15
Claires Schritte hallten hohl auf dem nackten Fußboden im Haus ihrer Großmutter. Sie war schon sehr lange Zeit nicht mehr in dem prächtigen viktorianischen Anwesen gewesen, das an der rauen Küste der Narragansett Bay stand, aber es fühlte sich noch ganz so an wie damals.
Es roch auch immer noch so wie früher, nach altem Holz und Möbelpolitur und frischer Salzluft. Natürlich hatte sich viel verändert in der Zeit, die sie nicht mehr hier gewesen war - seit sie es als junge Frau verlassen hatte, um ihre Studien in Deutschland zu beginnen. Ihre Großmutter war inzwischen verstorben, und nun wurde das Anwesen treuhänderisch verwaltet, da sie die einzige Erbin war, der letzte Spross der Familie ihrer Mutter.
Nicht einmal Wilhelm wusste von diesem Ort. Sie hatte seine Existenz für sich behalten und war nun froh, dieses Geheimnis vor ihm bewahrt zu haben.
Die Hausverwalter, die seit dem Tod ihrer Großmutter aus ihrem Erbe bezahlt wurden, hatten bei der Instandhaltung des Hauses und des weitläufigen Grundstücks hervorragende Arbeit geleistet. Wie vertraglich festgelegt, wurde ein Ersatzschlüssel hinter einem losen Ziegel im Fundament neben der Veranda aufbewahrt - am selben Ort, der schon benutzt wurde, seit Claires Mutter als kleines Mädchen in dem vornehmen alten Haus aufgewachsen war. Claire hatte sich darauf verlassen, dass der Schlüssel sich immer noch in seinem Versteck befand, als sie aus dem Bostoner Flughafen geflohen war und den Bus nach Newport genommen hatte.
Ihn dort an seinem alten Platz zu finden, hatte ihr die Hoffnung gegeben, dass vielleicht doch wieder alles in Ordnung kommen würde. Vielleicht würde sie doch etwas Frieden, ihr wahres Zuhause finden, wenn sich einmal der Staub gelegt hatte von dem Aufruhr, in dem ihr Leben sich derzeit befand.
Das Dumme dabei war nur, dass sie sich ihre Zukunft immer noch mit Andreas vorstellte, und da konnte sie sich nur auf eine Enttäuschung gefasst machen.
Sie versuchte, ihn aus ihrem Kopf zu verbannen, als sie langsam durch das Erdgeschoss des Hauses wanderte und sich wieder mit den Erinnerungen ihrer fernen Vergangenheit vertraut machte. Die Familienporträts und gerahmten Gemälde waren abgenommen und verpackt worden, um sie zu schonen. Die eleganten Möbel, die ihre Großmutter so sorgfältig gepflegt hatte, waren mit langen weißen Schonbezügen verhüllt, die allem ein geisterhaftes, verlassenes Aussehen verliehen, selbst wenn alle Lichter brannten. Die Vorhänge und Läden der hohen Glastüren, die hinaus auf die Terrasse mit Meerblick führten, waren alle geschlossen.
Diese Glastüren waren es, auf die Claire nun zuging. Sie zog sie auf, alle vier, und ließ den salzigen Herbstwind vom Atlantik hereinwehen. Sein Ruf war unwiderstehlich. Sie trat nach draußen, überquerte die weitläufige gepflasterte Terrasse und trat dann aufs Gras hinunter, atmete tief den Geruch des Ozeans ein, den sie immer mit ihrem Zuhause verbunden hatte.
Weiter draußen befand sich ein Felsvorsprung, der immer einer ihrer Lieblingsplätze gewesen war, wenn sie allein sein und nachdenken wollte. Dorthin ging sie nun, suchte sich im Dunkeln vorsichtig ihren Weg über den massigen schwarzen Fels. Sie fand den flachen Vorsprung, der auf der rauen Felszunge eine perfekte Sitzfläche bildete, und ließ sich darauf nieder.
Lange Zeit starrte sie einfach nur auf das Wasser hinaus, beobachtete das Schimmern der Wellen im blassen Licht von Mond und Sternen. Sie hätte noch Stunden an diesem friedlichen Ort bleiben können, doch die hereinströmende Flut kroch immer höher die Felsen hinauf, bald schon würde das Wasser sie vertreiben.
Mit Bedauern drehte sie sich um und kletterte den Vorsprung hinauf. Als sie aufstand, bemerkte sie erschrocken, dass sie nicht allein war.
„Andreas“, sagte sie, überrascht, ihn zu sehen.
Sein Brustkorb hob und senkte sich heftig, sein Gesicht war angespannt vor Sorge.
