13
Luzifer wanderte wie von seinem eigenen Dämonenheer drangsaliert im Zimmer auf und ab und spuckte dabei Gift und Galle. Jetzt nützte ihm auch sein schöner Dolce & Gabbana-Anzug nichts mehr. Er sah einfach schrecklich aus. Die lange Silbermatte war so zerzaust, als hätte sie eine schlimme Auseinandersetzung mit einem Fön gehabt, und das mediterran gebräunte Gesicht schien merklich blasser geworden zu sein. Das linke Augenlid zuckte immerzu, ständig wanderte sein Blick zu dem Notebook auf dem Boden.
»Was soll dieser Anwalt-Schwachsinn!« sagte er etwas zu laut, als es dem juristischen Rahmen angemessen wäre. Welchen er natürlich kurzerhand als nicht existent reklamierte. »Als wir den Pakt geschlossen haben, war von solchen Finten nicht die Rede. Es gab klare Spielregeln und weiter nichts.«
»Genau um diese geht's«, erwiderte Metathron und behielt ihn mit seinen gelbgrünen Augen genau im Blickfeld. »Ach übrigens, nur der Form halber, wie werden Sie eigentlich genannt?«
»Nenn mich Karl Arsch, du Paragraphenfuzzi!« blaffte Luzi.
»Karl Arsch oder einfach nur Herr Arsch?«
Der Alte fuhr sich nervös durch die Haare. »Wieso darf ich mir denn keinen Anwalt nehmen, he?«
»Das dürfen Sie, Herr Arsch. Es steht Ihnen frei, für Ihre Sache jeden Advokaten dieser Welt zu beauftragen – oder einen zu erfinden.«
»Was wirft mir das Gericht vor?«
»Wir stehen hier nicht vor Gericht, Herr Arsch. Ich glaube, ich muß Sie etwas über das heutige Rechtswesen aufklären. Die überwiegende Anzahl der Fälle landet mittlerweile gar nicht vor einem Richter, sondern endet schon im Vorfeld mit einem durch die Anwaltschaft initiierten Vergleich.«
»So ein Quatsch, für mich gibt es nur Schwarz oder Weiß! Und hör auf, mich Arsch zu nennen.«
»Ich nannte Sie Herr Arsch, wie Sie es wünschten. Aber wenn Sie möchten, kann ich Sie auch Karl Arsch nennen.«
»Ich soll also wie üblich wieder zum Buhmann gemacht werden.« Luzifer massierte hingebungsvoll seine Stirn, worauf sich die Falten darauf erschreckend vervielfältigten.
»Sie sind voreingenommen. Niemand will Sie zum Buhmann machen. Mein Mandant glaubt nur, daß es bei der Besiegelung des sogenannten Paktes nicht mit rechten Dingen zuging. Es gilt jetzt, Positionen abzustecken und nach einem für beide Seiten akzeptablen Kompromiß zu suchen – bevor es zu einem wirklichen Prozeß kommt. Sie können sich vorstellen, wer dann auf dem Richterstuhl sitzen wird.«
»Aha! Und was soll ich verbrochen haben?«
»Also, da wären ...«, Metathron kratzte sich mit den Krallen einer Pfote kurz am Kopf, als müsse er erst seine Gedanken ordnen, »... arglistige Täuschung bei einer Vertragssache, Freiheitsberaubung und Mißachtung der altersbedingten Geschäftsunfähigkeit.«
»Geschäftsunfähigkeit? Daß ich nicht lache!« Der Alte schickte tatsächlich einen theatralischen Lacher gen Himmel. »Der Kerl war längst geschlechtsreif, als er unterschrieben hat.«
»Ja, das stimmt. Doch spielt die Geschlechtsreife in diesem Zusammenhang überhaupt keine Rolle. Heutzutage sind viele menschliche Jugendliche mit vierzehn schon geschlechtsreif. Trotzdem dürfen sie keine Verträge abschließen.«
Der Alte grinste listig. »Francis ist kein Mensch. Wird bei euch Viechern in solchen Fällen das Alter nicht automatisch hochgerechnet?«
Metathron knickte ein bißchen ein und schaute mich an. Seine Ohren mit den hübschen Pinseln an der Spitze zitterten besorgt. Er schien ins Schwimmen zu geraten. »Tja, das ist in der Tat ein diffiziler Punkt, den zu erörtern vielleicht doch eines richtigen Prozesses bedarf. Man müßte dann natürlich Gutachter hinzuziehen und eine Expertise ...«
»Ich war jung, und du hast meine Naivität und meine Sturm-und-Drang-Gefühle schamlos ausgenutzt«, schrie ich Luzifer an, der daraufhin richtiggehend zusammenzuckte. Er schien auf so eine heftige Reaktion meinerseits nicht vorbereitet zu sein. Auch wurde ihm wohl die Tragweite der Vorwürfe so langsam bewußt. Und was es hieße, müßte er sich wirklich dem Gottesgericht stellen. Fahrig durchwühlte er seine Taschen nach den Zigaretten.
