ist leicht zu erlernen. Die hochempfindlichen Mikrophone, die neuerdings bei Fernsehübertragungen von Basketballspielen verwendet werden, haben das für jedermann deutlich gemacht.
Früher hörte man den Trainer »Time!« rufen und sah, wie er auf die ihn umdrängenden Spieler gebärdenreich einsprach. Was er sagte – und was von geheimen Zauberformeln zu strotzen schien –, hörte man nicht. Jetzt, seit sich die neuen Supermikrophone ganz nahe an ihn heranpirschen, hört man’s:
»Ihr Idioten!« sagt er. »Patzt nicht soviel im
Mittelfeld herum! Mehr laufen! Mehr kombinieren! Mehr Körbe! Los!«
Vielleicht wendet er sich auch noch an den schwarzen Gast-Star: »Du
viel Geld kriegen, Bastard! Du besser spielen!
Sonst – !«
Das ist alles. Und das müßte auch unser Amir können. Ich werde ihn in einen Kurs für Basketballtrainer einschreiben.