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Die Dudes zogen Paps auf, und nachträglich wollte es ihm so scheinen, als hätten sie diese Aufgabe besser bewerkstelligt, als seine arme, ungebildete Mutter es je hätte tun können. Nun ja, Paps neigte schon immer zu dezidierten Meinungen. Vermutlich weil ihm nach all seinen kriminalistischen Großtaten niemand mehr zu widersprechen wagte. Schon gar nicht der alte Blaubart, sein verknöcherter Kumpel, der trotz seiner Bärbeißigkeit zu ihm aufschaute wie zu einem Denkmal. Gewiß, ein Denkmal war der inzwischen schon hinter Mythen und Bewunderungswolken verschwindende Francis schon. Und ich konnte nicht verhehlen, daß ich normalerweise schier platzte vor lauter Stolz auf meinen Paps. Doch allmählich merkte ich, daß gerade der Denkmal-Hochsitz, auf dem er es sich gemütlich gemacht hatte, ihm bisweilen den Blick unter seine Warte trübte.

Etwa eine Stunde lang hatte der Alte noch seinen Erinnerungen nachgehangen, bis er schließlich eingeschlafen war. Mich dagegen beschlich immer heftiger das nagende Gefühl, daß ich jenen ins Vergessen geratenen Ort aufsuchen mußte. Der Grund dafür erschloß sich mir selber kaum. Vielleicht wollte ich mich wie ein Museumsbesucher an den verstaubten Relikten des furchtlosen Detektivvaters ergötzen oder in Anbetracht der Exponate das Abenteuer seiner Teufelsjugend im Geiste selbst erleben. Ganz so abgehoben war die Sache dann aber doch nicht, denn ich wußte sehr wohl, wonach ich im Brunnen suchen wollte. Eins aber stand fest: Ich hätte mir für die Aktion weiß Gott einen passenderen Zeitpunkt aussuchen können.

Kaum hatte Paps die Augen geschlossen, verdrückte ich mich durch die für unseresgleichen vorgesehene Klappe an der Wohnungstür in den Hausflur, schlich zum rückwärtigen Teil des Baus und gelangte schließlich durch einen Türspalt ins Freie. Im Gegensatz zu den lächerlichen Umhüllungen der Menschen bot mir mein dichtes Fell bei der Eiseskälte einen genialen Schutz. Doch schnell merkte ich, daß dieses Überlegenheitsgefühl mehr auf Wunschdenken beruhte. Denn binnen kurzem begann ich zu frieren wie jeder andere Sterbliche auch. Zum Glück hatte es den Schneegott inzwischen woandershin verschlagen. Ein klarer kobaltblauer Nachthimmel mit vereinzelt blinkenden Sternen starrte auf mich herab.

Es war nach Mitternacht. Ich watete durch die schneeverhüllten Gärten mit ihren zu Eisskulpturen erstarrten Bäumen und bestieg Mauer um Mauer. Sie unterteilten das Karree zwischen den Rückfassaden der Gründerzeitgebäude in ein verschachteltes Setzkastenmuster. Mein dampfender Atem in der kalten Luft ließ faszinierende Geisterbilder entstehen, und meine Pfotenballen begannen auf dem frostigen Untergrund allmählich taub zu werden. Dennoch spürte ich wenig von alldem, weil ich in Gedanken immer noch mit den Ereignissen beschäftigt war, von denen mir Paps in der letzten Stunde erzählt hatte.

Nach der gruseligen Nacht mit der aufgefundenen Leiche war im Brunnenbecken wieder das normale Leben eingekehrt. Soweit das Wort normal im Alltag der Dudes überhaupt eine Rolle spielte. Während in der Oberwelt der Frühling in augenblendendem Sonnenschein zu Hochform auflief, hockten die Minzeschnüffler in ihrer vom Kerzenschein weichgezeichneten Gruft, schmökerten in ihren Buchstabenwelten, pflegten ihre exzessive Vorliebe zu einer bestimmten Pflanze und ließen ansonsten Gott einen guten Mann sein. Hin und wieder verirrten sich ein paar Vertreter des stolzen Nagervolks in die Höhle, und die Dudes hießen sie herzlich willkommen, indem sie sie zur ökologisch korrekten Nahrung veredelten. Hin und wieder jedoch verirrten sich auch einige der ihrigen nach draußen und kamen als Leichen zurück. Das heißt, den Weg zurück schafften sie nicht mehr und blieben dort, wo man ihnen das Lebenslicht ausgeblasen hatte, nämlich in den Minzefeldern. Selbst Paps, der für sein jugendliches Alter in dieser Angelegenheit eine geradezu wissenschaftliche Neugier an den Tag legte, wurde daraus nicht schlau. Aber bis auf diese Verluste, die wie in einer archaischen Legende als Opfer zur Beschwichtigung einer grausamen Gottheit angesehen wurden, ging es im Reich der Dudes recht gemütlich zu.

Nicht nur gemütlich, sondern auch gebildet. Zwischen der Dauerdröhnung und dem eintönigen Rattenfraß blieb als einzige Abwechslung die Vertiefung in die wurmzerfressenen Bücher. Besonders Eloi gab sein Bestes, um dem jungen Francis eine anständige Bildung zu verpassen. Nachdem er ihm das Lesen beigebracht hatte, fing er bei Adam und Eva an, beziehungsweise bei den alten Griechen. Er dozierte, daß die Sehnsucht nach dem Paradies, wo Mensch und Tier miteinander in Harmonie lebten, sich im Mythos von Orpheus ausdrückte, der durch seinen Gesang selbst die wildesten Kreaturen in friedfertige Wesen verwandelte. Und daß die ersten Götter zuerst Tiergestalten waren und erst viel später menschliche Form annahmen. Tiere, die bestimmte Wesenszüge verdeutlichten, wurden ihnen als Attribute beigegeben. In Vertretung realer Opfertiere weihte man tierische Statuetten. Mäuse galten schon damals als dämonische Wesen. Bei den Griechen stand die Maus mit dem Heilgott Apollon Smintheus in Verbindung, der Seuchen aussandte, wobei ihm die Mäuse als Boten dienten, denn man hatte den Zusammenhang zwischen dem Auftreten von Mäusen und dem Ausbruch von Seuchen erkannt.

Im Christentum war dann Schluß mit lustig. Die Bibel ging von der Unsterblichkeit der menschlichen Seele aus. Damit war die Vorstellung verknüpft, daß im Sterben die Seele den Körper verläßt und zu Gott auffährt. Der hebräische Begriff für Seele bedeutet unter anderem Luftröhre. Wenn unseresgleichen ähnlich wie die Menschen eine unsterbliche Seele hätten, könnten auch wir einen hohen Rang in der religiösen Werteordnung beanspruchen und damit letztlich einen besonderen Respekt. Zumindest nach den biblischen Quellen gab es allerdings eine solche direkte Kommunikation zwischen Gott und den Tieren nicht. Bereits für den Theologen Augustinus war klar, daß nur Menschen eine unsterbliche Seele hatten, also im direkten Austausch mit Gott stehen konnten, während die Seele von unseresgleichen mit dem Tod zugrunde ging. Von einer Auferstehung der Tiere oder einem Leben der Tiere nach dem Tod konnte im Christentum keine Rede sein. Deshalb kann man sie auch bedenkenlos umbringen – und verspeisen.

