3. KAPITEL
DIE WACHEN
Mir fiel auf, wie die zwei jungen Frauen einander ansahen. Die Angewohnheit, mir auf Grund unbewußter Handlungen und Verhaltensweisen ein Bild von der Persönlichkeit eines Zeugen zu machen, ist mir vermutlich so sehr in Fleisch und Blut übergegangen, daß ich sie auch außerhalb des Gerichtssaales in meinem persönlichen Leben beibehalten habe. Und in diesem Augenblick meines Lebens interessierte mich alles, was auch Miß Trelawny interessierte. Und da sie sich vom Neuankömmling beeindruckt zeigte, schätzte ich die Frau instinktiv ebenfalls ab. Bei einem Vergleich der beiden, war mir, als sähe ich Miß Trelawny viel deutlicher. Nun konnte man sich gewiß keinen größeren Gegensatz denken als die beiden Frauen. Miß Trelawny war von zierlicher Gestalt, dunkel, mit ebenmäßigen Zügen ausgestattet. Sie hatte wundervolle Augen – groß, schwarz, schimmernd wie Samt, und von geheimnisvoller Tiefe. Ein Blick in diese Augen war, als sähe man in einen schwarzen Spiegel wie Doktor Dee bei seinen Zauberriten. Bei dem Ausflug hatte ich gehört, wie ein alter Herr, ein erfahrener Orientreisender, die Wirkung ihre Augen beschrieben hatte. »Als wenn man des nachts durch die offenen Tore einer Moschee die großen Lampen aus einiger Entfernung erblicke.« Besonders typisch für sie waren die Brauen. Fein gewölbt und dicht wirkten sie als passende architektonische Umrahmung der tiefen, glänzenden Augen, Auch das Haar war schwarz, jedoch seidenweich. Im allgemeinen ist schwarzes Haar ein Zeichen animalischer Kraft und wirkt als Ausdruck einer Kraftnatur. In diesem Fall aber konnte davon nicht die Rede sein. Hier hatte man es mit einem verfeinerten und hochgezüchteten Typ zu tun. Und während jegliches Zeichen von Schwäche fehlte, wirkte die Andeutung von vorhandener Kraft eher geistig als körperlich. Ihr ganzes Sein schien in vollkommener Harmonie. Haltung, Figur, Haar, Augen, der lebhafte, volle Mund, dessen rote Lippen und weiße Zähne die untere Gesichtshälfte belebten, der weite Kieferbogen vom Kinn zum Ohr, die langen, zarten Finger, die Hand, die sich bewegte, als hätte sie ein eigenes Empfindungsvermögen. Alle diese Vollkommenheiten zusammengenommen bildeten eine Persönlichkeit, die durch Anmut und Liebreiz, durch Schönheit oder Charme beherrschend wirkte.
Im Gegensatz dazu erreichte Schwester Kennedy die weibliche Durchschnittsgröße nicht ganz. Sie war robust und untersetzt, ausgestattet mit runden Gliedmaßen und breiten, kräftigen, fähigen Händen. In der Färbung erinnerte sie an Herbstlaub. Das dunkelblonde Haar war dicht und lang, die goldbraunen Augen blitzten aus einem sommersprossigen, gebräunten Gesicht. Ihre rosigen Backen unterstrichen noch den Eindruck satten Brauns. Die roten Lippen und weißen Zähne desgleichen. Sie hatte ein Stupsnäschen, zweifellos. Wie jedoch alle Nasen dieses Typs war sie Zeichen einer großzügigen und unerschütterlich gutmütigen Natur. Die hohe weiße Stirn, die frei von Sommersprossen war, deutete auf Verstand und auf Kraft der Gedanken.
Doktor Winchester hatte ihr auf der Fahrt vom Krankenhaus bereits die notwendigen Einzelheiten berichtet. Wortlos machte sie sich an die Arbeit und nahm den Patienten in ihre Obhut. Nachdem sie das frischgemachte Bett begutachtet und die Kissen aufgeschüttelt hatte, wandte sie sich an den Arzt, der ihr nun Anweisungen gab. Zu viert hoben wir den Bewußtlosen vom Sofa.
Nachdem Sergeant Daw am frühen Nachmittag wieder eingetroffen war, stattete ich meiner Bleibe in der Jermyn Street einen Besuch ab und stellte jene Kleidungsstücke, Bücher und Papiere zusammen, die ich in den nächsten Tagen wahrscheinlich brauchen würde. Dann erledigte ich meine beruflichen Verpflichtungen.
