14.
Die nur ein paar Steinwürfe von der Spitze der Tiberinsel entfernte Ponte Rotto war ein seltsames antikes Überbleibsel. Ursprünglich hieß die erste aus Stein erbaute Brücke Ponte Emilio, doch da sie nach ihrem endgültigen Zusammenbruch bei einer schweren Überschwemmung im 16. Jahrhundert weder komplett beseitigt noch wiederaufgebaut wurde, nannte man sie schon seit altersher die kaputte Brücke. Eigentlich war von ihr lediglich ein einzelnes Ruinenelement übriggeblieben, das wie ein an den Seiten zerfranster Triumphbogen aussah.
Die beiden Sockel des Bogens ruhten auf aufgeschütteten Steinhügeln, die sich im Lauf der Jahrtausende zu Inseln mit wildwuchernder Vegetation ausgebreitet hatten. Bei unserer Ankunft am Tiberufer ragte sie wie der braun gewordene letzte Zahnstumpf im Mund eines Greises in den regendurchpeitschten und von wütenden Blitzen heimgesuchten Nachthimmel empor.
Nach einem Sturmlauf durch Roms überflutete Gassen stand Antonio und mir das Schlimmste noch bevor, was aber auch nicht mehr viel ausmachte, da wir in den nächsten Tagen wahrscheinlich sowieso an einer Lungenentzündung sterben würden! Der Mairegen hatte uns unterwegs derart in die Mangel genommen, daß wir mit unseren klatschnaß am Körper klebenden Fellhaaren von einer defekten Waschtrommel ausgespuckten Socken ähnelten und wie um die Hälfte reduziert aussahen. Wir bibberten.
Wir gelangten zu der von alten Straßenlaternen beleuchteten Ponte Fabricio, der intakten Brücke, die die Verbindung zwischen der Innenstadt und der inmitten des Flusses liegenden Tiberinsel herstellt. Der Regen führte einen verrückten Tanz auf und nahm uns die Sicht.
Bewohnt war die klitzekleine Insel eigentlich nie, man kam damals zu den Heiligtümern – dem Aeskulap-Tempel und später dann eine mittelalterliche Kirche – und ging dann wieder. Wir flitzten über seitliche Treppen, welche von der Brücke zur Insel herunterführten und liefen sozusagen zum Heck des Schiffes, einer steinernen Plattform mit ein paar zum Ufer führenden Stufen. Nur noch wenige Meter trennten uns von der Ponte Rotto, bloß daß diese wenigen Meter aus aufgewühltem Wasser bestanden.
Etwas Aufbauendes gab es trotzdem zu sehen. Neben dem linken Bogenfuß des Brückenrudiments und halbverborgen vom Gestrüpp schimmerte aus dem Fenster eines kastenartigen Baus fahles Licht. Am Ufer war ein graues Schlauchboot mit Außenbordmotor vertäut. Es hatte etwas Selbstmörderisches, einem Serienkiller ausgerechnet in seinem Schlachthaus einen Besuch abzustatten. Aber ich hatte all das wahnsinnige Treiben nicht zwei Tage lang über mich ergehen lassen, um jetzt einen Rückzieher zu machen. Darüber, daß ich in meiner tollwütigen Neugier auch Antonio der Gefahr aussetzte, machte ich mir natürlich schon ein paar Gedanken. Aber hatte er nicht vorgestern »Ich möchte bei dir in die Lehre gehen, ja, möchte dein Dr. Watson sein« gesagt?
Lehrjahre waren eben keine Herrenjahre!
»Und du bist dir ganz sicher, daß hier nicht irgendwo zufällig ein paar Schwimmflügel herumliegen?« rief ich Antonio durch den heulenden Sturm zu.
Er zuckte mit den Schultern.