Nach dieser bitteren Lektion kamen die Klassiker dran, von Lebensansichten des Katers Murr über Moby Dick bis hin zu Die Möwe Jonathan-. Nichtsdestotrotz half das Studium Paps, intellektuelle Werkzeuge zur Durchdringung der Welt zu erlangen, kurz, er erhielt eine gute Bildung. Die Schattenseite der Übung war die recht seltsame Schule, in der man während des Unterrichts mit Billigung der Lehrer Drogen zu sich nehmen durfte. Die Dudes ermunterten ihren Schüler sogar dazu. Es blieb am Ende also die Frage, ob der Zögling Francis unter diesen Umständen tatsächlich so viel Kultur in sich aufgesogen hatte, wie er später glaubte. Vielleicht war es ja vielmehr so, daß er sich in seinem von der Minze beflügelten Dauertraum all diesen bildungsbürgerlichen Kram schlichtweg erträumt hatte, genau wie die Schauergeschichten über die sich gelegentlich außerhalb des Brunnens ereignenden Morde. Denn obwohl die Gemeinde der Dudes offenbar kontinuierlich dezimiert wurde, zeigte sie sich davon so wenig geschockt wie vom sprichwörtlichen Sack Reis, der in China umfällt. Als ich Paps mit meiner Vermutung konfrontierte, wußte auch er keine vernünftige Antwort darauf.

Trotz dieser Ungereimtheiten konnte Paps sich einer Sache sehr genau entsinnen. Ich nahm es ihm ab, weil er hierbei von einer Ergriffenheit gepackt wurde, die ich bei ihm noch nie so erlebt hatte. Der Frühling hatte das Staffelholz mittlerweile an den Sommer übergeben, obwohl im Brunnen stets eine gleichmäßig angenehme Temperatur herrschte und das dämmrige Kerzen-Ambiente »Christmas forever!« suggerierte. Die biologische Glut indes stieg dem Knaben, der unaufhaltsam zum Manne reifte, immer schneller in den Kopf, und, Minze-Delirium hin, Marathonschmökerei her, schon bald war auch das Ziel dieser speziellen Glut ausgemacht.

Sie hieß Madam und war eher ein freches, junges Madamchen. Paps beschrieb sie mir als eine Britisch Kurzhaar Weiß, ein Schneeflöckchen mit einem runden und breiten Kopf, orangefarbenen großen Augen und einer geraden Nase mit einem rosa Nasenspiegel. Dieses strahlend weiße Geschöpf hatte es Paps angetan, und waren die beiden noch vor ein paar Wochen ganz normale, sich neckende und miteinander spielende Jugendliche gewesen, so änderte sich die Beziehung mit einem Male.

Es kam zu heimlichen Verabredungen in dem Tunnellabyrinth. Der junge Francis inhalierte Madams bezaubernden Duft, und er konnte sich nicht satt sehen an ihrem kurzen dicken Schwanz, der wild auf- und abfuhr, wenn sie gemeinsam turtelten. Bald geriet sie in Hitze, und ihr betörendes Gewinsel hallte durch das ganze Gewölbe wie Sirenengesang. Doch gleichzeitig mit diesem Weckruf, der schwärmerisch als das Erwachen der Lust bezeichnet wird, lernte Paps einen höchst unangenehmen Nebenaspekt der ganzen Sache kennen, sozusagen die Kehrseite der Medaille. Denn nicht allein ihm jagte der Starkstrom der Natur durch jede einzelne Faser, wenn die glutäugige Madam ihre Liebeslieder anstimmte, sondern mindestens zehn anderen Kerlen in der Umgebung auch. Natürlich war unser Held jung und stark – oder sagen wir besser, die anderen Junkies klebten schon ein ganzes Weilchen länger an dem Stoff und waren dadurch ziemlich geschwächt.

Dennoch erlebte Paps zum ersten Mal, wie in der Höhle ein wahrer Gladiatorenkampf losbrach, wenn das Objekt der Begierde sich inmitten der lüsternen Gaffer auf dem Boden wälzte, abwechselnd schnurrte, knurrte und schrie, teuflische Pheromone absonderte, den Schwanz in die Höhe schwingen ließ und ihr kostbarstes Gut präsentierte und so alle in ein Stimmungsgemisch aus Leidenschaft, Aggression und Wahnsinn stürzte. Natürlich blieb Held Fancis stets der Sieger. Aber für diesen Sieg floß sein Blut in Strömen, und viele Kratzer, ja bisweilen tiefe Wunden vor allem im Gesichtsbereich blieben dabei unvermeidlich. Einige markante Narben zeugten noch heute von dem »Liebesspiel«.

Paps erinnerte sich trotzdem gern an diese kurze und doch so aufregende Zeit zurück. Sie enthielt alles, was ein junges Herz begehrte: Romantik, Kraftproben, einen weisen Mentor, der ihn in die Geheimnisse des Intellekts einführte, und last not least jede Menge genialen Stoff! Doch eines Abends wurde er von dem seltsamen und zugleich unerschütterlichen Gefühl heimgesucht, daß seine Kindheit nun unwiderruflich hinter ihm lag und seine Entwicklung zum Manne abgeschlossen war. Er stand inmitten der Brunnenhöhle und ließ den Blick kreisen. Unter den brennenden Kerzen und im Schatten der Büchertürme hatten sich viele Dudes schlafen gelegt. Sie wirkten auf ihn wie die Ausbeute eines fleißigen Pelzjägers. Silber-Tabby, Chocolate-Chinchilla, Smoke, Schildpatt-Shaded, Lilac-Lavender, es war ein Festival der Farbschläge und Haarstrukturen. Und all diese schlaff wie Brotteige ruhenden und zufrieden ihren Minzeträumen nachhängenden Wesen, mit denen es das Schicksal recht schlecht gemeint hatte, waren seine Freunde. Bis auf Madam. Sie war mehr als das. Das Schneeflöckchen lag wie der weißeste Engel auf einem der Buchhaufen, hatte sich zu einem Halbkreis zusammengerollt und ließ sich vom Licht einer fast heruntergebrannten Kerze bescheinen. Trotz ihrer gekrümmten Haltung war deutlich ihr angeschwollener Bauch zu erkennen. Paps stellte nicht ohne Stolz fest, daß er zu diesem Zustand einen erheblichen Teil beigesteuert hatte. Die Narben in seinem Gesicht, die er wie Orden vor sich her trug und die ihn immer noch schmerzten, gemahnten ihn daran. Es waren seine Kinder, die sie in sich trug. Er atmete mit einem zufriedenen Seufzer aus.