Die Gerichtsverhandlung zog sich in die Länge, da es sich um einen wichtigen Fall handelte, der zu Ende gebracht wurde. Es war Schlag sechs Uhr, als ich durch das Tor der Kensington Palace Road einfuhr. Ich wurde in einem großen Zimmer nahe dem Krankenzimmer untergebracht.
An jenem Abend hatten wir die Krankenwache nur provisorisch arrangiert, so daß die Verteilung nicht ganz gerecht ausfiel. Schwester Kennedy, die den ganzen Tag auf Posten gewesen war, hatte sich niedergelegt, und wollte um zwölf Uhr wieder zur Stelle sein. Doktor Winchester, der im Hause zu Abend essen sollte, blieb im Krankenzimmer, bis zum Dinner geläutet wurde. Er kam nach Tisch unverzüglich zurück. Während des Dinners blieb Mrs. Grant bei dem Kranken, ihr zur Seite Sergeant Daw, der eine genaue Untersuchung des Raumes und der näheren Umgebung zu Ende bringen wollte. Um neun Uhr lösten Miß Trelawny und ich den Arzt ab. Sie hatte sich nachmittags ein paar Stunden ausgeruht, um für die Nachtwache erquickt zu sein. Sie hätte sich entschlossen, zumindest in der Nacht durchzuwachen, erklärte sie mir. Ich versuchte gar nicht erst sie umzustimmen, da ich wußte, daß ihr Entschluß feststand. Von meinen Absichten ließ ich im Moment nichts verlauten.
Wir traten auf Zehenspitzen ein, so leise, daß der Arzt, der sich eben über das Krankenlager beugte, uns gar nicht hörte, und sogar ein wenig erschrocken schien, als er aufblickte und merkte, daß wir ihn ansahen. Ich spürte, daß das Rätselhafte des Falles ebenso an seinen Nerven zerrte, wie an den Nerven einiger anderer von uns. Vermutlich war er ein wenig verärgert über sein Erschrecken, weil er ganz plötzlich und hastig zu reden begann, damit wir nicht auf die Idee kämen, es wäre ihm peinlich.
»Ich bin am Ende meiner Weisheit angelangt, was die Ursache dieser Starre angeht. Ich habe eben eine so genaue Untersuchung wie nur irgend möglich vorgenommen, und habe mit Befriedigung festgestellt, daß keine Gehirnverletzung vorliegt, wenigstens keine äußere. Alle lebenswichtigen Organe scheinen intakt. Wie Sie wissen, habe ich ihm mehrmals Nahrung eingeflößt, was ihm sichtlich guttat. Die Atmung ist kräftig und regelmäßig, sein Puls langsamer und stärker als heute morgen. Ich kann keine Anzeichen dafür erkennen, daß er unter dem Einfluß irgendeiner bekannten Droge steht, und seine Bewußtlosigkeit ähnelt in keiner Weise einem der zahlreichen Fälle von Tief schlaf in – Hypnose, die ich im Hospital Charcots in Paris beobachten durfte. Und was nun diese Wundmale betrifft« – er legte sacht den Finger auf das verbandumhüllte Gelenk, das auf der Decke lag, »so weiß ich nicht, was davon zu halten ist. Sie könnten von einer Krempelmaschine verursacht worden sein. Aber diese Annahme ist unhaltbar. Es bestünde immerhin die Möglichkeit, daß ein wildes Tier sie ihm zugefügt hat, falls es sich vorher sorgsam die Krallen schärfte. Auch das darf man als unwahrscheinlich ausschließen. Gibt es hier im Haus übrigens außergewöhnliche Haustiere, wie zum Beispiel eine Tigerkatze oder etwas ähnlich Ausgefallenes?«
Miß Trelawny lächelte traurig, was mir einen Stich ins Herz versetzte. Sie antwortete:
»Nein, keineswegs. Vater mag keine Tiere im Haus – es sei denn sie wären tot und mumifiziert.« Das sagte sie mit einem Anflug von Bitterkeit – oder Eifersucht, ich konnte es nicht unterscheiden. »Sogar mein armes Kätzchen wurde hier im Haus nur ungern geduldet. Es ist das liebste und artigste Kätzchen der Welt und darf nur auf Widerruf hier sein. Dieses Zimmer hier ist ihm überhaupt verwehrt.«
Sie hatte noch nicht ausgesprochen, als man eine leises Rütteln an der Klinke hörte. Miß Trelawnys Miene erhellte sich. Sie sprang auf und lief mit den Worten an die Tür:
