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Fast eine Woche war vergangen, seit Rio Dylan mit zurück nach Boston ins Hauptquartier des Ordens gebracht hatte ... zurück in das Zuhause, das er dort für sie beide schaffen zu können hoffte.
Er erholte sich immer noch von der Schussverletzung in der Schulter. Tess hatte die Kugel herausgeholt und dann versucht, die Wundheilung zu beschleunigen, aber wie sie selbst befürchtet hatte, wurden ihre Kräfte fast vollständig von dem Baby absorbiert, das in ihr heranwuchs. Sie konnte Rio nicht helfen, und auch Dylans Mutter hätte sie nicht helfen können.
Sharon Alexander war vor zwei Tagen in Queens beerdigt worden.
Rio war mit Dylan in der Nacht vor dem Trauergottesdienst zurück nach New York gefahren - wie auch alle übrigen Krieger und ihre Stammesgefährtinnen, die dem neuen Paar in ihrer Mitte so ihre Unterstützung zeigten. Es machte Rio traurig, dass er nicht bei Dylan sein konnte, als ihre Mutter an diesem sonnigen Sommernachmittag zur letzten Ruhe gebettet wurde, aber er war froh, dass Tess, Gabrielle, Savannah und Elise sie an seiner Stelle begleiten konnten.
Sie alle hatten Dylan aufgenommen, als hätte sie schon immer zu ihnen gehört. Die Stammesgefährtinnen waren hin und weg von ihr, und was die Krieger anging, war selbst Lucan beeindruckt davon gewesen, wie bereitwillig sie die Ärmel aufgekrempelt und dem Orden ihre Hilfe angeboten hatte. Den größten Teil des Tages hatte sie mit Gideon im Techniklabor verbracht und Personenregisterdaten und Vermisstenmeldungen aus den Dunklen Häfen durchgearbeitet, um Stammesgefährtinnen zu identifizieren, die aus dem Jenseits zu ihr gekommen waren.
Nun, als der Abend herannahte und der Orden sich bald wieder hinaus auf Patrouille begeben würde, waren alle Bewohner des Hauptquartiers um den großen Esstisch in Rios Quartier versammelt.
Während die Frauen eine Mahlzeit zusammen einnahmen, beredeten die Männer Angelegenheiten des Ordens und planten die Aktionen der heutigen Nacht. Nikolai würde bald aufbrechen, um sich mit dem Gen- Eins-Vampir zu treffen, den er kannte; er hatte ihnen seine Hilfe dabei angeboten, die Morde der jüngsten Zeit aufzuklären. Was Gerard Starkn betraf, war der Orden nicht weiter überrascht gewesen, seinen New Yorker Wohnsitz bei einer Razzia vor einigen Nächten verlassen vorzufinden. Der Mistkerl hatte sich verzogen und alles mitgenommen, ihnen auch keinerlei Spuren seines Doppellebens als Gordon Fasso hinterlassen. Und es gab auch keinerlei Hinweise darauf, wohin er nach seinem Zusammenstoß mit Rio am Stausee von Croton geflohen war.
Sie hatten die Gegend um den Staudamm durchkämmt, jedoch ohne Erfolg. Aber Rio und die anderen dachten nicht daran aufzugeben.
Es gab noch viel für sie zu tun. Die Mission des Ordens lautete nun, dem Bösen Einhalt zu gebieten, das Dragos aussäte. Und Rio konnte sich für diese Aufgabe keine bessere Gruppe vorstellen als diese Männer, die nun bei ihm saßen. Er sah um sich, blickte in die Gesichter seiner Brüder und ihrer Gefährtinnen - seiner Familie - und fühlte Stolz in sich aufschwellen. Stolz und eine tiefe beschämte Dankbarkeit darüber, dass er wieder ein Teil von ihnen war. Dieses Mal für immer.
Als er sich zu Dylan umdrehte, presste sich sein Herz zusammen, als wäre es in einer warmen Faust gefangen.