Claire musste sich zwingen, still stehen zu bleiben und nicht reflexartig auf ihn zuzueilen. Sie wollte ihn hier nicht haben, auch wenn ihr Herz da offenbar anderer Meinung war. „Wie hast du mich gefunden?“
Schon als sie die Frage stellte, kannte sie die Antwort. Die Sinneswahrnehmungen der Stammesvampire waren übernatürlich scharf. Und wenn die Blutsverbindung, die er nun zu ihr hatte, nicht Signal genug war, hätte er sie leicht anhand ihres Duftes aufspüren können. Nicht, dass er geneigt schien, ihr etwas zu erklären. Er war verärgert und besorgt, und dass er diesen ganzen weiten Weg zu ihr herausgekommen war, wäre unter anderen Umständen eigentlich beruhigend, sogar schmeichelhaft gewesen.
Aber mit Wilhelm Roth in nicht mal hundert Kilometern Entfernung musste sie Andreas so weit wie möglich wegbekommen. Und je eher, desto besser.
„Du bist ohne ein Wort gegangen, Claire.“
Sie versuchte, wegen der Ironie dieser Bemerkung nicht höhnisch das Gesicht zu verziehen. „Ich hätte doch erwartet, dass gerade du etwas verständnisvoller bist, so wie du selbst mit Abschieden umgehst.“
Er starrte sie mit schmalen Augen an. „Was ist mit dir los?“
Sie zuckte mit einer Lässigkeit die Schultern, die sie nicht empfand. „Nichts.“
„Warum bist du einfach weggegangen? Hast du keine Minute lang daran gedacht, dass ich mir Sorgen mache, wenn du einfach so ohne Erklärung verschwindest?“ Er stieß einen leisen Fluch aus und schüttelte zerknirscht den Kopf, doch seine Augen brannten immer noch vor Ärger. „Ich habe es ja verdient, ich weiß. Aber du hast mir vorhin einen Riesenschrecken eingejagt. Rede mit mir. Sag mir, was los ist.“
Sie konnte es ihm nicht sagen. Vor Angst, was er tun würde, wenn er wusste, dass Roth ganz in der Nähe war, blieb ihr dieser Teil der Wahrheit im Hals stecken. Sie wandte unter seinem intensiven, prüfenden Blick den Kopf ab. „Ich habe Angst, Andreas. Nach allem, was passiert ist, wollte ich nur in vertrauter Umgebung sein, irgendwo, wo ich mich zu Hause fühle. Ich wollte ein wenig Frieden.“
„Zu Hause sein, Frieden haben“, sagte er, und um seinen Mund grub der Zweifel angespannte Falten ein. „Nein, das glaube ich dir nicht. Du bist davongerannt, als könntest du nicht schnell genug von mir fort. Ich will wissen, warum. War es wegen dem, was... in dem Traum passiert ist? Ich wollte dir nicht wehtun, ich will, dass du das weißt.“
Als sie ihn nur in stummer Qual anstarrte, hob er die Hand und streichelte ihr sanft die Wange. „Gott, Claire... alles, was ich je wollte, war, dafür zu sorgen, dass du in Sicherheit bist.“
Ein Schluchzen kroch ihre Kehle hinauf. „Warum?“, murmelte sie. „Warum bist du jetzt erst so zärtlich zu mir, Andre? Warum nicht damals?“
Er fluchte leise. „Ich musste dich verlassen, zu deiner eigenen Sicherheit.“
Sie schüttelte den Kopf, weigerte sich, diese Erklärung zu akzeptieren, aber er fing sanft ihr Kinn, strich ihr mit dem Daumenballen über die Lippen, es war nur der Hauch einer Berührung. „Ich bin fortgegangen, weil ich ein Monster geworden bin. Du hast es ja gesehen - das Feuer, das in mir brennt. Ich war entsetzt bei dem Gedanken, was es denen antun kann, die ich liebe. Wie dir, Claire. Himmel... besonders dir.“
Sie schluckte, ihre Kehle war trocken. „Warum hast du mir all das damals nicht gesagt? Zusammen wären wir doch irgendwie damit fertig geworden...“
„Nein“, sagte er. „Damit konnten wir nicht fertig werden, nicht damals. Es ist ohne jede Vorwarnung aus mir herausgebrochen. Ich hatte fast mein ganzes Leben verbracht, ohne zu wissen, was meine Wut anrichten konnte. Als sie zum ersten Mal entfesselt wurde, hat sie völlig von mir Besitz ergriffen. Ich habe Deutschland verlassen, weil mir nichts anderes übrig blieb. Es dauerte fast ein Jahr, bis ich das Feuer endlich unter Kontrolle gebracht hatte. Und als ich zurückkam, warst du schon mit Roth zusammen.“
Claire hörte zu, versuchte, das Puzzle all dieser Informationen zusammenzusetzen. „Du hast dein ganzes bisheriges Leben gar nichts von deiner pyrokinetischen Fähigkeit gewusst?“
„Ich habe es erst in dieser letzten Nacht mit dir erfahren.“
„Wir haben uns gestritten“, sagte sie und erinnerte sich, mit welchen Worten sie damals auseinander gegangen waren.
