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Die einzige gute Seite der schweren Krisenjahre war die Tatsache, daß sie unsere Familie wieder vereinten und meiner Schwester die ausgezeichnete Gelegenheit boten zu beweisen, daß ausnahmslos jeder ausnahmslos alles kann – besonders Betty. «Betty kann alles», lautete ihr Wahlspruch.

Die unerschütterliche Überzeugung, daß Fähigkeit nur eine Sache des guten Willens ist, hatte Mary von meinen Eltern geerbt. Meine Mutter hatte sich im Lauf der Jahre und aus eigener Kraft zu einer begabten Kunstgewerblerin, phantasiereichen Köchin, ausgezeichneten Gärtnerin, zuverlässigen Hebamme, geschickten Schneiderin, Pro-Tag-ein-Buch-Leserin, vertrauenswürdigen Krankenpflegerin, erfahrenen Tierärztin, unermüdlichen Zuhörerin, blendenden Reiterin, glanzvollen Schwimmerin, sowie zum handfertigen Schreiner, überlegenen Farmer, furchtlosen Hundezüchter, beschlagenen Konversationslexikon für allgemeine Auskünfte und nicht zu unterschätzenden Steinmetz entwickelt. Sie betätigte sich gerade im Atelier eines Modezeichners in Boston, als sie meinen Vater traf, einen ehrgeizigen jungen Bergbauingenieur, der es fertigbrachte, sein Studium in Harvard bereits nach drei Jahren mit einem glanzvollen Examen abzuschließen, obwohl er tagsüber wohlhabenden jungen Leuten Unterricht erteilte und die Nächte hindurch im Observatorium arbeitete.

Der Verbindung dieser beiden begabten Leute entsprossen fünf Kinder, vier Mädchen und ein Junge, alle in verschiedenen Teilen der Vereinigten Staaten geboren und alle hoch gewachsen und rotköpfig, mit Ausnahme meiner Schwester Dede, die zierlich und dickköpfig ist.

Mary, die älteste der Schar, erblickte in Butte, Montana, das Licht der Welt und entwickelte von Anfang an einen unerschöpflichen Vorrat von Ideen und eine unbändige Begeisterungsfähigkeit, insbesondere, wenn es sich um die Durchführung einer ihrer Ideen handelte. Ich, Betty, war der nächste Sprößling der Familie und suchte mir Boulder, Colorado, als Geburtsstätte aus. Vom zartesten Kindesalter an neigte ich Marys großartigen Ideen zu, wie die Wünschelrute sich dem Wasser entgegenbiegt.

Ich war kaum ein paar Monate alt, als eines Tages Gammy, meine bei uns lebende Großmutter väterlicherseits, Mary nach einem Glas Wasser für mich zur Köchin schickte. Im Handumdrehen war meine Schwester zurück, in der Hand ein halbgefülltes Zahnputzglas. Gammy musterte das Glas argwöhnisch und begehrte zu wissen, wo Mary das Wasser geholt habe. «Im Klosett», erwiderte sie prompt. «Du bist ein ungezogenes kleines Mädchen, Mary!» wies meine Großmutter sie zurecht, aber das ließ Mary nicht auf sich sitzen. «Ich bin kein ungezogenes Mädchen», widersprach sie, und auf mich weisend, die ich lallend und täppisch nach dem Glas zu greifen versuchte, setzte sie hinzu: «Da – sieh doch! Sie hat's gern. Wir geben ihr immer Wasser aus dem Klosett.»

Der Rest der Familie zeigte sich bedeutend weniger bereit als ich, das Versuchskaninchen für Mary abzugeben, und so gestattete sie den andern großzügig, zwischen den von ihnen selbst erdachten, mehr oder weniger mageren Einfällen und den von ihr ausgeheckten verlockenden, von Saft und Kraft strotzenden und freigebig zur Verfügung gestellten Ideen zu wählen.

Meine erste Erinnerung daran, wie ich Trilby 1 für Mary als Svengali spielte, stammt aus Butte, wo Mary in jenem Winter allmorgendlich mit betonter Wichtigkeit zur McKinley Schule aufbrach – es war ihr zweites Schuljahr – während mein Bruder Cleve und ich, die ich schon lesen und schreiben konnte, uns ergeben zu Miss Crispins Kindergarten auf den Weg machten, einem trübseligen Betrieb, in dem es nur zerbrochene Bleistifte gab, von denen die Lackfarbe abblätterte.

Der Gegensatz zwischen dem Kindergarten und einer richtigen Schule, besser gesagt zwischen Miss Crispins Institution und allem anderen mit Ausnahme einer Leichenhalle, bot sich mit schmerzlicher Klarheit sogar unseren vier- und fünfjährigen Gemütern dar, der Gegensatz aber zwischen den geisttötenden, langweiligen Stunden im Kindergarten und dem tollen Betrieb in Marys Schule, den sie mit mitreißender Lebendigkeit schilderte, schien uns über das Maß des Tragbaren zu gehen. In Miss Crispins Kindergarten ereignete sich nie etwas; an manchen Tagen war es noch langweiliger als üblich, das war alles, und so dunkel, daß wir uns tief über unsere Malversuche beugen mußten, um überhaupt rot von blau oder braun von schwarz unterscheiden zu können. Der Erfolg war, daß unsere feuchten Nasen die Farben verwischten. Miss Crispin war sehr nervös, und es gab Vormittage, an denen sie uns anschrie, wir sollten Ruhe halten. Dann pflegten rote Flecke auf ihren Wangen zu erscheinen, und sie massierte und knetete die faltige Haut an ihrem Hals mit einer Energie, als wäre es Teig. Am Freitag setzte sie sich ans Klavier, und wir hüpften im Raum umher und sangen Volks- und Vaterlandslieder. Die höchste Sprosse auf der Leiter dieser fragwürdigen Belustigungen war das Singen von «Alter schwarzer Joe», und das ungeschickte Herumtanzen um die Kindergartenstühlchen.

Man vergleiche diesen Kindergarten mit der imposanten Schule, die Mary besuchte, und wo Tag für Tag die tollsten Dinge geschahen – nach ihren und Joe Doners Erzählungen zu schließen. Joe Doner war ein Junge aus der Schule, der unweigerlich als Zeuge für die unglaublichen Geschichten, die Mary uns auftischte, aufgerufen wurde. «Wenn ihr's nicht glauben wollt, fragt nur Joe Doner», bekamen wir so oft zu hören, daß es seither zu einem Familienwahrspruch geworden ist, der jeden dick auf getragenen Schwindel begleitet. Daß in Marys Schule kleine Kinder mit Nagelstöcken geschlagen, ältere Buben vor den Augen der ganzen Klasse mit neunschwänzigen Katzen gepeitscht wurden, Erstkläßler Tinte trinken oder Kerngehäuse von Äpfeln essen mußten, war nichts Besonderes. Nachzügler wurden mit Vorliebe in den Keller gesperrt, und die schreckliche und grausame Methode, den armen Kindern nie zu erlauben, aufs Klosett zu gehen, so daß sie vor Schmerzen schrien und sich in ihrer Not nicht anders helfen konnten, als in die Hosen zu machen, war gang und gäbe.

Cleve und ich glaubten Mary natürlich alles aufs Wort, was sie uns erzählte, aber ebenso verständlich regte uns nach einiger Zeit das ständige Prügeln, Morden und Hosennässen, das sich in der richtigen Schule abspielte, nicht mehr sonderlich auf. Als Mary unser schwindendes Interesse an ihren wilden Geschichten bemerkte, begann die Sache mit dem «Salami-Buch», und monatelang hielt sie uns damit in einem Zustand fiebriger Spannung und neugierigen Neides.

An einem schneereichen Winternachmittag kam sie nach der Schule daheim zur Türe hereingestürzt, aber anstatt wie üblich eine Serie ihrer greulichen Geschichten vom Stapel zu lassen, hielt sie Mutter und Gammy nur ein großes Heft mit einem glänzenden, rötlich gesprenkelten harten Deckel entgegen und verkündete strahlend: «Da – seht euch das an! Ich nenne es mein Salami-Buch, und da schreibe ich alles hinein, was ich lerne.» Sie klopfte sich sorgfältig den Schnee von ihren Fäustlingen, schlug dann den glänzenden Deckel des Heftes auf, deutete auf die erste Seite und erklärte voller Stolz: «Das haben wir heute in der Schule gemacht. Ganz allein, ohne daß uns jemand geholfen hat!»