»Da ist er ja! Das ist mein Silvio. Wenn er in einen Raum möchte, stellt er sich auf die Hinterbeine und tappt auf die Klinke.« Sie machte die Tür auf und begrüßte die Katze, als spräche sie zu einem kleinen Kind. »Möchtest wohl herein, wie? Na, komm schon. Mußt aber brav bei mir bleiben!«
Sie hob die Katze hoch, und kam mit dem Tier in den Armen wieder. Ein wahrhaft herrliches Tier! Der chinchillagraue Perserkater mit dem seidenweichen dichten Fell machte trotz seiner Sanftheit einen ausgesprochenen hochmütigen Eindruck. Die großen Pfoten gespreizt, so landete er auf dem Boden, und entwand sich aalgleich den Armen der Herrin, die das Tier liebkoste. Er huschte durch den Raum und hielt vor einem niederen Tisch inne, auf dem eine Tiermumie stand. Der Kater fing zu miauen und zu fauchen an. Sofort war Miß Trelawny zur Stelle, die das Tier in die Arme nahm, obgleich es sich lebhaft zur Wehr setzte. Dabei beschränkte es sich auf Tritte und widerspenstiges Sich-Winden und biß und kratzte nicht, denn es liebte seine schöne Herrin offensichtlich. Kaum war es in ihren Armen, gab es keinen Laut mehr von sich. Sie mahnte es im Flüsterton:
»Du, schlimmer, schlimmer Silvio, du! Frauchen hat für dich gebürgt, und jetzt benimmst du dich so! So, und jetzt sag den Herren schön gute Nacht und komm mit in Frauchens Zimmer!«
Dabei hielt sie mir die Katzenpfote entgegen, damit ich sie ergreife. Ich tat es und konnte nicht umhin die Größe und Wohlgestalt zu bewundern.
»Hm, sieht ja fast aus wie ein krallenbewehrter kleiner Boxhandschuh«, bemerkte ich.
Sie lächelte. »Soll es auch. Sehen Sie, mein Silvio hat richtige Zehen!« Sie öffnete die Pfote. Tatsächlich, das Tier hatte sieben Krallen, von denen jede in einer feinen zarten muschelartigen Umhüllung steckte. Und während ich das Füßchen sacht streichelte, traten die Krallen hervor, und eine kratzte mich zufällig – denn der Zorn des nunmehr sanft schnurrenden Tieres war verraucht – in die Hand. Ich zuckte zurück und rief aus: »Das sind ja messerscharfe Krallen!«
Doktor Winchester war herangetreten und neigte sich über die Katzenpfote. Und noch während ich sprach, rief er aus:
»Aja!« Ich hörte wie er scharf einatmete. Indes ich das ganz sanftmütig gewordene Tier streichelte, ging der Arzt an den Tisch, um ein Stück Löschpapier von der Schreibunterlage abzureißen. Dieses Stück Papier legte er flach auf die Handfläche und drückte mit einem schlichtem: »Sie gestatten!« zu Miß Trelawny die Katzenpfote darauf. Das hochmütige Katzentier schien diese Vertraulichkeit übelzunehmen und wollte die Pfote wegziehen. Genau das aber wollte der Doktor, denn dabei zeigte der Kater die Krallen und riß das weiche Papier auf. Miß Trelawny trug das Tier hinaus. Nach wenigen Minuten kam sie wieder und sagte beim Eintreten: »Sonderbar ist das mit der Mumie! Damals, als Silvio zum ersten Mal hier ins Zimmer kam – ich wollte ihn als kleines Kätzchen Vater zeigen –, da verhielt er sich ebenso. Er sprang auf den Tisch und wollte die Mumie kratzen und beißen. Das war es ja, was Vater so wütend machte und dem armen Silvio die Verbannung einbrachte. Er durfte nur im Haus bleiben, weil ich mich für sein Wohlverhalten verbürgte.«
In ihrer Abwesenheit hatte Doktor Winchester den Verband vom Arm ihres Vaters entfernt. Die Wunde war nun deutlich sichtbar, da sich die einzelnen Schnitte als leuchtendrote Striche hervorhoben. Der Arzt faltete das Löschpapier entlang der von den Krallen gerissenen Markierung und hielt es an die Wunde. Dabei blickte er triumphierend auf, um uns sogleich heranzuwinken.
