17. KAPITEL
ZWEIFEL UND BEFÜRCHTUNGEN
Kleine Erlebnisse können uns große Dinge lehren. Die Geschichte der Zeitalter ist nichts anderes als eine unendliche Wiederholung der Geschichte von Stunden. Der Rechenschaftsbericht einer Seele setzt sich aus einer Vielzahl von Augenblicken zusammen. Das was der Engel der Gerechtigkeit im Großen Buch verzeichnet, wird nicht in Regenbogenfarben geschrieben, nein, er taucht seine Feder nur in Licht und Dunkel. Denn das Auge der unendlichen Weisheit bedarf keiner Farbe. Alle Dinge, alle Gedanken, alle Gefühle und Wünsche sind, wenn man sie auf der niedersten Ebene ihrer konkreten und vielfachen Elemente betrachtet, auf zwei Gegensätze einschränkbar.
Falls es irgend jemanden nach der Kurzfassung eines ganzen Menschenlebens samt allen seinen Erfahrungen gelüstet, dann böte ihm die vollständige und offenherzige Schilderung meines Bewußtseinszustandes in den folgenden achtundvierzig Stunden das Gewünschte. Und der Engel der Gerechtigkeit hätte wie gewohnt seine Aufzeichnungen mit Sonnenschein und Schatten machen können, die man als endgültigen Ausdruck von Himmel und Hölle sehen könnte. Denn im Himmel herrscht der Glaube, während über der gähnenden Schwärze der Hölle der Zweifel dräut.
Zwar schien auch in jenen zwei Tagen zuweilen die Sonne, Augenblicke in denen alle Zweifel wie der Morgennebel angesichts der Sonne schwindet – immer dann, wenn mir Margaretes Liebreiz und ihre Liebe zu mir zu Bewußtsein kam. Doch als Ausgleich dafür – und es war ein wahrhaft überwältigender Ausgleich – hing Düsternis über mir wie ein Bahrtuch. Die Stunde, deren Kommen mir eine Beruhigung dünkte, rückte nun so rasch heran, daß mich das Gefühl der Endgültigkeit niederdrückte! Es konnte für uns alle um Tod oder Leben gehen. Doch darauf waren wir vorbereitet. Margaret und ich waren uns einig, was das Risiko anlangte. Der moralische Aspekt der Frage, der den religiösen Glauben betraf, in dem ich erzogen worden war, bekümmerte mich nicht. Denn das Ziel und die dahinterliegenden Ursachen vermochte ich nicht annähernd zu erfassen. Der Zweifel an dem Erfolg des Großen Experimentes war von der Art, wie sie alle risikoreichen Unternehmungen begleiten. Für mich, dessen Leben eine Abfolge intellektueller Kämpfe dargestellt hatte, war diese Form des Zweifels eher belebend als niederdrückend. Was war es dann, das mich ängstigte, ja sich in mir zur Qual steigerte, wenn ich meine Gedanken zu lange dabei verweilen ließ?
Ich fing an, an Margret zu zweifeln!
Worauf sich meine Zweifel bezogen, das wußte ich nicht. Ich zweifelte nicht an ihrer Liebe, an ihrer Ehrenhaftigkeit und Offenheit, an ihrer Güte, an ihrer Begeisterung. Woran zweifelte ich dann?
An ihr selbst!