Sie war es gewesen, die ihn gerettet hatte. Sie hatte ihn aus einem Abgrund gezogen, aus dem er nicht mehr zu entkommen erwartet hatte. Ihr nährendes Blut gab ihm Kraft, aber es war das grenzenlose Geschenk ihrer Liebe, das ihn wirklich wieder zu einem ganzen Menschen machte.
Rio beugte sich zu ihr hinüber und nahm ihre Hand in seine. Sie lächelte, als er ihre Finger an die Lippen hob und küsste, ihre Blicke ineinander versunken. Seine Liebe zu ihr war so tief, dass er es kaum noch ertrug, von ihr getrennt zu sein, jetzt, da sie ganz bei ihm war. Zu wissen, dass sie jede Nacht in seinem Bett auf ihn wartete, wenn er von seiner Patrouille heimkehrte, war eine Qual für ihn, und ein Segen.
„Sei vorsichtig“, flüsterte sie ihm zu, als er und die anderen Krieger aufstanden, um sich für ihre Mission an der Oberfläche fertig zu machen.
Rio nickte, dann zog er sie in seine Arme und küsste sie innig.
„Lieber Himmel“, sagte Niko mit einem trockenen Lachen, als alle anderen schon aus dem Zimmer gingen, „könnt ihr zwei euch kein Zimmer nehmen?“
„Du stehst mittendrin“, konterte Rio, immer noch mit Dylan in seinen Armen. „Wie lange haben wir noch, bevor wir an die Oberfläche gehen?“
Niko zuckte die Schultern. „Zirka zwanzig Minuten.“
„Das reicht“, sagte Rio und warf seiner Frau einen hungrigen Blick zu.
Sie lachte und errötete sogar ein wenig, aber in ihren Augen war eindeutig ein Funken, der ihr Interesse verriet. Als sich Nikolai hastig verabschiedet und die Tür hinter sich geschlossen hatte, nahm Rio Dylan bei der Hand.
„Nur zwanzig Minuten“, sagte er und schüttelte ernüchtert den Kopf.
„Da weiß ich ja gar nicht, wo ich anfangen soll.“
Dylan hob eine Augenbraue und schob sich langsam in Richtung Schlafzimmer. „Oh, ich glaube, du wirst schon noch draufkommen.“
Dylan war erstaunt, wie gründlich Rio diese zwanzig Minuten ausgenutzt hatte.
Und als er viel später in dieser Nacht von der Patrouille heimkehrte, schien er entschlossen, sie noch mehr zu erstaunen. Er liebte sie stundenlang und schlang dann seine starken Arme um sie, als sie in den Schlaf hinüberglitt.
Sie war nicht sicher, wann genau Rio aufgestanden war, aber seine Abwesenheit war es, die sie etwa eine Stunde vor der Morgendämmerung weckte. Sie zog seinen dicken Frotteebademantel über und tappte aus der Wohnung, folgte dem Pulsieren der Blutsverbindung in ihren Venen, um ihren Gefährten zu finden.
Er war nicht im Hauptquartier oder dem Herrenhaus, das ebenerdig über ihm thronte. Er war draußen, im Garten hinter dem Haus.
Bekleidet nur mit einer schwarzen Trainingshose, saß Rio auf den breiten Marmorstufen, die zu dem sorgfältig gestutzten Rasen hinunterführten, und sah einem kleinen Lagerfeuer zu, das in einigen Metern Entfernung auf dem Gras brannte. Neben ihm stand eine Schachtel mit gerahmten Fotografien und ein paar von den bunten abstrakten Gemälden, die er von den Wänden seiner Wohnung abgehängt hatte.
Dylan sah auf das Feuer hinaus und machte die verzerrten Umrisse von weiteren seiner Habseligkeiten aus, die langsam von den Flammen verzehrt wurden.
„Hey“, sagte er, offenbar spürte er sie, wie sie sich ihm von hinten näherte. Er drehte sich nicht zu ihr um, sondern streckte nur den Arm nach ihr aus, wartete, dass sie seine Hand nahm. „Tut mir leid, wenn ich dich geweckt habe.“
„Das macht doch nichts.“ Dylan schlang ihre Finger um seine. „Es macht mir nichts aus, auf zu sein. Deine Wärme hat mir gefehlt.“
Noch während sie redete, zog er sie sanft neben sich auf die Stufe.