»Ich habe den Vertrag nicht gelesen, bevor ich ihn unterschrieb«, fuhr ich fort. »Mal ganz abgesehen davon, daß er bewußt unleserlich verfaßt worden war. Doch selbst wenn ich ihn hätte lesen können, hätte es an meiner damaligen Entscheidung wenig geändert. Denn von der von dir betriebenen Absicht, Tier und Mensch durch eine gemeinsame Verständigung gemein zu machen, die Offenlegung dieses perfiden Plans, wird wohl nichts darin gestanden haben, oder? Hast du mir nicht erzählt, es ginge bloß darum, daß Laboraffen ihre Peiniger zur Rede stellen und Schweine ihre Schlächter?«
»Wobei wir bei der arglistigen Täuschung wären«, fügte Metathron hinzu. Er hatte seine Selbstsicherheit wieder zurückerlangt.
Durch die Fenster sah ich, daß der Schneesturm sich unserer aufgeregten Gemütslage angepaßt hatte und noch irrsinniger als je zuvor wütete. Die altersschwachen Fenster klapperten schon. Nur gut, daß der Kamin immer noch schön knisterte. Oder rührte diese wohlige Wärme von einem anderen Feuer her, das sekündlich näherzurücken schien?
»Es ist ganz offensichtlich, daß meinem Mandanten vor der Unterzeichnung die Kernaussage des Paktes vorenthalten wurde und ihm statt dessen bewußt eher die angenehmen Seiten einer solchen Kooperation vor Augen geführt wurden«, sagte Metathron.
»Na und? Vertrag ist Vertrag«, erwiderte Luzifer trotzig. Endlich hatte er seine Zigarettenschachtel gefunden. Er steckte sich einen Stengel mit einem goldenen Feuerzeug an, welches das Relief einer Dämonenfratze schmückte, inhalierte tief und blies dann den Rauch mit der Hingabe eines Fabrikschornsteins aus. Man merkte es ihm an, daß die Fassade des Rechthabers nur gespielt war. Eigentlich hatte er schon an Kraft eingebüßt, als er sich auf dieses Gespräch eingelassen hatte. »Das habe ich schon immer so gemacht. Die kleinen Tricks sind von oben legitimiert. Wenn ich nicht einen kleinen Spielraum an der Grenze zum Schwindel hätte, wäre ich längst raus aus dem Geschäft und würde in Alaska Lachse züchten.«
»Sie geben also zu, daß Sie mit unzulässigen Mitteln arbeiteten, um diesen Pakt zustande zu bringen, Herr Arsch?«
Luzifer wand sich, und zwar im buchstäblichen Sinne. Er wackelte mit dem Oberkörper hin und her und lockerte seine Krawatte. »Zum Teufel, ja! Ist der Papst katholisch? Was glaubst du, mit wem du gerade redest, Herr Anwalt? Mit Mutter Teresas Geist?«
Metathron nickte dramatisch und pfiff durch die Zähne. »Also, ich weiß nicht, vielleicht sollte diese Causa doch vor einem ordentlichen Gericht abgehandelt werden. Hier tun sich ja Abgründe auf.«
»Hey, Anwalt-Boy, kenne ich dich nicht von irgendwoher?« Über Luzifers Gesicht huschte mit einem Mal ein abgeklärtes Lächeln. »Meine Nase sagt mir, daß sie deinen Geruch schon einmal geschnuppert hat. Ich meine, ich würde in der Hölle eher einen Sonntagsgottesdienst einführen, als in dieses langweilige Paradies auch nur einen Zeh zu setzen, aber sagt man nicht, daß es dort genauso riecht? Ein bißchen nach Vanille, ein bißchen nach Amber, ein bißchen nach frisch gepflückten Rosen?«
Jetzt roch ich es auch. Metathron wurde vom Kaminschein von hinten beleuchtet und bekam dadurch eine goldene Aura. Die Spitzen seines Fells und die Schnurrhaare schienen wie beim Anblick einer Fata Morgana zu oszillieren. In seinen ständig zwischen Zinkgelb und Ozeangrün wechselnden Augen vermeinte ich jene Gefilde zu erkennen, wo ich in meinen Träumen all die Jahre lang diejenigen gesehen hatte, die damals ermordet worden waren. Und plötzlich wußte ich, daß auch ich Metathron schon einmal begegnet war. Die Namen, mit denen sich er und sein Gefolge mir vorgestellt hatten, mußten ursprünglichere, vielleicht altjüdische Versionen von Gabriel, Michael, Raphael, Uriel und Raguel sein. Metathron blinzelte mir verschwörerisch zu und wandte sich wieder an Luzifer.