Die Risse im Papier entsprachen genau den Wundmalen am Handgelenk! Eine Erklärung war überflüssig, als er sagte:
»Hätte Klein Silvio sein Ehrenwort bloß nicht gebrochen!«
Wir alle schwiegen still. Plötzlich aber sagte Miß Trelawny:
»Also Silvio war gestern nacht nicht hier im Raum!«
»Sind Sie sicher? Könnten Sie das notfalls auch beweisen?«
Sie zögerte, ehe sie erwiderte: »Ich bin ganz sicher. Doch fürchte ich, daß ein Beweis schwer zu erbringen wäre. Silvio schläft in meinem Zimmer in einem Körbchen. Ich weiß mit Sicherheit, daß ich ihn gestern zu Bett brachte. Ich entsinne mich deutlich, daß ich seine kleine Decke über ihn breitete und die Decke feststopfte. Heute morgen hob ich ihn eigenhändig aus dem Körbchen. Hier drinnen habe ich ihn mit Sicherheit nicht gesehen, obgleich das natürlich nicht viel heißt, denn ich war Vaters wegen so außer mir und mit ihm so beschäftigt, daß ich Silvio nicht bemerkt hätte.«
Der Doktor schüttelte den Kopf, als er mit einem Anflug von Bekümmerung sagte: »Nun, jedenfalls hat es im Moment keinen Zweck, irgend etwas zu beweisen. Jede Katze der Welt hätte in einem Bruchteil der mittlerweile verstrichenen Zeit ihre Krallen von Blutspuren gesäubert – falls es überhaupt welche gab.«
Wieder trat Schweigen ein. Und wieder brach Miß Trelawny das Schweigen.
»Wenn ich es recht überlege, dann kann es nicht der arme Silvio gewesen sein, der Vater verletzte. Meine Tür war abgeschlossen, als ich das Geräusch erstmals hörte. Und Vaters Tür war geschlossen, als ich daran lauschte. Und als ich eintrat, da waren die Wundmale schon vorhanden. Sie sind ihm zugefügt worden, ehe Silvio die Möglichkeit hatte, einzudringen.«
Diese Begründung war ausreichend, besonders für mich als Juristen, denn sie hätte als Beweis vor Geschworenen genügt. Und mir persönlich war es sehr angenehm, daß man Silvio freigesprochen hatte – möglicherweise, weil er Miß Trelawny gehörte und ihre Liebe besaß. Glücklicher Kater! Silvios Herrin freute sich sichtlich, als ich sagte: »Urteil nicht schuldig!«
Und Doktor Winchester setzte nach einer kleinen Weile hinzu: »Dann muß ich mich wohl bei Silvio entschuldigen. Dennoch möchte ich zu gern wissen, warum er so heftig gegen diese Mumie ist. Verhält er sich gegen die anderen Mumien hier im Haus ähnlich? Ich nehme an, es gibt hier ziemlich viele. Allein drei sah ich in der Diele.«
»Ja, sehr viele«, erwiderte sie. »Manchmal weiß ich gar nicht, ob ich mich in einem Privathaus oder im Britischen Museum befinde. Silvio aber lassen alle bis auf die eine kalt. Vermutlich deswegen, weil es eine Tiermumie ist.«
»Vielleicht sogar die Mumie einer Katze!« meinte der Doktor, der nun aufstand und sich die Mumie näher besah. »Ja«, fuhr er fort, »es ist eine Katzenmumie. Und überdies eine sehr schöne Mumie. Hätte es sich nicht um den Liebling einer bedeutenden Person gehandelt, wäre dem Tier wohl keine solche Ehre zuteil geworden. Sehen Sie! Ein bemaltes Gehäuse und die Augen aus Obsidian – wie bei einer menschlichen Mumie. Wie seltsam, daß ein Tier die eigene Gattung erkennt. Dies hier ist eine tote Katze – mehr nicht. Vielleicht vier- oder fünftausend Jahre alt – und eine zweite Katze einer anderen Rasse in einer praktisch völlig anderen Welt will sich auf sie stürzen, als wäre sie noch am Leben. Wenn Sie nichts dagegen haben, Miß Trelawny, würde ich mit dem Tier gern ein paar Versuche unternehmen?«
Sie zögerte, ehe sie sagte: »Ja, natürlich, tun Sie alles, was sie für nötig und richtig halten. Ich hoffe nur, es wird meinem armen Silvio nicht schaden.«
»Ach, Silvio geschieht schon nichts. Sparen wir unser Mitgefühl lieber für die andere auf.«
»Wie soll ich das verstehen?«
»Jung Silvio soll den Angreifer spielen, die andere Katze ist der leidende Teil.«
»Leidend?« Das klang schmerzlich. Der Doktor lächelte breit.