«Sehr hübsch, Kind!» sagte Mutter, und Gammy echote: «Wirklich sehr hübsch!» Cleve und ich pirschten uns heran, um auch zu sehen, was so hübsch war, und da klappte Mary das Heft zu und hielt es hinter ihrem Rücken versteckt. «He, wir wollen auch in dein Salami-Buch sehen!» protestierten wir. Gerade das wollte Mary hören. Mit aufreizend öliger Freundlichkeit erwiderte sie: «Ich würde es euch ja so gerne zeigen, Cleve und Betsy, wirklich, ich wüßte nicht, was ich lieber täte, aber Miss O'Toole erlaubt es nicht. Unseren Eltern dürfen wir unser Salami-Buch zeigen, hat sie gesagt, aber auf keinen Fall unseren kleinen Geschwistern.» Mutter und Gammy lachten und riefen: «Unsinn!» Aber Mary stampfte mit dem Fuß auf und entgegnete: «Wenn ihr's nicht glaubt, dann fragt nur Joe Doner.»

Tag für Tag deutete Mary neue Geheimnisse im Salami-Buch an, bis ich des Nachts davon träumte und mir vorstellte, wie ich es erwischte und öffnete und voller Anziehpuppen und bunter Bleistifte fand. Aber kein Spion hat jemals seinen Geheimcode vorsichtiger gehütet als Mary ihr Salami-Buch. Manchmal arbeitete sie an Heimaufgaben darin, aber dann legte sie sich so weit darüber und deckte es mit den Armen gegen jede Sicht ab, daß sie buchstäblich unter ihrem Magen schrieb oder zeichnete. Des Nachts legte sie es unter ihr Kopfkissen, und selbst zum Schlitteln oder in die Tanzstunde schleppte sie es mit. Nie wurde sie grob oder gar böse, wenn wir sie beschworen, uns doch einen Blick in das Buch werfen zu lassen. Sie blieb bei der anfangs eingenommenen Pose öliger Überlegenheit und bedeutete uns, daß sie nur den Anweisungen ihrer Lehrerin gehorche und einzig zu unserem Besten handle, denn wenn auch Mutter und Gammy anscheinend die Einsicht fehle, so sei sie sich absolut im klaren darüber, welchen nie wieder gutzumachenden Schaden sie unseren zarten Gemütern zufügen könnte, wenn der Einblick in das Salami-Buch den Schleier unserer Unwissenheit womöglich allzu unvorbereitet hebe und das Geschaute unseren schwachen Geist aus dem Gleichgewicht brächte. Unsere einzige Rachemöglichkeit war, ihr die Zeichnungen vorzuenthalten, die wir in Miss Crispins Kindergarten verfertigten, aber die wollte Mary sowieso nicht sehen.

Eines Tages trug Miss Crispin uns auf, einen Apfelbaum zu zeichnen, und da keines von uns Kindern in Butte jemals einen Apfelbaum zu Gesicht bekommen hatte, schlug sie vor, ein jedes Kind solle daheim nach dem Bild eines Apfelbaums suchen und es am nächsten Tag mit in den Kindergarten bringen. Wir erzählten Mutter und Gammy, was Miss Crispin uns aufgetragen hatte, und Mutter fand wirklich in unserem Kinderbuch «Drei kleine Schweinchen» einen bunten Apfelbaum abgebildet. Mary betrachtete den Baum kritisch und erklärte dann: «Wartet, ich zeige euch einen viel besseren.» Zu Cleves und meiner wild aufflackemden Freude öffnete sie das Salami-Buch, blätterte darin und zeigte uns schließlich ein Gebilde, das aussah wie ein dunkelgrüner Rosenkohl auf einem krummen, dünnen braunen Stengel und bedeckt mit roten Pickeln. «So zeichnet man Apfelbäume in der richtigen Schule», klärte Mary uns auf. «Da!» Sie riß die Seite aus dem Salami-Buch und überreichte sie uns großzügig. «Nehmt das Bild mit zu Miss Crispin, und ihr werdet erleben, was sie dazu sagt.» Wir folgten dem Rat, und Miss Crispin betrachtete sich das Gebilde lange Zeit, knetete ihren Teighals mit kundigen Fingern und machte nur: «Mmmmmmmmmm.»

Im nächsten Winter, als ich sechs Jahre alt war, durfte ich auch in die richtige Schule gehen, aber ich war so entsetzlich schüchtern, daß ich keinen Ton über die Lippen brachte und nur stammelnd flüsterte. Es dauerte daher einige Monate, bis die Lehrer herausfanden, daß ich schon lesen und schreiben konnte und eigentlich in die nächst höhere Klasse gehörte.

Ich mußte vor dem Schuldirektor laut lesen – über meine Lippen kam aber nur ein schwaches Flüstern – und dann vor der schadenfroh kichernden Klasse meinen Namen und einige Sätze an die Wandtafel schreiben. Als die schreckliche Feuerprobe überstanden war und man mir mitteilte, daß ich in die zweite Klasse aufgenommen sei, galt mein erster frohlockender Gedanke dem Salami-Buch. «Jetzt kriege ich auch eines!» Aber der Vormittag verstrich, ohne daß meine Hoffnung erfüllt wurde. Ich blickte mich verstohlen um, um herauszufinden, ob die anderen Kinder vielleicht schon im Besitz des Schatzes waren, aber ich konnte nichts entdecken.

Schließlich hielt ich es nicht länger aus und hob meine Hand. Die Lehrerin mißverstand mich und sagte: «Du kannst auf Nummer eins oder auf Nummer zwei gehen, Elisabeth.» «Wann kriegen wir unsere Salami-Bücher?» fragte ich, all meinen Mut zusammennehmend. «Euere was?» «Unsere Salamibücher», wiederholte ich, diesmal so laut ich konnte. Sie runzelte die Brauen und sagte nur abweisend: «Ich weiß nicht, was du da faselst. Jetzt nehmt eure Lesebücher und schlagt sie auf Seite drei auf.»

Ich stand auf und rannte zum Klassenzimmer hinaus. Nicht einmal meinen Mantel oder meine Gummischuhe nahm ich; wie ich ging und stand, lief ich weinend und außer mir vor Empörung davon und heim, wo Mutter und Gammy gerade bei einer Tasse Kaffee saßen.

«Wir kriegen keine!» stieß ich schluchzend hervor.

«Was kriegt ihr nicht?» fragte Mutter verständnislos.

«Salamibücher! Ich bin jetzt in der zweiten Klasse, und ich habe die Lehrerin gefragt, ob wir keine Salamibücher bekommen, und sie hat gesagt, sie weiß nicht, was ich da fasele.»

Mutter meinte, ich hätte wahrscheinlich eine andere Lehrerin als Mary, und offenbar benütze diese keine Salamibücher. Ich lehnte alle Trostversuche ab. Schule hatte seit langem nur die Erfüllung eines Zieles für mich bedeutet: ein Salami-Buch zu bekommen, in das ich geheimnisvolle Dinge schreiben oder zeichnen konnte, die ich wohl Cleve, aber um keinen Preis der Welt Mary zeigen wollte. Den ganzen Nachmittag blieb ich mürrisch und bockbeinig verschlossen gegen jede Einsicht, bis Mutter es nicht mehr aushielt und in die Stadt fuhr und mir einen wundervollen Schlitten kaufte.

Als Mary von der Schule heimkam, war ich auf dem Hügel hinter unserem Haus. Von einem erhöht gelegenen Schuppen ging es ziemlich steil hinunter bis zu einem knapp hinter dem Haus gelegenen kleinen Vorplatz. Mit rotumränderten Augen und noch immer schnüffelnd glitt ich auf meinem neuen Schlitten unsere private Rodelbahn hinunter. Ich berichtete Mary natürlich brühwarm, daß meine Lehrerin uns keine Salamibücher geben wollte, und Mary war so empört darüber, daß sie schnurstracks in die Schule laufen, die Pulte verschmieren und Kleister in die Tintenfässer gießen wollte; zu ihrer Erleichterung beschwor ich sie aber, von dieser Protestkundgebung Abstand zu nehmen. Zur Belohnung versuchte sie, die alte Frage des perpetuum mobile zu lösen, was mich sämtliche Vorderzähne kostete.

Der Hügel hinter unserem Haus war ein herrlicher Platz zum Rodeln, und bis Mary ihre großartige Idee hatte, vergnügten wir uns damit, mit dem neuen Schlitten den Hügel hinaufzuklettern, dann hinunterzuschlitteln, daraufhin wieder hinaufzukraxeln, abermals hinunterzusausen und so fort. Doch plötzlich, als wir gerade wieder am Fuß des Hügels angekommen waren, hatte Mary ihre Eingebung. Sie lief in den Keller, und als sie wieder zum Vorschein kam, hielt sie die Kleiderstange in beiden Händen.

