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... aber dennoch verehrten wir dieses liebevolle, warme Wesen, das uns alle erschaffen und trotz armseliger Verhältnisse sechs Monate lang unter viel Mühsal durchgebracht hatte. Sie gehörte jener edlen Rasse der ... nun, man sollte die Erinnerung nicht nachträglich zur Erfüllung seiner Ideale mißbrauchen. Unsere Mutti gehörte weder einer edlen noch einer anderen mir bekannten Rasse an. Sie sah irgendwie so aus, als hätte sich der liebe Gott bei ihr für die billige Standardversion entschieden, will sagen, es handelte sich bei ihr um eine graugetigerte Promenadenmischung. Nichtsdestotrotz war sie mit einem Mutterherz ausgestattet, dessen Größe und Kraft alles Edle überstrahlte. Ich hatte noch einen Bruder, einen schwachbrüstigen, kleingeratenen Kerl, der zudem keine große Leuchte gewesen war. Einmal ertappte ich ihn dabei, wie er sich mit einem ausgestopften Elchkopf auf einem Sperrmüllhaufen unterhielt.

Ganz im Gegensatz zu meinen drei ziemlich frechen Schwestern, die den lieben langen Tag nichts anderes im Sinn hatten, als sich miteinander zu streiten. Wir alle waren Winterkinder, geboren irgendwann im November in einem Gelände mit vermoderten Häusern und verwilderten Gärten, das ungefähr einen halben Quadratkilometer groß und völlig sich selbst überlassen war. Nahezu alle Gartenmauern, die die Grundstücke voneinander trennten, waren verfallen. Der Blick ging ungehindert durch Durchbrüche, die an asiatische Tempelrudimente im Dschungel erinnerten. Damals, in den späten Achtzigern des vorigen Jahrhunderts, hatte der Run auf Altbauten erst zögerlich begonnen, und allein sehr hellsichtige Immobilienhaie sahen hier eine goldene Zukunft heraufziehen. Sie waren schon eifrig dabei, Opalein und Omalein dazu zu überreden, ihnen die Gründerzeit-Wracks mit Kohleofen und Klo auf dem Gang für einen Appel und Ei zu überlassen. Freilich erkannte ich solche Zusammenhänge erst viel später. Für mich war das Gelände damals auf den ersten Blick ein kleines Paradies.

Begonnen hatte es allerdings mit der Hölle. Wie das bei meiner Art so üblich ist, hatte mein toller Papa nach der kurzen Liaison mit Mama das Weite gesucht und ward nicht mehr gesehen. Das heißt, das stimmte nicht ganz. Einmal standen wir uns doch von Angesicht zu Angesicht gegenüber. Ich erlernte gerade den lustigen Zeitvertreib des Mückenschnappens, da lief ein ziemlich, wie soll ich sagen, homophil wirkender Typ durchs Gestrüpp. Er war schwarzweiß gefleckt wie eine Holsteinische Kuh, und seine Haare sahen ebenso hochdramatisch toupiert aus wie bei Junior. Sein Gesicht glich dem eines Yves Saint Laurent mit Spitzohren und Schnurrhaaren, und irgend etwas in dem zwischen Langeweile und Weltekel schwankenden Ausdruck verriet mir, daß ich es nicht mit einem x-beliebigen Artgenossen zu tun hatte. Es hätte nur noch die eckige Brille von Yves vor den hell leuchtenden ozeangrünen Augen gefehlt.

Er wurde gerade von einem asthmatisch hechelnden Kläffer verfolgt, einem pferdgroßen Dummbeutel, dessen Lebenssinn und -freude wohl einzig aus solcherlei sinnlosen Jagden bestand. Doch als er mich erblickte, nahm sich Yves trotz der Bedrängnis Zeit, bremste abrupt und schaute mir mit seinen erlesenen Phosphorglubschern tief in die Augen.

»Hey, ein gewisser Geruch, den du verströmst, Kleiner, sagt mir, daß wir verwandtschaftliche Beziehungen pflegen.«

Mit meinen drei Monaten verstand ich seine geschraubte Ausdrucksweise nicht und sagte, was ich damals in diffizilen Situationen immer zu Erwachsenen sagte: »Ich habe gar nichts gemacht!«

Er lächelte ein abgeklärtes Lächeln und strich sich mit einer Pfote über die schneeweißen Schnurrhaare, die so wirkten, als habe man sie ihm für eine besonders theatralische Aufführung von Die drei Musketiere ins Gesicht geklebt.