»Gruselige Gegend«, sagte er. »Sieht verdammt nach einer Mutprobe für echte Männer aus.«
»Aber, il mio amico, du bist doch ein echter Mann. Vor allem kannst du im Gegensatz zu uns langweiligen Heteros wirklich beurteilen, was ein echter Mann ist!«
Trotz der allgegenwärtigen Kälte, die mir bis in die Zehenknochen kroch, war ich noch zu einem beißenden Lächeln fähig.
»Du wirst mir aber trotzdem verzeihen, daß ich einen Sprung nach guter alter Weiberart wage …« erwiderte der schwarze Orientale, und war schon im nächsten Moment mit einem unbeholfenen Satz im Wasser.6 Ich glaubte sogar gesehen zu haben, wie er sich dabei mit den Vorderpfoten die Nase zuhielt. Nun war ich an der Reihe, meine Männlichkeit unter Beweis zu stellen, was wohl kaum bedeuten konnte, daß ich zunächst eine Pfote in das Naß tunkte, um die Temperatur darin abzuschätzen.
Wie Antonio gab ich mir schließlich einen Ruck und sprang in die tobenden Wellen. Meine Befürchtung bezüglich der Wassertemperatur bestätigte sich prompt.
War mir an Land noch sehr kalt gewesen, so glaubte ich nun, augenblicklich an Kältestarre einzugehen. Selbst die Wärme des Frühlings hatte es nicht geschafft, den Fluß ein wenig aufzuheizen. Der Frost des Winters schlummerte noch in seinen schwarzen Eingeweiden. Das war jedoch das kleinere Problem, das andere und größere war der Kampf gegen das Ertrinken. Antonio und ich strampelten im aufbrausenden Gewoge so panisch, als würden wir in beschleunigter Gebärdensprache um Gnade flehen.
Während wir mit allen vieren verzweifelt Wassergymnastik betrieben, versuchten wir nicht weniger verzweifelt die Köpfe, zumindest aber die Nasen oben zu behalten. Doch die Wellen nahmen darauf wenig Rücksicht und schlugen immer wieder mit einem zornigen Brüllen über uns zusammen. Wir schluckten so viel Tiberwasser, daß wir, wenn wir schon nicht ertranken, so doch vermutlich an den diversen Giften dieser Brühe sterben würden.
Doch das erbarmungswürdige Strampeln zeitigte Erfolg.
Das Ufer, welches in diesem Abschnitt aus einem Geröllhaufen bestand, rückte immer näher, und nach einigem Pfotenrudern konnten wir uns schließlich auf die moosigen Steine retten. Durch die Differenz der Wassertemperaturen wirkte der Regen nun auf einmal wie eine warme Dusche. Während wir das in reichlichen Maßen eingenommene Geschenk des Tibers wieder auswürgten, genossen wir auch ein bißchen unsere Heldentat.
Die im Dämmerschein der Straßenlaternen liegende Tiberinsel sah von hier aus selbst hinter dem Regenvorhang romantisch aus. Antonio und ich wandten die Köpfe zu der kastenförmigen Hütte im Gebüsch. Die von Schmutzschmieren befleckte Holzklitsche wirkte im Vergleich zu dem mit Reliefs von Fischleibern verzierten Brückenelement der Ponte Rotto wie illegal entsorgter Sperrmüll. Antonio sprang auf die Bank des einzigen Fensters, hinter dem das Licht brannte. Er ließ den Kopf in rascher Folge vor- und zurückschnellen, um bessere Sehschärfe zu gewinnen. Dann stellte er sich auf die Hinterpfoten und preßte sich mit dem ganzen Körper gegen den Fensterrahmen. Dieser gab mit einem Male quietschend nach, und das Fenster stand offen.
»Los, komm hoch! Die Gelegenheit scheint günstig zu sein«, flüsterte er mir von oben zu.