Margaret unterlag ständig Veränderungen! Während der vergangenen Tage hatte es Zeiten gegeben, da ich in ihr kaum das Mädchen wiedererkannte, dem ich bei dem Picknick begegnet war, dessen Nachtwachen ich am Krankenbett ihres Vaters geteilt hatte. Denn damals war sie auch in Momenten größten Kummers, größter Angst und ärgster Befürchtungen voller Leben gewesen, scharfsinnig und gedankenvoll. Jetzt aber war sie meist gedankenverloren, ja zuweilen in einem negativen Zustand, als wäre ihr Bewußtsein, ihr eigentliches Sein, gar nicht zugegen. In solchen Augenblicken waren Beobachtungsvermögen und Gedächtnis zwar ungetrübt. Im nachhinein wußte sie immer, was um sie herum vorgegangen war. Doch die Rückkehr zu ihrem alten Ich war für mich immer so, als beträte eine andere Person den Raum. Bis zum Zeitpunkt unserer Abreise aus London war ich in ihrer Gegenwart stets zufrieden und glücklich gewesen. Ich hatte dabei jenes köstliche Gefühl der Sicherheit verspürt, das mit dem Bewußtsein einhergeht, daß die Liebe auf Gegenseitigkeit beruht. Nun aber hatte der Zweifel diese Stelle eingenommen. Nie konnte ich sicher sein, daß die Persönlichkeit an meiner Seite meine Margaret war – die Margaret von einst, in die ich mich auf den ersten Blick verliebt hatte – oder jene neue Margaret, die ich kaum verstehen konnte, und deren geistige Reserviertheit eine undurchdringliche Schranke zwischen uns errichtete. Manchmal erwachte sie momentan aus diesem Zustand und sagte mir liebe und höchst angenehme Dinge, die sie mir schon oft gesagt hatte, und doch wirkte sie dabei ganz anders. Mir war es, als spräche sie papageienhaft etwas nach, was einer ihr diktierte, der zwar Worte und Taten lenken konnte, nicht aber Gedanken. Nach ein oder zwei Erlebnissen dieser Art richteten meine eigenen Zweifel eine Schranke auf, denn ich konnte nun nicht mehr mit der gewohnten Freimütigkeit und Gelassenheit sprechen. Und so trieben wir Stunde für Stunde immer weiter auseinander. Hätte es nicht hin und wieder Augenblicke gegeben, da die alte Margaret wieder an meiner Seite war, ich weiß nicht, was dann geschehen wäre. So aber verhalf mir jeder dieser Augenblicke zu einem neuen Anfang und verhinderte, daß meine Liebe sich wandelte.
Was hätte ich darum gegeben, mich jemandem anvertrauen zu können! Dies aber war unmöglich. Wie konnte ich irgend jemandem, und wäre es ihrem Vater gegenüber, Zweifel an ihr äußern! Wie hätte ich ihr gegenüber davon sprechen sollen, da sie selbst doch Gegenstand dieser Zweifel war! Mir blieb nichts übrig als sie auszuhalten und zu hoffen! Dabei war das Ausharren das geringere Übel.
Margaret muß zuweilen wohl gespürt haben, daß sich Wolken zwischen uns drängten, denn gegen Ende des ersten Tages begann sie, mich zu meiden. Vielleicht geschah es aber deswegen weil sie sich mir gegenüber viel schüchterner gab. Bislang hatte sie jede Gelegenheit zum Zusammensein gesucht, so wie ich stets ihre Gesellschaft suchte. Um so schmerzlicher war nun dieses gegenseitige Meiden für beide von uns.
An jenem Tag war es im Haus sehr still. Jeder ging einer Beschäftigung nach oder gab sich seinen Gedanken hin. Nur zu den Mahlzeiten kamen wir zusammen. Auch dann waren aber alle mehr oder weniger in Gedanken, selbst wenn sie sich an der Unterhaltung beteiligten. Die durch die Routine des Hauspersonals erzeugte Betriebsamkeit fehlte nun ganz. Doch Mr. Trelawny hatte Vorsorge getroffen, daß es uns auch ohne Dienstboten an nichts mangelte. Im Speisezimmer standen vorgekochte Gerichte, die für mehrere Tage ausreichten. Gegen Abend brach ich zu einem kleinen Spaziergang auf. Ich hatte nach Margaret Ausschau gehalten um sie zu fragen, ob sie mich begleiten wolle. Doch als ich sie fand, befand sie sich eben in einer ihrer apathischen Phasen, und ihre Gesellschaft erschien mir sinnlos. Wütend auf mich selbst und unfähig, meine eigene Unzufriedenheit zu unterdrücken, brach ich allein zu einer Wanderung über die felsige Hochfläche auf.
