7.
Damon hörte Gelächter, das vom Strand heraufkam, als er auf seiner Veranda um die Hausecke bog und seine Teetasse auf den kleinen Tisch neben seinem Schaukelstuhl stellen wollte. Seine Hüfte machte ihm mehr zu schaffen als sonst und Sarah war nicht da, um die Schmerzen zu lindern. Im Lauf der letzten Tage hatte sie immer mehr Geräte und Zubehör in sein Haus geschleppt und eine Alarmanlage zusammengebaut, die Fort Knox Konkurrenz machen könnte.
Jonas Harrington folgte ihm, aber er setzte sich nicht auf den Stuhl, den Damon ihm anbot, sondern trat an das Geländer, um die Gestalten zu beobachten, die am Strand weit unter ihnen barfuß durch den Sand liefen. »Die hecken doch etwas aus.«
Damon ließ sich auf seinen Stuhl sinken, der ihm einen prächtigen Ausblick auf den kleinen Privatstrand bot. Dort hielten sich die Drake-Schwestern häufig auf, ob bei Tag oder bei Nacht. Der Wind trug ihr Gelächter zu ihm und dieser Klang wirkte auf ihn ebenso beruhigend wie die Geräusche des Meeres.
Er vermisste Sarah. Es war albern, jemanden zu vermissen, den man Tag für Tag sah. Er war immer ein Einzelgänger gewesen und ihm war unverständlich, warum er plötzlich darauf angewiesen war, ihr strahlendes Lächeln zu sehen. Aber am besten gefiel ihm, dass ihre Augen jedes Mal aufleuchteten, wenn sie ihn sah. Ihr Gesichtsausdruck bei seinem Anblick würde ihm für alle Zeiten in Erinnerung bleiben.
»Langsam fange ich an zu glauben, dass von der Drake-Familie tatsächlich ein Zauber ausgeht. Ich habe nie die Nähe eines anderen Menschen gebraucht, aber ich kann mir nicht vorstellen, Sarah Drake nie wieder zu sehen. Ich habe mir eingebildet, meine Arbeit sei mein Leben. Mein Gehirn bringt es locker auf hundert Meilen in der Stunde. Es entwickelt unaufhörlich neue Ideen, prüft sie, hakt sie ab und verwirft sie wieder, aber Sarah beruhigt mich. Frag mich bloß nicht, wie sie das anstellt.« An ihrem langen dunklen Haar, das offen im Wind flatterte, konnte Damon sie mühelos erkennen. Oft band sie es zu einem Pferdeschwanz zusammen. Für ihn stand ihre natürliche Schönheit außer Frage. Sie dagegen schien nicht viel auf ihr Äußeres zu geben. »Sie hält sich nicht für schön. Ist das nicht eigenartig?«
Jonas zuckte die Achseln. »Ich glaube, sie machen sich alle keine großen Gedanken über ihr Aussehen, mit Ausnahme des Babypüppchens, das von ihnen verhätschelt und wie eine kleine Prinzessin behandelt wird.« Er fuhr sich mit einer Hand durchs Haar und blickte finster. »Ich weiß, ich sollte das nicht sagen.« Sein Blick blieb weiterhin auf die große, gertenschlanke Blondine geheftet, der das wellige platinblonde Haar auf den Rücken fiel. »Manchmal glaube ich, sie sorgen rührend für sie und nehmen ihr jede Kleinigkeit ab, aber es gibt auch Momente, in denen ich glaube, sie nutzen sie aus. Frag mich nicht, wie ich darauf komme, es ist nur so ein vages Gefühl.«
»Du magst sie alle.« Damon trank einen Schluck von dem heißen Tee. Er trank grundsätzlich keinen Tee, aber Sarah hatte ihm eine von Hannahs Spezialmischungen mitgebracht und er stellte fest, dass diese Mischung eine wohltuende Wirkung auf ihn hatte, wenn das Schuldbewusstsein und die Erinnerungen besonders schwer auf seinen Schultern zu lasten schienen.