»Na, Dude, siehst ganz schön fertig aus.« Eloi wedelte mit einem Minzestengel vor Paps' Gesicht wie Sultan Karl Lagerfeld mit seinem Fächer. Er hatte es sich auf dem höchsten der Büchertürme bequem gemacht und lächelte maliziös auf ihn herab. Seine ozeanblauen Augen funkelten intensiv wie Signalfeuer, und seine wie zernagt aussehenden Lauscher zuckten in gemächlicher Regelmäßigkeit. Irgend etwas im rauchfarbenen Maskengesicht des zerrupften Beinahe-Siamesen ließ darauf schließen, daß er inzwischen mehr über seinen Eleven wußte als der selber. Vielleicht hatte er sich ja auch den Minzestengel eine Spur zu lange in die Nase gesteckt. Danach sah man in der Regel meistens total erleuchtet aus.

»Wieso?« erwiderte Paps. »Ich habe mich noch nie so wohl gefühlt.«

»Vielleicht habe ich mich mißverständlich ausgedrückt, Dude. Ich meinte, deine körperliche Entwicklung ist abgeschlossen, auch die, was den Unterhosenbereich angeht. Und du hast durch das Bücherstudium eine geistige Reife erlangt, mit der du für dein weiteres Leben bestens gerüstet bist. Mit einem Wort: Siehst ganz schön fertig aus, Dude!«

Paps schaute voller Dankbarkeit zu seinem Lehrer auf. »Und dafür gebührt dir mein ewiger Respekt, Eloi. Ohne dich wäre ich immer noch der Holzklotz, der ich einmal war. Allerdings immer noch ein ziemlich cooler. Ich stimme auch nicht mit dir überein, daß Mickey Mouse kulturell das Gesicht des zwanzigsten Jahrhunderts geprägt haben soll. Ich meine, ich bitte dich, die Viecher schmecken gerade mal leidlich. James Joyce' Finnegans Wake dagegen scheint mir eher geeignet ...«

»Ist klar, Dude, jeder von uns hat so seine Vorlieben«, unterbrach ihn Eloi und lächelte weiterhin sein unterirdisches Lächeln. »Aber kann es sein, daß du jetzt an einem Punkt in deinem Leben angelangt bist, wo du es unter uns Müllmännern nicht mehr aushältst und dich nach neuen Horizonten sehnst?«

Da mußte der junge Francis innehalten und tief in sich hineinhorchen. Und natürlich vernahm er nichts als das Echo seiner eigenen Gedanken, die er während der vergangenen Tage ausgebrütet hatte. Nämlich, daß er in dieser Gruft wohl kaum alt zu werden gedachte. Die Dudes hatten weder die Ambition noch den Mut, etwas aus sich zu machen und das Reich außerhalb des Brunnens zu erobern. Wenn man so wollte, waren sie glücklich im besten Sinne. Denn das Diesseits als Paradies bezeichnet nur derjenige, der sich das Naschen an verbotenen Früchten selbst untersagt und sich damit zufrieden gibt, einfach die schöne Aussicht zu genießen. Paps' Pläne waren aber andere, und trotz des beruhigend wirkenden Minzekonsums war er vom jugendlichen Größenwahn befeuert. Er wollte die Welt sehen und nicht nur ihr zweidimensionales Abbild in den Büchern betrachten. Er wollte richtige Abenteuer erleben und nicht mittels der Literatur das wiederkäuen, was andere erlebt hatten. Und er wollte, was die Jugend eigentlich immer will: seinen Platz in dieser Welt finden.

»Du hast recht, Eloi«, sagte Francis und schaute etwas betreten drein. »Ich fürchte, ich werde euch verlassen müssen. Das gemütliche Leben im Loch beengt mich. Ich möchte wissen, wie es draußen wirklich zugeht.«

»Aber das weißt du doch bereits: mörderisch!« Eloi leckte immer noch launisch an der Minze. »Im Gegensatz zu vielen hier kennst du die andere Seite. Hast du schon vergessen, was sie mit deiner Familie angestellt haben?«

»Nein, aber offenbar hast du vergessen, was Freiheit bedeutet. Warst du es nicht, der mir gesagt hat, daß sich die Gefahren dieser Welt nicht in Luft auflösen, indem man sich die Bettdecke über den Kopf stülpt? Ja, hier drin bin ich in Sicherheit und unter den besten Freunden, die man sich nur wünschen kann. Und doch habe ich das Gefühl, als läge ich die ganze Zeit unter der Decke. Ich kann kaum noch atmen und brauche frische Luft. Als erstes werde ich ernsthaft untersuchen, was es mit diesen Morden auf sich hat. Jedenfalls habe ich vorerst meine Nase genug in die Bücher gesteckt. Jetzt will ich endlich mal das Rohmaterial des Bücherlebens unter meinen Pfoten spüren.«

»Gut gebrüllt, Löwe. Dann mal los! Komm mir aber später nicht mit einer aufgeschnittenen Kehle an und verlange, daß ich sie dir wieder zunähen soll.« Dann jedoch, geradeso, als hätte sich jäh ein düsteres Eisentor vor sein verlottertes, schwarzbeiges Gesicht gesenkt, schien Eloi von tiefster Trauer erfaßt. »Nicht daß du mich falsch verstehst, Amigo. Du bist mir näher als ein Sohn, und von denen habe ich viele. Aber keiner von ihnen versprüht so viel Esprit und Tatendurst wie du. Ich ... wie soll ich mich ausdrücken? Wenn dir etwas zustoßen sollte, dann ...«

»Nun fang mir bloß nicht zu heulen an, Eloi«, sagte Francis. »Ich habe nicht vor, nach Chile auszuwandern. Ich werde in der Nähe bleiben, schon allein wegen Madam und den Rabauken, die noch in ihr schlummern. Aber vierundzwanzig Stunden am Stück Kerzen-Weihnacht und Lesen bis der Arzt kommt, damit ist erst mal Schluß. Schon mal was von Lagerkoller gehört?«

Eloi legte seinen Minzestengel beiseite, was bei ihm eigentlich schon einem kalten Entzug gleichkam, erhob sich und sprang von dem Bücherturm herab. Er näherte sich Paps, bis sich ihre Nasen berührten. Auf den ersten Blick glich er tatsächlich einem Drogenwrack, mit den wäßrigen blauen Augen, dem wie ein Weizenfeld nach einem Tornado zerzausten, im Grunde keiner Farbe zuzuordnenden Fell, seinem verbraucht wirkenden Schatten-Gesicht, in dem jeder Muskel wie von kleinen Gewichten behangen abwärts deutete. Doch war es auch die Erscheinung eines altmodischen Gelehrten, der wenig Wert auf Äußerlichkeiten legt und selbstredend davon ausgeht, daß Stimulantia den Geist eher anregen als vergiften. Und die wäßrigen Augen waren jetzt nicht wegen einer chronisch defekten Tränendrüsenfunktion so feucht.