«Ich habe eine fabelhafte Idee, Betsy», verkündete sie. «Oben auf dem Hügel setzen wir uns beide auf den Schlitten, und ich halte die Stange ausgestreckt vor uns.» Die Stange war ungefähr zweieinhalb Meter lang. «Wenn wir runtergesaust kommen, prallt die Stangenspitze gegen das Haus, und der Stoß schiebt uns rückwärts den Hügel wieder hinauf. Auf diese Weise können wir Sitzenbleiben und die ganze Zeit hinauf- und hinuntersausen, immer wieder, ohne absteigen und klettern zu müssen.»

Es hörte sich wirklich wie ein blendender Plan an, und als wir wieder oben bei dem Schuppen standen, setzte ich mich auf den Schlitten, stemmte die Füße gegen die Steuerhebel, und Mary setzte sich hinter mich und hob die Stange, die wir beide lang vor uns ausgestreckt hielten, in genauer Höhe meines Mundes. Dann kommandierte Mary «Los!» und stieß uns mit den Füßen ab, und wir glitten im Schwung den Hügel hinunter. Was nachher kam, entzieht sich meinem Bewußtsein. Ich kam bald wieder zu mir und begann Blut und Zähne auf den hartgefrorenen Schnee zu spucken, denn die Stange hatte insofern die in sie gesetzten Erwartungen erfüllt, als sie mit voller Wucht gegen die Hauswand geprallt war. Nur hatte der Rückschlag sie in Abweichung vom Programm in meinen Mund befördert.

«Oh, Betsy, sei nicht böse! Es tut mir schrecklich leid», sagte Mary, und sie war so blaß, daß die Sommersprossen, die sie auch im Winter hat, wie dunkle Löcher auf der hellen Haut aussahen. Und es tat ihr wirklich leid, denn sie schenkte mir zum Trost ihr Salami-Buch. Es war nicht so schlimm mit den Zähnen, weil es doch sowieso meine ersten waren.

Das nächste Opfer von Marys Eingebungen war mein Bruder Cleve, damals ein kräftiger kleiner Bursche von fünf Jahren mit einem roten Haarschopf und wohlbegründetem Mißtrauen gegen seine Schwester Mary und deren ebenfalls rothaarige Busenfreundin Marjorie.

Die Sache trug sich an einem schönen Sonnabendnachmittag im Frühling zu. Wir spielten Zirkus, oder besser gesagt, Mary und Majorie spielten die Zirkusdirektoren mit Cleve, mir und unserem Hund Snooper als widerwillige Darsteller und den Kindern aus der Nachbarschaft als zahlendes Publikum. Mutter und Gammy waren zum Tee eingeladen und hatten uns mit Sarah, unserem Dienstmädchen, allein gelassen. Sarah sollte «uns im Auge behalten», aber da sie Kinder im allgemeinen und rothaarige Kinder im besonderen haßte, bügelte sie in der Küche mit dem Rücken zum Fenster, hatte die Hintertüre abgesperrt und scherte sich keinen Deut um uns. Da es ihr nur angenehm gewesen wäre, unsere leblosen Körper bereit zum Abtransport aufgereiht zu sehen, blieb sie ungerührt von den durchdringenden Schreien und dem lauten Gebrüll, das aus dem Hinterhof drang, als Cleve und ich zur Unterhaltung der versammelten Nachbarskinder, doch stets erst nach langem, eindringlichem Zureden, die Kunststücke ausführten, die Marjorie und Mary sich phantasiereich ausdachten.

Wir waren bereits rückwärts vom Holzschopf auf einen Sandhaufen gesprungen, hatten brennende Zündhölzer in den Mund gesteckt, Rizinusöl getrunken und waren als wildverwegene Reiter auf Snoopers Rücken um den Hof gejagt, aber der Höhepunkt des Programms sollte erst kommen. Er bestand in Cleves Seiltanzakt, wobei das Seil durch den Balken ersetzt wurde, der unsere Kellertür stützte. Der Balken war nur ungefähr zwei Meter lang, aber die Kellerstiege war sehr steil und sehr dunkel, und es gab nichts, woran man sich hätte halten können.

«Will nicht», erklärte er dickköpfig. «Aber Cleve», schmeichelten Mary und Marjorie, «möchtest du denn nicht als das mutigste Kind in der ganzen Nachbarschaft berühmt werden?»

«Nein», erwiderte Cleve ohne zu zaudern und tätschelte Snooper. «Schau, Cleve, ich mache es dir vor», und Mary tänzelte mit langen, beschwingten Schritten über den Balken, vor und zurück und wieder vor. Es sah wirklich nicht so schlimm aus. «Warum tust du's denn nicht selbst für den Zirkus?» erkundigte sich Cleve mißtrauisch. «Weil ich doch der Ansager bin. Man kann nicht Ansager und Akrobat sein», entgegnete Mary. «Und warum macht's Marjorie dann nicht?» fragte Cleve weiter. «Weil Marjorie die Billette abnehmen muß.» Mary war nicht um Antworten verlegen. «Du und Betty, ihr seid die Artisten. Also komm jetzt, mach keine Geschichten.» «Ich will nicht», bockte Cleve. Daraufhin versprachen Marjorie und Mary, ihm fünfundzwanzig Cents von den Einnahmen zu schenken, und das gab den Ausschlag. Für fünfundzwanzig Cents konnte man dreißig Zuckerstengel kaufen. Für fünf Cents gab es deren sechs, und für Zuckerstengel waren wir zu allem bereit.

«Meine Daaamen und Herrrren!» hub Mary mit weittragender Stimme an. «Sie werden nun diesen kleinen Jungen sehen, wie er auf einem Seil todesmutig diese dunkle, tiefe Schlucht überquert, in der es von Schlangen wimmelt.» Sie deutete mit dramatischer Geste auf Cleve, der oben am Ende des Balkens bereitstand und sich an der geöffneten Kellertüre festhielt. Die fünfundzwanzig Cents hielt er fest umklammert in seiner Faust. Zweifelnd blickte er erst auf Mary und dann auf den schmalen Balken vor sich. Marys geniale Ausschmückung von den in dunkler Tiefe wimmelnden Schlangen war nicht dazu angetan, seinen Unternehmungsgeist anzustacheln. Aller Augen waren auf ihn gerichtet, als er sich plötzlich entschloß, den Seiltanzakt doch nicht auszuführen. Er setzte sich nieder und traf Anstalten, die Kellertür hinunterzuklettern auf den sicheren Erdboden.

«Schauen Sie, meine Daaamen und Herrren», fuhr Mary mit gesteigerter Lautstärke fort «Dieser kleine Junge hat sich herumgedreht, damit er die sich windenden, grauenhaften Schlangen in der düsteren Tiefe nicht sieht. Doch er ist der mutigste Seiltänzer der ganzen Welt, und er wird jetzt auf diesem Balken die gefährliche Tiefe überschreiten – sonst kriegst du die fünfundzwanzig Cents nicht», zischte sie sotto voce Cleve zu.

Cleve sah erst die fünfundzwanzig Cents an und dann den Balken. Schließlich faßte er sich ein Herz und machte sich daran, den Seiltanzakt auszuführen. Seine dicken Beinchen schwankten bedenklich, und seine Arme rotierten in der Luft wie Windmühlenflügel, als er sieh bemühte, Gleichgewicht zu halten. Genau in der Mitte des Balkens und gerade, als Mutter heimkam, fiel er hinunter und landete mit dem Rücken auf der Kellertreppe.

Mutter trug ihn sofort ins Haus und steckte ihn in ein heißes Bad, und als der Arzt kam, prüfte er Cleves Reflexe und sagte, es sei alles in Ordnung und Cleve habe keine inneren Verletzungen erlitten; aber es dauerte doch eine geraume Weile, bis mein kleiner Bruder wieder dazu zu bringen war, an der Ausführung irgendeines der vielen verrückten Pläne Marys teilzunehmen. Seine ablehnende Haltung versteifte sich noch, als er entdeckte, daß er beim Fallen die fünfundzwanzig Cents verloren hatte und sie nicht mehr finden konnte.

Ich muß leider feststellen, daß ich damals kein besonders intelligentes Kind gewesen bin, denn kaum ein Jahr nach dem Vorfall mit Cleve – ich war sieben Jahre damals – überredeten Mary und Marjorie mich, vom Heuboden über unseres Nachbarn Stall auf einen Heuhaufen hinunterzuspringen, den sie achtlos über einem Rechen zusammengefegt hatten.