»Ich liebe sie alle«, verbesserte ihn Jonas. »Sie sind meine Familie, meine einzige Familie. Sie nehmen das zwar nicht besonders ernst, aber mir ist es sehr ernst damit. Sie haben nichts Besseres zu tun als sich ständig in Schwierigkeiten zu bringen, und wenn ich das sage, rede ich nicht von Bagatellen, sondern von ernsthaften Gefahren.«
»Gefahren wie mir.« Damon stellte seine Tasse auf die Untertasse zurück und seufzte. »Sarah denkt gar nicht daran nachzugeben. Sie hat den Auftrag angenommen, mich zu bewachen, und ich kann sie nicht davon abbringen, mit keinem Mittel. Ich habe schon hundertmal mit dem Gedanken gespielt, von hier fortzugehen, damit sie in Sicherheit ist, aber...« Er ließ seinen Satz abreißen und wünschte, er besäße mehr Charakterstärke. Aber es hatte nie jemanden gegeben, der ihn so angesehen hatte wie Sarah, und er konnte sich einfach nicht dazu durchringen, auf ihre Gesellschaft zu verzichten.
»Sie würde dir ja doch nur folgen, Damon«, sagte Jonas. »Die Drakes sind hartnäckig. Wenn sie sich erst einmal in ein Problem verbissen haben, dann wird es gelöst, denn die Bedeutung des Wortes ›aufgeben‹ ist ihnen fremd. Sarah wird dich nicht aufgeben, also gib du sie auch nicht auf.«
Damon zuckte nicht zurück, als er sah, dass sich eine gewisse Kälte und die Härte von Stahl in den Blick des Mannes eingeschlichen hatten. »Keine Sorge, Harrington, ich habe deine Warnung durchaus gehört. Ich möchte stark bezweifeln, dass ich Sarah verletzen kann, es sei denn, meine Vergangenheit holt mich ein und bringt sie in Gefahr, aber Sarah riskiert es, mir das Herz aus der Brust zu reißen und es mir auf einem silbernen Tablett zu präsentieren.«
»So schlimm hat es dich erwischt?«
»Ja, zum Teufel. Ich hätte nie geglaubt, dass mir das passieren könnte, und dann auch noch in so kurzer Zeit. Ich denke ständig an sie.« Sein Mund wurde trocken und sein Herz pochte heftig, und all das nur, weil er über Sarah sprach. Er konnte sich nicht vorstellen, warum eine Frau, die so lebhaft und fröhlich und voller Lebenslust und Liebe war, sich freiwillig mit jemandem zusammentun sollte, der so melancholisch und trübsinnig war wie er. Er war alles andere als gesellig und er neigte dazu, andere Leute mit seinem Intellekt zu brüskieren und rücksichtslos über sie hinwegzugehen. Auf Smalltalk und höfliche Konversation ließ er sich äußerst selten ein und er wusste selbst, dass er sich meistens über die grundlegenden Gebote der Höflichkeit hinwegsetzte. Bisher hatte ihm das nie etwas ausgemacht, aber Sarah würde es etwas ausmachen.
»Vielleicht ist dir damit weitergeholfen, wenn ich dir Folgendes sage: Ich habe noch nie erlebt, dass sich Sarah ernsthaft für einen Mann interessiert. Bestimmt hat es Männer in ihrem Leben gegeben, aber das hat sie alles schön säuberlich von ihrer Familie und von Sea Haven ferngehalten. Wahrscheinlich hatten sie alle schon Männerbekanntschaften, aber hier bekommen wir nichts davon mit.« Jonas wandte sich mit finsterer Miene wieder zu den Stimmen um, die der Wind zu ihnen trug, und sein Blick suchte die Größte der Drake-Schwestern.
»Was hat es mit diesem verschlossenen Tor auf sich, von dem sie alle reden?«, fragte Damon.