»Das Wort machen wird inflationär verwendet, Kleiner«, erwiderte er. »Ich habe gar nichts angestellt, hört sich eleganter an. Aber, mea culpa, ich wußte ja, daß ich mich unter mein Niveau begab, als ich mich mit deiner minderbemittelten Mutter einließ. Tja, Amor spielt Roulette, was das Abschießen der Pfeile anbelangt. Kurz, ich scheine wohl dein Vater zu sein. Wenn wir uns nicht mehr begegnen sollten, zwei Ratschläge für deinen weiteren Werdegang: Lese den kompletten Marcel Proust und verzichte beim Verzehren der Mäuseartigen auf den Darmbereich. Glaub mir, die fressen jeden Scheiß, Kleiner!«

Das war's! Danach habe ich den Alten nie wiedergesehen. Was seine Tips anging, hatte er natürlich recht. Aber wäre ich ein paar Jährchen älter gewesen, hätte ich ihm noch einen angenehmen Aufenthalt zwischen den Zähnen des Kläffers gewünscht. Meine Geschwister und ich waren nämlich von einer Streunerin geboren worden, ohne Obdach und regelmäßiges Futter. Zudem setzte uns Schnee und Frost zu. Dennoch kämpfte Mama wie eine Löwin um ihren Nachwuchs. Sie hatte es geschafft, in einem verfallenen Schuppen ein kleines Nest einzurichten. Eingekuschelt zwischen Stoffetzen und vertrockneten Grasbüscheln hatten wir es einigermaßen warm. Eine meiner ersten Erinnerungen war, wie Mama uns, als wir gerade unsere ersten Hauer bekamen, Fleisch brachte. Ich meine damit nicht irgendeine behinderte Maus, die für die versierte Jägerin zu langsam gewesen war, sondern richtiges, allerbestes Fleisch. Ein schönes rotes Rumpsteak, zwei Finger dick. Wie sie uns erzählte, hatte sie ein Schlupfloch zur Kältekammer einer Fleischerei entdeckt, die sich am Rande des Altbaugebiets befand. Sie war eine gute Jägerin, meine Mutter, aber sie war eine noch bessere Diebin. Mal schleppte sie eine Lage Schinken an, die sie irgendwelchen Menschen vom Frühstückstisch stibitzt hatte, mal einen Riesenfisch aus einem der umliegenden Gartenteiche. Solche Einblicke ins Schlaraffenland waren freilich selten, dennoch hatten wir dank Mama öfters eine Abwechslung zur öden Rattenkost.

Dann jedoch kam das Verhängnis. Erst das kleine über Mama, dann das große über uns alle. Der Schnee war geschmolzen, und die ersten Blumentriebe bohrten sich durch die Erde himmelwärts. Eine grüne Pelerine mit bunten Tupfern begann sich über das verlassene Areal zu legen, das noch Tage zuvor wie eine deprimierende Collage aus kahlen Ästen und grauem Matsch ausgesehen hatte. Selbst aus den Mörtelfugen der verfallenen Ziegelsteinmauern und der altehrwürdigen Häuserwände sproß das Grün nur so hervor. Die Sonne erwärmte zum ersten Mal so richtig mein Fell, und zum ersten Mal in meinem jungen Leben kam ich in den Genuß des Dösens unter ihren Strahlen. Meine Geschwister und ich tobten immer furchtloser außerhalb des Schuppens herum und begannen die Jagd zu erlernen.