»Kann schon sein, daß wir uns schon einmal begegnet sind, Herr Arsch«, sagte er. »Mein Beruf erfordert es, daß ich sehr oft in Kontakt mit Kriminellen gerate.«
»Das ist ja unerhört!« Luzi paffte noch intensiver an seiner Zigarette. Ich hatte die Befürchtung, daß er das Ding bald auffressen würde. Er machte sich nicht einmal die Mühe, die auf den Anzug schneiende Asche wegzuwischen. »Da rackert man sich ab und tut und macht im Dienste einer höheren Ordnung, und als Dank wird man als kriminell beschimpft.«
»Wie würden Sie denn das bezeichnen, was Sie gerade mit dem Sohn meines Mandanten anstellen. Entführung oder Geiselnahme?«
»Der Kleine ist freiwillig zu mir gekommen! Er fand alles großartig hier, und die Idee mit der Quasselei gefiel ihm auch ganz prima.«
»Ach so! Dann hat er sich womöglich auch noch bei Ihnen bedankt, als Sie ihn in den Käfig einsperrten. Und wie war es, als Sie ihm das mit seiner Deportation erzählten und daß er seine Lieben und seine Heimat niemals wiedersehen wird? Gab er Ihnen dafür auch noch einen Kuß?«
»Nun ja, er opfert sich sozusagen für die gute, äh, böse Sache. Wie die anderen Tiere geht er als Botschafter in eine Welt, die schon in ...«, er warf einen kurzen Blick auf das Notebook auf dem Boden, »... in fünfzehn Minuten nicht mehr dieselbe sein wird. Sobald es zwischen den Sprachen keine Unterschiede mehr gibt ...« Er hielt plötzlich inne, als sei ihm aufgefallen, daß er die ganze Zeit mit sich selbst gesprochen hatte. Seine Miene verdüsterte sich, die buschigen Augenbrauen sanken auf Halbmast, und um die braunroten Lippen legte sich ein brutaler Zug. »Verdammt noch mal, warum erzähle ich dir das alles überhaupt, Rechtsverdreher! Was willst du von mir?«
»Einen Vergleich!«
»Nein! Nein! Nein! Nein! Nein! ...« brüllte Luzifer in einer Tour fort. Es waren Neins von der Lautstärke von Detonationen. Wie bei einem Erdbeben begannen die Mauern des Hauses zu erzittern und dann arg zu wackeln. Dennoch dachte der Unhold nicht daran, sein Nein-Bombardement einzustellen. Er schlug mit den Armen um sich, bewegte dabei den ganzen Körper und schrie unaufhörlich weiter. Erste Steine lösten sich von den Wänden und fielen krachend herunter, schwarze Staubwolken bildeten sich, schließlich stürzte das ganze Zimmer mit einem gewaltigen Knirschen und Donnern in sich zusammen. Doch anstatt uns unter sich zu begraben, wurden die Trümmer in Form eines Schweifs nach oben fortgeblasen, als sauge sie ein gigantischer Staubsauger aus dem All auf.
Nun standen wir alle am Rand des Flachdachs auf dem Hochhaus von Morgenrot Inc. und blickten in der schneesturmgepeitschten Nacht auf den zugefrorenen See hinunter. Hinter uns waren mit Stützeisen die mannshohen Leuchtbuchstaben befestigt, aus denen sich das Wort Morgenrot zusammensetzte. Sie strahlten signalrot in der Dunkelheit. In der Ferne war die lückenlos verschneite Waldlandschaft auszumachen, die den See umschloß. Starker Wind und Schneeflocken tosten um unsere Ohren. Deutlich sah ich dort unten den vereisten Charon in seiner alten Fähre. Ein Glück, daß meinesgleichen Höhenangst nicht kennt und schwindelfrei ist.
Endlich schaltete Luzifer seine Nein-Endlosschleife ab und richtete seine kalten Augen auf uns. Zumindest verzichtete er diesmal darauf, sich wie damals in einen Wolpertinger in Übergröße zu verwandeln.
»Ich bin der Herr der Finsternis«, sagte er jetzt leise. »Und dies ist mein Reich.« Er schwenkte den Arm in einer ausladenden Geste über den See. Noch nicht einmal in fünf Sekunden schmolz die Eisfläche unter gewaltigen Dampfexplosionen, es zischte und blubberte, bis schließlich hohe Wellen ans Ufer traten. Als die Wasseroberfläche sich geglättet hatte, blickten wir durch sie hindurch in den rotglühenden Höllenschlund. Mein Glaube verbietet es mir, genau wiederzugeben, welchem Nonplusultra an Grauen wir in diesem siedendheißen Moloch ansichtig wurden. Nur soviel: Obwohl sich darin Milliarden und Abermilliarden von gequälten Seelen tummelten und obwohl nun Charon plötzlich wieder seinen Dienst aufgenommen hatte und mit der Fähre immer neues Material heranschaffte, befand sich keine einzige tierische Seele darunter.