»Das berüchtigte Tor.« Jonas grinste hämisch. »Sie achten sorgsam darauf, dass es immer abgeschlossen ist, als könnte sie das vor etwas bewahren.«
»Wovor sollte es sie bewahren?«
Jonas zuckte die Achseln. »Vor der Liebe, wenn du mich fragst. Manchmal höre ich, wie sie miteinander reden, aber viel erzählen sie mir nicht und ich will, ehrlich gesagt, auch gar nicht alles wissen. In ihrem Haus hat sich die Macht von Generationen angesammelt. Wirkliche Macht. Ich rede nicht gern über diese Dinge, weil ich dann jedes Mal Zustände kriege. Mir wird ganz anders, wenn ich bloß daran denke. Ich habe es lieber mit Tatsachen zu tun, nicht mit Magie, aber in diesem Haus kann man geballte Kraft spüren. Vor ein paar Jahren haben sie beschlossen, das Tor mit einem Vorhängeschloss zu sichern, und seitdem hängt es dort.«
»In der Woche nach Sarahs Heimkehr war es nicht verschlossen. Wenn ich den Pfad hinaufgekommen bin, der zum Haus führt, stand es immer offen. Ich hatte jedes Mal das Gefühl, das Haus hieße mich willkommen. Und genau das besagen auch die Inschriften unten auf dem Tor, eine auf Italienisch und die andere in Latein.«
»Du kannst Italienisch und Latein lesen?« Jonas grinste ihn an. »Kein Wunder, dass sich Sarah zu dir hingezogen fühlt. Was steht denn da? Das wollte ich schon immer wissen, aber die Drakes hätte ich deshalb noch lange nicht gefragt.«
»›Wenn sich die sieben zusammentun, werden sie eins miteinander.‹ Auch jedes der Symbole hat seine eigene Bedeutung. Etliche dienen zum Schutz. Vollziehen sie kultische Riten?«
»Was zum Teufel sie tatsächlich tun, weiß keiner so genau. Sie besitzen magische Kräfte und seltsame Gaben, die sehr real vorhanden sind. Libby ist Ärztin und ich habe sie Wunder vollbringen sehen. Abigail richtet manchmal heilloses Durcheinander an. Sie braucht nur das Wort ›Wahrheit‹ auszusprechen und jeder in ihrer Nähe plaudert all seine Geheimnisse aus. Hannah ist regelrecht gespenstisch. Elle ist sehr still und spricht so gut wie nie darüber, was sie tun kann und was nicht, aber wenn sie in Wut gerät, könnte sie wahrscheinlich Sea Haven dem Erdboden gleichmachen. Der Einsatz ihrer Gaben kostet die Schwestern viel Kraft. Ich habe selbst gesehen, wie weit das gehen kann. Sie kommen dann an einen Punkt, an dem sie keinen Schritt mehr laufen und auch nicht mehr sprechen können. Sie sacken an Ort und Stelle zusammen und es dauert lange, bis sie sich wieder erholt haben.«
Damon blickte auf, als er die Sorge hörte, die in der Stimme des Sheriffs mitschwang. »Was enthältst du mir vor? Wie soll ich deinen seltsamen Gesichtsausdruck deuten?«
Jonas wies mit dem Kopf auf den Strand. »Sie wissen etwas. Sarah kann in die Zukunft blicken, oder zumindest glaube ich, dass sie es kann. Jeden Morgen sehe ich sie zu deinem Haus fahren.«
»Sie hat eine Alarmanlage installiert.«
»Das ist mir aufgefallen. Dieses System entspricht dem neuesten Stand der Technik. Aber heute Morgen war sie nicht hier und heute Nachmittag ist sie auch nicht hergekommen. Und jetzt wird es Abend und sie sind alle am Strand.«
»Du kannst mir glauben, mir ist sehr deutlich bewusst, dass Sarah heute noch nicht bei mir war. Ich muss mich wirklich zusammenreißen, um nicht zum Telefonhörer zu greifen und sie anzurufen oder zu diesem Strand runterzuklettern und nachzusehen, was sie ausheckt.«
»Ich finde, genau das solltest du tun.«
»An den Strand gehen? Ich habe mir den Weg angeschaut, Jonas. Ich glaube nicht, dass meine Hüfte dieser Kletterei gewachsen wäre.«
»Ich bin dir gern behilflich.«
»Wieso habe ich das Gefühl, du hast es darauf abgesehen, mir großen Ärger mit diesen Frauen einzubrocken?«
Jonas feixte. »Besser du als ich. Die Sonne wird bald untergehen und genau darauf bereiten sie sich vor. Auf die Begegnung des aufgehenden Mondes mit der untergehenden Sonne. Bis dahin können wir es zu den kleinen Dünen schaffen, uns dort hinsetzen und sie aus der Nähe beobachten, damit uns bestimmt nichts entgeht. Wenn du in Sarahs Familie aufgenommen werden willst, wirst du dich damit abfinden müssen, dass die Schwestern zu ganz außerordentlichen Dingen fähig sind.«
»Wie zum Beispiel übers Wasser zu laufen?«
»Ausschließen würde ich das nicht.«
»Du traust ihnen wirklich viel zu. Ich vermute, ich kann nur an Dinge glauben, die ich mit wissenschaftlichen Fakten belegen kann.«
Jonas grinste über das ganze Gesicht. »Dann steht dir der eine oder andere größere Schock bevor, Wilder. Komm schon, es kann nicht schaden, wenn du dir ein Bild davon machst, was es mit der Drake-Familie auf sich hat.«
Damon wollte Sarah sehen. Und er war neugierig auf die magischen Kräfte, die den Schwestern angeblich zu Gebote standen. Er glaubte weder an die Wirksamkeit von Voodoo-Praktiken noch an die anderer religiöser Zeremonien. Verfluchter Mist, er war nicht einmal sicher, ob er noch an Gott glaubte. Er hatte jedoch den leisen Verdacht, dass er inzwischen glaubte, die Drake-Schwestern würden sich tatsächlich von anderen Menschen unterscheiden. Und wenn das der Wahrheit entsprach, was hatte er dann hier verloren, ein Wissenschaftler, der sich stets auf Tatsachen berief?