Wir spielten damals mit Vorliebe Varieté, da Mary und Marjorie vor kurzem zum erstenmal ins Varieté mitgenommen worden waren und nun, unterstützt von dem sagenhaften Joe Doner, Wunderdinge von dort erzählten. Besondere Attraktionen waren anscheinend der Vogelmensch und der Mann, der Stahlkugeln auf den Ohren balancierte, gewesen. Ich war nicht imstande, Stahlkugeln auf den Ohren zu balancieren, doch Betty, «der menschliche Vogel, der kühnste Springer aller Zeiten» konnte ich nach Marys Überzeugung sein, und als Folge dieser Überzeugung stand ich an einem herrlichen Sommermorgen zitternd und bebend neben der offenen Falltüre des Heubodens. Ich war nicht mehr als drei oder dreieinhalb Meter vom Erdboden entfernt, aber ich werde nie vergessen, wie schwindelnd hoch mir mein Standplatz vorkam.

Big Butte, ein erloschener Vulkan, der uns stets als der höchste Berg der Welt erschienen war, erhob sich vor mir. M – 1915 stand in riesiger weißer Schrift auf die dunkle Felswand geschrieben. Die Schüler der Minenschule, an der mein Vater lehrte, hatten die Inschrift verfaßt. Ich konnte die Minenschule sehen. Ich konnte unsere Köchin Mary sehen, wie sie Wäsche im Hof aufhängte. Ich konnte unzählige sonnenüberglänzte blaugrüne Berggipfel sehen, und ich sah Mary, die auf dem Platz vor der Scheune herumspazierte, mit einem Stock auf mich deutete und dazu posaunte: «Meine Daaamen und Herren! Schauen Sie dort hinauf und sehen Sie Betty, den menschlichen Vogel, das mutigste Kind der Welt, nur sieben Jahre alt und verwegen genug, von diesem Riesengebäude auf dieses kleine Häufchen Stroh herunterzuspringen.»

Ich sah auf das Strohhäufchen hinunter, und es war wirklich sehr klein. «Das ist nicht genug Stroh», erklärte ich, vom Rand der Falltüröffnung wegstrebend. «Klar ist´s genug», erwiderte Mary und ließ ein paar Strohhalme durch die Finger gleiten, als könnte mich das von ihrer Menge überzeugen. «Mehr wollte uns Mr. Murphy nicht geben», setzte sie in einem Anflug von Ehrlichkeit hinzu. «Los, Betty, spring! Du wirst sehen, wie wunderbar es ist!»

Mein Magen wurde zu einem Eisklumpen, und mein Herz schien sich in meinen Kopf verirrt zu haben. «Bum! Bum! Bum!» machte es direkt hinter meinen Augen. Mary hatte mir ehrenwörtlich versichert, daß ich wie der Vogelmensch springen lernen könnte, wenn ich nur oft genug und genügend hohe Sprünge übte. Sie hatte das Training begonnen, indem sie mich vom Gartenzaun springen ließ, dann kam das Dach des Holzschuppens und das Geländer unserer Veranda. Mit der Zeit verschwand zwar meine Angst etwas, aber daß ich sanfter gelandet wäre, konnte ich nicht behaupten. Ich müsse von genügender Höhe hinunterspringen, behauptete Mary, dann würde mich ein Gefühl überkommen, als segelte ich durch die Luft, und ich würde sanft wie auf Engelsflügeln niedergleiten. Dieser Sprung vom Heuschober sollte die große Gelegenheit sein. Eines stand für mich fest: Wenn sich der Traum bewahrheitete und ich wirklich sanft zur Erde niederglitt, dann würde sich auch mein anderer Traum verwirklichen, und ich würde eines Tages stolze Besitzerin tiefschwarzer Locken und eines Kleides ganz aus irischer Spitze über einem rosa Taftunterkleid, wie es die kleine Tochter des Nachtwächters hatte, sein. Dies war jedenfalls der ausschlaggebende Punkt in Marys Überredungstaktik gewesen.

«Achtung, Betsy», rief sie zu mir zitterndem Bündel hinauf. «Ich zähle jetzt, und bei zehn springst du!» Ich sah in die erwartungsvoll auf mich gerichteten Augen der versammelten Zuschauer, und Mary begann langgezogen zu zählen. «Ei-ens – zwe-i, dre-i»; ich schloß die Augen, holte tief Atem, und als ich «ze-hen» hörte, sprang ich. Ich glitt nicht sanft wie auf Engelsflügeln nieder, ich prallte unsanft auf das Häufchen Stroh, und zwei der spitzen Zähne des verborgenen Rechens drangen in meinen Fuß. Mary und Marjorie waren ehrlich erschrocken über ihre Fahrlässigkeit und trugen mich heim, das heißt, Mary trug mich, während Marjorie den Stiel des Rechens hielt, der ein Teil von mir geworden war.

Als wir heimkamen, rief Mutter gleich den Arzt an, und während wir auf ihn warteten, mußte ich meinen Fuß in heißem Emser Wasser baden, und Gammy stand kopfschüttelnd dabei und erklärte: «Kinder sind Wilde, weiß Gott, und ich würde mich gar nicht wundern, wenn man Betsy die Füße abschneiden müßte.»

«Nicht beide», tröstete Mary, «bloß einen.»

Bis zu diesem Augenblick hatte ich mich sehr tapfer gezeigt, aber das ging über meine Kraft. «Ich will keinen Fuß abgenommen kriegen», weinte ich, «und dann bloß noch mit einem Fuß Schlittschuh laufen müssen.»

«Mach dir nichts draus», tröstete Mary. «Wir lassen einen niedlichen kleinen Schlittschuh für deine Krücken machen, und im Winter zieh ich dich auf einem Schlitten in die Schule.» Zu ihrer Verblüffung weinte ich nur noch lauter.

Dann kam der Arzt, untersuchte meinen Fuß und gab mir eine Tetanusspritze, und als mein Vater heimkam, untersuchte auch er meinen Fuß und verabreichte meiner Schwester Mary eine Tracht Prügel mit der borstigen Seite der Bürste. Mutter wischte mir die Tränen ab, versicherte mir, daß weder meine Füße noch meine Beine amputiert werden müßten und nannte Gammy eine alte Pessimistin, was Mary und mich sofort in gute Laune versetzte, weil wir dachten, Pessimist sei ein verpöntes Wort wie Bastard.

Meine nächste Erinnerung daran, wie ich das Versuchskaninchen für Mary abgab, stammt aus einem kleinen Ort in den Bergen, ganz in der Nähe einer außer Betrieb gesetzten alten Mine. Wir waren auf Besuch bei Freunden und wurden gleich am ersten Tag gewarnt: «Geht um Himmels willen nicht in die Nähe der Mine. Es gibt keinen gefährlicheren Ort für Kinder als eine Mine und nun gar eine stillgelegte Mine mit dunklen, tiefen, halb verfallenen Schächten und verrosteter, brüchiger Maschinerie.» «Wir machen einen weiten Bogen um die Mine», versprachen wir, und das taten wir auch.

Wir wateten in der Bucht; wir angelten; wir suchten Blutegel und setzten sie an unseren Beinen an, weil Mary behauptete, dies reinige uns innerlich. Wir pflückten Blumen und schnitzten mit unseren Taschenmessern Weidepfeifchen; wir waren auf der Hut, nicht auf Klapperschlangen zu treten oder Stieren auf der Weide in die Quere zu kommen, und wir machten einen weiten Bogen um die verlassene Mine.

Und dann beschlossen Mary und ich eines schönen Tages, Heidelbeeren pflücken zu gehen. In derbe Arbeitshosen gekleidet, Strohhüte auf dem Kopf und jede einen kleinen Eimer mit Deckel schwingend, machten wir uns auf den Weg. Es war ein herrlicher Tag. Die Sonne brannte, und die Luft war erfüllt vom süßen Geruch warmer Tannennadeln und reifer Heidelbeeren. Wir entdeckten bald, daß wir uns unter die Heidelbeerbüsche auf den sonnendurchwärmten Boden legen und die Beeren von den Zweigen in unsere Eimerchen streifen konnten. Wir rutschten von einem Busch zum anderen und freuten uns unseres Lebens.

Und dann sah Mary die Gleitbahn. «Was ist das für eine komische Rinne?» fragte sie und rollte herum auf den Bauch und schaute den Bergabhang hinunter. Es sah wie ein grauer verwitterter Drache aus, der sich den Berg hinunterschlängelte. Wir beschlossen, der Sache auf den Grund zu gehen, stülpten die Deckel auf unsere Eimerchen und trollten uns hügelabwärts.