Sie waren fast den ganzen Abend lang in Hamburg ausgegangen und hatten ihr Zusammensein genossen, wie schon die letzten Monate davor. Aber dann hatte eine andere Frau begonnen, mit ihm zu flirten, und Claire war eifersüchtig geworden. Mit seinem guten Aussehen und lässigen Charisma war Andreas schon immer ein Frauenmagnet gewesen, aber er hatte ihr geschworen, dass er nur sie wollte.
Und Claire hatte ihm nicht geglaubt. Sie hatte Beweise von ihm gefordert - Verbindlichkeit.
Als er gezögert hatte, hatte sie Angst bekommen, dass er sie nicht wirklich liebte, und ihm eine Szene gemacht. Egoistisch und verantwortungslos hatte sie ihn genannt. Hatte ihm alles Mögliche an den Kopf geworfen. Unverschämt war sie gewesen und hatte es auch gewusst, sogar damals schon.
„Ich habe meine Worte schon in der Minute bereut, als ich sie ausgesprochen hatte“, sagte sie ihm jetzt, eine Entschuldigung, die Jahrzehnte zu spät kam. „Ich war jung und dumm, und ich war unfairerweise viel zu hart mit dir, Andreas.“
Er zuckte die Schultern. „Und ich war ein dickköpfiger Idiot, der es hätte besser wissen müssen. Stattdessen war ich nur zu wild darauf, dir zu beweisen, dass du recht hattest. Nachdem ich dich in Roths Dunklem Hafen stehen gelassen hatte, bin ich in die Stadt gegangen, auf der Suche nach einem Kampf. Ich habe auch ein paar gefunden, und nachdem ich mir blutige Knöchel geholt und mit meinem Kopf ein paar Visagen eingeschlagen hatte, bin ich in einem heruntergekommenen Hotel gelandet, zusammen mit zwei betrunkenen Frauen, die ich mir unterwegs in einer Bar aufgegabelt hatte.“
Claires Enttäuschung darüber wurde überlagert von der Sorge; was wohl danach mit ihm passiert war.
„Irgendwann klopfte jemand an die Tür, noch eine Frau. Ich habe sie reingelasssen, und weil ich... von meiner eigenen Idiotie abgelenkt war, habe ich das Messer nicht bemerkt, das sie in der Hand hatte. Sie zog es mir quer über den Hals.“
Claire zuckte zusammen, ihr Herz verkrampfte sich bei dieser Vorstellung. „Was hast du gemacht?“
„Geblutet“, antwortete er schlicht. „So stark geblutet, dass ich dachte, ich würde sterben. Wäre ich auch fast. Ich war zu schwach, um Widerstand zu leisten, als eine Gruppe Stammesvampire ins Zimmer kam. Sie trugen mich raus zu einem Laster auf der Gasse draußen. Sie haben mich in Ketten gelegt und auf einem abgelegenen Acker abgeladen. Dort sollte ich verbluten und bei Sonnenaufgang zu Staub verbrennen.“
„Oh mein Gott, Andre... ich habe diesen Acker gesehen, nicht? Du hast ihn mir gestern in deinem Traum gezeigt.“
Sein grimmiger Blick bestätigte es ihr.
„Irgendwann zwischen dieser schrecklichen Stunde und Tagesanbruch spürte ich, wie eine unnatürliche Hitze in mir zu brennen begann. Sie wurde immer stärker, bis mein ganzer Körper in glühende Energie getaucht war. Und dann ist sie aus mir herausexplodiert. Ich kann mich nicht an alles erinnern - eine der angenehmeren Nachwirkungen, wie ich später erfahren habe. Ich brannte von innen heraus, aber meine Haut fing nicht Feuer. Bis zur Morgendämmerung waren meine Ketten geschmolzen. Ich habe versucht, mich in den Schatten zu schleppen, war aber geschwächt vom Blutverlust. Das kleine Mädchen habe ich erst gesehen, als es direkt neben mir stand.“
Hinter Claires Brustbein zog sich ein Knoten des Grauens zusammen. „Ein Mädchen?“
Er nickte, bewegte fast unmerklich den Kopf. Sein Mund war angespannt, sein Gesicht erstarrt vor Reue.