Als ich oben auf der Klippe stand und die Weite des Meeres vor mir sah und nur das Schlagen der Wellen unter mir und die grellen Schreie der Seemöven über mir hörte, konnte ich meinen Gedanken freien Lauf lassen. Doch ich konnte tun, was ich wollte, sie kehrten ständig zu dem einen Thema zurück, nämlich der Befreiung von dem Zweifel, der mich quälte. Hier in der Einsamkeit inmitten der Natur, mit ihren Kräften und Kämpfen, konnte mein Verstand wieder klar arbeiten. Unwillkürlich ertappte ich mich bei einer Frage, deren Antwort ich mir nicht gestattete.
Aber schließlich siegte die Beharrlichkeit eines regen Verstandes. Ich mußte meinem Zweifel ins Auge sehen. Eine lebenslange Gewohnheit meldete sich zu Wort, und ich fing an, die vorliegenden Tatsachen zu analysieren.
Das erwies sich jedoch als so erschreckend, daß ich mich zum Gehorsam dem logischen Denken gegenüber zwingen mußte. Ich ging von folgendem aus: Margaret hatte sich verändert – in welcher Weise und wodurch? Hatte sich Charakter, Verstand oder Wesen geändert? Ihr äußere Erscheinung war unverändert. Ich ordnete nun alles ein, was ich von ihr wußte, angefangen von ihrer Geburt.
Schon von Anfang an war alles von Merkwürdigkeiten umgeben. Sie war, wie Corbeck mir erzählt hatte, von einer toten Mutter geboren worden, zu einer Zeit, da ihr Vater sich mit einem Freund in jener Gruft bei Assuan in Trance befand. Diese Trance war vermutlich von einer Frau hervorgerufen worden, einer mumifizierten Frau, die jedoch, da wir allen Grund zur Annahme hatten, sich einen Astralleib erhalten hatte, der ihrem freien Willen und einer höchst aktiven Intelligenz unterworfen war. Für diesen Astralleib gab es keine räumlichen Entfernungen. Die Strecke London – Assuan schrumpfte zu einem Nichts zusammen. Und was dieser Magierin an Hexenkünsten zu Gebote gestanden hatte, wandte sie an der toten Mutter und möglicherweise an dem toten Kind an.
Das tote Kind! War es am Ende möglich, daß dieses tote Kind wieder lebendig gemacht worden war? Woher war denn der belebende Geist – die Seele, gekommen? Nun wies mir die Logik mit überraschender Deutlichkeit den Weg!
Nach dem Glauben der alten Ägypter konnten das »K« und das »Khu« der toten Königin alles beleben, was ihr beliebte. Traf dies zu, dann war Margaret gar kein eigenes Individuum, sondern nur eine Phase, die Königin Tera durchlief, ein Astralleib, dem Willen der Tera untenan!
Da lehnte ich mich gegen die Logik auf. Mit allen Fasern meines Seins wehrte ich mich gegen diese Schlußfolgerung. Wie konnte ich nur glauben, es gäbe gar keine Margaret, sondern nur ein belebtes Abbild, Werkzeug einer Frau, die vor vierzig Jahrhunderten einen Plan ausgeheckt hatte…! Trotz der neuen Zweifel bot sich mir nun ein freundlicherer Ausblick dar.
Immerhin hatte ich Margaret! Und wieder schwang das Pendel der Logik zurück. Dann war das Kind nicht tot gewesen. Wenn ja, hatte die Zauberin etwas mit ihrer Geburt zu schaffen? Wie ich von Corbeck wußte, bestand eine frappierende Ähnlichkeit zwischen Margaret und den Bildern von Königin Tera. Wie war dies nur möglich? Ihre Mutter hatte diese Bilder nie gesehen, deshalb konnte es sich nicht um ein durch »Versehen« entstandenes Merkmal handeln. Nein, auch ihr Vater hatte sie erst zu Gesicht bekommen, nachdem er sich wenige Tage vor ihrer Geburt den Weg in die Gruft gebahnt hatte. Dieses Stadium jedoch überwand ich nicht so leicht wie das vorhergehende. Die Fasern meines Seins blieben ungerührt. Der Schrecken des Zweifels wollte nicht weichen. Und dank der Seltsamkeit menschlichen Wesens nahm dieser Zweifel eine konkrete Gestalt an. Es war ein gewaltiges Dunkel, in dem hin und wieder winzige Lichtpünktchen aufblitzten, die nur dazu dienten die Dunkelheit schneller zur Gewißheit werden zu lassen.
