Den ganzen Sonntag wartete Alan sehnsüchtig darauf, wieder in die Praxis zu kommen, um zu sehen, ob er seine Gabe wieder benutzen könne. Endlich wurde es Montagmorgen, und er stand aufgeregt in den Startlöchern.
Es war acht Uhr früh. Er wollte diese Sache wissenschaftlich angehen – und alles dokumentieren, was passierte: Tag und Uhrzeit, Name, Ort, Diagnose. Er hatte sein Diktiergerät mit frischen Batterien bestückt. Er war bereit für den ersten Patienten und das erste Wunder des Tages.
Er hatte aber kein Glück.
Seine ersten drei Patienten waren ein älteres Ehepaar, beide mit stabiler Hypertonie, und eine Frau mit einer leichten, durch eine Diät kontrollierbaren Diabetes. Bei diesen Diagnosen war eine Bestätigung für eine spontane Heilung unmöglich. Er konnte ja den ersten beiden nicht sagen, sie sollten ihre Medikamente absetzen, genauso wenig, wie er der Frau raten konnte, ihre Diät in den Wind zu schießen und sich ein dickes Stück Sahnetorte zu gönnen.
Er brauchte eine Gelegenheit bei einer akuten Erkrankung oder einer Verletzung. Sie bot sich bei seinem vierten Patienten.
Der sechsjährige Chris Holland war wegen Halsschmerzen und Fieber nicht in die Schule gegangen. Alan sah in den Mund des Jungen und stellte eine weiße Absonderung auf beiden Mandeln fest: Mandelentzündung.
»Schon wieder?«, fragte Mrs Holland. »Warum nehmen wir sie nicht raus?«
Alan überflog die Patientenkarte. »Dies ist erst das dritte Mal seit dem vergangenen Jahr. Es reicht nicht, um einen Eingriff zu rechtfertigen. Aber wir können etwas versuchen.«
Er rollte sich mit seinem Stuhl hinter Chris und legte seine Fingerspitzen leicht über die geschwollenen Drüsen unterhalb des Kiefers. Er konzentrierte sich – worauf genau, wusste er nicht; aber er versuchte, an einen netten rosafarbenen gesunden Hals mit normalgroßen Mandeln zu denken; versuchte, diesen idealen Hals in Chris hinein zu wünschen.
Von Chris kam kein Aufschrei, kein Kribbeln in Alans Fingern und Armen. Nichts.
Aus den Augenwinkeln bemerkte er, dass die Mutter ihn komisch ansah. Er räusperte sich, passte die Ohrstücke seines Stethoskops an, horchte Chris’ Lungen ab und versteckte die Enttäuschung, die in ihm hochkam.
Fehlanzeige!
Warum war diese Gabe, wenn sie wirklich existierte, so verdammt unberechenbar? Was brachte sie zum Funktionieren?
Der nächste Patient war ein Notfall. Maria Springer – eine neue Patientin, dreiundzwanzig Jahre alt, die von einem Nachbarn gebracht wurde, der seit Langem Alans Patient war – sie hatte sich früh am Morgen an der rechten Hand geschnitten. Obwohl sie die Wunde eine halbe Stunde lang mit Eis gekühlt hatte, blutete sie immer noch. Denise verfrachtete sie augenblicklich in einen freien Untersuchungsraum.
Alan untersuchte Marias Hand und sah einen halbmondförmigen Schnitt von knapp drei Zentimetern Länge in ihrem Handballen unterhalb des kleinen Fingers. Ihre Hand fühlte sich kalt an. Er sah zu ihr hoch und bemerkte die Blässe in ihrem Gesicht, ihre angespannten Gesichtszüge, die zwischen die Zähne geklemmte Unterlippe.
»Tut es sehr weh, Maria?«
Sie schüttelte den Kopf. »Nein. Aber es hört nicht auf zu bluten!«
»Es wird gleich aufhören – sobald ich damit fertig bin.« Er spürte förmlich, wie sich ein wenig Spannung in ihr auflöste, als ihr klar wurde, dass sie nicht verbluten würde. Nun noch ein wenig Hokuspokus, um ihr Vertrauen zu gewinnen. »Und vielleicht können Sie das als Grund nehmen, um mit Ihrem Mann über eine Spülmaschine zu reden. Oder zumindest über einen Schwamm mit Griff.«
»Wie meinen Sie das?«
»Ich meine, das kommt davon, wenn Sie versuchen, mit der Hand den Boden eines Glases auszuschrubben.«
Ihre Augen weiteten sich. »Woher wissen Sie das?«
Alan zwinkerte mit den Augen. »Das ist mein Geheimnis.«
Er sagte ihr nicht, dass er über die Jahre hinweg Dutzende solcher Wunden gesehen hatte, und alle entstanden aus dem gleichen Grund: etwas zu viel Kraft beim Auswaschen eines Wasserglases, sodass es platzte und man sich entweder am Zeigefinger oder am Rand der Handfläche schnitt.
