14

 

Seine großen Hände packten meine Schultern, und ich befand mich wie so viele junge Männer vor mir in seiner Gewalt. Nur, dass ich ein Messer in der Hand hatte. Er zog mich hoch, so hoch, dass ich beinahe den Boden unter den Füßen verlor. In der Dämmerung konnte ich kaum etwas erkennen, aber ich sah sein weißes Hemd unter dem offenen Mantel hervorblitzen, und ich holte mit dem Arm aus, so weit ich konnte. Das Messer drang relativ leicht in seine Haut ein, prallte aber an einem Knochen ab, vielleicht an einem Rippenknochen. Er schrie, als sein Hemd von Blut durchnässt wurde.

Er ließ mich los, und ich floh. Eine Sekunde später war er jedoch schon wieder bei mir, er hatte sich schneller von diesem Schock erholt als erwartet. Er griff mich an, und ich drehte mich zur Seite, holte erneut mit dem Messer aus. Diesmal erwischte ich ihn an der Schulter, und es drang wesentlich tiefer ein. Er brüllte, wich zurück, rappelte sich aber wieder auf. Wir standen jetzt ganz nah am Seeufer, und ich konnte ein, zwei Schilder erkennen. Wir befanden uns in einer Art öffentlichem Angelgebiet. Ich näherte mich dem Wasser, weil er auf mich zukam und ich keine andere Wahl hatte.

Bisher hatte nur er geredet. »Los, komm schon und hol mich, du Mistkerl«, sagte ich. »Hol mich, du Vergewaltiger.«

»Sie haben es geliebt«, sagte er zu meinem großen Erstaunen. »Sie haben es geliebt.«

»Na klar«, entgegnete ich. »Wer lässt sich vor dem Sex nicht gern anketten, mit Brandwunden übersäen und aufschlitzen?«

»Nein«, sagte er keuchend. »Ich rede nicht von den Jungen. Tom. Tom und Chuck.«

»Du machst mich krank«, sagte ich. »Willst du hier stehen bleiben und mich noch kränker machen, du Arschloch?«

Da ging er zum Angriff über. So dumm konnte er doch eigentlich gar nicht sein, aber er stürzte sich tatsächlich auf mich. Ich sprang zur Seite, und als er ins Leere fiel, schubste ich ihn mit beiden Händen so fest ich konnte, obwohl mein gebrochener Arm höllisch wehtat. Er landete direkt am Seeufer, ich war also doch nicht nah genug dran gewesen, verdammt noch mal. Ich hatte gewollt, dass er ins eiskalte Wasser fiel. Aber er stand nicht wieder auf, und ich rannte davon. Das jahrelange Joggen schien sich doch gelohnt zu haben.

Ich befand mich wieder im Schutz der Bäume und bahnte mir einen Weg um den See herum zu der bewohnten Hütte, in der Licht brannte und die bestimmt den Hamiltons gehörte.

Ich glaubte ihn Millionen Male zu hören. Ich versteckte mich mindestens einmal zehn Minuten lang und verharrte reglos. Ich hatte zu starke Schmerzen und fror zu sehr, um noch klar denken zu können. Das Messer hatte ich immer noch, und obwohl ich kurz überlegte, es fallen zu lassen, traute ich mich nicht, für den Fall, dass er mich doch noch einholen würde. Als ich wieder daran dachte, wie das Messer in ihn eingedrungen war, musste ich stehen bleiben und mich übergeben. Das war ein scheußlicher Fall.

Ich konnte mich nicht erinnern, mich bei einem anderen Fall übergeben zu haben. Wahrscheinlich lag das an der Sache mit dem Messer. Aber ich hatte mich auch vor der Scheune übergeben müssen. Vielleicht war es die Folter und nicht die Sache mit dem Messer?

Ich wusste, dass ich nicht mehr klar denken konnte, aber dieses Wissen half mir auch nicht weiter. Ich schüttelte sogar den Kopf, wahrscheinlich in der Hoffnung, dass mein Gehirn anschließend besser funktionieren würde. Doch das sollte mir sofort leidtun, da ich mich erneut übergeben musste. Irgendwas stimmte nicht mit mir, ich musste ins Krankenhaus. Ich kicherte.