»Nicht so eilig«, warnte ich. »Vielleicht ist der Kerl da drin.«
»Um so besser. Da kann er gleich an dem wissenschaftlichen Experiment teilnehmen, das die Folgen von zwanzig Krallen in einem menschlichen Gesicht untersucht!«
Ohne auf eine Antwort zu warten, sprang er hinein. Ich überlegte noch eine Weile, während mein Blick in der Gegend umherstreifte. Im dem Schlauchboot, das an einem Stein festgebunden war, lugten unter einer Regenplane vier längliche Holzkisten hervor. Vielleicht enthielten sie Sauerstofflaschen fürs Tauchen, spekulierte ich. Und vielleicht taten wir Umberto Unrecht, und er war nichts weiter als ein besessener Tüftler, der in Abgeschiedenheit seinen skurrilen Projekten nachgehen wollte und nebenher ein bißchen Wassersport betrieb. Ein liebeswerter schräger Typ eben. Ein bißchen so wie Gustav. Hatte Sancta nicht erwähnt, daß er unsere Art abgöttisch liebte? Wieso sollte er dann solche bestialischen Dinge tun? Um das herauszubekommen, mußte ich Antonio folgen. In einem Moment außerirdischer Kühnheit tat ich genau das. Ich sprang auf die Fensterbank und rauschte in die Hütte hinein.
Der erste Eindruck war erwartungsgemäß. Ich befand mich in der Werkstatt eines Daniel Düsentrieb, in der es außer einer Schlafcouch und einem Kühlschrank aus Noahs Tagen keinen weiteren Hinweis auf ein menschenwürdiges Wohnen gab. Eine altmodische schwarze Leselampe beleuchtete den rechten Teil des Raumes, den zwei Tapeziertische dominierten. Auf diesen herrschte eine unglaubliche Konfusion aus Elektronikbauteilen, Kabelrollen unterschiedlicher Farbe, undefinierbaren Apparaten, Lötkolben, Meßgeräten mit kleinen Schwarzweiß-Monitoren, einem wahren Schraubenzieher-Mikado und etlichen Handbüchern.
Daneben haufenweise Platine-Tafeln, Mikroprozessoren, ausgeweidete Videoaugen und kleine Gasflaschen, alles wie auseinandersprengt und überall chaotisch verteilt.
Einige Stücke warfen lange Schatten an die Wand, was die Wirkung des Durcheinanders noch verstärkte.
Ich wagte mich behutsam in dieses Schlachtfeld hinein, stets darauf bedacht, mit meinen empfindlichen Pfotenballen nicht auf irgend etwas Spitzes zu treten.
Dann sprang ich auf die Tische und inspizierte und beschnüffelte jedes einzelne Exponat. Obwohl der erste Eindruck haargenau dem von Sancta gezeichneten Bild eines nur mit seiner Obsession verheirateten Technik-Freaks entsprach, und obwohl keine Anzeichen von blutigen Exzessen festzustellen waren, traten nach und nach irritierende Details zutage.
Vergilbte Zeitungsausschnitte, ausgerissene Seiten aus Bildbänden und private Fotografien waren mit Klebeband und meist schief an den Wänden befestigt worden. Das Thema, welches die einzelnen Teile dieser Kollage miteinander verband, schimmerte nur langsam durch. Es waren Aufnahmen von alten Gemälden, die den Einmarsch der Kreuzritter in Jerusalem heroisierten oder den Paradiesgarten darstellten; Pressefotos von dem katastrophalen Anschlag auf die Twin Towers in New York: die Höllenexplosionen aus den Glasfassaden, Menschen, die mit zappelnden Gliedern in den Abgrund stürzten, die in sich zusammenbrechenden Kathedralen der westlichen Welt und daneben das milde lächelnde Gesicht Osama bin Ladens und anderer arabischer Terroristen.
Dann wieder Fotos mit familiärem Motiv: eine junge Familie mit drei kleinen Kindern im Garten eines Hauses, dessen Hintergrund aus der unverwechselbaren Toskana-Landschaft mit ausgedehnten Weinfeldern bestand.