»Wann willst du denn die Welt erobern, Dude?« fragte Eloi, und seine Lippen zitterten leicht. Paps' Mentor spürte wohl, daß es sich um den Moment des Abschieds handelte. Vielleicht nicht gleich, aber doch auf Raten. Und irgendwann für immer.

»Nun ja, eigentlich wollte ich jetzt gleich draußen eine kleine Runde drehen, Dude. Wenn ich auf den Mörder stoße, schicke ich dir eine Postkarte.«

Mit diesen Worten kehrte Paps Eloi den Rücken zu und spazierte in Richtung des Tunnels. Weniger deshalb, weil er seinen Freigang gar nicht mehr abwarten konnte, sondern weil er nicht mit ansehen wollte, wie dem guten Gefährten die Tränen über das Gesicht liefen. Ein flüchtiger Seitenblick bestätigte ihm, daß mittlerweile alle anderen Dudes im tiefen Schlaf versunken waren, einschließlich des alten Roten, der wie ein Mensch auf dem Rücken lag und alle viere von sich himmelwärts gestreckt hatte. Ummantelt von dem Gewölbe-Halbrund über ihren Köpfen und umhüllt vom Kerzendämmer sahen sie wie fossile Überbleibsel eines Märchenreiches aus. Paps bekam dabei einen Kloß im Hals, weil er spürte, daß dieser leichtpfötige Spaziergang in die Außenwelt in der Tat einem Schlußstrich nahekam. Er wußte instinktiv, mit diesem Schritt würde der Abschied vollzogen sein. Und auch wenn er in ein paar Stunden wieder in die Höhle zurückkehrte, würde es nicht mehr das gleiche sein.

Die Eindrücke in dem Tunnel unterschieden sich von denen während seiner vorangegangenen Erkundungen. Zwar war Francis auch jetzt von vollkommener Finsternis umgeben, seine Trippelschritte hallten fast unendlich fort, und auch jetzt beschlich ihn eine durch Klaustrophobie verursachte und sekündlich stärker werdende Unruhe. Da er diesmal vorher nicht von der Minze gekostet hatte, entfaltete der dunkle Tunnel eine doppelt unheimliche Wirkung, und die Beklemmung war ziemlich real. Schon bald standen ihm die Haare zu Berge.

Als er endlich nach draußen gelangt war und die Senke hochstieg, bemerkte er als erstes die radikale Veränderung des Luftdrucks. Der Nachthimmel über dem verwucherten Terrain war von einem aufgeladenen Wolkenbrodem bedeckt, in dessen sich ständig umformenden Schleiern es grell zuckte und grollte. Ein Sommergewitter mit reichlich Blitz und Donner rückte heran. Ein starker Wind fauchte wie ein fiebriger Geist über das wild gewachsene Gras, schüttelte die Bäume durch und blies loses Gestrüpp hoch durch die Luft. So wie es aussah, hatte sich Paps den denkbar ungünstigsten Zeitpunkt für seine Lebenswende ausgesucht. Er konnte schon den Regen riechen, der in Kürze einsetzen würde.

Was um alles in der Welt hatte ihn dazu veranlaßt, mitten in der Nacht solch eine gewichtige Entscheidung in die Tat umzusetzen? Schließlich konnte man auch morgen eine neue Seite im Leben aufschlagen, wenn wieder die Sonne schien. Doch da ein junger Mann eher bereit ist, in den Krieg zu ziehen, als sich seine eigene Dummheit einzugestehen, wollte Paps wenigstens so tun, als würde er die neue Freiheit genießen. Ein zielloser, kurzer Spaziergang bestätigte ihm, daß nirgendwo zufällig eine Leiche herumlag, mit deren Hilfe er sich seine ersten Sporen als Ermittler von Gottes Gnaden hätte verdienen können. Pech! Unterdessen blies der Wind immer unerbittlicher über das weite Feld. Das hochgewucherte Gras, die wilden Sträucher und die vereinzelten krumm und schief gewachsenen Bäume wurden hin- und hergerissen, als würden sie geohrfeigt.

Paps bestieg einen kleinen Erdhaufen und schaute sich um. In der Ferne erspähte er das, was er während seines lustlosen Spaziergangs aus den Augenwinkeln zwar schon längst registriert, aber geflissentlich übersehen hatte. Denn das Augenfälligste an diesem düsteren Ort zu erkennen hätte für einen Heißsporn wie ihn bedeutet, daß er es auch untersuchen mußte. Um es kurz zu machen, die verkommene Villa dort in der Ferne, ein unheilschwangeres Schattengebilde mit ewig glühenden Fenstern, jagte Paps immer noch einen gehörigen Schrecken ein. Dabei hatte er selbst ja Eloi gegenüber immer wieder argumentiert, daß es ziemlich naiv wäre, wenn man das Böse gleich vor der eigenen Haustür vermutete. Anscheinend ein Selbstbetrug, um das gespenstische Domizil und seinen unheimlichen Bewohner, immerhin einen ehemaligen Strafgefangenen, bloß nicht genauer unter die Lupe nehmen zu müssen. Jetzt gestand Paps sich seine Feigheit ein.

Unser Held hatte aber das Maul vorhin nicht deshalb so voll genommen, um bei erstbester Herausforderung wieder still und leise ins kuschelige Nest zurückzuschleichen. Also faßte er sich ein Herz, stieg den Erdhaufen hinab und tappte mit bang klopfendem Herzen in Richtung des Geisterhauses, um es sich aus der Nähe anzuschauen. Der immer wütender werdende Wind wehte seine Fellhaare in alle Himmelsrichtungen, und das Gebrüll des Donners ließ ihn zusammenzucken, während er sich durch den Urwald kämpfte. Das Licht der Blitzverästelungen ließ die Villa für Bruchteile von Sekunden hell erstrahlen und verlieh ihr etwas von einem makellos weißen Mördergebiß. Je näher Francis seinem Ziel kam, desto deutlicher erkannte er, wie heruntergekommen das Gebäude war. Aus der Mitte des zweistöckigen Hauses mit dem Mansardendach wuchs ein wuchtiger Erker hervor, der unten eine Art Wintergarten und darüber eine Terrasse beherbergte. Beide Teile zeichneten sich durch Merkmale des Niedergangs aus. Farbe und Putz waren abgeblättert und entblößten den hölzernen Rohbau. Die Fenster, Stützsäulen und das Terrassengeländer hatten im Lauf der Jahrzehnte irreparablen Schaden genommen. Sie waren teilweise auseinandergebrochen, zerschlagen oder gar nicht mehr vorhanden. Das Dach, dessen zersprungene und verrutschte Schindeln des Namens nicht wert waren, wies großflächige Löcher auf, durch die der Regen Zugang ins Innere fand. Der Rest sah nicht viel besser aus. Vermoderte Fassaden, schief hängende Regenrohre und zerschlagene Fensterscheiben. Das Haus war eine einzige Ruine.