Eines schönen Frühlingsmorgens verließ uns Mama schon in der Frühe. Sie wollte einen erneuten Einbruch in die Kältekammer der Fleischerei wagen, bevor die Beschäftigten dort zur Arbeit erschienen. Sie blieb lange weg, und als es langsam auf den Nachmittag zuging und sie immer noch nicht da war, begannen wir uns trotz unserer jugendlichen Unbeschwertheit Sorgen zu machen. Und dann kam sie. Wir sahen sie in dem aufsprießenden Gras von weitem und merkten sofort, daß irgend etwas mit ihr nicht stimmte. Sie wankte. Aber nicht nur das. Ihr Gesicht schien sich verändert zu haben. Auffällig dunkel war es auf der linken Seite, so tief dunkel und aufgebläht, als habe sich ein dreidimensionaler Schatten daraufgelegt. Je mehr sie sich uns näherte, desto deutlicher erkannten wir das ganze Ausmaß der Katastrophe. Ihr linkes Auge war ausgeschlagen worden und ausgelaufen, die Peripherie stark angeschwollen. Das Blut aus der arg in Mitleidenschaft gezogenen Augenhöhle hatte die eine Gesichtshälfte völlig bedeckt und war zu einer schwarzen Riesenkruste geronnen. Schmerzhaft winselnd brach Mama vor unseren Pfoten zusammen. Später erzählte sie uns, einer der Fleischereiarbeiter hätte sich überraschenderweise doch zur frühen Stunde in der Kältekammer aufgehalten und habe mit einem Haken nach ihr geworfen, als er sie entdeckte. Sie war am Auge getroffen worden und mit knapper Not geflohen. Dann war sie über Stunden orientierungslos und der Ohnmacht nahe durch die Gegend geirrt.

Es brach mir das Herz. Wie ich die liebe Mutter so leiden sah und unter heißen Tränen zur Linderung ihrer Schmerzen die Wunde leckte, wurde mir zum ersten Mal in meinem Leben bewußt, zu welch unvorstellbarer Grausamkeit der Mensch fähig war. Soweit dieses plumpe, zweibeinige Wesen davor überhaupt je in mein Sichtfeld geraten war, hatte es sich mir als ein gewöhnliches Glied der Natur, als selbstverständlicher Teil der lebendigen Welt präsentiert. Nun aber schien der Mensch für mich davon ausgeschlossen. Er war zu einem Fremdkörper geworden, verachtenswert und furchteinflößend. Kurzum, ich hatte meine Unschuld verloren.

Es wurde alles nur noch schlimmer. Dabei wurde das Wetter immer besser. Die Jahreszeit hielt sich an ihr Programm, und abgesehen von ein paar kurzen Schauern steigerten sich Wärme und Sonnenschein. Zwischen uns, den Kindern und Mama hatten sich die Rollen mit einem Male verkehrt. Die beschädigte Augenhöhle hatte sich stark entzündet und die Entzündung auf die gesamte Gesichtshälfte übergegriffen. Das listige, fürsorgliche, starke Weib von einst verkümmerte von Tag zu Tag zu einem sich immer schlechter bewegenden und von Höllenschmerzen geplagten Häufchen Elend. Abgesehen davon, hätte sie ohnehin selbst bei bester Gesundheit als Einäugige für die Jagd und die Diebestouren nicht mehr getaugt. Wir Jungen versuchten uns von heute auf morgen als Selbstversorger. Doch da Mamas Jagdunterricht abrupt unterbrochen worden war, schleppten wir lediglich ein vom Baum gefallenes, krankes Vögelchen oder vergammelte Insekten nach Hause. Sie, die Löwin, die noch vor kurzem so hart für ihre Jungen gekämpft hatte, versorgten wir natürlich als erste. Aber sie hatte wegen ihres schrecklichen Zustandes kaum Appetit, zudem auch immer weniger Lebenslust.

In dieser eh schon desolaten Situation zwischen chronischem Hungergefühl und Perspektivlosigkeit machten Gerüchte die Runde, welche die Frühlingssonne für uns noch mehr verdüsterten. Die Population der »Herrenlosen« sei dieses Jahr besonders üppig ausgefallen, hieß es von vorbeistreunenden Zeitgenossen, die nur selten einen mitleidigen Blick auf unsere arme Mama und unsere sich durch das Fell schon abzeichnenden Rippen warfen. Und wie zur Bestätigung dieser These gab es ganz schön viele Überbringer dieser Hiobsbotschaft. Diese erzählten auch, daß die in der Gegend lebenden Menschen gedachten, diese »nutzlosen Tiere« in Eigeninitiative zu »dezimieren«. Natürlich verstanden meine Geschwister und ich nur Bahnhof. Dennoch spürten wir instinktiv, daß die bedrohliche Lage, in der wir uns befanden, um einige Zacken bedrohlicher wurde. Wir sollten recht behalten.