Die Rinne, einst dazu erstellt, um Wasser in die Mine hinunterzubefördern, war ursprünglich von starken, hochbeinigen Holzböcken gestützt worden. Da wo wir standen, hatte ein Erdrutsch den Stützen den Boden entzogen. Die Rinne war gebrochen, und der untere Teil zog sich nun wie eine Riesengleitbahn den Bergabhang hinunter. Die Innenseite hatte sich vom Wasser grünlich gefärbt und war heiß von der prall darauf scheinenden Sonne und schlüpfrig wie eine Eisbahn durch die unzähligen dürren Tannennadeln, die hineingeweht waren.

Seite an Seite knieten wir nieder und starrten in die dunkle Röhre. Sie schien in die Unendlichkeit zu führen. Von unserem Standort aus schien sie überhaupt kein Ende zu nehmen; sie wurde enger und enger und sah in weiter Feme nur noch wie ein dunkler Punkt aus. Mary rief «Ahhhhhh! Ohhhhhh!» hinein, und ihr Ruf wurde dröhnend zurückgeworfen. Plötzlich richtete sich Mary ein wenig auf und sagte mit vor Erregung zitternder Stimme: «Was für eine fabelhafte Rutschbahn! Eine Riesenrutschbahn!»

Ich sagte nichts, aber ich spürte ein sonderbares Kribbeln im Magen. Wortlos zog ich mich von der Rinne zurück und ließ mich auf einem Felsblock in der Sonne nieder. Kleine Steinchen, von meinem Fuß in Bewegung gebracht, kollerten den Berg hinunter. Hoch am Himmel, in der hellen blauen Weite, zog ein Adler langsam seine Kreise. Mary, die noch immer vor der Rinne kniete, beugte sich kopf-voran in die Öffnung, hielt sich aber an beiden Seiten fest und sagte: «Du müßtest bäuchlings rutschen», während sie ihren Umfang und den Durchmesser der Rinne abschätzte.

«Was meinst du mit ‹du›?» erkundigte ich mich mißtrauisch. Mary verzichtete auf eine Antwort.

«Papa hat gesagt, Gleitschächte seien gefährlich», erklärte ich und rutschte ein wenig weiter weg.

«Aber doch nicht solche, Betsy!» erwiderte Mary mit zuckersüßer Nachsicht. «Gleitschächte, die in Bahndämmen oder bei Wasserfällen enden, sind natürlich sehr, sehr gefährlich, aber dieses alte Ding hier ist ganz harmlos.» Und sie tätschelte die Rinne wie einen alten Hund. «Schau doch mal her, Betsy.»

Widerstrebend näherte ich mich, kniete von neuem nieder und starrte in den unendlichen grünen Tunnel. Die Geschichte wirkte schon weniger unheimlich. Jedenfalls war alles still und von tosenden Wassern nichts zu hören.

«Komm, wir rutschen ein Stückchen hinunter und kriechen dann wieder herauf», schlug Mary vor.

«Geh du als erste», sagte ich nicht sehr begeistert.

«Aber Betsylein!» wandte Mary schmeichelnd ein. Betsylein pflegte sie mich immer dann zu nennen, wenn sie im Sinn hatte, mich zur Ausführung irgendeiner ihrer unbehaglichen Ideen zu überreden. «Ich bin doch viel stärker und größer als du. Da ist's doch besser, ich bleibe draußen und halte dich an den Füßen fest.»

«Geh du als erste», wiederholte ich hartnäckig.

«Du wirst sehen, das ist der größte Spaß, den wir je gehabt haben», lockte Mary. «Zip — und wie ein Zug durch den Tunnel sausen wir hinunter, und bevor wir's uns versehen, sind wir unten angelangt. Hand aufs Herz, Betty, daß du keiner Menschenseele ein Wort von unserer Rutschbahn erzählst.»

Gehorsam legte ich die Hand auf mein dumpf pochendes Herz, und im gleichen Augenblick hatte ich das seltsame Gefühl, dies alles schon einmal erlebt zu haben. Marys Augen funkelten. «Wir gehen mal mit Gammy und Cleve hierher, und wenn sie gerade nicht gucken, flitzen wir in unsere Rutschbahn, und wenn sie uns dann suchen, tauchen wir unten am Berg wieder auf.»

Wieder blickten wir in den dunklen Schacht. Daß Mary das Ding als «unsere Rutschbahn» bezeichnete, machte es ein bißchen weniger unheimlich. Auch schien der Schacht nicht mehr gar so dunkel und furchterregend.

«Angenommen, ein Bär ist hinter uns her, oder wir wollen irgend jemandem entwischen, brauchen wir bloß in unsere Rutschbahn zu springen, und wir sind sicher.»

«Aber wo kommt man raus?» erkundigte ich mich mißtrauisch.

«Ach, wahrscheinlich bei einem Sandhaufen», erwiderte meine Schwester sorglos. Einen Sommer hatten wir bei einer nicht mehr benützten Erzrutsche gespielt, und am Ende dieser Rutsche war ein Sandhaufen gewesen. Doch daran dachte ich im Augenblick nicht. Ich war überzeugt, daß Mary wußte, wo «unsere Rutschbahn» endete.

«Woher weißt du das?» wollte ich jedoch vorsichtshalber wissen, aber Mary wich dieser präzisen Frage aus. Sie blickte zu einer hohen Tanne, die in der Nähe wuchs, und meinte sinnend: «Ob sich wohl da ein Seil befestigen läßt, an dem wir uns wieder heraufziehen können?»

«Oh, Mary, vielleicht können wir so eine Ziehvorrichtung machen wie die, an denen wir Nachrichten über die Straße schicken», fiel ich begeistert ein.

«Das ist eine großartige Idee», lobte Mary. «Natürlich! Und dann rutschen wir hinunter, ziehen uns herauf, rutschen wieder hinunter und immer so weiter. Wir können sogar andere Kinder fahren lassen und Eintritt verlangen, wie beim Karussell» Was war ich für ein unbelehrbarer Dummkopf, daß mich die Erwähnung vom Hinauf und Hinunter nicht an unsere verunglückte Schlittenpartie erinnerte, wo der Balken uns durch den Anprall an die Hauswand den Berg rücklings hinauf schicken sollte und mir statt dessen alle Zähne einschlug.

«Los, Betsylein, mach schnell, sonst kommen Gammy und Cleve, und dann ist's zu spät. Du hast doch gehört, wie Gammy gesagt hat, sie wolle vor dem Abendbrot noch einen Spaziergang hierher machen.»

Kopf voran kletterte ich in den dunklen Schacht. «Halt meine Füße fest!» rief ich, aber es war schon zu spät. Die dürren, von der Sonne heißen Tannennadeln bildeten einen sehr schlüpfrigen Teppich. Innerhalb einer Sekunde war ich außer Marys Reichweite, und Kopf voran sauste ich den endlos langen grünen Tunnel hinunter. «Hilfe! Hilfe!» schrie ich angsterfüllt. Dumpf dröhnend echote es: «Eeelfe! Eeeelfe!» Die Gleitbahn wurde immer steiler, und ich sauste mit ständig zunehmender Schnelligkeit in die Tiefe. Der Beerenkessel an meiner Seite polterte gegen die Wand, mein Strohhut saß schief über einem Auge. «Hilfe! Hilfe!» schrie ich unablässig, aber ich war allein und verlassen meinem ungewissen Schicksal ausgeliefert. Von Mary war nichts zu hören.

Einmal blieb ich in einem eben liegenden Teil des Schachtes stecken. Mit rudernden Bewegungen versuchte ich mich vorwärtszubringen, aber ich erreichte nur, daß ich mir einen großen Splitter in die Wade zuzog. Ich probierte es mit Kriechen. Da meine einzige Aussicht war, das Ende meiner Tage in diesem dunklen Schacht abzuwarten, wenn es mir nicht gelang, irgendwo ans Tageslicht zurückzukommen, zwängte ich mich voller Verzweiflung weiter durch den schmalen Schlauch. Solange ich flach auf dem Bauch gelegen hatte, war es nicht so schlimm gewesen, aber zum Kriechen war der Durchmesser nicht groß genug. Immer wieder schlug ich mir den Kopf an, aber mit Todesverachtung kroch ich vorwärts. Plötzlich machte die Rutsche eine scharfe Biegung abwärts, und Hals über Kopf mit unerwarteter Geschwindigkeit flitzte ich abwärts und blieb schließlich an der Stelle stecken, wo die altersschwache Gleitbahn entzweigebrochen war. Mit zitternden Beinen richtete ich mich auf. Direkt unter mir war die gefährliche stillgelegte Mine. Von hoch oben konnte ich Mary rufen hören: «Betsy! Betsy! Hast du dir weh getan?» während sie den Berg heruntergerannt kam, wohlverstanden außerhalb «unserer Rutschbahn».