„Sie war wohl erst zehn oder zwölf, und sie war an diesem Morgen auf dem Acker unterwegs, um nach einer entlaufenen Katze zu suchen. Sie hat mich gefunden, als ich mich auf allen vieren über den Acker schleppte, und mich gefragt, ob sie mir helfen könnte. Wegen meiner Halswunde hatte ich keine Stimme mehr, aber ich hätte sie sowieso nicht warnen können, auch wenn ich eine Ahnung gehabt hätte, was passieren würde, sobald sie zu nah an mich rankam. Die Hitze, die von meinem Körper ausging, war immer noch tödlich.“
Claire schloss die Augen, jetzt verstand sie, was geschehen war. Sie legte ihm die Hand an die Wange, ihr fehlten die Worte, um den Schmerz auszudrücken, den er über das empfinden haben musste, was er dem Kind angetan hatte. Einen Schmerz, den er sogar jetzt noch fühlte, nach all dieser langen Zeit.
„Ich bin vom Acker gekrochen wie ein Tier, und so fühlte ich mich auch. Schlimmer als ein Tier, etwas so Reines und Unschuldiges vernichtet zu haben. Ich fand Schutz in einer Höhle, wo ich heilen konnte. Sobald ich mich erholt hatte, bin ich geflohen. Ich konnte nicht bleiben ... nicht nach dem, was ich getan hatte. Und obwohl seither Jahre vergangen sind, ohne dass die Feuer wiederkamen, habe ich doch immer mit der Angst gelebt, womöglich diejenigen zu verletzen, die mir am wichtigsten sind.“ Seine Finger ruhten leicht auf ihrem Haar, strichen ihr sanft über die Stirn. „Ich hatte nie vor, dich zu verlassen.
Als ich zurückkam und gehört habe, dass du inzwischen Roths Gefährtin warst, bin ich in Berlin geblieben und habe versucht, mir einzureden, dass du mit ihm besser dran warst. So warst du immerhin vor meiner tödlichen Seite in Sicherheit.“
„Ich habe deine Kraft gesehen, Andre. Ich habe gesehen, was sie anrichten kann. Aber sie hat mir nichts getan - du hast mir nichts getan.“
„Ja, noch nicht“, erwiderte er düster. „Aber jetzt ist sie stärker als je zuvor. Es war leichtsinnig von mir, das Feuer bewusst herbeizurufen in der Nacht, als mein Dunkler Hafen überfallen wurde. Es ist tödlicher als früher, und jedes Mal, wenn die Wut in mir auflodert, brennt sie heißer als das letzte Mal.“
Claire sah seine Qualen, aber anstatt ihr Mitgefühl zu wecken, stachelten sie einen beißenden Ärger in ihr an. „Ist deine Rache das alles wert? Ist denn überhaupt irgendetwas es wert, dich dafür umzubringen? Denn das ist es doch, was du tust, Andre. Du bringst dich um mit deiner schrecklichen Kraft, und das weißt du auch.“
Er stieß ein scharfes Schnauben aus, ein wortloses Leugnen.
„Ich tue nur, was getan werden muss. Was danach mit mir passiert, ist nicht von Belang.“
„Von wegen“, sagte sie. „Verdammt, mir ist es wichtig, was mit dir passiert. Wenn ich dich jetzt ansehe, sehe ich einen Mann vor mir, der sich selbst mit seiner eigenen Wut zerstört. Wie oft kannst du dem Feuer noch standhalten, ohne dich ganz daran zu verlieren? Wie lange wird es noch dauern, bis es dir alles Menschliche genommen hat?“
Er starrte sie lange an, sein kantiger Kiefer war angespannt. Dann schüttelte er den Kopf. „Was soll ich deiner Meinung nach tun?“
„Aufhören“, sagte sie. „Mit alldem aufhören, solange du es noch schaffst. Denn irgendwann wirst du dazu nicht mehr in der Lage sein.“
Die Logik war ihr sonnenklar. Er hatte doch offensichtlich die Wahl: seine Wut loslassen und weiterleben oder weiter seiner Rache hinterherjagen und daran zugrunde gehen - entweder durch die Kraft, die ihn zerstörte, oder indem er absichtlich einen Krieg mit Wilhelm Roth provozierte.
„Ich kann nicht aufhören, Claire. Ich bin schon zu weit gegangen, um jetzt umzukehren, und das weißt du auch. Ich habe Roth in den letzten Wochen und Nächten, die ich ihn jage, schon zu sehr provoziert.“
Er stieß einen knappen Seufzer aus und verzog den Mund zu einem humorlosen Lächeln. „Paradox, was?