Es war an einem sonnigen Morgen, als ich meine Mutter sterben sah. Ich hatte nur ein paar Sekunden zuvor meine Augen geöffnet, um ihr ins zerstörte Antlitz zu blicken. Die drei Mädchen, mein Bruder und ich hatten uns während der Nacht außerhalb des Schuppens an sie gekuschelt, weil wir wohl trotz der mißlichen Umstände so lange es noch ging den Familienzusammenhalt im wörtlichen Sinne spüren wollten. Sie sah immer noch wunderschön aus. Aber der verwüstete Augenbereich verlieh ihr etwas von einer zerknüllten Fotografie mit dem Motiv einer Schönen.

In Anbetracht des Dramas wollte ich mich gleich wieder in den Schlaf weinen, als ein ohrenbetäubender Knall die Luft zerriß. Bevor die Schreckreaktion einsetzen konnte, sah ich, wie Mama zirka zwanzig Zentimeter vom Boden abhob und dann wie ein hingeschmissener Sandsack wieder vor mir aufschlug. Mit einem riesigen blutenden Loch im Bauch und starr offenen Augen. Meine Geschwister und ich sprangen fauchend auf und blickten uns panisch um. Durch die vielen Durchbrüche in den Mauern sahen wir in der Ferne acht oder zehn menschliche Gestalten in einer Reihe auf uns zuschreiten. Es waren ergraute alte Herren in legerer Freizeitkleidung, und sie hielten sonderbare, dunkle Ruten vor ihren Körpern. Später erfuhr ich, daß es sich dabei um kleinkalibrige Gewehre handelte, die sie normalerweise bei der Kaninchenjagd verwendeten. Noch ehe wir reagieren konnten, richtete ein in der Reihenmitte befindlicher Mann seine Rute auf uns und ließ sie mit einem gewaltigen Knall an der Spitze explodieren. Wir sahen einen Feuerstrahl daraus hervorkommen. Daraufhin explodierte mein kleiner Bruder neben mir, jedenfalls sah es so aus. Ungläubigen Blickes sah ich, wie sein kleiner Körper sich von einem Moment zum anderen in Blutmatsch verwandelte, hoch durch die Luft wirbelte und hinter einem Busch verschwand. Weitere Schüsse hallten, und die drei Mädchen nahmen endgültig Reißaus. Wie auseinanderdriftende Strahlen eines dreieckigen Sterns rannten sie von der nahenden Gefahr davon. Doch es half ihnen nichts. Eine Schwester nach der anderen wurde von den Kugeln eingeholt, überschlug sich im Augenblick des Todes im Gras oder blieb wie gegen eine unsichtbare Mauer geprallt leblos liegen.

Ich wußte, daß ich jetzt dran war. Aus reiner Verzweiflung – oder vielleicht war es tatsächlich ein instinktiv ausgelöster genialer Schachzug gewesen – rannte ich nicht weg, sondern den Mördern geradewegs entgegen. Damit hatten sie nicht gerechnet! Besser gesagt, sie mußten sich jäh auf ein Ziel umstellen, das sich ihnen in rasender Geschwindigkeit näherte, anstatt sich wie gewohnt von ihnen zu entfernen. Das aber wollte den Alten auf die Schnelle nicht gelingen. Schon huschte ich zwischen den Beinen eines Jägers hindurch, dessen verdutztes Gesicht mit dem weit offenstehenden Mund mir immer in Erinnerung bleiben würde. Ja, ich hatte es ihnen gezeigt, aber leider handelte es sich dabei lediglich um einen Sekundenerfolg. Denn ich spürte geradezu körperlich, wie die Glorreichen Zehn nach dieser Überrumpelung eine Wende um hundertachtzig Grad vollzogen, ihre Ruten ganz in Ruhe ansetzten und meine Wenigkeit wieder ins Visier nahmen.