Dieselbe Familie am Badestrand, die Kinder wirkten jetzt etwas größer, oder auf dem Rummelplatz. Und eine italienische Begräbnisprozession mit viel Pomp – und drei Kindersärgen. Obwohl der unglückliche Vater dieser Kinder in allen Bildern noch sehr jung aussah, er also seit der Entstehung der Bilder um einiges gealtert sein mußte, vermeinte ich ihn von irgendwoher zu kennen. Ich hätte schwören können, daß ich dem Mann noch vor ein paar Tagen begegnet war. Gleich darauf wurde es wieder heiter. Eine unendlich scheinende Fotoserie zeigte Sancta in den bezauberndsten Posen. Sancta auf Säulenrudimenten im Forum Romanuni, Sancta schlafend auf dem Gigantenkopf einer Statue, Sancta vor dem Saturn-Tempel …
Plötzlich entdeckte ich eine ziemlich zerknitterte und schon braun gewordene Graphik, deren Anblick in mir nacktes Schaudern auslöste. Wäre durch das Fenster der Blitz hineingefahren und hätte mich direkt am Schädel erwischt, die Wirkung hätte nicht verheerender sein können: Das medizinische Bild stellte minutiös den Querschnitt eines Felidae-Innenohres dar. Das Allerschrecklichste aber waren die vielen Blutflecke auf dem Papier!
»Francis!«
Ich riß mich herum und versuchte mit hämmerndem Herzen, die Richtung, aus der Antonios Stimme gekommen war, zu orten. Dabei merkte ich, wie viel wegen des schwachen Lichts im Verborgenen geblieben war. Der linke Teil des Raumes lag vollkommen im Dunkeln, und hätte mir das grün leuchtende Augenpaar in der Ferne nicht als Wegweiser gedient, ich hätte mich dort glatt verlaufen. Ich sprang vom Tisch herunter und begab mich zu Antonio. Auch er stand auf einem Tisch, einem Tisch mit einem einzigen breiten Säulenfuß in der Mitte.
Das Teil schien aus Metall zu sein.
Nachdem ich mit einem Satz oben war, machte ich die zweite schreckliche Entdeckung. Unter unseren Pfoten befand sich ein kleiner Operationstisch mit Riemen an den Seiten, der für chirurgische Eingriffe bei Tieren eingesetzt wird. Über uns hingen schwenkbare Operationsleuchten.
Nebenan Narkose- und Dauerbeatmungsapparate, Inhalationsschläuche und ein Fahrgestell, auf dem chirurgische Instrumente aufgereiht waren. Es gab keinen Zweifel, daß hier die verwerflichen Amputationen vorgenommen und die entnommenen Organe dann ein paar Schritte weiter in der »Elektroabteilung« zu High-Tech-Produkten verarbeitet wurden. Es war unfaßbar, wir hatten die Höhle der Bestie gefunden!
Doch das Allergrausigste wartete noch auf seine Entdeckung. Gleich vor unseren Pfoten lag ein grünes Operationstuch, unter dem ein Artgenosse zu liegen schien. Ich schaute Antonio bang in die Augen. Diese waren angesichts des Horrors zu Eis gefroren. Der Ausdruck des Orientalen war vollkommen starr, und er machte sich nicht einmal die Mühe, sein Entsetzen wie sonst mit einer ironischen Bemerkung zu überspielen.
Auch unternahm er keinerlei Anstalten, das Tuch zu entfernen. Er saß in der Finsternis einfach so da und atmete leise wie jemand, der aller Sorgen entledigt ist.
Er schnurrte sogar!