»Und das alles wollen Sie aufs Spiel setzen und es auf eine Gerichtsverhandlung mit äußerst ungewissem Ausgang ankommen lassen, Herr Arsch?« sagte Metathron ungerührt.
»Was?« Luzis Gesichtszüge schienen wachsgleich zu zerlaufen.
»Ich meine, Sie haben sich hier wirklich etwas Hübsches aufgebaut. Kostete Sie bestimmt sehr viel Fleiß und Durchhaltevermögen und so manch eine schlaflose Nacht. Allein die Investitionen!«
»Kann man wohl sagen. Alle denken, ich liege die ganze Zeit locker in der goldenen Badewanne und rauche Havannas, bis der Arzt kommt. Von wegen! Das ist ein Vierundzwanzig-Stunden-Job. Keine Ahnung, wann ich zuletzt im Urlaub war. Und was ist der Dank? Besoffene torkeln im Karneval mit einer roten Filzkappe auf dem Kopf herum, aus der Papphörner wachsen. Das soll dann allen Ernstes den Leibhaftigen darstellen. Der Brüller, was? Pah!«
»Sehen Sie! Also, ich an Ihrer Stelle würde ruhig Blut bewahren und mein Schicksal nicht auf Teufel komm raus herausfordern. Sie erinnern sich doch: ›Wie bist du vom Himmel gefallen, du Glanzstern, Sohn der Morgenröte! Wie bist du zu Boden geschmettert, Überwältiger der Nationen!‹ Ich an Ihrer Stelle würde mich zufriedengeben mit dem, was ich schon erreicht habe, und nichts mehr riskieren in Ihrem Alter. ›Was ich habe, das habe ich.‹ Ist das nicht Ihr Motto? Ich an Ihrer Stelle würde einem Vergleich zustimmen.«
Luzifer fuhr als Anzeichen seiner Entscheidungsfindung oder auch seines Unwillens wie ein Irrer mit dem Kopf hin und her, gab äußerst unappetitliche Geräusche von sich, von den Gasen, die er bei dieser Gelegenheit absonderte, ganz zu schweigen. Doch am Ende sagte er: »Okay!«
Und Plop! fanden wir uns erneut im gemütlichen Wohnzimmer wieder. Der Alte warf Holzscheite in den Kamin, weil das Feuer inzwischen heruntergebrannt war.
»Dann her mit dem Angebot, Anwalt«, sagte er mürrisch.
»Der Pakt wird aufgelöst«, erwiderte Metathron. Er trat von einer sandfarbenen Vorderpfote auf die andere, um sich besser konzentrieren zu können, ein typisches Streßverhalten, das bei uns Schleichjägern oft zur Anwendung kommt. »Unwiderruflich!«
»Das ist kein Vergleich. Das ist für mich die völlige Kapitulation.«
»Es geht nicht anders, Herr Arsch. Sie können den Kuchen nicht essen und gleichzeitig behalten. Wenn Sie ihn aber essen, sehen wir uns vor dem Kadi wieder. Für eine einvernehmliche Übereinkunft ist Tabula rasa unvermeidbar. Die Beibehaltung einzelner Elemente des Paktes nützen weder Ihnen noch meinem Mandanten.«
»Aber ich hatte Unkosten!« Luzi steckte sich eine neue Zigarette an. Er schien jetzt sehr unglücklich. Wie jeder Unternehmer, der sein anvisiertes Lebenswerk vor sich zerbröseln sah, wollte er wenigstens den Einsatz retten.