Ich packte meinen Beereneimer und stolperte mit Beinen, die ihren Dienst noch nicht recht versehen wollten, bergaufwärts, fest entschlossen, Mary dazu zu zwingen, ebenfalls die Rutschpartie zu unternehmen. Doch da hörte ich meine Mutter nach uns rufen. «Ich komme!» schrie ich und machte kehrtum, und Mary echote von oben sehr zahm: «Ich komme.»

Der Splitter in meiner Wade war dick wie eine Stopfnadel und mindestens acht Zentimeter lang. Nach einer Weile geschickten Ausfragens fand mein Vater heraus, was geschehen war, und verbot uns streng, der Rutschbahn jemals wieder in die Nähe zu kommen.

Von diesem Zeitpunkt an war mein Leben mehr oder weniger sicher vor Marys gefährlichen Einfällen. Nur ein paar minder ernste Zwischenfälle gab es, so zum Beispiel, als sie meinem Bruder Cleve und mir einredete, Hexenkünste erlernt zu haben, uns Blut aus den Venen zapfte und kleingehackte Regenwürmer, gemischt mit Schnipseln von Fußnägeln, zu essen gab.

Kurz nach unserer Übersiedlung nach Seattle – Mary war damals zwölf und ich zehn Jahre alt – waren wir eines Tages gerade dabei, uns nach dem Schwimmen anzuziehen, als meine Schwester den Vorschlag machte, ich solle mich nackt ins offene Fenster stellen und dem Präsidenten der Eisenbahngesellschaft von Milwaukee, der mit seiner Frau bei meinen Eltern zu Besuch war und dem gerade der Garten gezeigt wurde, zuwinken. Als ich mich von dieser Demonstration westlicher Gastfreundschaft nicht so begeistert zeigte, versuchte Mary wie üblich, mich mit vielen «Betsylein» zu beeinflussen, und irgendwie im Verlauf unserer Diskussion, an der auch die Hände beteiligt waren, fiel Mary gegen das Fenster, die Scheibe zerbrach, und wir rollten beide splitternackt hinaus auf das Flachdach, mitten in die Scherben hinein und jaulend wie verwundete Hunde.

Der Präsident der Eisenbahngesellschaft von Milwaukee und seine Frau waren kinderlos und glaubten daher meine wilde Geschichte, daß ich mich beim Ausziehen in meinem Badeanzug verfangen hätte, gegen Mary gefallen sei und sie unglücklicherweise bei meinem Sturz durchs Fenster mitgerissen hätte. Sehr zahm und wohlerzogen gaben wir diese Geschichte zum besten, als wir geschmückt mit Mullbandagen über unseren verschiedenen Schnittwunden zum Tee erschienen. Mein Vater verhielt sich schweigsam und wartete, bis die viel Mitgefühl mit uns zeigenden Gäste sich verabschiedet hatten. Dann trug er uns auf, zur Strafe je fünftausend Steine aus dem Obstgarten aufzulesen und in den alten Brunnen hinter der Scheune zu werfen.

Wir hatten den fünfhundertzweiundsiebzigsten Stein in den Schubkarren geworfen und versuchten bedrückt, 572 von 10000 abzuziehen, als Mary ihre Eingebung hatte.

«Ich hole alle Kinder aus der Nachbarschaft zusammen», erklärte sie, «und dann erzählst du ihnen ‹Nancy und Plum›.» Das war eine Geschichte von zwei kleinen Waisen und ihren Erlebnissen, die ich Mary seit Jahren des Nachts im Bett erzählen mußte. «Und wenn du an die spannendste Stelle kommst, hörst du auf, und ich sage den Kindern, daß du erst weitererzählst, wenn jedes von ihnen hundert Steine aufgelesen und in den Brunnen geworfen hat.» Die Sache klappte großartig. Elfhundert Steine fanden an diesem Tag ihren Weg in den Brunnen. Die schlaueren Kinder blieben am nächsten Nachmittag wohlweislich fern, aber ich machte ihr Wegbleiben wett, indem ich zwei Spannungspausen in meine Erzählung einschaltete, so daß die sechs Dummen, die gekommen waren, je zweihundert Steine auflasen und wir im Endresultat sogar besser abschnitten als am Vortage.

Am Wochenende hatten wir über sechstausend Steine aus dem Obstgarten in den Brunnen verfrachtet. Nancy und Plum, die mit knapper Müh und Not aus dem Waisenhaus entwischt waren, hatten die abenteuerlichsten Erlebnisse hinter sich; sie waren von Zigeunern gestohlen, von Bankräubern entführt und in einer stillgelegten Mine ausgesetzt worden; sie hatten eine grauenvolle Nacht in einem Spukhaus verbracht, dann einen kleinen Jungen adoptiert, der sich als verkleideter Prinz entpuppte; sie waren auf einem Dampfer als blinde Passagiere nach China gefahren und zuletzt irgendwo bei einem seelenguten Bauern und seiner Frau gelandet, die einen Estrich voll der herrlichsten Spielsachen besaßen, und ich kam mir vor wie unser Badeschwamm, wenn er ausgedrückt war.

Meines Vaters Programm zu unserer kulturellen Erziehung schloß Unterricht in Gesang, Klavier, Französisch, Ballett und Volkstänzen ein und diente im übrigen dazu, Marys Behauptung zu bekräftigen, daß jeder alles könne, in ihrem persönlichen Falle sogar mit dem Zusatz: «ohne zu üben».

In einer beachtlichen Reihe einander folgender Klavierlehrerinnen war Miss Welcome diejenige, bei der wir es am längsten aushielten. Sie war eine gefühlvolle Europäerin, die sich die Arme bis zwei Zentimeter unter ihre kurzen Ärmel kalkweiß puderte, mit Vorliebe hellrote Kleider trug und zum Unterricht in Turbans mit wehenden Schleiern erschien. Sie roch immer nach Fisch und pflegte den Rhythmus mit ihren harten Knochenfingem auf unsere Rücken zu klopfen. Wurde sie von ihrem Temperament übermannt, wanderte sie im Zimmer auf und ab, die Schleier malerisch um ihr Haupt wehen lassend, die weiß bepuderten Arme gleich Dreschflegeln schwingend, und rief mit Kommandostimme im Takt: «Eins, zwei, drei und vier! Fühlen mußt du's! Füh-len mußt du's!» Zu unserem besonderen Entzücken brach sie manchmal ob unserer Fehler in echte Tränen aus. «Nein! Nein! Doch nicht b, sondern h!» klagte sie mit gebrochener Stimme, und bitterlich weinend schlug sie sich die Hände vors Gesicht.

Miss Welcome plagte uns nie mit Tonleitern oder Fingerübungen oder solch albernen Stücken wie «Für Kinderfinger». Wer bei ihr Unterricht nahm, begann vom ersten Tage an mit richtigen, handfesten, schwierigen Kompositionen richtiger, handfester, schwieriger Komponisten. Und wenn es den Schülern in der dritten Stunde noch nicht gelang, zum Beispiel die schnellen Läufe oder die vollen Akkorde Rachmaninoffs Prélude in cis-moll vom Blatt zu spielen, strich Miss Welcome ohne mit der Wimper zu zucken die betreffenden Stellen. Mit derselben Kaltblütigkeit strich sie die tiefen oder hohen Töne eines Akkords, den unsere Finger nicht zu spannen vermochten. «Versucht jetzt», befahl sie dann, und wenn es immer noch nicht klappen wollte, zückte sie den stets bereiten Bleistift und verurteilte den gesamten schwierigen Teil der Komposition zum Verschwinden. «Nun aber mit Gefüüüüüüüühl!» hieß es, und angespornt von unserer freudigen Erleichterung, hieben wir auf die Tasten und legten Gefühl in den kläglichen Rest der verbliebenen Noten.