Er schlang ihr den Arm um die Oberschenkel und hielt sie einfach nur, sein Blick immer noch auf das Feuer gerichtet. Dylan spähte in die Schachtel neben ihm und sah die Fotos von Eva und ein paar von ihnen beiden zusammen aus glücklicheren Zeiten. Auch Evas Gemälde waren dort und etliche ihrer Kleider.
„Vorhin bin ich aufgewacht und habe gemerkt, dass ich ein paar Sachen ausmustern muss, die nicht mehr in mein Leben gehören“, sagte er.
Seine Stimme war ruhig, klang weder wütend noch verbittert. Nur ... erlöst.
Rio schien endlich seinen Frieden gefunden zu haben. Sie konnte ihn bis in ihre Venen spüren, als er sie schweigend umarmte und dem Tanzen des Feuers auf dem Rasen zusah.
„Das ganze letzte Jahr lang habe ich sie gehasst“, sagte er. „Mit jedem Atemzug habe ich drum gebetet, dass sie in der Hölle brennt dafür, was sie mir angetan hat. Ich glaube, mein Hass auf Eva war das Einzige, was mich am Leben erhalten hat. Für so lange Zeit war es das Einzige, was ich überhaupt fühlen konnte.“
„Ich weiß“, sagte Dylan leise. Er lehnte seine Wange an ihre Hüfte, und sie vergrub die Finger in seinem dichten Haar, streichelte seinen Kopf. „Aber es war Eva, die mich auf diesen Berg zu dir geführt hat. Du hast ihr etwas bedeutet, Rio. Ich glaube, auf ihre eigene, fehlgeleitete Weise hat sie dich sehr geliebt. Im Leben hat sie ein paar schreckliche Fehler gemacht, als sie versuchte, dich ganz für sich zu behalten. Sie hat ein paar schreckliche Dinge getan, aber ich glaube, im Tod wünscht sie sich, das wiedergutmachen zu können.“
Langsam stand Rio auf, und immer noch hielt er sie dabei fest. „Ich kann sie nicht mehr hassen, denn sie hat mich zu dir gebracht. Und nicht nur damals in dieser Höhle. Eva war in meinem Wagen, in der Nacht, als Dragos dich entführt hat.“
Dylan runzelte die Stirn. „Du hast sie gesehen?“
„Ich war immer noch Stunden vor New York und wusste, wenn Dragos dich hat, würde ich dich nie und nimmer rechtzeitig erreichen.
Cristo, die Angst, die ich hatte beim bloßen Gedanken daran ...“ Er verstummte und zog sie fester an sich. „Ich war auf dem Highway, fuhr, so schnell ich nur konnte, und betete wie wild um irgendein Wunder.
Irgendetwas, um mir Hoffnung zu geben, dass ich dich nicht verlieren würde. Und da hörte ich plötzlich eine Stimme neben mir. Ich schaute hinüber, und da war sie - Eva, mit mir im Auto. Sie sagte mir, wohin Dragos dich gebracht hatte. Sie nannte mir den Namen dieses Stausees und bat mich, ihr zu vertrauen. Ich wusste nicht, ob ich ihr jemals wieder trauen konnte, aber ich wusste auch, dass es vielleicht meine einzige Hoffnung war, dich zu finden. Ohne sie hätte ich dich verloren. Sie hätte mir sagen können, dass ich dich mitten in einem flammenden Inferno finden würde, und ich wäre hineingegangen, dir hinterher. Sie hätte mich wieder verraten können, mich wieder in einen Hinterhalt führen können, und ich wäre hingegangen, nur um der Hoffnung willen, dich lebendig zu finden.“
„Aber sie hat es nicht getan“, sagte Dylan. „Sie hat dir die Wahrheit gesagt.“
„Das hat sie. Gott sei Dank.“
„Oh, Rio.“ Dylan legte ihre Wange an seine Brust, hörte das schwere Dröhnen seines Herzschlags, als wäre es ihr eigener. Sie spürte, wie seine Liebe in sie hineinströmte, warm wie Sonnenschein, eine Liebe, die sie ihm zehnfach zurückschickte. „Ich liebe dich so.“
„Ich dich auch“, sagte er, dann hob er ihr Kinn und küsste sie, lang, langsam und zärtlich. „Ich werde dich immer lieben, Dylan. Wenn du mich haben willst, dann gibt es nichts, was ich mir mehr wünsche, als jeden Tag und jede Nacht meines Lebens damit zu verbringen, dich zu lieben.“
„Natürlich will ich dich haben“, sagte sie zu ihm und streckte die Hand aus, um ihm mit den Fingerspitzen über die Wange zu streichen.