Als sie sich hingelegt hatte und entspannte, kam es Alan in den Sinn, dass dies die perfekte Möglichkeit war, die Gabe zu testen. Es hatte bei einer viel größeren Fleischwunde am Samstagabend funktioniert; dieser Kleine Schnitt dürfte kein Problem sein. Er sah auf die Uhr: 9:36. Er wollte alles so genau wie möglich festhalten.
Er presste die Hautlappen ungefähr zwanzig Sekunden fest zusammen, aber er verspürte keinen Schock, kein Ekstase. Er gab den Druck frei und untersuchte die Wunde.
Die Ränder des Schnitts waren zu einer dünnen roten Linie eng verschlossen. Keinerlei Anzeichen einer weiteren Blutung. Alan fühlte Triumph in sich hochsteigen …
… und dann öffneten sich die Ränder der Wunde, und wieder floss frisches Blut.
Er hatte nichts getan.
»Werden Sie es mit einer Spritze betäuben?«, fragte Maria Springer.
»Ich bin gerade dabei«, sagte Alan und schluckte die bittere Enttäuschung hinunter, als er nach der Xylocain-Flasche neben den Utensilien zum Nähen griff.
Ein weiterer Misserfolg.
Aber er war nicht bereit aufzugeben. Sobald er hier fertig war, würde er in sein Sprechzimmer gehen, den Fehlschlag dokumentieren und es mit dem nächsten Patienten versuchen.
(Transkription eines Diktats)
Montag, 12. April
10:18 Uhr MARIE EMMETT: 58 Jahre, kaukasisch, weiblich, erhöhter Blutdruck, behandelt mit Zestoretic 20/12,5 BID; Blutdruck 136/84; Eigendiagnose: »Ich glaube, ich habe Gürtelrose«, stimmt; typischer Blasen werfender Ausschlag am rechten Oberschenkel entlang T-10; legte Hand auf Ausschlag und wünschte ihn weg, dreimaliger Versuch; keine Auswirkung; Ausschlag noch vorhanden; keine Abnahme der Schmerzwahrnehmung
10:47 Uhr AMY BRISCO: 11 Jahre, Asthmatikerin; Mutter erklärt, Kind habe die ganze Nacht Atemnot gehabt; Auskultation ergibt Bronchialobstruktion im gesamten Lungenbereich, legte die rechte Hand auf ihre Brust, die linke Hand auf den Rücken und drückte, befahl dabei mental der Lunge, sich zu lösen und zu reinigen; keine Veränderung, abgesehen von irritiertem Gesichtsausdruck der Mutter; hält mich wahrscheinlich für verschroben; Atemprobleme so stark wie zuvor; übliche Therapie angewendet: 0,2 cl wässrige Epinephrin-Lösung subkutan, etcetera
11:02 Uhr CHANDLER DEKKS: 66 Jahre, kaukasisch, männlich, starke beidseitige Varikosis der Unterschenkel mit deutlich fortgeschrittener Stauungsdermatitis; akute Beschwerden durch 2x2 cm großes Geschwür auf der Rückseite des linken Unterschenkels seit circa einer Woche; sorgfältige Untersuchung bei gleichzeitiger geistiger Anstrengung, das Geschwür zu heilen/verschwinden zu lassen; keine Veränderung; übliche Medikation verschrieben
11:15 Uhr JOY LEIBOV: 16 Jahre, kaukasisch, weiblich; kein Termin; wurde von Vater und Bruder hereinbegleitet, nach Schulsportunfall mit Verletzung am rechten Knöchel beim Footballspiel; typische Verstauchungssymptome wie Anschwellen, Schmerzempfindlichkeit und Ekchymose im lateralen Bereich des Knöchels; legte – vorsichtig – die Hand auf den Knöchel – und wünschte das verdammte Ding weg. Keine Veränderung. Nichts!
Das ist alles Blödsinn.
(Ende der Abschrift)
Alan schob jeden Gedanken an mystische Heilkräfte beiseite und bemühte sich, mit dem Ansturm der Patienten für den Rest des Morgens fertig zu werden. Er lag nicht schlecht in der Zeit. Um 12:30 Uhr betrat er das Untersuchungszimmer mit dem letzten Patienten des Vormittags.
Stuart Thompson saß auf dem Rand des Untersuchungstisches und wirkte besorgt. Alan wusste sofort, dass etwas nicht stimmte. Stu war ein zweiundvierzig Jahre alter Bauarbeiter mit Tätowierungen an beiden Armen und einer mäßigen essenziellen Hypertonie. Ein typischer Macho, der niemals seine Gefühle zeigte, niemals eine Schwäche zugab. Wenn seine Frau ihm nicht jeden Morgen die Tabletten praktisch in seinen Mund legen und ihn zu den Untersuchungen drängen würde, wäre sein Blutdruck in all diesen Jahren unbehandelt geblieben.
Wenn man Stuart Thompson die Besorgnis ansehen konnte, dann musste in seinem Innern wirkliche Panik herrschen.