Was mich damals von dir fortgetrieben hat, hat uns jetzt wieder zusammengeführt. Aber was du vorhin gesagt hast, stimmt. Du hast deinen Frieden verdient... und ich sollte dich endlich in Frieden lassen.“
Er trat zu ihr und presste ihr die Lippen an die Stirn, dann drückte er ihr einen zärtlichen Kuss auf den Mund. Er zog sich zurück, dann drehte er sich um und ging fort.
Claire sah ihn den Rasen hinaufgehen. Mit jedem Schritt, den er ging, brach ihr Herz ein wenig mehr.
Sie konnte ihn nicht gehen lassen - nicht so. Nicht, wenn jede Faser ihres Wesens ihm nachrief, bei ihr zu bleiben.
„Andreas, warte.“
Er ging einfach weiter, seine langen Schritte trugen ihn weiter und weiter von ihr fort.
Sie wäre ihm auch nachgerannt, wenn man sie angekettet, eingesperrt und den Schlüssel fortgeworfen hätte. Claire rannte den Rasen hinauf und ergriff seine Hand. Sie drehte ihn zu sich herum, damit er sie ansah, ihre Kehle war zugeschnürt von so vielen ungesagten Worten, so viel Reue.
„Geh nicht“, war alles, was sie schaffte zu sagen, ein schwaches Flehen.
In seinen dunklen Augen glitzerten bernsteinfarbene Funken. Seine goldene Haut schien straffer im Mondlicht, sein Mund war eine ernste, entschlossene Linie, die nicht ganz verbergen konnte, dass sich hinter seinen Lippen seine Fänge ausfuhren.
„Andre, bitte... geh nicht.“
Claire stellte sich auf die Zehenspitzen, schloss ihre Finger um seinen starken Nacken und zog ihn zu sich herunter, bis ihre Lippen sich trafen. Sie küsste ihn mit all der Leidenschaft, die sie immer für ihn empfunden hatte - mit ihrer ganzen verzweifelten, unmöglichen Sehnsucht, die all diese langen Jahre in ihrem Herzen gelebt hatte.
Er küsste sie mit noch größerer Inbrunst wieder.
Seine Arme schlossen sich um sie, pressten sie mit solcher Kraft an sich, dass sie die harte Hitze seiner Brust und Schenkel spürte und den härteren, heißeren Teil von ihm, der sich wie ein dickes Stück Stahlrohr gegen ihre Hüfte presste. Claire schwelgte in seiner Erregung, seinem warmen, rauen Stöhnen, das in ihren Knochen vibrierte, als er ihren Kuss unterbrach und sein Gesicht in die Mulde zwischen Hals und Schulter vergrub. Er begehrte sie mindestens so sehr wie sie ihn - und sie wollte, brauchte ihn.
Das war jetzt kein Traum. Es war real und wild und fühlte sich so unsagbar gut und richtig an.
„Mein Gott, Claire“, keuchte er, und die Spitzen seiner Fänge schürften über die zarte Haut ihres Schlüsselbeins. „Warum konntest du mich nicht einfach gehen lassen?“
Sie schüttelte den Kopf, zu verloren für Worte oder Vernunft. Alles, was sie jetzt spürte, war das Begehren nach diesem Mann, diesem unglaublichen, ehrenhaften Stammesvampir, der ihr hätte gehören sollen. Der vielleicht nie wieder ihr gehören konnte, wenn seine Suche nach der Gerechtigkeit, die ihn verzehrte, ihn wieder von ihr fortführte.
Claire strich mit den Händen über die gewölbten Muskeln seines Körpers und legte den Kopf in den Nacken, damit sein Mund auf ihrer Haut umherstreifen konnte, wo immer er wollte. Sie keuchte vor Begierde, die Knie wurden ihr weich von der Hitze, die in ihrer Mitte explodierte.
Andreas zog sich zurück und sah ihr ins Gesicht. Er war so schön, so wild und mächtig, dass ihr das Herz wehtat. Sie sah die nackte Leidenschaft in seinen funkelnden bernsteinfarbenen Augen und wusste, dass er dasselbe in ihren Augen sah.
Denn sie konnte ihre Leidenschaft nicht verbergen, war auch nicht annähernd stark genug, es zu versuchen. Zu viel Zeit hatte sie voneinander getrennt. Zu viele Hindernisse, die jetzt unüberwindlich schienen. Aber sie hatten immer noch ihr Begehren. Claire zitterte vor Erregung und sie spürte, dass eine ähnliche Vibration auch durch Andreas schoss, als sie sich an ihn klammerte.