»Keine Angst, es ist kein Leiden in unserem Sinn. Es wird höchstens Struktur und Äußeres beeinflußt.«
»Was um Himmels willen meinen Sie eigentlich?«
»Ganz einfach, meine liebe junge Dame: Der Gegner wird eine Mumie wie diese hier sein. Ich nehme an, daß man davon in der Museum Street jede Menge bekommen kann – hoffentlich haben Sie nicht das Gefühl, daß ein kurzer Austausch gegen die Anweisungen Ihres Vaters verstößt. Und dann werden wir zunächst mal herausfinden, ob sich Silvios Abneigung auf alle Mumienkatzen erstreckt oder nur auf diese eine.«
»Ich weiß nicht recht«, sagte sie, von Zweifeln geplagt. »Vaters Anweisungen klingen so kompromißlos.« Und nach einer kleinen Pause setzte sie hinzu: »Aber unter den gegebenen Umständen muß natürlich alles unternommen werden, was seinem Wohl dient. Ich denke doch, daß an einer Katzenmumie nichts Besonderes ist.«
Doktor Winchester sagte gar nichts. Er saß reglos und mit so ernstem Gesicht da, daß dieser tiefe Ernst auch mich erfaßte. Und in diesem Zustand erhellender Unruhe wurde mir es erst richtig klar, wie sonderbar der Fall war, mit dem ich jetzt so intensiv befaßt war. Dieser einmal gedachte Einfall fand kein Ende. Statt dessen wuchs er, blühte auf und wurde auf tausend verschiedene Arten vervielfacht. Der ganze Raum und alles darin Befindliche gaben Grund für seltsame Überlegungen. Hier sah man so viele uralte Dinge, daß man sich unwillkürlich in fremde Länder zurückversetzt fühlte. Diese zahlreichen Mumien und Mumienobjekte, an denen auf ewig die durchdringenden Düfte von Erdpech, von Gewürzen und Harzen zu haften schien – »Die würzigen Düfte von Narden und Narzissen«, wie es so schön heißt – daß man die Vergangenheit einfach nicht vergessen konnte. Überdies herrscht nur gedämpftes Licht im Raum, kein direkter Schein, der sich als Kraft einer Wesenheit manifestieren kann und einen das Fehlen von Gesellschaft vergessen läßt. Es war ein großer und hoher Raum. In dieser Weitläufigkeit war Raum für viele Dinge, die in einem Schlafzimmer höchst ungewöhnlich waren. In den entfernten Winkeln des Raumes sah man Schatten von unheimlicher Form. Mehr als einmal wurde ich während meiner Überlegungen von der vielfachen Gegenwart von Tod und Vergangenheit so gepackt, daß ich mich dabei ertappte, wie ich mich ängstlich umblickte, als wäre eine Persönlichkeit oder ein Einfluß fremder Art gegenwärtig. Sogar die sichtbare Anwesenheit von Doktor Winchester und Miß Trelawny boten mir in diesem Augenblick weder Trost noch Befriedigung. So nahm ich mit deutlicher Erleichterung wahr, daß in Gestalt von Schwester Kennedy eine neue Persönlichkeit dem Raum betrat. Es konnte kein Zweifel daran bestehen, daß die sachliche, selbstsichere und tüchtige junge Frau meinen wilden Phantasiegebilden ein Element der Sicherheit hinzufügte. Ihr gesunder Menschenverstand schien alles um sie herum zu durchdringen, so als wäre er eine Art von Strahlung. Bis zu diesem Augenblick hatte ich um den Kranken phantastische Vorstellungen errichtet, bis schließlich alles um ihn herum, einschließlich meiner selbst damit verquickt wurde, sich darin verfing oder… Kaum aber war sie eingetroffen, war er plötzlich nicht mehr als ein Patient. Der Raum war wieder ein Krankenzimmer, und die Schatten hatten alles Furchteinflößende eingebüßt. Das einzige, was sich nicht hatte ausmerzen lassen war der seltsame ägyptische Geruch. Man lege eine Mumie in einen Glasbehälter und schließe diesen hermetisch ab, so daß die zersetzende Luft nicht dazugelangen kann – dennoch wird die Mumie diesen Geruch ausströmen. Man möchte meinen, daß vier- oder fünftausend Jahre ausreichen müßten, jeglichen Duftstoff zu tilgen, doch die Erfahrung lehrt, daß die Gerüche sich erhalten und für uns ein Rätsel bleiben. Heute sind sie ebenso Geheimnisvoll wie einst als die Einbalsamierer den Leichnam in ein Natronbad legten…
Plötzlich richtete ich mich auf. Ich hatte mich von einem Tagtraum gefangennehmen lassen. Der ägyptische Duft hatte von meinen Nerven Besitz ergriffen – von meinem Gedächtnis, ja von meinem Willen.