»Ich bin kein Weichei, Doktor, aber jemand sagte mir, das Ding an meinem Rücken sähe wie Krebs aus, und das bringt mich zum Wahnsinn. Sehen Sie es sich bitte an und sagen Sie mir, dass alles in Ordnung ist.«
»Klar. Legen Sie sich auf den Bauch. Wir sehen uns das mal an.«
Alan biss sich auf die Lippe, als er sah, worüber Stu redete. Es sah schlimm aus: eine blauschwärzliche krankhafte Veränderung am linken Schulterblatt, die ungefähr zwei Zentimeter groß war, mit einer unregelmäßigen Abgrenzung und ungleichmäßiger Oberfläche.
Alans Gedanken rasten, als er sich Stuarts Rücken genauer ansah. Dieses Ding musste entfernt werden, wahrscheinlich großflächig und so schnell wie möglich. Er versuchte gerade, seine Vermutung in Worte zu kleiden, ohne dass Stus Blutdruck in schwindelnde Höhen klomm, als er mit einer Fingerspitze leicht die dunkle Stelle berührte.
Das nun vertraute Gefühl schnellte seinen Arm hoch, während Stu sich krümmte.
»Scheiße, Doktor!«
»Entschuldigung«, sagte Alan schnell. »Ich wollte nur mal sehen, wie empfindlich es ist.«
Alan starrte auf den Rücken des Mannes. Der blauschwarze Fleck war weg! Es gab keine Spur von Verfärbung mehr an dieser Stelle.
Er sah auf seine Hand. So viele unbeantwortete Fragen, aber sie verblassten alle gegenüber dem Triumph zu wissen, dass er noch immer über diese Gabe verfügte.
»Nun, da Sie jetzt Bescheid wissen«, sagte Stu, »was werden Sie mit mir anstellen – meinen Rücken amputieren?« Der Ton war sarkastisch, aber Alan spürte die darunterliegende Angst.
»Nein«, sagte Alan, während er schnell nachdachte. »Ich werde diese kleine hässliche Warze kauterisieren, die sie da haben, und dann können Sie sich als Mr Universum bewerben.«
»Eine Warze? Ist das alles?« In seiner Stimme lag abgrundtiefe Erleichterung.
»Das ist nichts«, sagte Alan und bemerkte dabei, dass er buchstäblich die Wahrheit gesagt hatte. »Ich werde eben den Hyfrekator holen, und in einer Minute ist alles vorbei.«
Alan trat aus dem Zimmer und holte tief Luft. Er musste nur die Stelle betäuben und ein wenig verätzen, wo der Krebs gewesen war und den nichts ahnenden Stuart Thompson, der soeben von einem bösartigen Melanom geheilt worden war, nach Hause schicken. Auf diese Weise konnte er schwierigen Fragen aus dem Wege gehen.
Dann hörte er Stus Stimme hinter der anderen Seite der Tür.
»Hey! Es ist weg! Hey, Doktor! Es ist weg!«
Alan steckte seinen Kopf in den Raum und sah, wie Stu seinen Rücken im Spiegel untersuchte.
»Wer sind Sie? Eine Art Wunderdoktor?«
»Nein«, antwortete Alan, schluckte und versuchte zu lächeln. »Sie muss abgefallen sein. Das ist manchmal so bei diesen Warzen … sie fallen … einfach … ab.«
Alan versuchte, die folgenden Fragen abzuwehren. Er verharmloste alles, was geschehen war, und schob den verwirrten, aber glücklichen Mann aus dem Untersuchungszimmer.
Er rannte in das nächste Untersuchungszimmer – leer! Das Deckenlicht brannte nicht mehr, der Raum war gereinigt und bereit für die Nachmittagspatienten.
Aber am Nachmittag würde es zu spät sein! Er brauchte jetzt jemanden, nicht später! Er war geladen! Die Kraft wirkte jetzt, und er wollte sie gebrauchen, bevor sie ihn wieder verließ! Denise und Connie wollten gerade zum Mittagessen gehen. Beide befanden sich bei ausgezeichneter Gesundheit. Er konnte nichts für sie tun.
Er drehte sich langsam um sich selbst. Er wollte lachen. Er wollte seinen Frust hinausschreien. Er fühlte sich wie ein Millionär, der beschlossen hatte, sein Vermögen den Armen zu spenden, aber nur andere Millionäre finden konnte.
Weil er nichts Besseres tun konnte, eilte er in sein Büro und nahm das Diktiergerät in die Hand. Er musste alle Einzelheiten aufzeichnen, solange sie noch frisch waren. Er drückte auf den Aufnahmeknopf, öffnete den Mund … und hielt inne.
Merkwürdig … ihm fiel der Name des Patienten nicht ein. Er hatte sein Gesicht genau vor Augen, aber der Name war weg. Er warf einen Blick auf den Terminkalender. Da war er in der letzten Spalte: Stuart Thompson. Natürlich. Erstaunlich, wie sehr so eine kleine Aufregung den Geist durcheinanderbringen konnte.
Er begann zu diktieren – Zeit, Alter und Zustand des Patienten, seine eigenen Gefühle an diesem Zeitpunkt. Alles.
Er wollte diese Kraft unter Kontrolle bringen, alles erfahren, was man darüber wissen konnte, sie trainieren und seinem Willen unterwerfen und verdammt guten Gebrauch davon machen.
In Gedanken hörte er Tony Williams von den Platters singen: »You-oo-oo’ve got the maaaaagic touch!«