„Bitte“, flüsterte sie, brauchte das Gefühl seines mächtigen Körpers an ihrem.
Sie wollte ihn in sich spüren, nicht in einem Traum oder einer Erinnerung, sondern Haut an Haut. Nackt und sinnlich.
„Oh Gott, Andre... bitte liebe mich. Jetzt sofort.“
Die wüste Obszönität, die er an ihrem Hals knurrte, brachte ihren Puls nur noch heftiger zum Schlagen.
Mit einer flüssigen, graziösen Bewegung hob er sie von den Füßen und barg sie in seinen starken Armen.
Er trug sie über den Rasen zu der offen stehenden Terrassentür. Drinnen setzte er sie vorsichtig zwischen den gespenstisch verhüllten Möbeln ab. Er küsste sie sanft und zärtlich, packte dabei den Zipfel eines weißen Leintuches, das eine antike gepolsterte Chaiselongue verhüllte, und riss es zur Seite. Claire ließ sich von ihm auf die elegante Sitzfläche betten und lehnte sich zurück, während er über ihr aufragte wie ein riesiger, jenseitiger Gott. Er küsste sie wieder, und seine Finger machten sich daran, die Knöpfe ihres braven Pullovers aufzumachen.
Anders als bei ihrer Traumbegegnung lösten sich ihre Kleider dieses Mal nicht einfach in Luft auf.
Andreas ließ sich Zeit, sie auszuziehen, sein Mund fuhr andächtig über jeden Zentimeter ihrer Haut, während er sie entblätterte. Er saugte an ihren Brüsten und fuhr aufreizend die Rundungen ihres Bauches und ihrer Hüfte entlang. Als er ihr sorgfältig Hose und Höschen abgepellt hatte, senkte er seinen Kopf über die Stelle, wo sich ihre Schenkel trafen, und biss leicht in die zarte Haut, fuhr mit der Zunge in ihre nasse Mitte.
Claire warf den Kopf zurück und stöhnte vor Lust, als er sie so mit seinem Mund liebkoste und mit den scharfen weißen Spitzen seiner Fänge reizte.
Ihr erster Orgasmus kam völlig überraschend. Er brandete in ihr auf und trug sie auf einer Welle der Lust davon, die sie genauso wenig bändigen konnte wie den gebrochenen Aufschrei, den sie an die Decke schickte, als ihr Höhepunkt sie erfasste.
Andreas leckte sie liebevoll und geduldig, doch seine Hände zitterten, als sie über ihr nacktes Fleisch strichen, ihre erhitzte Haut kneteten und streichelten.
„Du schmeckst so gut“, murmelte er an ihrer Nässe. „Sogar noch süßer als in meiner Erinnerung.
Das ist besser als jeder Traum.“
Claire legte ihm die Handflächen auf die Schultern, schob ihn zurück und setzte sich auf. Sie drückte ihn auf die Couch hinunter, kroch auf ihn und setzte sich mit ihren nackten Schenkeln rittlings auf seine Beine.
Sie fuhr mit den Händen unter sein offenes Hemd und entblößte ihn, um ihn mit ihrem Mund zu erkunden.
Als sie sich zu seinem Hals hinaufgearbeitet hatte, zog sie ihm das Hemd ganz aus und nahm die einzigartige Schönheit seiner Dermaglyphen in sich auf. Jetzt, da jeder Muskel von Andreas' Körper vor Erregung gespannt war, schillerten seine Glyphen in sattem Indigoblau, Weinrot und dunklem herbstlichem Gold. Claire fuhr sie mit der Fingerspitze nach, dann senkte sie den Kopf und folgte den kunstvollen Bögen und Schnörkeln mit ihrer Zunge. Das hatte sie schon tun wollen, seit sie ihn im Traum am mondbeschienenen Seeufer gesehen hatte.
Einige seiner Glyphen zogen sich tiefer seinen Körper hinunter, wie sie sich lebhaft erinnerte, und sie wollte keinen Teil von ihm vernachlässigen. Claire öffnete den Knopf seiner Hose und zog den Reißverschluss auf. Er holte zischend Atem, als sie sich über die weiche Haut seiner Leiste senkte und sein empfindliches Fleisch mit kleinen Bissen bedeckte. Als sie ihm die Hose weiter hinunterzog, vorbei an seiner glatten Eichel, die sich ihr entgegenreckte, und dann noch weiter, stieß er einen flehenden Fluch aus.