Mein Gespür sollte mich nicht trügen. Rechts und links und vorne und hinten sah und hörte ich die Kugeln einschlagen gleich Bombeneinschlägen en miniature, die jedesmal kleine Krater ins Gras rissen. Vor mir gab es nichts, hinter dem ich Schutz hätte suchen können. Da waren nur wild gewachsene Pflanzen und Blumen und die schon erwähnten, mit Durchbrüchen versehenen Mauern, durch welche die Killer bequem hindurchballern konnten. Das Ende meines kurzen Lebens schien besiegelt, und obwohl ich wie aus einem Katapult geschossen um dieses bißchen Leben rannte, sah ich im Geiste schon das Fallbeil herabsausen.

Davor jedoch sah ich noch etwas anderes. Nämlich ein faßförmiges Ding inmitten eines verlotterten Gartens mit verrostetem Gartenmobiliar und krüppeligen Bäumen an den Seiten. Überall wucherten Farne und Gräser urwaldartig empor; wilde Rosenbüsche hatten so viele und opulente Blüten getrieben, daß der gesamte Ort von ihren abgefallenen roten und weißen Blättern übersät war. Der zylindrische, aus dunkelgrauem Stein grob gehauene Gegenstand rückte sekündlich näher, während die Kugeleinschläge wie eine grausame Begleitmelodie weiter an mir vorbeizischten. Allmählich erkannte ich, daß es sich bei dem bauchigen Stein, von dem ich jetzt nur mehr ein paar Körperlängen entfernt war, um einen alten Brunnen handelte. Mama hatte einmal beiläufig etwas von einem unterirdischen Speicher erwähnt, aus dem die Menschen in früheren Zeiten ihr Wasser geschöpft hatten, der heutzutage jedoch, wenn überhaupt, nur noch als Dekoration anzutreffen war. Meist waren Brunnen oben mit einer Abdeckung aus Holz oder Stein versehen, damit ein unachtsames Menschenkind im Spiel nicht hineinplumpste.

Es schien mir die einzige Möglichkeit zur Rettung meiner Haut, obwohl zwei gewichtige Argumente dagegen sprachen. Wenn ich auf den Brunnenrand sprang und der Zugang tatsächlich verschlossen war, dann gab ich für die Jäger ein Ziel wie auf einem Präsentierteller ab. Und falls der Brunnen tatsächlich offenstand und ich mich in die Röhre fallen ließ, landete ich letztendlich im Wasser und würde irgendwann ganz gemütlich darin ersaufen. Es waren tolle Aussichten! Nur, was blieb mir anderes übrig?

Wie von unsichtbaren Drähten hochgerissen, hechtete ich mit der ganzen Kraft, die in meinen Hinterpfoten steckte, in die Höhe. Oben sah ich zu meiner Freude gerade noch, daß das kreisrunde Maul des Brunnens von nichts anderem als von einer kunstvollen Spinnwebearbeit bedeckt war. Allerdings wurde meine Freude getrübt, denn aus dem Innern des Mauls gähnte mir nur unergründliche Schwärze entgegen. Noch im Fallen begriffen, spürte ich einen Schmerz am Schädel genau zwischen meinen Lauschern. So durchdringend war der Schmerz, als habe mich ein besonders widerwärtiger Brummer gebissen. Eine der umherschwirrenden Kugeln hatte mich auf dem Gipfel meines Sprungs gestreift. Das Problem war jedoch vernachlässigbar, würde ich doch gleich ohnehin die interessante Erfahrung eines Nichtschwimmers mit dem feuchten Element machen. Also verabschiedete ich mich von meinem jungen Leben, das für mich sowieso nichts weiter als Entbehrungen und Grausamkeiten bereitgehalten hatte, und begab mich leichten Herzens in die Unterwelt.

Ich durchbrach das prächtige Spinnennetz und hieß die vollendete Schwärze unter meinen Pfoten willkommen. Denn der Tod, mein lieber Sohn, besitzt zwei Gesichter.

Das eine ist das der Illusion einer Dunkelkammer, in der man als Gefangener irgendwie ewig weiterlebt. Das andere aber ist das Gesicht der Erlösung, das ewige Licht hinter der Schwärze. Offen gesagt war es mir nach der Auslöschung von allem, was mir lieb und teuer gewesen war, gleichgültig, welche der Alternativen nun folgen würde.