Paps befand sich nur ein paar Meter von der Hausleiche entfernt, als der meteorologische Rüpel ernst und ihm einen Strich durch die Exkursion machte. Mit pompösem Getöse und geradezu explosionsartig entlud sich der aufgeladene Himmel über dem Altbauviertel, wobei mehrere Blitze die entsprechende Lightshow lieferten. Von einem Moment zum anderen gingen über dem verlassenen Ort unglaubliche Wassermengen nieder, und der angehende Detektiv fühlte sich jäh wie von einer Superwelle erfaßt. Im naß verklebten Fell sah er plötzlich so aus, als läge eine Crash-Diät hinter ihm. In diesem elenden Aufzug schien es wohl kaum ratsam, weiterhin den Spion zu spielen. Morde hin, Morde her, wenn man bis auf die Knochen durchgeweicht war, hatte man wahrlich andere Probleme.

Paps drehte sich auf den Pfotenballen um und lief durch die dichten Regenschleier zurück in Richtung der Senke. Das Prasseln der Regentropfen, die sich auf seinem Rücken wie Nadelstiche anfühlten, schwoll zu einem Gebrüll an. Außer Atem und naß wie ein Wischmop schaffte er es endlich zum Ausgangspunkt seiner sinnlosen Erkundung und schlüpfte wieder in die Röhre. Für einen Moment fragte er sich, ob er sich am Ende nicht eine Lungenentzündung zugezogen hatte und bald sterben müsse. Aber nun war er, Gott sei's gedankt, wieder im Trockenen. Er schüttelte sich heftig das Wasser aus dem Fell und trottete dann die dunkle Strecke in Richtung der warmen Stube. Was würde er nun bloß Eloi erzählen? Denn auf seinen ersten Trip in die Freiheit traf wohl kein anderes Wort als Blamage zu. Gut gebrüllt, Löwe, würde Eloi sagen und noch einen abgedroschenen Spruch dranhängen: Außer Spesen nix gewesen.

Als die Röhre ihrem Ende zuging und Paps allmählich das schwache Kerzenlicht aus dem Brunnenbecken wahrnahm, spürte er Feuchtigkeit unter seinen Pfotenballen. Gewiß, sein Fell war immer noch nicht richtig trocken, so daß notwendigerweise auch die Unterseite seiner Pfoten benetzt sein mußte. Dennoch beschlich ihn das Gefühl, daß diese Feuchtigkeit zu zähflüssig, ja geradezu glitschig war im Vergleich zu Regenwasser. Sie roch auch verdächtig anders. Als immer mehr Licht in die Röhre fiel, erkannte er, daß er in einem kleinen dunklen Rinnsal lief, das sich im gewölbten Boden angesammelt hatte. Er wollte die Sache untersuchen, weil sie ihm auf dem Hinweg nicht aufgefallen war. Doch da sprang ihm plötzlich die Quelle des ominösen Rinnsals ins Auge.

Wie hingeschmissen lag der rote Dude da und stierte ihn aus offenen, doch längst toten Kupferaugen an. In seiner Genickgegend klaffte ein riesiges, fransiges Loch, das entweder von einem wütenden Gebiß oder einem spitzen Gegenstand verursacht worden war. Das daraus geflossene Blut hatte sich in Form des Rinnsals seinen Weg gebahnt. Der Alte war offenkundig im Innern des Beckens das Opfer eines Angriffs geworden, hatte sich einige Meter in die Röhre retten können und war dann hier verblutet.

Trotz des Schocks hatte Paps Verstand genug, sich die Frage zu stellen, wie solch eine Bestialität geschehen konnte, ohne daß die anderen Dudes davon etwas mitbekommen hatten und zu Hilfe geeilt waren. Selbst in Anbetracht der Tatsache, daß zum ersten Mal ein Mord im Brunnenbecken geschehen war, und alle Anwesenden zu diesem Zeitpunkt geschlafen hatten, mutete der Vorfall reichlich ungereimt an. Zumindest Eloi, der noch vor einer Stunde zwar wie immer einen zugedröhnten, nichtsdestotrotz halbwegs wachen Eindruck gemacht hatte, hätte etwas bemerken müssen. Der Schock jedenfalls wich der Wut über so viel Unaufmerksamkeit, und Francis stürzte an dem Toten vorbei in die Höhle ... um blitzartig von der Wut in einen neuen Schockzustand katapultiert zu werden, einem Schockzustand allerdings, der den vorangegangenen um das Tausendfache übertraf.

Vor ihm breitete sich ein Tableau des Grauens aus, so fürchterlich, daß Paps nur mühsam Worte für dessen Beschreibung zustande brachte. Zunächst einmal war da das Blut in seinen vielfältigen Erscheinungsformen. Überall Blutlachen, dick und scharlachrot, die sich zu einem See vereinigten, auf dessen Oberfläche sich der Goldglanz der brennenden Kerzen spiegelte. Der Blutsee bedeckte den ganzen Boden des Brunnenbeckens, so daß Paps das Gefühl hatte, der Ort hätte eine Rückwandlung zu seiner ursprünglichen Funktion in der satanischen Variante durchgemacht. Dann Schlieren von Blut, an den Wänden, an den Bücherstapeln und in den aufgeschlagenen Büchern, wie Graffiti des Bösen. Und schließlich die Lieferanten all des vielen Blutes, die Dudes, seine Helfer, seine Freunde, seine Familie. Sie waren alle auf die gleiche Weise umgebracht worden wie der bemitleidenswerte Artgenosse in der Röhre. Ihre Hälse und Genicke schmückten tiefe Bißwunden, und oft sogar richtig große Löcher, die der Schlachter schön herausgearbeitet hatte. Paps drängte sich das Bild des Hühnerstalls auf, in dem der Fuchs gewütet hat. Mit einem Unterschied der Gnade: Vermutlich, höchst wahrscheinlich sogar hatten die Ermordeten nichts von ihrem Wechsel vom Diesseits ins Jenseits gespürt. Da alle ihren Minzerausch ausschliefen, hatte der Mörder sich für jeden einzelnen Zeit nehmen und ihnen seine ganz spezielle Sorgfalt angedeihen lassen können.

Paps torkelte, zwischen Schwächeanfall und dem nackten Wahnsinn schwankend, ins Zentrum der Höhle und brach schließlich zusammen. Seine Liebe galt eigentlich einem jeden an diesem Ort, doch zwei von ihnen besonders. Um so intensiver war der Schmerz, als er sah, daß das Ungeheuer bei diesen beiden keine Ausnahme gemacht hatte. Madam ruhte immer noch wie ein weißer Engel auf ihrem Bücherhaufen, doch ihr Kopf hing schlaff über die Kante, und aus ihrer Nase tropfte in quälend langen Abständen Blut herunter. Als ein Akt schierer Barmherzigkeit empfand es Francis, der bitterlich zu weinen anfing, daß die Augen der Ermordeten geschlossen waren. Doch auch die kleinen Seelen in ihrem Bauch, die bis dahin dem Lebenslicht entgegengeschlummert hatten, waren jetzt nicht mehr. Ein ungeheurer Schluchzer entrang sich seiner Kehle und hallte wie eine Klage in dem Gewölbe nach.