»Allein die Kosten für das Personal. Bezahl du mal siebzehn Jahre lang Kranken- und Rentenversicherungsbeiträge für diese degenerierten Cherubim. Da landest du leicht im Armenasyl! Und dann die Zentrale hier. Du glaubst doch nicht wirklich, daß sich so ein Multimillio-nenklotz allein durch Spenden von ein paar Teufelsanbetern finanzieren läßt, die sich gern mein Antlitz auf ihren Hintern tätowieren lassen, aber ansonsten lieber brav die Raten ihrer Lebensversicherungen bedienen?«
»Das ist ein Argument«, sagte der Abessinier und ließ sich neben mir auf dem Schaffell nieder. Er hatte seinen Gegner geknackt und konnte sich entspannen. »Aber Sie haben doch diese Auktion laufen. Da kommt bestimmt wieder jede Menge Geld zusammen.«
»Ungefähr so viel, wie ich in das Projekt hineingebuttert habe.« Er kniff die Augenlider zusammen und überprüfte auf dem Bildschirm des auf dem Boden stehenden Notebooks das neueste Gebot bei der Versteigerung. »In zehn Minuten heißt es übrigens rien ne va plus. Doch was nützt es mir, wenn nach der Auflösung des Pakts die Viecher gar nicht mit den neuen menschlichen Besitzern sprechen dürfen?«
»Nun ja, ich möchte Sie zwar nicht zu irgendwelchen illegalen Handlungen ermuntern, aber das brauchen die doch vorläufig gar nicht zu wissen.«
Luzis Gesicht hellte sich mit einem Mal auf. Er verhielt sich wie alle Betrüger, denen man gerade eine fabrikneue Masche ins Ohr geflüstert hat. Fast gelöst wirkte sein spitzbübisches Lächeln. »Da ist was dran. Und nach der Auktion bin ich sowieso weg – ich hau ab auf diesen Planeten in Andromeda. Da soll es auch nicht so viele Gesetze wie hier geben, das heißt, es existiert dort nur ein einziges Gesetz: Liebsein, Liebsein und noch mal Liebsein. Wie öde! Na, die werden blöd gucken, wenn ich ihnen mit meinem Lifestyle komme!«
»Moment mal«, sagte ich. »Wenn diese Auktion ordnungsgemäß über die Bühne geht, heißt das, daß Junior und ich uns nie mehr wiedersehen?«
»Darauf kannst du deinen Schwanz verwetten, mein Freund.« Luzifer weidete sich geradezu an meinem Entsetzen. »Für ihn liegt sogar das höchste Gebot vor. Kannst du dir unter hundertfünfzig Millionen Euro ungefähr etwas vorstellen?«
Metathron legte eine Pfote auf meine Schulter. Seine ganze mitfühlende Erscheinung mit den herabhängenden Ohren und den halb gesenkten Augenlidern sagte mir, daß er nur zu gern meinen Schmerz mit mir geteilt hätte. Doch diesen Schmerz vermochte nicht einmal Gott mit mir zu teilen. »Das ist ein Vergleich, Francis, und kein Freispruch für irgend jemanden. Wie schon erwähnt, wir stehen hier nicht vor einem Richter, und es gibt auch kein Urteil. Wer aber nimmt, muß auch geben können. Es war von Anfang an klar, daß am Ende keiner diesen Raum als Sieger verlassen würde. Du hast dich in deiner Jugend durch das Böse verführen lassen und alle Tiere fahrlässig in große Gefahr gebracht. Nun mußt du dafür zahlen. Genauso wie der Gegenseite wird auch dir ein Opfer abverlangt. Akzeptierst du das Opfer nicht, anerkennst du zwangsläufig den Pakt und die Zerstörung der göttlichen Ordnung, so wie wir sie kennen. Denk in Zukunft erst einmal ein bißchen nach, bevor du etwas unterschreibst. Das Böse, Francis, ist wie Haarwuchs. Da helfen kein Rasierer und keine Enthaarungscreme. Es wächst immer nach. Wir können immer nur oben etwas abschneiden. Und das ist das einzige, was wir dem Bösen entgegenzusetzen haben.«
»Super-Plädoyer!« sagte Luzifer und griff sich in die Jakkeninnentasche. »Du scheinst ja richtig was auf dem Trichter zu haben, Freundchen. Sag mal, hast du zufällig eine Visitenkarte dabei? Vielleicht benötige ich ja irgendwann einmal deine Dienste.« Er holte einen in der Mitte zusammengefalteten Papierstoß aus dem Ledersessel hinter ihm. Er war stark vergilbt mit braunen Flecken, und die Ränder waren von Mäusen angeknabbert. Rückwärts geschriebene, zackige Schrift sprang mir ins Auge. Man brauchte mir nicht lange zu erklären, um was es sich hier handelte.
»Wie sieht es aus, Francis? Obwohl ich mich von euch beiden immer noch ziemlich gerupft fühle, bin ich bereit, auf den Vergleich einzugehen. Außer Spesen nichts gewesen‹ ist besser als ›voll daneben‹.« Er hielt den Vertrag ins Kaminfeuer. Seine Augen funkelten vor boshaftem Amüsement.
»Ich willige ein«, sagte ich und seufzte schwer. »Auch wenn ich nicht so genau weiß, was schlimmer ist: die eigene Seele verkaufen oder den eigenen Sohn. Ich verfluche den Tag, an dem ich dir begegnet bin, du Scheusal!«
»Na, wenigstens etwas«, sagte Luzifer und ließ die Papiere ins Kaminfeuer fallen. »Mist, jetzt kann ich wieder von vorne anfangen!«
Als die Papiere mit den Flammen in Berührung kamen, versprühten sie explosionsartig Funken, als wären sie zuvor mit einer entzündbaren Substanz bestrichen worden. Der Kamin gebar ein fürchterliches Grollen, und sein Feuerschein erstrahlte so grell wie brennendes Magnesium. Ich verbarg kurz den Kopf zwischen meinen Pfoten. Dann verlosch der Budenzauber so blitzartig, wie er aufgeflammt war, und außer der gemütlich knisternden Glut war nichts mehr im Kamin zu sehen. Allerdings war auch nichts mehr von Luzifer und Metathron zu sehen. Sie waren verschwunden. Sogar das Notebook war weg.