Er stand auf und stützte sich schwer auf seinen Stock. »Verdammter Mist. Das wäre mal wieder typisch für mich, wenn ich das Pech hätte, mich ausgerechnet in eine Frau zu verlieben, die Zauberkünste beherrscht. Ich gehe noch nicht mal in die Vorstellungen von Zauberkünstlern. Es macht mir keinen Spaß, so lange ich nicht herausgefunden habe, wie sie es anstellen, und wenn ich das erst einmal weiß, ist es nicht mehr allzu beeindruckend.«
»Bereite dich darauf vor, dass du beeindruckt sein und für die Dinge, die diese Frauen tun, keine wissenschaftlichen Erklärungen finden wirst. An deiner Stelle würde ich es gar nicht erst versuchen, Damon, es würde dich ja doch nur wahnsinnig machen. Wir nehmen den Wagen und fahren so weit wie möglich, um dein Bein zu schonen.«
»Du hast heute Abend frei?«
Jonas nickte. »Da die Schwestern hier sind, dachte ich mir, ich könnte vielleicht eine selbstgekochte Mahlzeit ergattern. Ich verbringe meine Zeit gern mit ihnen, wenn sie zu Hause sind. Sie sind für mich der reinste Jungbrunnen. Manchmal setzt mir mein Job ziemlich zu. Zu viele Unfälle auf der Schnellstraße. Verbrechen kommen in Sea Haven so gut wie nie vor, die entlegeneren Orte kriegen ein bisschen mehr ab. Trotz all des Unsinns, den sie verzapfen, wirken die Drakes beruhigend auf mich.«
Damon folgte ihm zum Wagen und nahm auf dem Weg wahr, dass Jonas die nähere Umgebung gründlich absuchte und nach Gefahren Ausschau hielt. Damon zog den Kopf ein. Er hasste es, sich derart angreifbar zu fühlen, so hilflos mit seiner kaputten Hüfte und seiner verwundeten Seele. Er war machtlos gegen die Alpträume und er konnte nicht verhindern, dass andere nur deshalb in Gefahr gerieten, weil sie sich in seiner Nähe aufhielten.
Jonas ließ den Wagen an und bog auf die Schnellstraße ein. »Es gibt einen schmalen Feldweg, auf dem wir hinten herum zum Grundstück der Drakes und bis ans obere Ende des Fußpfades fahren können, der zum Strand hinunterführt. Es sind Stufen hineingehauen worden und es gibt sogar tatsächlich fast überall ein Geländer. Ich glaube, da kann dir nichts passieren. Pass bloß auf, denn falls dir doch etwas passiert, zieht Sarah mir das Fell über die Ohren.«
»Das wird sie wahrscheinlich auch dann tun, wenn mir nichts passiert«, sagte Damon.
Jonas grinste breit. »Wie ich sehe, weißt du schon nach so kurzer Zeit, woran du bist. Diese Frau kann auch die anderen zur Ordnung rufen. Wenn es dir wirklich ernst mit ihr ist ...« Er warf einen Seitenblick auf Damon, um es sich nochmals bestätigen zu lassen.
»Sehr ernst.«
»Mit Sarah ist nicht zu spaßen. Sie will klare Antworten haben. Versteh mich nicht falsch, sie ist anderen Leuten gegenüber sehr tolerant, aber sie ist loyal und integer und sie erwartet dasselbe von den Menschen, mit denen sie sich einlässt.«
»Danke, Harrington«, sagte Damon barsch.