Ich biß in eine Ecke des Tuches hinein und riß es weg …
Zum Vorschein kam … es war absurd … es war lächerlich …
Auf dem Tisch lag eine Spielzeugrakete! Das anthrazitfarbene Ding war nicht mehr als einen halben Meter lang. An seiner Spitze ruhten zwei winzige Videoaugen in den dafür vorgesehenen Höhlen, am Rumpf enthielt es seitlich kurze stabile Flügel und Ruder und hinten waren Flossen angebracht. Die ganze Konstruktion sah so aus, als sei ein militärischer Flugkörper zu einer Miniatur für Kinderhände geschrumpft. Dennoch offenbarte das am Vorderteil befindliche und durch ein aufgeklapptes Türchen einsehbare »Gehirn« einen ganz anderen Zweck. Dieser Teil war vollgestopft mit Elektronik. Eine schwindelerregende Arabeske aus Platinen, Mikroprozessoren, hauchdünnen Kabeln und blinkenden Leuchtdioden ließ die überragende Intelligenz der Waffe erahnen. In all dem Wust von Technik war ein in einer kleinen Glaskugel in einer Nährlösung schwimmendes felines Vestibulärorgan plaziert, das über haarfeine Verbindungsdrähte mit der restlichen Elektronik Informationen austauschte!
»Hast du Sancta auf den Fotos gesehen, Francis?« sagte Antonio mit einer so leisen, ja traumversunken klingenden Stimme, die sich für mich wie der Ruf aus einer fernen Galaxis anhörte.
»Klar«, sagte ich. »Sie macht mit diesem Umberto gemeinsame Sache. Sie hat Samantha umgebracht, damit ich …«
»Wie schön sie ist, nicht wahr? Was für ein vollendetes Symbol der Harmonie sie darstellt. Das Bild Sanctas war immer unser Ideal, wenn wir an die zukünftige Welt dachten. Schönheit, Friedfertigkeit, Gerechtigkeit, Lebenslust und Toleranz. Die Ideale der antiken Philosophie. Die Fernsehnachrichten sprechen dagegen eine andere Sprache. All dieser Dreck, den man darin sieht, all das Übel und all der Schmerz. Unsere Welt hat sich in den letzten Jahrzehnten dramatisch verändert, Francis, und Vereinsregeln – etwa die Diskriminierung nach Rasse, Geschlecht oder Art – werden nicht mehr anerkannt. Der böse Geist ist aus der Flasche entwichen.
Die Ungeheuer der Intoleranz, der gegenseitigen Verdächtigung und der Polarisierung marschieren durch unsere Straßen. Der Dialog ist allenfalls noch ein armer Verwandter von Terror und Einschüchterung. Diese Halbaffen mit ihrer primitiven Religion, die nur das Töten propagiert, mit ihrer beschissenen Affenkultur, die nur Verbote erläßt und lediglich ein Dasein als Leichnam erlaubt! Intoleranz gegen Andersdenkende, gegen Andersgläubige, gegen Frauen, gegen Homosexuelle und gegen Tiere. Sie lassen Schafe und Rinder an einem Schnitt an der Kehle verbluten, bevor sie sie essen, wußtest du das? Und sie schnallen Esel Dynamitgürtel um, um sie dann von der Ferne zu zünden. Sie pissen auf Tierschutz, Francis. Samantha hat dies alles gewußt und nur zu gerne ihre Hilfe angeboten. Und Sancta strahlt, sie steht für unsere Kultur der Lebensfreude.«
Obwohl mein Fell immer noch vom kalten Wasser des Tibers durchtränkt war, wurde mir jetzt so warm, als hätte man mich kurzzeitig in einer Mikrowelle deponiert. Die ganze verdammte Werkstatt um mich her schien sich vor meinen Augen wie ein Kaugummi auseinanderzuziehen, und ich spürte, wie sich meine Knie allmählich in Gummi verwandelten. Dennoch hatte ich noch die Kraft, mich an eine Nebenbemerkung Sanctas zu erinnern: »… Umberto ist besessen von unserer Art, und neben mir hält er sich in dieser Anlage noch so einen schwarzen Halunken, der aber immer wieder ausreißt. Jedenfalls sehe ich ihn selten …« Der schwarze Halunke stand vor mir.
»Wen meinst du mit ›wir‹, Antonio«, wollte ich wissen.