Übrig blieb die Möglichkeit einer Beziehung zwischen Margaret und der mumifizierten Königin insofern, als die Zauberin geheimer okkulter Mittel ihre Stelle einnehmen konnte. Dieser Aspekt ließ sich nicht so einfach beiseite schieben. Für diese Annahme sprachen nun, da ich mich eingehend damit befaßte und mein Verstand diese Möglichkeit in Betracht zog, zu viele Verdachtsmomente. Daraufhin fielen mir all die sonderbaren unerklärlichen Dinge ein, die in den letzten Tagen durch unser aller Leben gefegt waren. Zunächst überfielen sie mich sämtlich als wirre Masse. Wiederum aber gewann die Geisteshaltung meines Berufes die Oberhand, und sie ordneten sich ein. Mir fiel es nun leichter, mich zu beherrschen. Denn nun hatte ich etwas Faßbares, etwas was es zu tun galt, obgleich es betrüblicher Natur war, da es sich gegen Margaret richten konnte oder tatsächlich richtete. Aber Margaret selbst war ja höchst gefährdet! Ich war in Gedanken bei Ihr und kämpfte um sie. Doch wenn ich dabei im dunkeln arbeitete, konnte ich ihr Schaden zufügen. Meine wichtigste Waffe zu ihrer Verteidigung war die Wahrheit. Erst mußte ich wissen und begreifen, sodann würde ich vielleicht handeln können. Ganz gewiß konnte ich zu ihrem Wohl nichts unternehmen, ohne das richtige Erfassen und Erkennen der Tatsachen, die sich der Reihe nach wie folgt präsentierten:
Erstens: Die sonderbare Ähnlichkeit der Königin mit Margaret, die in einem anderen, tausend Meilen entfernten Land geboren worden war, als ihre Mutter nicht die leiseste Ahnung vom Aussehen der Königin Tera haben konnte.
Zweitens: Das Verschwinden von Van Huyns Buch, als ich eben die Beschreibung des Stern-Rubins gelesen hatte.
Drittens: Das Auffinden der Lampen im Boudoir. Der Astralleib Teras konnte die Tür von Corbecks Hotelzimmer aufgeschlossen und sie nach ihrem Abgang mit den Lampen wieder versperrt haben. Auf dieselbe Weise konnte sie das Fenster geöffnet und die Lampen im Boudoir untergebracht haben. Margaret mußte persönlich dabei nicht die Hand im Spiel gehabt haben, aber – aber es war das alles zumindest äußerst merkwürdig.
Viertens: Die Verdachtsmomente des Detektivs und des Arztes kamen mir mit erneuter Kraft und mit größerem Verständnis in den Sinn.
Fünftens: Es gab Gelegenheiten, da Margaret bevorstehende Perioden der Ruhe richtig angekündigt hatte, als wüßte sie um die Absichten des Astralleibes der Königin.
Sechstens: Das auf ihren Vorschlag hin erfolgte Wiederauffinden des Rubins, den ihr Vater verloren hatte. Während ich diese Episode im Lichte meines Argwohns neu überdachte, kam ich zu dem einzig möglichen Schluß, daß – immer vorausgesetzt, die Theorie von der astralen Kraft der Königin stimmte – Königin Tera, sich den Edelstein aus der Brieftasche angeeignet hatte, weil sie auf ihre Weise, nämlich dank ihrer übernatürlichen Kräfte, sicherstellen wollte, daß die Fahrt von London nach Kyllion ungestört verlief. Hierauf hatte sie mittels Margaret das Wiederauffinden möglich gemacht.