Claire küsste sich rund um seinen dicken Schwanz, bewunderte seine Breite, Länge und Kraft, und dann senkte sie den Kopf und fing die stumpfe Eichel in ihrem Mund. Noch reizte sie ihn nur, genoss seinen seidigen, salzigen Geschmack. Sie hatte keine Eile, wollte diesen Augenblick und diese gestohlene Nacht, von der sie so lange geträumt hatte, so weit wie möglich hinauszögern.
Als sie sprach, war ihre Stimme rauchig vor Leidenschaft und neu entflammter Begierde. „Hast du eine Ahnung, wie oft ich Im Traum schon zu dir kommen wollte? Manchmal konnte ich tage- und wochenlang an nichts anderes mehr denken... wollte nur noch wegrennen und dich finden, um diese Lust wieder mit dir zu erleben. Du warst der Einzige, Andre. Du bist immer der Einzige für mich gewesen.“
Er knurrte, ein Geräusch von absoluter, unverfrorener Besitzgier. Seine Hände waren rau in ihrem Haar, drückten hart gegen ihren Hinterkopf, als sie sich ein weiteres Mal über ihn beugte und ihn ganz in den Mund nahm. Er bäumte sich auf, zischte einen wortlosen Aufschrei, als sie intensiver saugte.
„Oh Gott“, keuchte er. „Das fühlt sich so verdammt gut an. Claire, wenn du nicht aufhörst...“
Sie hörte nicht auf. Sie konnte nicht genug von ihm bekommen, nicht einmal, als er mit einem heftigen Erschauern kam und sich explosionsartig in sie ergoss. Sie liebkoste ihn mit Zunge und Mund, gierig nach allem, was sie von ihm haben konnte, nachdem sie sich so lange Jahre nach ihm gesehnt hatte.
Ihn geliebt hatte.
Denn es war Liebe, die sie für ihn empfand, als er sich ihrem Griff entzog und sie fiebrig und fordernd auf den Mund küsste.
Es war Liebe, die ihr Herz ausfüllte, so wie er ihren Körper mit seinem ausfüllte.
Sie schrie seinen Namen aus Liebe, als er sie zu einem weiteren welterschütternden Orgasmus brachte und dann begann, sie aufs Neue zu verführen.
Diese Schlampe stellte seine Geduld auf eine verdammt harte Probe. Wilhelm Roth ballte die Hand zur Faust und stieß sie durch die schlierige Fensterscheibe der Bostoner Lagerhalle, in die er sich vor Kurzem gezwungenermaßen zurückgezogen hatte. Wilder Schmerz durchzuckte ihn, als er seine Hand aus den Scherben zog, die Haut über den Knöcheln zerschnitten und blutig. Er wusste, dass auch Claire diesen Schmerz aus der Ferne spüren würde - genauso, wie er eben den Beweis dafür bekommen hatte, dass sie ihn gerade mit Andreas Reichen betrog.
Ihre Lust brachte seine Eingeweide vor Wut zum Kochen. Für diese Lust, die sie gerade mit Reichen erlebte, würde er die beiden töten.
Und zwar bestialisch.
Er war ziemlich überrascht gewesen, als er vorhin Claires Präsenz in der Nähe von Boston wahrgenommen hatte. Seither war das Gefühl ihrer Gegenwart etwas verblasst, aber er war sicher, dass sie irgendwo in Neuengland war. Und zwar mit Reichen.
Nur die Tatsache, dass er mit der aktuellen Mission für Dragos in der Stadt alle Hände voll zu tun hatte, hielt ihn davon ab, das Paar sofort aufzuspüren.
Dragos hatte ihm klipp und klar gesagt, wo seine Prioritäten lagen, als er ihn nach Boston ins Exil geschickt hatte, und Roth würde ihn nicht enttäuschen.
Er würde schon noch seine Chance bekommen, Claire und ihren verdammten Liebhaber zur Rechenschaft zu ziehen. Schon sehr bald würde er reichlich Gelegenheit haben, diesen beiden große Schmerzen zuzufügen.
Er konnte es kaum erwarten.
Es hatte ihn nachdenklich gemacht, als Dragos ihm zu verstehen gegeben hatte, dass Reichen mit dem Orden im Bund war. Es würde ihn nicht überraschen.
Obwohl der Mann arrogant und aufsässig war, spielte er schon lange den Selbstgerechten.