Dann der Horror, der sich ihm bis an sein Lebensende einprägen sollte: Eloi, der Entfernt-Siamese, der Lehrer, sein innigster Freund hatte einen tiefen und recht blutigen Sturz von seinem Bücherturm vollzogen. Er saß aufrecht wie ein Mensch am Fuße des Turms, den Rücken gegen die aufgestapelten Bücher gelehnt, die Hinterpfoten locker ausgestreckt, als fehle nur noch eine interessante Lektüre auf seinem Schoß, in die sich das herabbaumelnde Haupt vertieft hatte. Sein Fell war über und über mit Blut verschmiert, so daß man die Beige- und Rauchtönungen nur erahnen konnte. Der Oberdude sah aus wie ein Clown, den ein der abstrakten Richtung zugeneigter Maler auf die Leinwand gebannt hat. An welchen Stellen der Leiche sich die vielen Wunden befanden, vermochte Paps nicht mehr auszumachen. Er hatte sich von dem ganzen Greuel schon längst abgewandt.

Er weinte jetzt nicht mehr. Und wenn in seinen Augen noch Tränen schwammen, so waren diese nicht mehr der Tragödie angesichts seines nun zum zweiten Mal zerbrochenen Lebens geschuldet, sondern unbändigem Zorn. Zorn auf das Monster, das dieses Massaker angerichtet hatte, während er mal eben für eine Stunde draußen gewesen war. Eloi hatte sich vielleicht das halbe Hirn weggekifft, sein Instinkt jedoch war in einem einwandfreien Zustand gewesen. Während er, der Klugscheißer Francis, sich an intellektuell mehr Eindruck schindenden Erklärungen für die Mordserie versucht hatte, hatte Eloi sich einfach auf sein Bauchgefühl verlassen. Und das, so gestand sich Paps nun ein, war viel genialer gewesen als all die spitzfindigen Fürze zusammen, die ihm entwichen waren. Wie hatte er nur so dumm sein können? Natürlich verbarg sich der Killer nirgendwo anders als in der verfallenen Villa dort draußen! Warum, wieso, weshalb er es auf eine unschuldige Tiergemeinschaft abgesehen hatte, spielte keine Rolle. Erkläre mal einem Verrückten, daß er Verrücktes tut. Eloi hatte von Anfang an recht gehabt. Sein einziger Fehler war gewesen, daß er sich von einem Grünschnabel mit Geniegehabe blenden und so von dem richtigen Verdacht auf den wahren Mörder hatte ablenken lassen. So niederschmetternd es auch klang, dieser Massenmord wäre wahrscheinlich vermeidbar gewesen, wenn es einen gewissen Francis unter den Dudes nicht gegeben hätte. Man hätte Vorsichtsmaßnahmen treffen können.

Schuld, Trauer, noch mehr aber Haß, unvorstellbarer Haß auf den diabolischen Fremden in der Schrottvilla überwältigten Paps, und plötzlich sann er nach nichts anderem als nach Rache. Rache ebenfalls unvorstellbaren Ausmaßes und den Wunsch nach Vergeltung. Jetzt gleich! Wie er diese Rache als ein kleines Tier gegenüber einem gefährlichen Menschen ausüben sollte, wußte er im Moment freilich nicht. Doch wenn zwei Dinge sich einfach nicht zwischen zwei noch so spitze Lauscher quetschen ließen, dann hießen sie Rache und Logik, zumal wenn sie sich zwischen den Lauschern eines jungen Mannes in die Quere kamen. Also kehrte Francis dem Brunnen für immer den Rücken und ging wieder in den Tunnel zurück, um seine Ersatzfamilie und noch mehr seine ungeborenen Kinder zu rächen.

An dieser Stelle hatte der Alte die Erzählung abgebrochen. Das stundenwährende Heraufbeschwören der Vergangenheit hatte sichtlich an seinen Nerven und Kräften gezehrt. Er öffnete für mich eine längst versiegelte Tür, hinter die er niemals wieder hatte blicken wollen. Nun aber ging es nicht mehr weiter, die Erinnerungsarbeit mußte eine Pause einlegen. Bevor er vor dem fast erlöschenen Kamin die Augen zum Nachtschlaf schloß, versprach er noch, gleich morgen die Fortsetzung zu liefern.

Ich jedoch war von dem Gehörten total aufgerieben, um nicht zu sagen, ich war in fiebrige Unruhe versetzt. An Schlaf war nicht zu denken. Nun, da ich mich durch die frisch verschneite Gartenlandschaft kämpfte, fragte ich mich, was mich wohl an dem beschriebenen Ort erwartete. Immerhin waren ja sechzehn Jahre ins Land gegangen, vielleicht sogar siebzehn. Ich jagte einem alten Abbild nach, das in der Realität vermutlich gar nicht mehr existierte. Und wenn es den Brunnen tatsächlich noch geben sollte, war er inzwischen sicher bis zur Unkenntlichkeit entstellt. Welche Schlüsse in bezug auf das Massaker konnte ich nach all der Zeit daraus noch ziehen? Ich gebe zu, ich verhielt mich nicht weniger irrational als der junge Francis. Dennoch hatte ich das deutliche Gefühl, daß an der ganzen Geschichte etwas nicht stimmte. Und daß ich auserwählt war, den Fehler zu finden. Dieses Gefühl hatte ich von Anfang an gehabt. Blieb natürlich noch die Frage, wen das alles überhaupt noch interessierte. Ich gab mir selbst die Antwort: mich!

Schon zum x-ten Mal in dieser Nacht schleuderten mich meine Hinterpfoten auf eine schneeberieselte Gartenmauer. Oben ließ ich den Blick kreisen. Wenn ich Paps richtig verstanden hatte, befand ich mich nun an dem Ort, an dem alles seinen Anfang genommen hatte. Mein Atem stieg in die frostige Luft wie Zigarettenqualm. Vor meinen Augen breitete sich ein perfektes Vbrweihnachtsidyll aus, ein eingeschneites Puzzle aus unter dem Sternenlicht bläulich schimmernden Mauern und ganz weiß gewordenen Bäumen und Wiesen, die wie von einem leuchtenden Teppich bedeckt schienen. In dieser kitschigen Winter-Ansichtskarte war es unmöglich herauszufinden, wo ein Brunnen stehen könnte. Falls es überhaupt noch einen Brunnen gab. Denn wenn ich mich so umschaute, unterschied sich die Gegend mittlerweile vollkommen von dem Endzeitszenario jener Jahre. Die zerfallenen Mauern hatte man in der Zwischenzeit wieder aufgebaut, so daß von irgendwelchen Lücken keine Rede mehr war. Und trotz des Schneemantels konnte man erkennen, daß das einstige dschungelhafte Erscheinungsbild einem akkurat unterteilten Design aus Rasen, Beeten, Hecken und Sträuchern gewichen war. Ein mächtiger Pinsel war hier geschwungen worden und hatte im Bemühen, das alte Gemälde zu restaurieren, ein völlig neues Bild erschaffen.