Ich erhob mich vom Schaffell und ging im Zimmer auf und ab. Irgend etwas rumorte in meinem Schädel, als suche es sich eine passende Stelle, wo es einrasten könne. Ein Detail, ein klitzekleiner Fetzen aus einem der zuletzt gefallenen Sätze war es gewesen, der mich so in Unruhe versetzte. Eigentlich hätte ich in Trauer verfallen müssen, weil Junior so ohne Abschied von mir gerissen worden war. Oder lief die Auktion noch? Wenn ja, konnte es sich nur mehr um Minuten handeln. Und wo waren Sancta, Blaubart und Gustav, wenn doch der Fluch des Pakts nun aufgehoben war? Ich wußte nicht einmal, ob ich mich immer noch in dem diabolischen Hochhaus oder im realen Gustavschen Wohnzimmer befand. Doch anstatt gegen die Trauer über meine verlorengegangenen Lieben und die bewußtseinstrübende Konfusion hatte ich jetzt gegen diesen geistigen »Hänger« zu kämpfen.
Metathrons Abschlußrede kam mir unversehens wieder in den Sinn, insbesondere beschäftigten mich seine letzten Worte. »Das Böse, Francis, ist wie Haarwuchs. Da helfen kein Rasierer und keine Enthaarungscreme. Es wächst immer nach ...« Ziemlich pathetisch, aber bei Lichte besehen doch ziemlich komisch. Warum hatte ein so ernster Zeitgenosse wie der Abessinier ausgerechnet einen solch ulkigen Vergleich gewählt? Ich überlegte, zerbrach mir den Kopf. Doch nichts wollte sich mir erschließen. Bilder von Rasierern und Enthaarungscremes flogen mir durch den Sinn, ohne daß sie sich zu etwas Einleuchtendem zusammenfügen wollten. Vor meinem geistigen Auge tauchte sogar die Pyramide aus Einmachgläsern in Archies verlumptem Ebay-Lager auf, die der Etikette nach eine Enthaarungscreme beinhalteten. Sicherlich hyperaggressives Zeug chinesischer Herkunft, das jeden gestandenen Bär in Sekundenschnelle in einen Nackedei verwandelte. Ich konnte mir beim besten Willen nicht vorstellen, daß so etwas gesundheitsverträglich war.
Plötzlich, als gingen tausend Sonnen auf, fiel der Groschen. Mir wurde schlagartig klar, was Metathron mir hatte sagen wollen. Sinnbildlich und buchstäblich, der Kerl war wahrhaft ein Engel!
Ich fetzte aus dem Zimmer, als stünde ich aufglühenden Herdplatten, und vollführte erst in der Diele mit ausgestreckten Krallen eine harte Vollbremsung. Dann ein abenteuerlicher Sprung durch die für uns vorgesehene Klappe an der Wohnungstür in den Hausflur, und ab ging es über die fast antik zu nennende Treppe hoch zum ersten Stockwerk. Oben angekommen, stellte ich erleichtert fest, daß die Tür des alten Chaoten wie gewöhnlich nicht abgeschlossen war. Ich stürzte hinein und stand dann in der Dunkelheit zwischen zu Bergen aufgetürmter, gefälschter Markenware und dem merkwürdigen Zeug, für das sich die Menschen wohl erst mit der Erfindung des Internets zu interessieren begonnen hatten. Irgendwo standen sogar von Schrumpfköpfen gerahmte Spiegel aus Taiwan und Aschenbecher im Design von Geschlechtsteilen herum. Wer bestellte sich so etwas?
Im Arbeitszimmer sah ich Archie. Er war neben dem noch eingeschalteten Notebook am Schreibtisch eingeschlafen. Sein Kopf lag schwer zwischen Bildschirm und Haustelefon. Vielleicht hatte der arme Kerl einen Herzinfarkt erlitten, gleich nachdem er zum Ebay-Powerseller der Woche gekürt worden war. Daß es kein rosiges Ende mit ihm nehmen würde, war schon immer zu befürchten gewesen. Ich machte einen Satz auf den Tisch und landete vor dem Notebook. Es zeigte, wie nicht anders zu erwarten, die Ebay-Seite an. Ich gab im Suchfenster das Wort MORGENROT ein. Und erblaßte, als das Ergebnis kam! Nicht nur, daß unter der Rubrik »Morgenrot Inc.« gleich zirka eintausend Artgenossen versteigert wurden, und nicht nur, daß die bis jetzt gebotene Gesamtsumme mehr als eine Milliarde Euro betrug, nein, die Auktion endete in genau sieben Minuten. Unglaublich, wie viele finsteren Gestalten mit einem Riesenvermögen die Umgestaltung der Weltordnung anstrebten!