»Wofür?«
»Dafür, dass du glaubst, ich hätte Chancen bei ihr. Ich habe nie damit gerechnet, dass ich mich verlieben könnte. Und schon gar nicht so schnell. Ich weiß nicht, ob sie nur Mitleid mit mir hat, weil mein Leben hoffnungslos verpfuscht ist, oder ob sie sich wirklich für mich interessiert.«
»Sie hat dich geküsst, Wilder. Sarah küsst so schnell niemanden. Und vor ihrer Familie schon gar nicht.«
Damon konnte sich nicht gegen den momentanen Glückstaumel wehren, der die schwere Last auf seinen Schultern und auf seiner Brust vorübergehend leichter erscheinen ließ. An manchen Tagen wachte er morgens mit dem Gefühl auf, jemand würde auf ihm hocken. Dann schaffte er es nur mit Mühe, aus dem Bett aufzustehen. Einzig und allein Sarahs Lächeln konnte ihm eine Spur von Frieden vermitteln.
An diesem Morgen war er schweißüberströmt aufgewacht und hatte das Schreckgespenst des Todes, das durch seine Träume gegeistert war, kaum abschütteln können. Auch unter der Dusche war die Last nicht leichter geworden und der Rest des Tages war lang und schwierig gewesen. Als der Sheriff gekommen war, um nach ihm zu sehen, war er froh gewesen, dass Jonas ihm Gesellschaft leistete. Damon fürchtete, er hätte sich schon zu sehr an Sarahs Gegenwart gewöhnt und verließe sich bereits auf die Freude und den Glanz, in den sie stets gehüllt war. Diese Vorstellung jagte ihm teuflische Angst ein. Auf der kurzen Fahrt zu den Stufen, über die man den Privatstrand der Drakes erreichte, sah er Jonas nicht an.
Jonas parkte den Wagen am oberen Ende des Weges, der zum Strand hinunterführte. Er lief um die Kühlerhaube herum, um Damon beim Aussteigen behilflich zu sein. Der Wind berührte sein Gesicht fast so zart wie Fingerspitzen, die ihn liebkosten und seine Aufmerksamkeit auf sich lenken wollten, und er trug das Tosen der Brandung und weibliche Stimmen zu den Männern hinauf. Er hätte nicht sagen können, ob die Frauen einen rhythmischen Singsang angestimmt hatten, aber aus irgendwelchen Gründen überlief ihn ein eiskalter Schauer.
Als Damon aus dem Wagen stieg, zog über seinem Kopf ein dunkler Schatten vorüber. Jonas blickte auf, aber der Himmel war wolkenlos. Dort waren nur die untergehende Sonne und der aufgehende Mond zu sehen, deren Pfade sich über den wilden Wogen des Meeres kreuzten. Er warf einen Blick auf Damon und der Atem stockte in seiner Kehle. Auf der Felswand, die sich hinter ihnen erhob, war ein schwarzer Schatten zu sehen. Der dunkle Umriss schien über Damon zu schweben. Tatsächlich sah es sogar so aus, als hockte er auf seinen Schultern. Damon hatte an der Last dieser Erscheinung so schwer zu tragen, dass sie ihn beugte. Er stützte sich mit beiden Händen auf seinen Stock.
Ein eiskalter Schauer der Furcht rieselte Jonas über den Rücken. Der schwarze Umriss legte sich ein Gesicht zu, einen grinsenden Schädel mit straff gespannter Haut. Knochige Arme streckten sich nach Damon aus. Jonas stellte sich instinktiv vor ihn. Er hörte, dass der Sprechgesang an Lautstärke zunahm. Die Stimmen, die von der Brise zu ihnen getragen wurden, waren jetzt viel klarer zu vernehmen. Der Himmel wurde blutrot und das Dröhnen des Meeres nahm zu, als der Wind sich zu einem schrillen Schrei erhob und in seinem Bemühen, sie von Damons Schultern zu vertreiben, an der schwarzen Gestalt zerrte.
Eine große Last senkte sich auf Jonas herab und er beobachtete den schwarzen Schatten auf der Felswand, der sich nach Kräften streckte, um nicht nur Damon, sondern auch ihn vollständig einzuhüllen.