Aber dann, ganz plötzlich stach er mir doch ins Auge ... Natürlich wußte ich nicht mit endgültiger Gewißheit, ob es sich dabei tatsächlich um den besagten Brunnen handelte. Doch das eingeschneite Gebilde von über einem Meter Höhe, faßförmig und offenkundig aus Stein, sah ganz danach aus. Es wuchs aus der Mitte der Wiese des übernächsten Gartens vor mir empor wie ein Dekorationselement. Ganz so, wie Paps es geschildert hatte.

Über die Zickzack-Bahnen der Maueroberfläche lief ich schnell dorthin, sprang in den Garten und näherte mich vorsichtig dem Ding, welches in unmittelbarer Sichtweite wie ein umgedrehter Heuballen wirkte. Dabei erinnerte ich mich an Paps' Worte, die er bei seiner Flucht vor den Jägern ausgesprochen hatte: ›Wenn ich auf den Brunnenrand sprang und der Zugang tatsächlich verschlossen war, dann gab ich für die Jäger ein Ziel wie auf einem Präsentierteller ab. Und falls der Brunnen tatsächlich offenstand und ich mich in die Röhre fallen ließ, landete ich letztendlich im Wasser und würde irgendwann ganz gemütlich darin ersaufen.‹

Und ich, was sollte ich jetzt tun? Ganz einfach... Ich hechtete nach oben an den Rand des steinernen Fasses und vollführte dort eine Vollbremsung. Na ja, mich verfolgten auch nicht zehn durchgeknallte Rentner mit Gewehren im Anschlag. Die gute Nachricht: Es handelte sich in der Tat um einen Brunnen, dem Anschein nach wirklich um den, in dem der gute alte Francis seine Jugend verbracht hatte. Die Bewohner des angrenzenden Hauses waren vermutlich stolz darauf, dieses antiquarische Schmuckstück zu besitzen, wenn auch in der längst verdorrten Ausführung. Die schlechte Nachricht: Obwohl ich den Kopf tief in den Schacht hineinsteckte, gähnte mir nichts weiter als unergründliche Finsternis und Eiseshauch entgegen. Aus der unendlich scheinenden Tiefe glimmte nicht einmal ein schwacher Lichtschein empor, wie ihn Paps damals während seines freien Falls gesehen hatte. Die letzte Kerze war also tatsächlich ein für allemal erloschen, nachdem der einzige Überlebende des Massakers die Brunnenhöhle verlassen hatte.

Da ich die genaue Ausgangsposition des von innen abgehenden Verbindungstunnels nach draußen nicht kannte, ich also keine andere Zugangsmöglichkeit ins Reich der gewesenen Dudes besaß, blieben mir nur zwei Alternativen: Entweder zog ich unverrichteter Dinge wieder ab und beendete fürs erste das eh aus einer Schnapsidee geborene Detektivspiel, was auch am vernünftigsten schien. Oder aber ich tat es Paps gleich und ließ mich einfach in den Brunnen fallen, in der Hoffnung, daß mich unten immer noch ein weiches Polster aus hereingewehten Pflanzenresten auffing. Angesichts der vielen Jahre, die übers Land gezogen waren, und der damit einhergegangenen tausenderlei Veränderungen, war es eine ziemlich gewagte Hoffnung.

Was soll ich sagen, ich tat's! Bevor ich mich auf einen quälenden Entscheidungsprozeß einließ und bevor ich mir hinterher hämische Kommentare wegen meiner angeblichen Feigheit anhören mußte, tat ich den Schritt in den sprichwörtlich luftleeren Raum. Was übrigens Sprichwörter betrifft: Wie der Vater, so der Sohn.

›Ich fiel und fiel den Brunnenschacht hinunter, und lebensmüde oder auch todesmutig wie ich war, riskierte ich dabei einen Blick abwärts, um meinem Exitus ins Angesicht zu schauen. Doch weder plätscherndes Naß noch ein finsterer Orkus kam mir in rasender Geschwindigkeit entgegen, sondern ...‹ Nein, im Gegensatz zu Paps kam mir nicht das Licht etlicher brennender Kerzen entgegen, sondern Dunkelheit und noch mehr Dunkelheit. Also war die Höhle seitdem tatsächlich nicht mehr bewohnt gewesen. Einige Sekunden mit mörderisch erhöhter Herzfrequenz später stellte ich jedoch fest, daß sich das Grundlegende im Untergrund nicht verändert hatte. Denn ich landete wie ersehnt in einem Bett aus vertrockneten Pflanzenresten. Diese flogen bei meinem Aufprall um mich her wie bei einer Explosion. Unendlich dankbar, daß ich den Sturz aus solcher Höhe überhaupt überlebt hatte, doch immer noch ziemlich aufgewühlt, dauerte es eine Weile, bis meine Augen auf Nachtsichtgerät-Modus umschalteten. Doch dann konnte ich feststellen, wie exakt Paps' Beschreibungen gewesen waren, auch wenn inzwischen ziemlich aktualisierungsbedürftig.

Die vielen Büchertürme, die abgebrannten Kerzen und das hereingewehte Pflanzengestrüpp waren immer noch vorhanden. Doch im Lauf der bleischweren Zeit hatten sie sich einer Art Verklumpungseffekt unterworfen. Irgendwie war alles mit allem zusammengewachsen, wobei das Wachs einer im Standbild gefrorenen Flut gleich jeden Gegenstand und jeden Winkel durchdrungen und überlappt hatte. Die Bücher selbst waren zu festgebackenen Gebilden transformiert; allein ihre Form verriet noch etwas über die einstige Funktion. Staub, Spinnwebenvorhänge und undefinierbare klebrige Substanzen bedeckten alles Sichtbare und bildeten einen vermoderten Teppich. Ein kraß übler Fäulnisgeruch hatte sich fest eingenistet.

In Anbetracht dieses Schimmelparadieses klappte mir vor Erstaunen nicht gerade der Unterkiefer herunter, als ich bemerkte, daß sich das emsige Volk der Mäuse hier häuslich eingerichtet hatte. Die Biester wieselten überall herum. Unter normalen Umständen war das ein Ansporn, wieder etwas Sport zu treiben und als Lohn dafür solide Hausmannskost zu erhalten. Doch im Moment interessierten sie mich nicht im geringsten. Denn ich entdeckte allmählich außer dem allgegenwärtigen Müll und dem betriebsamen Mäuseverkehr, wonach ich in Wahrheit gesucht hatte: die Gerippe der Dudes. Sie lagen im ganzen Gewölbe verteilt, teils vollständig erhalten, teils als verstreute Knochen.