Ich hüpfte vom Tisch, lief zu dem Raum, wo sich die Einmachglaspyramide befand, und stürzte mich darauf. Der Haufen brach in sich zusammen, und die Gläser purzelten auf den Boden. Einige zerschellten beim Aufprall, und die recht flüssige Enthaarungscreme ergoß sich über dem Fußboden. Sofort rieb ich mich mit der rechten Flanke meines Hinterns an dem Zeug, was augenblicklich ein infernalisches Brennen zur Folge hatte. Egal, jetzt ging es um die Vermeidung des ultimativen Schmerzes! Ich wischte mir das Zeug an der Wand etwas ab und betrachtete dann meinen Hintern in einem der Schrumpfkopf-Spiegel. Tatsächlich, die Zahlen-Buchstaben-Kombination, die mir Refizul damals eingeritzt hatte, trat jetzt als ein rotglühendes Narbengeflecht aus der übrigen kahlen Haut hervor.
Als ich wieder auf Archies Schreibtisch stand, suchte ich über das Internet die Hotline-Nummer der Schweizerischen Nationalbank heraus. Und hielt jäh inne ... Francis, Francis, hast du nicht einen heiligen Schwur geleistet? sprach ich im Geiste zu mir selbst. Du hast geschworen, nie mehr mit einem Menschen zu sprechen. Aber das hier war ein Sonderfall, wenn nicht sogar ein extremer Notfall. Wann war es gerechtfertigt, einen Schwur zu brechen? Schon wieder haderte ich mit dem philosophisch-juristischen Dilemma um Schwüre und Pakte. Aber vielleicht wußte nicht einmal Gott selbst auf diese Frage eine vernünftige Antwort. Nun ja, vermutlich geriet er auch selten in solche kniffligen Situationen.
Mit zitternder Pfote drückte ich auf die Freisprechtaste des Telefons und wählte die Nummer. Ich hoffte inbrünstig, daß Archie nicht zum unpassenden Moment aufwachte. Eine Frauenstimme meldete sich am anderen Ende der Leitung und verband mich weiter, nachdem ich ihr mein Anliegen mitgeteilt hatte. Danach war eine sehr bedächtig klingende Männerstimme am Apparat.
»Wie kann ich Ihnen weiterhelfen, Monsieur?«
»Ich, ja, die Sache ist ein bißchen diffizil«, sagte ich. »Also, vor siebzehn Jahren lernte ich einen Herrn kennen. Refizul war sein Name, Eduard von Refizul ...«
»Wenn Sie mir nicht eine Zahlen-Buchstaben-Kombination nennen können, muß ich zu meinem Bedauern wieder auflegen, Monsieur!«
Ich nannte sie ihm, und er gab mir eine Bankverbindung mit einem zugehörigen Code. Bevor ich auflegte, wollte ich noch kurz wissen, wie viele Kröten ungefähr auf meinem bescheidenen Sparkonto schlummerten. Ach, sieh an! Kaum hatte ich aufgelegt, saß ich schon wieder vor Ebay, wo Archie immer noch als Powerseller eigeloggt war. Nur noch vier Minuten bis zum Ende der Auktion! Ich rief sämtliche Angebote auf, für die Morgenrot Inc. als Verkäufer zeichnete, und sortierte sie nach den höchsten Geboten. Junior stand ganz oben auf der seitenlangen Liste, ein Spinner aus Nordkorea bot inzwischen sogar hundertsiebzig Millionen Euro für ihn. Ich legte noch eine Kleinigkeit drauf. Mir blieben noch zwei Minuten. Ich markierte alle Felidae-Auktionen und gab per Powerseller-Sammelbefehl auf jede Auktion mein Maximalangebot ab. Noch eine Minute. Auf der ganzen Welt versuchten nun wohl hektische Bieter, die die sprechenden Artgenossen schon sicher in ihrem Besitz geglaubt hatten, mich zu überbieten. Doch Refizul hatte mich äußerst großzügig ausgestattet, an meinen Milliardengeboten zog niemand vorbei. Vor meinen Augen tanzten nur noch Zahlen, Einsen, Zweien, Dreien und unendlich viele Nullen dahinter wie Showgirls in einem verruchten Etablissement. Nur noch zehn Sekunden, fünf, zwei Sekunden ...