»Ich kann mich nicht von der Stelle rühren«, sagte Damon. »Und mir ist kalt bis in die Knochen.« Er zog die Schultern hoch, weil eine furchtbare Last ihn niederdrücken wollte, und mit einer Hand rieb er geistesabwesend seine Brust, direkt über dem Herzen. »Was ist los mit mir?«
»Ich weiß es nicht«, sagte Jonas grimmig. Aber er fürchtete, dass er es nur zu gut wusste. Die Drake-Schwestern kämpften um Damons Leben, und da er es gewagt hatte, sich zwischen Damon und diesen Schatten zu stellen, kämpften sie nun auch um sein Leben. Er fühlte sich hilflos, als er dastand und der Wind heftig um sein Gesicht peitschte. Er wagte es nicht, sich von der Stelle zu rühren, denn er fürchtete, dann würde der Schatten sich Damon holen. Die Klauen schienen gierig ausgestreckt zu sein und der Kopf der Gestalt beugte sich über Damon, als versuchte sie, ihm den Atem zu rauben.
Die Stimmen schwollen an – weibliche Stimmen, kräftig und miteinander vereint. Es waren nicht nur die Stimmen der vier, die am Strand standen, sondern auch die anderen drei Schwestern, die an fernen Orten weilten, schlossen sich ihnen an, damit sie alle sieben eins werden konnten. Jonas fühlte die Kraft, die in die Frauen strömte und die sie an ihn weiterleiteten. Glitzernde bunte Pünktchen funkelten und sausten knisternd wie kleine Feuerwerkskörper durch die Luft, um eine undurchdringliche Wand zwischen den beiden Männern und der Erscheinung zu errichten.
Der Schatten zog sich schleunigst zurück und achtete sorgsam darauf, den glühend heißen Lichtern auszuweichen. Jonas spürte, wie die Last auf seinen Schultern leichter wurde. Damon nahm eine etwas aufrechtere Haltung ein und die grauen Linien, die sich so tief in sein Gesicht gefurcht hatten, verloren an Schärfe.
Jonas schnappte nach Luft, als er Finger spürte, die seine Hand streiften. Er blickte hinunter und rechnete damit, jemanden zu sehen, der neben ihm stand und seine Finger fest umklammert hielt. Er konnte es ganz deutlich fühlen, einen festen Griff, ein entschlossenes Zupacken. Und doch war dort niemand. Er stand allein da, während der Wind in sein Gesicht wehte und sein Haar zerzauste, und er fühlte, dass jemand ihn eng an sich drückte, ein Frauenkörper, der fest an ihn gepresst war. Alles Maskuline in ihm erhob lautstark Protest. Eine der Drakes – sie fühlte sich wie Hannah an – hatte sich schützend vor ihn geschoben und das war schlichtweg indiskutabel.
Inmitten des knisternden Feuerwerks konnte er die Umrisse mehrerer Frauen mit langem, gelöstem Haar sehen, das um sie herumflatterte. Sie hatten die Arme zum Himmel erhoben, körperlose Gestalten, die in der Luft flimmerten als seien sie Geistererscheinungen und nicht aus Fleisch und Blut. Hinter ihm fluchte Damon leise vor sich hin. Die Worte waren unverständlich, aber auch Jonas nahm die real vorhandene Gefahr akut wahr. Damon wollte sich ebenso wenig wie Jonas hinter den Frauen verstecken.
Jonas versuchte, sich von der Stelle zu rühren und einen Schritt vorzutreten, sich einen Weg durch diese Wand aus glitzernden Lichtern und transparenten Gestalten zu bahnen, um sich auf den kauernden dunklen Umriss zu stürzen, der ganz langsam den Rückzug antrat, von den Frauen vertrieben, die ihn von der Klippe fort und weit hinaus aufs offene Meer drängten. Der leise Gesang war jetzt deutlich zu hören, kräftige Stimmen, die sich harmonisch mit dem Wind und dem tosenden Meer verbanden und in seinem Kopf eine eigentümliche Form von Musik erklingen ließen.
Er drehte den Kopf, um die Bewegungen des Schattens zu verfolgen, als er über das Meer glitt. Ein Wal kam an die Wasseroberfläche, um Luft zu holen, und drei Delphine sprangen durch die Luft und versprühten in hohem Bogen kleine Wassertröpfchen über den Wellenkämmen. Alle vier setzten sich als Silhouetten gegen den blutroten Himmel ab. Der Rachen des Schattens war weit aufgesperrt, als er wieder auf den Strand blickte, auf dem vier Frauen mit hoch zum Himmel erhobenen Armen tanzten und mit ihren nackten Füßen ein kompliziertes Muster in den Sand stampften.