Da ich lange, dünne Finger hatte und mich schrecklich vor Miss Welcome fürchtete und es bei fast jeder Stunde zu Tränenausbrüchen bei mir kam, behauptete Miss Welcome, ich sei besonders empfindsam, und suchte lauter traurige Stücke mit riesigen Akkorden und weit gespannten Griffen aus. «Eins, zwei, drei und vier!» kommandierte sie. «Los Betty, was ist denn das? Spiel jetzt!» Und ich plärrte weinerlich: «Ich kann die Akkorde nicht greifen», und versuchte, mit meinen Spinnenfingern eine Oktave zu überspannen, wie Schumann dies so einsichtslos vorschrieb. «Du kannst und du mußt!» zischte Miss Welcome in mein tränenüberströmtes Gesicht, und ich versuchte es immer und immer von neuem. Ich übte täglich stundenlang meine traurigen, schwierigen Stücke mit steigender Verzweiflung und immer weniger Lust. Mir lag nichts an diesen gedehnten, langweiligen Kompositionen mit ihren nicht zu meisternden Akkorden. Ich wollte wie Mary sein, die Miss Welcome unverdrossen widersprach, zu Hause kaum jemals eine Taste anrührte, alles nach Gehör spielte (Noten zu lesen lernte sie erst nach ihrer Heirat), sich ihre Bravourstücke selbst aussuchte und mit ihren kleinen, sommersprossigen Händen wie ein geölter Blitz über die Tasten fuhr. Wenn ich jetzt zurückdenke, muß ich gestehen, daß meine Schwester Mary auf dem Gebiet der Potpourris wahre Pionierarbeit geleistet hat.

Wenn wir Gäste hatten, führten wir Kinder gewöhnlich unsere Künste vor. Als erste präsentierte sich Dede, die schon mit zwei Jahren sehr sicher «Land meiner Väter» singen konnte, als zweiter kam Cleve an die Reihe. Bis seine Klarinettenkenntnisse soweit gediehen waren, daß er ein Solo zum besten geben konnte, rezitierte er Gedichte. Den Abschluß der Vorführung bildeten Mary und ich am Klavier.

Ich spielte mit schweißigen Fingern und ohne jede künstlerische Inspiration das letzte traurige, schwierige Stück, das Miss Welcome mir eingepaukt hatte, und ich gab es getreulich wieder, Note für Note, wie es geschrieben war und wie ich es zu spielen gelernt hatte. Sogar die Handgelenke hielt ich laut Miss Welcomes Ermahnung gesenkt, und ich drückte fest auf die Tasten, was dem Ton mehr Fülle geben sollte. Ich konnte meine Stücke stets auswendig und machte nie einen Fehler, aber das beeindruckte niemand, wie sich an dem nervösen Stuhlrücken, dem Zeitungsrascheln und Hüsteln merken ließ, das in den von Miss Welcome vorgeschriebenen langen dramatischen Pausen beängstigend hörbar wurde. «Sehr hübsch, Betsy», lobte Mutter, wenn ich endlich eines dieser langweiligen Dinger, bei denen sich stets dasselbe Thema mit wechselnder Auflösung wiederholt, hinter mich und die gequälten Zuhörer gebracht hatte.

Dann kam Mary dran. Heiter und unbeschwert setzte sie sich ans Klavier und legte hemmungslos und mit Schwung Griegs «Carneval», «Danse nègre», «Anitras Tanz», «Le Papillon» oder «Frühlingsrauschen» hin. Jedermann rief lobend: «Nein, wie begabt!» und nur ich bemerkte, daß jedes Stück stark mit Eigenheiten des anderen durchsetzt war und alle gemeinsam starke Vergewaltigungen der Komponistin Mary Bard aufwiesen.

Miss Welcome machte kein Hehl daraus, wie sehr sie Mary bewunderte, selbst wenn Mary mit Trompetenstimme sprach und steif und fest behauptete, Grieg habe diese Stelle in der Chopin Passage in Beethovens «Pathétique» komponiert, und zu guter Letzt behielt Mary immer die Oberhand.

Als die Eltern uns zu einem Konzert mitnahmen und wir de Pachmann die dritte Ballade von Chopin spielen hörten, waren wir so begeistert, daß Mary beschloß, dieses Stück beim nächsten Frühlingsvorspielen zum besten zu geben. Da das Vorspielen in einem Monat stattfinden sollte, war Miss Welcome etwas skeptisch und meinte: «Du bist sehr, sehr begabt, Mary, aber die dritte Ballade von Chopin ist schrecklich schwer, und die Zeit ist kurz.» «Ich werde vier Stunden täglich üben», verhieß Mary. «Das ist nicht genug», wandte Miss Welcome ein. «Zehn Stunden, zwölf Stunden, sechzehn Stunden», erhöhte meine Schwester großzügig ihr Angebot, und dann bedurfte es keiner großen Überredungskünste unsererseits mehr, bis Miss Welcome sich vor dem Klavier niederließ und uns die dritte Ballade vorspielte. In technischer Hinsicht konnte sie de Pachmann nicht das Wasser reichen, aber was dramatischen Ausdruck betraf, war sie ihm haushoch überlegen. Bei den lyrischen Stellen streichelte sie die Tasten, als wären es junge Hunde, aber wenn sie dann zum ta-ta… ta-ta… ta-ta, ta, tata, ta kam, hob sie die Hände einen Meter hoch und traf dann beim schwungvollen Herunterkommen zwar nicht immer die richtigen Tasten, aber der Gesamteindruck war sehr wirkungsvoll und ohne Zweifel staccato. Ans Forte ging sie mit letzter Kraftreserve und viel Pedal und unterstrich die Wirkung noch mit gefühlvollem Stöhnen und stoßweisen Atemzügen. Um Miss Welcome nicht in ihrem Künstlerstolz zu verletzen, erstickten wir unser Lachen in den modrig riechenden, dicken Samtportieren.

Während des folgenden Monats las ich die Noten, und Mary paukte sie sich ein, und als es zum Vorspielen kam, kannten wir beide die Dritte Ballade in- und auswendig. Mary gab eine glanzvolle Darbietung, abgesehen vom Auslassen einiger Läufe und der gesamten schwierigen Passage kurz vor dem Schluß, wo die linke Hand die Tasten auf- und niederrasen muß, während die rechte Hand die Melodie spielt. Miss Welcome, längst unempfindlich für das Auslassen wichtiger Stellen geworden, sprang begeistert auf, segelte auf Mary zu, küßte sie auf beide Wangen und rief entzückt: «Ich habe nicht geglaubt, daß du's schaffen wirst!»

Ich für meinen Teil war nicht so sicher, daß sie es geschafft hatte.

Gesangsstunden hatten wir bei der Schwester unseres Sonntagsschullehrers, das heißt, Mary lernte singen, und meine Aufgabe war es, sie zu begleiten. Da wir aber stets zusammen anzutreten hatten, nannten wir es «unsere Gesangsstunde».

Mrs. Potter hatte eine äußerst voluminöse Altstimme. Der Ton war allerdings sehr gaumig, und es hörte sich stets an, als sänge sie mit stark verschleimter Kehle. Sie galt als ausgezeichnete Lehrerin und kannte Madame Schumann-Heink persönlich, was sie in jeder Stunde mindestens zehnmal anbrachte.

«Paßt auf mein Zwerchfell auf!» befahl sie, und dann ging es los. «Bröng möch suröck noch Vörginia, wo dö Baumwolle önd söße Körtöffeln gedeihen…»

Anfänglich wollte Mrs. Potter unbedingt auch mir das Singen beibringen, aber ich hatte lange mit den Mandeln zu tun gehabt, und da fand meine Mutter es besser, mich nur meine Schwester begleiten zu lassen. Für ein Weilchen gefiel mir das ganz gut.

«Wenn die Morgenröte am Himmel flammt, ach, wie lie-hieb ich di-hich, wie lie-hieb ich di-hich», sang Mary mit hingebungsvollem Schmalz unserem Vetter Reginald Cox ins Ohr. Der Arme porträtierte zu jener Zeit meine Mutter und mußte sich als Vergeltungsmaßnahme Marys Gewinsel anhören. Mich dünkte Marys Wiedergabe von «In der Morgendämmerung» das schönste, was es überhaupt auf dem Gebiet des Gesanges geben konnte, und dementsprechend war ich jedesmal zu Tränen gerührt.

Ich war damals zehn, Mary zwölf Jahre alt, und Romantik spielte eine große Rolle in unserem Leben. Doch gingen unsere Auffassungen von Romantik getrennte Wege. Während ich am liebsten immer «In der Morgendämmerung» gespielt hätte, so oft wir aufgefordert wurden, unsere Künste zu präsentieren, neigte Mary mehr dazu, sich in Mutters spanischen Schal zu wickeln und durch aufeinandergebissene Zähne zu singen: «Wen'ger als der Staub unter deinen Fü-hüßen; wen'ger als der Rost, der nie dein Scha-wert befleckt». Zu jener Zeit entwickelte sie eine besondere Vorliebe dafür, eigene Worte zu eigenen Melodien vorzutragen, und ich, als phantasiearme Begleiterin am Klavier, fegte hektisch über die Tasten, wechselte Tonart, Tempo und Rhythmus und erkannte schließlich, daß ich trotz aller Bemühungen über eine Seite zurückgeblieben war. Hielt ich dann inne und zeigte Mary, wo sie war und wo ich war und was sie gesungen und was ich gespielt hatte und was sie hätte singen sollen, dann fühlte sich die große Künstlerin beleidigt, seufzte vernehmlich und hub mit gequälter Miene von vorne an.