»Wenn ich Georg W. Bush wäre, würde ich sagen, die westliche Zivilisation, il mio amico. Aber ich bin nicht Georg W. Bush, sondern nur eine kleine Tücke, die nichts anderes will, als diesen Planet von der Seuche der Intoleranz ein für allemal zu säubern.«
»Warum hast du mich hier hergebracht?«
Tränen fluteten mir aus den Augen und tropften auf den Operationstisch. Die Welt war eine Jauchegrube!
»Damit du das letzte Opfer bringst, Francis. Denn du kannst dir vorstellen, daß so eine wichtige Sache wie der Weltfriede kaum herbeizuführen ist, indem man zu Ostern das Urbi et orbi von der Benediktionsloggia runterseiert.«
Plötzlich spürte ich einen eisernen Griff am Nacken!
Eine Hand hatte mich gepackt und ließ mich nun bewegungsunfähig werden. Dann wurde ich langsam hochgehoben und in der Luft um hundertachtzig Grad zurückgedreht. Ich blickte einem alten Bekannten ins makellose Antlitz. Es war jener junge Gottesmann, in dessen Tasche ich in meiner Not im Flughafen hereingeschlüpft war, als ich die Reise nach Rom angetreten hatte. Obwohl mir wirklich nicht der Sinn danach stand, kam ich wieder nicht umhin, das blendende Aussehen des Todesengels im langen Ordensrock zu bewundern. Die elegant nach hinten gekämmten Haare mit den glänzenden dünnen Strähnen, die wie von einem Meister gezeichneten klaren Gesichtskonturen, die feingliedrigen Hände, alles an dem Kerl gereichte zur himmlischen Perfektion. Er beobachtete mich aufmerksam durch die goldgefaßte Brille, und der Widerschein des silbernen Kruzifixes um seinen Hals blendete mich so stark, daß er zu mir wie durch eine Glorie hindurchschien.
Das Kruzifix war mir bestens bekannt, denn es wurde auch stets von dem römischen Macho in meinen Träumen getragen. Diese von Antonios bewegender Lebensbeichte inspirierte Figur hatte indes nie existiert. Il mio amico hatte mich angelogen, er war nie obdachlos gewesen. Im Gegenteil, Herrchen und Tier hatten sich so gut verstanden, daß daraus sogar eine mörderische, äußerst geheimnisvolle Symbiose entstanden war. Und auch die anderen Figuren hatte es nie gegeben. Der Kapuzenmann in den Katakomben war Umberto im Theaterkostüm, der mit seiner Show regelmäßig Spenden von den Theosophen für seine Forschungen eintrieb. Der humpelnde Priester, der vor Miracolo und mir in die Kapelle hineingegangen war, um das Weihritual vorzubereiten, war Umberto, der sich uns stets von hinten gezeigt und im Augenblick des vermeintlichen Wunders mit beiden Händen das Becken festgehalten hatte; aus der Schußwunde an seinem rechten Arm war durch das Ärmelinnere Blut ins Wasser gelaufen.
Aber es war auch Umberto, dessen Familie bei dem Höllenattentat am 11. September 2001 in New York umgekommen war und der daraufhin Rache geschworen hatte.
Wie diese Rache konkret aussah und was für Kunststücke dieser Flugkörper auf dem Tisch letztendlich vollführen konnte, hatte ich leider nicht mehr in Erfahrung bringen können. Und es hatte den Anschein, daß mir das wohl auch nicht mehr gelingen würde. Adieu, du schöne Welt, adieu ihr schönen Ohren! rief ich mir im Geiste selber zu und hätte beinahe gleichzeitig gelacht und geweint. Umberto verabschiedete sich auf seine Weise.
»Danke, Antonio!« sagte er mit einer Stimme, deren Wohlklang seiner Anmut ebenbürtig war. Dann drückte er mir mit der freien Hand die über einen Schlauch verbundene und speziell für meine Art konstruierte kleine Narkosemaske auf die Schnauze.