Paps' Gedächtnis hatte ihn nicht getrogen. Ich konnte zwar wegen der Bruchstückhaftigkeit mancher Skelette die Anzahl nicht genau benennen, aber es waren ganz schön viele. Wie morbide Exponate schmückten sie jede Ecke des Brunnens. Die einsamen Schädelkapseln, Schulterblätter, Wirbelsäulen und Rippen versetzten mich kurzzeitig in tiefe Trauer. Das Makaberste war, daß ich selbst das komplett erhaltene Skelett von Madam auf einem der Büchertürme entdeckte, ja sogar die winzigen Knöchelchen von Francis' ungeborenen Kindern in dem Knochenhaufen erkennen konnte. Sozusagen meine Halbgeschwister.

So sehr war ich der Faszination des vergessenen Grabes erlegen, daß ich zuerst gar keine Gelegenheit hatte, mich zu fürchten oder gar zu gruseln. Nun aber und so ganz allmählich kam sie doch, die Angst. Denn ich hatte mit einem Mal das Gefühl, daß meine empfindlichen Lauscher neben dem unentwegten Fiepen des Mäusevolks noch etwas anderes vernahmen. Ein leises Atmen irgendwo vielleicht oder die typischen Knistergeräusche, die entstehen, wenn jemand seine Position nur um einen Zentimeter verrückt. Meine Fellhaare sträubten sich unwillkürlich. Ein panisches Kopfkreisen bestätigte mir jedoch nur, was ich schon vorher gesehen hatte: Bücher über Bücher, Kerzenrudimente, Gestrüpp, Müll und noch mehr Finsternis. So tat ich diese verdächtigen Geräusche als einen milieubedingten paranoiden Schub ab, wohl auch, um meine Nerven zu beruhigen. Ich konzentrierte mich auf die Aufgabe, derentwegen ich die Reise angetreten hatte.

Ich schlenderte im Brunnen umher und inspizierte die einzelnen Gerippe etwas genauer. Denn ich hatte eine Theorie. Wenn den Massenmord an den Dudes tatsächlich ein Killer menschlicher Gestalt mit einem spitzen Gegenstand, sagen wir mal mit einem Messer oder einem Eispickel, verübt haben sollte, so war es sehr wahrscheinlich, daß solcherlei Stiche auch Spuren an den Knochen hinterlassen hatten. Irgendwelche Kratzer, Abschürfungen, Furchen, schlimmstenfalls sogar Brüche. Das gleiche galt bei einem monsterartigen Wesen mit Riesenhauern. Jedenfalls konnte ein Artgenosse aufgrund unserer kleineren Zähne nur bedingt Knochen derart beschädigen, selbst wenn er gräßlich wütete. Tödliche Fleischwunden ja, augenfällige Schäden am Knochen nein. Das war meine Theorie.

Das Resultat meiner Untersuchungen fiel aus, wie ich vermutet hatte. So penibel ich jedes Gerippe und jeden einzelnen Knochen der Opfer auch in Augenschein nahm, ich konnte keine auffälligen Kratzer, geschweige denn Brüche daran feststellen. Höchstens hier und dort einen vernachlässigbaren Knacks, der sich durch zeitbedingte Materialermüdung erklären ließ. Was Wunder, denn wie hätte auch ein Mensch in die Höhle hineinkommen sollen? Indem er über eine halbe Stunde lang bäuchlings durch den schmalen Tunnel gerobbt war? Falls ein Mensch da überhaupt hineingepaßt hätte. Eine abenteuerliche Vorstellung. Oder indem er sich in den Brunnenschacht abgeseilt hatte? Dann hätte er bequemlichkeitshalber doch lieber gleich eine Handgranate hineinschmeißen können. Von der noch krasseren Monster-Theorie ganz zu schweigen.

Von wegen also, der Kannibale vor der Haustür habe zugeschlagen! Doch was war damals wirklich hier geschehen?

Ich hatte einen Verdacht. Paps' Angaben zufolge hatten an dem fraglichen Abend sämtliche Dudes geschlafen, und nach dem letzten Gespräch und nach dem Abgang seines Meisterschülers war wohl auch Eloi im süßen Minzetraum versunken. Ab diesem Zeitpunkt gab es nur zwei vorstellbare Möglichkeiten für den weiteren Hergang. Version 1: Ein Tier von etwa unserer Statur war von außen durch den Tunnel in die Brunnenhöhle eingedrungen und hatte einen Dude nach dem anderen gemeuchelt. Keine schlechte Erklärung – allerdings mit einem großen Haken. Gesetzt den Fall, es handelte sich um ein Wildtier aus dem benachbarten Naherholungsgebiet (wie Paps anfangs spekuliert hatte), so hatte es ein bißchen zu viel Umsicht gezeigt. Wildtiere waren dafür bekannt, daß sie wild waren. Sie schlichen sich nicht zu ihrem schlafenden Opfer, brachten es still und leise um und gingen dann auf Zehenspitzen zum nächsten. Nein, der Fuchs mochte vielleicht, was das Anschleichen an den Hühnerstall angeht, wirklich eine Kanone seines Fachs sein. Aber einmal im Hühnerstall, ließ er die Sau raus. Und in all dem Tohuwabohu sollte kein einziges Huhn Reißaus genommen haben?

Version 2: Ich gebe zu, diese Version würde Paps sicherlich nicht gefallen, weil sie nicht nur sein Weltbild zerstört, sondern auch häßliche Risse im schönen Lack seiner Biographie erzeugt hätte. Der Feind kam von innen, was bedeutete, der Killer war schon die ganze Zeit im Brunnen gewesen. Einer der Dudes kannte sich mit den Drogen- und Schlafgepflogenheiten der anderen bestens aus. Er wußte, wann die Minze die anderen in den Tiefschlaf hinabriß und sie in halbe Bewußtlose verwandelte. Deshalb konnte er sich mit jedem einzelnen von ihnen Zeit lassen. Er ging leise von Dude zu Dude und biß ihnen in den Nacken. Sie bluteten alle aus. Durch einen Zufall wurde der rote Alte wach und konnte sich trotz der ihm zugefügten Wunden bis zum Ausgangsrohr retten und -

»Spät, aber doch kommst du, Dude. Ich habe schon so lange auf dich gewartet.«

Ich erschrak so sehr, daß ich wie von Knallkörpern an jeder Pfote drangsaliert hochschoß, um mich wirbelte und mich – ja, ich gestehe es – eines kleinen, umweltfreundlichen Strahls entledigte. Schließlich kippte ich nach hinten und stürzte in ein Gerippe, das in tausend Einzelstücke zerbrach. Die Stimme, männlich, warm und zugleich weich, hallte im Gewölbe immer noch nach wie eine akustische Halluzination.

Dann sah ich die brillantblauen Augen in der Dunkelheit, die bisher durch zugeklappte Lider verborgen gewesen waren.