Gewiß, am Schluß war ich mein schönes Geld bis auf den letzten Taler los. Aber hol's der Teufel!, wie man so sagt. Denn ich hatte nicht nur Junior die Deportation ans Ende der Welt erspart, sondern auch seinen zahlreichen Leidensgenossen, die alle ein ähnliches Schicksal erwartet hätte. Ich würde sehr, sehr bald meinen Sohn in die Pfoten schließen können. Und ja, auf meine Weise hatte ich nun doch die Welt gerettet. Fragte sich nur, wie Gustav reagierte, wenn ihm die Post in den nächsten Tagen lastwagenweise Feliden an unsere Adresse zustellte.
Ich blickte zu Archie, der mit dem Kopf auf der Tischplatte im Schlaf leise irgend etwas Unverständliches brabbelte. Vermutlich sah er die vielen tanzenden Ebay-Zahlen selbst im Traum. Ich überlegte noch, wie ich all die Zahlungen von seinem Powerseller-Konto arrangieren könnte, ohne daß er etwas davon mitbekam, doch sein schlafendes Gesicht hatte etwas Ansteckendes. Schließlich war ich den ganzen Tag auf den Beinen gewesen und im wahrsten Sinne des Wortes durch die Hölle gegangen. Den alten Tunichtgut würde es kaum stören, wenn ich mich ein bißchen an ihn schmiegte, die Augen schloß und eine Mütze Schlaf nahm. Über Gott und die Welt und alles, was geschehen war, konnte man ja noch morgen reflektieren. Doch plötzlich rief da jemand nach mir ...
»Paps! Paps! Paps!«
Ich schlug die Augenlider auf und sah Junior geradewegs ins Gesicht. Die schwarzweiße Fellexplosion mit der leuchtenden hellrosa Haut an der Nase und den Ohrenspitzen saß vor mir und blickte mich durch leicht schräge, grüne Diamantenaugen forschend an.
»Junior«, sagte ich erfreut. »Hat der Postbote dich schon geliefert?«
Der forschende Blick verwandelte sich in einen besorgten. »Ähm, was meinst du damit?«
Allmählich spürte ich eine vertraute Wärme an meiner Seite, und als ich mich umdrehte, gewahrte ich niemanden anderen als meine schlummernde, silberblau schimmernde, geliebte Sancta. Blaubart schnarchte ein kleines Stück weit entfernt. Und auf dem Ledersessel wiegte sich unser fluguntauglicher Heißluftballon Gustav unruhig im Schlaf. Ich befand mich im Wohnzimmer, und alle meine Lieben waren bei mir. Das Kaminfeuer war fast erloschen. Die rote Glut färbte jeden Winkel mit einem heimeligen Schein, während vor den Fenstern vereinzelte Schneeflocken vorbeischwebten.
»Ich bin eingeschlafen«, sagte ich.
»Das kann man wohl laut sagen! Und zwar mitten im Satz.« Über Juniors schönes Antlitz huschte der Anflug von Verärgerung.
»So? Na ja, ich bin nun einmal nicht mehr der Jüngste, mein Guter. Aber jetzt bin ich ja wieder wach und stehe zu deinen Diensten. Was hatte ich denn gerade erzählt?«
»Du hattest berichtet, wie diese Rentnertypen deine ganze Familie abgeknallt haben und dich um ein Haar auch erwischt hätten. Aber dann hast du diesen coolen Brunnen in dem verlotterten Garten gesehen, bist darauf zugerannt und wolltest reinspringen.«
»Und dann?«
»Und dann bist du einfach eingepennt, Paps!«
»Oh, tut mir leid, daß ich ausgerechnet an der spannendsten Stelle weggetreten bin, Kleiner. Aber so spannend war die ganze Aktion dann doch nicht, weißt du? Ich habe nämlich in letzter Sekunde schnell einen Bogen um diesen Brunnen gemacht.«
»Aha. Und wie ging es dann weiter? Ich meine, mit deinem ersten Fall, den du nicht vollständig lösen konntest und von dem der Weltfrieden abhing und so weiter?«
»Das ist wirklich eine sehr lange Geschichte, Junior, und ich fürchte, ich kann sie diese Nacht nicht mehr zu Ende bringen. Ob du es glaubst oder nicht, das Schlafbedürfnis des alten Mannes ist noch lange nicht gestillt. Du siehst aber auch nicht mehr taufrisch aus. Am besten legst du dich gleich zu uns hin.«
»Okay«, sagte er und kuschelte sich an mich. »Aber morgen nimmst du den Faden wieder auf und erzählst weiter. Ich bin sehr gespannt. Ist bestimmt alles furchtbar undurchsichtig und kompliziert.«
»Ja, es ist eine komplizierte Geschichte«, erwiderte ich, streckte alle viere gegen das Kaminfeuer und lächelte versonnen. »Denn der Teufel steckt im Detail!«
Ende