Roth vermutete, dass er sich einem bestimmten Ehrenkodex verschrieben hatte, sogar damals schon, als er um Claire herumscharwenzelt war wie ein Köter um eine läufige Hündin. Zu einer Zeit, als Roth bereits entschieden hatte, dass sie ihm allein gehören würde. Dass er schon eine Stammesgefährtin hatte, war nicht von Belang gewesen; er und Ilsa hatten ein lausiges Paar abgegeben. Zu der Blutsverbindung mit ihr hatte er sich in einem Augenblick der Leidenschaft hinreißen lassen, doch er war ihrer schon bald überdrüssig geworden. Eigentlich hatte er sie schon früher loswerden wollen, aber dann war Claire auf der Bildfläche erschienen und hatte ihm den Grund geliefert, den er brauchte.
Oder vielmehr hatte Andreas Reichen das getan, kurz bevor die beiden Männer die wunderschöne Claire Samuels überhaupt kennenlernten.
Roth hatte sich oft gefragt, ob Reichen sich darüber im Klaren war, welch schneidende Verachtung er Roth bezeugt hatte, als er der schwachen kleinen Ilsa auf einem Empfang der Dunklen Häfen eine Freundlichkeit erwiesen hatte. Es war eigentlich nur eine Kleinigkeit gewesen - nur ein trockenes Jackett, um sie zu wärmen, nachdem Roth sie weinend auf einen Balkon in den strömenden Regen hinausgeschickt hatte, weil sie gewagt hatte, ihm vor Stammesvampiren seiner gesellschaftlichen Stellung zu widersprechen. Er hatte sie diskret bestrafen wollen, aber Reichen war vorbeigekommen und hatte sie allein dort draußen in der Kälte entdeckt. Und dann hatte er doch tatsächlich die Frechheit besessen, ihr seinen Mantel anzubieten und sie von seinem Fahrer nach Hause bringen zu lassen - ohne Roths Erlaubnis.
Roth schäumte immer noch, wenn er nur daran dachte. Er hatte auch damals geschäumt und auf eine Chance gewartet, Reichen in seine Schranken zu verweisen. Diese Chance hatte sich ergeben, als Claire in Hamburg angekommen war und fast jedem ledigen Stammesvampir der Region den Kopf verdreht hatte, Reichen inklusive. Also hatte Roth abgewartet und beobachtet, und als der passende Zeitpunkt gekommen war, hatte er seinen Männern befohlen, sich um Reichen zu kümmern. Dann hatte er sich mit Elan der Aufgabe gewidmet, der armen, niedergeschmetterten Claire beizustehen, die Scherben ihres gebrochenen Herzens aufzusammeln.
Und als Sahnehäubchen dieser ohnehin äußerst amüsanten Angelegenheit hatte er sie zu seiner Stammesgefährtin gemacht.
Oh, natürlich hatte er Ilsa töten müssen, um freie Bahn zu haben, aber was war schon eine kleine Unannehmlichkeit gegen die Befriedigung, Reichen ausgeschaltet und die Frau gestohlen zu haben, die er liebte.
Er hätte nicht verblüffter sein können, als Reichen später im selben Jahr in Berlin aufgetaucht war. Man musste dem jüngeren Mann zugutehalten, dass er sich nach dieser bitteren Lektion von Hamburg und von Claire fernhielt. Bis im letzten Sommer diese menschliche Hure, Reichens neueste Geliebte, begonnen hatte, in Roths Angelegenheiten herumzuschnüffeln.
Er hatte keine Lust gehabt, sich schon wieder mit Reichen herumzuärgern, und so hatte er dem Dunklen Hafen von Berlin, wo er mit seiner Sippe lebte, einen prompten Denkzettel geschickt. Er war schnell und deutlich, aber nicht gründlich genug gewesen, denn Reichen hatte auch diesen Angriff überlebt.
Roth schwor sich, dass ihm das nicht noch einmal passieren würde.
Wenn ihm Andreas Reichen das nächste Mal unter die Augen kam, war der Bastard endgültig fällig. Und wenn er Claire mit ihm zusammen in den Tod schicken konnte, umso besser.
Angenehm sadistische Träumereien darüber, wie genau er das bewerkstelligen würde, wirbelten in seinem Kopf herum, als plötzlich das Handy in seiner Manteltasche klingelte.
„Sir?“
„Ich hoffe, Ihre Operation läuft wie geplant“, sagte Dragos. Sein Tonfall provozierte Roth praktisch, ihn zu enttäuschen.
„Die Ablenkung ist völlig unter Kontrolle, Sir.
Genau wie ich es Ihnen versprochen hatte.“
Dragos grunzte. „Sorgen Sie dafür, dass es so bleibt. Ich habe die Vorbereitungen hier fast abgeschlossen. Bald erhalten Sie die neuen Zielvorgaben.“
„Ausgezeichnet, Sir“, sagte Roth. „Ich werde den Plan durchführen wie besprochen und erwarte Ihre weiteren Anordnungen.“