Der Wind heulte, stimmte ein gellendes Pfeifen an, stürzte sich in heftigen Böen auf die Erscheinung und trieb sie weit hinaus, bis sie nur noch ein Pünktchen am Horizont war. Als Jonas sich wieder umsah, war das Feuerwerk aus funkelndem Licht verschwunden und der Wind hatte sich gelegt. Kein Hauch wehte mehr. Jonas warf einen Blick auf den Strand und sah Sarah, Kate, Abigail und Hannah regungslos im Sand liegen.
»Steig ein, Damon.« Jonas riss die Wagentür auf. »Mach schnell.«
Damon befolgte die Anweisung. Er war immer noch von diesem eigenartigen Grauen gepackt. »Was zum Teufel geht hier vor? Ich habe ein Feuerwerk gesehen und sonst gar nicht, aber trotzdem hatte ich ...«
»Angst«, beendete Jonas seinen Satz. »Ich weiß nicht, was zum Teufel sich heute Abend hier abgespielt hat, und ich bin keineswegs sicher, ob ich es wissen will. Jetzt mach schon, ich muss dich schleunigst nach Hause bringen.«
»Wo ist Sarah?«
»Sie ist gemeinsam mit ihren Schwestern am Strand. Ich gehe gleich zu ihnen, aber die Dinge, die ich zu sagen habe, sollte ich ihnen besser allein sagen.« Grimmig schlug der Sheriff die Wagentür zu und fuhr schneller als es die Vernunft gebot, um Damon in seinem Haus in Sicherheit zu bringen. »Du bleibst im Haus und schaltest die Alarmanlage ein, um die Sarah diesen ganzen Wirbel veranstaltet hat. Ich komme später vorbei, um mich zu vergewissern, dass alles in Ordnung ist. Jackson Deveau, mein Deputy, wird heute Nacht mehrfach an deinem Haus vorbeifahren.«
Jonas hätte für die Rückfahrt zum Strand die Sirene eingeschaltet, wenn er damit schneller vorangekommen wäre. Er war so wütend, dass sogar ihm selbst klar war, welchen Fehler er machte. Er wusste, dass er sich unbedingt von den Drakes hätte fernhalten sollen, bis seine Wut verraucht und die Furcht von seinem Körper abgefallen war. Aber er konnte die Frauen nicht einfach erschöpft am Strand liegen lassen.
So lief er zügig über den nassen Sand, und mit jedem Schritt, den er machte, steigerte sich seine Wut. »Was zum Teufel habt ihr alle euch dabei gedacht?« Der Anblick ihrer bleichen Gesichter, denen die Erschöpfung deutlich anzusehen war, steigerte seinen Zorn noch mehr. »Ihr habt euch auf etwas eingelassen, worauf ihr euch unter gar keinen Umständen hättet einlassen dürfen.«
Sarah hob matt eine Hand und bedeutete ihm fortzugehen. Hannah blickte gar nicht auf und Kate und Abbey wandten ihm ihre bleichen Gesichter zu und starrten ihn aus riesigen Augen an. Er ließ sich mitten zwischen ihnen auf die Knie sinken und rieb der Reihe nach ihre Arme, um sie zu wärmen.
»Was war das, Sarah?«, fragte er.
»Willst du es wirklich wissen?«
Ihre Stimme klang derart geschwächt, dass er beinah den Mund gehalten hätte. Hannah gab ihm ausnahmsweise keine frechen Antworten und alle Drakes wirkten verängstigt.
»Ja, zum Teufel, ich will es wissen.«
»Der Tod. Du hast den Tod gesehen, Jonas. Und darin, dass du ihn sehen konntest, besteht deine Verbindung zu uns und gerade deshalb bist du so eng mit uns verbunden.« Sarah warf einen Blick auf ihre Schwestern und sah Jonas dann wieder ins Gesicht. »Du besitzt eine Gabe, genau wie wir. Aber du leugnest sie. Wir dagegen heißen unsere Gaben mit offenen Armen willkommen. Der Tod hat dir sein Gesicht gezeigt und er wird zurückkommen. Wir haben ihn geschwächt, aber er wird zurückkommen. Sogar schon sehr bald. Er hat Damon zu fest im Griff.« Bei ihren letzten Worten überschlug sich ihre Stimme fast.