In jener kulturbeflissenen Epoche unserer Kindheit begann mein Bruder Cleve von seinen Schwestern als von «den blöden Gänsen» zu reden. Er brachte ein riesiges Schloß an seiner Schlafzimmertüre an, füllte die unterste Schublade seiner Kommode mit Patronenhülsen, lutschte kiloweise Hustenbonbons und verbrachte jede freie Minute in der Gesellschaft des Chauffeurs vom Autobus der Laurelhurst Linie.

Eines Tages, als Mary und ich gerade mitten in einer besonders gelungenen Vorstellung drin waren, kam Gammy ins Zimmer gefegt, unterbrach unsere künstlerische Darbietung, hielt meiner Mutter anklagend einen Armvoll leerer Hustenbonbonschachteln vor die Nase und erkundigte sich in unheilschwangerem Tone, ob es meine Eltern vielleicht interessiere, daß Cleve sich zum Opiumsüchtigen entwickelt habe, während Mary sich halbnackt (das bezog sich auf den spanischen Schal) in lüsternen Liedern erginge.

Bald darauf meldete sich Mary bei einem Wettbewerb für Vortragskünstler und gewann den ersten Preis.

«Das Mädchen gehört auf die Bühne», behauptete unsere Putzfrau, Mrs. Watson, als sie zum erstenmal Zeuge von Marys hochdramatischem Vortrag wurde, und ich teilte ihre Ansicht. Was Mary auch deklamierte, es klang mitreißend und unerhört schwungvoll, und so war ich begeistert, als sie sich anerbot, mich in die Schule zu nehmen.

Nachdem sie mich von jedem nur möglichen Gesichtspunkt aus beobachtet hatte, stempelte sie mich zum «niedlichen» Typ. Wie sie darauf kam, ist mir schleierhaft, denn ich war zu jener Zeit spindeldürr, hatte eine grünliche Gesichtsfarbe, trug einen das Haar straff zurückhaltenden Rundkamm und den Mund voller Goldklammem, die meine Zähne in Reih und Glied bringen sollten. Ob es reine Freundlichkeit von Mary war oder sie nur einem Wunschbild Ausdruck gab, weiß ich nicht – jedenfalls tat mir ihr Urteil sehr gut, und mein Selbstbewußtsein hob sich merklich.

Meine erste auf «niedlich» zurechtgemachte Vortragsnummer war «Annie, das Waisenkind». Mary dressierte mich darauf, die Lippen wie ein Ubangineger vorzuwölben, die Stirn zu krausen, mit den Augen zu rollen, mit dem ausgestreckten Zeigefinger zu wackeln und dazu in der Klein-Kinder-Sprache zu sagen: «Wart nur, wart nur, wenn du nicht artig bist, holt dich der schwarze Mann», und weil Mary es niedlicher fand, mußte ich anstatt artig «ahtig» sagen, und bei der nächsten Zeile, die lautete: «Und dann sagte der Schreiner ein sehr häßliches Wort; er sagte: Zum Teufel!» fand meine Lehrerin es angebracht, anstatt Teufel «Teifel» zu sagen.

Dem Rest der Familie gingen meine «niedlichen» Deklamationen entsetzlich auf die Nerven, und sie verheimlichten ihr Mißfallen nicht im geringsten; aber in der Schule hatte ich großen Erfolg. Ermuntert paukte ich mir noch weitere Gedichte in der Baby-Sprache ein, und Mary, die sehr stolz auf ihre Schülerin war, schleppte mich zu ihrer eigenen Lehrerin in Vortragskunst, die sich meine Darbietung gequält anhörte und dann höflich riet, ich solle weiter üben, was wir als Kompliment auffaßten.

Vortragskunst für junge Leute stand damals hoch in Blüte, und viele unserer Freundinnen und Freunde rezitierten ganze Kapitel beliebter Bücher auswendig. Sicher hätte ich dieses Studium auch auf genommen, wäre nicht in jenem Jahr mein Vater gestorben, was unseren verschiedenen Stunden, bis auf Ballett und Klavier, ein jähes Ende setzte. Was mich betraf, so hätte ich auch dem Klavier- und Ballettunterricht keine Träne nachgeweint.

War etwas mit sehr kleinen, festen Stichen genäht, so wurde es von Gammy als «zusammengebacken» bezeichnet. Zusammengebacken kam ich mir in den Ballettstunden vor. Wenn die anderen Mädchen Arabesken vollführten, daß es aussah, als seien sie Vögel im Fluge, wackelte ich unsicher auf einem Bein, und das andere, dessen Aufgabe es war, pfeilgerade zur Decke zu zeigen, hing schief und lahm herunter wie ein gebrochener Flügel. Standen wir an der Stange, dann zog und reckte und streckte ich meine Glieder, aber starr und unbiegsam wie Röhren widerstrebten sie jeder graziösen Bewegung, und ich schien auch weniger Gelenke zu haben als die übrigen Schülerinnen. Doch trotz aller Schwierigkeiten schaffte ich es schließlich, auf meinen Zehen stehen zu können, und in Ausübung dieser Kunst durfte ich in vielen Vorführungen der Schule mitwirken.

Bei einer Vorführung unserer Klasse traten wir in kurzen Röckchen aus gefältelter Seide auf; Streifen des gleichen Stoffes waren um die Stirn und eine Schulter geschlungen, doch sehr geschickt so angeordnet, daß unsere knospenden Busen verhüllt wurden. Wir stellten griechische Knaben dar und sollten den Zuschauern den Eindruck von Gladiatoren auf Triumphwagen vermitteln. Zu jenem Zeitpunkt waren wir bereits ziemlich fortgeschrittene Schüler; der Tanz erntete großen Erfolg, und wir wurden eingeladen, unsere Vorführung bei irgendeiner Feier des Heeres und der Marine in Woodland Park zu wiederholen.

Natürlich willigten wir freudig ein. Am Abend der Vorstellung jedoch waren wir kaum als angebliche Gladiatoren in wilden Sprüngen auf die Bühne gehüpft, als sich der um die Schulter geschlungene Streifen an Marys Kostüm löste, und das Publikum nicht umhin konnte zu bemerken, daß zumindest einer der Gladiatoren kein griechischer Knabe war. «Dein Schulterstreifen ist abgerissen!» zischte ich Mary warnend ins Ohr, aber sie sprang, tanzte und wirbelte weiter, und erst am Ende, als wir den Applaus der Zuschauer mit leutseligem Verbeugen entgegennahmen, ließ sie sich herbei, ihr Kostüm in Ordnung zu bringen. Ich war außer mir. «Bist du dir im klaren, Mary, daß du vor all den Leuten mit halbnacktem Busen herumgehüpft bist?» Nachsichtig lächelnd erwiderte sie mir: «Glaubst du, die Pawlowa oder Isidora Duncan hätten wegen eines zerrissenen Trägers ihren Tanz unterbrochen? Was auch zerreißt, die Vorstellung muß weitergehen, meine Liebe.» Unsere Lehrerin wie auch Heer und Marine waren sehr erfreut über Marys Verhalten. Die Begeisterung bei den anwesenden Mitgliedern von Heer und Marine ging sogar so weit, daß sie nach einer Wiederholung des Tanzes brüllten, die allerdings nicht stattfand, aber unsere Lehrerin sang vor den versammelten Schülerinnen Marys Loblied und pries sie als den Inbegriff einer wahren Künstlerin.

Dann kamen wir in die höheren Klassen, und Mary vertauschte das Ballett mit emsiger Tätigkeit für den Mädchenklub, für von der Schule veranstaltete Theateraufführungen, für Vortragsabende und Opernvorstellungen. Wo es nur irgend möglich war, segelte ich in ihrem Fahrwasser. Einmal war es meine Rolle, aufs Stichwort aus einer riesigen Standuhr zu springen und einen Schleiertanz zu vollführen, ein andermal durfte ich nur in der Tanzgruppe mitmachen.

Mit der Zeit reifte in mir die Überzeugung, daß Mary wohl doch recht hatte und jeder alles zu tun imstande war, nur schien es manchen Leuten bedeutend leichter zu fallen als andern.