Es muss Tom gewesen sein, der mir eins mit der Schaufel übergebraten hat, dachte ich. Wenn es Barney gewesen wäre, hätte er mich umgebracht.

Ich hatte ein paar Minuten vergessen, mich zu bewegen. Ich hatte einfach nur im dunklen Wald gestanden, und meine Gedanken waren abgeschweift. Ich lauschte aufmerksam, konnte jedoch nichts hören. Aber das musste nicht bedeuten, dass es nichts zu hören gab. Ich traute meinen Sinnen nicht mehr. Aber ich zwang mich, mich zu bewegen, denn ich konnte hier nicht draußen in der Kälte bleiben. Ich musste einen Unterstand finden.

Das war der härteste Kampf meines Lebens. Aber ich konnte Lichter sehen, und sie kamen näher. Ich befand mich neben der Straße, so nah, dass hin und wieder Scheinwerfer vorbeisausten. Wer weiß, wem die gehörten?

Endlich erreichte ich die erste Blockhütte. Der Wald endete nicht abrupt, sondern lichtete sich allmählich, und dann kamen vereinzelte Bäume, Wiese und die Hütte. Ich wusste gar nichts mehr, nicht wo Barney war, ob ich mich wirklich am Pine Landing Lake befand oder ob Tolliver nach mir suchte. Was hätte er sonst auch tun sollen? Aber was, wenn er dachte, ich sei einfach so abgehauen? Es hatte ein wenig gereizte Stimmung zwischen uns geherrscht. Nein, das war völlig unmöglich, nie würde er glauben, dass ich ihn verlasse.

Ich blieb stehen, denn ich hatte Angst, den Schutz des Waldes zu verlassen. Ich spitzte die Ohren, riss die Augen auf. Mein Herz klopfte, und mein Kopf pochte im selben Rhythmus. Ich musste gegen das überwältigende Bedürfnis ankämpfen, mich hinzulegen und mich kurz auszuruhen. Ich atmete ein paar Mal tief durch und wappnete mich innerlich. Dann trat ich in den dunklen Abend hinaus. Der Mond würde bald aufgehen, und dann wäre die Sicht besser. Aber noch herrschte Dämmerung, tiefste Dunkelheit.

Ein Schritt hinaus ins Freie. Und noch einen.

Nichts geschah.

Ich lief schneller, überquerte erst die eine, dann die andere Wiese. Bei dem Wort Wiese denkt man an schön gemähten Rasen, aber das stimmte nicht ganz. Das hier waren Blockhütten, Sommerunterkünfte für Angler, und Rasenpflege wird bei Leuten, die am Wochenende an den See fahren, nicht gerade groß geschrieben. Die Grundstücke waren eher klein und manchmal nicht einmal voneinander getrennt. Wenn, dann durch eine Reihe Büsche, wahrscheinlich Sträucher, die im Frühling blühten. Auf dem unebenen, nassen Gelände wuchs viel Unkraut. Dinge standen herum wie Eimer, Kinderspielzeug, Boote unter Abdeckplanen, sogar eine Schaukel. Ein nachlässiger Blockhüttenbesitzer hatte die Liegestühle draußen stehen lassen. Ich weiß das, weil ich über einen stolperte.

Ich hatte mich in meinem ganzen Leben noch nie so einsam gefühlt.

Ich hatte das Gefühl, dieser Albtraum würde niemals aufhören. Ich würde auf diesem unwegsamen Gelände für immer durch die Dunkelheit stolpern müssen, während irgendwo der Tod auf mich wartete.

Ich war richtig überrascht, als ich die Hütte der Cottons erreichte, in der wir gewohnt hatten. Jetzt wusste ich wirklich, dass ich mich am Pine Landing Lake befand. Die nächste Hütte, in der Lichter brannten, gehörte den Hamiltons.