Sofort streckten ihre Schwestern die Hände aus und legten sie auf sie. Es war ganz offensichtlich zu erkennen, dass sie Sarah trösten wollten. Jonas rückte näher zu Hannah und hob ihren Oberkörper behutsam hoch, damit sie den Kopf auf seinen Schoß legen konnte. Dann zog er Abigail näher zu sich, bis ihr Kopf auf seinem Oberschenkel lag. Schließlich kamen Sarah und Kate an die Reihe. Er lauschte den Geräuschen des Meeres, ließ sich von der vertrauten Melodie beruhigen und wartete darauf, dass er wieder einen klaren Kopf bekam.
»Warum ist der Tod hinter Damon her?« Er kam sich blöd dabei vor, diese Frage zu stellen. Wenn die Drakes ihre magischen Kräfte einsetzten, zog er es vor, weit weg zu sein. Er wusste, was sie taten, und er hatte es sogar als feststehende Tatsache akzeptiert, doch für alles, was ihm zu unheimlich war, suchte er automatisch rationale Erklärungen. Er konnte gar nicht anders. Aber der heutige Abend ließ sich nicht fein säuberlich in eine Schublade packen. Er dachte im Traum nicht daran, jemals zuzugeben, dass er Dinge sah oder Gaben oder dergleichen besaß oder dass Flüche auf ihm lasteten, für die er keine wissenschaftliche Erklärung finden konnte.
Sarah zuckte die Achseln. »Ich glaube, für den Tod spielt es keine Rolle, wen er sich holt. Hauptsache, er bekommt jemanden, und ich möchte nicht, dass dieser Jemand Damon ist - oder du.«
»Ich?«
»Du hast dich vor ihn gestellt. Du hast dich dem Tod gegenübergestellt. Warum hast du das getan?«
»Verdammt noch mal, Sarah. Es war ein Schatten. Ein Schatten auf der Felswand, der so aussah, als wollte er sich Wilder einverleiben. Ich hatte Angst um ihn. Ich habe lediglich das getan, was mir richtig erschien.«
»Du hast seine Aufmerksamkeit auf dich gelenkt. Das ist alles andere als ratsam«, sagte Sarah. »Mit manchen Dingen sollte man nicht spaßen.«
»Und was ist mit euch? Ihr seid ihm doch bestimmt schon längst aufgefallen. Und wagt es bloß nicht, mich jemals wieder in dieser Form zu beschützen. Ich will nicht, dass einer von euch etwas zustößt, weil ihr versucht, mich vor so etwas zu beschützen. Ich weiß noch nicht einmal, ob ich an diesen ganzen Hokuspokus glaube. Und wenn ich nicht daran glaube, kann er mir ohnehin nichts anhaben.« Er hätte sie am liebsten alle miteinander geschüttelt, bis sie wieder Verstand annahmen, und gleichzeitig wollte er sie eng an sich ziehen, um sie allesamt zu beschützen. Er wünschte sich einen Verbrecher aus Fleisch und Blut, jemanden, den er sehen und gegen den er kämpfen konnte. Das war ihm allemal lieber als dieser wesenlose Feind. Er zwang sich, mit ruhiger Stimme zu sprechen, obwohl sein Herz immer noch heftig pochte, weil er solche Ängste um die Schwestern ausgestanden hatte. »Tut das bloß nie wieder. Ich beschütze euch, nicht umgekehrt. So war es bei uns schon immer und so wird es auch immer bleiben. Ich bringe euch jetzt alle rauf ins Haus und koche euch Tee, es sei denn, ich beschließe, eine oder zwei von euch ins Meer zu werfen. Ich will nie wieder über diesen Vorfall reden und ich schwöre euch, wenn ihr ihn zur Sprache bringt, streite ich alles ab.«
Was er sagte, klang nicht allzu plausibel. Es hatte weder Hand noch Fuß, aber das war ihm ganz egal. Er wollte sie nur möglichst schnell nach Hause bringen, denn er wusste, dass sie in ihrem Haus in Sicherheit waren. Und dann würde er sich ernsthaft überlegen, ob es nicht vielleicht das Beste war, wenn er sich ordentlich betrank.