In diesem Augenblick kam mir ein Gedanke gleich einer Inspiration. Wenn ich schon durch den Geruch so beeinflußt wurde, war es dann nicht möglich, daß der Kranke, der mehr als sein halbes Leben in dieser Umgebung verbracht hatte, allmählich und mittels eines langsamen, aber unaufhaltsamen Prozesses in sich etwas aufgenommen hatte, das sich so mit ihm vermengte, daß eine neue Kraft aus der Quantität gewonnen wurde – oder aus der Stärke – oder…
Erneut verlor ich mich in einem Tagtraum. Nein, so ging es nicht. Ich mußte Vorkehrungen treffen, damit ich wach blieb und frei von diesen einschläfernden Gedanken. Ich hatte von der vergangenen Nacht nur die Hälfte durchgeschlafen. Und kommende Nacht mußte ich wach bleiben. Ohne meine Absicht kundzutun, damit Miß Trelawny nicht zusätzlich Kummer und Unannehmlichkeiten zugefügt wurden, ging ich hinunter und verließ das Haus. Bald hatte ich eine Apotheke gefunden, in der ich ein Sauerstoffgerät erstand. Als ich zurückkam, war es zehn Uhr. Der Arzt wollte sich eben für die Nacht empfehlen. Die Pflegerin begleitete ihn an die Tür des Krankenzimmers, letzte Anweisungen entgegennehmend. Miß Trelawny saß reglos am Krankenbett. Sergeant Daw, der beim Weggehen des Arztes eingetreten war, stand in einiger Entfernung.
Als Schwester Kennedy sich zu uns gesellte, kamen wir überein, daß sie bis zwei Uhr morgens Wache halten sollte, bis Miß Trelawny sie ablösen würde. So würden im Einklang mit Mr. Trelawnys Verfügungen jeweils ein Mann und eine Frau im Raum anwesend sein. Und ein jeder würde ein wenig länger bleiben, so daß das neue Wächterpaar sofort erfahren würde, falls sich etwas ereignet hatte. Ich legte mich auf dem Sofa in meinem Zimmer zur Ruhe. Es war vereinbart, daß mich einer der Dienstboten kurz vor zwölf wecken sollte. Nach kürzester Zeit war ich eingeschlafen.
Als man mich weckte, brauchte ich eine Weile, bis ich meine Gedanken beisammen hatte, und erfaßte, wer ich war und wo ich mich befand. Die kurze Schlaf pause hatte mir jedoch gutgetan, und ich sah die Dinge um mich herum in nüchternerem Licht als am frühen Abend. Ich wusch mein Gesicht und ging sodann erquickt zum Krankenzimmer, wobei ich mich lautlos bewegte. Die Schwester saß still und aufmerksam am Bett. Der Detektiv hatte sich in einen im tiefen Schatten am anderen Ende des Raumes stehenden Armsessel gesetzt. Er rührte sich nicht, als ich auf ihn zuging. Erst als ich neben ihm stand, äußerte er in tonlosem Flüstern:
»Alles in Ordnung. Ich bin eingeschlafen!« Eine unnötige Bemerkung, wie ich bei mir dachte – wie immer, es sei denn, sie stimmt nicht. Als ich ihm sagte, seine Wache wäre vorbei und er könne ins Bett gehen, bis ich ihn um sechs Uhr wieder riefe, schien er erleichtert und macht sich eilends davon. Im Eingang wandte er sich um, machte kehrt und flüsterte mir zu:
»Ich habe einen leichten Schlaf und werde meine Pistole griffbereit halten. Gottlob, daß ich hier rauskomme. Dieser Mumiengeruch macht einem den Kopf schwer.«
So war er also gleich mir von Schläfrigkeit übermannt worden!