Aber ich würde in grelles Licht treten müssen, um an die Tür der Hamiltons zu klopfen. Vielleicht brachte ich sie ja auch in Gefahr. Obwohl ich das eindeutige Gefühl hatte, dass Barney Simpson längst mit seinem Geländewagen nach Mexiko oder Kanada unterwegs war, konnte ich mir diesbezüglich nicht sicher sein.

Ich überlegte sehr genau, was ich tun wollte. Ich würde den Schatten der Cotton-Hütte verlassen, die Auffahrt und die Verandastufen der Hamiltons hoch- und auf die Tür zurennen, wumm wumm wumm. Da es bereits Abend war, würde Ted aufmachen. Er würde mich reinlassen. Vielleicht nur ungern, weil ich in so einem unmöglichen Zustand war und Probleme mitbrachte, aber vermutlich würde er mich hereinlassen.

Ich riss mich zusammen. Als ich gerade aus dem Schatten heraustreten wollte, glitt ein großes, dunkles Etwas zwischen mir und der Hütte vorbei. Es hatte mehr Ähnlichkeit mit einem Bären als mit einem Menschen, aber gleich darauf erkannte ich, dass es Barney Simpson war - nicht der freundliche Krankenhausverwalter, sondern die Bestie, die in ihm steckte. So lief kein Mensch. Seine Schultern waren zusammengesackt und er zog das linke Bein nach. Ich bereute es, ihn nicht stärker verletzt zu haben, um ihn an meiner Verfolgung zu hindern. Jetzt, wo er verwundet war, war er bestimmt noch gefährlicher.

Er stand mehr oder weniger direkt neben dem Seiteneingang der Hamiltons, unten an der Auffahrt. Er ging jedoch nicht die Stufen zur Veranda hoch. Die Außenbeleuchtung beschien seinen Kopf, der voller Blätter und Zweige war. Barneys Anzug war mit Blut, Schlamm und Erde befleckt.

Er hielt ein großes Messer in der rechten Hand. Es war eher eine Art Machete als ein Messer. Ob er es wohl aus seinem Wagen geholt hatte? Und wenn ja, wo war es während unseres Kampfes gewesen? Anscheinend war er sich da noch zu siegessicher gewesen und hatte geglaubt, keine Waffe zu brauchen, da er so groß und stark war.

Gut. Ich würde einfach warten, bis er wieder weg war.

Aber Ted Hamilton war wie immer auf der Hut. Die Tür der Blockhütte ging auf, und der alte Mann trat auf die kleine Veranda.

»Sind Sie das, Mr Simpson, der Mann aus dem Krankenhaus?«, rief er. »Mrs Simpson, sind Sie das?«

»Oh, Mr Hamilton«, sagte Barney. »Hören sie, entschuldigen Sie die Störung. Aber diese junge Frau, die hier war, um die Leichen zu finden, diese Harper Connelly, hatte einen Anfall und dreht da draußen irgendwo durch.«

»Ach du meine Güte«, sagte Mr Hamilton, doch seine Stimme verriet keine Reaktion »Ich nehme nicht an, dass Sie sie gesehen haben?«, fragte Barney. Ob ich die Einzige war, die hörte, welche Anstrengung ihn das kostete? Barney musste sich sehr zusammenreißen, menschlich zu wirken.

»Nein«, sagte Ted Hamilton. »Und was wollen Sie mit ihr machen, wenn Sie sie gefunden haben?«

»Wieso? Sie ins Krankenhaus bringen natürlich«, sagte Barney.

»Aber zuerst wollen Sie ihr den Kopf absäbeln. Sie haben da nämlich ein ziemlich großes Messer dabei.«

»Mr Hamilton, passen Sie auf!« Ich sprang aus meinem Versteck, weil ich schreckliche Angst hatte, Barney könnte den alten Mann und seine Frau angreifen.

Aber Mr Hamilton richtete ein Gewehr auf Barney. Er hatte die Situation völlig unter Kontrolle, bis ich beide mit meinem plötzlichen Auftauchen erschreckte.

Mit einem lauten Aufschrei war Barney hinter mir her, und ich drehte mich um, um in den Wald zurückzulaufen. Aber dann löste sich mit einem Mal hinter mir ein Schuss.

Und Barney verfolgte mich nicht mehr.

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