Sie lächelte, und ihr Lächeln war verführerisch und verheißungsvoll.
„Ich will dich jeden Tag und jede Nacht meines Lebens haben ... und zwar auf jede nur erdenkliche Art und Weise.“
Rio stieß ein tiefes, kehliges Knurren aus, in seinen Augen blitzte es bernsteingelb auf. „Klingt gut.“
„Dachte ich mir.“ Sie lächelte zu ihm auf, in sein Gesicht, das sie nie müde würde zu betrachten, besonders wenn er sie so voll zärtlicher Hingabe ansah, dass ihr fast der Atem stockte.
Sie sah hinunter auf die Schachtel mit Evas Sachen, dann hinaus auf das Feuer. „Du weißt, dass du das nicht tun musst. Jedenfalls nicht für mich.“
Rio schüttelte den Kopf. „Ich tue es für uns beide. Vielleicht tu ich's auch für sie. Es ist an der Zeit, das Vergangene loszulassen. Dazu bin ich nun bereit ... deinetwegen. Wegen der Zukunft, die ich mit dir sehe.
Ich schaue nicht mehr zurück.“
Dylan nickte sanft. „Okay.“
Rio hob die Schachtel auf und sah sie an, wollte, dass sie ihn zum Feuer begleitete. Sie gingen zusammen hinüber, näherten sich schweigend den flackernden Flammen.
Mit einem leichten Stoß warf Rio die Schachtel mit Fotos, Gemälden und Kleidern hinein. Einen kurzen Augenblick lang loderte es hoch auf und schickte einen Funkenregen und Rauch in den nachtblauen Himmel hinauf.
In nachdenklichem Schweigen sahen Dylan und Rio dem Feuer eine Weile zu, bis die Flammen ruhiger wurden, als sie keine Nahrung mehr fanden. Als nur noch Rauch und etwas Glut übrig waren, drehte sich Rio zu Dylan um und schloss sie in die Arme. Er hielt sie fest, flüsterte ein leises Dankgebet an ihrem Ohr.
Und in der Rauchwolke von dem erlöschenden Feuer hinter ihm sah Dylan über seine breite Schulter, wie sich aus den wirbelnden Ascheflocken eine geisterhafte weibliche Gestalt formte.
Eva.
Ihr Lächeln war etwas traurig, als sie den beiden zusah, wie sie einander umarmten. Aber dann nickte sie Dylan langsam zu und verblasste.
Dylan schloss die Augen, schlang die Arme um Rio und vergrub ihr Gesicht in der tröstlichen Wärme seiner Brust. Nach einer kleinen Weile brachte seine tiefe Stimme ihre Wange zum Vibrieren.
„Du hast mir da vorhin etwas versprochen, irgendwas von ,auf jede nur erdenkliche Art und Weise'„, sagte er und räusperte sich. „Möchtest du mir vielleicht erklären, was genau dir da vorschwebt?“
Dylan sah zu ihm auf und lächelte, ihr Herz strömte über vor Liebe.
„Soll ich's dir vielleicht einfach zeigen?“
Er lachte leise, und seine Fangzähne begannen sich auszufahren.
„Und ich dachte schon, du fragst mich nie.“
Ende