Ich fragte die Pflegerin, ob sie etwas brauchte. Ich bemerkte, ein Riechfläschchen auf ihrem Schoß. Zweifellos hatte auch sie den Einfluß zu spüren bekommen, dem ich so stark erlegen war. Sie antwortete, daß sie alles Nötige hätte, daß sie mich es aber sofort wissen lassen würde, falls sie etwas brauchte. Ich wollte nicht, daß sie mein Sauerstoffgerät bemerkte, deshalb zog ich mich in den im Dunkeln stehenden Sessel zurück, dem sie den Rücken zuwandte. Hier erst setze ich die Maske auf und machte es mir bequem.
Lange Zeit, wie mir schien, saß ich so da und gab mich meinen Gedanken hin. Es war ein wilder Gedankenwirrwarr, wie nach den Erlebnissen des Tages und der vergangenen Nacht nicht anders zu erwarten war. Wieder ertappte ich mich bei Überlegungen, was es mit dem ägyptischen Geruch wohl auf sich hätte. Und ich entsinne mich, daß ich köstliche Befriedigung darüber fühlte, daß er nicht mehr so stark spürbar war. Der Sauerstoffapparat erfüllte seinen Zweck.
Es muß wohl so gewesen sein, daß die beunruhigenden Gedankengänge einer Gemütsruhe Platz machten, eine natürliche Folgeerscheinung körperlicher Ruhestellung, denn ich sah ein Traumbild vor mir – träumte einen Traum, obwohl ich mich nicht erinnern kann, eingeschlafen zu sein oder aus einem Schlaf erwacht zu sein.
Ich befand mich im Raum, saß im Sessel. Ich hatte die Sauerstoffmaske vor dem Gesicht und wußte, daß ich frei atmen konnte. Die Pflegerin saß mit dem Rücken zu mir in ihrem Stuhl. Sie saß reglos da. Der Kranke lag da wie ein Toter. Das alles war einem Szenenbild ähnlicher als der Wirklichkeit. Alle waren reglos und still. Und diese Stille und Reglosigkeit dauerten fort. Von draußen, aus der Ferne hörte ich die Geräusche der Stadt, Räderrollen, den Ausruf eines Zechers, das entfernte Echo von Pfiffen und das Rattern von Zügen. Das Licht war ganz heruntergedreht und wirkte unter der grünbeschirmten Lampe eher als Unterbrechung der Dunkelheit denn als Lichtquelle. Der grüne Seidenschirm hatte die Farbe eines Smaragds im Mondschein angenommen. Der ganze Raum war voller Schatten. Meine durcheinandergeratenen Gedanken machten mir vor, daß alle wirklichen Dinge sich zu Schatten verflüchtigt hätten – zu Schatten, die sich bewegten, denn sie glitten an den matten Umrissen der hohen Fenster vorüber. Schatten, die einen eigenen Willen hatten. Ich glaubte sogar ein Geräusch zu hören, ein schwaches Geräusch wie das Miauen einer Katze – das Rascheln von Stoffdraperien und ein metallisches Klirren, als wäre Metall leise gegen Metall gestoßen. Ich saß da wie in Trance. Schließlich hatte ich wie in einem Alptraum das Gefühl, daß dies der Schlaf wäre und daß ich mit dem Durchschreiten seiner Tore meinen Willen eingebüßt hatte.
Ganz plötzlich waren meine Sinne hellwach. In meinen Ohren widerhallte ein Kreischen. Mit einemmal war das Zimmer hell-erleuchtet. Ich hörte Pistolenschüsse – einen, zwei. Weißer Rauch durchzog wie Nebel den Raum. Als meine erwachten Augen wieder deutlich sehen konnten, hätte ich ob des Anblicks, der sich mir bot, fast einen Schreckensschrei ausgestoßen.